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Jüdisches Volksblatt · 1902-05-30 · 22 (30.5.1902) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
22 (30.5.1902)
Date
1902-05-30
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 30. Mal 1902 Nr. 22 der Gedankengang eines mittelmäßigen Menschen, der auf diese Weise, bewusst over unbewusst, der öffentlichen Meinung beipflichtet und somit ein Theil derselben wird. Und so groß ist die Macht der öffentlichen Meinung, daskein Mensch sich ihrem Einflüsse entziehen kann, auch wenn er selbst Gegenstand derselben ist. Wenn alle Welt von einem sagt, er sei gelehrt oder gottesfürchtig, dass er eine gute oder schlechte Eigenschaft habe, so wird auch er selbst später, wenn er sogar früher den zugeschriebenen Vor- oder Nachtheil in sich nicht spürte, denselben zugeben. Aber nicht genug daran, dieses Beipflichten der betreffenden Person wirkt auch allmählich auf ihren Eharakter, so dass sie sogar die angedichtete Eigenschaft erlangt oder sie wenigstens zu erlangen sich bemüht. Darum warnen die Pädagogen mit Recht davor, dass man die Kinder in den ersten Jahren der Erziehung auf ihre Fehler aufmerksam mache und umsoweniger ihnen solche, die, sie nicht haben, zuschreiben soll, denn dadurch können erstere eingewurzelt und letztere erweckt werden. Diese sogenannte „ganze Welt" ist aber nicht dieselbe für jeden. Einer sieht „seine Welt" nur in dem Kreise, zu dem er sich zählt und mit dessen Individuen er durch gewisse Beziehungen verknüpft ist; aber niemand kümmert sich um die Mexkmng solcher, deren Geist ihm fremd ist und mit denen er kernen geistigen Berührungspunkt hat. So ist's zu verstehen, warum unsere Orthodoxie und Intelligenz sogar in Fragen, die die Religion nicht berühren, sich nicht um ihre gegenseitige Meinung kümmern, das Höhnen und Spotten der einen auf die anderen keinen Eindruck macht, denn jede Partei sieht nur die ihre und ignoriert die andere. Wenn aber das Leben die Mitglieder der beiden Parteien in einen öfteren Contact zusammenführt und sie sich gewöhnen, in dem Parleigegner auch den Menschen zu sehen, — da erweitert sich ihre „Welt", und die Ansichten eines jeden ändern sich, da dieselben von der „neuen Welt" beeinflusst werden. Aus diesem Grunde hat in den Zeiten, als unsere Väter noch wirklich an die Worte „Alhah bacharthanu" ßlaubten, die Schande, die ihnen die Völker zudichteten, nicht un mindesten auf die Reinheit ihrer Seele gewirkt. Sie kannten ihren Wert und wurden nicht beeinflusst von der „öffentlichen Meinung" jener Fremden, die sie nicht kannten und mit denen sie nichts verknüpfte. Damals konnte der Junde von allen geistigen und körperlichen Fehlern hören, die ihm die Völker zuschrieben, ohne sich zu schämen oder in seiner Seele eine Erniedrigung zu fühlen. Denn was war ihm die Meinung der Fremden über ihn und seinen Wert? Wenn sie ihn nur in Ruhe ließen! Aber jetzt verhält es sich anders. Unser Horizont hat sich sehr erweitert und die Meinung aller civilisirten Nationen wirkt stark aus uns. Da uns also die öffentliche Meinung interessiert, kränkt es uns, dass sie sich nicht um uns kümmert. Ein russischer Schriftsteller fragte unläng in seiner großen Naivität: „Wenn die ganze Welt die Juden hasst, wie ist es möglich, dass die ganze Welt schuldig und die Juden unschuldig sein sollen?" — Eine solche Frage kommt auch manchmal in den Kopf manches unserer Brüder: Wie ist's möglich, dass jene vielen schlechten Eigenschaften und Thaten, die die ganze Welt den Juden zuschreibt, nur eine Lüge sein sollen? Der einmal erweckte Zweifel findet Nahrung in dem falschen Folgern von Einzelnen auf das Ganze, wie übrigens die Menge gewöhnlich auf diese Weise Schlüsse zieht. Die bekannte Anekdote von einem Reisenden, der, in einer Stadt angekommen, in einen Hotel abstieg, wo der Diener gerade stumm war, und daraufhin in sein Notizbuch einschrieb: „In dieser Stadt sind die Hoteldiener stumm". — Diese ironische Anekdote kennzeichnet den Gedankengang der Menge, wie diese größtentheils Schlüsse zieht. Alle Eigenschaften, die die Menge an einem Individuum bemerkt, überträgt sie gewöhnlich auf die Gemeinschaft, zu der jenes dem Namen nach gehört, ohne zu denken, dass ein Individuum zu mehreren Gemeinschaften gerechnet werden kann, d. h. in einer Eigenschaft mit dieser und in einer anderen mit einer zweiten Gemeinschaft verwandt sei, da der Sammelname die Zugehörigkeit zu einem Ganzen nur in einer Hinsicht bezeichnet, aber nicht in allen. Auf solch falschem Urtheile kann und besteht auch die öffentliche Meinung betreffs uns: dieser und jener sind Juden dem Namen nach und ihren Charakter nach Betrüger; folglich sind alle Juden Betrüger. Die wahre Logik antwortet zwar darauf, dass wenn auch zur Zeit alle Juden Betrüger wären, so folgert noch nicht daraus, dass der Trieb zum Betrügen durch das Zugehören zur Gemeinschaft „Judenthum" verursacht ist und nicht durch das zu einer anderen Gemeinschaft (z. B. „Kaufmannschaft"), zu der auch der Jude als Individuum zusammen mit Nichtjuden gehört. Wenn dies also sicher so sein soll, muss man früher jene Nichtjuden untersuchen lassen, die zusammen mit Juden zu einer Gemeinschaft gehören. Und wenn man nach einer genauen Untersuchung gefunden haben sollte, dass der Trieb zum Betrügen in keiner aus Juden und Nichtjuden bestehenden Gemeinschaft zu finden sei, erst dann könnten wir mit Recht behaupten, das Judenthum sei die Quelle des Betruges. Aber wie gesagt, es ist nicht Sache der Menge tief zu denken und wir können dies auch nicht von der jüdischen Volksmenge verlangen. Sie hört das Urtheil der „öffentlichen Meinung" und sieht zugleich dass viele unter uns auch wirklich so sind; dies genügt ihr und auch sie beginnt diesen Urtheile beizupflichten. So übergeht die Meinung über die Juden als echte Münze von einem zum anderen, von der äußeren Ueberzeugung der Völker zur inneren unseres Volkes, nur mit dem Unterschiede, dass jene unsere vermeintlichen Fehler laut und verachtend aufzählen, während wir resigniert und uns leise vertheidigend sie wiederholen; die Fremden vergleichen uns mit einem irdenen Gefäß, das man vernichten sollte und wir betrachten uns als ein metallenes, das man reinigen und glühen soll. Dieser Zustand kann uns, wenn er längere Zeit anhält, einen großen moralischen Schaden verursachen. Nichts ist einem Volke oder Menschen gefährlicher als Zugestehen von Fehlern, die man nicht hat. Wer wirklich gesündigt hat, der kann Buße thun und wenn er es ernst meint, sich gänzlich vom Schmutze abwaschen. Aber wenn jemand überführt, durch das Geplauder von andern sich ungerechterweise beschuldigt, wie soll er büßen? Einerseits glaubt er den fremden Worten, er habe einen Splitter im Auge, und andererseits fühlt er, dass er keinen solchen hat, da dieser doch nur in seiner Phantasie existiert; es ist ein ähnlicher Zustand, wie der mancher Monomanen, die durch eine unbekannte Ursache zu dem Glauben kommen, an der Nase hänge ihnen eine Last, die sie nicht entfernen können. Nicht genug daran, manchmal erweckt ein solcher Glaube in den einzelnen Menschen den Trieb, die Eigenschaft zu bekommen, die dem Ganzen zugeschrieben wird, obwohl er als Individuum sie nicht für richtig findet. Es ist kein Zweifel, dass ein Volk, von dem Männer wie Maimonides stammen, auch jetzt überlegte und ordnungsliebende Menschen hat, die — würden sie sich am öffentlichen Leben betheiligen — einen großen Einfluss aus dasselbe und ihre Mitmenschen hätten, Dennoch behauptet die „öffentliche Meinung": Mangel an Ordnungsliebe sei eine jüdische Eigenschaft und wir geben es auch kleinmüthig, zu obwohl es nicht sicher ist, ob diese Eigenschaft, die wirklich vielen von unserem Volke anhaftet, durch das „Judenthum" oder — was wahrscheinlicher ist — durch die „Cheder- Erziehung" verursacht wird. Darum verlieren viele ordnungsliebende Männer den Muth, im Glauben, kein Rath oder Mittel kann etwas gegen die Volksindividualität ausrichten. Manche dumme Patrioten reißen sogar aus ihrem Herzen die Ordnungsliebe, die dem Volkscharakter widersprechen soll, aus, damit sie in allem richtige Juden seien. * * * Man soll also ein Mittel suchen, uns vom Einflüsse der „öffentlichen Meinung" betreffs der Eigenschaften des jüdischen Volkes und seinem moralischen Werte zu befreien, damit wir nicht uns selbst verachten lernen und glauben, wir wären die ärgsten Menschen unter der Sonne, denn es könnte geschehen, wir werden später das, was wir jetzt nur in unserer Phantasie sind. Dieses Mittel gibt uns die „öffentliche Meinung" selber durch die „Blutlüye". Diese Verleumdung ist die einzige von den vielen, die uns mcht in Zweifel bringen kann, ob wirklich „die ganze Welt schuldig und wir unschuldig sind", da sie auf einer unbedingten Lüge aufgebaut und sich auch nicht auf einen falschen Schluss „vom Einzelnen auf das Ganze" beziehen kann. Jeder Jude, der als solcher erzogen wurde, weiß genau, dass im ganzen Judenthum kein einziges Individuum Menschenblut wegen ritueller Vorschriften isst. Dieses klare Bewusstsein vom Irren der „öffentlichen Meinung", das von Zeit zu Zeit durch das Wiederaufleben der „Blutlüge" in uns erweckt wird, sollen wir immer im Gedächnisse bewahren und es wird uns helfen aus unseren Herzen das unberechtigte Beugen vor der Autorität der „ganzen Welt" herauszureißen. Die Welt möge sagen, was sie will über unseren moralischen Wert — wir wissen, dass diese Meinung auf der Logik der Menge und nicht auf wissenschaftlicher Logik aufgebaut ist. Denn wer hat erforscht die Geheimnisse des Geistes und den Juden als solchen gesehen? Wer hat einen gegen den anderen verglichen, die Juden und Nichtjuden, die in gleicher Lebenslage sind? Wer hat den jüdischen Kaufmann dem nichtjüdischen, den verfolgten Juden dem verfolgten Nichtjuden, den hungrigen Juden den hungrigen Christen gegenübergestellt, — alles dies auf der Wagschale des wahren Wissens gewogen und wenn hat er leichter gefunden? „Ist's denn möglich, dass die ganze Welt schuldig und die Juden unschuldig sind?" Ja, es ist möglich, die Blutlüge beweist es. ier sind die Juden unschuldig, rein wie Engel. Der Jude und lut? Gibt's größere Widersprüche als diese? — Und dennoch .. . Eingesendet. An die jüdische Studentenschaft aus den südslavischen Ländern! Einem lange empfundenen Bedürfnisse entgegen zu kommen, wurde eine „Vereinigung jüdischer Hochschüler ans den südslavischen Ländern", „Bar Giora", gegründet. Dadurch erscheint ein Ceutrum geschaffen, in dein die jüdischen Studenten aus den südslavischen Ländern vereint lind einander nähergerückt werden sollen. Von uns aus soll das jüdische Volk in den südslavischen Ländern aufgerüttelt werden. Ferner wollen wir einen praktischen Versuch machen, die leichte Scheidewand zwischen aschkencnnschen und sephardischen Juden zu stürzen, ivas uns nmso leichter sein diirste. als wir auf ein freudiges Entgegenkommen der sephardischen und aschkenasischen Akademiker rechnen zu dürfen glauben. Liebe CominilitonenI Wir laden Euch zum Beitritte ein und bitten Euch, den Verein unter den Abiturienten der uns speciell interessierenden Länder bekannt zu machen. Der Provisorische Ausschuss. Briese uslv. an eand. jur. Jochancm Thcrn, Universität. Der Schlüssel. Erzählung v o n E d u a r d K u l k e. (Fortsetzung.) Draude fühlte sich vereinsamt, da er seine besten Freunde und Nathgeber verloren hatte. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl des Verlassenseins mit solcher Heftigkeit, dass er in eine Art von grübelndem Trübsinn verfiel. Hatte er schon früher wenig Befähigung für die sichere Leitung seines Hanswesins, so verlor er sie jetzt vollends und mit raschen Schritten gieug es abwärts. Drängende Mahnungen brachten ihn auf Biomente zum Bewusstsein seiner Lage, er wusste aber nicht, wie ans dem Wirrsaal zu entkommen sei. Ju seiner Hilflosigkeit Iveudete er sich au die Bewohner der Gasse, denen er mehr Theilnahmc zutraute, als seinen Glaubensgenossen, von denen er sich ziemlich ferne gehalten hatte. Er fand auch Abhilfe in der Gasse, aber nur eine momcutaiic, eine Hilfe, welche die Gefahren, die ihm drohten, nicht beseitigte, sondern nur in etwas weitere Ferne schob. Er lief aus, um seine Verbindlichkeiten zu erfüllen, aber er bekam das Geld imr zu sehr hohen Zinsen, und hierin hatte der Drab ganz recht, wenn er von einem großen „Newach" sprach. Diese Operationen verschlimmerten die Lage in steter Progression; je mehr er auslieh, desto mehr häufte sich die Schuldenlast, er konnte die Zinsen nicht mehr erschwingen, geschweige, dass ihm die Rückzahlung möglich gewesen wäre. Nun würden die Darleiher, die sich früher so bereitweillig gezeigt hatten, um so schlvieciger und zurückhaltender, er vermochte lein Geld mehr anfzntreiben, blieb mit den Leistungen au die herrschaftliche Gasse im Nückstande; Drohungen, dass ihm der Pacht gekündigt werden müsse, wenn er nicht pünktlich in der Ablieferung lein wolle, blieben resultatlos, denn sie scheiterten nicht an seinem Willen, sondern an der reinen Unmöglichkeit. Er wusste nicht ans noch ein. An jenem Tage, an welchen! wir die Bauern und Bürger zischelnd und einander Geheimnisse in die Ohren raunend, im Wirtshaus gefunden haben, hatte er in seiner Rathlosigkcit den Entschluss gefasst, seinen Leiden durch die Flucht zu entgehen." Die Kunde derselben drang auch in die „Gasse" und versetzte die Bewohner derselben in nicht geringe Aufregung. Wie in der Wirtsstube, wurden auch hier größtentheils lieblose Urtheile über den nitglücklichen Pächter gefällt. Ein „Gvi" (Nichtjnde) ist ein „Chamerkopf" (Eselskovf), und tvcnn über ihn eine „Haschee" (Leidwesen) kommt, lässt er alles stehn tiild liegen und lallst „pleteh" <davon). Wenn ein Jüd so einen Mvierhof ii\ Pacht hat, muss er davon „vischer melech" (reich ivie ein König) werden. —■ Hansführen ist keine Knust — ansführen ist eine Kunst. — Und was ist das für ein Benehmen, Weib und Kind daheim zu lassen und wegziilaufen auf die alten Tag, ein jüdisch Herz ist so ettvas gar nit imstand. So und ihn ähnlicher Weise lauteten die Urtheile, doch waren tinter denen, die den armen Mann so hart imd lieblos benrthcillen, nicht wenige. die den Geldgeschäften mit ihm den Aufschwung ihres Bermögeits zu verdanken hatteil. Reb Schimme Lasuilder aber sagte zu Reb Sroht Hühnerberg: „Mir ist er, soll ich geslllld seill, ein groß „Rachmones" (ein Gegenstand des Mitleids). Das heißt herniltergekonnnen. Wer l)ätt' sich das Vörstetten sotten. Wenn das Frank'sche Hans noch am Leben Ivär, hält' das auch nicht passieren können. Das Halis ist nicht nur der K Hille abgestorben, es wissen andere Lent'^ auch etwas davon zr> erzähleil. Reb Löb, „oleiv hascholem" (der Friede sei mit ihm), oder der Dvctor „sicher Zadik liwroche" (das Andenken des Fronnnen sei zum Segelt) hätten es mit ihm so weit nicht kommen lassen. „Dn magst mir glauben," antwortete Reb Srohl, „ich bin auch drüber so „emzar" (schmerzergrisfelt). lvic. tvenn es mein Bruder passiert war', uild tueuu es mein „Jechoiles" (Vermögen) geivesen lvär, hätt ich ihiil zu helfen gesucht; aber ich kailii leider nicht. Ich Hab meine „Dniges Parnoße" für mich, und Hab zu arbeiten, dass ich mein Sach „betowed" (ehrenhaft) dnrchführ und nicht brauch „anfgediehn" (angewiesen) zu sein ans „Matness basier ivedaul" kGeschenke voll Menschen aus Fleisch und Blut). Was soll man thun? Es hat ein jeder „nebnch" (leider) an sein Wägete schwer genug zu schleppetl, lind Ivas nicht geht, das geht nicht; denn , nicht etil jeder ist ein Löb Frank, der mit ben Dukaten nur so her nmlversin kann, als wie tvenn eS „Hodelniissin" (Haselnüsse« Iväreit." | _ Das Frank'sche HansI Was war eS min mit diesem Hanse? i Ltand es leer? Oder tvar es bewohnt, und von tvenl? I Eine alte Frau bewohnte jetzt das schönste Hans der Gasse. Noch immer hätte man es ihr, Ivie sie da in ihrem Lehnstuhle saß. j ansehen können, dass sie einmal das schöne Näsele genannt wurde, tvenn nicht ein breiter, grüner Schirm, den sie an der Stirne trug.! ihr fast das ganze Gesicht bedeckt hätte. Den E-chirul konnte sic; freilich incht entbehren, die Sonnenstrahlen mussten von ihre,:! Augen, die nicht nur vor Alter schtvach waren, abgehalten werden.! denn diese Angcn haben einmal viel Thränen vergossen. Näsele! Bernstein liebte aber ihren grünen tod)trm so sehr, dass sie)ihn selbü > dann nichtstveggegeben hätte, wenn ihre Augen auch vollständig gej snnd gewesen wären; sie verehrte denselben als ein thenreS Vcr. mächtnis von dein, der ihn ihr znnl erstenmalc nur die Stirne ge blinden; und ob sie alich noch viele andere Dinge besaß, die sie an den Doctor Felix Frank erinnerten, so gieng ihr der grüne Schirm doch über alles; denn der Doctor Felix Frank hat ihr das Allgen - licht erhalte», lind ihm verdankte sie es, dass sie hellte noch sehen konnte, ivie schön ihre Tochter war, .die ihr das "Alter versüßte, i Jetzt weinte Näsele Bernstein nicht mehr, denn was ihr einmal so | weh gethan, das war anSgebrannt. Im Gegentheile machte ihr ganzes Wesen den Eindruck eines ruhigen, mit sich selbst übereingekommenen GemütheS. Es tvar ihr auch jetzt nicht mehr so hart, sich! Rösele Bernstein nennen zu hören; in früheren Jahren gab es ihr i aber immer einen Stich ins Herz, wenn sie sich so nennen hörte, i obwohl ihr der Name von Gottes- und Rechtswegen znkam, da > sie das Weib von Molsche Bernstein, lucim auch nur kurze Zeit. > geivesen tvar. Damals dachte sie innerlich, tvenn sie nicht Rösele I Frank heißen tonne, tvas der sehnlichste Wunsch ihrer Seele war, Ivas aber der Himmel nicht so fügen lvottte, so möchte sie lieber immerfort Näsele Lederer heißen, wie sie von Jugend ans geheißen, als irgend einen anderen Namen annehmen. Ihr Vater Bär! j Lederer lvottte aber durchaus, dass sie sich verhcirateil soll, und so hat sie ohne Wahl denjeiligen znm Manne gcnommcil, ben ihr Vater ihr bestimmt hatte. Das Kind, lvetches sic unter Schmerzen geboren, liebte sie mit aller Zärtlichkeit der Mutter, doch war dieser Pfand nicht imstande, die eheliche Verbindung auch innerlich fester zu knüpfen. Rösele war vor Gott und dor der Wölt das Weib von Maische Bernstein, denn sic ist mit ihm nach dem Wunsche ihres l Vaters unter die Chnppe gegangen und hat von ihm das Kidnschin- Fingert bekommen; aber ihr Herz ist nicht mit dabei gewesen, denn , in diesem tvar nur für einen Raum. Dieser eine hieß aber nicht Moische Bernstein, svilderil Felix Frank. Als sie Wittwe wurde, denn Moische Bernstein starb in kurzer Zeit ans Gram darüber, I dass er die Liebe seines Weibes nicht erringeil tonnte, betrauerte ’ sic ihn, ivie sicy's gebürt, und vernachlässigte auch nicht das geringste von den üblichen Cereinonien. Sieben Tage ist sie ans der Erde gesessen nild an ihrem Kleide tvar vorne an der Brust ein hässlicher Riss; dreißig Tage lang ließ sic das Licht brennen, gan§ wie es vorgeschrieben ist. Ein ganzes Jahr hindurch sah man sie in Trauer, entweder trug sie ein schwarzes Kleid, oder das Kleid war mindestens mit schwarzen Bändern benäht, ebenso ihre Haube. Nur die Thränen, die sie vergoss, galteil nicht dem Verstorbenen, sic hatte einen anderen Kummer zu verlveinen und sie hätte sich ihre schönen Augen herausgeweiiit, wenn der Doetor Felix Frank nicht affc_ Geschicklichkeit und Sorgfalt aufgeboten hätte, sie zn retten, ^eit dem Tage, da ihr der Doctor Felix Frank den grünen Schirm lim die Stirne gebunden, hat sie nicht mehr geweint, und selbst bei seinem Tode hat man sie keine Thräne vergießen sehen. Nach Därl Lederers Ansicht sollte sie keine „Almoneh" (Witlve) bleiben; denn ein Weib ohne Mann steht allein in der Welt und hat keine Stütze, und an „Schiduchim" hätt' eS.ihr auch nicht gefehlt, denn sie tvar noch immer das schöne Rösele. Sie aber erinnerte ihn an den Tod ihrer seligen Mutter, und wie er hernach auch ein „Almen" (Witwer) geblieben sei. Seinen Einwurf, dass! hier ein großer Unterschied sei, denn er ist ein Mann und sie ein schwaches' Weib, lieh sie nicht gelten, denn sie komlte den großen Unterschied gar nicht eiilseheil, außerdem lioch, wie sie sagte, Witwen; unter Gottes besonderem Schutze stehen. Als aber Bärl Lederer j sagte: „Ich habe tvenigstens Dich gehabt," sagte sic: „Und Hab' ich! nicht mein Pessele — hundert Jahr' soll sie leben — und tvenn das! Kind auch hellte noch meine Pflege braucht, so wird doch, wenn j Gott will, eine Zeit kommen, tvo sie mir dasselbe fein kann, iva» j ich Dir gewesen bin." Kurz, es half feine Ueberredung und keine 'Vorstellung. „Einmal," sagte sie, „Hab' ich Dir Deinen Willerr ' gethan, ich Hab' an Dir gehandelt, wie eine Tochter. Hätt' es j Gott gefallen, ihn leben zu lassen, so hätt' ich bis ans Eilde meiner I Tage mit ihm gelebt und hätte Dir nienlals das Opfer vorgez halten, das ich Dir gebracht habe. Heute hat eS Gott anders beschlossen, und ich bin zlvar lioch immer Deine Tochter, aber ich : Hab' jetzt meinen eigeneil Willen, nild den kann niemaild ändern. I Du musst aber nicht glauben, dass ich mir Hoffnung mache, Zll er- I reichen, was Dir ein Doril im Auge lväre^das nicht, denn das ist I unmöglich, nild nun Ivill ich voll dieser Sache lveiter fein Wort hören." I So hat damals Rösele Bernstein zu ihrem Vater gesprochen:! heimlich hat sie, tvie wir schon gesehen habeii, sich fast blind ge; tveint. Seit deiil Tage aber, da ihr der Doctor Felix Frank den; grünen Schirm um die Stirne gebunden, hat man sie feine Thräne 1 inehr pergießen sehen. Es hat sich über ihr Wesen eine Art von Verklärung ansgebreitet, so dass sie selbst beim Tode des geliebtesten Mannes ruhig blieb lilld ilicht die Fassung verlor. Freilich sollte . sic jetzt die Größe des Verllistcs erst recht temveu lernen; nicht nur, dass sie einen großen Theil seines ganzen Vermögens erbre l — lind Felix Frank war sehr reich — er hinterließ ihr einen Schatz, der ihr mehr wert tvar als die äußeren Glücksgüter, auf die sie auch hätte verzichten können, da sie selbst nicht ohne Mittel zurückgeblieben lvar. Felix hinterlics; ihr aber ein versiegeltes Pak«,! lvetches seine Tagebnchblätter eilthiclt, und da sie sich dieselben ' voll ihrer Tochter Pessele vorlesen ließ, sah sie erst ein, welches Vertraue» er in sie gesetzt lind wie unerschütterlich das Gefühl der Dankbarkeit lnld Freimdschaft für sie in seinem Gemüte gelebt harte. Jetzt verstehe ich erst sagte sie zu sich selbst, nachdem die Tochter die vergibten Blätter lvieder zusammengefattet hatte - was er damals gemeint hat, als ich mich leidenschaftlich an seinen Hals geworfen und ihm meine Liebe gestandeil habe. Jetzt verstell'! ich, lvarlim unsere Verbindung unmöglich war, warum er midi abgewiesen und verlangt hat, mir die Idee ans dem Kopfe zu schlagen. Das weiß ich selbst ain besten, dass man da drinnen feine Herberge anfschlägt, wo jeder einllnd ausziehen kann, wie es ihm beliebt. ' Dieses Tagebuch belvahrte sie lvie eitle heilige Reliquie; sie lebte nur in der Erinnerung an eine schmerzliche Vergangenheit ohne Hoffnung für die Zukunft, als dass auch sie bald dahin abbernfen werden lvürde, wohin ihr der Geliebte ihrer Seele boransgeeilt lvar, als ob er die Absicht gehabt hätte, ihr daselbst einen schönen Empfang zu bereiten. ' Sie lebte einsam und abgeschlossen. Von der Gasse drang selten ein Laut in ihr stilles Heiligthum. Umso erschütternder musste die Nachricht ans sie einloirken, lvelche die Gasse erfüllte und selbst bis hierher, lvo man sich sonst tvenig um ben Stadtklatsch kümmerte, den Weg gefunden hatte. „Waruni hat er sich ilicht an mich gewendet," fragte die Frau, „hat er denn gezweifelt, dass ich ihm helfen möchte?" „Wie hätte ihm das einfalten sollen?" fragte die kluge Pessele dagegen, „hast Dn, Mutterleben, denn schon ihm bewiesen gehabt, dass er zll Dir tommen kann?" „Dn bist gerecht, lvie Gott gerecht ist. Ich bin eigentlich an dem Unglücke schuld. Ich hält' müssen mit dem gewaltigen Vermögen. das sie mir hinterlassen haben, auch das gewaltige, gute Herz übernehmen, lvas sie gehabt habe». Aber mein Stölzl Ich Hab' geglaubt, ivenn jemand von mir etlvas braucht, so kanil ec zu

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