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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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VViv'n, l'reitng Jürtnchfis Volksblatt G. Juni 1002 -ort? mir ^uDcu Opfer tendenziöser Jildicatur. Ohne viel Federlese uco ohne vorherige Uittersuchnng wurde ein hochnothpeinliches Verfahren eingeleitet und kurzer Process gemacht, der mit der strengsten Bestrafung endete. Es ist am Beginne des 20. Jahrhunderts, int Zeichen des Fortschrittes ans allen Gebieten geistiger Arbeit und des Verkehrs für uns Inden! auch nicht besser geworden, nur mit den: Unterschiede, dass wir die Situation derzeit viel peinlicher empfinden. Man wird es uns daher nicht verübeln, wenn wir voir der Abwehr nach außen fortwährend in Anspruch genommen, bciit Cnltnsgemeiiideleben Wiens nicht die gebärende Aufmerksamkeit zuwendcit vermögen, die es verdient. Die Wiener Judengemeinde ist mit ihren 200 000 jüdischen Einwohnern nicht mir die größte der österreichisch-ungarischen Monarchie, sondern sie ist auch das Haupt derselben, und irr allen dem hmrderterlei Fragen, die das Judenthmn berühren, ton- und richtungangebend, zumindest sollte es so die Wiener Judengemeinde sein und wenn sie es thatsächlich nicht unbestritten ist, so ist dies auf llmstände zurückznführen, deren Erörterung sich das „Jüdische Volksblatt" zu seiner vornehmsteir Aufgabe gemacht hat, der es auch nicht aus dem Wege geht. Man wird dem „Jüdischen Volksblatt" das Zeugnis nicht versagen können, dass es in dieser Richtung mit offenem Visier kämpft, dapZ es keine andere Rücksicht kenirt, als das Wohl des jüdischen Volkes. Wir kömren, ohne der Unwahrheit geziehen! zu werden, kühn behaupten, dass lvir uns hierbei nur der lautersten Mittel, dass wir, wenn mrs die Nothldcndigkeit hierzu unerlvartet zwingt, Namen nerrnen, wenn es arrch unser oberstes Princip ist, nie persönlich zu werden, sondern stets sachlich zu bleiben. In dem Programme, das lvir beim Erscheinen des „Jüdischen Volksblatt" aufgestellt!, dem wir unentwegt treu geblieben sind, haben wir uns imter anderen cmch zur Aufgabe gemacht, den cultriretlen Altgelegertheiten die größte ArtflUerksamkeit zu schenken und in allen Fällen, wo eine Besserung sich als nothwendig erweisen sollte, mit den entsprechenden Mitteln vorzugeherr und fördernd einzngreifen. Namentlich ist es die Aufgabe des „Jüdischen Volksblatt", dem cultrwellen Gemeindeleben Wiens die größte Bedeutung beizumessen, damit es, lvie bereits erlvähnt, muftergiltig sei rmd von den anderen Schwestergemeiudert nachgeahmt ztl werden verdiene. Wie im Parlamentarischen, so spiegelt sich auch im Gemeindeleben in der Budgetdebatte das Leben uitd Weben einer öffentlichen autonomen Körperschaft ab. Gelegentlich der Berathung des diesjährigen Budgets der Wiener Cultrisgemeinde haben wir in gedrängter Weise die internen Angelegenheiten einer Besprechung zugeführt. Wir behalten uns vor, dieses volumilröse Budget alljährlich ausführlich, und zwar capitelweife einer ebenso sachlichen als unparteiischen Besprechung zu unterziehen. Diesmal haben wir die Absicht, mrs mit dem Vereinsleben in unserer Gemeinde des Eingehenden zu beschäftigen. Man wird es Wohl gerechtfertigt finden im Hinblicke darauf, dass das Bereinsleben eine hochbedeutsame, wichtige Rolle spielt und so recht geeignet ist, die Jutellecke der einzelnen Mitglieder zum Ausdrucke zu bringen. Einer der wichtigsten Vereine einer jeden Cultusgekann nichts dafür, dass ich, ein kaum 24jähriger, der Naivetät eines jungen Frauengemüthes zuviel zugemuthet hatte. Wir liebten uns, wie gesagt. Wir lebten auch ganz auskömmlich. Ich schrieb meine Essays, meine Kunstbriefe, und freute mich an allem, was ich schuf, freute mich an meiner hübschen, gut aussehenden Frau, und freute mich an meiner netten, prunklosen Häuslichkeit. Auch meine Frau hatte ihre kleinen Sensationen. Für den Kitzel des eigentlich sichtbaren, nämlich des unmittelbaren Erfolges war sie empfänglicher wie ich, und es machte ihr Freude, die Frau eines angesehenen Literaten zu sein, sie war stolz auf ihren Gatten, den man einen geistreichen Menschen nannte — kurz, wir lebten das glückliche Leben von Leuten, deren materielle Bedürfnisse leidliche, deren ethische Bedürfnisse reichliche Befriedigung finden . .. Aber ich langweile Sie doch nicht, Herr College . . .!" „Durchaus nicht" versicherte ich, und ich meinte es aufrichtig. Der sonderbare Mensch fieng in der That an, mich lebhaft zu interessieren. „Na also," fuhr er fort. „Ethische Bedürfnisse. Damit ist es nun so eine eigene Sache. Es kommt einem so etwas Geistiges, wissen Sie, so was Immaterielles von irgendwo angeflogen, man hat es nicht in sich selbst sitzen, aber es sieht so aus und fühlt sich an, wie ein ethisches Bedürfnis, das Befriedigung verlangt. Wenn das nun in mir selbst wurzelt und einTheil meiner eigenen Persönlichkeit ist, so wird es, wenn ich einmal gegessen, getrunken und geschlafen, das heißt, wenn ich meinem animalischen Organismus gegeben habe, was er verlangt, lebenslänglich ausreichen, um für mich einen Quell von Sensationen und inneren Erlebnissen zu bilden. Wo das natürlich nicht ist, da ist es eben nicht. Sehr einfach . . . Mit meiner Frau verhielt es sich so. Sie. war ein reizendes junges Geschöpf und hatte sich in meine Stimmungsbilder, in meine Novellen und Humoresken verliebt. Jetzt merken Sie auf. So ein junges Ding braucht, wie jeder Mensch, der neben dem körperlichen auch ein geistiges und seelisches Leben führt, innere Erlebnisse. Olga sucht sie im Ballsaale, wo ihr Hinz und Kunz schwören, dass keine Frau der Welt so weiße Schultern besitzt. Clara verkauft an alle jungen Leute, die je an Mamas Mittwoch-Abenden Papas theure Weine und Cigarren consumiert haben, Karten für ein Schüler-Concert, in welchem sie zehn Klafter Beethoven hackt. Alle haben sie irgend was. das ihre Gehirnchen ausfüllt. Meine Frau, als sie noch Mädchen war, sammelte Autogramme, führte ein sentimentales Tagebuch, und wenn der Rockzipfel des Dichters Schmidtmann sie streifte, befiel sie ein entzückendes Wonnebeben . . . Also, wir verliebten uns ineinander, und zwar ganz gehörig. Eines Tages fragte ich sie: „Ich kann Dir nur eine bescheidene Existenz bieten. Wirst Du nicht den Mangel an Luxus und Wohlleben schmerzlich fühlen?" Sie erwiderte: „Ich werde dein Weib sein, ul, werde nichts entbehren." Sv war sie. Was ist da zu machen? Um auf das Frühere zurückzukommen. Sie war empfänglich für den Kitzel des Erfolges, sie „erlebte" innerlich und da und dm: im Theater oder in der Kunstausstelluug konnte sie gcl-.zeritlich Bruchstücke aus Gesprächen Vorübergehender ausschu.ippen: „Schmidtmann meint in fernem gestrigen Artikel.. nioiu.be, namentlich aber Der der ohtDi Wien mit ihren 200 000 jüdischen Seelen, ist wohl nnbestritten die Ehewra Kadischa, fromme Bruderschaft. Fit jeder, auch der kleinsten Enltn-sgemeinde, besteht ei» solcher Verein, der es sich zur Aufgabe macht, die .Süronfeit zu Pflegen, zu betreuen und im Roth falle maierielleir Beistand zn leisten nsw. Die Hauptaufgabe dieser Ehewra Kadischa besteht aber darin, dahingeschiedene Mitglieder im allgemeinen! und im Gemeindegebiete verstorbene Maubensgettosseu in speciellen in einet nach den (Mindenssaßimgen der heiligen jüdischen Religion vorgeschriebenen Weise zrr bestatten. Ist das Jndenthimr im allgemeinen auf demokratischen Grundsätzen aufgebant, so kann und darf das nrnso mehr bei einer Bruderschaft, bereit Obliegenheit es ist, .Kranke zu pflegen iliid Verstorbene zu best osten, nicht anders sein. Ist es doch oberstes Pvincip bei uns Juden, dass bei der Aufbahrung und Bestattung von verstorbenen Glaubensgenossen keilt lvie immer gearteter linier* schied gemacht iverden darf; ob reich, ob arm, ab hoch oder niedrig, müssen dieselbett, in attehrwü obigem Gebrauche geheiligten, Vorschriftelt beachtet i verden. Reich nnd arm enittwtt dieselbe einfache Kleidung ans einem Linengetvande und muss in einchtl einfachen, ans vier Brettern gezimmerten Holzsarg gebettet werden. Dieses erhebende einfache Princip ist freilich in. letzter Zeit durchbrochen worden aus MotiVeit, die unserer Religion widerstreben. Die Sucht nach Tand und Eitelkeit einerseits ttnd die Geldmachevei andererseits habeit die demokratischen Principe arg durchlöchert. Die Gleichstellintg zwischen arm und reich besteht nicht mehr. (Fortsetzung folgt.) Wdeutsche Moral. _ H.K. Wolf ist in den Augen eines joden denkenden rmd verständigen Menschen gerichtet. Außer beit Wählern von Tranten cm mrd Umgebung, sowie unMrechnnngsfähigen Narren mrd irregeführten Verblendeten oder von ihm abhängigen Personen steht niemand mehr auf seiner Seite. Dass seine Wähler noch zu ihm stehen, lässt sich ran: durch den Umstand erklären, dass die Deutschböhmen — die in ihrer Mehrheit von« jeher vernagelte Köpfe waren — sich durch die Landsmannschaft zu Wolf hingezogen fühlen, und dass sie die Wahrheit über ihren „Liebling" nicht erfahren, da sie nichts anderes lesen, als die „Ostdeutsche Rundschau" und auf niemand andern hören, als auf Wolf selbst, der ihnen deshalb noch! immer ein X für ein U machen kann. Er wird sich weislich hüten, ihnen zn sagen, dass er die Frechheit hatte, rnit Panschaliengeldern in der Tasche, ehrliche Männer „Gaukler" rmd! „Schnfte" zn nennen rmd dass er vom Stelldichein mit der Frau seines Freundes iir die Versammlung eilte, um das Evangelium zu predigen rmd gegen die Ligrwri-Moral zrr wettern. Diese seine Anhänger werden iir Wolf noch immer den Helden Siegfried erblicken — der glänzenden Gestalt des Nibelungenliedes — als den sie ihn feierten!. Wenn dieser" kühne Vergleich auch im Erirfte nicht recht stimmt, so könnte doch ein boshafter Sastriker eure gewisse Achnlichkeit zwischen Wolf rurd dem „gehörnten' Siegfried" finden. Wolf Das beglückte und berauschte sie. Nun, sehen Sie, wenn die rege Antheilnahme an dem Schaffen ihres Gatten ein wirkliches ethisches Bedürfnis gewesen wäre, so hätte unser Leben in beneidenswerter Ruhe dahinfließen können. Aber eine Spielerei, von der lieben Eitelkeit ersonnen und zu ihrer Befriedignng gedungen. hält nicht lange vor. Meine Frau war ihrer nach kaum 6 Monaten überdrüssig. Schließlich, sie hatte so oft gehört, dass ich als geistreicher Schriftsteller galt und in Literatenkreisen Ansehen genoss, dass es sie schon langweilte. Als um diese Zeit ein Brief ihrer Freundin aus Gastein eintraf, die einen Lichtstrümpfe- Fabrikanten geheiratet hatte, verfiel sie in eine nachdenkliche Stimmung. Ueber Nacht wurde meine Frau eine andere. — Das heißt: Ueber Nacht. Das kann man nicht sagen. Die Wandlung mochte sich ja langsam, allmählich in ihr vollzogen haben. Doch das ist ja alles eins. Aeußerlich war ein Uebergang nicht zu bemerken. Ich erinnere mich noch an das erstemal, wo die — um mich so auszudrücken — veränderte Lebensauffassung zum Ausdrucke kam. Ich hatte damals in der „Wiener Kunstchronik" ein Seelengemälde „Der Defraudant" veröffentlicht und bot dieselbe Arbeit einige Tage nach Erscheinen einem befreundeten Pester Blatte zum Nachdruck an. Eine Woche später erhielt ich aus Pest die Antwort: „Zu unserem aufrichtigen Bedauern können wir Ihre Skizze „Der Defraudant" nicht bringen, da das Feuilleton in den wenigen Tagen seit seinem Erscheinen in der Kunstchronik, wie wir aus den in unserer Redaction eingelaufenen Tauschexemplaren ersehen, die Runde durch fast alle Provinzblätter gemacht hat." In der Schule meiner Frau hatte ich, der ich bis dahin lediglich im Schaffen meine reinsten und tiefsten Glückseligkeiten gefunden, gelernt, mich inzwischen auch des Erfolges zu freuen, nämlich insoferne, als ich es recht wohlig empfand, wenn sich auf dem hübscheu Gesichtchen meiner Frau der gewisse freudige Stolz malle, den ihr meine Erfolge bereiteten. Und es ist doch immerhin etwas, aus einer Zeitung, für die man arbeitet, ohne sein Hinzuthun in zweihundert andere Zeitungen nachgedruckt zu werden. Ich reichte ihr lachend den Brief. Sie las ihn ruhig und sprach dann die denkwürdigen Worte: „Wenn das nur etwas tragen möchte. Du bist so ein unpraktischer Mensch." Ehe ich Zeit finden konnte, etwas zu erwidern, fieng sie an, von ihrer Freundin zu erzählen, die in Gasiein weilte und deren Gatte Lichtstrümpfe erzeugte. Dann warf sie beiläufig die Bemerkung hin: „Die hat ein Niesenglück gemacht, voriges Jahr waren sie in Sylt und dann einige Wochen auf Helgoland. Die Fabrik soll glänzend gehen..." — Weiter nichts. Verstehen Sie das Symptomatische dieses Vorfalles? Ich begriff es sofort. Cie dürfen nun durchaus nicht glauben, dass meine Träume von künftiger Größe nicht schon früher Trübungen erfuhren. Von dem Onkel augesangen, der sein Urtheil über mich prägnant zusammenfasste: „Ein talentierter Junge, aber keine Spur von kaufmännischem Genie. Ein Mensch mit solchen Einfällen müsste Tausende verdienen," bis zu dem Verleger, der mich einmal aufsnchte und mir einen Jahresgehalt von zwanzigtausend Gulden anbot, gegen die Verpflichtung, für ihn Colportage- Romane zu schreiben, war meine Laufbahn ein steter Kamps Ar. 28 hat sich wohl nicht selbst, aber wenigstens seinen Freund gehörnt, den er znm Hahnrei machst. Der gehörnte Siegfried ist bekanntlich unter dem Schutze der unsichtbar machenden Tarnkappe iir das Brantgemach seines Freundes gedrungen und hat dessen Braut statt seiner bezwungen, nachdem er sie bereits früher einmal uiedergernugen hatte. In dieser Beziehung ließe sich vielleicht eine Parallele zwischen dem. Helden der Nibeliuigeiisage und dem „Evangelimanu" ziehe,»', die jedoch fattnt zn dessen Gunsten ansfalstit dürfte. Wolf war immer mehr Fechtbruder als Held. Er suchst darum alle jene, die ihm im Wege standen, durch List und Tücke ails dein Wege zn räninen. Jetzt wimmert und jammert er nnd verlangt Nachsicht für eine „sexuelle Angelegenheit" und verschiedene! angebliche Uncvvvecthctistn im politischen' nnd Geschäftsbetriebe. Warum ließ er Nachsicht selbst gegen seilte nächsten Gesmmngsgenosseu nicht matten? Warum verfolgst er den Abg. Dr. Steinwender mit einer Berserkerwuth, als wenn dieser verdieltte Mann dev ärgste Feind des Tentschlthmns wäre? Davon, dass er jedeir Inden, der sich das geringste Sittlichkcitsdelict zuschulden kommen ließ, sofort in seinem Blatte an den Pranger stellte, soll hier gar nicht gesprochen werden. Dass er aber gleichzeitig die Lignori-Moral bekämpfst und sich selbst als den reinsten Sendboten des Evangeliums hinsstllte, das mnfs bei jedem, der noch Gefühl für Wahrheit und Sittlichkeit hat, Ekel erregeir. Der Mann, der nrit dem Wahlspruche: „Durch Reinheit zur Einheit!" in die politische Arena trat, nursste vollkonmien makellos feilt. Ein anderes wäre es gewesen, wo »in er m.it der Devise: „Zuerst das Geschäft ttnd damr das Vergnügen!'" anfgeöretien märe. Dann hätte man ihm ja manche menschliche Verirrung verzeihen können, lvie man sie manchen anderen verziehen hat. Allein den: Heuchler, der mit dem Rufe: „Die Politik ist vergänglich, das Evangelium ist ewig!" auf deit Schauplatz trat, musste seine Schuld auch nach den Woriten der Bibel: „Ang' mit Ang' — Zahlt um Zahn!" heimgezahlt werden. Wir wollen tticht die sattdekatutte Seidl-Affaire dtirch Erzähltmg netter Djetails bereichern; wir wollen uns tticht dabei aufhatten, was für ein Meister Hermann Wolf im Pninpen ttnd Nichtbezahlen war. Er b'ewies dabei eine rührende Vornrltheilslosigkeiit; er nahm mit gleicher Liebe Geld von. Inden lvie von den! Liberalen. Doch die Flugschrift Schalks zeiht Wolf direct der Besstchlichkeit. lieber die bekannte Sache mit dem Zuckerkartell wird Folgendes behauptet: „Es ist eine nicht zu leugnende Thatsache, dass Herr Wolf schon lange bevor Herr Guttmann Verivalter der „Ostdeutschen Rundschau" ivurde, von den: Generalvertreter des Zuckerkartells Geld geborgt hatte, es ist eine Thatsache, dass in der Folge für die „Ostdeutsche Nundschml" vom Znckerkartell Geld begehrt wurde, ja dass sogar ein förmlicher, wenn auch schimpflicher Vertrag bestand, lvouach sehr bedeutende in die Tausende gehende Summen jährlich der „Ostdeutschen Rundschau" vom Zuckerkartell zu geben ivarcn, eine Thatsache, dass bedeutende Summen zu diesem Zwecke behoben wurden, eine Thatsache weiter, dass Herr^ Wolf die Eingänge der „Ostdeutschen Rundschau" genau kannte^ eine Thatsachc, dass Herr Wolf die vollständige Vermögenslosigkeit seines Verwalters Guttmann, der bis vor kurzem Advocatnrssollicitator war, kannte nnd daher wissen unisste, dass dieser nicht in der Lage sein konnte, der „Ostdeutschen Rundschau" tmisende von Gulden zu borgen; es ist eine Thatsache. dass Herr Wolf auch nach der sogenannten „Schuldübernahme" Grittmanns mit diesem noch Be- Ziehnngen unterhalten hat: es ist eine Thatsache, dass Herr Wolf über die Schädlichkeit des Zrickerkartells von seinem langjährigen Simsons gegen die Philister. Aber ich fürchtete sie nicht. Ich war jung, glaubte an meine Sendung und fühlte mich stark genug, um tausend Philisterschädel mit dem modernden Kinnbacken eines Esels zu zertrümmern. Ist denn aber Simson wirklich unbesieglich? Die Geschichte lehrt: Nein. Dem Philisterpack ist er wohl gewachsen, aber wehe ihm, lvenn Delilah sich dem Philisterium verbündet! Da haben Sie die Geschichte meiner künstlerischen Entwicklung, die in aufsteigender Linie begann und in absteigender enden wird. Jetzt frage ich Sie Eines: Was thut ein Mensch, der sich an ein srohrS, vergnügtes Frauengesicht gewöhnt hat, der einfach krank wird, wenn er das ihm so liebe Antlitz einnral verdrießlich Zieht? Ich bin nicht ungerecht und sehe ein. dass ich an Vielem 'elbst schuld bin. Zu allererst hätte ich so ein junges Ding richtig verstehen müssen, dann hätte ich etwa gesagt: „Mein liebes Kind, ich habe Dich sehr lieb, aber Du wirst mit mir nicht glücklich sein. Du zitterst, wenn Dich der Liockzipfel eines populären Schriftstellers streift. Warum? Nicht weil seine eigentliche Art, seine Persönlichkeit Dir ein Gegenstand wirklichen inneren Interesses ist, sondern weil die Leute von ihm sprechen und ihn geistreich nennen." So Hütte ich sprechen müssen. Ich hätte urtheileu müssen, dass das junge Mädchen nicht das ethische Bedürfnis hatte, an den heimlichen Enunciationen meiner Künstlerseele Antheil zu uehmen urtd mein Innenleben mit mir mitzuleben, sondern es sich köstlich ausmalte, dereinst ihren Freundinnen beim Jausenkaffee Zeitungsausschnitte zu zeigen und Briefe von Redactionen, die sich meine Mitarbeiterschaft erbaten. Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen genug verständlich mache. Ich will Jhueu nur zeigen, lvie meine Frau in ihrem, übrigens doch generellen Hang nach Sensation an einen Gatten gerieth, der rhr im besten Falle ein glänzerrdes Spielzeug bieten konnte. Was thut so ein Kind mit seinem Spielzeug? Ich kannte einen Knaben, dem sein Vater eine elektrische Eisenbahn mit Schienen, Bahnhöfen, Drehscheiben geschenkt hatte, ein technisches Kunstwerk, das fünfhundert Gulden gekostet hatte. Eine Zeit war der Bub närrisch vor Freude, dann, nachdem er alle Köstlichkeiten des Spielzeuges genugsam genossen, begann er nervös zu werden und fand wirklich nicht früher Ruhe, bis er sich Kenntnis verschafft hatte, wie das Ding eigentlich innwendig aussehe. Am nächsten Tage wurden die Trümtner der kleinen Eisenbahn in die Plunderkammer geworfen, und als die Gouvernante die Kinder spazieren führte, blieb Liarlchen vor der Auslage eiirer Spielereiwarenhaudlung stehen und heftete seine Augen begehrlich auf einen ordinären Wurstel, der grell roth und blau bemalt war . . . Glauben Sie vielleicht, dass die großen Kinder anders sind? — Lächerlich! Es war das Natürlichste und Folgerichtigste von der Welt, dass meine Frau endlich den Beruhmlheistkitzel satt bekam und sich nach anderen Zerstreuungen sehnte. Die Sentenz: „Kunst ist schön, trügt aber nichts" begann der Text unserer Tischgespräche zu werden, die, von dem Leitthema ausgehend, sich mit geringen Variationen um Gastein, Helgoland und Licht« ^rümpfe drehten. Weiß der Teufel, ich habe nun einmal die Schrväche, dass ich Menschen, die ich liebe, gerne zufrieden und

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