Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432939--1495-2435258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 22 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. Mai 1902 Seite 5 ErzlchliilgSverchtigü'ii darf ßubtfriic >vnildclsreisende ttt stiussland. dauern bleibt cs, dass diese elterliche Fürsorge für die religiöse Erziehung bereits mit dem bollcudeten 14. Lebensjahre aufhört. Der Paragraph 2c bestimmt nämlich: „Nach beendetem 14. Lebensjahre steht dem Kinde die Entscheidung über sein religiöses Bekenntnis zu." Die Strafmündigkeit, Hciratsmüudigkeit und allgemeine Mündigkeit tritt also nunmehr erheblich später ein als die religiöse Milndigkeit; die zur Erkenntnis des rechten Glaubens er -willen de-.. n i.>in.f im .Mim» mim .sul j.iii'iLv; i 'vj'.s.jf1%^..s.-f-....iPetersburg wird its gegenüber den wurde, wurde dieaufgchoben. Vis zum an jüdische Hanzu den erinäszigten Daren — wie solche für die christlichen Geschäftsreisenden in Antveudung ftnb -—- verabfolgt. Diese Conlauce ist nun durch eine telegraphische Verfügnng der russischen Fiunuzbehörde plötzlich aufgehoben tvordeu, so dass die jüdischen Geschäftsreisenden anstatt der Grundtaxe von Ns. 1.10.— eine solche bon Ns. 600.— per anno zu bezahlen haben, demzufolge die Abgaben für Juden sich auf Rubel 710.— gegenüber dem für Christen giltigen Steuersätze bon s. 200.— belaufen, falls die Patente in der Grenzstation Granica ' .. Russlands Inden eilt - .. m>sfuhrUch°r Eigtm Staaten, man befürcht^ lichen Ns. 240.10; in Warschau Ns. 816.— gegen Ns. 287.60; Mlssionspolltlk. Ans London wird gemeldet: Am 22. b. M. in Odessa Ns. 874.— gegen Ns. 266.— usw. Wenn durch diesen £1‘>n?r^.c Tehresbersammlnug des „Ostlondoner Fonds Act der Jnconlance seitens der russischen Regierung dem jüdischen für Hilden' tFbuds der englischen Kirche für die Arbeit unter den Kaufmanue solche Hindernisse für die geschäftliche Bereisung Russlands in den Weg gelegt ivcrdcn, so diirfte tu den Kreisen der jüdischen Industriellen und Kaufleute wohl wenig Animo dafür vorhanden sein, sich an einer demnächst in Petersburg stattfindendcn Ausstellung zu betheiligen; denn sie werden sich wohl kaum dazu entschließen, eine Abgabe von Ns. 793.20 zu dem Zivecke zu leisten, daniit sie ihre eigenen Exponate dort anschauen oder sie in geschäftlicher Absicht dort jemandem sollen zeigen dürfen. forderliche Einsicht dccrcticrt das Gesetz also für das 14. Lebensjahr.1 etwac Juden Ost- und Nordlondons) statt. Bei dieser Gelegenheit hielt der Bischof von London eine Rede, in ivelcher er versicherte, dass die i Arbeit der Gesellschaft vielleicht die schlvierigste ist, die die Kirche; je unternommen habe. Es leben in London etiva 10 000 Inden, und zlvar so dicht beisammen, dass es ganze Stragenzüge gibt, inj denen nur jüdisch gesprochen und verstanden wird. In vielen! Tlieilen Ojtlondons kann man Schilder mit der Inschrift lesen: „Hier spricht man englisch." Er kennt manchen christlichen Geistlichen I in Ostlondon, der in seinem ganzen Sprengel kaum 60 Christen zählt. Daher ist die Bekehrung der Inden zum Christenthum gerade für London besonders wichtig. Leider ist die Sache nicht leicht. Allein die Sprache der zu Bekehrenden inacht schon Schwierigkeiten, da dieselbe für einen englischen Missionar schlverer zu erlernen ist als die chinesische. Dann aber, fügte Se. Eminenz naiv hinzu, iveigern sich die Inden hartnäckig, zum Christcnthum überzugchen. „Sie weigern sich nicht nur, sich selber taufen zu lassen, sie sagen sich auch von ihren getauften Glaubensgenossen los und gewähren ihnen lvedcr Unterstützung noch Arbeit. Wollten wir aber die getauften Juden unsererseits unterstützen, so kämen lvir leicht in den Berdacht der Bestechung und des Seelenkaufs" . . . Am meisten betrübt Se. Eminenz die Verblendung der Inden, welche es nicht einsehen wollen» dass durch die hartnäckigen Bekehrungsvcrsnche ihnen von den Christen eine ganz besondere Ehre erwiesen werde. . . . „Die Inden besitzen manche besondere Eigenschaften, von denen die Sparsamkeit, Nüchternheit und der hohe Familiensinn nicht die geringsten sind. Die Juden müssten noch begreifen, dass unsere Bemühungen, sie zu uns heranznziehcn, nichts ivciter als die Anerkennung dieser hohen Tugenden ist." Zinn Schlüsse ermunterte der Bischof die Herren Missionäre, nicht zu verzweifeln und das edle Werk des Seelenfangcs hartnäckig fortznsctzen. Nur müssen sie Jüdisch lernen und sich davor hüten, die bekehrten Inden gar zu sehr mit Geld zu unterstützen. Wasch mir den Pelz, aber mach ihn nicht nass! . . . Auch der zweite Redner des Abends, der Bischof von Stevneh, ernnithigte die Missionäre, die Jndenbekehrnng Ivciter zu betreiben, nur liest er, im Gegensatz zu seinem optimistischen Vorredner, die Aeustcrnng fallen, dass man eine directe Bekehrung der Inden nicht erivarten darf. Das einzige, was sich allenfalls erreichen lässt, iräre eine Bekanntmachung der Juden mit den wichtigsten Grnndsäben des ChristenthnmS. Zmn Schluss kam er auf den nervns rermn zu sprechen und forderte zu eifrigen Sammlungen mif, da trotz dcnt Rath des Bischofs von London, die bekehrten Juden nicht allzu sehr zu unterstützen, das Geld bei der Jndenbekehrnng die Hauptsache ist und bleiben wird. Denn ganz umsonst lässt sich auch in London der schlechteste Jude nicht taufen. Gingesendet. Die Politik auf Reisen. Der Secrctär der „Oesterreichisch-israelitischcn Union", Herr Fleischer, hat plötzlich sein Herz für die jüdische Politik entdeckt; nachdem er in den gastlichen Gegenden Oesterreichs „seine Pflicht" gethan, hat er nicht die Mühe gescheut, auch den traurigen galizischen Verhältnissen tiahczutrctcn. So erschien er auch vor einigen Tagen in Drohobhez und es gelang ihm auch daselbst, nach altem Äeecpte ein Vertrauensmänncrcomitee znsammenzustellen. Wir beneiden Herrn Fleischer um seine billigen Triumphe nicht, denn unser Fiel, die Judenheit ans ihrer Lethargie zu erwecken und sie ihrer Nation wiederzugeben, bleibt für tms die Hauptsache und es ist uns gleichgiltig, ans 'welchem Wege die Juden zu diesem Endziel geführt werden. Aber Herr Fleischer und die„Union" wollen diesesZiel nicht, sie wollen gerade das Gegentheil und bekämpfen alle Bestrebungen, welche der Förderung der jüdisch-nationalen Idee dienlich wort: „Sie werden! Ackerbau treiben!" Wir ivollcn^dicsc Ansichten nicht kritisieren, aber wir wollen bloß eine Fräste stellen: Um GottcSwillcn, warum fällt nicht ihr Blick ans die Bereinigten. Staaten 3 Ta kann der Jude tverden alles, was er will lind leben, lvie er will. Wozu diese wirren Vorschläge, durch welche die Inden nach allen Windrosen Zerstreut'werden, ohne Aussichten und ohne Ziel? Hat man nicht genug an den Versuchen in Argentinien und den.Kolonien in den Vereinigten Staaten? Ter Jude ist kein Ackerbauer. Er hat diese Kunst im langen, bitteren GoluS verlernt. Der Jude will selten ans dem Stande leben uitD den Boden bearbeiten, er liebt die große Stadt mit ihrem Geräusch ititb Getümmel, mit ihren Geschäften und Unternehmungen, und kein Land kann ihm dies alles bieten, lvie die Vereinigten Staaten von Nordamerika. In Europa kennt man zu wenig die wahren Zustände in den Verdort, dass man die Thore Amerikas einer größeren jüdischen EiMvanderung verschließen werde, aber diese Befürchtung ist unbegründet. Es kommen bis heute noch immer viermal so viel Italiener als Juden nach Amerika, und die Rcgiernnq spricht kein Wart dagegen. Der Jude ist hier viel gelvünschter, als der Italiener und sogar als der Irländer. Die Vereinigten Staaten sind groß genug, um eventuell noch fünf Millionen Inden aufzunehmen, ohne dass dadurch irgend eine feindliche Bewegung gegen sie hervorgerufen würde. Die Inden in den Vereinigten Staaten entwickeln sich rasch zu fähigen und nützlichen Arbeitern und zu tüchtigen Kaufleuten. Sie machen sich bald mit den amerikanischen Verhältnissen vertraut und erwerben sich die Achtung ihrer Mitbürger. Nord- oder Süd-Dakota vermag sämmtliche Juden aus Rumänien aufzunehmen, ohne Feindseligkeiten heraufzubeschwören. Die Staate New-Port und Pensylvania haben noch Platz genug für eine Million russischer Juden, ohne dass der Congress dagegen eine Einwendung erheben würde. . Das Unglück aber ist, dass unsere europäischen Wohlthäter nur auf unsere amerikanischen reichen Juden Rücksicht nehmen, und diese wollen nicht, dass ihre armen Brüder Herkommen, um sich ans ihrer Noth zu retten." Dev von D. M. Hermelin gezeichnete Artikel schließt mit den Worten: „Der einzige Platz, wo der Jude Ruhe fin- .licht die Rede jetu könne, wenn die Juden ihre düstere Lage mcyr sMnd ihrer Brüder begreifen, müssen diese Wahrheit in de! ÄS : WUt proctaniereitimb Mim jüdische Sa«« bekannt, scher verfasste Bericht Z-ngcben, dass nicht nur die „Union" von den! machen. Die Juden aber abwenden von der Einwangalizischcn Juden nichts weist, sondern dass die galizisch von der „Union" nichts wissen, also ihre .""" " fühlen bekamen. Auf die Interpellation Revision des Processes Dreyfus? Wie uns wohlunterrichteter Seite mitgetheilt ivird, sind mit Dezug auf die Asfaire DreyfuS neue Thatfachen bekannt ge-' der Zeit war? worden, die es nicht als unmöglich erscheinen lassen, dass abermals eine Revision des Processes unternommen wird. Bekanntlich hat erst jüngst Zola erklärt, dass die überall eolportierte Nbchricht von dem angeblich suche Dreyfns' um Begnadigung eine Fabel ist lizien bereiste und fand, dass die Leitung der „Union" gerade diese der allgemeinen Unterstützung so sehr! bedürftige Gegend vernachlässige, antwortete der Secretär Fleischer, der jetzt „eine zweistündige, zündende Rede über die Lage der Judenschaft in Oesterreich und insbesondere in Galizien" zu halten imstande ist, wörtlich: „Mit Galizien ist cs so eine eigene Sache, zu Galizien haben wir noch Zen, diesen Zucker lassen wir uns zuletzt." Sollte Herr Fleischer vielleicht, gar schon ans Ende, ,cmcr Wanderungen gelangt sein und die bittere Judensrage im übrigen Oesterreich schon vollständig gelöst haben, dass er nunmehr an den „Zucker" denkt, für den es^noch chor einigen Wochen noch nickst an crn dass die galizischen Inden | bentng in dieses Land und ihnen vorzuerzähken von arloßem «a4 Glück in finsteren, entlcgcnm Gegendm, wäre für uns eine Schande, ein Unglück für unsere Bruder und Schwestern in dev alten Welt und ein Verbrechen, das uns die Weltgeschichte niemals verzeihen würde." Das französische Protectorat über die Katholiken Aus Noin ivird gemeldet: Die energische Haltung Italien. Deutschlands gegen das französische Protectorat in'Jerusalem iin Batican lebhaftes Aufsehen hervor. Das vom Jahre 1888 datierende Nnndschreiben der Congregatio de Propaganda fide, wonach in Palästina sämmtliche Mönche jedweder Nationalität sich dem französischen Protecjorate zu nnteriverfen haben, besteht nämlich bis zum, heutigen Tage in Kraft. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Frankreich wegen des franco-rnssischen Abkommens die Interessen der römischen Katholiken nur sehr schwächlich lvahre und den Uebergriffen der von Russland unterstützten Orthodoxen freiem Spielraum, gewähre. Da der ob seiner französischen Gesinnung bekannte Cardinal Rampolla seinen mächtigen Einfluss zugunsten der Aufrechterhaltung des französischen Protectorates geltend macht, sehen sich Deutschland und Italien umsomehr veranlässt, für den Schutz ihrer llisterthanen selbständig einzutreten. Jüdische Ackerbau schule. Aus Warschau ivird gemeldet: Wir haben zivei Ereignisse zu verzeichnen, die, ivills Gott, in Zukunft einen dauernd ivohlthätigen Einfluss auf die ärmeren, der Hilfe so sehr bedürftigen Schichten der jüdischen Bevölkerung ausüben iverden. DaS erstere derselben ist die Gründung einer jüdischen Ackerbanschnle in Czestonieivo, der ersten im Königreich Polen, deren Eröffnungsfeier gegenivärtig stattfand und zu der allster anderen auch der Delegierte des ColouisationsvereinS „Jen" ans Paris eingetroffen lvar. Vorerst wurden 34 Knaben ans Warschau und sechs aus der Umgebung von Czestonieivo aufgenoinmen und hofft man, dass die Schüler dieser Anstalt es als ihre Pflicht betrachten iverden, die jetzt noch so gern wiederholte Behauptung, Juden seien zum Ackerbau untauglich, glänzend Lügen zu strafen. — Das zweite befriedigende Ereignis ist die vollkounnelie Fertigstellung des neuen jüdischen Hospitals. Am 1. Mai d. I. wurde dasselbe sowohl von den Kranken, lvie von Beamten und Dienstpersonal in Besitz geuviuineii. Diese Zufluchtsstätte für die leidende Menschheit, deren Ban 1 200 000 Rubel gekostet hat, ist mit peinlicher Berücksichtigung der Forderungen der zeitgenössischen Hhgiene und Wissenschaft' und — sagen lvir es auch —• mit innigem Mitleid errichtet lvorden. So steht denn auch zn erlvarten, dass die Kranken nicht nur ihre Gesnudheit daselbst wiedererlangen, sondern auch das tröstende Belvusstsein, dass ihre besser gestellten Glanbensbrüder sie nicht nur tziit einem erzwnngenen Almosen abfinden, sondern mit brüderlichem Ctefühl ihnen helfen und ihre Leiden nach Möglichkeit lindern lvollteil, ein Belvusstsein, das unbedingt dazu beitragen ivird, die Kluft Zlvischen den Besitzenden und den Besitzlosen, lvenn auch nicht zn überbrücken, so doch zn verkleinern. Wichtig für auswnndernde Aerzte. Ans Capstadt lvird gemeldet: Ende vorigen Jahres hat die Aerztekammer der Capcolonie folgenden Beschluss gefasst, der inzlvischcn durch Billigung des Gouverneurs Gesetzeskraft erlangt hat: Kein Diplom, lvetches von der Negierung oder einer Universität oder sonstigem Lehrkörper eines fremden Landes ertheilt lvorden ist, soll in Zukunft den Besitzer desselben zur Ausübung der Praxis als Arzt oder Zahnarzt in dieser Colonie berechtigen, falls nicht die gleichen Rechte und Vortheile in dem betreffenden Lande dem Besitzer irgend eines zur Ansbitteren Nothlag könnten. De hat schon ständlgung. chejesch bo. lo b mal) tatet b'kankan Weisen zn AmerikMWe StMNrn nlier die rniniuit|d)c Frage. (FortschlMgZ Nichti minder inieressank, aber viel offener und energischer ist die Stiel!uinznähme detz in NVw-Uork erscheinenden lind lucker den rtlssischen und rumänischen Juden stark verbreiteten und stets gut informierten JargoiMatteS „Der VolkSadvocat". In seiner am 2. Mai erschienenen Nummer bespricht „Der VolkSadvocat" unter dem Titel: „Jüdische Thränen, sollen Juden! von überall nach Amerika kommen?" die Lage der Juden in Russland und Rumänielt und komint zn folgenden beinerkenSlverten Schlüssen: „Thränen „allein vergönnt man den Juden in Russland und Rumänien, aber kein Brot. Das Gebet! der Annen und ihr schmerzerfülltes Weinen hört sich an, wie die Stimme eines Ertrinkenden, der die Häude ausstreckt und jammert: „Ach Äcenschen, Brüder, Freunde, helfet eincim Unglücklichen.!" Es werden Eoncilien. abgehalten bei der Allianz zu Wien, bei der Jca, der Alliance Jsraelite universelle und bei der Anglo Jewish Association.^ Man hält schöne Reden,^ debattiert und macht Vorschläge. Die vorgeschlagenen Heilmittel sind verschieden!, die Zahl der Rathschläge tvächst ilrs Unendliche, aber das Resultat von alledem ist vorläufig — nichts. Palästina ist noch nicht in jüdischen Händen, und denjenigen, die der Hilfe bedürfen und zwarsofort, ist leider vorläufig mit der süßen Hoffnung auf eine zukünftige Niederlassung in Zion nichts geholfen. Daun bemerkten wir, wie die Augen! unserer Doctoreu sich nach Transvaal, dem Sudan, Australien wenden, dann bei Canada stehen bleiben. Und man erzählt uns, dass Eanada jetzt der einzig mögliche Ruhepunkt für die unglücklichen Juden sei und lvenn man fragt, was man dort mit den tlngkücklichen beginnen will, dann erhalten lvir die Ant- Gin halber Most. Von Achad Haam. Ins Deutsche übertragen von Moses H o r o w i tz. Von den vielen Unglücksfällen, die das Judenthum in der letzten Zeit heimsuchten, macht das Wiederaufleben der „Blutlüge" auf das Herz eines jeden Juden den traurigsten Eindruck. Diese verabscheuüngs würdige Lüge ist und wird uns immer, obwohl sie eine alte ist. als etwas Neues erscheinen; vorn Mittelalter bis zur Gegenwart übte sie einen großen Einfluss j auf den Geist unseres Volkes aus, nicht nur in dem Orte, wo sie sich ereignete, sondern auch in fernen Ländern, wohin Kunde von derselben gelangte. Ich sagte „auf den Geist unseres Volkes", denn fürwahr, ich sehe die Quelle dieser Erscheinung nicht in äußeren Ursackien, sondern tief im Geiste des Volkes. Im Mittelalter, als das Gesammtjudenthum glaubte, in solchen Fällen erscheine es solidarisch vor dem Richter mit den Bemirleidensiverten, die das Schicksal zu Opfern erwählte — sehen wir die Ursache dieser Meinung in der großen körperlichen Gefahr, die eine solche! Verleumdung auf ganz Israel heraufbeschweren konnte. Als vor J fünfzig Jahren, in der Zeit der Ruhe und Friedlichkeit, die j „Blutlüge" von Damaskus in Westeuropa viel Lärm hervorrief, können wir dagegen behaupten, dass die große Sorge unserer westlichen Brüder um Ehre und Recht diesen Eindruck hervorrief, da sie erst unlängst ihre Freiheit erlangten. Aber in unseren Tagen, wo einerseits die körperliche Gefahr, besonders für die fernen Stammesgenossen nicht mehr so groß ist und anderseits wir schon gewöhnt sind, die Schmähungen mit kaltem Blute zn hören, ohne dass uns der Eifer um unsere Ehre verzehrt, erzittern wir durch das Wort „Blutlüge", und ein Gesammtprolest dringt von allen Seiten hervor, der die angedichtete Schmach abschntteln will. — Dies ist ein Zeichen, dass weder Furcht noch Eifer um Ansehen bei den Fremden die Beweggründe sind, sondern es rührt sich der jüdische Geist, der seine Beschimpfung fühlt. Er ist's, der sich und uns erweckt; denn obwohl in anderen Dingen uns die großen Leiden zu dem Zustande brachten, von dem der Weise sagt: „Das Fleisch des Todlen fühlt nicht das Schneiden des Messers", — hier aber schneidet das Messer nicht nur das „Fleisch", es verwundet auch unsere Seele. Aber — „das Böse führt das Gute im Gefolge", d. h. wenigstens in dem Sinne, dass es den Menschen Lehren für die Zukunft ertheilt. Und auch das Böse, über das wir eben sprechen, birgt eine gute Lehre; wir, die wir nicht allein unser Los bestimmen, das Gute und das Böie von außen empfangen müssen, lvir sollen immer im Unglück eine nützliche Lehre suchen, und so ivird uns dies wenigstens ein halber Trost sein. Einer der stärksten Factoren im Leben der Gesellschaft ist — die „öffentliche Meinung". Es waren Zeiten, in denen die Philosophen in dem Beifalle der Oeffentlichkeit einen Beweis der Nichtigkeit ihrer Thesen sahen, und so galt dies auch als Beweis der Wirklichkeit Gottes. Nun aber wissen die Philosophen, dass es keine Lüge und Dummheit gibt, die nicht die Zustimmung der „öffentlichen Meinung" erlangen könnte, wenn gerade die Verhältnisse günstig sind. Aber nur die Philosophen wissen es, dagegen betrachtet die Menge noch jetzt die „öffentliche Meinung" als die größte Autorität. Wenn die „ganze Welt" daran glaubt, so ist es gewiss so; wenn ich es aber nicht verstehe, so verstehen es andere; obwohl ich einen Widerspruch in diesem sehe, so sehen diesen auch „alle" und glauben dennoch daran; bin ich denn gescheiter als die „ganze Welt"? — Dies ist im allgemeine