Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 23 (6.6.1902)
- Date
- 1902-06-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Juni 1902 Nr. 23 ffliimratgicftdlik: Berzeichms bet jüdischen CultuZ^ iiemeinbet:, Vereine und Stiftuntzen bet östeiwcWfch»- unganschen Vcmrarchie. Anfragen, das Jahrbuch bciressend, fittb oiiu die Adminiftmtion, 2., Lwpoldsgasse 49. zu rächten. Parteiorganisation. Da die bisherige Organisation nicht mit dem Awvachsen der Partei gleichet: Schritt hielt, hieltet: die vereiniigteir Ausschüsse der Jüdischarr Dolksvcveine eine gemeinsame Sitzung unter Vorsitz des Vicepräsideirten Hernmiur P l a s ch k e s ab. Es waren der Centraloeueür, dann die jüdischer: Bezirksvereine des 8., 9., .18., 16. mrd 17. Bezirkes, uttb Beiräthe und Vertrarrensnrämrer aus der: übriger: Bezirken, anweserrd. Es lourden einstimrrrig gewählt in derr P a r t e i a u s s ch u s s: Herrnanrr Plaschkes, Richard Rappapock, Dr. Paul Weiserrgrün, Dr. Klein, Dr. Hugo Medak, Max Pahperrheirn, Dr. Karl Lifczis. Irr den C u l t u s a u s s ch u s s wurden einstimmig gewählt: Dr. Jakob Kohn, Josef Steiner, S. Schickler, I. Hager, Ing. Lölvenbeirr, Ar. A. Ascher. Zugleich ( constitrüerterr sich die vereinigten Ausschüsse, verstärkt durch Beiräthe und Vertmuensmänner aus allen Bezirket:, als großes Mahlcornitee für die zickünftigen Cultusgemeindetvahlen, deren Leitung in dien Händen des Cultusausschusses liegt. Crcditinstitllt für jüdische Gewerbetreibende imd Beamte. Im Anschlüsse an rmseren vorlvöchentlichen Bericht veröffentlicht die Direction des Creditinstitutes folgende mit Ende Mai laufenden Jahres abgeschlossene Bilanz, Nielche eine erfreuliche Steigetrmg der Geschäfte in den letzten drei Monaten bekundet und am deutlichsten darthut, dass diese Anstalt einem längst gefühlten Bedürfnisse oirtspricht und deren Erhaltung ein vitales Interesse des jüdischei: Gewerbe- und Beanüenjstandes bildet. Bis Zrnn 31. Mai waren 26 646 K. Geschäftsa/ntheile eingezahlt, das Wechselportefeinlle betrug 32 447 K., die Spareiulagcrr 26 140.63 K., der Sicherstellungsfonds 3460 K. Spende. Das Creditinstitut fiir jüdische Gewerbetreibende und Beamte hat von einer ungenannt sein wollenden Dcnne anlässlich ihrer Genesung eine Spende von 100 K. für den Garantiefouds erhalten. Jüdische Volkslesehalle. Die Jüdische Volkslesehalle war Wege:: Umgestaltung derselben einige Tage geschlossen. Nachdem die erforderlichen Arbeiten bereits vollendet. Wird dieselbe am Sonntag den 7. d. M. wieder eröffnet und so wie früher jüdischen Besuchern zugänglich sein. Boryslaw und kein Ende. Wir mussten anlässlich des Todes des Hofrathes Zcchner die Schatten von Boryslaw wieder heraufbeschwörcn; ein großes Grubenunglück, das am 2. Juni dort stattfand, drängt uns wieder zum Worte. Unseren Lesern ist die Stellung unseres Blattes in dieser Angelegenheit bekannt; wir bekämpften entschieden das Vorgehen Zeichners, der tausende von jüdischen Proletariern dadurch zur Auswanderung trieb, dass er durch neue bergpolizeiliche Vorschriften die kleinen Erdwachsproducenten zur Einstellung ihrer Betriebe zwang. Wir wollen nicht das ganze Sündenregister des Hofraths Zechner wieder anfrollen; de mortuis nil nisi bene. Aber das eine müssen wir constatieren: durch diese aufeinanderfolgenden Katastrophen, den Wassereinbruch in den Schächten der Galizischeu Creditbank und der Gasexplosion in den Erdwachsgruben der Länderbank ist jedenfalls demonstriert, dass durch diese Maßnahmen, die tausende von lleinen Leuten ruinierten und nur den Großunternehmern zum Nutzen gereichten, nicht einmal künftigen Unglücksfällen vorgebengi wurde. Und das war ja die einzige Entschuldigung, die Zechner vorzubringen wusste, dass nämllch die Sicherheit der Arbeiter jene drakonische Dtatzregel erheischte! Der Erfolg? Neunzehn Todte, vier Verwundete! Dass die „Arbeiter-Zeitung", die in dieser Affaire tapfer der Länderbank und dem Hofrath Zechner secundierte und den Abgeordneten Breiter mit Schimpf und Hohn belud, weil er unseren Standpunkt einnahm, die Stirne hat, pathetisch gegen den Arbeitermord zu protestieren, kann uns, die wir längst die Komödie der „A.-Z." durchschaut haben, nicht wundernehmen. Leichenbegängnis. Mittwoch den 28. Mai wurde Frau Regina N e u m a u u , geb. Pappenheim, unter außerordentlicher Beteiligung zu Grabe getragen. Im Trauerhause hielt Herr Rabbiner Fürst die Trauerrede, inbent er in ergreifender Form die Verblichene als (Nrttin, Mutter und als treue Anhängerin des Judenkthu'lns feierte. Tiefbewegt verabschiedete sich hierauf der schmegzerfüllie Gatte, Herr Michael Reumann, Vorstandsmitglied des „Adaß Jisroel" und Obmann des Jüdischen Schulvereines, rnit Anzerg reifenden Worten vor: der Verstorbenen. Nach dar hierauf erfolgte!: Trauerrede des Lehrers Lazar Neufeld wurde der Sarg in den Leichenwagen gehoben und nach Prefsbnrg überführt, woselbst die Beisetzung u>:ter Betheiligung beinahe der ganzen Geurein.de erfolgte. Hier hielten Herr Akiba Schreiber, Sohn des Pressburger Oberrabbtners, und der Bruder der Tnhingeschiedeuen, Herr Wolf Päppeiiheim, die Trauerreden, Ivelche die ganze Trauerversammluug zu Thräueu rührten!. Danksagung. Außefftaude, für die zahlreichen Beileidskundgebungen, welche uns anlässlich des Ablebens imserer unvergesslichen bkrttiit, Mutter, Schwester, SDvägerir: m:d Taille Fra:: R'egiua Äteummm, geb. Pappeuheim s. Ll. schriftlich und mündlich zugekommen sind, direct zu danken, sagen wir ans diesen: Wege aller:, die mrsereu Schimerz mit Trostworten lindertet:, unseren liesiei: Dank. Familien Neiuuanu und Pappeirheim. Erster Wiener jüdischer Turn-Berein 1., Mölkerbastei 6. Der rührige Erste Wiener jüdische Turu-Verein unternahm Sonntag beit 1. Jnni einen Vereinsausflug, an dem sich unter Führung des wackeren Turnlehrers Herni Pollak 80 Turner nnd 20 Turnerinnen betheiligten. Von der Sndbahnstation Liesing führte der Marsch über Kalksburg, das roihe Stadl, Laab am Walde, nach der idyllisch gelegenen Gastwirtschaft zur Pauuzen, aus deren Wiesen man sich bis in die sinkende Nacht bei kräftigenden Turnspielen ergötzte. Der Weitermarsch führte nach Purkcrsdorf, wo die Westbahn die Turnerschar aufnahm. Diese Vercinsansflüge werden sich in der Folge regelmäßig wiederholen, da sie ein ausgezeichnetes Mittel bilden, die Turngenossen einander naheznbringen. Der Tnrnbctrieb bleibt während des ganzen Sommers aufrecht. Der Process wegen des MädchcnnrordeS bei Nachod. Dieser Process hat eilte sensationelle Wendung genommen: der Angeklagte. ist des Mordes geständig m:d zum Tode verurtheilt worden. Wir hätten keine:: Anlass, darüber weiter eilt Wort zu verlieren; die Ansschlachtung, von Criminalfällen überlasset: wir getrost der Wiener Tagcspresse, die ihr mit gewohnter Liebe obliegt. Aber der Fall hajk eine gewisse Geschichte. Wir schriebe!: seinerzeit! in der Nr. 41 des 3. Jahrganges VE 11. October 1901 unter der Spitznmrke: Wie es gemacht wird. (ZumMcid chenmorde in P e k l o.) In der Nähe von Nachod tvnrde die schrecklich verstümmelte Leiche der 16jährigen Marie Suchanek aufgefunden. Das ist der trockene Thatbestand, und in anderen civilisiertcn Ländern Ivürde die Untersuchung ihren geregelten Fortgang nehmen. Aber wir leben nicht umsonst in Oesterreich, wo die Ritualrnord-' compagnie durch die Verurtyeilung Hülsners einen schändlichen Triumph erlebt hat. Der Mörder ist nicht bekannt; folglich liegt nichts näher, als das Märchen vom Ritualmorde anszusprengen. Zuerst entstehen dunkle, nncontrolierbare Gerüchte am Thatorte; dann greifen die bewährten Bluthunde Schneider, Schwer u. Co. ein und eröffnen die Hetze im „Deutschen Volksblatt". Natürlich zuerst vorsichtig; es erscheint eine Notiz mit der Spitzmarke: Ein Fall nach dem Muster von Polna? Man beobachte das verschämte Fragezeichen; dann nach kurzer Zeit, innerhalb derer die Ritualmordcompagnie Gelegenheit fttibet, die Spuren der wirklichen Thäter zu verwischen, dafür aber einige unschuldige Juden in irgendeinen Zusammenhang mit der That zu bringen, wird aus dem verschämten Fragezeichen ein unverschämtes Ausrufzeichen. Im Anfänge lässt man andere Möglichkeiten, zmn Beispiel Nekrophilie, zu und deutet nur von ferne, natürlich ohne den Schatten eines Beweises, an, „dass sich das Gerücht um Nachod verbreite, dass der Mord im voraus berechnet gewesen sei und demselben ein ähnliches (sic!) Motiv zugrunde liege, wie beim Polnaer Falle". Es gibt in Oesterreich niemanden, der solchen Verdunklungsmanöbern auf die. Finger sehen würde; die österreichische Maffia herrscht unumschränkt. Kühn gemacht durch die liebevolle Nachsicht, werden dmin aus dunklen Gerüchten sichere Nachrichten, aus Vermuthungeu Gewissheiten; flugs wird neben und unter den Augen des Gesetzes ein eigenes Untersuchungsbureau gegründet, Meineide werden geschmiedet, Verleumdungen vorbereitet, kurz und gut, die ganze Komödie insceniert. Die Regisseure sind gut bezahlt, und reicht der religiöse Fanatismus nicht aus, so thut das Geld das übrige. So geschehen in Polna. Ein armes Mädchen ist bei Nachod ermordet worden und die Untersuchung ist im Gange; wir hätten keinen Anlass, uns damit zu beschäftigen, und der gerichtliche Gang der Untersuchung wird von uns gar nicht berührt. Aber wir sehen wieder die Hyänen auftauchen und ihr menschenunwürdiges Gewerbe an der Leiche treiben. Man hat einmal in kurzsichtiger Verblendung und altösterrcichischer Schlamperei ihnen ein Opfer zum Fratze hingeworfen, den unglücklichen Hülsuer; „an Ruh" wollten unsere biederen Gesetzcsvertreter haben; man bestätigt das Urtheil trotz der schreienden Widersprüche, um sich die antisemitische Meute vom Halse zu halten, und mau begnadigt dann den sogenannten zweifachen „Mörder", um nicht Blutschuld auf sich zu laden. Nach diesem echt österreichischen Verfahren, das den vollsten Beifall Ehren-Taffees gefunden hätte, glaubte man diese Sache endgiltig erledigt zu haben. Aber die mystische Gerechtigkeit lässt ihrer nicht spotten; jede Verletzung ihrer Majestät rächt sich furchtbar; seit der Verurtheilung Hülsners ist etwas krank in dem Rechtsleben unseres Staates. Die Bluthunde haben Blut geleckt und sind von dem süßen Pöbel für ihre Thaten decoriert, von der Staatsgewalt nicht bestraft worden. Sie dürsten nach neuen Opfern. Wir erfüllen unsere öffentliche Pflicht, indem wir rechtzeitig aufmerksam machen, wie es gemacht wird; gerade so begann die Hetze in dem Polnaer Falle. Dian trat ihr damals zu spät entgegen; freilich konnte man dieses Maß von menschlicher Niedertracht im zwanzigsten Jahrhundert im cultivierten Europa nicht annehmen. Aber die Ereignisse haben uns gelehrt, dass unter unseren Augen in Oesterreich eine Sippe ihr Unwesen treibt, die an Moral etwa aus der Stufe der Canuibaleu steht; ungescheut setzt sie falsche Mordgerüchte in die Welt, ohne dass ein Staatsanwalt ihr ein Härchen krümmen würde. Dies wollten wir aunageln; nützt es schon nichts, so soll wenigstens ein künftiger Culturhistoriker ein wahrheitsgetchnes Bild haben, wie es am Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts nsit dem öffentlichen Gewissen Europas stand, neunzchnhundertimdein Jahre, nachdem die Lehre Joschuas, auch Jesus von Nazareth genannt, in Europa als officielle Moral allgemein anerkannt worden war. Unser energisches Auftreten halte bei: Erfolg, dass das „D. V." und die gesimnmgsverwandte Raubmörderpresse in ihrem öffentlich^: Auftreten vorsichtiger wurde. Tagegei: entblödcten sich die Abgeordneten A x m a n u, Dr. Weiskirchner u n d Genossen nicht, gestützt auf ihre Immunität, in der Sitzunig vom 20. October 1901 eine denMovd betreffende, gegen' die Juden gerichtete Interpellation einzubringei:. Wir habet: öffentlich diese Abgeordneten apostrophiert, ihre seinerzeitigen Ausführungen zu widerrufen, lvenn sie t:och einet: Funken von Ehrgefühl im Leibe hättet:. Sie haben es nicht geihan, und sind damit in den Äuget: aller anständige!: Leute gerichtet^ Oder glaubt Dr. Wetskirchner damit trerterlich seine Befähigung zum Magistmtsdirector der Stadt Wiet: ttachgewiesan, zu haben? Wir erklären hier ganz offen, dass c£ den P a - t r i o t i s m u s des jüdischen Volkes herausfordert: h e i ß t, wenn bic_ Regierung zugibt, dass dieser tvüsie stlgitaior an diesen verantwortungsvollen Posten gesetzt Ivird. Wie lange, wird die Regierung noch u n t h ätig zuse h e n, dass H t: nderttausende ihre r treue st c t: 11 n t e r t h auen täglich an ihrer Ehre g ekrä t: k t werden? A u ch unsere Geduld k a u n r e t ß e n. Das Muster einer Custusverwaltuna, wie sie nicht sein soll. Wir haben in der letzten Nninmer dieser Zeitnnss über die Jüdische Volkspartei in Rzeszotv nnd das Ergebnis der daselbst jüngst stattgefnndenen Eultiisrathswahl berichtet. Da die Rzeszower Cultnsgemeinde zrr den größeren des Reiches gehört (sie zählt niehr als 10 000 Ejemeindemitglieder) und da die in dieser Cultnsgemeinde herrschenden Verhältnisse für viele Gemeinden Galiziens typisch sind, so tvird es tvohl von attgelneinem Interesse sein, wenn wir, an unseren Vorerlvähnten Bericht über Rzeszow anknüpfend, den übercnts traurigen Zustand dieser Cultnsgemeinde in knapper Form schildern. Die Berwaltlmg dieser Cultnsgemeinde ruht seit Jahren in den Händen einer Clique, die einerseits mrs sogerianttten Fortschrittlichen oder richtiger gesagt Mts Personen, denen sowohl jüdisch« Religion als auch stidisches Volksthum völlig fremde Begriffe sina^ andererseits aber aus Repräsentartten der schwärzesten Reactwn odev genauer ansgedrückt, ans Personen, denen als Hauptaufgabe dev Genicinde die Herrstchaftsbegrüttdurig ihres Wunderrabbi erscheint, gebildet ist. Der sogenannte fortschrittliche Theil dieser' Cliquebesteht ans Epigonen lener Fortschrittspartei, tvelche die den Juden nn Jahre 1848 getvährte Gleichheit vor dem Gesetze zil einem völligen Aufgehcn des Judenthumes unter den anderen Völkerrt ausgestalten wollten; während aber jene alte Fortschrittspartei von dem Ideale eines politischen und socialen Selbstmordes des Judenthumes beseelt consequenterweise jede conserbative Partei im Judenthum bekämpfte, haben ihre Nachfolger, nachdem die Assimilation völligen Schiffbruch erlittet! hat nnd sie somit für das Judenthum überhaupt kein zu erstrebendes allgemeines Programm hatten, es für gattz natürlich befunden, sich mit der extremsten Reaction zu vereinigen — mit mm mit ihrerHilfe die Vorherrschaft in derGemeinde an sich zu reißen. Und so hat diese herrschende fortschrittlich-reactionäre Clique eine völlige Programmlosigkeit und ein ausschließlich persönliches Streberthum in der CultuZgemeindeleitnng gro^ezogen. Es entstand eine wilde Jagd nach persönlichen Vortheilen und nach persönlicher Macht, und die einzigen, die innerhalb dieser Clique noch sachliche, tvenn auch reactionäre Ziele verfolgten, das ivaren — der Wahrheit muss Gerechtigkeit geschehen — die Chassidim. Diese wollten wenigstens ihren Wunderrabbl und ihren Rückschritt haben; aber die intelligenten Müglieder des Cultusvorstmides mein- , ten nur sich selbst! Dass sie im Cnltusvorstande keinen Förderer der Religion wollten, das beweist zrir Genüge der Umstand, wie oft sie tvährend des Jahres eine Synagoge besuchen; Fortschritt tneinten sie auch nicht, weil sie ja mit der schwärzesten Reaction Hand in Hand giengcn, und das Wohl des Volkes sttebten sie ebensowenig an, weil sie ja noch immer nicht zugeben wollen, dass die Juden ein einiges Volk, ein Volk mit besonderen geschichtlichen Traditionen und culturellen Erfordernissen sind. Was suchten daher diese Herren in der Cultusverwaltuttg eines Volkes, das ihnen völlig fremd ist, für welches sie weder Herz noch überhaupt ein sachlich zu erreichendes Ziel hatten? Nichts als Befriedigung eigener Ambition, als Macht und persönlichen Vortheil l Bei einer solchen Verwaltung war es mich natürlich, dass die wichtigsten Interessen der Gemeinde vernachlässigt wurden. Wie konnte man nämlich eifriges^ Wirken in der Cultusverwaltung von Leuten erwarten, denen diese ganze Verwalttlng gleichgiltig war, die für diese Verwaltung keine Ziele, kein Programm, keinen Sinn und kein Herz hatten, und die mit der erfolgten Mahl den größten Theil khres Strebens bereits erreicht hatten, da es sich ja später nur darum hmidcltc, durch gelegentlich, wenn auch auf Kosten des Gemeindewohles, den Behörden bei Wählen für den Reichsrath und sonstigen Anlässen zu erweisenden Gefälligkeiten, für sich Belohnungen in Gestalt von Titeln nnd Auszeichnungen zu erlangen. Dass die Wahl in die Cultusverwaltung mich Pflichten gegenüber der jüdischen Genicinde mifcrlcgt, das vergaßen diese Herren oder wollten es vergessen, nnd so kmn es, dass in der Verwaltung der jüdischen Cultnsgemeinde eine Misswirtschaft sich einnistete, die weit und breit ihres Gleichen suchen muss. Es wurden Monate, ja Jahre hindurch keine Cultnsrathssitzungen einberufen und wenn solche Sitzungen mit Rücksicht auf die Nothwendigkeit der jährlichen Vorlage eines Budgets an die k. k. Bezirkshaupüuannschaft einberufen wurden, so wurde dieses Budget nie eingehalten. Rechnnngsabschlüsse wurden seit Jahren nicht verfasst und die Cassagebarimg erfolgte auf diese Weise, dass die Gemeindeangestellten bei den Gemeinderäthen direct Vorschüsse auf ihre Gehalte eincassierten oder dass der Synagogendiener (!) zwischen (tzcmeindepächtern nnd Angestellten der Gemeinde in Ein- und Auszahlung vermittelte und erst später berichtete, welche Posten ein- und welche ausbezahtt wurden. Monate hindurch wurde das Cassabuch nicht geführt und wegen rückständiger Steuern wurden die Gemeindeeinkünfte zwangsweise durch Sequester verwaltet. Ja sogar die kleinsten Forderungen von Gewerbetreibenden und Kleinhändlern wurden nicht befriedigt nnd die Leute mussten sich jahrelang die Füße w-nndlaufen, ohne Bezahlung ihrer schwer erarbeiteten Verdienste zu erlangen. Die nöthigsten, wenn auch noch so geringen Ausgaben für Reparaturen der Äemeindcbmrtcn wurden nicht gemacht, so dass diese Bauten mit der Zeit vollständig depreciert und dem Verfalle anheüngegeben ivurden. Dieselbe Gemeinde, welche vor vielen Jahren, als sie noch klein war, die Mittel besaß, um zwei prächtige Synagogen aufzuführen und ein reinliches, wenn auch kleines Spital zu leiten, konnte jetzt nicht mehr dieselben Synagogen nnd dasselbe Spital oder die sonstigen Gemeindebauten erhalten. Das ehemalige Spital wurde als Kaserne dem k. u. k. Militärärar vermietet und im sogenannten Heldisch ein Spital errichtet, dessen, Zustand jeder Beschreibung "spottet. Die Synagogen befinden sich in einem traurigen Zustande und die wunderschöne Neustädter Synagoge wurde schon wegen gefahrdrohenden Zustandes thciliverse behördlich gesperrt. Zwar hatten Private noch rechtzeitig einige tausend Gulden durch Sammlungen aufgebracht, um diese Synagoge vor dem Verfall zu retten, aber es ist das Verdienst der Culttlsleitnng. dass aus versönlichem Llutagonismus die schon vorbereitete Restauration der Neustädter Synagoge vereitelt wurde. Das rituelle Bad und die sonstigen Gemeindehäuser befinden sich ebenfalls in einem unglaublichen Zustande nnd es ist tagtäglich zu befürchten, dass eines oder mehrere dieser Bauten behördlich wegen gefahrdrohenden Zustandes gesperrt werden. Die alten Friedhöfe und der jetzt benützte Friedhof iverden gar nicht beaufsichtigt, haben keine Wege und Straßen nnd bieten überhaupt eiueu trostlosen Anblick. Die Verwaltung der Synagogen und Bethäuser^ loird gar nicht beaufsichtigt und wir haben keinen Rabbiner und keinen Religionslehrer in den öffentlichen Volksschulen, obwohl für beides die ^Culttlsverwaltimg zu sorgen gesetzlich verpflichtet ist. Dagegen gieug das Streben der Cultusverwaltung dahin, durch Anfnahme von Nabbinatsassessoren ohne Begrenzung ihrer Zahl, nnd zwar vorwiegend von solchen, welche von der schwärzesten Reaction protegiert wurden, sich die sichere Freundschaft eben dieser Reaction zu vergewissern. Für diese Rabbinatsasfessoren war ja gesetzlich gar keine Qualisication inbezng ans Stndinm und Bildung vorgeschriebeu nnd daher der nachsichtliäst'n Beurtheilnng der Cnndidaien ein freies Feld eröffnet! Nebrigens konnte «um doch sicher erwarten, dass diese Rabbinatsasfessoren sich eher als blinde Werkzeuge der herrschenden Clique würden benützen lassen, als ein gesetzlich qualificierter Rabbiner, der zugleich eine Autorität ans talmudischem Gebiete wäre. Ans ähnlichen Gründen ivurde auch für Volksbildung, sei es moderne, hebräische oder speciell talmndische, gar nicht gesorgt. Die Gemeinde! besitzt gar keine Volksbibliothek nnd die Talnmd- Thora, für welche die' Cultnsverwaltnng in erster Linie zu sorgen hätte, bildete stets das Stiefkind dieser Cnltusverwaltnng.,, Die Kinder der Armen genießen weder modernen noch mich hebräischen Unterricht nnd das aus Privatmittcln errichtete Talmud-Thora- Olcbände wird als Klans der in der Verlvaltnng der Gemeinde vertretenen extrem reactionären Partei verlvcndet. D)ese Aufzählung der geradezu unglaublichen Misslichkeiten in der Cnltusverwaltnng könnte noch iveitcr fortgesetzt werden, aber schon das, was hier gesagt wurde, genügt unzweifelhaft, um die vollständige Unfähigkeit des bisherigen CnltuSvorstandes gu erweisen und cm getreues Bild der durch diesen Vorstand erzielteu Verwaltiliiigsresultate gu geben. Bei der geschilderten völligen Anarchie uibezig: auf die allerprimitibsteu rein wirtschaftlichen Agenden der Cultusgemeinde konnte selbstverständlich von einem Erfassen der höheren Ziele der Cultnsverwaltnng imb einem Wirken für die Vesserilng der trostlosen Lage der Gemeindemitglieder überltmipt keine Rede sein. Trotzdem sich das Elend unter den 61cmeindemitgliedern von Tag zu Tag steigert, trotzdem vom flachen Laude immer nwhr Juden, durch die landwirtschaftlichen Geuosseuschafteu verdrängt, m die Stadt strömen, um hier Armut und Noth zu vennehren, hallte sich die Cultnsgemeinde in ein vielsagendes Schweigen. Maren doch