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Jüdisches Volksblatt · 1902-05-23 · 21 (23.5.1902) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
21 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. Mai 1902 Seite 3 Der diesmalige Congrcss bedeutet eine weitere Phase in der Entwicklung der politischen Zionisten im Sinne der sogenannten Gegenwartspolitik. Abgesehen von vereinzelteil Stimmen sprach sich nahezu der gesammte Congress im Sinne des Referellten Egoil Lederer im Principe für die von der galizischen Delegation schon längst geforderte Theilnahme am politischen Leben ans. Ja, noch mehr, die eingehende Behandlung der Stellung der politischen Zionisten Oesterreichs zum öffentlichen Leben Oesterreichs wird den Hauptpunkt des nächstjährigen Congresses in Wien bilden. Die Vertreter der jüdischeil Volkspolitik, die auf den: jüdisch-volklichen Progranune fnßen, Können mit dieser Entwicklung des politischen Zionismus zufrieden sein, wenn sie anch in dem Referat keineswegs mit Sammcthandschnhen angefasst wurden. Wir sind cs ja schon gewöhnt, dass mail Schritt für Schritt sich unserem Standpunkte nähert und ihn trotzdem bekämpft. Nachdem rnan allmählich nicht nur die Nothwendigkeit der Bethätigung auf wirtschaftlichem, sondern jetzt anch ans politischem Gebiete anerkannt hat, trotzdem »tmi uns, weil wir dasselbe schoil längst betonten, verketzerte, erkennt man Wohl jetzt auch schon den engen Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Politik an, Ivirft uns aber derzeit noch vor, dass >vir die Politik in den Vordergrund stellen, während man nach zionistischeil Anschauungen, das cnlturelle rvirtschaftliche Moment voranstellen müsse. Es ist dies eine sich immer wiederholende, aber durch nichts erhärtete Behauptung, dass unsere Gesinnungsgenossen die Politik forcieren tvürdcn. Für uns ist die Erlangung ettvaiger Mandate keineswegs Selbstzweck, sondern eines unter den vielen Mittelil zur kulturellen lind tvirtschaftlichen Hebung des jüdischeil Volkes. Und wenn die politischen Zionisten nntt selbst einschen, dass die Frage nicht nlehr lanteil kann, ob Politik oder keine Politik, sondern ob eine schlechte oder gute jüdische Politik (und ein galizischer Delegierter setzte ja wunderbar auseiilander, tvohin es führe, Ivcllil ein jeder Politik auf eigene Faust macht), daiin freut es niemnnben mehr als uns, denn tvir tvollcn kcineslvegs, lvie der Referent meinte, beit Krieg, svnderil den Frieden zwischen uns und den jüdischen Nationalen zionistischer Observanz. Eine Voraussetzung derselben aber bildet, dass man zll den thatsächlich vorhandenen Differenzen nicht solche hinzufügt, die sactisch nicht vorhanden sind. Nach dem vor kurzenl erschienenen jüdisch-volklichen Programme kailn man keineswegs »lehr uns als prineipicllc Gegner der Erlangung einer Heimstätte hinstellen, »nd darf keineswegs mehr behaupten, dass wir nicht nur nichts für die Erlangung einer solchen thun, sondern die darauf gerichteteil Bestrebungen nicht förderil. Wir haben frank und frei uns als Anhänger des „Colonial-Zionismus" bekannt und sind jederzeit bereit, nrit allen unseren Kräften alle Bestrebungen zu unterstützen, welche darauf gerichtet siild, unseren heimatlosen Brüderil im Osteil eine Heimstätte zu verschaffen. Allerdings — lind das habeil wir in unserem Programm rückhaltlos ausgesprochen — wir wünschen wohl eine Heimstätte für die Heimatlosen, aber!vir erblicken in der Erlangung derselben keineswegs die Lösung der gesammten Judenfrage, die Beseitigmlg aller und jeder Judeiinoth. Daraus darf aber iiicht gefolgert tverden, dass die jüdischen Volksvereine, weil sie ihren Statuten gemäß nur innerhalb Oesterreichs ihre Thätigkeit entfalten fömten, deshalb mt t* das Los der österreichischeil Juden verbcsseril wollen, dein tranrigeil Lose der anßerösterrcichischen Brüder gleichgiltig gegcnübcrsteheu. Im Gegentheile, wir siild uiis vollkommeil darüber klar, dass die Judenfrage keineswegs an den schwarz-gelbeil Grenzpfählen aufhört, aber wir sind feine Centralisteii, sondern Antonoinisten, und glauben, dass den verschiedenen Verhältnisseil in den verschiedenen Ländern Rechnung getragen werden muss. Unser Programm ist in erster Linie für die österreichischen Juden bestinnnt, nild darum ist es llicht Gleichgiltigkeit gegen unsere Volksgenossen in anderen Ländern, sondern eine Conccntrierung der schwachen Kräfte, wenn wir in erster Linie die natiormle Organisation der österreichischen Inden erstreben. Dass diese iiationale Orgailisation eine national-sociale sein muss, haben tvir oft genug auseinandergesetzt, und sowohl llnscre Vercinsthätigkeit wie anch unser Programm und die Haltuilg unseres Blattes beweisen, dass wir keineswegs eine engherzige Bourgeoispolitik cultivieren, sondern jederzeit — allerdings mit Ausschluss der einseitigen marxistischen Classenpolitik — für all die armeil Elenden, Enterbten imsercs Volkes nicht nlir mit leeren Worten, sondern auch mit der Thal eintreten wollcii. Vorstehendes war ilothtvelldig, anlässlich des Zioilistciltages darzulcgen, um nicht etwa, weil tvir eine Polemik wollen, sondern um durch die vorstehenden Ausführungen einen Beitrag zur Klärung unseres Verhältnisses zu den politischen Zionisten zll liefern und um verschiedene Jrrthümer und Missverständnisse, die über unseren Standpunkt in verschiedenen zionistischeil Kreiseil darüber herrschen, klarzulegen. Thatsächlich ist ja die Stcllullgnahme der politischeil Zionisten zu deil politischen Tagcsfragen das wesentlichste und markmlteste Moment des stattgefniidenen Zionistcntagcs. Alle anderen Fragcil, die auf dem Zionistentage zur Bcrathung gelangten, waren fast ausschließlich admiilistrativer Natur uiid betrafen interne Frageil über Partei, Agitation, Organisation lind Partcipresse. Das wesentlichste aus ben diesbczüglchcn Debatten sei hier wiedergegebcn. Der ivcseiltlichste Gegeilstand des diesmaligen Parteitages war, wie wir an anderen Stellen ausführen, die Stellungllahme des Parteitages zur inneren Poljtik. Der erste Tag, Soiliitag, wurde Vorlviegend mit einer Debatte über den genehmigten Rechenschaftsbericht lind über Parteisteuer ausgcfüllt, wobei sich insbesondere che galizischen Delegierten sehr zahlreich betheiligten, die ihre Wünsche und Specialbedürsnisfc betonten und verschiedene Beschwerdeil zum Ausdruck brachten. Eine längere Debatte entspann sich über die Parteisteucr. Dieselbe _ wllrde durch eine Resolution erledigt, llach welcher die galizischenZionisten eine Krone an Parteisteuer zll entrichten haben, wovon jedoch zwei Drittel im Lande bleiben und ein Drittel dem Landeseomitee übergeben wird. Nach Annahme der diesbezüglchcn Nesollition mit Genehmigung des Corrcfcrates des Herrn Referenten Mohr, hielt an Stelle des plötzlich unwohl gewordenen Herrn Wcistberger Herr- Max Hickl aus Brünn das Referat über die praktischen Aufgaben und Ziele der Organisation. In den diesbezüglichen Thesen wird als die Ursache der Stagnation, die schon seit langem im Zionismus zu verzeichnen ist. „die zerfahrene systemlose Agitation, der Mangel einer genügeilden wissenschaftlichen Basis für unsere Anschauungen, sowohl was unsere alte Cultur, als auch was die derzeitigen Lebensverhältnisse und Cultnräusternngen der Inden in ihrer Gesammtheit betrifft, desgleicheir inbezug ans die Kenntnis Palästiiras und aller die Colonisation betreffendeil Factoren"b>n-- gcstellt, damit begründend den Mangel an praktischen ivirtschaftlicheil Erfolgen, weil mir noch nicht die wichtigen neueren Zusammenhänge mit deil bestehenden jüdischen Institutionen haben." Der zweite Tag wurde durch die Discussion über die nächsten Aufgaben der einzelnen Organisationen, die Agitation. die Errichtung einer jüdisch-nationalen Ackerbauschule in Palästina, die Neuwahl des Landcscomitees, die Stellungllahme zll den Congressen und zu den llichtzioniftischcn Gnippen allsgefüllt. Unsere Stellung zn dem dicsbezüglichell Referate des Herrn Egon Lederer, soweit es die Jüdisch-Volklichen betrifft, haben wir an anderer Stelle präcisiert. All dieser Stelle wollen wir uns darauf beschränken, betreffs des zweistündigenReferates, welches, redigiert vom Landeseomitee, in Druck gelegt wird, zu betonen, dass dasselbe als Substrat der Discllssion für deil nächsten Parteitag angenommen wilrde. Das Referat Lederer spricht sich im Priilcipe für die Stellungnahme zil allen Tagesfragen, und sotveit es den wirtschaftlicljeu und enltnrellen Interessen der Jliden förderlich ist, allch für das activc Eingreifen bei den W-ahlen aus. In einer diesbezüglichen Rcsollltioil wird die Ausführung der Einzelheiten und etivaigen Compromisse mit anderen Fraktionen dem Landeseomitee im Einverständnisse mit dem Distrctscomitee Lberlassen. Amklikruische Stimmen über die kmiimslhe Frage. Wisse, woher du kommst, wohin du gehst und mit wem du zu rechnen hast. (Sprüche der Väter.) Die Versuche der rumänischen Regierung, den verübten Gewaltact gegen die Juden in milderem Lichte erscheinen zu lassen, haben nichts genützt. Die rumänischen Juden setzen die Auswanderung in geordneten, kleineren oder größeren Gruppen fort. Mitunter rafft sich auch eine einzelne Familie oder eine alleinstehende Person auf, um unbemerkt die Grenze zu überschreiten und die große Wanderung ins Ungewisse anzutreten. Auch die der rumänischen Regierung wohlwollende, nur so en passant hingeworfene Aeußerung des Grafen Agenor Goluchowski anlässlich der Beantwortung der Intel pellation des ungarischen Delegierten Max Falk, »dass hinsichtlich der friedlichen Lösung dieser Frage beruhigende Berichte eingelaufen seien", hat diese schon so oft getäuschten armen Juden nicht zum Bleiben bewegen können. Der ungebildetste, in politischen Dingen noch so unbewanderte rumänische Jude weiß es heute auch schon ganz genau, dass die rumänische Regierung vorläufig der Juden noch als lebendes Documcnt dem Auslande gegenüber bedürfe und dass, so bald die ausländischen Millionen in die Bukarester Cassa gelangt sein werden, auch die strenge und buchstäbliche Durchführung des existenzmörderischen Gesetzes auf die Tagesordnung kommen wird. Angesichts dieser Thatsache ist es nun von nicht unbedeutendem Interesse, zu beobachten, welche Richtung die Wanderung dieser »keinem Staate angehörigen" Parias nimmt und wie man ihre Angelegenheit in den Ländern beurtheilt, denen die meisten der Existenzlosen zustreben. Bisher haben die verschiedenen Theile Amerikas den größten Theil dieser Unglücklichen ausgenommen, und es ist bei Beurtheilung und Regelung der Emigrantenfrage der rumänischen Juden gewiss von Wichtigkeit, zu erfahren, welche Stellung die amerikanische Presse — hauptsächlich die jüdische — zu dieser Wanderung nimmt. Hören wir zunächst die Ansicht des in Philadelphia erscheinenden hervorragenden Blattes »The Jewish Exponent". In seiner am 9. Mai erschienenen Nummer schreibt der „Exponent" : „Das Problem der Lage der Juden in Rumänien ist nicht ausschließlich nur für die rumänischen Juden, das rumänische Volk und die Regierung von Wichtigkeit, sie ist auch für die Völker Westeuropas außerordentlich wichtig und sind England und unser Land (Amerika) dabei besonders interessiert. Denn beabsichtigt die rumänische Regierung das Gesetz, welches den „Fremden" die Ausübung eines Gewerbes untersagt, wörtlich auszuführen und besteht sie darfluf, die Juden als »Fremde" zn betrachten, so muss eine allgemeine Auswanderung der Juden platzgreifen, da sonst nichts übrig bleibt, als zuhause zu bleiben und Hungers zu sterben. Die Frage ist daher eine internationale, an deren Lösung viele Nationen ein vitales Interesse haben. Was wollen nun diese Mächte in dieser Angelegenheit unternehmen? Russland, obgleich selbst ein Mitglied des Berliner Vertrages, welcher die Sicherstellung der Freiheit der Juden enthält, wird nichts thun. Sein eigenes Verhalten den Juden gegenüber beweist dies nur zu klar. Deutschland hat nur in entfernterem Sinne ein Interesse an der Frage, denn sein System, die ihm unliebsamen Fremden fernzuhalten, macht es unwahrscheinlich. dass es durch die Auswanderung direct betroffen würde. Oesterreich, England und die Vereinigten Staaten hingegen werden die ganze schwere Last zu tragen haben. Die beste Lösung der Frage wäre zunächst allerdings, die Ursache der Auswanderung aus dem Wege zu räumen. Amerika ist nicht in der Lage, nach dieser Richtung hin als activer Factor aufzutretcn. Amerika hat den Berliner Vertrag nicht unterschrieben und hält an seiner Politik fest, sich in die internen Angelegenheiten fremder Nationen nicht zu mischen. Anlässlich des Falles. Mortara wurde die Regierung in Washington ersucht, beim Vatican in Rom zu intervenieren, die Antwort jedoch war ganz einfach, dass die Vereinigten Staaten sich um die interne Verwaltung der pästlichen Regierung oder anderer Nationen nicht zu kümmern haben. Genau dieselbe Antwort erhielt die Negierung, als sie im Jabre 1881 wegen der Iud en v er fo l g n n gen in Russland und vor einigen Jahren wegen der Christen-Massacrierungen in Armenien interveniert hatte. Wir können daher eine Beruhigung in dieser Angelegenheit nur von O e st e r r e i ch und England erwarten, doch hauptsächlich England ist es, dem sich unsere Hoffnungen zuwenden. Der Berliner Tractat ist offenkundig verletzt worden, und das Unterfangen Rumäniens, Menschen, deren Familien seit Jahrhunderten im Lande leben, als Fremde zn erklären, ist eine Verletzung des Naturgesetzes, auf welchem sämmtliche internationale Gesetze aufgebaut sind. Es ist also England, das die Führung in dieser Krisis übernehmen muss. Mögen unsere Hoffnungen rasch und vollständig erfüllt werden." Unserem verehrten College» in Amerika waren, als er diese Zeilen schrieb, die geradezu niederschlagende» Aeußerungen unseres Ministers des Aeußern in der ungarischen Delegation noch nicht bekannt, und es zeigt jedenfalls von einer genauen Kenntnis der jetzigen verlotterten Zustände in Oesterreich, wenn er von diesem Lande, in welchem die Schwärzesten der Schwarzen das große Wort führen, sich nichts verspricht, waS einer Humanität ähnlich sieht und die ganze Hoffnung auf England fetzt. Möge auch diese nicht trügen! Im Uebrigen lässt sich die „Kölnische Zeitung" aus Washington vom 19. Mai telegraphieren, dass das Staatsdepartement den Bemühungen »einflussreicher Juden" gegenüber, dass die Vereinigten Staaten in Rumänien wegen angeblicher (!) Judenverfolgungen intervenieren möge, erklärt habe, dies nicht thun zu können, da es sich nicht um amerikanische Bürgcr handle. Die Verantwortung für diese Nachricht müssen wir der „Köln. Ztg." überlassen. (Fortsetzung folgt.) Chronik. Int an-. General-Versammlung des „Indischen Volksvereines" für den XVI. und XVII. Bezirk. Im Restaurant Müller fand am 10. d. M. die General-Versammlung des „Jüdischen Volksvereines" statt. Der Saal war dicht gefüllt von jüdischen Bürgern, die dem nationalen Weckruf gerne Folge leisteten. Vor Beginn der Vorträge wurde die Wahl des Präsidenten vorgenommen. Dr. S o f e r wurde einstimmig gewählt. Der neugewählte Präsident dankte in kurzen Worten für das ihm geschenkte Vertrauen und sprach die Hoffnung auf eine tatkräftige Unterstützung durch seine College» im Ausschüsse aus. Hierauf ertheilte er dem Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Karl Lifczis das Wort zu seinem Vorträge: »Jüdische Ziele". Der Redner entwickelte in der bei ihm gewohnten geistreichen Weise das national-sociale Programm und würzte seinen Vortrag durch Erzählung 'der Ereignisse der Tageschrvmk. Allgemeiner Beifall lohnte den gewiegten Redner. Hierauf ergriff Ausschussmitglied Herr S. Schickler das Wort. Ec sprach eingehend und gewandt über »Jüdische Cvmmunalfragen".. Seit der Einverleibung der Vororte in die Großgemeinde sei nichts Wesentliches geschehen, außer dass die Eultussteuern um das Dreifache gestiegen sind und die Beamtengehalte erhöht wurden. Das Statut sei ohne jeden zwingenden Grund durch Schaffung einer eigenen Curie der Höchstbesteuerten geändert worden. Das sei undemokratisch und dem Geiste des Judenthums zuwider. Das geschehe durch dieselben Herren, die nach außen von Liberalismus, Fortschritt und Aufklärung triefen. Dafür habe man den 5 fl.-Census versprochen. Dies Versprechen wurde aber nicht gehalten; alles, was zustande kam, war eine Missgeburt, nämlich eine fakultative Steuer. So etwas streife an chinesische Verhältnisse. Ferner habe man versprochen, aus den Vertrauensmännern Bezrrkscomissionen zu bilden und nach Maßgabe einer Geschäftsordnung Angelegenheiten des Bezirkes diesen zur Erledigung zuzuweisen. In ihren Wirkungsbereich sollte das Armenwesen, Schulwesen und Leichenwesen fallen. Von diesen Vertrauensmännern werden 120 gewählt und 120 von der Gemeinde ernannt. Das sei ein Wahlrecht, wie es etwa für die serbischen Bauern am Platze ist, aber nicht für die Wiener Judenschaft, die im politischen Leben für das gleiche und allgemeine Wahlrecht schwärmt. Aber selbst diese 120 werden nicht dem Volke vergönnt, sondern 66 Vertrauensmänner werden von der obersten Kaste gewählt. So schaue das Selbstbestimmungsrecht der Wiener Juden aus. DieseJuden beklagen sich über politische Vergewaltigung und vergewaltigen selbst die ökonomisch Schwächeren. Das Unerhörteste ist aber, dass zwei Jahre seit der Genehmigung des Statutes verflossen sind, ohne dass die Geschäftsordnung für die Beznkscommissionen erlassen wurde, so dass diese sich noch nicht constituieren konnte! Unsere Wahlparole ist: Abschaffung der oberen Curie, Schaffung einer einheitlichen Curie, Wahl nach Bezirken, Herabsetzung des W a h l c e n s u s. Die künftigen Wahlen werden ein Protest gegen die Juden sein, welche ihren eigenen Stammesgenossen das Recht vorenthalten und dabei Zeter und Morvio schreien, wenn die politischen Behörden es dem jüdischen Volke thun. Langanhaltender Beifall folgte den Ausführungen dieses Volksredners, der mit ebensolcher Sachkenntnis wie Gewandtheit sprach. Hierauf entspann sich eine interessante Discussion über Fragen des Bezirkes, worauf der Vorsitzende die Versammlung schloss. AlteS und NeneS vom Herrn Pollak. Von befreundeter Seite werden wir aufmerksam gemacht, dass Herr Leopold Pollak, der Held der Gremialbaugeschichte derselbe ist, der als Vorsitzendender des Wahleomites für die ^Handelskammerwahlen möglichst viel Juden herausekelre. Bei einem, dem alten und verdienstvollen Herrn kais. Rath Naumann Schefstel, gelang es ihm, während Herr Schwitzer trotz des Zürnens des Gewaltigen durchdrang. Als Grund gab der Herr Cultusvorstand an, dass die Genannten „provocieren".Die zwei Genannten waren nämlich diejenigen, welche auch die Interessen der jüdischen Wähler gegen die Schoßkinder des Präsidenten des Gremiums, die christlich-socialen Kammerräthe, vertreten. Und das ist in den Augen des Cultusvorstandes der israelitischen Gemeinde Wien eine Provokation. Wie lange wird aber Herr Leopold Pollak noch die jüdische Wählerschaft provocieren? Neuer Studentenverein. Am 6. d. M. fand eine Versammlung behufs Gründung eines Vereines jüdischer Hochschüler aus den südslavischen Ländern, die eines Sammelpunktes dringend bedurften, statt. Die Versammlung beschloss einstimmig die Gründung des Vereines unter dem Namen „Bar Giora", Vereinigung jüdischer Hochschüler aus den südslavischen Ländern. Die Statuten wurden der Statthalterei zur Genehmigung vorgelegt. In den provisorischen Ausschuss wurden gewählt: jur. David Fuhrmann, jur. Felix Pordes, techn. Milan Rosenberg, jur. Jochanan Thau. Briefe sind zu richten an cand. jur. Jochanan Thau, Universität. Wien. Der Bericht über die Thätigkeit d er B ar o nH irsch-S chulen für 1900—1901 ist erschienen. Die Zahl der Säiulen beträgt gegenwärtig 50, die Anzahl der Schüler 5634. Im Laufe des Schuljahres wurde das Oeffentlichkeitsrecht den Schulen in Obertyn und Zloczow verliehen, so dass gegenwärtig 16 Schulen mit dem Oeffentlichkeitsrechte ausgestattet sind. 24 Schulen sind höherer, 26 niederer Ordnung. 31 Schulgebäude sind Eigenthum der Stiftung; in 19 Orten sind die Schulräume gemietet. Im Ganzen stehen 176 Classenräume zur Verfügung, in welchen 247 Lehrkräfte wirken. Unter ihnen lehrten 10 Lehrer nicht bloß die. gewöhnlichen Unterrichtsgegenstände, sondern ertheilten in der schulfreien Zeit an 154 Schüler in 17 Abtheilungen Unterricht in Handfertigkeit (Slöyd), Von den Knaben wurden im Laufe des Jahres mit Hilfe

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