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Jüdisches Volksblatt · 1902-06-06 · 23 (6.6.1902) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
23 (6.6.1902)
Date
1902-06-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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RZdnrkjon: ii/3. Lrvpoldssassr 49. SVreSft««be>ir An Wochentagm von 3 dis 4 Uhr »achmtltcigS. JSblfche« «ottSbkatt, mit», H|3. Vrslkrwrrd^n «aeorn verspäteter oder gar nicht erfolgter guflrllunq erbitten wir UNS dringend. - Mrumsertvte!»erbe» «tcht zurZligestellt. Nostlparcnifen-Sonto ^170^7. In dar ^donnnnen» k-mn man täglich etntreten. Ur. 33 Erscheint jeden Freitag unter Mitwirkung der vorn jüdisch rn Volkvve'cein erwähtten Pressrommiffton. D«ferate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. DukcS, Hauleri. stein » Sogler, Rndolf Masse, kl. Oppclik. M. Pozsonyt, kl. Schale! in Wien, ferner alle Nnnoncen-Lxpeditionen tm kluSlande. MKAsL-NAMMer i« Wie« IG Heller. Admimllrakion; II/3. Leopoldsgasto 49. Telcphon-Nr. 147»» AbonttemetttSyreiS: Telepyou-Nr. 147»» gür Wien u. Oesterreich-Ungarn sammt grancoznstellung. *- Ganzjährig Halbjährig vierteljährig Kr. 8.- „ 4- Für daS gefammte iklnSland sammt Francozustellung. Dunzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. v - " Ä 22 „ fSJSa KZBJUmWilWd v Wien, 6. Juni 1903 (1. Sivan 5663). IV. Jahrgang. Eine antisemitische Gemeinbürg schast. Es ist eine alte, aber dennoch charakteristische Erscheinung im öffentlichen Leben Oesterreichs, dass als Ursache aller Uebelstünde in nationaler, consessionelleri und socialer Hinsicht die Inden bezeichnet werden und gegen alle Krankheiten als Medicament eine mehr oder minder große Dosis Antisemitismns empfohlen wird. Die Inden werden für die „Germanisierung" der Cz echen und für die „Czechisiernng" der Deutschen verantwortlich gemacht; hüben und drüben rufen die Ertrein-9lationalen „Los von den Inden", „Nieder mit der Judenschaft". In Galizien macht die große Masse des polnischen Volkes die Juden für die Schandwirtschaft der Stanezyken, breite Schichten der rnthenischen Bevölkerung für die Polonisierung und wirtschaftliche Ausbeutung mit verantloortlich. Irr UngarmSiebenbürgerr gilt der rrichtn rag pari scheu Bevölkerrrngsinehrheit deutscher, slovakischer, serbischer, rumänischer Abstarnmung der Jude als Hauptrepmsentant des m a g y a r i s ch e n Chanvinismns, als Stütze aller gegerr die Nichtmagyaven gerichteten Unter'drückungsbestrebungerr. Immer häufiger kann man irr derr volksparteilichein Blättern, ferner in Organen vom Schlage des Pvessburger „Wcstungarischen Grenzboten" lesen: Nicht das eigentliche Magyarenthnm, sondern das „Talmi-Magyarerrthmn", das „Nen-Magyarenthrmr" trage Schuld an allen Uebeilständen irr den Landern der ungarischen Krone." Mer so interrsiv auch der Natioimlitätenkampf irr beiden Staatsgebieten der österreichischen Monarchie seinmag, im A n t i s e m i t i s m u s begegnen s i ch d i e Chauvinisten all e r Volks st ä rrr m e, Clericale urrd Anticlericale. So ist es z. B. ein offenes Geheimnis, dass irr Galizien zwischen der polnischen Schlachta, die sich bei jeder Gelegenheit brüstet, eine staatserhaltende, kaiser- und vüichstrene Partei zu sein, und den rnssophilen Ruthenen durch Verinittlung des Pater Stosalowski enge Beziehungeir bestehen. Aller auch das Verhältnis der Juden zu deir Dentscheu und Czechen ist ein analoges. Wie oft kann rnair in clericalen und christlickstsoeialen Blättern deutscher rmd czechischer Nationalität lesen, nur die liberale „Judenpresse" schüre auf deutscher und czechischer Seite bem Hader unter den christlichen Völkern, die I u d e n seien das Haupthindernis des nationalen Frie- Feuilleton. Simson, Philister über Dir! Von Otto Werneck (Wien). Ich lernte ihn einmal gelegentlich eines Besuches kennen, den ich meinem Freunde Dr. Bergen, dein Herausgeber einer illustrierten Zeitschrift abstattete,. Dr. Bergen besorgte die Vorstellung : „Herr Schmidtmann, Schriftsteller". Hierauf nannte er meinen Namen, indem er noch höflich hinzufügte: „Dem Namen nach dürften sich die Herren wohl kennen." Als wohlerzogener Mensch fühlte ich die Verpflichtung, in meinen Erinnerungen zu kramen, während Herr Schrnidtinann, zu mir gewendet, geläufig versicherte: „Ja, gewiss. Ihr Name ist mir bekannt — was habe ich nur von Ihnen gelesen?" Dr. Bergen nannte den Titel meines letzten Buches. „Ja, ja, stimmt," bestätigte Herr Schmidtmann. „Wissen Sie, wir Schriftsteller lesen wohl hie und da die Bücher unserer College», aber man darf unserem Gedächtnisse nicht zumuthen, sich alles zu merken." Ich kämpfte noch immer mit der Verlegenheit, verrathen zu müssen, dass der literarische Ruhm meines neuen Bekannten noch nicht zu mir gedrungen sei, als mir Dr. Bergen zuhilfe kam: „Bemühe dich nicht. Herr Schmidtmann zeichnet seine Arbeiten nicht." Und nach einer kleinen Pause meinte er lächelnd: „Er hat übrigens ein etwas einträglicheres Fach erwählt." „Das ist wohl möglich," erwiderte ich. „Und darf man wissen, welches Ihr Fach ist." „O ja, ich . . . ich schreibe Neclame-Feuilletons." „Neelame-Feuilletons?" „Für Geschäftsfirmen," beeilte sich Herr Schmidtmann zu erläutern. Und als er in meinem erstaunten Gesichte so etwas wie eine Frage zu lesen schien, fuhr er fort: „Es sind das Humoresken und Erzählungen, wie sie jedes Blatt im Feuilleton bringt, nur dass ich an einer oder zwei Stellen unauffällig eine Bemerkung über die Erzeugnisse irgend eines Fabrikanten einflechte, der gerade mein Auftraggeber ist." „Und haben Sie die nöthigen Verbinduugeu, um die Arbeiten uuterzubringen?" dens, einer Socialreform auf christlicher Basis, die Schürer der — „Los von Nom"-Bewegung. Andererseits wieder brachte das Organ dies Mgeordneten Wolf, die „Ostdeulschie Rundschau", am 1. Juni einen vorwiegend gegen den- Abg. 5k r a m a r gerichteten volemischen Leitartikel: „Los von Rom" in den Delegationen, welcher folgenden, für alle deutschfreiheitlichen Inden besonders in Wien, Böhmen und Mähren bemerkenswerten Passus enthält: „Auch unter den Czech e n wird die Los von Rom- Bewegung noch kräftiger als bisher sich rühren, wenn sie sich von Rom betrogen und verrathen sehen, aber für die Erhalt u n g d e s V o l k s t h n m s, zu der eine V e r st ä n d i g u n g in i t d e m Deuts ch t h u m auf antipäpstltcher und a n t t s e m i t t s ch e r G r n n d l a g e vielleicht heute noch Aussicht böte, wird es dann zu spät sein." Begreifen die Juden Oestererichs also immer noch nicht, wie verlsiingnisvoll für sie die Einmischung in die nationalen und confessionellen Hetzereien ist! Trotzdem Abgeordneter Wolf, sowie die Alldeutschen und Dcutsch-Volklichen aller Schattierungen die Czechen für eine inferiore Rasse halten, die man lieber heute als morgen germanisieren möchte, so geruht man doch, den Czechen gnädigst die Erhaltung ihres Volksthums ,,v i e lle i ch t" in, Aussicht zu stellen, wenn sie sich! mit den Deutschen auf — antifemitif ch e r Grundlage verständigen würden. Und diese deutschbürgerliche Politik, welche ja in Böhnien und Al ähren im Banne des alldeutschen und deutsch-völkischen C h au v in i smit s und Antisemitismus steht, fördern noch immer die verblendeten assimilatorischen jüdischen Führer in den „Ländern der böhmischen Krone" gegendie Czechen.! In Wien und Niederösterreich wird wieder niiiiiiterbrochen gefaselt von einein Bündnisse der „dentfchsreiheitlichen" Parteien gegen die Christlich-Socialen und besonders die assimilatorischen Inden ereifern sich sehr für jene gennschte Gefellschaft, in der die Alldeutschen und TeuiMnationalen der verschiedensten a n, t i f e m i t i s ch em Schattierungen das große Wort führen. Warum? Weil die „deutsch-freiheitUche" Liga angeblich anticlerical und „Los von Rom" gesinnt ist. Begreifen denn unsere V erb lendeten jüdischen Politiker assimilatorischer Richtung nochimmer nicht, dass.der A n t i c l e r i c a l i s m u s und der A n! t i s e m t t i smns der nationalistischen Kreise nur dem Chauvinismus entspringen? „Das ist nicht nöthig. Ich veröffentliche sie und zahle dafür die tarifmäßige Gebür, die ich bei meinem Auftraggeber, nebst einem Schriftstellerhonornre, wieder eincassiere." „So, so, und das ist so einträglich?" Er lachte. „Na . . .! Die Kaufleute sind Ideale von Feuilleton- Redacteuren. Siezahlen gut, und bei einem dreispaltigen Inserat, das in hundert Blättern erscheint, kommt es - ihnen auf das Honorar für meine Arbeit nicht an." Das Gespräch stockte nach diesen Erklärungen. Ich fühlte mich von der Art des sonderbaren Berufskollegen etwas peinlich berührt, und meine Stimmung schien nicht unbemerkt zu bleiben. Als ich mich nach einer Weile empfahl, bot mir Herr Schmidtmann seine Begleitung an. Wir schritten eine Weile schweigend durch die Straße. Ich hatte keine Veranlassung, ein Gespräch zu beginnen, und das Gesicht meines Begleiters zeigte eine leichte Verlegenheit, wie etwa eines Menschen, der gerne etrvas sagen möchte, über die Form aber noch nicht im klaren ist. Es dauerte eine Zeitlang, bis er das Richtige gefunden hatte. „Ich habe Ihnen meine Begleitung angeboten," begann er, „weil ich Ihnen etwas zu sagen habe . . ." Ich blickte ihn überrascht und fragend an. „Das heißt, weil ich Ihnen gerne etwas sagen möchte . . . und es geschähe mir wirklich ein großer Dienst, wenn Sie die Güte hätten, mich anzuhören." Und da ich schwieg, fuhr er fort: „Es ist mir nicht entgangen, dass meine umständlichen Auseinandersetzungen über den Charakter meiner — sagen wir — schriftstellerischen Specialität Sie verstimmt haben." „Nicht dass ich wüsste," suchte ich ihn zu beruhigen. „Jeder Mensch verdient sein Brot, so gut er kann." „Gewiss, ohne Zweifel, und so lange er niemanden bestiehlt und in der Ausübung seines Berufes niemandem zum Schaden gereicht, ist sein Beruf ein durchaus honneter. Nicht wahr, so sollte man doch meinen? Doch in Gefühlsdingen gibt es keine Logik. Es ist Thatsache, dass der Friseur, der an einer neu erfundenen Schnnrrbart-Fa<?on reich wird, ein angesehener Mann ist, während ich, der ich doch auch, nur mit unendlich mehr Verbrauch an Witz und Intelligenz, merkantile Ziele verfolge, außerhalb der Gesellschaft stehe, für die meisten eme komische, für den zünftigen Literaten eine verächtliche Rolle spiele." „Herr Schmidtmann, es ist nicht meine Sache, Ihnen gegenüber den Standpunkt des zünftigen Literaten zu vertreten. Wären die Clericalen nur deuiseh-national, dann lväre keine Spur von äumt Anttclertcalisinus und einer Los von Rom-Belvegnng in deuttsch-bürgerlichen Kreisen 31t finden. Haben nicht seinerzeit die Dentsch-Ndittoualen aus antisenüttscheu Belveggrüuden! dein Dr. Lueger und den C h r i st l i ch - S 0 c t a l e u den Weg zur Macht gebahnt, und haben nicht andererseits aus^Öppositiön gegen den Liberalisums die Clericalen Schönerer und den Deutschnationalismus überhaupt früher vielfach, gefördert? Im czechischen Lager — das beweist die Wahl des Mg. Rocek — glimmt ebenfalls der Antisemitismus! Solche Wahlen sind nicht darnach angethan, den Inden statt des hinausgetriebenen! Dentschthunis cz echt siche Gestnniuug einznslößen. Wie bei den Tteinischeir nationaler Chauvinismus ilnd Clericalisnms einig sind im Antisemitismus, so ist auch bei den Czechen dasselbe der Fall. Die üsteretchischen Juden können somit keine Partei und keine Reichspolitik fördern, welche auf Unterdrückung einzelner Naitionalttäten, Confefsioum oder Classen Cis- oder Transleitchaniens gerichtet ist. Gegenüber der anüsemittschen Gemeinbürgerschast der Chauvinisten und Talmi-Christen halten wir als Juden fest an der jüdischim GlOnjeinibürgschast at'jer «nÄtionicchsocial fühtendein Juden, und als Öestere'icher sind wir bereit, in Reih U'H!l> Glied einer solchen ü st e r r e r ch i s ch e n G e m e i n b ü r g s cha f t zu kämpfen, die u n s e r e i g e n es R echt wahrt und für das gleiche Recht aller übrigen Oesterreicher in jedlveder Hinsicht eintrtiik. Die GebarnWsergkbmjse der iftaelitWe« Altusgememde m Wie«. II. Wir Juden befinden uns derzeit in einer Stiurm- und Drangperiode. Schonungslos sind wir den wuchtigen Eindrücken preisgegeben, die die antisemitische Strönning nun seit nahezu einem Vierteljahrhuindert auf uns. ansübt. Unausgesetzt müssen wir auf der Hut sein und uns der Riesenanschläge unserer Feinde erwehren. Bis zum Vorinärz war es das Gebet eines jeden Juden, mit! dem er schlafen gieng und mit dem. er erwachte: Gott behüte uns vor! einem „Scheker bilbel", zn deutsch" vor einer falschen Beschuldigung. Denn es bedurfte nur der Demmeiation des erstbesten oder erstschlechtesten Ariers, nnd schon waren Aber da Sie meine Meinung herausfordern, so will ich sie Ihnen sagen. Vergleichen Sie sich doch nicht mit dem Friseur, dessen Wirken von allen künstlerischen Ambitionen frei ist und sich lediglich aus die Anwendung jener Mittel beschränkt, die sich ihm aus der Praxis seines Handwerkes darbieten. Er ist künstlerisch indifferent, wogegen Sie direct unkünstlerisch sind. Sie beklagen sich darüber, dass Sie dem zünftigen Literaten verächtlich scheinen. Begreifen Sie nicht, dass er nur die Wahl hat, eutiveder seine Kunst selber, oder Ihre frivole Art, Kunst auszuüben, zu verachten?" „Ihr Urtheil ist sehr hart." „Sie haben es herausgefordert, nun werden Sie es wohl zu Ende hören müssen. Ich will nicht davon sprechen, dass Sie widerrechtlich Mittel gebrauchen, die ausschließliches Eigenthum der Kunst sind, um mit ihnen Ihre merkantilen Ziele zu verfolgen. Aber Sie müssen doch einsehen, dass Sie es sind, der die Kuilst verächtlich macht, indem Sie beweisen, dass die — ich spreche vom rein künstlerischen Standpunkte — ehrlichen Voraussetzungen des dichterischen Schaffens nicht gerade Stimnumg, Witz, Laune, innere Schaffenslust sein müssen, und dass alle diese Dinge einfach durch das glänzende Honorarangebot eines Schuhwichs- Erzeugers ersetzt werden können." Wieder schwiegen wir beide. In mir begann sich wieder das Gefühl eines leisen Unbehagens zu regen, und doch vermochte ich es nicht den poetischen Jnseratenagenten da, mit seinem unerquicklichen Trieb, Entschuldigungsreden zu führen, abzuweisen. „Ich glaube. Sie begriffen zu haben," begann er neuerlich nach kurzem Nachdenken. „Ihr Gefühl sträubt sich gegen die Prostituierung von Kunstsormeln für unkünstlerische Zwecke. Na, ja . . . Sie mögen ja rechihaben. Früher einmal, vor etrva zehn Jahren, war ich auch ein freier Schriftsteller — ich kann sagen, von Ruf. Meine KlNlstessays und meine Prosadichtungen wurden von allen Blättern gedruckt und gut bezahlt. Ich brauä-le materielle Sorgen nicht zu fürchten, denn ich war sehr flleißig — freilich üppig leben konnte ich nicht. Als ich heiratete, hatte ich gerade genug Verbindungen, um auf hundertzwanzig Gulderi monatliches Einkommen als Schriftsteller rechnen zu können. Es gibt Fainilien, die mit weniger leben. Freilich . .. das ist es ja eben . .. Man sollte glauben, dass zwei Leute, die sich lieben und sich nicht gegenseitig langweilen, so dass sie es nicht nöthig haben, außerhalb ihrer selbst nach kostspieligen Zerstreuungen zu suchen, in der Lage sind, ihre Lebensweise sehr descheiden einzurichten. Richtig . .. Meine Frau und ich, wir liebte,r uns. Ich will ja auch meiner Frau keinen Vorwurf machen. Sie

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