Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt L\ Mai 1902 Nr. 18 jwrt? zunächst gestattet, ihre eigenen Gemeindeangelegenheiten selbständig zu leiten und ihnen überdies der Weinbcrkanf in Palästina selbst übertragen. In den übrigen Ländern wurde der Verkauf der jüdischen Palästinatveine auf gesunder kaufmännischer Grmidlage reorganisiert, indem neben den, bisherigen .Meinbetrieb in glaschcn ein Großbetrieb angebahnt und der bielversprechende Anfang gemacht wurde, dem Wein Kunden unter den Groszhäudfcni, znzuführen. Endlich Ivurde durch Ankauf von großen Ländereien der Anfang dazu gemacht, dem Getreidebali in den jüdischen Colonien zu seinem Rechte zu verhelfen, ohne indessen den Obstm dieser Hinsicht bald eine Besserung bringeii. Auch die durch den eingetretcnen Shstemtvechsel plötzlich in Palästina aent gewordene Tagelöhncrfrage ist noch keineswegs gelost. Ein Theil der Tagelöhner hat von der „Jüdischen Colonisationsgesellschast" namhafte Unterstützungen erhalteii und das Land verlassen, viele aiiderc l)abcn Abfindungssummen erhalten, der große Rest jedoch ist im Lande verblieben in der Hoffnung, bei der zu erwartenden Gründung von neuen Colonien als Arbeiter, vielleicht gar als Colonisten untergebracht zu werden. Im einzelnen ist zu berichten, dass die Eolonisteii von Rischon I' Zion von der Herabsetzung der Weinprcise viel zu leiden hatten. Für ihre Tcanbenernte ans ihren 390 Hektar umfassenden Weinbergen im Umfange von 4900 Kantar (je 290 Kilo) haben sie im Jahre 1899 181 905 Francs erhalten. Im folgenden Jahre brachte ihnen eine fruchtbare Ernte 8800 Kantare, wofür sic trotz der um 20 Percent herabgesetzten Traubenpreise 240 000 Francs erhalten haben; dagegen hat sich die Preisermäßigung in diesem Jahre sehr fühlbar gemacht, da die Ernte gegen ihre Vorgängerin um volle 40 Percent zurückgeblieben ist. Aehnliches lässt sich von der Winzercolonie Nechowoth berichten, toelche im Jahre 1899 von 270 Hektar Trauben im Werte von 139 184 Francs geeerntet hat. Dieses ergibt eine Bruttoeinnahme von 459'/- Francs pro Hektar, in Rischon T Zion und 515'/s in Nechowoth. Davon gehen aber die Selbstkosten, welche nach den Angaben der Colonisten sich cutf 220 Francs pro Hektar belaufen, sowie die Steuern iin Betrage von 07 resp. 76 Francs pro Hektar. Es bleibt sonach ein Nettogewinn, der für Rischon sich auf 170, für Rochowoth auf 218 Francs pro Hektar beläuft. Der Durchschnittsbesitz eines Winzers beträgt in Rischon 5'/- und in Rochowoth 0 Hektar, so dass der Winzer in erster Colonie 935, in letzter 1308 Francs Jahrcseinnahme hat, welche jedoch mit der Zeit sich durch reichere Erträgnisse der rwch jungen Weinberge noch wesentlich steigern dürste. Die Colonisten von Gadrah hatten 1900 ans dem Ertrage ihrer Weinberge im Umfange von 81 Hektar und dem Ernteergebnis von 144 Hektar Getreideland 43 107 Francs vereinnahmt und nach Abzug von 7541 Francs für Steuern und Gemeindeabgaben und von 17820 Francs Selbstkosten für ihre Weinberge einen Reingewinn von 10 279 Francs für 14 Familien — 734 Francs pro Familie erhalten. Schlecht geht es der Colonie Waadi-Chanin, deren 20 Bauern nicht mehr als 126 Hektar Land besitzen. An Landknappheii krankt auch die Colonie Ekron, welche vor 10 Jahren selbständig war, deren Bauern jedoch von der Administration gezwungen wurden. ihr gutes Getreideland mit Obstbäumen zu bepflanzen, die bis auf den heutigen Tag keine Erträgnisse liefern. In derselben Lage befindet sich die Colonie Sichron-Jacob, das von der früheren Administration sehr schlecht bewirtsachftet würde. Die 194 Colonisten dieses großen Dorfes haben sehr geringe Einnahmen, da ihre 470 Hektar umfassenden Weinberge von der Reblaus größtentheils vernichtet wurden. Der Verwaltung wird nichts weiter übrig bleiben, als den größten Theil von ihnen auf den neuerworbenen Ländereien unterzubringen. Günstiger schon ist die Lage der beiden großen, eng miteinander verbundenen Colonien Rosch-Pinah und Jessod Hammaloh, da dieselben zusammen 3933 Hektar Land mit 1242 Hektar Getreideboden besitzen. Dieser letztere reicht jedoch zum Unterhalt von 705 Seelen nicht aus, und die Verwaltung ist bemüht, durch Einführung der Viehzucht, sowie besonders durch Schaffung von Industrie die Einnahmen der Colonisten zu vergrößern. Zu diesem Zwecke wurde im vorigen Jahre der Versuch gemacht, auf dem 2151 Hektar umfassenden Weideland von Rösch- > Pinah Futterpflanzen anzubauen, ferner wurde die in der Colonie ] sich befindende Seidenspinnerei durch eine Weberei und Färberei erweitert und zur Aufnahme von 133 Arbeitern geeignet gemacht. Auch haben viele Colonisten Webstühle erhalten, durch die sie in der arbeitsfreien Zeit sich einen Nebenverdienst verschaffen können. Auch in Methule leiden die Colonisten sehr an Landknappheit da die 774 Hektar Getreideboden der Colonie zur Ernährung von 58 Familien nicht ausreicht; dagegen hat der in dieser Colonie gemachte Versuch mit dem Tabaksbau sehr ermunternde Resultate ergeben. 1900 wurden von 12 Hektar 10 200 Kilo Tabak im Werte von 12 000 Francs geerntet. Dennoch Werdern 28 Colonisten auf den neuen Ländereien in der Nähe von Tibcrias untergebracht werden, damit die in Methuleh zurückgebliebenen Colonisten pro Familie 26 Hektar Getreideland erhalten können. Landknappheit herrscht auch in Pethach-Tikwah, trotzdem diese Colonie im Ilmfange von 1261 Hektar 640 Hektar fruchtbaren Getreidebodens besitzt und überdies in den Keller von Rischon l' Zion für 02 000 Francs Trauben geliefert hat. Die noch sehr jungen Weinberge haben kaum die Selbstkosten gedeckt und das Getreideland reicht zur Ernährung von 63 getreidebauendcn Familien nicht aus. Daher haben diese Colonisten im Jahre 1901 180 Hektar Land zugepachtet und dasselbe mit Weizen und Gerste bebaut. In Chederah haben die tapfern Colonisten einen wahren Wald von 300 000 Encalhptnsbäumen angepflanzt, um so das decimiercnde Fieber zu bannen. Die Jüdische Colonisationsgesellschast hat ihnen Häuser und Ställe gebaut, so dass diese umfangreiche Colonie mit 2800 Hektar fruchtbaren Bodens von den Colonisten endlich in Besitz genommen werden wird. Die von den Vereinigten Chowctveh-Zion im Jahre 1896 gegründete Colonie Kastinjeh, ivelche bereits 2 Jahre später für 39 000 Francs Getreide erzeugen konnte, ist im Jahre 1900 infolge einer ungünstigen Ernte tvieder unterstützungsbedürftig geworden. Die Mittel der Vereine reichen jedoch umsoweniger hin, als auch die Colonien Artus, Bneh-Jehudnh mib vor allem Machnajim noch immer der Hilfe harren. Schließlich sei noch die kleine 400 Hektar umfassende Colonie Mischmar Hajarden erwähnt, deren 17 Colonisten eine bescheidene, aber vollständig selbständige Existenz als Getreide erzeugende Bauern führen. Neue Ländereien. Ilm die in fast allen jüdischenColonicn hervorgetretene Landknappheit zu bekämpfen, Ivurde im Gegensatz j zu der früheren Administration, welche dieselbe durch den Anbau! von wertvollen Pflanzen wie Wein, Obst, Oel, Rosen und Seide zu mildern trachtete, zu dem für Palästina besser geeigneten Mittel der Extensivwirtschaft gegriffen. Die Colonisten sollen womöglich pro Familie 25—30 Hektar gutes Getreideland erhalten, um durch Anbau von Körnerfrüchten rasch und billig zur Selbständigkeit zu gelangen. Diese Methode hat nebst ihrer Einfachheit und Billig-! feit noch den wertvollen Vorzug, dass die Juden durch sie rasch zu ' einem umfangreichen Landbesitz in Palästina gelangen. In der Thai hat sich der jüdische Grundbesitz im heiligen Lande in der - kurzen Zeit von 2 Jahren sehr wesentlich vergrößert. Es wurde in erster Reihe ein umfangreicher Besitz des Baron Rothschilds dies- und jenseits des Jordan, um welchen Processe mit den früheren Besitzern geschwebt haben, auf gerichtlichem Wege oder auf; dem Wege eines Vergleiches sichergestellt. Auf diese Weise wtlrde das Land Atlit im Umfange von 630 Hektar, sowie 5 Besitzungen jenseits des Jordan mit dem Gesammtumfange von nicht weniger als 6000 Hektar in sicheren jüdischen Besitz gebracht. Ferner wurde auf Kosten des Baron Rothschild das südöstlich von Jaffa gelegene Dorf Kefar Saba mit 676 Hektar und auf eigene Rechnung der „Jüdischen Colonisationsgesellschast" zwischen Liberias und Nazareth Ländereien im Umfange von 0100 Hektar angekauft. Ucber den Ankauf von 10 000 Hektar, welcher auf Kosten des Baron Rothschilds erfolgen soll, schweben z. Zt. Verhandlungen, die wohl in diesem Jahre zum Abschlüsse gelangen dürften. N c u e Colonie n. Zur Unterbringung von Colonisieu aus dem übervölkerten Sichron Jacob wurde ini Jahre 1900 die Colonie Atlit, am Meere zwischen Caifo und Sichron Jacob gelegen, begründet und mit 15 Familien besiedelt. Auf dem von der „Indischen Colonisationsgesellschast" erworbenen Boden wurde die Colonie Scdjera mit einem Umfang von 1520 Hektar begründet und von der Gesellschaft in eigene Regie (Gntsivirtschaft) genommen. Im Jahre 1900 arbeiteten daselbst 52 Familien, darunter viele inehr^finden können, sowie junge Söhne von Colonisten werden auf Sedjera und dessen Umgebung noch in diesein Jahre untergebracht werden. So ist der im Jahre 1900 in Palästina cingelcitetc Sanicrnngsprocess in den beiden letzten Jahren lvcsentlich vorwärts gekommen. Derselbe dürfte in den nächsten zwei Jahren vollendet werden und die alten jüdischen Colonien als selbständige, von keinem Wohlthäter mehr abhängige jüdische Dörfer ans demselben hervorgehen. Daun werden sie als glänzendes Beispiel dastehen und als Belveis dafür, was jüdischer Fleiß und jüdische Ausdauer unter den schwierigsten Verhältnissen zu leisten vermögen. Jeder Anfang ist schwer, aber der Anfang ist gemachtI Umso leichter werben wir auf der mühsam geebneten Bahn weiter schreiten, bis Ivic endlich an daS vorgesteckte Ziel gelangt sein Iverden! Hebräischer Sprachunterricht bei Mädchen. Ich will vom hebräischen Sprachnnterrichte bei Knaben av sehen. Das nruss einmal gründlicher besprochen werden. Ich ruill hier bloß des Unterrichtes bei den Mädchen gedenken anlässlich der künzlich im Vorstande der Wiener Cultnsgemeinde stattgehabten Debatte aus Anlass des Euttvurfes eines neuen Lehrplanes für das ncbenclassigc Mädchenghmuasium. Da Ivurde eine Instruction besprochen, wonach die mangelhafte Kenntnis des Hebräischen ohne (1) Einfluss auf die Classification fein solle und der hebräische Lehrer die Kenntnis der Mehrzahl, der Vergangenheit und Zukunft nicht verlangen dürfe. (!) — Ich weiß nicht, was z. B. ein Lehrer der altgriechischen Sprache sagen ivürde, wenn man ihm eine Instruction inS Haus schicken ivürde, wonach er von seinenSchülerinnen nicht die Kenntnis des Aoristes verlangen dürste. Und dass die griechische Sprache für die Jüdin, deren religiös-sittliche Bildung in der Bibel wurzelt, und die in der hebräischen Sprache beten, wichtiger sein sollte, als die hebräische, dürfte tvenigstens von Juden nicht behauptet werden.; Es wurde bemerkt, dass Mädchen im Gymnasium der Anstrengung der Erlernung der hebräischen Sprache nicht gewachsen seien. In Latein und Griechisch aber sollen die Mädcheic den Knaben geistig gleichwertig sein, da wird ihnen mit Recht kein Supinuin und fein dorischer Dialect geschenkt. Aber int Hebräischen, da ist es die Israelitische Cultnsgemeinde, die ihnen gleich die ganze Grammatik! Nachsehen will- Dass aber diese „Nachsicht" durchaus nicht nothwendig ist, beiveist folgendes concrete Beispiel. Mir ist ein Mäd- , chen von 12 Jahren bekannt. Sie ist Privatistin der zweiten Classe eines Knabengymnasiums. Sie hatte bisher durchaus Vorzugs-, Zeugnisse. Dabei turnt sie, schwimmt, läuft Schlittschuhe, spricht und schreibt französisch und genießt seit Jahren Clavierunterricht, was ein Beweis ist, dass sie noch znm Unterrichte in Gegenständen, I die mit dem Gymnasium nichts zu thnn haben, vollauf Zeit findet.: Dieses zwölfjährige Mädchen nun übersetzt ziemlich gut die Bibel, und kann sich über Gegenstände des Altagslebens, z. B. über! Wetter, Essen und Trinken, Spaziergang uslv. in hebräischer Sprache t — also als lebender Sprache — ausdrücken und verständlich machen.; Sie schreibt Quadrat- und Currentschrift ohne Voealisation, und ihr•: Lehrer theiltc mir mit, dass sie ihm kürzlich den Anfang ans der ■ Hagadah aus dem Aramäischen grammatikalisch richtig ins Bibelhebräisch übertragen hatte. Dabei aber ist daS Mädchen körperlich und geistig durchaus nicht über das Normale veranlagt. Und der Lehrer? Das ist ein hochbetagter Lehrer, der die neuen Sprachlehre Methoden nicht ivandclt, sondern so unterrichtet, wie noch unsere Väter untcrrschtet Ivurde». ilnd das Mädchen lernt gern hebräisch! Wieso das kommt? Weil ihre Eltern ihr erklärt hatte», dass sie keine Czechin, keine Deutsche, sondern eine Jüdin ist und daher die Sprache ihres Volkes, die Sprache, in der ihr Volt zu seinem Gotte betet, verstehen müsse, und dass es eine L-chmach sei, wenn ein Jude die heilige Sprache nicht so weit kennt, um sich nothdürftig mit jedem StaimneSgenosse», möge er m>S Persien, Arabien, Nuss- > land oder irgendwo anders Herkommen, zu verständigen, dass es aber eine Feigheit oder Gemeinheit ist, sich vor dem Latein- und Griechisch-Professor zu fürchten, aber ans den „jüdischen" Lehrer und f den „hebräischen" Lehrstoff herabznsehen. Das Mädchen ehrfürchtet ij den alten Lehrer, den die tiefe Kenntnis der heiligen Schrift und der heiligen Sprache verklärt. Lehrt daher unseren Mädäien, sich als Jüdinnen zu fühle», lehrt sie, ihre jüdischen Lehrer zu ehren und hochzuhalten, und mit Leichtigkeit werden sie die hebräische Sprache lernen und erlernen. Ja wohl, mit Leichtigkeit. Ich habe zehn Sprachen gelernt, von denen ich heute uori) fünf in Wort und Schrift beherrsche und kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das Bibelhebräisch an die Schwere der lateinischen und griechischen Sprache in gramatilalischer Hinsicht nicht hinanreicht und mit lebenden Sprachen verglichen, viel leichter als irgend welche slavische Sprache ist. Wenn aber Kinder hören, Ivic Eltern schellen, wenn ein Schüler aus Latein oder Griechisch eine schlechte Note nachhause bringt, und, mit Recht, strengsten Strafen Ivcgen jeder Diseiplinlosigkeit gegenüber dem christlichen Lehrer verhängen, dagegen jede Büberei, jede Frechheit, die gegen den hebräischen Professor verübt Ivurde, leicht hinnehmen, wenn nicht gar belächeln, sogar über den „jüdischen" Lehrer (!) schelten, wenn ihr Range aus Religion eine schlechte Censnr nachhause bringt, und über jede hebräische Stunde jammern, weil das „alte Zeug überflüssig" sei und die Mittheilung der Kinder, der Religionslehrer habe ihnen gesagt, sie mögen die Eltern bitten, dass sie mit ihnen Seder, Chanuka oder dergl. feiern sollen, brüsk damit abthuu, „das gehe nicht, man müsste sich vor den Dienstboten schämen." (!) Wenn die Eltern vor ihren Kindern vom Lehrer des Latein oder der Mathematik mit „Herr" Professor Kra lowetz, vom Religionslehrer aber als „der" Bodensteiner sprechen uslv., dann ist es kein Wunder, wenn der beste hebräische Lehrer selbst bei gut veranlagte» Kindern in sprachlicher Hinsicht keinen Erfolg erzielen kann, in sittlicher Hinsicht aber solche Kinder berkommen, weil einerseits ohne Beihilfe der Familie und andererseits eben ohne Volkszngehörigteitsbewnsstsein, ohne Gottesfurcht, ohne Ehrfurcht vor Lehrern und Eltern — bekanntlich stellt der Talmud die Lehrer vor die Eltern . keine sittliche Erziehung möglich ist. Nach dieser Richtung hätte sich die Instruction der israelitischen Cnltttsgemeinde für daS Mädcheughmnasium bewegen sollen, nicht aber ans der abgleitenden Bahn der Nachsicht vom grammatikalischen Wissen. Variierend den Spruch: „Eiserne Stirn, eiserne Cassa", kann man sagen: „Abfall vom Hebräischen - Abfall vom Glauben". Dr. W'eisl. zu können, die größten Anstrengniigen machen müssen. Thatsächlich überbictcn sich die Möbelfabrikanten in der Herstellung von modernen und modernsten Möbelgegcnständen. Dass hierbei der wirklich feine Geschmack nicht immer ans seine Rechnung kommt, ist nicht zu verwundern. Und so sieht man Kauflustige oft von einem Etablissement zum andern lvandcrn, ohne sich in dcm großen ChavS von marktschreierischer Secession und Ge schmacklosigkeit znrechtzi,finde». Als einen treuen Wcglveiser aus dem Gebiete des feinen Geschmackes in Möbeln aller Art müssen wir daher das reich illustrierte Albuin des Möbelhauses Jacques Heiß, 9. Bez., Porzellangasse 20, begrüßen. Man findet hier wirklich moderne, discrct ansgcführte Gegenstände, bei denen das Moderne nicht auf Kosten der Daneryaftigkeir hervorgeleyrt Ivird. Ein Besuch in diesein Etablissement, auf dessen Inserat wir hier besonders aufmerksam machen, wird sich stets als lohnend erweisen. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard K u l k e. (Fortsetzung.) Moische Bernstein lvar nicht reich, er Ivar der Sohn armer Eltern; hatte sich aber durch Fleiß und Thätigkeit in seinem kleinen Geschäfte ein für seine Verhältnisse ziemlich beträchtliches Vermögen erworben. Den Blick zu Rösele Lederer, dem schönsten Mädchen lveit und breit, zu erheben, das hätte er ans freien Stücken nie. gelvagt und er hätte sich's auch im Traume nicht ein fallen lassen, Ivas nun Wirklichkeit geworden war. Aber er war ganz nach Bärl Lederers Sinn; er hatte sich selbst ans Dürftig teit emporgearbeitet, er stand ans eigenen Füßen und -. ec tum fromm und gotlesfürcbtig. Moische Bernstein ist das lvirklich gr ivorden, wrn- Giinipel imdi Bcrl Lederers Wunsch hätte merden sollen. Mil der NeVerreichung der „Nedaim" (Mitgift) hatte es keine sonderlichen Sctuvierigteiten. Bärl Lederer Ivar lein Schwindler, seine Vernivgenoverbältnisse waren in Ordnung; was er ber sprvchen hatte, ivar zwar nickst sehr viel, aber immer mehr, als Moische Bernstein nach dein allgemeinen llrtheil anznsprechen berechtigt gcivesen ivärr. In einem versiegelte» Papiere überreiclstc Bärl Lederer dem „Mechnten" (Vater des Bräutigams) dir „Nedaim". Moische Bernsleiii litt es nicht, dass man das Siegel löse; er schenkte seinem Sehivicgervater unbedingtes Vertrauen, voll von seinem Glücke, dass die Stunde endlich gekonunen sei, Ivo er mit SHöfcte Lederer unter die „Chnppah" (Trauhimmel) geheim füllte. Man legte den versiegelten Brief ans eine große, silberne Schüssel lind nun flogen die Silber- und (Goldmünzen. Gulden stücke, Thaler und Dukaten, ivelche die Anivcsendeii je nach ihren Verinögensmnständeii „drüberivarfen". Nun bekleidete man den Brälitigam mit den Sterbe kleide r», ivelche Rösele ans dein feinsten Linnen eigenhändig für ihrl genäht hatte. Nachdem der Bräutigam das lange, glänzend-wetßc- Gewand angelegt und sein Haupt mit dem lveißen, nur von einer schmalen Silberbvrte geschmückten „Kittelsänbel" (Kappe) bedeck: hatte, fiel er seinem Vater weinen um den Hals und rief schlnch zend niit vor Thränen erstickter Stimme: „Ich bet' Dich „Me.chile" (Verzeihung), und es herrschte eine Traurigkeit in dein Hanse, als ob er sich mit seiner Braut lebendig ins Grab legen sollte. Jetzt kam das „tlnterführen". Die Musikanten spielten einen Trauermarsch im langsamen Tempo. Die beiden llnterführer Chaiin Bernstein, der Vater des Bräutigams, und Bärl Lederer, der Vater der Braut, liahmen den Bräutigam in die Mitte lmd der Zug der Männer setzte sich in Belvegnng. Voraus giengeu die Jungeii paarlveise, dann kam der Bräutigam in der Mitte der beiden Unterführer und endlich folgten die verheirateten Männer, Arif dem Platze, wo noch vor nicht langer Zeit nichts als ein nn förmlicher Schutthaufen zu seyenZvar, da herrschte jetzt rege. Thätigkeit von Bauleuten; die neue Synagoge sieng an, aus^der Erde allmählich empor zu ivachsen. Dort lonrde für diese Stunde die Arbeit eingestellt. Vier kräftige Bursche ivaren die Stangenhalter, und unter der „Chnppe" wartete der Rabbiner und der „Chase»" sSchnlsänger). Llls der Zug daselbst ankam, hörte der Trauermarsch ans; der Chnsen saug reeitatibisch die Begrüßmigsfonnel: „Bornch habboh"") (Gesegnet ist, iver lömmt). Der Bräutigam trat mit den Unterführern unter die „Chnppe", nm hier die Bram zu erivarten. An alle Anlvesenden wurden Wachslichter vertheil:. Inzwischen hatten die Musikanten den Weg wieder zurück gemachk, um die Braut zu holen. Wieder dieselbe Ordnung. Auch sie wurde von den beiden llntersühreriimen in die Mitte genonnneil. .Zn ihrer lliechten gieng Zipperl Bernstein, die Mutter ihres Bräntignms, zu ihrer Linien — Jentel Frank, welche das Ehrenamt übernahm, de llkösele keine Mutter hatte. Voraus giengeu dir Mädchen, nachfolgten die verheirateten Frauen, und so Ivurde der feierliche Z,ug unter den ernsten Klängen einer Traner-Mnstk zur „Chnppe" geführt. Dem Zug vorn» aber tanzte die alte Vftrcane mit zwei Lampen in den Händen, die mit (blas bedeckt waren. Wie der recitierte der Chnsen das „Bornch habboh"; die beiden Unter führer machten Platz, und die Braut ivurde von den Unterfühcerin^ neu dreimal im Kreise um den Bräutigam hernmgeführt. Eine Stimmen ans dem Unblienm. Die Möbelindustrie hat in jüngster Zeit, rnn dem verfeinerten, geradezu raffinierten Geschmack des Pnblicums Rechnung schöne Sitte! Vielleicht soll damit angedentet iverden, dass er nun der fipe Punkt sei, den sie fortan zu umkreise.» und wohin, ihr ganzes Crdeiidasein zu gravitieren Habel Das Brautpaar stand mit. dein Rabbiner gegenüber. Dieser verlas ziiersfti» einer aus ara maischen und hebräischen Vorabein gemischten Sprache die ..Kassn beh" (Heiraiseontract), dann errheilte er ihnen die „Kldnschin" (die Heiligung^, indew er denjenigen pries, „welcher die Unkensch heit und linzlieht verboten und die Ehelichnng erlaubt hat." Hierauf sprach er de» Segen über den Wein, reichte dem Bräutigam und der Bram nacheinander den Becher, ivoran dieselben nippten. Er sprach dem Bräutigam sodann die Trauungsformel in hebräischer Spraclie Wort für Wort vor und der Bräutigam wiederholte: Hareh - - ath - meledescher li ledaß mosche wejisSrol. -- Zn deutsch: Du sollst mir nn» angetrant sein nach dein Gesetze Moses und Israels. Bei diese» Worten zog der Bräutigam das „Kednschiu-Finger" (Tranungs-Ninglein) von seinem Finger und steckte ihn an den Finger der Braut. Die angezündelen Wachskerze» in allen Farben, roth, grün n»d gelb, häufig in mehreren Farben bunt ziisammeiigeflochte», brannten düster darein. Nachdem^ die eigentliche Handlung die llebergabe des llkinges stattgesnn „Masel toiv"I (Glück, Glück!) ertönte es jetzt von allen Lippe». Der Ernst ist vorbei, jetzt beginnt die Zeit der Lust. Aus dein üiüctlvege sind die beiden :',üge der Männer niid Frauen nicht mehr durch eine Panse getrennt, sie schreiten Ivohlgeinnth hinterenunrdei ber; auch spielen die Musikanten nichts Trauriges mehr, sondern die lustigste» Weisen, die sie ersinnen könuen. Nachdem man von der „Chnppe" znrückgekommen war, führte man das Brautpaar in ein besonderes Gemach znm „Hühndelsoppen". Mit dem Trannngs acte war auch die Traurigkeit zn Ende, der Versöhmmgstag vorbei, der Bräutigam legte die an den Tod uiahiienden Geluänder ab und die Branilente brnmijien nicht weiter zu fasle». Dci es aber immerhin noch einige Zeit dauert, ehe man sich zur eigeustichcn Mahlzeit au die reich bestellte Tafel setzt, so hat ma», >'.m die beide» Leutchen mmöthigerweise nicht länger fasten zu lassen, daS söge naniile „Hühndelsoppen" erfmideu. Dies besteht darin, dass mair ihnen eine Kleinigkeit zum Frühstück vorsetzt, gewöhnlich etwas Huhn. Weil aber die Brautleute in der Erregung des Gemttthes in der llkegel bei diesem Frühstücke keinen besonderen Appetit jeigel; *) Benedictns, qm banit .-