Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 19 (9.5.1902)
- Date
- 1902-05-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wien, FrtMiag Jüdisches Volksblatt 9. Mai 1902 Nr. 19 Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien vom 4. Mai 11)02, unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserl. Rath stlinger. Beginn der Sitzung um 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe ivird mitgetheilt ein Dankschreiben der Präsidentin des Israelitischen Mädchen-Unterstützungsvereincs in Wien für die ans dem Dr. H. S. Goldschmidt'schen Legate gewährte Subvention. Des tvcitcren die seitens der Herren Arthur Flaschner, Isidor Gewitsch, Theodor Ritter von Goldschmidt, Adolf Rosenbaum und Albert Winterberg erfolgten Erklärungen, betreffend die Annahme des Mandates in deri Bethausvorstand für die Bezirke 1 und 2. Im Präsidialberichte widmet der Vorsitzende denl jüngst verstorbenen Rabbiner Herrn D. Löwh unter besonderer Betonung der verdienstlichen Wirksamkeit desselben auf culturellem und humanitärem Gebiete einen ehrenden Nachruf; die Trauerkundgebung, tvclche die Versammlung stehend angehört hat, tvird über Antrag des Präsidenten deni Protokolle einverleibt. Der Präsident gibt bekannt, dass aus der Verlassenschaft des verewigten Herrn Dr. H. Goldschmidt, dessen Andenken die Cultusgemeinde seinerzeit durch Aufnahme in die Haskara geehrt hat, ein Restbetrag von Mk. 11006.— liquid geworden ist. Endlich theilt der Vorsitzende mit, dass Herr Negierungsrath Professor Dr. Oser ihm Len Tank für seine Ernennung ztun Director des Spitales der israelitischen CultuSgcineinde ausgcdrückt hat, lvelchen er, dem an ihn gestellten Ersuchen entsprechend, dem Cultusvorstande hiemit zur Kenntnis bringe. Von den zur Berathung gelangenden Gegenständen der Tagesordnung finden Erledigung: Die Michael Cohen da Silva-Stiftung für Handivcrker (ein Platz im Betrage von K. 800.—). Selbe tvird üuer Antrag des Vertretercolleginms und nach Referat des Herrn Vertreters Baurath Stiassny an den vom israelitischen Handwerkerverein primo loco vorgeschlageneit Betverber verliehen, fcrners die Elise Herz'sche Hciratsausstattungs-Stiftung (ein Platz im Betrage von 51. 820.—). Dieses Stipendium wird einem doppeltverwaisten Mädchen zugetvcndet. Baurath Theodor Ritter v. Goldschmidt referiert namens des Vertretereollegiums iiber die Fortdauer des Vertragsverhältnisses, betreffend die Blurnenansschmückung, die Instandhaltung der Wege uitd die Dciehgräberarbeitcn auf dem Centralfriedhofe. Nach durchgcführter Debatte, an tvelcher sich die Herren Viccpräsidcnt Dr. Stern, Salo Cohn, Gewitsch und Eltbogen betheiligcn, tverden die Anträge des Vertretercollegiums angenonnnen. Bei diesem Anlässe verlveiöt Herr Vorsteher Salo Cohn darauf, dass die israelitische Abtheilung des Centralfriedhofcs voraussichtlich in nicht ferner Feit voll belegt sein werde. Dex Vorsitzende bemerkt, dass der vom Vorredner bezeichnete Umstand sozusagen eine stehende Erwägung des Vertretercollegiums bildet, was ja auch, so weit als thunlich, in der Bilanzaufstellung der Gemeinde zum Atisdruck gelangt. Im Sinne des von Herrn Vorsteher Salo Cohn gestellten Antrages wird die Friedhofscommission ersucht, in Angelegenheit der Ausnützung der vorhandenen Plätze binnen vier Wochen eingehenden Bericht zn erstatten. Vicepräsident Dr. Kohn referiert über das Ansuchen eines Bethausvereines im 2. Bezirks um Bewilligung zur Errichtung eines ständigen Bethauses. Im Sinne des Antrages des Vertretercollegiums ivird dieses Ansuchen mangels der zur Errichtung ciites ständigen BethauseS nothwendigen Voraussetzungen abgelehnt. Aus Grund der Anträge des Vertretercolleginms (Referent Vicepräsident Dr. Gustav .stöhn) werden Subventionen bewilligt an den Bethansverein „Chassidim", 2., 51leine Pfarrgasie 12, den Bethausverein im 3. Bezirke, Erdbergerstraste 10, den Bethausverein „Bet- Hachnesseth" im 8. Bezirke, den Temvelverein „Schomcr Israel" im 3. Bezirke, dem Bethausvercin „Oseh tow" im 3. Bezirke, den Tempclverein für den 4. und 5. Bezirk, den israelitischen Tempclverein für den 10. Gemeindcbezirk, 10., Humboldtgasse, den israelilischen Bethausvercin „Emunas Awes" im 14. Bezirke, ferner an die Talmud-Thora-Schule, 2., Malzgasse 16, zur Beköstigung armer Schüler dieser Anstalt. Eine längere Berathung erforderten die Anträge des Vertretereollegiums (Referent Herr Ober-Ingenieur v. Mises), betreffend die Honorierung der mit den Leichcnwachen betrauten Organe. Zu dieser Angelegenheit ergriffen das Wort die Herren Vorsteher Auspitz, Gewitsch, Wilhelm Kuffncr, kaiserl. Rath Wilhelm Pollak, Dr. Rappaport, Tr. Spitzer, Vaurath Stiassnb. Tie Anträge des Vertretercollegiums gelangten hierauf zur Annahme und erklärt der Präsident, eine diesbetresfende Anregung des kaiserl. Rath Wilhelm Pollak der Friedhof-Commission mit dem Aufträge, das Referat binnen vier Wochen zu erstatten, zuzuweisen. Nach Erledigung von Personalien wird Jnc Sitzung, nachdem über Vorschlag des Präsidenten die Herren Eltbogen zind Ober-Ingenieur v. Mises zu Verificatoren des Protokelles bestellt wurden, um halb 2 Uhr nachmittags geschlossen. Die öffentliche Sitzung zur Entgegennahme und Berathung des Rechnungsabschlusses und der 'Bilanz ist, wie rechtzeitig verlautbart, für Donnerstag den 8. Mai, 10 Uhr vormittags, anberaumt. Eine Aufforderung an den Abgeordneten Byk. Der Lemberger Verein „Schomer Israel" richtet im eigenen Namen und im Namen vieler jüdischer Eorporationen, die sich ihm angeschlossen haben, an den Neichsrathsabgcordneten Byk, der Heuer den Delegationen angehört, die Aufforderung, die Lage der rumänischen Juden anlässlich des Exposes des Ministeriums des Auswärtigen zur Sprache Zu bringen. Oesterreich gehört erstens den europäischen Signatarmächten an, denen gegenüber sich Rnmänien verpflichtet hat, die Juden zu naturalisieren. Zweitens leiden viele ö st e r r e i ch i s ch e U n t e r t h a n e n durch das Willkür-Regiment in Rumänien. Wir hoffen, dass Abg. Byk sich dieser Aufforderung nicht entziehen wird; denn es gehört zu den Aufgaben der Abgeordneten, nicht nur Spiritus- oder Vörsengeschäste zu machen, sondern auch ihre Pflichten der Allgemeinheit gegenüber zu erfüllen. Eine Gcwaltthat der Schlachta. Aus Nzeszow lvird uns berichtet: Durch die letzten Cnltusgemeindewahlen erlitt der alte Kahal, der ein gefügiges Werkzeug aller Schurkereien der Schlachta war, einen argen Stoß. Die Anhänger der Jüdischen VolkSpartei brachten 7 Candidaten durch, die gegen die Eorruptiou allstreten wollten. Da gieng aber' der Schlachta und ihren Sclaven der Schrecken in alle Glieder; sie fürchteten die Aufdeckmlg ihrer Thaten ulld setzten es durch, dass die neue Repräsentanz aufgelöst wurde; aber nicht geling an diesen liebergriffen der Behörden. Die der hohen Schlachta ganz ergebenen Gerichte gaben sich dazu her, gegen die Männer der Volkspartei die Anklage wegeir Anfreiznng zu erheben. Alan traut seinen Ohren nicht! Wir empfehlen aber dieses galizische Stückchen der Oeffentlichkeit; lvenn jemand sich! traut, Opposition zu machen, wird er einfach wegen Aufreizung eingcfperrt. Da aber Galizien in Oesterreich liegt, so luollen wir doch die Aufmerksamkeit der oberen Justiz ans diesen Scandal lenken, der Oesterreich vor aller Welt discreditiert. Jüdischer Bvlksoerein in Prossnitz. Samstag den 8. Mai fand im großen Saale des Deutschen Hauses in Prossnitz die Generalversammlung des Jüdischen Volks-! Vereines von Prossnitz statt. Zu derselben hatten sich aus Wien Herr Richard Rappaport, Adolf Donat und .Herr Dr. Kadisch eingefunden. Herr Richard Rappaport sprach unter großem Beifalle über das jüdisch-volkliche Parteiprogramm. Adolf Donat gab aus seinen Dichtungen mehrcres zum Besten, Herr Dr. Kadisch beleuchtete die Ursache des österreichischen Nationalitätenstreites und die Stellung der Juden zu demselben. Die Versammlung, über die wir noch einen ausführlichen Bericht bringen tverden, lohnte alle Vortragenden mit reichlichem Applaus. Lundcnburg. (G e m e i n d e w a h l e n.) Die Wahlen in der Jsraclitengemeinde hatten folgendes Resultat: . Im ersten Wahlkörper wurden gewählt als Ausschussmitglieder die Herren: Gold Ferdinand, Goldschmidt Ludwig und Kellner Leopold; als Ersatzniänner: Landmann Friedrichs Silberschütz Julius. Im zweiten Wahlkörper als Ausschussmitglieder die Herren Fischer Jacob, Redlich Wilhelm und Matzner Johann; Ersatzmänner: Kvnstandt Moriz und Hesky Ignaz. Im dritten Wahlkörper als Ausschussmitglieder die Herren: Gold Jonas, Holländer Moriz und Rösner Jvsef; Ersatzniänner: Jellinek Moriz und Kohn Adolf. 'S. R. Galizische Ammenmärchen. Das schmutzige Lemberger Blättchen ..Wiek Notvh" bringt in seiner Nummer vom 24. April d. I. ans Podwoloezyska folgende freche nutz lügenhafte Mittheilnnq, die hier Raum finden möge: „Eine mörderische That: Wie ich es Phon gestern tcl. mitgetheilt habe, entstand gestern in der Stadt ein Geheul und Geschrei. Es jvurde verluutduri', duss die Juden aus dem Marktplätze eine Amme erschlagen haben. Das Zusammenlaufen lvar ungeheuer. In das Innere des Hanfes eines geivisscn Reich ivvllte man niemanden hineinlassen. Am Ende kam in das Hans eine gerichtliche Commission und ihren Augen bot sich ein schreckliches Bild dar. In einer Hütte — besser gesagt „Loch" — lag auf dem Bette bclvnsStlos Marie Iastrzebska, gab kein LcbenSzelchen, und neben ihr standen viele Inden und schrien laut, dass sie ,ich selbst so an einem Stein vcrivundet hatte. Ihre Mutter, eine alte Greisin, erzählte ganz tvas anderes. Ihre Tochter diente bei der Reich, und weil sie die Seccatnren und die schwere Arbeit nicht ertragen konnte, wollte sie den Dicnstposten ansgeben. Die Mutter wollte die Tochter abholen. Reich aber liest sie nicht weg. Die Gattin dcö Reich goss auf sie Wasser, und ans das Geschrei kam Reich, warf das Mädchen zu Boden und haute es so lange, bis die ^astrzcbska bewusstlos wurde. Der Bahnarzt Dr. Sividerski evnstatierte eine schwere Verwundung des .Kopses mit einem stlimpsen Werkzeuge und noch Zeichen aus dem ganzen Leibe und unnatürliches Ansblascn des Bauches und des Herzens. Die Angelegenheit wird vor (Bericht kommen, welches gewiss die Wahrheit' erforschen wird." — Der Sachverhalt ist folgender: Bei der Iran Gclbtuch, Tochter des^hier wohl angesehenen Banqniers Chaim Reich, Ivar seit einem Jahre eine blödsinnige Amme bedienstei (sie musste sie seinerzeit ansnehmen, iveil sie keine andere kriegen konnte), tvekche sich nur mit dem .Kinde beschäftigt hakte, andere Arbeiten dagegen wollte sie nicht verrichten. Falls sie die Frau Gekbtnch irgendwohin schicken ivvllte, pflegte sie iininer mit diesen Worten „Wh samt ne stabe ich" zu antworten. Eines Tages gab sie Frau G. eine Ohrfeige, woraufhin die Frau (0. sie weggesagt hatte; musste sie aber wieder ansnehmen, weil sich das .Kind stark nach der Amme gesehnt harre. Am 21. April kam die Mutter der genaniiteii 'Imme; die letztere erklärte ihrer Mutter, dass sic bei keinem Juden mehr dienen und nachhansc fahren wolle. Als die Frau G. ihr das Dienstbuch nicht geben Ivvllte und ihr erklärte, sic müsste bis zrun 1. Mai bleiben, packte die Amme einen dort stehenden Krug mit Wasser und Ivarf ihn nach der Frau Gelbtuch und wäre diese ihr nicht ansgewichen, so wäre sie ein Opfer einer blödsinnigen Amme geworden. Herr Gelbtuch, der zufällig bei dieser schrecklichen ^cene war, Ivnrde so aufgeregt, dass er der Amme einen leichten Stoß gab, woraufhin sie sich selber zu Boden warf und sich wie todt stellte und in einer Minute Ivnrde seitens der antisemitischen Mente verlautbart, dass der Schwiegersohn des Reich einen Ritnalmord verübt hat. Es wurden sofort die Aerzte, Bürgermeister Dr. David, Dr. Türkel, Mcttal und auch der antisemitische Arzt Dr. Sividerski berufen, die in Gegenlvart der gerichtlichen Commission nnrersncht haben und sagten der genannten Commission ihr Gutachten aus, dass die nämliche Amine keine Merkmale von Schläge habe und sich blödsinnig stelle. . Der Dr. David sagte der Commission, dass man der Amme 20 Stockhiebe geben soll, damit wird sie belebt werden. Dr. Sividerski sagte sogar in Gegenwart der Aerzte, dass die zarte Hand des (st. einen Menschen nicht tödten könne. Der antisemitischen Meute sagte er aber, dass an der Amme ein Mord verübt Ivnrde. Cs wurden die Zeugen vorgernfcn: die Mutter der Amme erzählte der Commission, dass ihre Tochter blödsinnig ist und dass sie im vorigen Winter in einem starken. Froste drei Tage und drei Nächte am Dachboden wie todt lag und weder esten noch sprechen wollte, ferner erzählte die Magd der Reich der Commission, dass die Amme ihr gesagt habe, sie wolle sich aufhängen, damit ihre Herrschaften ins Criminal kämen Die Commission erkannte die Gerüchte als verleumderisch an mst erklärte, dass seitens des Gerichtes mit dem Gegeulvärtigen alle: crr ' " ’ "" ' ' ... ' 1 ‘ " " " '• man der fit Tempeln den antis rufen soll. „Bravo, stlaltnu!" Mit Begeisterung rufen lvir diese Worte ans nuferes Herzens innersten Tiefen. Die folgenden Zeilen sollen dies begründen. Vor kurzer Z,cit fand die Neuwahl eines Abgeordneten für die Städte Pisek, .stlattan, Horazdiolvitz, Schüttenhofen, TanS und Wolin statt. Vier Candidaten hatten sich gemeldet, eS waren dies der Iniigczeehe Dr. Dvorak, der Fortschrittliche Hnbka, der Radicale Dr. Bara und der Soeialdcmokrat Vauek. Alle vier hielten in sämmtlichen Städten Candidatenreden. Der „Ritnalmordmaeher" Baxa, der grösste Antisemit Böhmens, crlvähnte in seiner Rede nicht mit einer Silbe der Juden, tim für sich Stimmung zu machen, Ivnsstc er doch, dass der Wahlkreis 840 jüdische Wähler zähle. Die Cultusgemeinde Mfattau blieb nicht müßig. Sie setzte sich sofort mit den übrigen Ciiltnsgemeinden des Wahltreises in Verbindung, wies mit eindringlichen Worten daraus hin, dass sämmtlichen Juden diesmal die heilige Pflicht hätten, bei der Wahl zu erscheinen, da sonst leicht Bara in eine Stichwahl kommen und dann siegen könnte. Das ivirkte. Wie ein Mann erschiene» überall die Juden und wählten Dr. Dvorak; 880 jüdische Stimmen lonrden abgegeben. Geschästölenre, die am Wahltage Reisen zu imternehmen oder Märkte zu besuchen hatten, blieben ziihnnse, nur um ihrer Pflicht naeliznkonnnen. Im Wahlloeale zu stlalkaii erschien der 80jährige Herr Treiclstinger, der 88,jährige Herr Singer stand von seine»! .strankenlager auf, mit zu wählen, der Modewarenhändler Herr Feigl, der unlängst in Ausübung eines humanen Aeles den Fuß gebrochen hatte und reconvaleseent ivar, liest sich ütier das Sliegenhans ins Wahllocal tragen, lnrznm, die Inden haben durch ihc manichafles, einmüthiges Vorgehen betviesen, dass sie Mnth besitzen, dass sie sich organisieren können, und weil die Cultusgemeinde .stlattan die Initiative hiezu gegeben, rufen lvir nochmals „Bravo, .stlattanI" Jüdischer Bolksverciu in Ezernvwitz. Dieser rührige Volksverein hielt am 29. v. M. eilte Versammlung ob, rflarte^dnsS seitens des (stertelstes mit dem Gegeulvärtigen alles rledigt sei. Cs sei Sache und Pflicht der hiesigen Cnltiisgeinciltde, nan solle das Blättchen „Wiek Nowy" gerichtlich zur Corrigieruiig stigeiiliasten Dinge zlvingen, ferner, dass man in sämmtlichen wln der hiesigen (stemeinde asfichieren lassen soll, dass man antisemitischen Arzt Dr. Swiderski in kein jüdisches Haus di« sich zu einer Ovation für den verdimten Obmann, ReichKrathsabsieordneten Dr. Straucher gestaltete. Da- Referat erstattete Dr. ReischrGoldhacker. Dr. R eis ch-Gol- Hacker führte im Verlaufe seiner Rede Folgendes alls: Sobald der nationale Paroxysmus sich ausgetobt haben lvird und die Dentschcn erkannt haben werden, dass auch wir Juden in unserer Existcnzmöglichkcit nicht verkümmert werden dürfen, zumal auch wir allen cultnrellen und freiheitlichen Bestrebungen, soweit sie zur Förderung der Menschheit beitragen, voll und ganz ergeben sind, werden sie ihre gegcnlvärtigc uns feindliche Stellung gewiss anfgeben und das wird auch dett Deutschen selbst zu großem Vortheile gereichen. Dr. R e i s ch tvendet sich nun der Besprechung des Verhältnisses der übrigen nationalen Parteien, als der Czechen, Polen, Ruthcncit, Südslaben zu den Juden zu und cviistatiert, dass zwar in den Programmen der „Judciipnnkt" nicht besonders erörtert wird, dass aber der sog. latente Antisemitisiinis erforderlichenfalls bei allen znm^ Ausbruche gelangt. Den Luxus „Antisemitismus" zu treiben, gönnt sich jede auch noch so kleine Partei, mag sie im Parlamente auch nicht den geringsten Einfluss haben. Das zeigte sich bei Berathung der Abänderung der §8 00 und 00 Getv.-Ordnnng und des Entwurfes über den Getreideterminhandel. Als ob man durch einzelne Pnragraphe wirtschaftliche Missstände beseiÜgen könnte. Nur die Socialdcmokraten stehen wenigstens gegenwärtig, wenn nicht freundschaftlich, so doch objectiv den Juden gegenüber. Aber wir Juden verlangen nichts mehr. Wenn man uns ohne Voreingenoinineitheit nur nach dem Grundsätze der Parität behandeln lvollte, so Iväre uns vollkommen gedient. Angesichts dieser so überaus tristen Stellung der Inden im österreichischen Abgeordnetenhause wird gewiss die Frage aufgeworfen werden: Wie Verhalten sich eigentlich die jüdischen Abgeordneten? Wie reagieren sie auf die vielfach verhetzenden und muthlvilligen Angriffe? Leider ist eine befriedigende Antwort schwer zu gcbett. Die meisten stehen unter dem Zwange des Polenclubs bezw. der Deutschen Fortschrittspartei, und diese müssen zunächst das Placet ihrer Clnbporstände für ihre Reden cinholen. Sie sind übrigens in erster Linie Polen (I), bezw. Deutsche (!-), dann etwas anderes und in ziemlich weiter Entferirung Inden, als welche sie sich übrigens nicht „zu erkennen" geben. Das Interesse der Juden wird, so traurig auch diese Constaticrtmg fallen mag, fast auöschliestlich durch den Abg. Strauch e r gewahrt. Dr. R e i s ch erinnert an die bekannte Rede des Dr. Stranchcr, in welcher er ans die gesetzwidrige Behandlung der- Inden in den bcrsehiedcnstcn Zweigen hinwies und wie tnit Unrecht die Juden als Parasiten bezeichnet werden, ivährcnd in Wirklichkeit bei keinem Volke die Armut in größeren Vokksekasscn verbreitet ist, wie beim jüdischen und dieses auch die schwierigste und anstrengendste Arbeit nicht scheut. Erfreulich sei es, dass Herr Abg. Dr. Siraucher für dieses mannhafte Auftreten im Interesse eines auch von seinen Gegnern als hochbegabt bezeichneten, dafür aber umsomehr bedrückten Volkes in den meisten von Inden bewohnten Ländern Dank und Anerkennung gefnndcii hat und er gegenwärtig als der hervorragendste jüdische Vertreter im österreichischen Parlamente gilt, der sich auch der Hochachtung und Wertschätzung selbst der gröstten Gegner der Inden erfreut. Indem auch wir dem?lbg. Dr. Straucher den Dank und das Vertrauen votieren, handeln wir nur, wie unsere Stammesgenofsen im ganzen Reiche und zum Theile auch im Anslande gethan haben. (Lebhafte Zustimmung und Hochrufe auf Dr. Straucher.) Was nun die Frage unseres Verhaltens für die Zukunft anbetrifft, so lehrt uns die Geschichte, dass wir eigentlich in einem jahrhnndcrtlangen 51ampfe bereits stehen und in diesem unsere .Kräfte gestählt haben. Nicht mit den Mitteln der Gewalt und Unterdrückung können wir anftreten, unsere Waffen sind das Recht, die Wahrheit und das Bewusstsein, unsere Pflicht nach bestem Wissen und Geivisscn zu erfüllen. Studieren wir unsere Geschichte, drängen wir uns mrderen Völkern nicht ans, pflegen wir die altbelvährten Traditionen uulvir werden siegen. (Beifall.) Ausland. Das Jndenbad in Worms. Mmr schreibt uns ans WormS: Die „Franks. Ztg." brachte in ihrer Nr. 110 eine Arbeit über das Indenbad in Fricdbcrg. Der Verfasser berührte hierbei mich das Jndenbad in Worms, von welchem er bemerkte, dass es zu ge schüttet sei. Dem ist jedoch nicht so, denn schon seit deni Jahre 1800 ist das Bad restauriert. Im Jahre 1800 hatte ein prenstischer Regierimgsbanmcister dem Vorstände der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde den Wunsch zu erkennen gegeben, das alte bis dahin verschüttete Franenbad behufs vissenschaftlicher Zwecke ansgraben zu dürfen. Da dieser Herr jedoch durch dienstliche Arbeiten und wissenschaftliche Reisen an der Ausführung seines Planes gehindert wurde, übernahm es der Vorstand der Gemeinde, im Jahre 1800 das Bad wnedcrherstellen zu lassen, nachdent sich auch der damalige hiesige Oberbürgermeister, spätere Minister Küchler und Oberbaurath Hofmann, früher Stadtbauntcister dahier, sich sehr für diese iltestnnriernng interessiert hatten. Das Bad, ein mrrkivürdigcs Denkmal ans dem 11. Jahrhundert (denn in diese Zeit fällt auch die Erbauung der hiesigen Synagoge), befindet sich in unmittelbarer Nähe derselben. Ungefähr 10 Meter tief unter der Erdoberfläche befindet sich heute noch diese Quelle; das Wasser erreicht den Wärmegrad von 8 Grad R. Ei» Gewölbegang führt uns auf 41 stufen hinab zur Quelle; nach 20 Stufen koinmen wir in eine 5lammec (ungefähr 4 Meter lang und 8 Meter breit), welche als Vorvaderanm gedient hat. In der anschließenden Wand sehen wir weiter eine nischenartige Oeffnung, über deren frühere Vertvendung man nichts Bestimmtes sagen tann. Um nun von der .Kammer zum Hanptbaderanm zu gelangen, steigen lvir durch ein Portal 14 Stufen weiter hinab bis zum ursprünglichen Wasser spie gel, pon Ivelchcm weitere 7 Stufen bis zur Sohle des Bades führen. Der Raum, in Ivelchem lvir nnS nun befinden, macht uns etwas frösteln; über tms loölbi sich das derb behandelte Mnnerlverk bis zu einer etwas über l Meter großen Oesfnnng, Ivelche ursprünglich als einzige Lichtquelle des Bauwerkes vorhanden war. Heute ist sie von einem schmiedeeisernen Gitter gedeckt, welches als Fenstergitter an einem im romanischen Stile erbauten Hanse in der Indengasse, dem srnheren „Tanzhanse", gedient hat. Den Wasserbehälter umgibt nach drei Seiten hin Manerwerk von rothen Sandsteinblöekcn,' das ihm den Eindruck einer natürlichen Felsenqnelle verleiht. Das Bauwerk, in frnhromaniseliem Stile ansgeführt, umfasst eine Bvdensläche von ungefähr 4 Metern im Quadrat. Mag auch das Friedberger Bad in monnmentaler Hinsicht das hiesige überragen, als ein' Denkmal des srühromnuisclien Stils wird auch dieses unter den Denkmälern, die uns noch .stunde geben bon der .Kunst ans vergangenen Z,eiten, einen hervorragenden Platz einnehmen. Außerordentliche Session des rmnänischen ParlnmenteS. Man schreibt uns aus Jassy: Carada, de« BeriraurnÄinaim der Regierung, ist soeben anS Paris zurückgekehrt. Tu die europäischen Finanzmächte nach seinen Jnforinationen eiiunüthig entschlossen sind, unter den heutigen dewuten Verhältnissen die Eonversion nicht dlmchzn^ führen, so ist Stourdza entschlossen, in den sauren Apfel zu beißen umb eine außerordentliche Session einzudernfen, in der er bezüglich der jüdischen Handlverkerfrage eine biwdende nuzlveideiltige Erklärung abgeben will. Vederemo! Jnzkvischen zieht die Ausloaudernng immer weitere Kreise.