Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 22 (30.5.1902)
- Date
- 1902-05-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. Mai 1902 Nr. 22 klang limS fiat im Vereine mit den Vemnlmngen der Mitglieder des Direetariums und des AilfsichtSratljeS uns das Vertrauen der Allgemeinheit.erlvorben, so dass mir über hinreichende Creditg netten verfügen. Bur die kaufmännische Vorsicht, die uns gebiete'!-, unseren Umsatz in nichtigem Verhältnis zu unserem Capital und SicherstelluiMsonds zu halten, hindert uns an einer noch rascheren Ausdehnung unserer Thätigkeit. Wir richten unser Augenmerk darauf, unseren Sicherstellnngssonds zu erhöhen und hoffen die Zeit nicht mehr ferne, Ino es sich seder Jude zur Ehre airrechnen lvird, unseren! Institute als Förderer, Mitglied oder Einleger anzngehören. Mit dem Anlvachsen unseres Sicherftellungsfonds rnird die Entwicklung unseres Geschäftes gleichen Schritt halten und wir hoffen dahin zu gelangen, der Banguier des gesannnten jüdischen Kleingewerbes zu lverden. Fuur Schlüsse theill der Bericht noch mit, dass sich irr den lebten drei Monaten seit Aufstellung der Bilanz der Verkehr in allen Zweigen der Thätigkeit des Institutes bedeutend gehoben hat, indem sich der Betrag der eingezahlten Antheilsch>eine von 20.900 auf 23.600 Kronen, die Spareinlagen von 4104 auf 26201.29 K. und das Wechselportefeuille von 20.712 auf 32.467 Kronen erhöht hat. Die Abwicklung der Geschäfte mit den Ereditnehlnern ist stets glatt vor sich gegangen und haben sich auch, keinerlei Verluste ergeben. Nach Verlesung des mit großem Beifalle aufgenonunenen Berichtes wurde dem Directorium und Aufsichtsrathe das Absolutorium ertheilt und allen Vorstandsmitgliedern, speci'ell dem leitenden Director Herrn Mar Pappe nh ei m und Herrn Oberbuchhalter P o l l a k für ihre aufopfernde Thätigkeit im Interesse des Institutes der Dank votiert. Es wurden dann per Acclamation gewählt in das Dtrectorimn die Herren: Saul Klausner, Ar. Arnold Ascher (neu), Ersatzmann Ingenieur I. L ö w e n b e i n (neu). In den AufsiHtsrath die Herren: Alfred M o r a w i tz, Dr. Leo Knecht (neu), Ersatzmaim C. B o j k o (neu). Nach Annahme einiger von der Direction vorgeschlagenen Aenderungen des' Statutes schloss die Generalversammlung. Personalnachrichten, Herr Mar Hernfeld. Vorstandsmitglied des „Jüdischen Volksvereines" in Wien, hat sich mit Fräulein Helene Singer aus Krems a. D. verlobt. — Dr. Gustav Aranyi, Cur- und Badearzt in Karlsbad, ordiniert daselbst im Hause „Böhmische Krone" nächst dem Mühlbaum. — Der langjährige Disponent der Firma Brüder Hirsch, Herr Julius Sofer, 1., Graben 15, hat die Vertretung der Firma Hehmann, Welker u. Co., Berlin, übernommen. , Der Anthrax des Justizministers Freihcrn v. Lpens-Booden. Bei der in der Vorwoche dnrchgeführtcn Budgetbcrathung haben wir währeub der Verhandlungen des Etats desJustizmiui'- steriums die Anwesenheit des Justizministers lebhaft verinisst. Freiherr von Spens-Booden leidet an einem Anthrax. Der Anthrax karn dem österreichischen Justizminister wahrlich sehr gelegen. Er war dadurch der Verpflichtung ledig, auf alle die Gravamina zu reagieren, welche wir im „Jüdischen Volksblatt" gegen ihn erhoben Häven. Der österreichische Justizminister hat sich übrigens die Sache sehr leicht gemacht, nicht nur für seine Person, sondern auch für sein alter ego, den Secrionschef Klein, durch den er sich vertreten lieg. Denn auch der letztere hat die Vogel Strausz-Taktik beobachtet, indem er die Judcnfragc einfach todtschwieg. Damit ist jedoch die Judenfrage nicht aus der Welt geschafft, zumindest für uns nothleidende Juden nicht, für die sie sich stets brennender gestaltet. Es gehört nicht vielDivinationsgabe dazu,zu vrognosticieren,dass dieBerhältnisse in Oesterreich nicht früher zur Consolidation gelangen werden, bis die Judcnfrage einer gerechten Lösung zngeführt ist, derart, dass man sich gewöhnen wird, die Bekenner des mosaischen Glaubens als gleich- und vollwertige Bürger des österreichischen Staates zu betrachten und denselben die bürgerlichen und politischen ' Rechte, die ihnen durch die Staatsgrundgesetze garantiert sind, nicht, zu verkümmern. ’ j Man kann es wohl begreifen, dass die Regierung bestrebt ist,' der Judenfrage möglichst aus dem Wege gu gehen, die ihr ja nur Verlegenheiten bereiten kann. Der im Abgeordnetenhause herrschenden Parteigruppierung nach kann die Negierung der Stimmen des antisemitischen Fähnleins nicht entrathen, will sie ihre Existenz fortfristen und nicht anfs Spiel setzen. Dagegen hätten die freiheit-; liehen und fortschrittlichen Parteierl des AbgeordnetenHauses die Debatte des Justizerats dazu benützen können, ihre Schuld'. den ihnen Heeresfolge leistenden Inden gegenüber wettzniitachen, in der Weise, dass sie von der Regierung Aufklärung gefordert hätten. 1 So viel scheinen aber deir Liberalen die Inden nicht wert zu sein, denn auch diese gehen wie die .Katzen um Veit hcisten Brei, wenn cs i sich darum handelt, den Judenpunkt auch nur zu berühren. Der Abgeordnete des zweiten Wiener Bezirkes, Dr. Vogler, scheint auch ein sehr kurzes Gedächtnis zu haben, denn er hat ganz daran vergessen, dass er seinerzeit an den Jnstizminister mne Interpellation. gerichtet hat, in welcher derselbe über das tingesetzlichc tittd frivole - Verhalten des Präsidenten des Oberlandesgerichies in Wien gegen-| über den jüdischen Aspiranten im Jnstizdienste Ansklärung fordert. . Seitdem sind Monate verstrichen, ahne dass der Abgeordnete Dr. Vogler die Beantwortting dieser Interpellation nrgicrt hätte. , Bei der'Verathnng des Justizetats lvürde sich die beste Gelegenheitgeboten haben, das Vorgeheit des OberlandeSgerichtsprästdenteii! Dr. Krall' zu kritisieren tind eine Neinednr zu verlangen. Dr. Bog-; lec scheint jedoch der Ansicht zu seiti, dass er itichk rtoihlvendig habe, sich derzeit tim die Gravamina der Juden zu kümmern. Wenn er auch deir Jtldeu das Reichsrarhsmandat zu verdanken hat, so ist doch - keine zivingendc Nothlvendigkcit vorhanden, derzeit ans das jüdische , Stimmvieh Rücksicht zu nehmen, als lvekcheS er der Sachlage nach j die jüdischen Wähler zu betrachten scheint. „Die Neuwahlen für das Abgeordnetenhaus sind noch lange nicht in Sicht und bis sie wieder ftattfinbcu werden, denkt sich Dr. Vogler, lvird es keiner; großen Mühe bcdürsen. die Herren Mitbürger mosaischer Coni Zession zn captibieren. die lvie die Erfahrung lehrt, immer wiederi ' aufs neue auf den Leim gehen." , . ...! Uns lvird aber das Verhalten Dr. Voglers m guter Er-; innenms? OfctOcU/ rmd ft>cnu jirf) dieser ✓yrcUKitäfycIb ivieder nrn bfty - Mandat' in der Leopoldstndt zu betverben die .StiU)ul)cU (jauen zollte, I werden tvir nicht ermangeln, mit ihm Abrechmlng zn pflegen. , Rabbiner Dr. Jonathan Wolf. Vorige Wvche ist hier^uach. langem schweren Leiden der Rabbiner und Prediger an ,d.H Fünfhmiser Shnngoge der Wiener israelitischen Enttnsgemelnde, Herr, Dr Jonathan Wolf, im 02. Lebensjahre gestorben. Dr. Wolf ertheiltc durch 20 Jahre am Leopoldstädter Oberghmnasimn Unterricht in Religion und Geschichte des Judenthums. Dr. Wolf lEmmerkeauch als Mitglied der Prüfnngsconnmsnon für Volks- und Bürgerschulen und leitete auch die Lehrerpräparandie der Cnltusgemeinde. Todesfall. Am 26. Mai starb Frau A'egine N e m tu ent it, geborene Pappentzeim, Gattin des Groschändlers Michael Nemnann, Vorstandsmitglied des Vereins Adas Jisroel (Schiffschltl) unb Obninnn der Aeligions-! schnle dieses Verciil.es. Tie durch Geistes- und Herzensbildung gleich ausgezeichnete Frau entstammte einer der angesehensten Falniiien. der ungarischen orthodoren Indenbeit und heiratete in eine ebenso fromme Familie, so dass ihr Haus das Muster ein.es echt jüdischen Hauses war. Tie Leiche dev Verblichenen wurde am 23. Morgens nach Pressburg überführt und dort neben, ihren daselbst begrabeneu Eltern, s. A. bestattet. In der Verstorbenen beklagt auch Herr Mar Pappen heim, Director des Creditinstitutes für jä di sehe Gewerbetreibende. und Beamte den Verlust seiner Schwester. Ein edler (straf. Einer der hervorstechendsten Züge der Schlachta ist eö, dass sie nach austenhin mit europäischen Cnltnrsormen protzt, ivährend sie zuhause nngeschent eine mittelalterliche Barbarei zur Schau trägt. Natürlich sind nicht alle edlen Schlachzizen imstande, vvvw lUHUVU/ iul'U l’L UUv V4>l)TU^ nasiimi mit genügendem Erfolge absolviert hat. Hielt das edle Gräflein jüngst in den Delegationen eine Rede, die von Freiheit, Fortschritt und Brüderlichkeit förmkich triefte. Man höre und staune: „Umsonst kommen aber die Friedenscongresse zusammen, mnsonst berätb die Friedcnsliga, so lande die internationale n, m o - r a l i s ch e n Principien, die Moralität Europas nicht um ein B e d e it t e n d e s g e h o b e n werden. ES scheint bereits ein Eriola den C*Tfnifif/TttinT . ..fl--“ >“ uu tiuifiui ^puiiiu ver 'Omrer für ausgeschlossen hielt. Wns jetzt geschieht, erweckt aber Zweifel, ob die Errungenschaft lvirklich eine dauernde ist." Wir müssen gestehen, dass diese Rede bei uns Flveifel eriveckt ob ihrer Aufrichtigkeit, ja vielmehr, lnir müssen offen erklären, dass wir die cifcriie Stirne des edlen Schlachzizeii bcivnndern ,da er selbst so gut lveist, lvie lvir, dass die Schlachta in vlalizien, wo sie noch immer nmimschränkte Herrin ist. lvo sie thun und lassen kann, was ihr beliebt, täglich und stündlich „die internationalen moralischen Princivien" mit Fügen trittI Der „Athener" beklagt sich über die Verfolgungen der katholischen Religion; wer lacht da nicht? — Unser zukünfi tiger Thronfolger hat bekanntUch svontan und demonstrativ die Protectorrolle des katholischen Schulvercines übernommen; trotzdem behauptet der edle Graf, dass die katholische Religion verfolgt lvird. Bei der Jahrhundertfeier der jagcllonischcn Universität hat der Sprecher Gras ^Tarnoivski betont, dass die polnische Wissenschaft eine katholische sei, trotzdem behauptet Graf Dziednszhcki, dass setzt die Animosität in erster Reihe gegen die katholische Kirche gerichtet ist. DaS ist eitel 6leflnnker; dagegen ist es eine Thatsachc, dass in _ Galizien der Raub jüdischer Mädchen, die gewaltsame Taufe Minderjähriger zu einer stehenden Einrichtung geworden ist. Diese Mädchen verschwinden in gewissen Klöstern, besonders in dem Kloster der Felicianerinnen; hohe und allerhöchste Herrschaften halten ihre schützende Hand über die verfolgte katholische Kirche, wenn die jüdischen Eltern weinend die Zurückgabe ihres Liebsten vcrlaugeu. Aber an den Pforten der unterdrückten katholischen Kirche hört bekanntlich die Staatsgewalt auf. Und da hat Graf Dziedusztzeki die Unverfrorenheit pathetisch anszurufen: „Will die Friedcnsliga den Frieden wirklich haben, dann sollte sie die öffentliche Meinung dahin bearbeiten, dass in jedem Staate allen Unterthanen das Minimum der Religionsfreiheit gelvahrt ist. Das ist die vollste Freiheit in der :llnsübung der Religion und das Recht, die eigenen Kinder in einer staatlichen oder vrivaten Schule im Glauben der Eltern imterrichten zu lassen." Und niemand riss diesem glatten Heuchler die Maske von seinem Gesichte. Der Herr Graf bezeichnet als einen Erfolg der Civilisation, dass man jede Einschränkung des bürgerlichen Reclstes wegen des Religionsbckennknisws auch in der inneren Polikik der Völker für ausgeschlossen hielt. Wir stimmen gerne bei, aber leider müssen wir gestehen, dass die Schlachta sich auch nie die Mühe gegeben hak, nicht einmal theoretisch das gleiche Recht der Juden anznerkeiincn, obzwar niemand den Willen und locnige das Recht haben, die „innere Politik" des volnischen Volkes zn ^stören. Man kann täglich in den Seblachzizen-Blättern lesen, so oft man will, bei osficiellen und nichiofficiellcn Empfängen hören, dass nur die p o l n i s ch e Na t i o n das Recht zur Bekleidung der öffentlichen Aemker habe. Das Herz krampst sich zusammen, wenn wir diesen Geschichten znhörcn. die uns unsere Stammesgenossen ans Galizien erzählen; alten jüdischen Veteranen, die zur Versorgung Trafiken erhalten haben, lvcrdeu mit allen Mitteln, mit dletvalr und List ans ihrem kärglichen Erwerbe gedrängt. Unter Patronanz des LandesansschusseS und der hohen katholischen Geistlichkeit tverden „Kolkh rolnicp" gegründet, die den eingestandencn Zlveck haben, dem Dorfjndeu das letzke Stückchen Brot iveaznnehmen. Wir ballen iumStbenu wenn man die Sehandthaten der Schlachta erzählen sollte, fände man kein Ende. Der „Athener", der mehr ein Jesuit als ein Al Heuer ist, meint besorgt, dass die Einschränkung der Gelvissensfreiheit mich gegen die Protestanten und die Inden sich richten werde. Przevraszam Panie Hrabin; vielleicht ist die Sache u in g e k c h r t. Man hat so lange gegen die Inden gehetzt, und nicht am lvenigsten in (stalizien, bis einige findige Leute ans die Idee kamen, dass die religiöse Verhetzung ein so ivohlfeileS und ivirknngsvolles dlgitationsmittel sei. dass man cs zur Abwechslung einmal gegen die katholische Religion antncnden könne. Der polnische Komödiant meint, dass „es ein völkerrechtliches Princip sein müsse, dass niemandem die Liebe zu sei u e m e i g e u e u P o l i e verargt werde, dass in jedem Staate die minimalen Rechte einem Volke gewährt werden, die mehr oder lveniger in imserer Verfassung durch Artikel 10 gelvahrt sind. . Man darf nirgends den Eltern die Erziehung ihrer Kinder in einer fremden ^Sprache, in ei n e m s r e m den 61 e i st e a n f d rä n g e n," nsiv. mit Grazie. Was dachte sich wohl Dr. Bhk, als er diese öligen^nnd aeölten Reden hörte, die gleich Honig vom Munde des „athenischen Jüdische Alterthümer. Ans Wie» lvird geschrieben: Durch die Bauthätigteit in den älteren Theiten der Inneren Stadt sind in den letztere» Jahre» mehrfach Funde zutage getreten, die für die ältere (beschichte Wiens in vieler Hinsicht von besonderem Interesse sind. Auch in der letzten Feit tvnrde beim Neubau an der Ecke der Nothenthiirmstraste und Kohlmessergasse ein beaclitensiverter Fund gemacht. Er besteht ans vier Steinen mit hebräischen Inschriften, von denen drei (strabsteine sind, der vierte stark berlvitterte und schtver lesbare möglicherlneise eine Baninschrift trug. Bon den (Grabsteinen ist nur einer fast ganz, von den beiden anderen sind nur Br genau 5007 der Erschaffung uuv . |luWl|ii1wui Auch der dritte Stein dürfte in dasselbe Jahrhundert, etlva in das Jahr 1200 bis l 200, gehören, während der vierte vielleicht anfs Jahr l10 lveist. Diese (strabsteiue sind die drei ältesten datierten, die bis jetzt in Wien erhalten sind und sie gehören überhaupt zu .° '— amn.r.f,.haltein'n und datierten Steinen; lvolst inigen .., .orjnhre ne waren, der Schrift nach unt t'i’.K) uiui) vec Beringung ver gnocn ven Bürgern überlassen, (stleich den früher zutage getretenen tvaren auch die nengefnndeuen Steine als Banmaterinl im Fnndameiite des abgeschlcvvt worden sind, so darf man vielleicht vernuithen, dass älterer Friedhof sich in der Nähe des von den Inden damals wohnten s:tadttheils, dessen Mittelpunkt der heutige Judenplatz und der über die heutige Wisststingerstrastc und andere Theile hii trageiieii Hauses verwendet tvorden. Will man nicht annehinen, rips teuer Jniedhof so alt lvar und dass die Steine so lveit ver schleppt Jvordeitz sind, so darf man vielleicht vernuithen, dass ein ' be lvar ... , hinabreichte, ,,ch besnudeii habe. Die an sich wegen der schonen, tief eingegrabenen Schrift interessanten, zumal für die Geschichte der Juden in Wien zur Zeit der Babenberger und der ersten Habsburger wichligeii^hebräischeii Jiischriftcn wurde» dem Mnsenin der „Gesellschaft f»r Eammlnng und Erhaltung von .Kunst- und historischen Denkmälern des Jiideiithiuns" überlassen. Ein Vertrauensvotum für den Minister des Aentzern (strnfeic Goluchowski. Die Delegationen haben dem Minister desAcnstcrnGrafci! Gvliichowski das Vertrauen votiert. Die Delegation ist die parlamentarische Körperschaft, die sich mit der Berathuug und Beschlussfassiiiig über die beiden Theileu der Monarchie geiueinsameu Angelegenheiten zn befassen hat. Zn diesen gemeinsamen Angelegenheiten gehört auch das Ministerium des Aeusterli, an dessen Spitze Graf (tzolnchoivSki feit einem Luftrnm steht. Graf (stolnchoivskt gehört zn jener Type von Diplomaten, die man lvie jene Weiber lobt, von denen man nichts hört und spricht. Man müsste thatsnchlicli tuif die isuche gehen, um heraiiSzufiuden, lvas 61raf OloluchoivSkt auf diplomatischem Gebiete der österreichischen Monarchie geleistet und ivelchc Lorbeer» er hierbei eingeheimst hat. Graf Golucl)v!vskl hat vou seinem Vorgänger ein reiches Erbe übernommen, daS er recht und schlecht behütete imd verwaltete. Man bindiciert ihm das Verdienst, dass er den Dreibund, die Stütze des europäischen GteichgelvichteS, unversehrt erhalten habe. Wir gönnen ihm diesen Ruhm, wagen jedoch zu behaupten, dass der Dreibund zwischen Oesterreich, Deutschland und Italien laugst in die Brüche gegangen wäre,, hätte diese Tripelallianz nur die Stütze an dem' Grafen (holiichoN'ski allein gefunden und läge es nicht im Interesse der Mitcvmpaeisecnten,^ diese Allianz aufrecht zn erhalten. Offen gesagt, lvir haben keine besonders hohe Meinung von den Oilalitätcm des Grafen dloluchowski auf diplomatischem Gebiete. Es mag ja richtig sein, dass es auch eine Lkimst ist, das Bestehende zitz erhalten. Der Sachlage nach aber hätte Graf Golnchoivski ein besonderes Talent darauf berlvenden müssen, die entente cordiale zivischeii Oesterreich, Deutschland und Italien zn zerstören. Die Intimität zwischen den Dreibundstaatcn hängt so lvenig voll ihm av, lvie der Mann im Monde von uns. Wir Juden haben keine besondere Ursache, mit der Führung der aiiSlvärtigen (Geschäfte des Grafen GolnchowSkr zufrieden zu sein. Eiras (stolncholvski gehört nämlich zu der so häufig anzutreffenden Elasse von Beamten, die iveder ad personam noch in ihrer Eigenschaft als Amtschef den Inden gewogen sind. Fragt man, lvas diesen Diplomaten von der hohen Schllle veranlasst, den Juden gegenüber einen Mängel an Wohlwollen zu bekunden, so könnte man sich keine andere Anklvork constrnicreii, als dass auch (straf 61 olnehomöti der derzeitigen antisemitischen Strömung den Tribut zn zollen nicht unterlassen kann; ferner, dass er sich noch nicht zu der philosophischen Nüchternheit hinaiifgeschlvnngcn hat, das Vornrtheil der Erziehung abznstreifcn, gegen Inden eine Aversion an den Tag zn legen und zur Schau zn tragen, (straf Goluchotvski hätte schon oft (stelegenheit gehabt, in seiner Eigenschaft als Minister des Acnstern für die Inden cinzntretcn, hat dies aber entweder ganz unterlassen oder in einer derartig lendenlahmen Weise gethan, nur dass das Kind eiueu Namen hat. Wie bekannt, hat Russland den jüdischen Käufleuten und Reifenden den Aufenthalt in den Ländern der russischen Monarchie untersagt, beziehentlich erschwert. Hierdurch haben die gegenseitigen staatlichen Handelsbcziehnngcm Eintrag erlitten und ^zahlreichen jüdischen Kanflenten ist der Betrieb ihres (stelvcrbeS erschwert und i.'mnögllch gemacht tvorden. Wiederholt sind in dieser piichtung von den Handelskammern an das Ministerium des Aenstern Beschlverden gcrichter ivorden, ohne dass jedoch ein Erfolg erzielt tvorden wäre, einfach deshalb nicht, weil cs 61raf 6lolncbo!vSki nicht für fair hielt, sich für Juden einznsetzen. In frischer Erinnerung ist noch das Verhalten des (strafen GolnchoivSkt gegenüber den Juden in Rmnänien. Sollen tvir etiva noch Klage darüber führen, dass (straf 61olnchowski den Juden den Eintritt in die diplomatische Lmifbahn berivchrt. nicht mir in der Eigenschaft als zünftige Diplomaten, denn so hoch verstcigt sich die jüdische Llmbition nicht, sondern auch als Kanzlei- und HitfSbeamten der (stesandtschnften und Eons»late. Diese Klagen wären zlvecklos. Soll (straf (stoluchowSki etiva besser sein als seine Ministercvllegen? Bose Beispiele perderben gute Sitten. Wenn tvir auch tvenig Hoffnung hegen, mit unserem Lamento irgendtvelchen realen Erfolg zir erzielen, so erachten tvir es dennoch für unsere Pflicht, unser Herz auszuschütten. Kommen tvird endlich die Zeit, in welcher mich dem jüdischen Stamme recht geschehen tvird. Es tvird datin tinsere Pflicht sein, die günstige Eonstellation doll und ganz miszimützen, damit cs tins nicht wieder wie nach dem Freiheitsdnsel der Siebzigerjahve crgehe. Auszeichnung. Die Jury der Kunstausstellung (kt! den kritfmiteir jüdischen Maler Hernr Gustav Mauuheirner mit der sioldeueui Staatsmedaille ausKzezeichuet. Verein „Jüdische Toynbec-Hnlle", 20. Karajangasse 20. Am Mitttvoch de - ■ - ■ -- ° rs'-— eine (stesammtsitz statt, in tvelcher Herr Prof. —., Vorstandes im Hinblick auf den nächsten Winter gefassten Beschlüsse referieren tvird. Die Sitzung ist eine öffentliche und sind zn derselben alle Freunde der T.-H. frenndlichst ringelnden. Eine stiernedur. Uns tvird gemeldet: Der Stationscafsier Herr Samuel Frisch, der im stlnftrage des k. f. Bahnbetriebsmntes hier eine lintersuehnng gegen den Bahuarzt Dr. Mieeztzslatv Stvidersti einzuleiten hatte, tvnrde seinerzeit vom genannten Arzte wegen Verleumdung eingeklagt und durch das Gericht^in PodlvvloechSlä seitens des Strafrichters Sziilakietvicz zu 11 Tagest Arrest vernrtheilt. Zufolge dessen Recnrses an das Landesgericht in Tarnopol tvnrde er sotv'ohl von der Strafe als auch von der Schuld gänzlich befreit. Commentnr überflüssig. Ausimrd. Das Tvleranzgesetz. Der sogenannte Toleranzantrag ves Eentrnms hat in der soeben Oerf(offenen Woche die zweite Lesung deS Reichstages passiert; seine definitive Annahme ist somit gesichert. Das kurze nur ans vier Paragraphen besteheiide (stesetz ist von nicht zn unterschätzender Bedeiitiing auch für unsere Reugioiisgenieinstbaft. Weniger Bedeutung möchten tvir der Paraphrase des bereits in der Verfassung niedergelegten (strundsatzes der vollen . Bekenntnisses beimesseii, dein, durch einen - - ' - jjtte „volle" bürgerlichen ...... .... . „ •; .Füblmg der Religionsfreiheit kein Abbruch geschehen. _ Z-er ja allzeit bereiten Jnterprelationstmist bietet die Fassung dieses^ Satzes inner lnnständen die Handhabe, ans der vollen Freiheit euren (steivlstcivH zlvang zu eoustrinereii. So kann es unter Umständen als du* Erfüllnng einer bürgerlichen oder slantsbürgerlicheir Pflicht z. B. erachtet werden, an hohen Festtagen, Rösch hvschoiio oder Hom Kippur. au Schöffen- oder (steschlvoreneiisitzmigeu theilzuiiehmen, auch dem Erlass des Schächtderbotes ist damit kein Riegel porgeschoben, trotz der „Pollen" Freiheit des Vekeiintnisses. Von besonderer Vcft deiltuiig iiiid berfallstvert erscheinen uns jene Bestimurunge»,^die ein „Jüdische Toynbec-Hnlle", 20. Karajangasse 20. vint den 4. Juni, abends 7 Uhr, findet im Locale der T.-H. iniitsitzlnig des Vorstandes und der sämiutlicheu Ausschüsse letcher Herr Pros. Dr. Leon Kellner, über die seitens des deS bereits in der Versaisinig niedergelegten (strundiapes oe Freiheit des religiösen Beteiintnisses beimesseii, deiin dim Nachsatz ist diese im ersten Paragraphen so stark bekonte Freiheit etivaS näher prärisiert, iiidein es heisst: „Den büruiid staalsburgerliclieii Pflichten darf durch die Ansnln *- -..Pj..*(*.»*, " bcithma uno oetfauviucu aiu,um.. .. in Paragraph 2, 2b niid 2c niedergelegt sind imd die lvir daher hier im Wortlaut folge» lassen. Es lvird dort festgesetzt: „Für die Vestimmnng des religiösen Betenntnisses, in welchem ein Kind zogen loerdeii soll, ist die Vereinbarung der Eltern mastgebeiid, ellbe jederzeit vor oder nach der Eingehung der Ehe getroffen