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Jüdisches Volksblatt · 1902-05-09 · 19 (9.5.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
19 (9.5.1902)
Date
1902-05-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. Mai 1902 Seite 5 0000 sind gerüstet zur Emigration und werden über Rotterdam Europa verlassen. In den jüdischen Vierteil: stehen masseilhaft die Wohnungen leer. Großes Aufsehen erregte hier die Affaire Poenaru. Lieutenant Poenaru beleidigte einen Studenten, es kain zu Schlägereien und der Officier verweigerte Satisfaction. Hinterher bekam cm Bedenken und forderte ben Studenten. Nun erklärte aber dieser, Poenaru hätte das Recht zur Genugthliung verwirkt. Poenaru drohte nun, ihn zu erschießen; es kam zu einem Zusammenstöße auf der Straße und der Student schoss Poenaru nieder. Aber die Pointe konlint erst. Als nian nämlich den schwerverwundeten Poenaru im Spitale fragte, weshalb er den Studenten provocierte, fugte er zu seiner Rechtfertigung: „Ich hielt ihn für einen Juden." Er büßte aber feinen Judenhass schwer, denn tags darauf erlag er den Wunden. Ein Brief aus Deutschland. Geehrter Herr Redacteurl Gestatten Sie einem deutschen Juden —- nicht „deutschen Staatsbürger mosaischer Confession" — einige Worte über den Geist (?) der Wiener Antisemiten. Ein unglücklicher Zufall trieb mich heute in eine Kneipe, in der nur das „D. B." aufliegt. Ich nahm selbiges zur Hand und da ich schon daran war, würgte ich es hinunter. Ich muss bemerken, dass man bei uns draußen im Reiche von Ihren Antisemiten keine hohe Meinung hat, auch nicht in unseren antisemitischen Kreisen. Dass aber der Leserkreis eines, lvie ich höre, verbreiteten Blattes solch blühenden Unsinn verträgt, hätte ich mir nimmer träumen lassen. Die Drathnachricht des „D. V." über Drumonts Niederlage trägt so sehr den Stempel der Mache an sich, dass ein Kenner der Verhältnisse nach dem Kalender greifen muss, um zil sehen, ob wir nicht den erstell April schreiben. Weil Druinont bei den Wahlen glänzend durchgcfalten ist, muss er von den Juden corrumpiert, ja, ein verkappter Philosemit seinl Wahrlich, dieser waschechte Judenfeind hat von dem Gelichter ein solches Urtheil nicht verdient. Dass es aber ein Publicum gibt, das solchen Wahnsinn gläubig hinnimmt, das ist beschämend für das geistige Niveau der Wiener. Weil Klinger dem „D. V." verdächtig jüdisch klingt, wird flugs btc bekanntlich jndenreine „Leipziger Jll. Zeitung"', die es wagt, Klingers Beethoven günstig zu beurtheilen, zum Judenblatt gestempelt. Und erst die ebenso gelviludene als freche Philippika gegen die Statthalterei in Angelegenheit der Haichlungsgehilfenwahlen. Der Magistrat hätte die Entscheidung der oberen Instanz als Erlösung begrüßen sollen, da deren Promptheit allein imstande war, die alles Mast übersteigende Frivolität des magistratischen GewaltacteS vergessen zu machen. Warum ich Ihren Lesern all das sage? Weil ich daraus die beruhigende Gewissheit schöpfe, dass der: Antisemitismus das Ende seiner Macht voraussieht. i Was Stöcker und Eonsorten in Jahrzehnten erreicht haben, hat Ahlwardts Uebertreiüung und Gemeinheit in wenigen Jahren vernichtet, und so wird auch die gedankenlose Menge es müde werden, sich mit greifbarem Blödsinn füttern zu lassen, der einige Taschen füllt, der Allgemeinheit aber durch die Verhetzung aller gegen alle unheilbare Wunden schlägt. ' i Das Denkmal des Vnrvn Hirsch, das zu Ehren dieses großen Philanthropen in dein Ccntralpark von New-^ork vor kurzem errichtet worden ist, hat nachstehende Inschrift erhalten: „Was man auch immer sagen und thun mag, das Gesetz der Brüderlichkeit und der allgemeinen Menschenliebe wird stets die erste und unabweisbare Bedingung im Leben der Völker bleiben." Der Verfasser dieser Inschrift ist kein Geringerer als der jetzt regierende Präsident Rooscvelt. '! Die jüdische Einwanderung Über Philadelphia betrug im letzten Quartal 1001 nur 807 Seelen, davon 430 männlich und 421 weiblich. Von den jüdischen Einwanderern kamen 647 ans Russland, 91 aus Galizien, 00 aus Rrimänien, 10 ans Ungarn, 6 aus England, 4 aus Deutschland, itnb ein Kind war auf hoher See geboren. 180 gelernte Handwerker waren unter den Einwanderern, von denen 604 in Philadelphia blieben, während 203 weiierreisten, um sich auf 33 verschiedene Städte der Union zu vertheilcn.! Jernsnleni. Durch die Einrichtung einer deutschen Post im Jahre 1800 veranlasst, haben lnir jetzt nicht weniger als fünf verschiedene Postanstalten in Jerusalem, die sich Concurrenz machen und gegenseitig anregcn, wohlangebrachte Verbesserungen und Neuerungen einzuführen. So haben wir jetzt tägliche Verbindungen mit Jaffa von Seiten verschiedener Postaustalten. Die Auslandspost wird möglichst rasch nach Jerusalem heranfbefördert; man bekommt sie meist schon am Abend des Ankunftstages in Jaffa, obgleich nur die türkische Post mit der Eisenbahn befördern darf. Der Postpaketverkehr ist sehr erleichtert und verbilligt ivorden. Die österreichische Post befördert sogar Postsrachtstücke bis zu einen: Gewicht von 00 Kilogramm. Auch die türkische Post befördert jetzt Pakete und hat Postanweisungsverkehr eiugeführt. Seit einem halben Jahre hat sie neue Marten, rmd zwar die Inlands- und Anslandsniarlen verschieden, eine Einrichtung, die höchst wahrscheinlich nur mit Rücksicht auf den hierdurch gesteigerten Absatz an die Markensannnler getroffen ivorden ist. — L-eit Anfang December ist die heilige Stadt mit reichlichem frischen Trinkwasser versehen. Mit großer Feierlichkeit ivurden die beiden neuen Röhrenbrunnen eröffnet, die der Bevölkerung täglich 00 000 Gallonen vorzügliches Wasser liefern. Der eine Brnmien ist für die Mohammedaner beftinnnt mtb steht im Hofe der Omar-Moschee, an dem Platze deS alten salomonischen Tempels; der zlveite befindet sich mitten auf der Straße zwischen dem Bahnhof unb den: Jaffa-Thoro, an dem Platze des alten Birket-Es Sultan. Von beiden Schöpfstellen aus kann das Wasser durch Träger, Wagen und kleine Leitungen der ganzen Stadt übermittelt Iverdeir. Die Anlage ist ein Verdienst des Gouberueurs Dschetvad Pascha, der alles daran setzte, um das Werk mit den zur Verfügung gestellten geringen Geldmitteln von 2000 türkischen Pfund (3 1 000 Mark) durchführen zu können. Das Wasser wird aus einer Entfermiug von fünf geographischen Ateilen nach Jerusalem geleitet, unb die alten Wasserbauten aus der Zeit Salomos konnten nur bei der Herstellung des Reservoirs mit benützt werden. Ans Syrien. Die Franzosen beschäftigen sich mit der Erweiterung ihres Bahnnetzes in Shrien. Es handelt sich mir eine rf’C. I r^ - ... t 1 L.. .. ..I'. i.(TS.».. if-J- OK.-wi: bietet keine Schwierigkeiten rmd kann rn zlvei Jahren leicht fertig werden. Die Strecke belauft sich ans 200—300 Kilometer und soll vollspneig Iverden. Air der Ertragfähigkeit dieser Strecke ist nicht zri ziveifelu, deiur Coeleshrieii ist bekanntlich sehr fruchtbar, rmd Houis unb Haina sind große, betriebsreiche Städte init bedeutender Bevölkerung. Auch Beirut >vird durch die Erweiterung des syrischen Bahuiietzes auf Posten von Tripolis bedeutend gelviiiiien. Dabei bleibt es indessen imiiier nnnatürlich, ben Verkehr tum Coelesyrien über den Libanon nach Beirut zu lenken, anstatt in gerader Richtung »ach Akla und Haiffa. Die im Ban stehende Bahn soll später über Aleppo bis zilr Eilphratbahn lveiter gebaut werden, llebrrgens macheii die schon bestehenden Bahnen in Shrien und Palästina gelviss iroch feine glänzenden Geschäfte, namentlich komnit die Bahn'von Beirut l,ach Tripolis unb Saida nicht zur Entwick- Iun% 'st nur die Strecke Beirut-Mamilten in Betrieb. In Palästina und Syrien ist irr diesem Jahre kein einziger Pcstfall vorgekommen Auch andere ansteckende Krankheiten machten sich nicht bemerkbar. Hedschasbahn. Mail schreibt der „Pol. Corr." aus Beirut: ^.er Sultan hat, um den Hedschasbahnbau zu beschleunigeir, sechs Ingenieure rn Velgieu engagieren lassen. Die in Eonstantinopel unter dein Präsidium des Sultans stchelide Comriiissiou ist nämlich mit den langsamen Fortschritten des Vahnbaiies unzufrieden und drairgt den Leiter desselben, den Chefingenieur Meißner, zur Beschlruiiigung, ohire die sich tut Ort und Stelle ergebeirden Schwierigkeiten und ^actionen inbetracht zu ziehen. Mit den neu engagierten Ingenieuren soll inrn der Bmi arich rroch au mehreren wetteren Stellen rn Angriff geiiommeri tverdeu. Nachstehciidc Angaben und Daten bieten eilt genaueres Bild vom gegemvärtigeu Stadulm der Angelegenheit, lvclche voit der ganzen islamitischcil der auch die Kosten des Werkes aufgebracht wurden, mrt Intereste verfolgt wird. 1. Zwischen Damaskus und Derraa (gegen Mzrib): Auf den drei Bau-Losen bis Kilometer 60 sind die Erdarbetten, bei welchen ungefähr 600 Personen verwendet lverMu, zil drei Vierteln fertig, voii den übrigen Arbeiten nur ctiva vierte Bari-Los wird dieser Tage bergebeir. w ,oon. Derraa aus arbeiteir Militnrabtheiluiigeii uird haben über einen Kilometer Erdarbeiten vollendet. 3. Von M'zrib aus sind bis Ain-Zerka, die Erdarbeitcn bis Kilonreter 24 ausgefuhrt, das Geleise bis Kilometer 13,8 gelegt. Wenn man die Lauge der gairzen Liirie mit mehr als 2000'Kilometer berechnet, so kaiiu man sagen, dass bis jetzt kaum der vierzigste Thcil des ganzen Baues ausgeführt ist. VereinsnachrichtLN. 0f n 'VfrßcHHfjfjcS Blindeninstititt. Gegenwärtig zählt die Anstalt 66 Zöglinge — 34 männliche und 21 weibliche. Von diesen iinS A />i#p MI-:,,.. 0*7 rtf .' a . . -i r ~ ' - hnbe gemacht, ihreir Zöglingen eine religiöse Erziehung, eiiren ihrer plychischen Eigenart entsprecheudeii Unterricht in den Gegenständeii d^r Volks- und Bürgerschule zu ertheilen und ihre sociale Selbstständigkeit dadurch zri begründen, dass sie zu tüchtigen Handwerkern zu Clavierstimincru, Mnsiklehrern, Lehrerir fremder Sprachen und zu Organisten heraugebildet werden. Der Unterricht der Zöglinge lvird in drei Abtheilungeii und in einer Ausbildungsclasse ertheilt. Die Gegenstände desselben fiub: Religionslehre, biblische Geschichte, Hebräisch, deutsche, Sprache (Lesen. Schreiben, Sprachlehre, mündlicher und schriftlicher Gcdankencinsdrnck), Rechnen, geometrische Formenlehre, Naturgeschichte, Physik, Geographie unb Geschichte zHeimatskunde), Modellieren, Zeichnen, Uebuiig der Sinne. Die Abjicht, den Unterricht der blinden Kinder zu einem ivrikungsvollen Factor der Durchbildung und geistigen Erhebung zu gestalten, wird wesentlich durch die reiche Lehrmittel-Sammlung erreicht, welche auf 684 Stücke angcwachsen ist. Sie umfasst das Anschauungsmaterial für alle Gebiete des Unterrichtes; mehrere der instrnctivsten Modelle sind von den Zöglingeir selbst als Ergebnis des Handfertigkeits-Unterrichtes augcfertigt worderi. Auch die Biblioriiek der Anstalt hat eine weseiitliche Bereicherung erfahren. In der Anstalt wurde eine Druckerei begründet, in welcher ein absolvierter Zögling die Herstelliliig von tastbaren Büchern urrd Noten besorgt. Die Leistungsfähigkeit der Driickerei wiirde durch eine neue Maschine von F. Hinze erhöht, deren Anschaffung der Hochherzigkeit des Curntors Herrn Baroir Wilhelm von Königswarter zu berdankeii ist. Die bis mm in unserem Jiistitute hergcstellteii Werke siird: Ein Gebetbuch in hebräischer Sprache. Goethe: Torquato Tasso, Egmoiit. Lessing: Nathan der Weise, Minna von Barnhclm. Rückert: Gedichte für die Jiigend, 1. rmd 2. Band. Tennyson: Enoch Ardcir. 61ützkv>v: Uriel Aeosta. Hebel: Schatzkästleiir. Heller: Raphael Donner. Umlauf: Zitherschnle Op. 76. Mozart: Rondo in A-moll, Adagio in H-moll. Amicis: Bon den Apenninen zu den Anden (auS dem Bliche „Herz"). Heller: Lesebuch für Blindenschulen, 4. Thcil, 1. Band, Fibel für Spätcr-Erblindete. Otto Liidlvig: Die Makkabäer. Durch die Uebertragruig von hervorragendcii Werkeir in die Blindenschrift haben sich mit das Institut auch Fräiileiu Therese Brüll, die Frauen Nathalie Pahau und Auguste Kairitz sehr verdient gemacht. Auf eiirem Thveii-Schreib-?lpparat, ivelchen Ciirator Herr Karl Mayer gespendet hat, schretbeii die Zöglinge gewandt und fehlerlos, und dass auch diese Fertigkeit berufsmäßig iyrciii Erwerbe zu dienen geeignet ist, wurde durch einen in der Anstalt ausgebildeten externen Blinden erwiesen, loelcher seit, mehr als einem Jahrzehnt in einem der größten Betriebe irr Wien als Correspondent mit definitiver Bestallung in Verweiidiliig, steht. Der absolvierte Zögling Jda Mittler hat die Staatsprüftiiig für das Lehramt in der fraiizösischen Sprache — der erste Fall in Oesterreich — abgelegt. Sie wurde bernfeii, einigen> hierzn^geeigiieteu Zögliiigen im Institute Unterricht in der fraiizösischen Sprache zri ertheilen. Auch die Staatsprüfung für das Akiisik-Lehramt haben lvieder vier Zögliirge, einer derselben, Oscar Berger, mit Ailszeichmmg, abgelegt. Sechs Zöglinge, fünf in Wien, 1 in Brünn, versehen den Organisteiidienst zurchollsten Ziifriedenheit., Jivei derselben, Herr Salomoii Storch und Herr- Josef Herz siird seit Jahren als Mtistk- und Gesangslehrer am Blindeiiinstitntc thätig, beide haben von deni hohen k. k. LandeSscl>iilrath eoiiecssroinerte Mnsikschuleii für Seheirde begrüirdet, die s?ch des bestell Rufes und einer stetig wachsenden Frequenz erfreiien. Dieses höchst befriedigeirde Ergebiris der ninsikalischen Ausbildiing ist den: Professor und Kaminer-Virtiloseii Herrn Josef Labor zu danken. Herr Ciirator Enril Karpeles hat die musikalische Arisbildimg der Zöglinge dadurch gefördert, dass er dcnr Institute ein neues Clnvier von Bösendorfer spendete. Die im Jnstitilte ausgebildeten Clavierstiiiinrer habeir bei deur k. k. Hoflind Kaiiuner- Elavierfabrikaiiteii Herrn Eomiiierzialrath Ludwig Bösendorfer eine strerrge PrüfiNig niil gritem Erfolg, einer derselben mit Auszeichnung, abgelegt. Den Gesaiigsiinterricht tu der oberen Classe leitet Herr Obereairtor Josef Eiliger lvie seit Jahren in selbstloser, überaus erfolgreicher Weise, deir der uriteren Classe ertheilt Herr s11uif uh w11111«-tut-uuii/ lii uic 11lut'iiimi’iiiijj führen. Ohne Aniveiidmig von Feuer, nur ruit Zange, Feile, Sleniiiieiseii lind Hammer Iverdeir voir den Zöglingen aris Eiseirstreifen Leuchter, Lanipeu, Laternen, Ampeln, Schlüsselkästeu, Ofeiriiiid Lichtschirme, Rauch-Requisiten, Paluieuuub Blumenstärrder, Vasen, Bilderrahnien n. a. »r. formvollendet hergestellt. Die tveiblicheii Handarbeiten hatteir das Häkeln, Netzeir, Kürüpfarbeiten, Handnähen, Ansiiäheii, Handunb Maschiiistricken zrun Gegenstände. Jin Halidiverks-Unterrichte, lvelcher die Bursteiibinderei, die .Korb-, Otohr- und Sesselslechterei umfasst, ist ein gedeihlicher Fortgang zu constatiereii. Die jniigeii Haiidiverler iverden nicht früher ans deur Verbände der Anstalt entlasseii, ehe sie iricht durch jahrelange Probeir ihre bolle LeistringSfähigkeit und ihre llnabhängigfeit von jeder fremden Hilfeleistiiiig eriviesen haben; sie iverden mit den erforderlichen Werkzeuge» uird mit reiehlickiem Arbeits- »iateriale arisgestattet und für jedeir von ihiieir werdeir Frerriide und Förderer geworben, ivelche sie iir dem Bestreben, einen KuridschaftSkreis zri geiviimeii, ilnterstützen. Und dennoch sieht die Anstalt oft der beirübciideii Thatsache gegenüber, dass es den streb- Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeits-Berein und Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhorl. Wir Juden sind, Gott sests gedankt, ideal angelegt, Altruisten. Wie sonst Iväre es auch möglich, das enorme Eleird und die große Nvth, die unter unseren Stammesgenossen herrscht, auch nur halbivegs zu mildern. Private Wohlthätigkeit ist wohl eine schöne Sache und höchst anerkeiiiienswert, alleiir sie kann nur stelleniveise wirksam eiilgrcifen.^ Auf einer höheren Stufe stehen unsere Wiener Wohlthätigkeitsvereiire und unter diesen nimmt wieder der Leopoldstädter Frauenwohlthätigkeitsverein und Kaiserin Elisabeth- Lehrmädchenhort eiiren ersten Iiairg ein, benu der genannte Verein uliterstützt statutengemäß nicht nur unbemittelte, hilfsbedürftige, in Wien wohneiide Glanbeiisgeiivsscli ans ganz Oesterreich mit Nahruiigsmitteln, 61cld usiv., sondern ec ist bestrebt, auch die Quellen des Elends gtt verstopfen imb durch Zuweisung von Arbeit einen Erwerb zu schaffen. Jlisbesorrdere gereicht dem genalinten Vereine zum besonderen Lobe, dass er sich die Ausbildung meist verwaister Mädchen zu selbstäirdigem Berrife zur Aufgabe gemacht hat. Dem eben erschienenen Vereillsberichte ist zu clitriehlilcn, dass mt hilfsbedürftige Witwen und Wniseir über 100 000 Kr. an' Unterstützungen berthcilt tvurdcll. Außerdem wurden an Familien, wo cs die Verhältnisse erforderten, Maschineii uird Arbeitsmaterial uiientgeltlich überlasseir, sowie durch Unterricht im Frisiercir uird anderen (Oelverbeii die Möglichkeit geboten, sich durch eigene Arbeit ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Der Vereiir ist mit einem Beitrage von 1000 Kr. dem Ceritralverbande zur Uliterstütziliig armer israel. Wöchncrinneii beigetreten, lvodurch ermöglicht Ivorden ist, vielen armcii Frauen iir der schweren Zeit der Noth intb des Elends hilfreich zur Seite zu stehen. Bei drohenden Delogierungen hat der Vereili init allen zu (stebotc steheiiden Mitteln helfend eingegriffen und bei Erkrankiingeii durch Gewährung ausgiebiger Uiiterstützuilgcii, insbesondere durch Curbeiträge der drückendsten Noth abgeholfen. Der Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchcnhort, welcher einen wahreir Glanzpunkt des Vereines bildet und zu immer größerer Blüte und Eiitfaltuiig gelarrgt, ist eine Heimat ausschließlich für Lehrmädcheii. Diese werden durch die Vereiirsleitung ordnungsgemäß für ein btzcwcrbe ailfgcdnngen, erhalten während der ganzen Dauer ihrer Lehrzeit nneiitgeltlich Unterkunft und gäirzliche Verpflegung im Hort uird werden rrach volleiideter Lehrzeit auf Kosten des Vereines freigesprochen. Der oftnials verirachlässigten Erziehung der Lehrmädchen Wird besondere illnsurerksamkeit zugeweirdet uird der Eirtwicklung ihres moralischen, religiösen und häuslichen Sinnes, sowie ihrem körperlichen Gedeihen wird besondere Sorgfalt zugewiesen.. Die Vercinslcitung ist darauf bedacht, die Schützlinge den verschiedensten Vcrnfsarteii znzilführen uird dieselben im Kleidermachen, im Schinn- und Cravattcngewerbe, in der Kilnststickerei, im Modistenfache, im Frisieren usiv. ansbilden zu lassen. Den Begabteren wird Uirtcrricht irr Buchhaltung, Maschilischreibcn uird Stenographie ertheilt, schließlich andere wieder zu Köchinnen und Stubenmädchen heraugebildet. Infolge der stets wachsenderi Zahl^ der Zöglinge hat sich die Vereiiisleitnug gcnöthigt gesehen, geräumigere Localit'äten für die Uiiterbringinig des Hortes zu miethen, das sich nunmehr Obere Donanstraße 66 befindet und Unterkunft für 30 Mädchen gestattet. Zum großen Leidwesen ist der Verein leider nicht in der Lage, die zahlreichen Gesuche um Aufnahme in den Hort berücksichtigcii zu f'üuncn, weil es die kirappen Geldmittel nicht gestatten. Es muss zu dem Aushilfsmittel gegriffen werden, außerhalb des Hortes arme Mädchen durch Zuweisung von Lehrmitteln, von Aufding- und Freispruchgeldern sowie durchGeivährung von Kleidung und Wäsche die Erlernung eines Gewerbes thunlich zu erleichtern. Diese Externistcn, derzeit 46 an der Zahl, werden jedoch gleichfalls systematisch beaufsichtigt und nach erfolgter, Ausbildung durch Zuweislnig von Arbeit mtb Verdienst berücksichtigt. Der Jahresbericht spricht allen Förderern und Gönnern des Vereines gebüreiideri Dairk ans. insbesondere, dem Curatorimn der Baron Hirsch'schen Stiftung und der Wiener israelitischen CnltnSgemeinde und hebt weiters hervor, dass Se. Ehrwürden der hochverdiente greise Rabbiner Dr.Adokf Schmiedl sich hervorraagende Verdienste uni das Aufblühen des Vereines erworben hat,und dass die Vexeiiisleitring in dankbarer. Airerkennung den einhelligen Beschluss gefasst hat, Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl zum Ehren- (hriuidlage Glückes schätzen gelerrrt haben. hatte. Jahresbericht des Vereins zur Förderung der Handwerke unter nchmuiig macheii, dass der Zeiten Unguirst sich auf, allen Gebieten bemerkbar macht. Der Verein, der eine so segensreiche Vergangenheit hinter sich hat, ist von der Besorgnis erfüllt, ob cs ihm in Hinkunft möglich fein wird, den statutarischen Obliegenheiten nachzukonimen. Der Verein hat nämlich im Berichtsjahre eine namhafte Einbuße an Beiträgen und eineii empfindlichen Rückgang an Spenden und Siibventioiien von über 6000 Kr. erlitteir, bewirkt dadurch, dass langjährige Mitglieder sich veranlasst gesehen haben, ihren Austritt aiiZUMeldeii, für welchen Entgairg ein auch nur theilweiser Ersatz nicht zu findeir gewesen ist. Es mag ja richtig sein lind soll sogar Zilgegeben Iverdeir, dass die Mittelclasse unserer Glaubensgenossen vielseitig für wohlthätige Zwecke iir Ansprrich geironimen erscheint, allein einem Jnstitilte mit der culturellen Ailfgabe, armen jüdisehen Kindern zrir Erwerbsfähigkeit zri verhelfen Mid diirch Hemnbildniig tüchtiger Harrdwerker Armut und Elend von Grund aris zu steuerii, gebürt iir allererster Richtiiirg die Prwutat Es hört sich mit innerer Wehmut an, wenn der Bericht darauf hiiizuweisen für nothweiidig erachtet, dass Glanbeiisgenossen, welcheir Stellniig. Rairg uird Vermögen die Verpflichtung miferlegeu sollten, mit beiziitragen zri der schivierigen Action, deren Durchfuhr rlnig die Vereinszwecke vorschreiben, unter den Reihen der vereinzelieii Atitglieder fehlen. Dieser Apostrophe an unsere besser sitliierteu Glaubeiisgeiiossen fehlt an Deutlichkeit nichts, und wir wünschen voir Herzen, dass sie ihre Wirkung nicht verfehle. Bis dnt, qni cito dat. Es ist nicht nur eine Hilfe erforderlich, sre muss auch rasch erfolgen, deiiii es mriss leider die Thaisache coirstattert werden, dass die VereiiiÄeitnng mit schwerem Herzen viele von entferntem Eltcriihanse unter Noth mtb Entbehrung den Weg nach Wien machendeii Jünglmge, um ein Handwerk zu erlernen und sich lingen erfolgen mrd Ivenn sich die Vereiiisleitnug iroch iricht zu einer cinschneidendcii Einschränkling in, der Zögliiigsaiisiiahme zu entschließeir verrnochte, so geschah eö iir der znversichtlicheii Erwartniig, dass der Appell nicht wirkungslos berhallen werde. Wahrend int Berichtsjahre die Eingänge sich mit 1000 Kr. geringfügiger . ~ttcln, ivelche zugunsten -Wendung finnsw. um ..-. .... kann für das Streben der Vere'insleitniig trotz der"nngnnstigen Verhältnisse,, an bildci beider Unterbriligniig jüdischer Lehrlinge in der derzeit so hohe Wogen hilderrdeli antisemitischen Strömung Schwierigkeiten, btc stch noch potenzieren, wenn es gilt, die freigesprocheucn jüdischen Zöglinge mit Arbeit zri berschen. Ist es ja nräniiiglich bekanirt, welche unüberwindliche Schwierigkeit es ist, jüdischeir Handwerkergehilfen

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