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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-13 · 24 (13.6.1902) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
24 (13.6.1902)
Date
1902-06-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. Juni 1902 Nr. 24 Wien wohnen, regelmäßig unterstützt, und forderte zur Förderung des Vereines auf. Besonders hervorzuheben sind die Verdienste des Herrn Prof. S. Ho ff mann, der dem Vereine viele Gönner gewann und einen Sammelcurs für englische Sprache abhält, dessen Honorare dem Vereine zufallen. Nach Genehmigung des Jahresberichtes wurden Wahlen zur Ergänzung des Vorstandes vorgenommen. Es erscheinen gewählt Herr I. Klein als Obmann-Stellvertreter, Herr I. Schiff als Controlor. Der Erste Wiener jüdische Turnverein unternimmt kommenden Sonntag den 15. ds. einen ganztägigen Turnmarsch, der von Nentvaldcgg übers Hamean, 1l.-Weidlingbach, die Gsängerlind Meidling-Hütte und Hintcrsdorf nach St. Andrä-Wördern und von hier nachmittags über Gugging nach Kierling, wo gerastet und gespielt wird, uttö schließlich nach Klosterneuburg an der Franz Josefsbahn führen wird. Weglänge 25 Kilometer. Treffpunkt präcise halb 7 Uhr morgens auf der Freitreppe der Universität. Antisemiten als Actionare in den Generalversammlungen. Ein halbes Dutzend antisemitischer Koryphäen, darunter die sattsam berüchtigten Antisemiten Purscht, Bielohlawek und Axmann, haben bei der jüngsthin stattgefundcnen Generalversammlung der Oesterreichischen Nordlvestbahn einen Einbruch misgeführt. Gleich wie im Vorjahre, so wollten sie mich die diesjährige Generalversammlung dieser Bahngesellschaft dazu benützen, um ihren Schnabel gegenüber einer judenliberalen Gesellschaft, zu welcher sie augenscheinlich die Ocsterreichische Nordwestbahn zählen, zu wetzen. Selbstverständlich war cs den antisemitischen Theilnehmern der Generalversammlung nicht darum zu thun, irr die Debatte sachlich einzugreifen, sondern um ein Hep Hep in der bekannten Tonart anzustimmen. Namentlich war es der von der Spittelberg-Affaire berüchtigte Purscht, welcher alle sachlichen Themen beiseite ließ itub sich in persönlichen Ausfällen gegen den den Vorsitz führenden Ritter v. Taussig gefiel, wobei er, wie ja nicht anders zu erwarten stand, von seinen Parteicomplicen in kräftiger Weise accompagniert wurde. Wir würden der Versammlung der Oesterreichischen Nordwestbahn kaum die Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn toir nicht Veranlassung fänden, auf die Moral aus der Affaire hinzuweisen. Die antisemitische Liga lässt keine Gelegenheit verstreichen, um gegen das jüdische Capital und die verjudeten Bahngesellschaften und Bankinstitute in rüdester Weise loszuzichen, verschmäht es aber trotzdem nicht, aus der Krippe derselben zu fressen und sich dick und fett zu mästen. Die antisemitische Hetze gegen die sogenannten judenliberalen Banken und Actiengesellschaften qualificiert sich als eine ganz nackte Erpressung und als ein gemeiner Raubzug gegen die Geldsäcke der Judenliberalen. Die sogenannten verjudeten Gcldinstttute waren cs eigentlich, welche den Antisemitismus großgezogen und stark gemacht haben, sie haben die Natter an ihrem Busen genährt. Ohne die reichen Pauschalien der Judenbanken und Judenbahnen hätten die antisenritischen Blätter nichtWurzel fassen undAuflagen erzielen können, die die der judenliberalen Blätter übertreffen. Der antisemitische Blätterwald ist durch die Schweiggelder der arg verlästerten Judenbauken so üppig geworden, dass dessen Bäume bis in den Himmel hinauszureichen scheinen. Zum Dank dasiir fällt die antisemitische Pressliga mit ihrem giftgen Geifer über diese Geldinstitute her und spart nicht mit Verdächttgungen und Beschuldigungen gemeinster Art. Wenn einst die Geschichte der antisemitischen Strömung geschrieben werden wird, so wird das Capitel über die Schweig- und Pauschalgelder, die in die Tasche der Antisemitenführer und Ritter der judenhctzerischen Presse geflossen sind, eine große Rolle spielen. Herr Ritter v. Taussig ist, wenn auch nicht direct, so doch indirect, ein Züchter der antisemitischen Pressliga. Beweis der Fall Wolf, „Ostdeutsche Rundschau". Hunderttausende sind cs, die der antisemittschen Pressmeute in den Nachen geworfen werden, ohne dass ein anderer Erfolg erzielt iverde, als dass die Kläfferei immer von vorne beginnt, wenn der antisemitische Geldbeutel an Ebbe leidet. Gleichwie bei der Oesterreichischen Nordwestbahn sind die Verhältnisse aller anderen Wiener Institute gegenüber dem antisemitischen Naubritterthum. Wir behalten uns vor, auf dieses Thema demnächst des Ausführlicheren zurückzukomrnen. Jüdischer Turnverein in Troppau. Seit fast zwei Monaten hat nunmehr auch Troppau seinen jüdischen Turnclub, der vorläufig als Section des seit Jahren hier bestehenden jüdisch-literarischen Vereins begründet wurde. Den vereinten Bemühungen der Herren Ingenieur Reich und Dr. Lichtwitz ivar es gelungen, vom schlesischen Landesschulrathe die neu erbaute, geräumige Turnhalle der staatlichen Lehrerbildungsanstalt gegen eine geringe Entschädigung für Licht und Beheizung zur Verfügung gestellt zu erhalten. Anfangs März traten Ist Turner zur ersten Uebungsstunde zusammen und nach kaum zweimonatlichem Bestände hat sich deren Zahl mehr als verdoppelt. Fast vollzählig erschienen die Mitglieder jedesmal am Platze, mit regem Interesse und Eifer betheiligt sich Alt und Jung an den Ordnnngs- und Freiübungen, mit Lust und Liebe zur Sache sucht jeder auch an den Geräthcn den Intentionen der Vorturner nachzukommen; dass der jüdische Turnclub in seiner Mitte 0 praktische Aerzte, 4 Juristen, mehrere öffentliche und Privatbemnte neben einer Anzahl von Industriellen nub Geschäftsleuten vereint, beweist, wie der Gedanke nach körperlicher Kräftigung und physischer Stärkung hier gerade in den jüdischen Kreisen Eingang gefunden hat, die nur zu oft bei ihrer mehr geistigen Berufsthätigkeit die Pflege ihrer Muskel- und Körperkraft vergessen. Und wenn auf dem Turnplätze der akademisch Gebildete neben dem schlichten Kaufmann, der Bank- oder Fabriksdirector neben seinem Angestellten in Reih und Glied steht, so kann dies nur beitragen, die socialen Schranken des Alltagslebens weniger hoch erscheinen zu lassen und in allen jüdischen Turngenossen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu wecken und zu heben, auch wenn sie sonst gerade nicht auf jüdisch-nationalem Boden stehen. Der Tnnirath besteht aus den Herren: Med. Dr. Lichtwitz, 1. Turnleiter; Oskar Meifel, 2. Turnleiter; Jur. Dr. Eibuschitz, 1. Schriftführer; Jur. Dr. Bick, 2. Schriftführer; Victor Kulkcr, 1. Cassier, Ingenieur Reich, 2. Cassier. „I. Turnztg." A. S. Teplitz. Dieser Tage passierten eine ungewöhnlich große Anzahl fremdländisch aussehender Passagiere die sächsischböhmische Grenze bei Voderibach. Es waren über 200 unglückliche rumänische Israeliten, die nach Hamburg reisen, um von dort aus nach Canada auf Kosten der Baron Hirsch-Stiftung befördert zu werden. Die Auswanderer sind stimmt und sonders Handwerker, Maurer, Ziminerleutc und landwirtschaftliche Arbeiter, die das Inkrafttreten des berüchtigten Gewerbegesetzes nicht erst ab warten wollten und es daher vorzogen, das Reich des Königs Carol bei guter Frühlingszeit zu verlassen. Ihr Correspondent hatte Gelegenheit, mit mehreren Auswanderern vor ihrer Abreise nach der neuen Heimat Rücksprache zu nehmen und sie erzählten wahrhaft erschütternde Einzelheiten ans ihrem elenden Leben in ihrem rumänischen Vaterlande, und die abgehärmten Gesichter der Frauen, der Kinder und der zarten Säuglinge lieferten die unwiderleglichen Beweise für die Wahrheit der Mittheilungen. Um einen Franken Tageslohn arbeiteten diese Menschen. Allein selbst diesen kargen Verdienst wollen ihnen die rumänischen Volksvertreter unter Gutheißung der königlichen Regierung durch einen.unerhörten gesetzgeberischen Cyuismus unmöglich machen. Als ihre einzige Habe führen die rumänischen Juden die Thora-Rolle mit. Die wirtschaftliche Lage der auswandernden rumänischen Juden spottet jeder Beschreibung. Der Vertrauensmann des Comitees, der die siir die Ansiedelung in Canada geeigneten Männer in den Dörfern aussuchte und die Auswanderer begleitete, erzählte Ihrem Correspondenten, dass Hunderte ihn bis in die späten Nachtstunden bestürmten, sie doch als jbnechte mitzunehmen. Alles will fort aus dem barbarischen Lande, alles will vor dem drohenden Hungertode flüchten. In Rumänien geboren und seit Jahrhunderten dort ansässig, leisten die Juden Kriegsdienste, gründen sich dmm, zumeist als Handwerker, eine kümmerliche Existenz, und nun wird auch diese ihnen vernichtet. Hunderttauseude Eingeborene gelten als „Fremde", als heimatlos, und die Heimatlosen sollen jetzt erwerbslos gemacht werden. Die Verhältnisse drängen, schloss der Erzähler, unaufhaltsam zur Katastrophe, wenn nicht die maßgebenden Einflüsse der civilisierten Staaten jenes Land an seine Pflicht mahnt. Bei der am 4. ds. M. hier stattgeftmdenen Wahl der Cultusgemeinde- Repräsentanz waren von 320 Wahlberechtigten 453 Wähler erschienen und es wurden mis dem dritten Wahlkörper die Candidaten des officiellen Wahlcomitees gewählt. Die Candidaten der Gegenliste blieben in der Minorität. Judenfrei. Aus Brckweis wird gemeldet: Der fyefutigc Gautliimtag des Böhmerwald gaues Prachatitz verlief insofern resultatlos, als die Zweidrittelmajorität zur Abänderung des Gaug-Mndgesches keine Partei erreichte. Das heißt also, auch in Südböhmen machen sich die Turnvereine langsam judenfrei. Theologischer Verein der Hörer an der isr. theol. Lehranstalt in Wien. Folgende Herren wurden für das Sommersemester in die Vereinsleittmg gewählt: H. S. Arje, Präses, H. A. Schwarz, Vicepräses, H. A. Beck, Cassier, H. I. Stössler, 1. Schriftführer, H. M. Tauber, 2. Schriftführer, H. H. Alperin, H. R. Feder, H. K. Kupfer, Ausschussmitgliedre. Krakau. Am 13. April d. I. tvurde im hiesigen jüdischnationalen Mädcheuvereine „Ruth" die zweite ordentliche Generalversammlung abgehalten, in welcher die Neuwahl des Vorstandes mit folgendem Resultate stattfand: Präsidentin Frau Dr. Hermine Goldwasfer, Vicepräsidentin Fcl. Auguste Metzler, 1. Schriftführerin Frl. Helene Michnik, 2. Schriftführerin Frl. Rosa Griffel, Cassierin Frl. Rosa Feldblum, Vorstandsmitglieder: Frl. Sophie Moor, Rosa Mahler, Caroline Griffel, Caroline Meisels, Dorothea Friedmann. In die Controlcommission wurden'gewählt: Frl. Anna Thorn als Vorsitzende und Frl. Sarah Vetter und Frl. Auguste Friedmann. Aus dem Berichte für das letzte Jahr entnehmen wir, dass der Verein eine rege Thätigkcit entfaltet und insbesondere zur Stärkung des jüdisch-nationalen Bewusstseins unter den Mädchen vieles beiträgt. Die meisten Mitglieder betheiligen sich an dem hebräischen Lehrcurse (Leiter die Herren Verkowicz und Leser), wie auch an dem historischen Club. Nebstdem veranstaltet der Verein einen Lehrgang der französischen Sprache unter der Leitung des Herrn Dr. Akollct. Die wichtigsten Vorlesungen, welche im letzten Jahre stattfanden, sind: »Die Anfänge der hebräischen Poesie" (stud. jur. Vulwa), „Die Juden als Nation" (stud. jur. Feldblum), „Die Stellung der Frau in der Bibel" (Dr. Goldwasser), „Die Frau in talmudischer Sage und Sprichwort" (cand. phil. Verkowicz), „Ueber das Buch Ruth und dessen Bedeutung" (Frau Dr. Goldwasser), „Das Buch Esther" (Frl. Griffel), „Die Frau nach Ruskin" (Frl. Landau), „Die Anfänge der Aufklärung und der Berliner Salon" (cand. Phil. Berkowicz), 7,Johannisfeuer von Sudermann" (Frl. Thorn), „Die Entwicklung des Dramas" (sttld. jur. Reinhold), „Die Anfänge der jüdischen Geschichte" (Frl. Mahler), „Ueber Baruch Spinoza" (stud. jur. Großmann). Der Krakauer Gömeinderakh. Der Geineintterath besieht aus 72 Rathen. Nachden P'cwtieien ergibt sich folgende Eintheillurg: 49 Conservative, darunter 11 Juden, 17 Demokraten, darunter, 8 Juden, 6 Parteilose und 1 Socialist, Daszynski. Nach den Nationalitäten: 19 Inden, 63 Katholiken, darunter 2 Geistliche. Die Berufseintheillurg ist folgendermaßen: 16 Advoeaten (7 Juölcrt), llmversiMts-Professoren 10 (1 Jude), Kauflentje 13 (6 Juden), Banquiers 6 (Juden 3) usiv. (Ein Antisemit, der von Juden gegrüßt sein will!) Das ist eine Specialität und eine solche haben wir in Floridsdorf in der Person des Herrn Johann Schöpfleuthner senior. Eines Tages kam Herr Leopold Glaser geschäftlich in das Haus des Herrn Schöpfleuthner, dieser stand im Hofe und Herr Glaser gieng, ohne zu grüßen, vorüber. Darob erbost, wurde er als „Flegl" tituliert, welche Beschimpfung Herr Glaser zum Anlass nahm, Herrn Schöpflcuthner wegen Ehrenbeleidigung zu klagen. Samstag sollte vor dem Bezirksgerichte Floridsdorf (Strafrichter Dr. SSBinterftcin) die Verhandlung stattfinden. Der Angeklagte, der nicht erschienen war, wurde durch Herrn Dr. Bergler, der Kläger durch Herrn Dr. Vaer vertreten. Herr Dr. Bergler entschuldigte das Fernbleiben seines Clienten durch das hohe Alter, gab die Acußerung desselben gegenüber dem Kläger zu, doch sei hiezu Herr Schöpfleuthner gewiss berechtigt gewesen, da er als Bekannter der Familie Glaser, als alter Mann, der viele communale Würden bekleidet habe, gewiss in seinem Hause fordern könne, gegrüßt zu werden. Doch sei er bereit, einen höheren Betrag als Sühne zu erlegen. Herr Leopold Glaser bemerkt, dass er bereit sei, sich anszngleichen. wenn fl. 40 für den außerordentlichen Unterstützungsfonds der Vezirkskrankeucasse und fl. 10 für arme jüdische Kinder bezahlt werden. Was das Grüßen anbelangt, habe er diesmal Herrn Schöpfleuthner nicht gesehen, doch hätte er ihn auch nicht gegrüßt, wenn er denselben bemerkt hätte. . Als Jude fühle er sich nicht verpflichtet, einen Antisemiten zu grüßen, der überall herumschreie: Die „Sanjuden" usiv. Dr. Bergler: Der politischen Partei, der mein Client angehört, zufolge, kann ich auf einen derartigen Aiisgleich nicht cingchen. Da das Wort „Flegl" eine Schmähung und keine Beschimpfung, ein Wahrheitsbeweis daher zulässig ist, trete ich denselben somit an und beantrage die Vertagung der Verhandlung behufs Einvernahme der Zeugen. Der Strafrichter Doctor Winterstein schloss sich dieser Anschauung an und vertagte die Verhandlung auf den 14. d. M. Auf das Urtheil kann man gespannt sein. Muss ein Jude einen Antisemiten grüßen und wenn er es nicht thnt, ist er ein Flegel? Herr Doctor Winterstein wird diese Frage beantworten müssen. Wir hoffen, dass früher kein Ausgleich zustande kommt. Die Antwort, ob sie nun bejahend oder verneinend ausfällt, wird zur Lösung der ..Judenfrage" sehr viel beitragen. Oder gehört Herr S. zu den Einrichtungen der katholischen Kirche? AnS Görz. Seit dem Bestände des Landtages ist nunmehr das erstemal ein jüdischer Abgeordneter in denselben entsendet worden, es ist dies Dr. Graziadio L u z z a t t o, Advocat in Görz. Ungarische PreisanSschreibnngen. In Ungarn hat man mit jüdischen Preisausschreibungcn bisher kein sonderliches Glück gehabt. Schon im Jahre 1900 wurden die beiden folgenden Preisfragen ausgeschrieben, aber nicht beantuwrtet. Nun wird der Termin auf ein Jahr verlängert. Es handelt sich um eine Geschichte der jüdischen Literatur vom Beginn der griechischen Periode bis zur Gegenwart und um eine Geschichte der Inden von der Zerstörung des zweiten Tempels bis zur Gegenwart. Die Preissmnme beträgt für jedes der beiden Werke je 500 fronen. Beide müssen aber in ungarischer Sprache geschrieben sein. Von beiden Werken braucht aber nur der Plan eingereicht zu werden und etwa noch die Bearbeitung einzelner Theile. Der Preis wird auf Grund dieses Entwurfes zuerkannt. Berga,n in sittlicher Empörung. Das seltene Schauspiel, Vergällt sittlich entrüstet zu seheil, das viele überhaupt für uinnöglich erachteten, Sonnte mail vorige Woche genießen. Was ivar geschehen? Hatte jemand Genleiiideobligatioiien eiltwcildet oder hatte jemarld seiil Blatt all den Meistbietciidcil verkauft — dies alles rührt Herrn Vergant »licht. Etivas ailderes hat sich ereignet. Gegen einen Christen ist von einem verlogenen Dienstmädchen eine Ritnaliliordbeschilldiguiig erhoben worden; das ist die Krone des Lügengcbälldes (nicht zil vertvcchseln mit dein Antisemitenhof), das Vergällt aufgeführt hat. Anstatt dass aber jetzt das „D. V." unter dem Fluche der Lächerlichkeit begraben wurde und verlegen das Maul gehalten hätte, hat es noch die Frechheit, eilte warme Lanze fite den Schwindel einzulegen. So wie die Spiritisten nach jeder Entlarvung eines Mediums schreien: Es ist nichts bewiesen worden, so bricht Bergani in denselben Ruf ans. Man denke nur, es war Gefahr, dass von Wien dieser Stempel einer beispiellosen Borniertheit und Verkommenheit genommen werden könnte, der ans Jahre hinaus be>l Ruf dieser Stadt mit Schande bedeckt. — dem musste rechtzeitig vorgebeugt iverdeil, dcun das „D. V." kaim l»ur in einem Sumpfe von Niedertracht lind Lüge gedeihen. Besonders hart traf den edlen Streiter für Lüge und Verdummung die Bemerkmig des klägcrischeil Advocaten an ben geklagten Verbreiter des Märchens: Sind Sie denn ein Provision sage nt für Ritualmordmärchen? Fürchtete er denn die Frage, iv i e viel Geld Schwer für s e i il e A g i t a t i o n s r e i s e b e k o m m e n ha t? Nadaull. Bei der am 3. Jniii 1902 stattgeftlndenen constituierendeii Ausschusssitzung des „Dorsche Zion" wurden für das Sommersemester 1902 folgende Fmictiolläre gewählt, itnb zwar: Zum Obmann Herr Dr. Josef Vierer, znm Obmannstcllvertreter Herr Israel Menschcl, zum 1. Schriftführer Herr Mag. Pharin. Emil Tittinger, zum 2. Schriftführer Isidor Tropper, zum Cassier Herr Berl Lehrer, zum Bibliothekar Herr Samuel Harth sen., zum Zeitullgsverlveser Herr Moses Seidner; die Herren Moses Ber Muck, Jacob Hönigsberg, Hermann Lubingcr, Feibel Frettkel lind A. M. Riczker blieben im Ausschnsse ohne Functionen. Todesfall. In Jnngbunzlau starb vorige Woche der Gründer der Firma V. B. Goldberg lind Eidam, Herr Veit B. Goldberg. Der Verstorbene ivar viele Jahre Vorstandsmitglied der Cultusgemcinde und der Chewra-Kadischa und stand als Förderer aller jüdischen Humanitätsbestrcbullgen in hohem Ansehen. Gemeindeleben. Aus Melnik wird uns geschrieben: Unsere Gemeinde, deren Mitgliederzahl durch Uebersiedlungen und Sterbefälle von 95 ans 81 gesunken ist, verliert in jüngster Zeit deren noch zwei, die sich wegen der Abgaben (40 und 20 K. pro anno) confessiouslos erklärt haben. Es sind auswärtige Mitglieder, deren Kinder jedoch bis zum 14. Jahre an dem Religionsunterrichte theilnehmcn müssen. Und da zeigt sich die Ironie, aber auch die Lückenhaftigkeit des Gesetzes. Die vom Landesschulrathe dem Religionslehrer bemessene Wegentschädigung ist zu gering; da muss nun die Gemeinde für Mitglieder, die nichts zu derselben beitragen, einen Zuschuss zur Wegentschädigung leisten. In jüngster Zeit hat sich hier trotz der Ungunst der Erwerbsverhältnisse eine Ortsgruppe des Vereines zur Unterstützung der galizischen Juden gebildet. Gemeindewahlen. Man schreibt alis Ung.-Hradisch: Am 5. Mai 1902 fand bei uns unter großer Vethciligung rind lebhafter Agitation die Neuwahl der hiesigen Cllltusgemeinde-Vertretting statt, bei welcher nachstehende Herren in den Ausschuss gewählt wurden: Blum Gustav, Braun Josef, Brunn Sigmund, Fürst Emanuel, Gansel Heinrich, Hahn Samuel, Kapp Wilhelm, Morgenstern Hermann, Schallinger Lazar, Schön Jacob, Schindler Adolf, Spiegler Ignatz, Strauß Elias, Trost Wilhelm rmd Dr. Otto Winter. Bei der am 22. ds. stattgeftlndenen Constituierung wurden nachstehende Herren einstimmig in den Vorstand gewählt: Braun Josef, Branereibesitzer, als Vorsteher; Brunn Sigmund, Kaufmann, als Vorsteher- Stellvertreter; die Herren Gansel Heinrich, Privatier, Hahn Samuel, Getreidehändler, Schindler Adolf, Kaufmann, und Spiegler Ignatz, k. k. Postcassier, als Veiräthe. Wir wollen hoffen, dass der neugewählte Vorstand mit Eifer an sein Werk gehen und sofort zum Umball des hiesigen, bereits für ballfällig erklärten Tempels schreiten wird, damit wir zu den hohen Feiertagen in demselben wieder unseren Gottesdieilst werden verrichten können zur Ehre Gottes und zur Freude aller Cnltusgcmeindemitglieder. Ausland. Ein Alarmartikel des agrarischen Moniteurs hat in dieser Woche die allgemeine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass die Reichstagswahlen vielleicht schon früher als im nächsten Jahre stattfindcn konnten. Natürlich fangen die Parteien bereits im Stillen zu rüsten an. Am fleißigsteil sind die Antisemiten an der Arbeit. Sie wählen schon ihre Candidaten aus und suchen emsig Fühlung mit den anderen Parteien. In der Provinz Posen, welche die. Antisemiten seit Jahren bearbeiten, gedenken sie diesesmal durch eiil Compromiss mit den Conservativcn Erfolge zu erzielen. Dieses Comprolniss soll sich auf die Kreise Meseritz-Bomst und Czarnikan- Filehue-Kolmar erstrecken. Die Antisemiten glauben oder wollen wenigstens glanüen machen, dass, wenn mit ihrer Partei ein Compromiss geschlosseil iverde, der Sieg der Deutschen in Meseritz- Bomst auch ohne die Inden ein glänzender sein ivürde. In der Provinz Posen, so sagen sie, könnten drei Wählkreise stets von den deutschen Parteien behauptet werden, wenn die Conservativen mit ihnen giengell. Es fragt sich nur, ob diese den Versicherungen der Ailtiseiinten Glauben schenken iverde». Es bralicht aber nicht erst hervorgehoben z»l tverdcn, dass die Juden in der Provinz Posen alles aufbieteil werden, um die Wahl eines Antiselniteil zil verhindern. Und mis den gleichen Standpunkt dürften sich dicjelligen stellerl, welche ein geschlossenes Zusammengehen aller Deutschen. in den Ostmarken für eine Nothwendigkeit halten. Anders liegt die Sache im Königreiche Sachsen, wo die Antisciniten bei den Wahlen voll 1<898 eine beträchtliche Einbuße erlitten haben (die Zahl der Mandate gieng von sechs auf drei herab). Dort wollen ihnen nun diesmal die Nationalliberalen zuhilfe kommen. Traurig, aber tvahrl In der letzten Hauptsitzllng des nntionallibcralen Landesvereins hat Professor Hasse die Nothwendigkeit des Kartells der beiden Parteien betont, und der Generalseeretär der Partei sprach die Zuversicht aus, dass sich ein bestimmtes Abkomtnen nach dieser Richtling iverde erzielen lassen. Auch in anderen Wahlkreisen haben die Antisemiten Fühlung mit der uationalliberalen Partei gesucht, so im Wahlkreise Dr. Liebers, in Eisenach, in Wetzlar, Altenkirchen usw. Darf man Wohl unter den heutigen Verhältnissen der Hoffnung Ausdruck geben, dass in den nationalliberalen Reihen sich trotzdem noch Männer befinden, die der von der Parteileitung ausgegebenen Parole keine Folge leisten oder dass die Führer selbst in anderen Ländern ein solches Kartell entschieden zurückweisen Iverde»? A. Z. d. I. Bettelbriefe ans Jerusalem. Man schreibt mis: Vor kurzem erhielt ein reicher Wiener Privatier einen Brief, dessen österreichische Marke den Poststempel „Jerusalem" trug. Der Bief ivar ans dem österreichischen Postamte in Jerusalem aufgegeven tvvrden lind nach achttägiger Reise in Wien an den Adressaten gelangt. Das Couvert enthielt ein Schreiben, das folgenden Inhalt hatte: „Euer HochivohlgeborenI In Verziveifelter Lage wende ich mich an Sie. Unglück und Krankheit haben mich und meiiie arme Familie heimgesucht, und fern Von der Heimat sind ivir in der Fremde der

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