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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. Juni 1302 Seite 5 bittersten Nüth preisgegeben. Fern sei cs bon mir, Euer Hochwohlgeboren mit einer Bitte um Unterstützung zu belästigen. Trotz memes Elends und obwohl mir die Herzensgute Euer Hochwohlgeboren so oft gerühmt wurde, wage ich nicht, mich an Sie heranzudrangen. Ich erlaube mir nur, Ihnen anbei als Zeichen meiner Lemüthigen Verehrung einige Blumen vom heiligen Berge mit der Bitte zu Gott zu übersenden, dass von einem edlen Menschen, wie Euer Hochwohlgeboren es sind, Gott alles Böse und Unheilvolle fcrnhalten möge." Der Brief war mit einem dem Privatier völlig unbekannten Namen gezeichnet. Dem Schreiben lagen einige getrocknete Blumen bei und unter diesen stand folgendes Postfcriptum: «.Sollten Euer Hochwohlgeboren die Blumen nicht annehmen, so bitte ich um Uebersendung einiger Briefmarken zur Deckung meiner Auslagen/ Der Privatier schickte an die angegebene Adresse nach Jerusalem 10 Kronen. Einige Tage später erzählte er gesprächsweise davon im Kaffeehanse und da erfuhr er zu seinen: Staunen, dass zwei seiner Freunde ebenfalls gepresste Blumen vom Berge Sinai und vom Oclberge erhalten hatten. Umfragen ergaben, dass nahezu fünfzig Personen aus diesem Kreise solche Bettelbriefe geschickt worden wareii. Keinem einzigen der Herren war aber der Absender persönlich bekaniit. Und nun frilg mm, sich, wieso in stattfand, wurde mit einem Vortrage von Lady Battersea eröffnet, die die Hulfsleistung illustrierte, wie sie voii der jüdischen Genossenschaft zum Schutze von Mädchen und Frauen anSgeübt wird. In einem anderen Saale, unter dem Vorsitze der'Mrs. Ernest L. Sachverhalt geschrieben. Dieser gicng der Sache nach und gab folgende Aufklärung: Jii einer der winkeligen Straßen des südlichen Stadttheilcs ist eine förmliche Bcttclfabrik etabliert. Sie wird im großen Stile geführt. Eine Reihe von Kindern thun tagelang nichts anderes als Blumen pflücken; junge Mädchen siiid damit beschäftigt, sie zu trocknen und zu pressen. Mehrere junge Leute sitzen von früh bis abends im Bureau und verfassen Bettelbriefe. Agenten befinden sich in Wien, Budapest, Paris und Berlin. Diese sammeln Adressen von bekannten Personen, schicken die Listen .... nach Jerusalem, von wo aus dann die Bettelbriefe expediert werden. > hatte schoii Sir Samuel Montagu einen Plan ansgcarbeitct, mn Das Geschäft floriert, denn es nährt nicht nur m: hundert Personen,! diese Ansammlungen von Inden an einzelnen Punkten zu zerstreuen gienc, niid den praktischen Ansichten des heutigen Tages besteht, jjmn ^ehlnss ermahnte die Rednerin die AMvesenden, dass sic nicht vergeßcn sollten, jedesmal, wenn sie arme Inden besuchten, diese zu ermnern, dass sie alles versuchen sollten, um dem Jiidenthnm Ehre zu machen, sie sollten sehen, gute Staatsbürger zu sein und ihre freie Zeit so verwenden, dass sie sich bessern niid nicht verschlechtern koniitcii. Gerade die Dameii der besser situiertei, Stände sollten ernstlich den Versuch machen, eine Brücke über den Schlund zu bauen, der die Neichen von den Armen trenne und der künstlich iveiter geniacht ivordeii sei, als er thatsächlich fein müsse. Mrs. B. A. Elkin sprach über das Wierk Miss Oktavia Hills niid stellte Miss Lily Moiitagii zum Vorbild. An jeden einzcliien Vortrag reihten sich eine Anzahl interessanter Besprechniigen. — Eine interessante Bewegung macht sich neuerdings! unters den Inden Englands bemerkbar, niid dieselbe tvird aller Wahrscheinlichkeit iiach sich noch weit über das Jndcnthum hinaus bemerkbar machen. Die große Klage derer, die sich gegenlvärtig gegeii die Eintvanderung fremder Hilden iiach England wenden, läuft darauf hinaus, dass diese u_, .. . .. fremden Inden sich in einzelne Stadttheile znsamineiidrängeii rind keiint Seboir niit deii ntir 1° gewlyermiaßcn den dort ansässigen Eiigländern die Lebensbedin- ,^,tom'sellsckiait reebt schleckte gnngcn erschweren. Bevor die königliche Eommission eingesetzt ^og«. 1 u 1 f dj» f ri ui) Ichlul)tc K'nrdc, die jetzt die Frage der Frenideneinivanderililg untersucht, .',‘i" <v~f‘ 4(1411^} l~(l gemacht. Doch die Leitung des Unternehmens ist international und ^— Delegierte von London und, den jüdischen Bezirken anderer interconfessionell. Sie bettelt christliche, niosaische und mohamine- > Städte zu einer Conferenz berufen, deren Folge die Grüiiduiig der dänische Gläribige an, und so wird sie Wohl mich fernerhin ihr ,'Jewish Cvngregational Union" war, mit Sir Samuel als Präsi- Geschäft machen.! dent und Lord Rothschild als Ehrenpräsident. Es wurde ein einj a,ctrtcü ÖC1 r f,- .. .r...r ~ , „ i flnssreiches Jewish Dispersion Comitee gegründet, zu dem die Verhältniss Ö* (5B(Öl^leTrfl'bcl‘ 1,rTItlr1C?5U ^u^usverfa nng.) vanptsächlichsten jüdischen Vereinigungen Vertreter bestellten. Das! der Emissi. Aus Grriiid der am 2. April hier :m „Englischen .^ofe" einstimmig «■'.-. ■. .r., . .. /i. / , ~ angenon ....... ..- Welchem Richtung sich darunrer ^.ycoiogeii,. Puriiien, Mediclner, Pädagogen, Fabri- Darlehen oder freie Unterstützungen bewilligt Iverden, die" bereit kanten und Oechhaft^leute. Gestern fand nun hier eane Comiteesind, sich an ihnen angewiesenen Orten des Vereinigten Königsttziliig statt. der,elben wurde mitgetheilt, dass bisher die reiches niederzulassen, und sich dort deii Anordnungen'der localen ^sraeliteii von etwa 60 Gemeinden sich mehr oder welliger volljüdischen Vereiiiignng zn unterwerfen. Eiidlich soll verschiedenen zahlig durch Unterschrift auf ben Boden der Resolntioii gestellt jüdischen ™ ~ " - '• - ' --- ■ haben iind dass die Beitrittserklärungen ans zahlrcicheii anderen Gemeiiidcn in allernächster Zeit zu erwarteil sind. Es wurde beschlossen, in die noch ausstehcnden Geineindcii eine Anfforderiiiig des Comitees zrrr Unterzeichiinng der Resolution zn seiiden. Sodann ivurde der von Comiteemitgliedern arisgearbeitete Vorschlag einer Verordnung betreffend die Verfassiiiig des israelitischen Cultns, eingehend beratheir und niit einzelnen Aenderungen angenommen. Warschau. Das Budget der jüdischcii Gemeiiide von Warscharl pro 1902 ist von den Behördeii bestätigt Ivordeii. Dasselbe ivcist. 272 822 Riibel an EiiNiahmen und272 317 Rubel an Ausgaben auf. Für Unterhaltung der Rabbiner und Geineindebeanlten sind 34 984, für Schulen 70 932, für das Beerdigiingsweseii 29 233 und für Verzinsiing und?lmvrtisatioii voii 300 000 Rubeln Schiilden 17 700 aiisgcworfen. Außerdem silid für Unterhaltring gemeiniiritziger Aiistalten 49 399 rind für Unterstützungszwecke 42 809 Riibel erforderlich. Diese Zahlen sprechen nngemein deutlich für die in der zweitgrößten jüdischen Gemeiiide der ganzeii Diaspora herrschende große Arnmth. Iticht mehr als 900 000 K. vermag diese über 203 000 Jndeii zählende Gemeiiide aufzubringen. Man vergleiche damit das Budget der etwa 90 000 Jiiden zählenden jüdischen Gemeinde von Berliii, sowie das der jüdischeii Gemeinden von Hamburg, Breslau rind Fraiikfnrt a. M. mit ihren je 20 000 jüdischen Seelen. Laut amtlichen Erhebiiiigen lebten iiäinlich am 1. Jänner 1902 in Warschau 730 025 Seelen. Davon waren 417 883 Polen, 38 071 Russen. 20 112 Deutsche, 438 anderer Natioiialitüteii und 202 824 Jndeii. Aus Russland. Es ist in Nnssland Sitte, dass die israelitischen Dienstpslichtigen, welche für den Militärdienst tariglich erklärt Ivordeii sind, im Gcfäiignis gchalteii Iverden und durch Etappen in ihre bestiimiitcn Regimenter befördert iverden. Auf diese Weise hat der Correspondcnt des „Woschod" in dem Gefängiiis von Wilna ungefähr 30 Jiiden getroffen, welche als Dienstpflichtige in Gewahrsam gehalten wurden; sie sind der Ordnung des Gefängnisses in ihrer ganzen Härte iliiterworfeii. Im Jahre 1901 mnssteii inehrere Dienstpflichtige von Lida nach Wiilna zu Fils; zurücklegen, obgleich sie niif ihre Kosteii baS Regiment erreicheii wollten. Die Recrnten von Schabet, die eine ärztliche Uiitersiichiing in Kowno bestehen mussten, siiid mehr als 3 Wochen im Gefäiigliis geblieben, ein Jilde von Minsk, der feine Ausweisungspapierc liicht hatte vorlegen köiiiien, ist länger als drei Monate im Gefängnis gebliebeii, el'enso lange als die nothwendigen Documente nicht in seinem Besitz wareii. Die Juden und die Sterblichkeit. Aus London wird geschriebcii: Am 2. ds. erschieii der Londoner Sanitäksrath Mr. Shirley Förster Murphy vor der Alien Jminigratioil-Comiuission. Laut seiner Aussage siieg die Zahl der fremdeii Inden in Sterney, zu dessen Sanitätsrayon die dichtbevölkerten Vororte St. Georges in The Eeast, Whitechapel, Limehonse und Mile and Old Tolvii gehören, die Zahl der Fremden seit den: Jahre 1891 von 11.3 Percent auf 18.2 Pereent, Ivährend die Sterblichkeitsziffer von 28 per Tausend auf 23>per Tmisend gesunken ist. Die Kindersterblichkeit hat in London im allgemeinen zugenominen, während sie in diesen Bezirken geringer Ivurde. Auf die Frage, welchein tlmstande dies znznschreiben sei, antlvortete der Sanitätsrath: „Wenn die Einwanderung der Inden überhaupt irgend einen Einfluss ausgeübt hat, so Ivar er hauptsächlich in der Verringernng der Mortalität und speciell in der Sterblichkeit der Kinder fühlbar. Ich Ivar selbst überrascht, und gierig der Sache iiach und faiid, dass dieses Resultat ausschließlich der Lebenslveise znziischreiben sei. Ivelche die fremdeii Inden führen. Es ist bekaimt, dass sie dem Alkoholgeniiss am wenigsten ergeben sind, ihren Kindern die größte Sorgfalt znivenden iind ein geregelteres Leben führen, als unser Volk unter denselben Verhältnissen. Jüdische Armenpflege. Man schreibt ans London: Eine ebenso bedeutnngsvolle wie interessante Conferenz jüdischer Damen, die sich besonders der Armenpflege in London und anderen großen Städten Englands angenommen haben, ivurde dieser Tage Hierselbst abgehalten. Die Sitzung wurde mit einer Eröffnungsrede der Präsidentin Mrs. Nathaniel Louis Cohen eingeleitet, die zunächst die zahlreich besuchte Versammlung willkommen hieß, iind auf die besonderen Zwecke der diesmaligen Conferenz hinwies. Dann übernahm Mrs. Bischosfsheim den Vorsitz und Mrs. H. Lazarus hielt zunächst einen Vortrag über die Krankenpflege in jüdischen Distrikten; dann folgte eine Abhandlung von Mrs. Motel über die Pflege kranker Armen. In einem weiteren Vortrage über die Wohlthätigkeit der Frauen von Manchester ließ sich Mrs. Salis Simon darüber aus, dass die Damen in der genannten Stadt dadurch die Sanitätsbehörden sehr unterstützten, dass sie die armen Inden- Vereinigungen Geld gegeben Iverden, um in ihren Districtcn Schulen, Synagogen und jüdische Vcgräbnisstellen cinzurichten. Der erste Punkt dieses Programnies ist gerade jetzt iit London von größtem Wert und Interesse, weil man von verschiedenen Seiten die Entfernung der Fabriken aus deii Vorstädten Londons nach den Provinzstädten als die einzige Möglichkeit betrachtet, der in London bestehenden Wohnungsnath abzuhelfcn. Das parlamentarische Comitee. das zur Untersuchung der Frage Wiohnungsnoth eingesetzt ist, stellte gerade während der vergangenen Woche fest, dass man bereits, in einzelnen Industrien begonnen habe, Fabriken so weit wie möglich iiach den Provinzstädten zn verlegen, niid das genannte Comitee ist der Ansicht, dass es sowohl im Interesse der Jndeii, als auch der Allgemeinheit liege, sieh so weit wie irgend möglich dieser bedeutenden Bewegung anzupassen. Die „Jewish Congregativnal Union" . will aber hier liicht stehen bleiben, sie will dami ferner sehen, den kleinen jüdischcii Gemciiischasteii, die überall im Lande verstreut sind, so weit wie möglich zn helfen. Einwnndcrnttgscommission. Aus London wird gemeldet: Die Einlvandcrungscommission hat ihre Thätigkeit mit der Vernehmung des Herrn Vlewelyn Smith,. Generaleontrolenrs der Abtheilnng für Handel, Arbeit iind Statistik im Board of Trade begonnen. Wie er mittheilte, siiid in den Jahren 1890—1901 insgesammt 280 000 Freinde in England, davon 188 000 in London eingewandert. Diese Zifferii seien absoliit zuverlässig, da in 29 von den 34 Häfen die ankonnnendcn Schiffe Passagier-Listen cinreichen müssen iind so strenge Controle geübt werde, dass eine Verheimlichung von Einwanderern völlig ausgeschlossen sei. Oeffentliche Unterstützniig haben in London während des Jahres 1899 insgesammt 2898 Fremde, davon 2800 Russen und Polcii empfangen; i. I. 1890 bildeten letztere unter deii 2018 Illiterstützteii überhaiipt 1018. In den vereinigten Staaten voii Nord-Amerika habe die Zahl der Einwanderer i. I. 1901 iiicht weniger Ivie 487 980 betragen, voii denen nur 3510 0,72 Pere-nt zürn/gewiesen wurden. Unter deii 88 000 Juden sei bloß 0,03 Pereent das Landen versagt worden. Falls Eiiglaiid, so betonte Herr Smith, die gleichen Einwandcrungsgesetze wie Amerika anwenden sollte, so würde es kaiim einen einzigen Jndeii Iveniger landen lassen, hingegen halb so viele Italiener besitzen. Der Gciieral-Registrator der Abthcilinig für Volkszählung, Herr Leod, theilte niit, dass innerhalb der 4 830 841 Einwohner Londons 188 377 Fremde feien, von denen 89 200 vollauf Beschäftigung hatten. Zlvei volle Tage hindilreh, aui 28. Avril itnb 8. Mai, hat Mr. Ariiold White, der wütheiidste Bekäinpfer der Jnden-Einlvandernng, die Connnission mit seinen Bekilndnngen belästigt, iind die W't, Ivie er es that, offenbarte wiederum, dass die Fremdenhetze in Wahrheit nichts weiter ist, als plumpe Jndenbetze. Er operierte mit denselben Zahlen, mit deneii er bereits im Jahre 1888 die auf fein Drängen zn dem gleichen Zwecke eingesetzte Comniission belogen hatte, und Ivurde in dem Kreuzverhör, in das ihn der Vorsitzende, Lord James of Herford, nahm, wiederholt auf Schwindeleien ertappt. So z. B. prodiieierte er zum Beweise, dass die Inden von den jüdischen Arbeitgebern nach England gelockt Iverden, ein Inserat aiis dein Jargonblatt „Haschulamith" iind musste, in die Enge getrieben, zngeben, dass das betreffende Inserat ans dem Jahre 1883 datiert und voii dem Regiernngs-Lieferanten Hibbert herrührt, der seit 1808 fremde jüdische Arbeiter beschäftigt. Mr. White ergieng sich iii den schnnilosesten Vernnglinipfnngen der russischen Inden, Ivelche er als meineidige, verlogene Betrüger, Wucherer, Brandstifter nstv. hinstellte, wobei ihm von Lord Rothschild energischst widersprochen ivurde. Dann versuchte der ehrenwerte Herr die statistische» Ziffern des Board of Trade über die fremden Jndeii als .tendenziös nngenaii zii verdächtigen, indein er sich ii. a. auf die Thatsache berief, dass die Zahl der jüdischeii Schiilkiilder von 10 000 i. I. 1889 auf 13 000 im Jahre 1901 gestiegen sei. Ailf den Eintvand deS Präsidenten, dass sich darin die Erkenntnis des Segens einer guten Schiilbildnng offenbaren tonne, blieb Herr White die Antivo'rt schiildig. Die fremden Juden würden diirch die 08 jüdischen Mohlthätigkeitsvereine, ivelche jährlich 110 000 Lstr. vermlsgaben, durch die 79 englischen Zionistenvereine iiiid durch die freien Institutionen dieses Landes systematisch angelockt. „Welche Sie wohl ebenfalls abgeschafft sehen möchten?" warf unter schallendem Gelächter des Auditoriums der Vorsitzende dazwischen. „Gewiss," antwortete White, „möchte ich die Institutionen.beseitigt sehen, welche die englischen Frauen zur Prostitution iind die Männer zum Elend verdammen" (siel). In dieser Tonart bewegten sich die Bekundungen dieses Oberhauptes der englischen Antisemiten zwei volle Tage hindurch. Wie fast die gesammte politische Presse constat.iert, haben dieselben auf die Commission den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht und der Sache, der sie nützen sollten, mehr geschadet, als lanaathmige Widerlegungen thun könnten. Dr Herzl. der in Sachen der Colonialbank in London Iveilte, Ivurde von der Commission ersucht, auch sein Urkheil über diese Frage abzugeben. Rumänische Finanzen. Die größte Sorge der rumänischen Regierung ist die dränende Geldnoth des Landes; zur Sanierung seiner Verhältnisse bedarf cs dringend der Kleinigkeit von 178 Millionen Francs. Stonrdza gedachte besonders Deutschland mit dieser Anleihe zn beglücken, nnl> hatte nicht die letzte Zeitnngscampagne Europa die Augen geöffnet, so hätte dieser Charlatan wirklich seine Schäfchen geschoren. So machte ec aber die Rechnung ohne den Wirt. Die maßgebenden finanziellen Kreise Deutschlands sind über die wirtschaftliche Lage Rninäniens orientiert, wie der nachfolgende Artikel der Berliner „Zukunft" zeigt: „Voii allen fremden Renten sind die rumänischen unter den deutschen Capitalisten am meisten verbreitet. Die Frage, welcher Betrag von den jeweiligen Emissionen auch wirklich in die rumänische Staatscasse geflossen ist, kann öffentlich nur gestellt, nicht beantwortet werden. Sicher ist aber, dass die deutschen Abnehmer dieser Anleihen Conrse bezahlt haben, wie nur eine fest fundierte Großmacht ersten Ranges sie fordern durfte. Das war dem Patronat der Rothschildgrnppe zu danken, die seit dem Ban der mit dem Namen Strausberg eng verknüpften rumänischen Eisenbahnen in intimer Geschäftsfreundschaft mit dem Lande lebt, dessen Volk und Negicrung den Juden nur als Geldgebern die Gleichberechtigung zuerrumänischen Eisenbahnen hatte die Dis- Erfahrungen gemacht. In ihrem Geschäftsberichte über das Jahr 1872 las man: „Im Interesse des den ursprünglichen Conccssionärcn der rumänischen Bahn anvertranten deutschen Capitals unterzogen wir uns zusammen mit dem Hanse Bleichröder der schwierigen Aufgabe, dieses gefährdete Unternehmen zu reorganisieren. Das gelang insbesondere durch Unterstützung der Ocsterrcichisch-Französischen Staatseisenbahngesellsehaft, die die weitere Bauausführung, die Verwaltung und den j Betrieb der Bahnen übernahm, so dass wir auf Grund geordneter e und eines gesicherten Bestandes des Unternehmens Emission der Stammprioritäteii der Rumänischen Eisenbahngesellschaft unsere Mitwirkung leihen konnten." Damals hatte Herr Strausberg, wie erst später bekannt wurde, einen Vorschuss von 0 Millionen erhalten, zn dessen Sicherstellung er seine sämmtlichen Güter in Preußen, städtische Grundstücke in Berlin und Wien und eine Standcsherrschaft in Polen verpfändet hatte. Als er in Concours gerathen war, ruhte ein Verlust von über 000 000 Mark auf dieser Transactioii. Diese anfangs höchst zweifelhafte Situation Rumäiiiens, das in dem Eisenbahntaumel der Siebzigerjahre größenwahnsinnig, wie damals alle halbcultivierteii Staaten, den Bau der Bahnen um jeden Preis förderte, obwohl kein auch imr annähcriid ausreichender Verdienst zu erzielen war, wiirde nur allziibald vergessen. Beim Beginn der Achtzigerjahre trat die Discontogesellschaft mit dem rumänischen Staate, der die Eisenbahn überriommcn hatte, direct in Verbindung; und in den ersten acht Jahren dieses jungen Verkehres wurden 430 Millionen Frmics fünfpcrcentiger Anleihen in die Welt gesetzt. 1889 folgte eine Emission voii 82 Millionen Francs vierpcrcentiger Rente. 1890 wurden die scchspercentigen Eiseribahnobligationcn converticrt: abermals mussten 274 Millionen Francs verpercentiger Rente geschaffen werden. Bis zum Jahre 1898 folgten verschiedene Emissionen im Gesammtbctrage von 600 Millioiicn Francs, lind eiidlich wurde das Gebäude gekrönt durch 175 Millioneii fünfpercentiger, 1904 rückzahlbarer Schatzanweifungen, die 1899 das Licht der Welt erblicktcii. So hat Rumänien eine Schuldenlast gehäuft, mit der sich jede Großmacht der Erde sehen lassen könnte. Aber das rumänische Pumpbedürfnis ist noch nicht gestillt; im Gegenthcilc: schoii die nächste Zeit wird wieder beträchtliche Forderungen bringen. Ziinächst wird es nöthig sein, die eben erwähnten 178 Millionen Schatzanweisnngcn znrückznzahlen; außerdem rechnen Sachkundige, dass rund 25 Millionen für Vorschüsse in Anspruch gcnommcii worden siiid. .Denn Rumänien musste sich bei der Aufnahme der letzten Schatzaiiweisungen verpflichten, vor Rückzahlung dieser schwebeiiden Schiild keine weiteren Anleihen aufzunehmen. i Nun ist aber eine Rückzahlung der Schatzscheine iind der Vorschüsse aus eigenen Mitteln völlig ausgeschlossen iind man nimmt deshalb an, dass Rumänien genöthigt sein wird, mindestens 200 Millionen Francs durch Ausgabe neuer Anleihen flüssig zn machen.' Da ist es klenn doppelt wichtig, einmal die Grundlagen der Legende zii prüfen, die uiiserer Capitalistenwelt Rumänien als ein Land schildert, dem man seeleiwuhig große Summen anvcrtrauen könne. Die Behmiptung interessierter Finanzfirmen, vorläufig sei an neiie Emissionen nicht zu denken, darf uns von solcher Prüfung nicht ziirückhalten. Eine unparteiische Darstellung der rumänischen Fiiianzverhältnisse ist freilich nicht leicht zu geben. Wer iiur die Berichte der Agence Roumaine oder die von der Discontogesellschaft inspirierten Artikel in den Börsenzeitungen liest, der niiiss wirklich glauben, um Riimänieii fei cs mindestens viel besser als iim alle übrigen Balkanstaaten bestellt. Dieser Eiiidruck ist nmncntlich in Deutschland leicht zu schaffen, wo man gewöhnlich nur daran denkt, dass auf dem rmnänischen Thron ein Hohenzoller sitzt iind dass 5l'önig Karols Gemahlin nette Gedichte macht. Diese unklaren Gesühlserwägungen siiid aber nußlos; und deshalb müsse,i wir uns freuen, wenn ein ailf dem Boden der Thatsachen Stehender mit fester Hand den llinmäniens wahre Lagen verhüllenden Lügenschleier zerreißt. Das geschieht in der soeben erschienenen Broschüre: „Die rumänischen Finanzen; Zahlen nnb Thatsachen für die Besitzer rumäinscher Papiere." Trotz der Alionymität scheint die Schrift des Vertrauens würdig; und aus dem ehrenwerten Namen des Mannes, der sie mir schickte, darf ich wohl den Schluss ziehen, dass keiner Finanzcligne mächtiges Wort bei der Abfassung mitgesprochen hat. 1809, drei Jahre, nachdem unter Karols Scepter die Fürsteiithümer Moldau niid Walachai geeint worden lvaren, umfasste das 'Bildget, ohne Deficit, deii geringen Betrag von 38'/. Millionen Francs. Die Ausgaben des Budgets für 1900/1901 belaufen sich auf rund 238 Millionen Francs. Aber weder der Umfang des Gtats noch die Höhe der Staatsschulden, die im ganzen jetzt rund V/i Milliarden Francs oder mif den Kopf der Bevölkerung 239 Francs betragen, gibt uns den richtigen Maßstab für die Benrtheilung der Finanzkraft des Landes. Entscheideiid ist die Antwort auf die Frage, zu welchen wirtschaftlichen Zwecken die Schiilden gelnacht ivordeii find. Da lehrt die Durchforschung des Budgets mm zunächst die traurige Thatlsache, dass 39Percent der gesammtenEin-

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