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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Juni 1902 Nr. 23 dieser Zeilen. Was sollen wir von imseren Gegnern erwarten, wenn in den Herzen der Inden auch das Gefühl für Mildthätigkeit und Barmherzigkeit,, diese Zierde der jüdischen Seele, mlssteÄen sollte. Wien, am 3. Juni 1902. Hochachtungsvoll Hermann Grünberger, Vormund, 20., Rauscherstraße- 10. Mische MohltWgKtitsanMen Wiens. Von Adolf Steinschneider. , Das israelitische Taubstummeninftitut. Herr Kolisch hatte die gesummten Kosten der Errichtung der Anstalt aus Eigenem bestritten. Er bezog für die Verpflegung eines Zöglings einen Monatsbeitrag von fl. 4 C.-M. Dass diese so geringen Beiträge zur Erhaltung nicht hinreichten, ist selbstverständlich. Er richtete daher im Jahre 1845 eine Bitte an das Nikolsberger Oberamt, ihm einen Aushilfsbeitrag aus dem israelitischen Landesmassefonds zu gewähren. Nach langen Hin- und Herverhandlungen und Enqueten wurde endlich nach zwei Jahren eine Subvention von fl. 600.— bewilligt. Aber diese reichte nicht hin, um den Fehlbetrag zu decken. Nochmals reichte er ein Gesuch an die k. k. Hofkanzlei, belegt mit den günstigsten Zeugnissen der Schuldistrictsbehörde, und das Bittgesuch wurde erledigt mit Erhöhung der Subvention auf fl. 1100.—. Aber die Zahl der Zöglinge hatte sich vermehrt und trotz dieser Zuflüsse überstiegen die Ausgaben die Einnahmen bedeutend. Der Bestand der Anstalt war im höchsten Grade gefährvct. Jedem anderen hätte dieser Kampf gegen beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten den Muth benommen, aber die Energie dieses Mannes ließ ihn nicht verzagen, und er sann auf neue Auswege. Im Sommer des Jahres 1850 unternahm er mit Lehrer Deutsch eine Reise nach der ungarischen Hauptstadt, und es wurde in Anwesenheit der angesehensten Männer Budapests eine öffentliche Prüfung von 12 Zöglingen abgehalten. Das Resultat war ein glänzendes. Die Versammlung drückte unverhohlen ihre Bewunderung und Anerkennung dieser Leistungen aus. Sofort wurde eine Sammlung eingeleitet, welche einen Betrag von fl. 2400 ergab. Zugleich bildete sich ein Comitee, welches beschloss, einen alljährlichen Beitrag von fl. 3000 zu widmen, jedoch mit der Bedingung, dass die Anstalt nach Wien übersiedle und dort als Taub- Summen-Jnstitut für die ganze Monarchie zu gelten habe. Herr olisch willigte ein, diese Bedingung zu erfüllen. Im April 1852 fand diese Uebersiedlung statt, nach Meidling in ein gemietetes Local. Am 9. Mai wurde es feierlich eingeweiht. Prediger Mannheimer hielt dabei eine ergreifende Rede, von der hier einige besonders erhebende Stellen auszugsweise angeführt werden mögen: „Die stummen Kinder, deren Augen in dieser Stunde auf uns ruhen, sind beredte Zeugen eines segensreichen Wirkens, reden lauter und eindringlicher zu unseren Herzen, als ich es vermag; früher waren alle diese Geschöpfe Gottes für die menschliche Gesellschaft verloren, und alle Freuden des Lebens existierten für sie nicht. Sie waren infolge ihres Gebrechens, da ihnen der Strahl fehlte, der ihr inneres Seelenleben wecken konnte, der Unmündigkeit, der Blödheit verfallen, sie waren unzurechnungsfähig, wie sie sogar unsere heilige Schrift bezeichnet, sie waren zu ewiger Kindheit verurtheilt, ein Gegenstand des Spottes und des Hohnes. Die Zeit ist vorüber. Dank der Gnade Gottes, dem forschenden Menschengeiste und der wohlthätigen Menschenliebe ist der Bann von ihnen gewichen. Wir begrüben sie als Brüder im Geiste Gottes, und das Licht des Glaubens, das uns allen leuchtet, es leuchtet auch ihnen. Es ist der glückliche Gedanke eines einzelnen Mannes, der diese Schöpfung ins Leben rief. Es war nicht seines Amtes und Berufes, sondern der eigene Antrieb, der Vorsatz eines edlen Herzens, dem Gott Gedeihen gab. Was Aufopferung, rastlose Thätigkeit, Fleiß, Ausdauer und Geduld zum Gelingen beitragen konnten, das hat er in vollem Maße bewiesen. Er schuf und erhielt es jahrelang aus eigenen Mitteln, bis sein Streben in höheren Kreisen Anerkennung fand. Nächst ihm gebürt Lob und Anerkennung dem begabten Lehrer und Leiter, der ihr von ihrem Entstehen an seine Geisteskräfte geweiht, und es lässt sich von ihm in wenigen Worten sagen: Der Mann ist für diesen Beruf vou Gott geschaffen." Herr Kolisch, nunmehr ein Greis von 72 Jahren, fühlte denn doch seine Kräfte zu schwach, um wie bisher die Verwaltung allein zu führen, bat mehrere angesehene Männer, ein Vorstands- Comitee zu bilden, und es traten ein die Herren Edler von Hofmannsthal, M. L. Kanitz, Prediger Mannheimer, H. Pollack, L. Wertheim, welche die Administration und Aufsicht übernahmen, und es opferten sich die Frauen M. Schnapper und Julie Schlesinger für die Oekonomie und Hausführung. Die Anstalt trat nun in ein neues Stadium, war in einen erweiterten Wirkungskreis getreten, die Zahl der Zöglinge hatte sich auf 32 erhöht. Im Jahre 1854 erhielt Herr Kolisch von Sr. Majestät das goldene Verdienstkreuz mit der Krone. Der Ruf von ihrer Vorzüglichkeit und ihren günstigen Ergebnissen verbreitete sich immer mehr. Im Jahre 1856 wurden von dem ungarischen jüdischen Schulfonds 20 Stiftsplätze mit einem jährlichen Beitrage von fl. 200 für jeden Zögling angeordnct. Aber es ließ Herrn Kolisch nicht ruhen, immer mehr für die Erweiterung und Vervollkommnung des Instituts zu wirken, und so fasste er den Plan, ein eigenes Heim im großen Stile für 100 und mehr Zöglinge innerhalb der Mauern errichten zu lassen, um ihm eine für alle Zeiten sichere Basis zu verschaffen. Er überreichte an die n.-ö. Statthalterei ein Gesuch, dass sie gestatten möge, dass die Anstalt aus Unter-Meidling nach einer innerhalb der Linienwälle gelegenen Straße übersiedeln und daselbst ein eigenes Haus erbauen lassen dürfe. Im Jahre 1856 kam die Bewilligung dazu. Es wurde ein Baugrund gekauft im Bezirke Landstraße, in der ehemaligen Haltergassc, jetzt Rudolfsgasse genannt. Jetzt endlich war es Herrn Kolisch vergönnt, seinen so viele Jahre gehegten Wunsch erfüllen zu sehen, das Ziel, dem er sein ganzes Leben geweiht, erreicht zu haben. Es traten nun der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde und die angesehensten und reichsten Männer zur Berathung zusammen, um über die Capitalsbeschaffung zu beschließen und man einigte sich, eine Subscription mir Zinsengarantie zu eröffnen, zugleich Sammlungen in allen Gemeinden Oesterreichs und Ungarns zu veranstalten. Zunächst galt es Anhaltspunkte zu finden für die zweckmäßigste Anlage und Einrichtung des herzustellenden Baues. Herr Edler von Hofmannsthal erklärte sich bereit, in Gemeinschaft mit Herrn Director Deutsch eine Reise nach Deutschland zu machen, um daselbst die bedeutendsten derartigen Institute zu besichtigen, und ausgerüstet mit einer sehr warmen Empfehlung des damaligen Ministers Grafen Thun begaben sie sich auf den Weg. Die Erfahrungen, die sie da machten, fanden ihre Verwendung und wurden von dem Architekten Baumgarten danach ausgeführt. Am 1. Mai 1857 erfolgte der erste Spatenstich. Die Herren von Hofmanusthal und M. L. Kanitz waren mit der Aufgabe betraut, den Vau und die Ausführung sorgfältig zu überwachen. Im Jahre 1858 war der Barr vollendet; und iin October dieses Jahres fand die Einweihung statt. Das Gebäude hat zwei Stockwerke, einen großen und zwei kleinere Lehrsäle, zwei Schlafsälc, zwei Waschzimmer, einen Speisesaal für 100 Gedecke, ein Arbeitszimmer für Mädchen, ein Lehrmittelzimmer, zwei Jsolierzimmer für Erkrankte, ein Garderobezimmer, ein Bethaus, die Kanzlei, ein Badezimmer mit Wannen und Bassin, die Wohnungen fiir den Director und die Lehrer, eine Küche im Souterrain mit Aufzug für die Speisen, einen großen schattigen Garten. Alles Muster von Reinlichkeit und Bequemlichkeit. In das neue Haus zogen 52 Zöglinge ein. Nun hatte die Anstalt eine eigene zweckentsprechende Heimstätte, und nut aller Energie unter der genialen Leitung des Direcwrs Deutsch begann das Werk der Erziehung und des Unterrichtes. Da traten finanzielle Schwierigkeiten ein. Die Aufbringung der Capitalszinsen, die durch stete Vermehrung der Zöglinge vermehrten Kosten der Erhaltung, absorbierten alle bisher eingegangenen Spenden und Legate, so reichlich selbe auch waren und das Jahr schloss mit einem nicht unbedeutenden Deficit. Doch es entstand in der Person des Herrn M. L. Kanitz ein Netter in der Noth. Sein Feuereifer erwärmte die Neichen und Großen des Judenthums, dass sie mit vollen Händen ihre Gaben spendeten. Er greng von Haus zu Haus, klopfte an allen Thüreil an. Er war ein Treiber, entzog sich seinen Geschäften, seiner Familie, widmete seine Zeit und seine Thätigkeit dem Werke und seinem Gedeihen, und durch dieses sein Wirken gelang cs, die Finanzen zu sanieren, jährlich Abschlagszahlungen auf die lastenden Hypotheken zu leisten, zugleich auch immer mehr Zöglnlge aufzunehmen, deren Zahl sich im Jahre 1864 auf 73 belief. Im Jahre 1865 beschloss der unvergessliche Gründer der Anstalt Herr Hirsch Kolisch sein Leben hochbetagt im Alter voir 87 Jahren, betrauert vom ganzen Judcnthum und von allen Menschenfreunden. Bald nach ihm starb auch sein treuester Mitarbeiter Herr M. L. Kanitz. Ehre ihrem Andenken! An ihrer Stelle trateil in den Vorstand Moritz Ritter von Königswarter und Herr I. Hildburghausen. Der Ruf dieser Anstalt, ihrer vom genialen Director Delltsch verwendeten Methode und ihrer unübertrefflichen Leistungen verbreitete sich in ganz Europa. Kein hervorragender Fremder, welcher Wien besuchte, keine Notabilität auf dem Gebiet der Pädagogik und Theologie versäumte es, die israelitische Tmibstummenanstalt zu besichtigen und ihr uneingeschränktes Lob auszusprechen. Selbst über den Ocean, in die westliche Hemisphäre war der Ruf gedrungen und im Jahre 1862 wurden aus New-Dork zwei taubstumme Kinder in die Anstalt entsendet. Im Jahre 1869 erhielt Director Deutsch von Sr. Majestät in Anerkennung seiner vozüglichen Verdienste den Titel Kaiserlicher Rath. Im Jahre 1872 beschloss die Verwaltung und die Direction, eine Präparmrdie zu schaffen, Lehrcurse zur Heranbildung vonTaubstummenlehrern, setzte Stipendien dafür aus und Herr Director Deutsch hielt die Vorträge. Welche Erfolge diese hatten, beweisen die Männer, die daraus Hervorgiengen, unter anderen der Director der Lehrerbildungsanstalt in Wien, Herr Niedergesäß, der Director der niederösterreichischen Landestaubstummenanstalt Herr Lehfeld, der Director der israelitischen Taubstummenmistalt in Brldapcst Herr Grünberger, der Diector der Taubstummenanstalt in London Herr Schöntheil, der Director der gleichen Anstalt in New-Uork Herr Greewe und andere. Die Zahl der Zöglinge nahm immer mehr zu und betrug 1877 110. Bei der Prüfung in diesem Jahre waren anwesend der Minister Dr. Unger, der Statthalter von Niederösterreich, der Minister Dr. von Stremayer, der Polizeipäsidcnt und sonstige Notabilitäten und Männer der Wissenschaft. Infolge der günstigen Resultate wurde der Anstalt im Jahre 1879 das Öeffentlichkeitsrecht verliehen. Im Jahre 1880 war der hundertjährige Geburtstag des unvergesslichen Schöpfers der Anstalt Herrn Kolisch, und da leiteten die ehemaligen Zöglinge, welche jetzt rn verschiedenen Berufen thätig waren, eine Sammlung unter sich ein, um zu dessen Andenken ein Denkmal zu setzen, und die Büste, von Professor Pönninger in Bronze hergestellt, wurde aufgestellt und feierlich enthüllt. Im März 1883 vollendete der Director kaiserlicher Rath Deutsch sein 70. Lebensjahr. Es ist.unbeschreiblich, welche Ovationen und Ehrungen ihm zutheil wurden. Alle hervorragenden Männer Wiens wetteiferten, ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Die israelitische Gemeinde ließ ihm eine künstlerisch ausgestattete Adresse überreichen. Dr. Ludwig August Frankel sendete ihm einen mis Blumen von Jericho gewundenen Kranz mit einem sinnigen Gedichte. Auch die Gemeinde der Stadt Wien, damals noch freisinnig, sendete ihm mit den ehrendsten Ansdrücken taxfrei das Bürgerrecht und creierte fünf Stiftsplätze für arme nach Wien zuständige Kinder, und von Nah und Fern aus ganz Europa kamen Glückwünsche. Vier Jahre später, 1887, machte Herr Deutsch dem Vorstande die Mittheilung, dass er wegen vorgerückten Alters die Leitungniedcrlege, nachdem er durch 44 Jahre verdienstlich gewirkt hatte. Es wurde nun im Jahre 1888 zum Director Herr Dr. Moritz Brunner ernannt, welcher dicAnstalt jetzt durch volle 14Jahrc leitet. Er wurde von Herrn Deutsch zum Laubstummenlehrer herangebildet und wirkt ganz im Geiste und nach dem Sinne seines Vorbildes. Er hat sogar' besonders neue Methoden und Verbesserungen des Unterrichtes erfunden, und das Institut hat jetzt die höchste Vollkommenheit erreicht. Ein Stab von 8 vorzüglichen Lehrern und eine Jndustrielehrerin für weibliche Handarbeiten stehen ihm zur Seite. (Fortsetzung folgt.) SLrmmb'N aus dem PudLicum. Aufzüge für Personen und Geschäftsbetrieb werden im Jahrespauschale zur Revision streng nach den bauamtlichen Vorlchrifrcn promptest von der Firma F. Forchtner, 1., Eschenbachgasse 5, übernommen. — Es ist für die Herreil Hausbesitzer sowie Geschäftsinhaber von hohem Werte, die Objecte, welcher einer Instandhaltung bedürfen, so versorgt zu wissen, dass sic vollkommen anstandslos functionieren. —- Diese Instandhaltung wird von obgenannter Firma streng solid besorgt und billigst berechnet. Soeben erschienen: nna ns Geschichte der Beschneidung bei den Juden von den ältesten Zeiteir bis auf die Gegenwart, nach den neuesten Quellen dargestellt voll Dr. S. Kahn, Arzt un d M o h e l. Dieses Werk ist für jeden überzeugungstreuen Jehudi überaus nützlich, für jeden Mohel unentbehrlich. Preis 3 Kronen. Verlag Ncdartion „Hanmgid", Krakau. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) „Meinst Du, dass sie sich zu einer „Jüdene" in die „Gast"" hereiuzieheir werden?" fragte das Mädchcil. „Ich ivcrd das Meinige thun," sagte resolut die Frau, „ich Hab die Pflicht, es ihlien anzubieten, ob sie es annehmen wollen, steht ihnen frei. Pessellebeu, geh gleich hinunter in den Meier- Hof und richt gut aus, lvas ich gesagt Hab. Ich brauch Dir die Worte nicht vorzusagen, Du weißt „Thillelel" (Gott sei Dank), lvie Dli reden sollst." „Und ivann sollen sie einziehen?" fragte Pcssele. „Sobald sie Ivollen," antivortete die Frau. „Wann kommt denn der lieue Pächter?" „Ich lveiß ntir's nicht zusammenzureimen. In der Gass' sagen sie, der Meierhof lvird nicht mehr verpachtet, die Herrschaft lvill ihn verkaufen." Die Nachricht, ivelche Pessele in der Gasse gehört hatte, hielt inan anfänglich für eine leere Erfinduilg, der lveiter keinerlei Geivicht beizliinessen sei; iildessen aber hatte der Dralls der sie ins Publicum brachte, sich diesmal als ein glit Eingelveihter be- Ivähri. Die Sache hatte ihre Nichtigkeit. Die Herrschaft war der Scherereietl und Plackereien mit dem Pachter ohnehin bereits überdrüssig; zudem war ein neuer Verwalter ausgenommen worden, welcher eine Revision der herrschaftlichen Güter vorzunehmcn hatte. Er fand den Pachtzins für den Meierhof als ein wahres Spottgeld, wie er sich ausdrückte, und machte seiner Herrschaft den Vorschlag, den Pachtzins entweder auf das Vierfache zu erhöhen oder den Meierhof lieber zu verkaufen. Der eingetretcne Fall, welcher sofort vom Magistrate an die Herrschaft berichtet lvurde, trug dazu bei, die vom Verwalter vorgeschlagcne Alternative in lebhafte Erwägung zu ziehen. Man entschied sich für das letztere. Der Meierhof wurde verkauft. Air dem Tage, an welchem die neue Gutsbesitzerin in den Meierhof einzog, herrschte in dem Städtchen einige Aufregung. Man war neugierig, zu sehen, wie sie anssieht, zu erfahren, wer sie sei, warum sie das Gut gekauft habe; man war begierig, zu wissen, lvie sie sich zu den Bewohnern des Ortes stellen werde, ob sie stolz ist oder freundlich; dass sie reich sei, hatte man vorausgesetzt, oblvohl die Einfachheit, mit der sre ihren Einzug hielt, über ihre Vermögerrsverhältirisse keine genügenden Arrhaltspunkte zu einem sicheren Urthcil bot. Irr der Gasse war nran gespannt mrf die nächste Zeit, lvclche darüber belehren würde, wie stch die neue Besitzerin des Meierhofes gegen die Juden verhalte; ob sie eine Judenfreundin oder -Feindin sei, rurd ob rnau mit ihr iverde Geschäfte machen können. Ucberall aber, in der „Gasse" lvie auf dem Marktplatz, Wcw mair überrascht, ols marr die Dienerschaft immer nur vorr dem gnädigen Fräulein rrnd niemals von der gnädigen Frarr sprechen hörte. So viel sie selber gescherr hatte, stand die fremde Dame nicht gerade in demjenigen Alter, wo man noch gerne als Fräulein angesprochen lvird. Schloime Klatschkopf, welcher trotz der Jahre, die er bereits auf dcrn Buckel hatte, noch immer kein Ereignis vorübergehcn ließ, ohne seine Kritik daran zu üben, verstieg sich zu der wenig ritterlichen Bemerkung: „Ich möcht' nur gern' lvissen, für was die „Chamoiren" (Esel) eine so alte „Babe" (Großmutter) alles per Fräulein „titelliren" (titulieren). Auch eine Guste von ein „Sroreh" (Vornehmen)! „Efschcr" will sie der Welt gar einredcn, sie ist noch ledig. Wer lveiß, wer ihr Mann gelvesen ist, und was da drunter wieder für ein „Szod" (Geheimnis) stecken thut. Aussehen thut sic, dass sie könnt meine „Obecbabe" (Urgroßmutter) sein und lässt sich alls heißen: gnädige Fräulel Sie mag noch wollen etwas ein „Schiduch" (Partie) thun; wie sie sagt, ist sie gerecht." 8. Auf dem Friedhofe. In der Gasse wurden einige Knaben aus ihrem Spiele aufgeschreckt, denn es war ein Mailn an sie herangetreten, welcher eine Frage stellte, die sie nicht beantworten konnten, auch schien ihnen die Kleidung des Mannes so eigenthllmlich, als ob Gawriele Stuffcr, den einige von ihnen noch gekannt hatten, alls dem Grabe auferstanden wäre und sich maskiert hätte, lvie er dies bei besonderen Veranlassungen gethan hatte, so lange er noch auf dieser Erde gewandelt. Der Mann trug hirschlederne Hosen, die aber nur bis zu den Knien hinabreichten, weiße Strümpfe und Schuhe nrit Silberschnallen, ferner eine rothe Weste, welche mm: sehr gut sehen konnte, da der blaue Frack mit Silberborten vorne nicht zugeknöpft war; auf dem Kopse endlich hatte er einen ebenfalls mit »L>ilberborten besetzten Hut, an dessen linker Seite eine breite Silbercocarde in der Sonne schimmerte. „Sagt's mir Buben," hatte der Mann die Kinder angercdct, „tvo lvohnt denn hier der Kirchendiencr?" Die jüngeren Knaben waren über die ungewöhnliche Erscheiinmg des Mannes sowohl, lvie über seine unverständliches Frage erschreckt auseinandergefahren; nur einer von ihnen hatte Muth genug, standznhaltcn, und dieser fasste sich ein Herz antwortete: „Hier lvohnt keiner; der lvohnt in der Christenstadt." „Wie, Euer Kirchendiener wohnt nicht in der Judengasse?" frug der Main:. „Wir haben ja keinen," entgegnete der Knabe, „zu was sollen lvir denn einen Kirchendiener haben?" setzte er fragend hinzu. „Ihr habt doch aber eine Kirche?" „Nein!" „Das prachtvolle Gebäude dort, ist das nicht die .Kirche?" „Das ist die Schul." „Die Schul? Dort lvird unterrichtet?" „Nein, dort thut man „dawenen"." „Was thut man dort, daw — dalv-?" „Beten zn Gott!" „Nun also, dann ist es ja die Kirche." „Nein," versetzte der Knabe ärgerlich, „lvenn ich Ihnen sag, lvir haben keine, wir sind ja keine Christen." „Das sch ich," sagte der Frcinde, „aber einen Diener müsst Ihr doch dort haben, lvenn ihr betet zu Eurem Gott." „Sie meinen den „Schames"? Ah so! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Der Schames lvohnt dort in dem kleinen Hmise, lvv das zerbrochene Fenster ist; sehen Sie's? Dort lvohnt er, der Schames." Der fremde, bunt gekleidete Mann entfernte sich, und während die anseinandergesprengten Knabein welche während des Gespräches wieder näher herantraten, da sie sahen, dass der Mann gar nicht so fürchterlich sei, als er ihnen im ersten Augenblick erschien, nild ihren Genossen mit der Frage bestürmten: „Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?" schritt der galonierte Bediente — denn niemand anderer lvar eö — in der bezeichneten Nichtrmg auf das Häuschen mit dem zerbrochenen Fenster zu. Er trat ein und erregte hier fast eben so viel Belvnndernng, als er vorhin Entsetzen errgt hatte. „Bin ich hier recht beim Kirchendiener?" fragte der halsstarrige Bediente, der es nicht begreifen konnte, dass die Juden keinen Kirchendiener haben sollten. „Beim Shnagogendiener," berichtigte der Mann, der von seincin Stuhle aufgestanden war; die Schainestin aber eorrigierte in der Voraussetzung, dass der Fremde diesen Ausdruck nicht verstehen lverde, ihren Manil, indein sie sagte: „Ganz recht, beün jüdischen Kirchendiener." „Wollte mir dieser verfluchte Bub' einreden, es gibt keinen," sagte der Bediente, während die höfliche Schainestin ihm einen Stuhl zurechtrncktc und ihn einlud, sich zil setzen. „Was verschafft uns die Ehre?" fragte sie. Der Bediente lvendete sich an den Schames und sagte: „Ich habe den Anftrag, hier anzufragen, ob das gnädige Fräulein den jüdischen Gottesacker besuchen könnte." Der Schames und die Schainestin sahen einander verdutzt an. „Ich lveiß nicht, ob das fein darf," wagte endlich der Schames zu bemerken. „Jii Prag darf es seiii," versicherte der Bediente. „Dort lvaren lvir aus den, jüdischen Friedhof, lvo sehr viel berühmte Männer begrabeii siiid." „Cs darf in Böhmen manches seiii, was hier in Mähren nicht erlaubt ist, zum Beispiel Schweizerkäs," sagte derSchames einwe-idend; die Schainestin aber sagte zn ihrem Mann: „Dil kannst sa beim Rolv eine „Scheile" (Frage) machen. Der Bediente verstand nichts vo»i unerlaubten Schlveizerkas, ebensolvenig vom „Rolv" und von der „Scheile", und schon kam er auf die Vermuthnng, dass es mit diesen Leuten wohl im Kopf nicht ganz richtig sein inüsse, nird dass er sich unverrichteter Sache zu entfernen gezwungen sein lverde, als ihii die Anskniift des „Schames" belehrte, lvie unbegründet seiiw Vermuthnng sei, indem er sagte: „Sei der Herr so gut, bleib der Herr da ein bissele sitzen, ich iverd' zum Rabbiner gehn, und lverd ihn fragen, ob es sein darf."

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