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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Juni 1902 Seite 5 die Herren dieser Vertvaltung anderwärts zu sehr beschäftigt, unb' glaubten sie doch aller Noth damit abzuhelfeu, wenn nur der Culrusobmann einen neuen Titel oder eine neue Auszeichnung erlangte. Für das Elend ihrer Mitbürger hatten diese Herren der herrschenden Clique kein Herz, und daher schwieg auch die hiesige Cultusverwaltung, als vor Jahren tausende von jüdischen Familien aus Rumänien verdrängt tvurden und als ihre erschreckliche Nothlage einen Schmerzensruf im gesummten Judenthum erweckte. Ünd auch jetzt, als vor einigen Tagen der erfte Schub rumänischer Austvanderer die Stadt passierte, ist es ausschließlich dem energischen Eingreifen einiger Mitglieder des „Chowetve-Zion"-Vereines und des Volksvereines zu verdanken, dass diese armen Juden hier ein schützendes Obdach und die für die Weiterreise nöthigen Mittel erlangten. Es ist daher unstreitig ein großes Verdienst des hiesigen Volksvereines, wenn er das Volk über die in der Cultusverwaltung herrschenden Hebel belehrte imd gleichzeitig mit einem positiven, auf gründliche Besserung der Lage gerichteten Programme Mkftrat. Moralisch hat er die Clique bereits besiegt, der bisherige Cultusobmann ist für die Zukunft unmöglich geworden und das Volk weiß jetzt, tvaS es von einer Cultusvertvaltung zu verlangen hat. Was aber die allernächste Zukunft bringen wird, ob der neugewählte Cultusrath trotz Protestes zur Constituierung schreiten oder gar ein Rebierungscommissär zwecks Ordnung des zerrütteten Gemeinwesens emgesetzt werden wird, das ist vorläufig ein Räthsel. Für alle Fälle ist aber die VolkspcÄei bereit, in ihrem Kampfe für das Wohl der Gemeinde und des Judenthumes nicht zu ermüden und sie hofft, dass endlich die gute Sache siegen muss und siegen wird. X. Bösern kann aber noch für die Juden ein Fortschritt zum Bessern' werden, wenn sie endlich zwischen wahren und falschen, streberischen Freunden unterscheiden lernen. Sagen wir es direct: Der deutschpolitische Verein bedeutet für die Juden eine Falle, der Jüdische Volksverein dagegen ein Hort. Letzterer seht voraus; der Jüdische Volksverein'— er steht unter Strauchers Führung — bleibt seinen Principien treu, organisiert die Juden als selbständigen Factor, der sich seine politischen Freunde nach freier Wahl und freiem Ermessen wählt und sei es auch — gegen den Willen der die Juden nunmehr offen preisgebenden Deutschen. Bei den nächsten Gemeinderathswahlen muss dies zum unzweideutigen Ausdrucke kommen, ob die Juden als Juden ein politischer Factor sein wollen, mit dem jede Partei rechnen muss, oder weiter Stimmheloten der christlichen sich von ihnen wenderrden Deutschen bleiben wollen. Moses Luzzatto, Ehrenbürger der Stadt Triest. Aus Triest wird uns geschrieben: Moses Luzzatto, langjähriger Vicepräsident des Triester Stadtrathes, wurde anlässlich seines Scheidens aus diesem Ehrenamte einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt Triest gewählt. Das Ehrendrplom, das dem Gefeierten am 29. Mai überreicht wurde, tveist auf seine dreißigjährige, selbstlose Thätigkeit im Interesse der Stadt Triest hin und erwähnt des Umstandes, dass die Geschichte der Stadt und deren Errungenschaften während dieser dreißigjährigen Periode mit dem Namen Ciwatto eng verknüpft sind. Die Triester Blätter bringen aus diesem Anlässe Festartikel, welche die Verdienste des gefeierten Mannes hervorheben. Ausland. Südafrika und Rumänien. Der Friedensschluss ztvischen den südafrikanischen Freistaaten und England ist auch für uns von höchstem Interesse. Nicht nur, dass endlich das Volk der Buren, dem wir in seinem heldenmüthigen Kampfe nie unsere Sympathien versagt haben, endlich zum Pfluge heimkehren kann, sondern wir haben unmittelbare Berührungspunkte mit Südafrika. Durch den Friedensschluss eröffnet sich ein ungeheures Arbeitsfeld für unsere Brüder in Russland und Rumänien. Es ist Platz für Tausende, die verhältnismäßig leicht Arbeitsgelegenheit unten finden werden, zumal ihnen die „Union-Flagge" gleiches Recht und gleiche Pflichten verbürgt, während sie zur Zeit der burischen Herrschaft unter Ausnahmsgesetzen standen. Wir richten daher an alle Auswanderungsorganisationen den dringenden Appell, diesem Lösungsversuche der rumänischen Judennoth ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. So wohlthuend diese Nachrichten jeden Menschenfreund anheimeln, so ekelerregend sind die Nachrichten aus Rumänien, wo eine gewissenslose Regierung die Juden directzurVerzweiflungundzurEmpörung treibt. Einerseits leidet der Staat an den nothwendigsten culturellen Instituten Dkmgel, andererseits wirft die Regierung hunderttausende von Francs heraus, um mit diesem Reptilienfonds die ausländische Presse zu bestechen, was ihr in vielen Fällen gelang. Sollte es dieser Clique gelingen, auch momentan die Judenfrage zu begraben, so wird doch dieser Staat nicht eher zur Ruhe kommen, bevor er nicht diese Frage im europäischen Sinne gelöst hat. Rumänien hat nur die Wahl, sein gegebenes Wort einzulösen, oder sich langsam aber sicher zu ruinieren. Streiflichter aus der Bukowina. Die Ereignisse werden nun auch vielleicht die Vogel Strauß-Politiker überzeugen. Diese ihrer §ahl nach nur bescheidene Gilde Czernowitzer Spießer schließt die ugen und ruft in die Welt: Wir sehen nichts von einer Scheidung zwischen Deutschen und Juden in der Bukowina. Uird so, mit fest geschlossenen^ Augem formten sie die unter den heutigen Verhältnissen politische Missgeburt eines deutsch-politischen Vereines zur Heranziehung und Züchtung von jüdischem Stimmvieh für die — christlichen Deutschen. Aber diese Preisgebung jeder jüdischen Gesinnung und besseren Einsicht mildert den Judenhass gewisser eingewanderter und von ihnen inficierter einheimischer Deutschen in der Bukowina keineswegs. So fassen nämlich diese Germanen ihr Culturträgerthum hierzulande auf. Sie wollen nichts gemein haben mit den Juden und dies offen und unumwunden, als Parteigrundsatz, einbekennen. Der Antisemitismus soll das Leitmotiv ihres Wirkens und Strebens sein, und für diese Offenherzigkeit muss man ihnen Dank sagen. Die reinliche Scheidung frommt beiden Theilen besser. Mm, wird einen offenen Gegner stets einem heimtückischen sogenannten Freunde vorziehen. Und heimtückisch war der Verein der christlichen Deutschen vom ersten Momente seiner Gründung an, gegenüber den Juden, diesen selbstlosen Verbreitern und Förderern, man möchte sagen, den Pionnieren des Deutschthums in der Bukowina. Denn er wollte nicht Farbe bekennen. Das Wort „Judenknecht" wurde wohl den, Baron Fürth in einer Verfmmnlung vor den letzten Gemeinderathswahlen zugeschleudert, aber man suchte einer Auseinandersetzung über dieses wie ein Shrapnell in der deutschen Gesinnung wirkendes Wort nuszuweichen. Persönliche Eifersüchteleien spielten auch mit. Roschmann konnte es Skedl nie und nimmer verzeihen, dass dieser ihn auS derLandespräsidentengunst verdrängt und um sein, mit Preisgebung der wahren Gesinnung gegenüber den Juden*) erkauftes Reichsrathsmandat gebracht hat. Er sm,n und spann Rache. Die radicalere Richtung unter den Deutschen hatte bald einen Wortführer: Roschmann. Nun sind die Sachen so weit gediehen, wie wir sie im Februar d. I. cmgekündigt: Die Spaltung unter den christlichen Deutschen ist vollzogen; der Fortschritt zum Bösern ist eine Thatsache geworden, mit der mm, nun rechnen muss; der Verein der christlichen Deutschen hcff einen Ableger in einem Vereine, den völkischen Deutschen (oder wie er sonst heißt, der Name thut nichts zur Sache), erhalten. Zwei Grtlppen Deutsche stehen nun einander gegenüber. In der einen, der alten, die Skedl zu führen meint und tvelche Domänenrath Wolf thatsächlich lenkt, und in der neuen unter Führung Roschmanns. In, Wesen sind beide einander lvie Brüder ähnlich. Ein Gedanke war doch ihr Vater: Scheidung von den Juden. Die Wvlfschen Skedlianer nehmen diese Scheidung mehr innerlich, als eineArt Gefühlssache, so mit einem starken Stich ins Jesuitische. Schöne, glatte Worte, höfliche Gcberden im Angesichte, das Flickgewand eines verschlissenen, verblichenen Liberalismus als Deckmantel der Kutte. Die Roschmann-Lcute sind brutaler, dafür aber aufrichtiger. Antisemitisnuis ist ihr erstes Losungswort, „Los von Ron," das zweite. Und zwischen diese beiden Mühlsteine führt Skedl die Juden, denen er doch den ganzen falschen Nimbus seiner Macht dankt. Er lockte sie mit Phrasen; Billigs und Wallsteins echote,, sie nach. Er lockte sie mit gleißnerischert Zusicherungen einer „ausgleichenden Gerechtigkeit" und IvieS bedeutsam auf Baron Bourguiguon hin, als dessen Sprachrohr Skedl sich stets geriert und — der Ruf nach Gimpeln, die auf diesen Leim giengen, ertönte noch lauter. Nun, es zeigt sich, dass Skedl auch bei den christlichen Deutschen den Boden unter den Füßen verliert. Eine Secession in diesen, Lager schwächt die Deutschen. Die Denffchvölkischen wollen allein ihre Sache führen, ohne Mithilfe der Inden und bauen nun mif die Landesregienrng; auf dieselbe Landesregierung, auf tvelche sich auch Skedl stützt, dessen Nachfolger jedoch schon tvartet, mit Geduld wartet, bis Skedl in eine der zahlreichen Gruben, welche seine politische U,Geschicklichkeit gegraben, fällt. Und er wird hineinfallen und tvo nwglich seinen Protector, den Landespräsidenten, mitziehen, tvenn dieser nicht rechtzeitig -— umkehrt. Dieser neueste deutsche Fortschritt zum *) Siehe Canofsagang zum Rabbiner Weiß im Jahre 1897 und dessen Brief an die jüdisckjen Wühler der drei Städte. Die Entdeckung der sog. „Halbjuden" durch Roschmann usw. D. Red. Die Auslanderfrage au der technischen Hochschule in München. Man schreibt uns aus München: Bekanntlich tvurde an der königlich technischen Hochschule mit Beginn des Winter-Semesters 1901/1902, um die sogenannte Ausländerfrage ihrer Lösung zuzuführen, die Neuerung getroffen, dass den Studterenden deutscher Staatsangehörigkeit eine größere Frist zum Belegen von Plätzen in den Hörsälen, sowie in den Laboratorien und Uebungssälen reserviert blieb. Die Folge dieser Maßregel war, dass die fleißigen inländischen Studierenden, d. h. diejenigen, die sich rechtzeitig umthaten, Plätze erhielten, während die Zahl der Ausländer nicht abnahm. Man muss aber bedenken, so wird der „Augb. Abendzeitung" geschrieben, dass diese Ausländer, d. h. die dabei vor allem in Betracht kommenden Osteuropäer bezw. Russen, darauf angewiesen sind, sich ihre akademische Bildung außerhalb Russlands, speciell in Deutschland zu erwerben. Von d,esen russischen Staatsarucehörigen sind nämlich drei Viertel Juden, und diese werden in ihrer Heimat nur zu einem geringen Percentsatze zum Strrdium an den Hochschulen zugelassen. Mm, möchte es in Russland am liebsten ganz verhindern, dass die aus dem Kleinbürger- und Handwerkerstande hervorgehenden Juden eine bessere Bildung sich aneignen, und erschwert ihnen deshalb das akademische Studium auf jede nur mögliche Art. Das nicht-jüdische Drittel der.russischen Studenten an der hiesigen Hochschule ist theils griechisch-orthodox, theils evangelisch (Finnländer und Livländer); diese Studierenden gehören meist der landwirtschaftlichen Mtheilung an. Die Russen also ließen sich die am Beginne des vorigen Wintersemesters getroffene Maßnahme wohl oder übel gefallen, obwohl sie dadurch aus Laboratorien und Uebungssälen so gut wie verbannt wurden, denn die inländischen Studierenden nahmen die Plätze in Beschlag. Die Zahl der russischen Staatsangehörigen vermehrte sich sogar im Herbst 1901, indem sie von 142 beim Beginn des Wintersemesters 1900/1901 auf 210 stieg (bei 2804 Studierenden überhaupt); neu hinzugekommen waren davon 103 (bei 1002 neuen Studenten überhaupt). Da mithin die Maßregel nicht von einem ganzen Erfolge begleitet war, so wurde, weil überdies auch von den deutschen Studierenden vielfach Klage darüber gesi'lhrt worden, dass von den ausländischen Studierenden bei de». Aufnahme nicht die Vorbildung verlangt würde, die der bei uns üblichen entspreche, bezw. die sie in ihrer Heimat beim Uebertritt an eine Hochschule aufweisen müssten, durch das Directorium der technischen Hochschule im Einvernehmen mit dem Cultusministerium vor Beginn dieses Sommer- Semesters verfügt, dass russische Staatsangehörige von nun an nur dann ausgenommen werden, wenn sie bereits an einer russischen Hochschule studiert, oder die zum Besuche einer solchen berechtigende Äusnahmsprüfung bestanden haben. Es kommt nämlich vor, dass letztgenannte Prüfung bereits abgelegt und bestanden ist., und trotzdem die Aufnahme unter Hinweis auf die Bestimmung, wonach ein gewisser Percentsatz Juden nicht überschritten werden dürfe, veriveigert wird. Diese neue für die hiesige Hochschule verfügte Maßregel wurde bald in Russland bekannt, es zeigte sich, dass russische Studierende, die sonst sicher nach München gekommen wären, sich gleich an andere süddeutsche Hochschulen, vornehmlich nach Darmstadt, wandten, wo die Aufnahmsbedingungen wesentlich leichtere sind, als hier. Es wickelte sich also die Angelegenheit in friedlicher Weise, wenn man so sagen darf, ab; neu ausgenommen am Beginn des Sommer-Semesters 1902 wurden 14 Russen (unter 203 neu aufgenommenen Saldierenden überhaupt)", die Zahl der russischen Studierenden beträgt zur Zeit 194 (von 2680 Studierenden überhaupt). Erst im Herbst wird sich der Effect dieser neuen Maßnahme in seiner wahren Gestalt zeigen, denn Ab- und Zugänge von Studiereirden finden an der technischen Hochschule im Sommer- Semester nur in mäßigem Umfartge statt. So viel aber darf man heute schon sagen, dass die in den beiden letzten Semestern eingeführten Neuerungen den Forderungen und Wünschen unserer inländischen Studierenden wohl in vollem Maße gerecht zu werden geeignet sind; andererseits soll aber auch nicht verschwiegen werden, dass die. Grenze der jetzigen Abtvehrmaßregeln wohl icrum. mehr überschritten werden darf, soll nicht die einheimische Industrie, die drcrch ein allzu strenges Vorgehen gegen die russischen Studierenden eine Schädigmlg ihrer Interessen in Russland befürchtet, beunruhigt werden. (Wir hatten lieber als Grund die Humanität als diesen Jnteressen-Grund vernommen I) Uebrigens ist die Zahl der Ausländer an der hiesigen technischen Hochschule im Vergleiche zu der air anderen deutschell Hochschulen immerhin noch erträglich; im verflossenen Winter-Semester z. B. waren 17,7 Percent Ausländer, darunter 10 Percent Osteuropäer s(Ruffen, Rrrmanen, Bulgaren, Serben); die übrigen 82,3 Percent waren Deutsche lind speciell Balrern 67,3 Percent. An anderen deutschen technischen Hochschulen ist der Perceilffatz der Ausländer 26 und noch höher. Schließlich dürfte auch noch die Constatierung nicht ohne Interesse fein, dass von sämmtlichen Stlldierenden der hiesigen technischen Hochschule 84 Percent das Reifezeugnis (Absolutorium von Real- und humallistischem Gymnasium, Oberrealschule und Industrieschule) besitzen; es ist seit den Achtzigerjahren eine wesentliche Hebung des Bildungsniveaus (lim mehr als 20 Percent) der zugehenden Studierenden zu verzeichnen. Nichtzulassung ausländischer Hörer an der Kieler Universität. AuS Kiel wird uns geschrieben: Der Rector der Universität verbot vom Herbst-Seinester ab die Zulassung ausländischer, besonders rilssischer ltnb österreichischer Hörer an der hiesigen Universität, sofern dieselbeil keine reichsdeutsche Prüfuilg abgelegt haben. Das Verbot ruft großes Aufsehen hervor. Juden in Italien. Man schreibt uns: „Der Geileral Giuseppe Ottolellghi, der zum italieilischen Kriegsminister ernannt worden ist, ist Jude unb war noch am letzten VersöhnuilgStage unter den Betern in der Synagoge zu Turin zu sehen. Ottolellghi war cs mich, der am 23. April 1803 den deutscher: Kaiser Wilhelm den Zweiten bei seiner Allweseilheit in Rom bei der Auffahrt zum Vatikan als Adjutmlt begleitete. Er hat als Generalmajor die militärische Ansbilduilg des jetzigen Königs von Italien geleitet. Diese Lallfbahn verdailkt Ottolenghi seiner militärischen Tüchtigkeit unb seiner Beliebtheit bei König Umberto. Erst seit dem Jahre 1848 sind die Juden in Italien zum Militärdienst zugelaffen. Kurz darauf befandeil sich in den Reihen der Freischärler (Cociati) schon 236 Juden. Der heldenmüthige Dictator voll Venedig in der schlinunsten Vedrällgllis, Daniele Manin, tvar jüdischer Abstam- Mllng. 1860 kämpfteil 260 jüdische Freiwillige um Italiens Freiheit. Im italienischen Kriege von 1866 tvaren 280 Juden alÄ Freiwillige unter den Kämpfern; der Coinmmldeur der Batterie, die als die erste 1870 durch die Porta pia in Rom eillzog, war Giacomo (Jacob) Segre, der im Kampfe verwundet, die Tapferkeitsmedaille erhielt. Heute dienen in der italienischen Armee 52$ jüdische Qfficiere. Im Generalstab befinden sich außer dem GeNeralfeldmarschall Ottolenghi noch zwei Obersten, Segre und Debinedetti. Dem allen gegenüber möchten wir an die Aeußerung erinnern, die 1847 im . preußischen Landtag ein preußischer Kriegsminister gethan hat: „Zu Officieren dürfen Juden nicht befördert tverden, da ihnen das Recht zu Staatsämtern ün Civildienst bis jetzt noch nicht zufteht. Sollte diese Schranke fallen, dailil dürfta allerdings kein triftiger Grund obwaltell, sie von der Officierslaufbahn auszuschließeü." Die Schranke ist für den Civildienst durchs die Verfassung gefallen. In der preußischen Armee aber gibt es lloch heute keinen einzigen activen jüdischen Officier. Sollte das am Klima liegen? Die beiden anderen verbündeten Dreibund- Staaten haben das Princip,' die Juden nur als Reserveofficiere züzulaffen, längst aufgegeben. Vor 70 Jahren hatte übrigens auch Preußen einen activen jüdischen Major, Namens Meilo Burg. Dev hatte sich in den Freiheitskriegen ausgezeichnet und alle Versuche» ihn. später zu konvertieren, scheiterten. Sein Sohn war der frei-- sinnige Abgeordnete Dr. Burg." Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 36. Heft des 20. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes, heben wir hervor: Borussische Germanisierung. — Kritisches. Von August Bebel. 1. Die Wahlreform in Bayerll. 21 Das socialdemokratische Reichstagshandbuch. — Und zum drittenmale das belgische Experiment. Von Rosa Luxemburg. (Schluss.) — Wirtschaftliche Umschau. Von Heinrich Cmiow. — Literarische, Rundschau: Karl Jentsch, Friedrich List. Berthold Otto, Lehrgang der Zukunftsschule. Von Heinrich Schulz. Max Kaufmann, Heines Charakter und die moderne Seele. Die Socialistischen Monatshefte (Administration Berlin W, Lützowstraße 86a) haben soeben das Juni-Heft ihres 8. Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Edouard Anseele: Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien. — Eduard Bernstein: Der Kampf in Belgien und dev politische Massenstrike. — Hjalmar Branting: Die Generalstrikeprobe in Schweden. — Wolfgang Heine: Arbeiterbewegung und Socialdemokratie. — Oda Olberg: Eine Theorie der socialen Umwälzungen. — Dr. Hugo Lindemann (C. Hugo): Unsere Forderungen an die Communen. — Dr. Leo Winter: Die Sprachenfrage in Böhmen. — Fanny Jmle: Die Arbeitslosenunterstützung in den deutschen Gewerkschaften. — Henriette Fürth: Die sociale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. — Rundschau: Politik; von Richard Calwer. — Wirtschaft; von Max Schippel.—Socialistische Bewegung; von I. Bloch und Dr. Gumplowicz. — Gewerkschaftsbewegung; von Heinrich Bürger. — Gerraffenschaftsbewegung; von Gertrud David. — Sociale Kommunalpolitik; von Dr. Hugo Lindemann (C. Hugo). — Frauenbewegung; von Lotte Pohl-Glas. — Socialwissenschaften; von Dr. Ch. Schitlowsky. — Rechtswissenschaft; von Wolfgang Heine. — Notizen; von I. Stern. Die Dokumente des Socialismns, herausgegeben von Ed. Bernstein, bringen im Juni-Heft des 1. Jahrganges an erster Stelle, acht Briefe von Karl Marx an Arnold Rüge aus den Jahren 1843 und 1843, die als sehr wichtige Documente für die Entwicklungsgeschichte des jungen Marx von größtem Interesse sind. Mittheilungen über schwere Kämpfe im Familienleben, über die Redactionsführung der „Rheinischen Zeitung", über geplante größere Arbeiten für die von Rüge herausgegebenen Zeitschriften, “TTrt^eile über literarische Erscheinungen des Tages, über die Berliner „Freien'" und ihren Renommier-Atheismus, über die Händel der preußischen Regierung mit dem rheinischen Clerus, Vorschläge hinsichtlick neuer Kampfzeitschriften, und begeistertes Eingehen auf Ruges Idee dev Herausgabe einer Kampfzeitschrist im Auslande — dies und anderes bildet den Inhalt der Briefe, die von der Zeit an, wo Mat^ sich nach seiner Promovierung in Bonn niedergelassen hatte, bis zi» seiner Ilebersiedlung nach Paris und der Gründung der Deutschfranzösischen Jahrbücher (1843—44) hinüberleiten, welche Zeitschrift die vorerwähnte Idee zur Ausführung brachte. Den zum Theil sehr ausführlichen Briefen, in denen die verschiedenen Eigenarten des Marx'schen Geistes sehr eindrucksvoll hervortreten, sind eine ganze Reihe erläuternder Bemerkungen über die in ihnen behandelten Personen, Schriften und Ereignisse beigegeben, die große Mehrheit davon aus der Feder von Franz Mehring, dessen Kennerschaft arff den einschlägigen Gebieten zu bekannt ist, um noch besonderer Hervorhebung zu bedürfen. —■ Als zweiten Beitrag zur Geschichte des Socialismus bringt das Heft einen Aufsatz über Robert Owens Communismus. Owen ist viel mehr als Philanthrop und Socialreformer, denn als Communist bekannt geworden; ja, von verschiedenen Geschichtsschreibern des Socialismus ist sogar bestritten worden, dass Owen überhaupt den vollständigen Communismus gepredigt habe; an der Hand von verschiedenen Schriften Owens wird nun gezeigt, wie es sich mit diesem Punkte in Wirklichkeit verhält. — Als Urkunde des Socialismus bringt das Heft eine Anzahl bemerkenswerter Actenstücke der Buchdruckerbewegung des Jahres 1848. — Eine reichhaltige kritische Bibliographie des Socialismus aus der Arbeiterbewegung, sowie die regelmäßigen Angaben über den Socialismus in den Zeitschriften sorgen für den actuellen Charakter des Heftes, das wieder einige Anfragen und Nachweise sowie Notizen von allgemeinerem Jnteresie bringt. Politisch-anthropologische Revue. Das Heft Nr. 3 vom Juni bringt folgende Aufsätze: I. G. Vogt: Die historische Bedeutung der natürlichen Nassenanlagen.' Ludwig Wilser: Zuchtwahl beim Menschen. Max Rüther: Erbliche Entartung und Socialpolitik. Hans K. C. Buhmann: Nationaler Socialismus und sociale Aristokratie. Karl A. Schmid-Monnard: Die Aufgaben des Schularztes. Ludwig Geislar: Ursprung und Entwicklung. Hermann Türck: Parckora und Sündenfallmythus. Berichte. Besprechungen. Eingesendel. Schulprüfung. In der unter Leitung des „Jüdischen Schulvereines für den 9. Bezirk" stehenden Schule (9. Seegasse 7) findet am 15. ds. vorm, halb 11 Uhr die erste öffentliche Prüfung statt, zu welcher die P. T. Eltern, Mitglieder des Schulvereines, sowie alle Freunde der Anstalt geladen werden. Eine herzlose Hausfrau. Eine blutarme Witwe mit fünf unmündigen Kindern hätte an: 1. Juni, resp., da dieser auf einen Sonntag fiel, am 2. Juni ihre gekündigte Wohnung, 2., Schiffgaffe 11, verlassen sollen. Als Vormund der Kinder, von denen eines krank ist, bat ich nun die Hausfrau, Witwe P., die mute Familie bis Dienstag früh in der Wohrnntg zu belasseit, was sie umso eher thuu konnte, als ja die Wohnung noch rächt weiter vergeben tvar und ich ja für die arme Wittve den Zins bezahlt hatte. Frau Pappenheim kümmerte sich tvenig dannn, dass die anue Familie mit dem kranken, unschuldigen Kinde über Nacht obdachlos ist und begieng die Herzlosigkeit, diese hilflosen Geschöpfe unter Assistenz eines Wachmannes gelvaltsam zu delogieren. Nur tlngern überliefere ich diese, einem jeden Atttisemiten Ehre ntachende Heldettthat der Betlrtheiltmg der Oeffentlichkeit, aber da ich weiß, dass Ihr gesch. Blatt nicht zurückschrickt, die Ungerechägkeit zu bekämpfen, werrn sie auch von einem Juden begmtgen wird, so bitte ich Sie um gefl. Veröfferttlichtmg

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