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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 6. Juni 1902 Seite 5* Du-Freunde. Herrn Hlalvitschka, unterrichtet und auf die nothivenk dige Bekämpfung des Kartells mismerksam gemacht wurde; es ist eine j Thatsache, dass sich Herr Wvlf bei dieser Besprechung eingehend j über die vom Znckcrkartell vorgenommene Betheilung der Presse > mit Schweiggeldern infor*«kcrte: es ist endlich eine Thatsache, dass | die „Ostdeutsche Rundschau", btc vom Zuckerkartell bei Äetheilung - mit Schweiggeldern stets begehrte Gegenleistung erfüllt und über' die Ausbeutung der Rübenbauern durch das Znckcrkartell unt» über die schädliche Wirkung des Zuckerkartells geschwiegen hat, ja sogar, Nachrichten zugunsten des Kartells gebracht und die Beröfsentlichun- - gen des Zuckerkartclls abgedruckt hat." An neuen Beschuldigungen wird in der Flugschrift erzählt: Mit Wissen Wolfs wurde mit der unter der jüdischen Fincmzgrötze Tanssig stehenden Staatseiscnbahngescllschaft ein Pauschalier:- vertrag abgeschlossen, der durch seine Verpflichtung, sich in der Kritik der an der Spitze des Instituts stehenden Fnnctionäre einer Reserve zu befleißen, besonders interessant ist. Die „sachliche Kritik" wird selbstverständlich liebenswürdigerweise bei diesen ehrenvollen Geschäften stets gestattetI Auch bei der früher so oft und oft als verlottert verschimpftcn Südbahn wurden Pauschalien erbettelt und angenommen. Hierbei ist die Südbahn generös genug, zwar die Kritik des Bahnmate-; rials zuzulasseu, wenn nur die Kritik geivisser Persönlichkeiten ausgcschaltet wird. Damit ist die Reihe der jüdischen Banken und kapitalistischen Unternehmungen nicht erschöpft, bei denen Wolfs „Ostdeutsche Rundschau" Pauschalien erbeten hat, die man natürlich dem Blatte des unerschrockenen und unbestochenen Volksmannes nicht gern vorenthielt. Denn es ist auch für eine jüdische Bank ehrenvoll, mit einem so überzeugungstrcucn Antisemietn wie Herrn Wolf in geschäftlicher Verbindung zu stehen. Nur weil cs auch den „starren, unbeugsamen Oppositionsmann" Wolf, vor dem die Regierung angeblich zittern soll, kennzeichnet, füge ich bei, dass sich Herr Wolf, während er im Parlament die Negierung bekämpft, doch nicht abgeneigt gezeigt hat, auch mit einem Ministerium zu „pauschalieren". Da muss man an das Wort aus gekrönten: Munde denken: „Ich liebe eine gesinnungsvollc Opposition." Auf diese vernichtenden Anklagen weiß Wolf nichts als ein verlegenes Stammeln vorznbringen. Er bittet wegen Verirrungen um Eniitschiuldigung, er, der Fegen seine Gegner, Jlldcu und Christen!, niemals die geringste inenschliche Ztegmrg zeigte. In Sachen der Annahme von Pauschalien erklärt er, dass die Banken und Bahnen nach dem Jnfertionstavif ihnr eigentlich noch mehr zahlen müssten. Also die neueste Pose dieses politischen Berlvandümgskünstlers, Wolf als Beschützer der jüdischen Banken, der ihnen Nachlässe gewährt iini dem heißen Kampfe, sie zugrunde zu richten. Wahrlich, lieber keine Vertheidigung, als eine solche lächerliche, die mit die Verachtung eines jeden hervorruft. Freilich, seine Schuld macht die anderen nicht besser. Die einzige wirkungsvolle Stelle seiner Vertheidigungsschrift ist die, in der er der „Alldeutschen Vereinigung" zuruft, sie möchte den suchen, der von einer böhmischen Brauerei 400 fl. nahm, wofür er seine Angriffe einstellte. spricht doch Wolf auch sonst ungescheut aus, dass der einzige Unterschied zwischen ihm und den Schöneiianern darin besteht, dass er erwischt und die Schönerianer — Noch nicht erwischt find; das gemeine Benehmen Schöuerers anlässlich! d>er Auslieferung Schalks, der zuerst Wolf in den Process Vergant hineinhetzte, um jetzt die Auslieferung Wolfs zu beantragen, rechtfertigt ein solches Urtheil. Wahrtnh, dieses Bild sittlicher Verkommenheit in den unverfälscht deutschen Kreisen ist grauenerregend; die ostdeutsche Liguori-Moral ist zmn Gespötte Europas geworden. Ferne sei es von uns Juden, dass wir angesichts glücklich sehe. Was konnte ich also thun? Schinden und rackern, schinden und rackern. Von sieben Uhr früh bis zehn Uhr abends. Und als der Monat um war und die Honorare einliefen, berechnete ich, dass sich mein Einkommen auf nahezu zweihundert Gulden monatlich erhöht hatte. Ist einmal eine Erhöhung des Einkommens erreicht, sagte ich mir, so kann sie wohl festgehalten werden — vorausgesetzt, dass mein Fleiß der gleiche bleibt, das heißt, vorausgesetzt, dass ich nicht müde werde, tagaus, tagein, jede Stunde einen Esslöffel voll meines Gehirnes aufzusreffen. Zweihundert Gulden sind viel Geld. Wenn man über solche Sumnien verfügt, so braucht eine nette Sommerwohnung in Purkersdorf kein nnrealisierbarer Traun: zu bleiben. Auch besser kleiden kann man sich und hie und da ein paar guten Freunden einen Braten und ein Glas Wein vorsehcn. Ich theilte meiner Frau das Ergebnis meiner Berechnung mit, fand aber nicht die enthusiastische Aufnahme, die ich erwartet hatte. Erst später begriff ich, dass Purkersdorf und Gastein nicht ein und dasselbe sind... Ich war verzweifelt und als meine Frau mir schonungsvoll vorhielt, dass ich so unpraktisch sei, und dass andere Collegen, die nicht die Hälfte meines Talentes besäßen, durch kluge und lucrative Placierung ihres bisschen Geistescapitals das Fünffache verdienten, da war ich nahe daran, in Thränen auszubrechen und sie um Verzeihung zu bitten für alles, was sie durch meine»: völligen Mangel an kaufmännischer Combinationsfähigkeit entbehren musste. Ich stammelte verwirrt: „Mein Kind, ich kann doch nicht mehr, als mich zutode arbeiten. Verdiene ich Deine Vorwürfe?" Sie lenkte begütigend ein: „Davon isi keine Rede, aber Du musst doch selbst zugeben, dass es an Scandal grenzt, wenn ein Mensch von Deiner Begabung nicht imstande ist. . . ." Sie vollendete den Satz nicht. Nach einer kleinen Pause sagte sie energisch: „Nein, das geht so nicht weiter. Da muss etwas erfunden werden!" — Und sie erfand etwas . . . Sie werden mich fragen, Herr College, wieso es denn kommt, dass ich so widerstandslos alles mit mir geschehen ließ, warum ich mich gegen die Versuche, mir die Besonderheiten meiner geistiaen und seelischen Beschaffenheit zu enteignen, nicht ordentlich zur Wehre setzte. Nun das hat seine Gründe. Erstens bin ich, wie ich jä schon mehrfach erwähnte, todunglücklich, wenn meine Frau mir ein verdrießliches Gesicht zeigt. Sagen Sie, was Sie wollen. Ich kann's nun eimnal nicht ertragen. Außerdem aber wäre es auch eine Roheit gewesen. In der Bedenkenlosigkeit meines verliebten Egoismus brachte ich ein harmloses naives Ding dazu, nüt nur ein Leben zu theilen, welches für niich inhallsreich ist, für so ein junges Geschöpf aber nach einem kurzen Eitelkeitsrausch nur enttänschungsvoll und langweilig werden inusste. Soll ich meine Frau zu allem Ueberflnsse auch noch dafür verantwortlich mache», dass ich keine Lichtstrümpfe fabrieiere und im vorigen Sommer es versäumte, Alpine-Aclien zu taufen, als sie 180 notierten? Ist das Logik? Ja? Das meine ich auch. Wie gesagt, meine Frau erfand etivas. Es war nicht gerade neu, aber eine ganz hübsche Idee. Ihr Caleul war sehr einfach. Mit den „idealistifthen Sachen", wie sie es nannte, kam ich zu nichts, folglich musste ich etivas anderes versuchen, was auch im Bereiche meiner Begabung lag. Und wem: Delilah es sich in den Kvps gesetzt hat, Simson den Philistern auszutieseru, so thut sie solcher Corrupiüm in sichjer nichtjüdischen Kirchen uns in die Brust werfen; aber annageln müssen wir diese schamlosen Maulhelden, die Jahre hindurch Tag für Tag unser Volksthum mit Koth bewarfen, sich mit der R ein h eit i h r er Sit ten brüsteten und nun in ihrer ganzen Verkommenheit dastehen. Da haben wir doch ein Recht, auszurufen: Solche Lotterbuben wie Ihr h a b e n i'l b e r h a u p tj kein Re ch t, ü b e r unser altes Volk zu Gericht gu sitzen! Lemberger f tief. (D i e Lemberger Gemeinderaths wähle n.) (Orig.-Corr. des „Jüd. Volksbl.") Die entscheidende Schlacht bereitet sich vor. Am 28. d. M. wird dieselbe geliefert werden. Es geht ernst und heiß zu, als gälte es, einen entscheidenden Moment im Hause Oesterreich herbeizuführen. Ganze papierene Arsenale stehen in voller Arbeit — Druckerschwärze, dieses unschuldige Blut des Zeitgeistes, wird in Strömen vergossen. Das Schlachtgewoge droht fürchterlich zu werden. Man wird uns gestatten, dem geehrten Leserkreise in kurzen Zügen mitzutheilen, um welchen Kampfespreis da so heiß gekämpft werden soll. „Oto-toi gua je m'y mette!" Rühr' Dich weg (vorn Platze), dass ich mich dort niedersetzet Die Volkswähler lieben Abwechslung. Dieser Zug der menschlichen Familie bildet den Mauerbrecher und hat seine eminente architektonische Bedeutung im Haushalte der Menschheit. Bei aller Unliebsamkeit dieser Erscheinung, bei aller oft schreienden Ungerechtigkeit, die wir constatieren, scheint dieselbe im Geiste des weiten schöpferischen Planes zu liegen, der seine edelsten und erhabensten Geschöpfe unbarmherzig verkommen lässt, um andere an Stelle der alten treten zu lassen. In Lemberg besteht eben eine derartige Partei, die jetzt niedergerungen werden soll. Sie heißt die Partei der Strzelnica — Schießstätten-Partei. Diese als Bürgerpartei bei dem Gros der Lemberger Gemeindemitglieder in üblem Gerüche stehende Clique bestand durchaus nicht aus der Cröme der Lemberger Gesellschaft. Dem gegenwärtigen Lemberg erscheinen unsere Schießstättler als der Inbegriff der Corruptiion, als die gefräßigsten unter den gemeindeverzehrenden Hyänen. Inwieweit dies auf Wahrheit beruht, überlassen wir dem Großinquisitor, dem Herrn Reichraths-Abgeordneten Ernst Breiter und den übrigen. Omer Pescha. . Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, dass dieser sattgefressenen Schießstätten-Partei unter den Polen mosaischer Confessio:: eine jüdische Dependance von einem Dutzend Gemeinderäthen im Cultusraths-Palaisin der Bernsteingasse hat:Auch Polenmosaischer Confession. Indes unterscheiden sich diese beide Polengattungen voneinander ungefähr wie jene Hofjnden am Beginn des 19. Jahrhunderts, die zur Festtafel geladen waren, um zuzuschauen. Die kaiserlichen oder königlichen Gäste verzehrten wohl leckere Gerichre, während ihren Gästen das Wasser im Munde zusammenlief. Wir kennen unter allen jüdischen Gemeinderäthen keinen, der den christlichen die ausgetragenen Speisen streitig gemacht hätte. Aus den blutarmen Leuten, welche ehemals Kottuny (ungewaschene Weichselzopfpartei) waren, hat sich eine ganz glänzend situierte Gesellschaft herausgemacht. Mein Herz, was willst Du noch mehr! Unsere Gemeinderaths-Juden werden, wie angedentet, schon an der Augenweide satt — satt daran, dass sie die Ehre genossen, sich zu sonnen an dem Glanze und Kopfnicker zu allen den Thaten der christlichen Stadtväter sein zu dürfen. Aber auch eines Verdienstes soll hier Erwähnung geschehen, welches unsere jüdischen Gemeideräthe sich erworben haben währendihreslangjährigen thatenreichen Schweigens in der Rathsstube: die Erwirkung von Subventionen für den jüdischen Armenfonds, dem man die jüdischen Strafgelder überließ, und einige tausend Gulden für das jüdische Waisenhaus, die man dem so ganz zahmen Vorstande zukommen ließ. es auch. Er hintergeht sie einmal, zweimal, und dann kommt so eine süße Schäserstunde, so ein Zustand glückseliger Besinnungslosigkeit und Delilah ergründet mühelos das Geheimnis, wie man es anstellen müsste, die Wurzeln von Smrsons Kraft zu unterwühlen. Kurz vor Weihnachten war ich eben daran, dem „Pester Lloyd" eine Weihnachtshumoreske, die ich für sehr witzig und amüsant hielt — und sie war es auch thatsächlich — einzusenden. . Meine Frau kam dazu. Sie hatte das Manuscript gelesen und heftete vorwurfsvoll die Augen auf mich: „Nicht wahr, da schickst Du wieder den Schweiß Deiner Nächte weg, um Dich von den zwanzig Gulden Honorar, die Du bekommst, beglückt zu fühlen!" — .Mein Kind," wagte ich einzuwenden, „die Leute zahlen nicht besser." — „Dann schreibt man einfach nichts für sie," resolvierte sie kurz. Und nach einer Pause: „Gib mir das Manuscript!" — „Was willst Du damit?" — „Das lass meine Sorge sein." — Ich versuchte noch ein wenig zu widersprechen, dann lieferte ich ihr das Manuscript aus, denn ich dachte: Ein Nundgang durch die Wiener Nedactionen wird Dich besser und gründlicher als meine Erläuterungen darüber auskläreu, dass aus einer Humoreske von mäßigem Umfange nicht mehr wie zwanzig Gulden „herauszuschlagen" sind. Ich hatte mich verrechnet. Meine Frau war klüger und praktischer wie ich und wusste überdies genau, was sie wollte. Meine Humoreske spielte in einer Weinstube. Was thut man mit so einem Ding? Man geht zu einem großen Weinhändler und sagt ihm: „Da ist eine ausgezeichnete Humoreske aus der Feder eines bekannten und beliebten Wiener Schriftstellers. Alle Leute darin trinken Weine, die Ihre Marken führen, was ist es Ihnen wert, wenn ich die Geschichte in zweihundert Zeitungen als Feuilleton abdrncke?" Meine Frau und der Weinhändler wurden : handelseins. Meine Humoreske wurde, nachdem die Weine, d:e in ihr getrunken wurden, ihre Namen erhalten hatten, in zweihundert in- und ausländischen Zeitungen gegen Bezahlung der tarifmäßigen Gebür veröffentlich! und mir verblieb ein Reingewinn von rund fünfhundert Gulden. Denn meine Frau packte die Sache sehr geschickt an. Selbst an den Gebüren wusste sie bei jedem Blatte etwas zu verdienen, Als sie das Geld heimbrachte, fand sie wieder ihr entzückendes Lachen, und ich liebte es so unendlich, dieses glückliche Lachen von Kindern, denen eine Freude widerfährt.... Ich habe Zeiten gehabt, wo ich alles Glück und alle tiefen Genüsse des Lebens nur in mir selbst suchte und fand. Damals schienen mir zweihundert Gulden ein Vermögen. Nun klärte mich meine Frau aber auf. „Fünfhundert Gulden sind nichts, just eben nur ein hübscher Anfang." Und als ich mein gewohntes rathloses Gesicht zeigte, küsste sie mich auf die Stirne: „Ach, Du mit Deinem unheilbaren Idealismus, wenn Du auf Dich allein angewiesen wärst, Du kämest im Leben zu nichts. Was glaubst Du, wenn ich etwas angepackt habe, lasse ich es so leichr auS? Auch Schuhwareufabrikanten lassen sich gerne besingen." . . . . Eure furchtbar praktische Frau. Was? Die weiteren Einzelheiten des Vorganges meiner Ueberwindung durch das Philisterium werden Sie nicht interessieren. Genug, ich unterlag. Ich will ja nun sicherlich niemanden an- Dies der Erfolg der zwanzigjährigen Waffenbrüderschaft, richtiger der Heeresfolge. Abgesehen von jenen Männern der „0t6-toi"-Partei, die der hartbedrängten Strzelnica das Brot, das sie in der antiquierten Rathsstube genießen, vom Munde wegschnappen möchten und den Kampf bis aufs Messer führten, gibt es noch Männer, denen die Wirtschaft der Strzelnica als nicht koscher erscheint. Als Anwalt der Gemeinde, der die Herrschaft ans jenen klebrigen Händen reißen möchte, erscheint der Herr Abgeordnete Breiter. Endlich haben wir Juden (unsere Strzelnica-Juden zählen nicht mit) ein vitales Interesse an einer radicalen Aenderung, die eine andere Situation für die jüdischen Bürger der Stadt nach sich ziehen müsste. Schon vor einem Vierteljahrhundert haben es die M ä n n e r im „S ch o m e r I s r a e l" eiugesehen, dass die Wahl von 100 Gemeinderäthen ein Unding ist, da es in der Gemeinde kaum ein Dutzend Menschen gibt,' welche vermögen, hundert der bestqualificierten Gemeindemitglieder zu nominieren und für deren Qualisication zu diesem Ehrenamte einzustehen. Wer an: schlimmsten dabei fährt, sind wohl die Juden, die, obschon jeder dritte Mensch Jude ist, doch in ihrer Vertretung stets benachtheiligt zu werden pflegten. Hierzu wussten die asemitischen Gemeinderälhe auf ganz jesuitische Weise die Zahl der jüdischen Gemeinderäthe auf zwanzig zu beschränken, indem sie im Schoße des Geineinderathes einen achtziggliedrigen Kirchenrath constitnierten, wobei die jüdischen Gemeinderäthe nicht mitzusprechen haben, höchstens stillschweigend ihr Geld allen möglichen christlichen Institutionen zukommen lassen dürfen. Auf diese Weise geschieht hier das Unglaubliche, dass die Gemeindeämter und -Institutionen gegen alles Recht bis auf den heutigen Tag judenrein blieben. Der Verein „Schomer Israel" strebt nun darnach, die Abänderung des Wahlstatuts der Stadtgemeinde herbeizuführen, und zwar in dem Sinne der Theilung des Gemeinderathes nach den fünf Bezirken, wobei jeder Section das Recht auf zwanzig Gemeinderäthe zustehe. Geschieht das, dann müsste die zweite und und dritte Section ein durchwegs jüdisches Kontingent stellen, die Stadt ein gemischtes, die übrigen Stadttheile könnte man getrost den christlichen Bewohnern überlassen. Das übrige würde sich dann von sich selbst ordnen. Die herrenlosen Zehniausende Juden würden dann in ihre Rechte einrükcn und die Judenreinheit ihr Ende erreichen. Kein Wunder, dass der „Schomer Israel" sich in einer so starken Opposition gegen die jüdische und christliche Strzelnica- Partei stellt — als das Bollwerk jener blutigen Ungerechtigkeit und des reactionärsten Despotismus. Wir begreifen die verknöcherte Heeresfolge unserer jüdischen Vorständler, welche aus ehrlicher alter Wasfenkameradschaft herrührt — allein ihr Volksinteresse soll ihnen höher stehen — und das Drängen der jüngeren jüdischnationalen Partei sollte bei den Veteranen der Bernsteingasse doch Mitgefühl und Verständnis, wenn selbst keiner sactischen Unterstützung begegnen. Die jüdische Opposition erweitert sich um einige tüchtige aufstrebende jüngere Leute, unter denen ausgezeichnete Redner sich befinden. Wir wollen unsere Kraft messen, mit dem Bewusstsein, uns für das Beste unserer jüdischen Gemeinde, wie für alle ehrlich denkenden Gemerndebürger eingesetzt zu haben. 8—n. Jüdisches Jahrbuch für das Jahr 1902/03 (5663). Auf Anregung mehrerer Parteigenossen hat sich die Leitung des „JüdisäM Volksblatt" entschlossen, ein Jüdisches Jahrbuch für das Jahr 1902/03 (5663) herauszugeben. Das Jahrbuch wird« einen literarischen, kalendarischen und allgemeinen Theil enthalten. Ter literarische Theil enthält Beiträge unserer beliebtesteu Mitarbeiter. Der kalendarische Theil enthält, abgesehen von dem üblichen Kalender, das auf Grund neuester statistischer Daten zrn klagen — nein, dazu habe ich kein Recht, denn meine künstlerische Persönlichkeit wurde nicht von Individuen gemordet, die für ihre Thaten verantwortlich sind, sondern von einer or:ginär bestehenden, nach ewigen unabänderlichen Gesetzen wirkenden Gesell schafts- Complicität, genannt „Delilah und die Philister". Und d e findet sich immer dort ein, wo ein Simson sich mit wilden Geberden anschicken will, seine Riesenlocken zu schütteln. Simson aber kann ohne Delilah nicht leben. Das gibt es einfach nicht. Nietzsche sagt irgendwo: „Die Natur hat uns einen Unterleib gegeben, damit wir uns nicht eiubilden, Götter zu sein". Das ist nicht ganz richtig. Die Natur hat uns das Weib gegeben, damit wir nicht zu Göttern werden. Sie sehen, wie sich meine literarische Laufbahn in bewundernswürdiger Folgerichtigkeit entwickelt hat, wie die einzelnen Glieder der Kette sich zusammenschließen, um ein lückenloses Ganzes zu bilden. Was kann man da thun? Ich bitte Sic, als die fünfhundert Gulden des Weinhändlers eintrafen, schenkte mir meine Frau eine Promesse aus ein ewiges sonniges Leuchten ihrer Augen. Gibt es da eine Gegenwehr? Ja? — Gut. — Hilft Ihnen die Gegenwehr? Nein, ich erkläre Ihnen, nein'/ — Thun Sie, was Sie wollen. Eines Abends gehen Sie zu Bette, freuen sich Ihrer gigantischen Kraft und ihrer schwellenden Armnmskeln. Plötzlich erwachen Sie, Ihr Haupthaar ist siebenfach gesträhnt und in einen Webstuhl festgeflochteu, Ihre Arme spüren Sich mit sieben neuen Stricken an Ihren Leib gefesselt, und eine süße, zärtliche, ach, so geliebte Stimme ruft: „Simson, Philister über Dir!" Nun sind Sie in der That ein geivaltiger Gigant. Ein einziger Ruck Ihrer mächtigen Glieder, und Sie sind frei und jagen das Philisterpack hinaus. Einmal, zweimal. Aber sie kommen wieder. Das Gesindel kann nicht leben, ohne so einen gebändigten Koloss bei ihren Festen tanzen und lustige Grimassen schneiden zu sehen. Und mit der Zeit wird auch Delilah klüger . . . Er hielt einen Augenblick inne, und es schien mir, als ob er abermals mit einer aufsteigenden leichten Verlegenheit kämpfte, wie mir denn überhaupt dieser moderne Simson mit seiner scheuen, schüchternen Art gerne geneigt schien, über jedes und alles in Verlegenheit zu geratheu. Ich ließ ih: ruhig sich sammeln und wartete, bis er wieder sprach: „Wissen Sie, Herr College, ich habe da, um Ihnen meine Geschichte zu erzählen, ein kühnes Bild gewählt. Man könnte mich für eingebildet hallen. Das bin ich nicht. Es war mir nur um die lebendige Anschaulichkeit deS Vergleiches zu thun. Ich bilde nur nicht ein, ein geistiger Simson zu sein, aber das:sr gewiss : I e d e F r a u i st eine Delila h." Wir waren inzwischen — er sprechend, ich zuhörend — zun: Votivparke gekommen. Er warf einen Blick aus die Votivkirchen-Uhr und fasste erschreckt nach seiner Actentasche: „Teufel! Schon 12 Uhr. Wie man sich nur so verplauschen kann! Na ja, nritunter ist es Einem ja so e.ne 'Art Bedürfnis, sich das von der Seele herunterzureden, aber ich sollte schon längst ein Manuscripl abgeliesert haben, e:ne Novelle, in welcher ich die Vorzüge von Lichtstrümpfen vaherrliche. Mein Auftraggeber hat mich für 11 Uhr bestellt, und er zahlt gut, der Manu."

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