Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432935--1459-2435218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 18 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 2. Mai 1902 Seite 5 beutsch-israelitische Gemeindebund zur Unterbringung derartiger Mädchen der gesammten Monarchie bereit erklärt, sofern die Stadt Berlin und die Berliner jüdische Gemeinde die Kosten für die Berliner Pfleglinge übernehme. Eine entsprechende Anstalt soll in Plötzensee ins Leben gerufen werden. Die Wahlen in Frankreich. Die französischen Wahlen haben mit einem Siege des radicalen Cabinets Waldeck- Nousseau geendet. Bemerkenswert. ist die Niederlage des internationalen Antisemitismus in Algier, wo Drum o n t und seine Spießgesellen fielen. In Paris sind allerdings die.Nationalisten durchgedrungen; aber erstens sind die Nationalisten keine Anhänger Drumonts, sondern nur insoweit Antisemiten, als es jeder Chauvinismus mit sich bringt; und zweitens ist Paris nicht ernst zu nehmen. Paris frondiert; unter der Monarchie für die Republik; und unter der Republik für die Reaction. Die fcindlicheu Brüder. Aus Paris wird gemeldet: Hier ist ein Buch erschienen, betitelt: „Die Coulissen des Forts Chabrol", welches ziemliches Aufsehen macht. Der Autor ist ein ehemaliger Lieutenant Jules Gnerins und bezweckt mit seinem Buch nichts anderes, als den Parisern mitzuthcilcn, der Chef der „Ligue antijuive" sei nichts niederes gewesen, als ein — - Geheimagent der Polizei. Die Küsten der Publication sollen von einem anderen Antisemiteichäuptliiig herrühren, der in der lebten Zeit mit Guerin in heftige persönliche Fehde gerathen lvar. Irr: Buch finden sich eine Menge überaus interessanter Enthüllungen über das erste royalistische Cornplot und über die Verbindungen der Liga mit dem Herzog von Orleans. Sabbathruhe. Aus New-Dork wird geschrieben: Magistrat Olmstedt gab im Essex Market Polizeigericht eine Entscheidung ab, welche für Israeliten von großem Interesse ist. Im vorliegenden Falle handelt cs sich um eine Anklage gegen Wolf Goldberg, einen Schlächter, welcher das Sonntagsgesetz durch Verkauf von Fleisch verletzt hatte. Das betreffende Gesetz trat bekanntlich am 1. September vorigen Jahres in Kraft. Goldberg betreibt sein Geschäft in jenem Stadtthcile der unteren Ostseite, ivelcher fast ausschließlich von seinen grötztentheils orthodoxen Glaubensgenossen bewohnt wird. Diese Leute betrachten den christlichen Sonntag »ich als einen Feiertag, sondern lassen am Samstag, ihrem Sabbath, Arbeit ^und Geschäft ruhen. Zu Goldbergs Vertheidigung wurde geltend gemacht, dass es ungerecht wäre, von ihm am Sonntag Schließung seines Geschäftes zu verlangen, da er dasselbe ohnehin am Samstag schon geschlossen halte und er demnach seine Glaubensgenossen nicht zwei Tage auseinander mit Fleisch versorgen könne. Ueberdies wird zugegeben, dass der Mann die Vorhänge seines Ladens herabgelassen hatte und niemand durch den Betrieb seines Geschäftes gestört wurde. Die Anzeige über den Fleischverkauf hatte Charles Willi, ein Mitglied der „Benchman's Itnion" erstattet. Richter Olmstedt sprach Goldberg frei, indem er erklärte, dass das Capitel, welches den Fleischverkauf am Sonntag verbietet, auch eine Bestimmung enthält (Paragraph 264), die diesem zugute kommt. Diese lautet ungefähr: „Personen, welche einen anderen Tag als Sabbath halten: In einer strafrechtlichen Anklage lveger: Werkthätigkeit am ersten Tage der Woche soll als genügende Vertheidigung gelten, dass der Angeschuldigte regelmäßig eineu anderen Tag heilig hält und an demselben nicht arbeitet, vorausgesetzt, dass seine Arbeit in solcher Weise geschehe, dass andere Personen, die den ersten Tag der Woche heilig halten, dadurch nicht gestört werden." Der Richter zog auch in Betracht, dass Goldbergs Geschäftsbetrieb in einem fast ausschließlich von Israeliten bewohnten Stadtviertel mn Sonntag eine Nothwendigkeit sei. Wie richtig dies ist, dürfte schon daraus hervorgehen, dass von 1600 Kindern in den öffentlichen Schulen der Gemeinde uur zwei christlichen Glaubens sind. Maräkesch. Der seit etwa Jahresfrist hier ansässige Arzt Dr. Holzmann/welcher seine Studien an der Wiener und der Berliner Universität abgelegt hat, entfaltet hier eine sehr segensreiche Wirksamkeit. Alls seine Veranlassung fand kürzlich eine zahlreich besuchte Versammlung statt, welcher u. a. der Oberrabbiner R. Jakob Jbn Chaim, der Dircctor der Allianceschule, Herr Halevh, und zahlreiche andere angesehene Gemeinde-Mitglieder beiwohnten. In einer längeren hebräischen Rede setzte Dr. Holzmann die Nothwendigkeit und die Nützlichkeit der Selbsthilfe auseinander und regte die Begründung einer Krankencasse „Bikkur-Cholim" an, welche den Mitgliedern im Krankheitsfälle Arzt, Mediein und bare Geldunterstützung gelvähren soll. Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, und Herr Dr. Holzmann hat das Verdienst, unsere marokkanischen Brüder zu der ersten That der Selbsthilfe veranlasst zu haben. (Emschüchternugsvcrsnche der rumänischen Regierung.) Die Distrik'tspräfeclen theilen unter den Juden ein Manifest aus, das von dnxvin; anonymen Comitee „Comttetnl de Assistence at Atcantei bei Bukarest" gefertigt ist, in dein die Inden vor der Auswanderung gewarnt werden. Nun gibt cs aber kein derartiges Comitee in Bukarest, womit die ganze Nachricht! als ein Manöver der Negierung charakterisiert wird. Das „Gcho de Nournanie" stellt fest, dass trotz Ableugnung der Regierungsorgane eine große Anzahl von jüdischen 'Handwerkern, und zwar besonders Maurer und Zimmerer auslvandern, besonders in der Moldau. Das Organ des Herrn Carp weist darauf hin, dass in vielen Städten der Moldau keine Corporationen von Handwerkern gebildet werden können, weil es dort nur jüdische Handwerker gibt und nicht einmal so viel rumänische, dass die Vorstände ans Rumänen zufammengesetzt lverden können. Die aus amtlichen Quellen schöpfe»«de hochofficiöse „Jndepedenee Ronmaine" meldet, dass in den letzten sieben Monaten des Jahres 1901 2813 Personen mit rumänischen Pässen ausgekvandert sind. Diese Nachtlicht zc«i>gt zur Genüge, welche Wirkung das neue Gesetz ausübt. Auch sonst sucht die Negierung auf ehrlichem und unehrlichem Wege die ausländische Presse kirre gll machen. Selbst der „Pester Lloyd" bringt in seiner Dlenstagnnmmer einen runmnifchen Bericht, der alles, nur nicht lvahrheitsgetreu oder würdig ist. Wer hat es denr „Pester Lloyd" angethan^ Der Petersbttger Senat hat entschieden, dass das Gesetz, welches den Juden das Wohnen innerhalb 100 Werst längs der chinesischen Grenze verbietet, sich nur auf die nach Sibirien Verbannten, nicht aber auf freiwillig daselbst wohnende Juden bezieht. Dieses Votum ist für die 34 000 Juden Sibiriens bei den wachsenden Beziehungen zu China von. großer Tragsveite. — Das Petersburger Comitee zur Uilterstützung jüdischer Handwerker und Ackerbauer, das über ein Vermögen von 448 000 Rubel (100 000 Mk.) verfügt, hat im abgelaufenen Jahre 27 000 Rubel vereinnahmt und 20 389 Rubel ausgegeben. Die in ganz Australien verbreitete englisch-jüdische Wochenschrift „The Jewish Herald" bringt in ihrer Nummer vom 81. Jänner d. I. die officielle Statistik der Verbrecher, soweit sie bloß die Pwvinz Victoria betrifft. Nachf der Confession geordnet, entfallen für das Jahr 1900 von der Gesainmtzahl der in Haft befindlichen 7846 männlichen Personen 2905 auf die englische Kirche, 777 auf die presbyterianische, 622 aus Methodisten, 19 auf die Juden-' pententon, 43 auf Baptisten, 3 auf die Heilsarmee, 196 verschiedene Protestanten, 3133 auf RömischKatholische, 66 auf die jüdische, 72 auf die buddhistische, 76 diverse, 36 auf ungläubige Bekenner. Unter den weiblichen Verbrechern, welche mit 2024 eingestellt sind, participieren die Römisch-Katholischen mit 969, die Anglikaner mit 802, die Presbyterianer mit 164, Methodisten mit 64, Protestanten mit 8 und Juden mit 4 Personen.! Das jüdische Weltproletariat. Von Henri Dagan. Sch l u s s f o l g e r u n g e n. Was unmittelbar ans diesen unwiderleglichen Thatsachen, die wir bisher angeführt haben, hervorgeht, dass ein getvaltiges jüdisches Proletariat existiert und dass die reichen, wohlhabenden gcschäftstreibendcn Inden eine ganz j unbedeutende Minorität sind im Verhältnis zu jener großen Menge von Bedürftigen. Diese Feststellung genügt, um die antisemitischen Thesen zu widerlegen, wenn man einen shstcmatischen Hass noch als These bezeichnen kann. Es ist selbstverständlich, dass, wenn Drumont, der, tute wir annehmen, in gutem Glauben gehandelt hat, diese Thatsachen gekannt hätte, er nicht für alle öffentlichen Calamitätcn die bedürftigste und unterdrückteste Rasse würde verantwortlich gemach thaben. Woher rührt diese Verblendung? Ein intelligenter Mann, der Antisemit war, che er beobachten und Nachdenken lernte, ivird uns Aufklärung geben. Vor einigen Jahren brach in .Kunawine ein heftiger Aufstand gegen die Juden aus. Um die Ursache der Unruhen kennen zu lernen, vertraute der Minister einem Beamten Namens Sogoloub, der beim Civilgericht in Petersburg angestcllt war, die Untersuchungen mn Orte des Aufruhrs an und beauftragte ihn, der dortigen Gerichtssitzung beizuwohnen. Wir lassen einige Auszüge aus den „Erinnerungen", die Sogoloub selbst im„Russkoje Bogatstloo" veröffentlichte, folgen: „Ich will ganz frei bekennen, dass ich, als ich von Petersburg abreiste, den Juden wenig günstig gesinnt war. Meine ersten Eindrücke nach meiner Ankunft in Kunawinc waren nur dazu geeignet, meine Antipathie noch zu verstärken. Aber als ich die aufgenommcne Untersuchung tvciter verfolgte und vor meinen Augen die Angeklagten, die Zeugen und die überfallenen und ruinierten Juden passieren ließ, als ich am Abend über alles, was ich am Tage gesehen und gehört hatte, nachdachte, da drängte sich mir die Ucberzeugung aus, dass meine Antipathie nur das Product des Milieus, in dem ich in St. Petersburg gelebt hatte, gewesen war, und dass die Wirklichkeit keineswegs meinen bisherigen Ansichten entsprach. Von Tag zu Tag verstärkte sich immer mehr in mir der Glaube und die Uebcrzeugung, dass ich einer grausamen, verhängnisvollen und uralten Ungerechtigkeit beiwohnte; und ich glaube, es ist nicht ohne Wert, die Phasen zu bestimmen, die ich durchlaufen musste, ehe ich zu einer sympathischeren Würdigung der Rolle und der Person der Inden kam .... Seit Jahrhunderten ist der Jude Gegenstand des Volkshasses. Auf Perioden der Ruhe folgen plötzliche Ausbrücke der Gewaltsamkeit und Roheit. Die gegen die Juden gerichteten feindlichen Gefühle rühren von der Verschiedenheit der Religion und der wirtschaftlichen Concurrenz her. Die Menge hat kein Urtheil. Ein ungebildeter, uncivilisierter Mensch sucht nicht die ersten Ursachen irgend einer Thatsache zu ergründen. Er urthcilt nach dem, was er sieht. Da er sicht, wie intelligent, unternehmend und sparsam der Jude ist, denkt er, der Jude treibe Wucher, und glaubt, dass er ohne den Juden glücklich sein würde und alles besitzen könnte, was er begehre. Die Kenntnis der Gesetze und eifriges Strrdium lassen allein erkennen, dass unsere Gesetzgebung, unsere Verwaltung den Juden zu dem gemacht hat, was er jetzt ist, die ihm, indem sie ihm alle Carricren verschlossen, ihm alle Wege sperrten, keinen anderen Ausweg ließen, als Handel und Geldgeschäfte zu treiben. Durch unsere Gesetze, unsere Ausnahme- Maßregeln haben wir den Juden zu dem gemacht, was er ist. Der arme unwissende Bauer glaubt, dass der Jude ihm das Gras unter seinen Füßen wegschneidet, dass der Jude die Spinne ist, die den Armen das Blut aussaugt. Das ist schon du ganz falscher Glaube, denn im Kampfe rrms Dasein darf man sich nicht um die Rasienfrage kümmern." Diese falsche Idee von der Rasse (oder vielmehr von der Uebermacht einer Rasse) hat nicht nur in der Menge — durch den Einfluss von Zeitungen — sondern auch in den .Köpfen einiger gelehrten Specialisten Wurzel gefasst. Irgend ein Physiologe, oder ein historischer Physiologe (Jules Soury), der völlig im unklaren über die ökonomischen Beziehungen der Menschheit ist, der nichts von den industriellen Ereignissen dieses Jahrhunderts weiß, der unbekannt mit den Löhnen, Arbeitseinstellungen, der einheimischen und auslvärtigen Concurrenz ist, mit einem Wort, der nichts von den Vorbedingungen für die Existenz dieser bedürftigen und armseligen Classe!veiß, sieht nur ein atavistisches Phänomen da, wo die Thatsachen uns ein sociales Phänomen erkennen lassen. Die ausgedehnte Specialisiernng (die durch die ungeheure Entivicklung der Wissenschaften erforderlich gcivordcn ist), hat den geistigen Horizont, des Gelehrten so beschränkt, dass eine kleine Welt ihm die übrige verbirgt. Was den besonderen Fall der Juden betrifft, so schreibt man der Rasse eine geheimnisvolle Macht (der Eroberung oder der Zersetzung) zu. Als ob die Rasse sich selbst nicht fortwährend unter dem Drucke der äußeren Einwirkungen modisicierte. Wir haben die Legionen verarmter Inden erwähnt, die vom „Swcating system" bedrückt sind, das hauptsächlich von jüdischen Arbeitgebern in England und in den Vereinigten Staaten eingeführt worden ist. Wir haben die jüdischen Arbeiter vorgeführt, die sich, ebenso tute die christlichen, untereinander Concurrcnz macheit. Genügt dies nicht, um zu belveisen, dass keine Solidarität vor den Sonderinteressen und der Concurrenz bestehen kaint? Wir haben ferner gezeigt, dass die Zusammenpferchnng der Inden in den „Territorien" in Russland die Juden gezwungen hätte, sich gegenseitig zu ruinieren tmd rnituntcr ein Wuchersystcm zu schaffen, dein ihre Glanbetisgenossen zuerst zuni Opfer fielen. Ist dies nicht eine genügende Erklärung für die Armut der großen Masse itnb den Reichthum einzelner weniger! Wir haben gesehen, tute arme Familien sich gerne ztim Islam bekehrten, Ivie Londoner Arbeiter sich dckii: Gottesdienste gegenüber gleichgiltig verhielten und den Sabbath nicht mehr beachteten. Oeffnet nicht dies dem weniger klar Sehenden die Angen über die angebliche tlnveränderlichkeit der Rasse? Wir haben die russischen und rumänischen Auswanderer gesehen, die mit den geringsten Löhne» zufrieden Ivaren und so die schwersten und verschiedenartigsten Arbeiten verrichteten; wie kann man diesen Thatsachen gegenüber von „eingewurzelter Habgier" und von „Abscheu vor Handarbeit" sprechen? Ilebrigens sind die Citate ans dem Talmud, die die Arbeit betreffen, sehr zahlreich. Hier seien einige angeführt: „Die Handarbeit tvird von Gott geliebt." (Tosfiea Baba Kama, Capital 4.) „Lass deinen Sohn ein angemessenes Handwerk lernen." (Misthna, Kiddtischiit 4, 10.) „Ebenso wie man verpflichtet ist, sein Kind zu ernähren, timss man es auch ein Handwerk lernen lassen." (Kiddnschin 00b.) „Die schönste Arbeit ist die Ackerarbeit; obgleich sie viel weniger einträglich ist, muss sie doch jeder anderen vorgezogen werden." (Jebamot 60a.) „Ziehe einem Aas auf der Stelle das Fell ab, empfange deinen Lohn und sage nicht: DaS ist zu demüthigend für mich." (Peßachim 110a) ttftu. Erst nach den Krcuzzügen utitersagten zahlreiche Edicte in allen Ländern den Inden die Landwirtschaft und das Betreiben eines Handwerkes. Der canonische Beschluss des Lateranischen Concils verbot den Inden, Christen bei der Verrichtung ihrer Arbeiten zu benützen. Hierdurch wurden sie geztvtmgen, die Landwirtschaft anfzugeben und sich dem Handel zu ividmen. In Arragonieit verbot das Edict vorn 12. Järnter 1412 den Inden, Handtverker zn lverden. Der Papst Benedrct der Dreizehnte erließ am 11. Mai 1416 eine Bulle von 11 Artikeln, in denen er den Juden verbot, irgend ein Handwerk zu trerben. Der Papst Pürs der Fünfte verbot ihnen den Besitz von Ländereien und allem Gewerbe, außer dem des Trödlers (10. April 1606) usw. Siche Graetz und Kurrein. Ebenso: Untersuchung des Ailtisemitismus von Henri Dagan. Wir haben gesehen, mit welchem Eifer die armen Juden und selbst die „gebildetclr" den landwirtschaftlichen Beschäftigungen sich Ividmeten. (Palästina, Vereinigte Staaten, Republik Argentinien usw.) Was bleibt noch von dem Abscheu vor der Landwirtschaft übrig? Je mehr man beobachtet, je mehr marr überlegt, uinsomehr erkennt man, dass die antisemitischen Bchaupülngeil völlig grundlos sind und den uwviderleglichen Thatsachen geradezu widersprechen. Es denkt niemand daran, zu leugnen, dass cs eine Anzahl von Juden gibt, die Geldleute, Speculanten, Wechsler und Kaufleute sind, dass diese Juden in ihren Operationen oft geschickter und erfolgreicher gewesen fiub als die Christen („Die Gesetze haben aus dem Cwden gemacht, tvas er ist"), aber man Ivird fortan, wenn man ein unparteilicher Geschichtsschreiber und beachteter Pamphletist sein will, die Existerlz des jüdischer: Proletariates in Rcchnuilg ziehen und jede Besprechung darnach einrichtcn müssen. Die Eolomsation Palästinas im Jahre 1900(1901.*) Ende des Jahres 1800 ist in Palästina*ein Ereignis eingetreten, das in unserer auf die Besiedelung des heiligen Landes mit ackerbautreibenden Juden abzielenden Bewegung voraussichtlich einen bedeutsamen Wendepunkt herbeiführen dürfte. In diesem Jahre trat nämlich Baron Edmund Rothschild, der bekannte Wohlthäter der jüdischen Colonisten Palästinas, alle von ihm im heiligen Lande erworbenen Besitzungen und Rechte an die vom seligen Baron Hirsch 1803 in London mit einem Capital von 40 Millionen Mark ins Leben gerufene „„Jüdische Colonisationsgcsellschaft"') ab. Die Verwaltung dieser Besitzungen wurde darauf einem Comitee übertragen, bestehend aus 6 Mitgliedern. Die Bedeutung dieses Ereigiiisses für die Colonisation Palästinas wird in ihrem ganzen Umfange erst verständlich, wenn man erfährt, dass von den 30 700 Hektaren Land, welche die Juden bis Ende 1890 in Palästina erworben haben, etwa 17 500 Eigenthum des Baron Rothschild waren; dass feriicr von diesem Rothschild'schcii Besitzthum ca. 7900 Hektar bereits vollständig colonisiert ivaren und sich auf denselben 0 große jüdische Colonien mit etwa 3000 Seelen befanden,' während die gesammte ackerbautreibende jüdische Bevölkerung Palästinas zur Zeit auf ca. 6000 Seelen geschätzt wurde. Durch die Uebcrtragung seiner Besitzthümer auf eine in ihrer Lebensdauer unbeschränkte Actiengescllschaft wollte Baron Rothschilds seinem großen Lebenswerke in Palästina eine dauernde und von seinem persönlichen Wohlergehen unabhängige Grundlage verleihen?) Der Uebergaug der 9 Colonien nebst dem umfangreichen Landbesitz, an die das Schicksal von einigen Tausenden jüdischer Seelen geknüpft ist, aus dem Besitze einer niemandem verantwortlichen Privatperson in den einer großen wohlthätigen jüdischen Körperschaft, deren Thun und Lassen der öffentlichen Kritik unterworfen ist, hat bewirkt, dass eine Reihe von Missgriffen sofort zur Sprache kamen, die bisher aus begreiflichen Gründen nicht öffentlich erörtert werden konnten. Die Ursache dieser Missgriffe lässt sich in letzter Reihe auf den großen Mangel an Erfahrungen sowohl wie an geeigneten Personen zurückführen, der bei der Einleitung des jungen, in der Geschichte aller anderer: Völker bis jetzt ohne Beispiel dastehenden jüdischen Colonisationswerkes sich gleich am Anfänge so sehr empfindlich fühlbar gemacht hat. Zn den unbedingten Erfordernissen einer rationeller: Colonisation gehört neben dem Gelde ein geeignetes Menschenmaterial, solvie ein tüchtiges, ehrenhaftes und gut geschultes Beamtenpersonal, das landwirtschaftlich gebildet ur:d kaufmännisch erfahren, den zu errichtenten Colonien mit möglichst geringem Verlust an Geld und Zeit zur Selbständigkeit verhilft. Wo sollten aber die Juden, welche noch vor einer Generation weder eigene Güter besitzen noch übcrharrpt Ackerbau treiben durften und es in ihrer großer: Mehrheit r:och bis auf den heutigen Tag nicht dürfen, solche landwirtschaftlich und kaufmännisch gebildete Beamte hernehmcn? Da es an tüchtigen Gutsinspectoren fehlte, musste Baron Rothschild sich begnügen, die Leitung seiner Colonien in Palästina ehemaligen Zehrern, gewesener: silbischen Gemeindebeamten und sonstigen geschästSunkundiger: Leuten ohne alle landwirtschaftlichen Vorkenntnisse zu überlassen. Dementsprechend fühlten sich diese Beamten auf ihrer: ungewohnten Poster: mehr als Verivalter wohlthätiger Anstalten, dein: als geschäftliche und agronomische Leiter großer Güter. Statt die Colonisten mit größerem Grundbesitz auszustatten urrd sie zu dein seiner: Mann sofort ernährender: Getreide- und Gemüsebau anzuhalteri, wurden mit enormer: Unkosten in Palästina Obstrrnd Weinplantager: angelegt, welche im günstigsten Falle erst nach einer Reihe von Jahrei: und nach Eroberung des Weltmarktes ihrer: Besitzer!: Gewinn abwcrfen. Bon den in den 9 Rothschildscheu Colonien bebauten 4020 Hektaren sind volle 2000 mit Weinnnd Obstplantagen besetzt, von denen der größte Theil einstweilen keinen Erfolg abwirft. Von den Weinplantager: ist inzwischen ein großer Theil von der Reblaus vernichtet lvorden, cir: weiterer Theil bringt noch keinen Ertrag. Andererseits iffc für den Verkauf der auf den Export angewiesenen Erzeugnisse dieser Plantagen in so ungenügender und so niifachrnänrsischer Weise vorgesorgt worden, dass die vorzüglichen, in kostspieliger: Kellereien modernster Art hergestellten Palästinarveine keiner: genügenden Absatz fanden und die Colonisten, die beider Gründung und bei der Bearbeitung dieser Plairlager: doch in: Schlveiße ihres Angesichtes gearbeitet haben, dennoch nach jahrelanger Arbeit ihr Brot nicht Verdiener: konnten. Die anstatt des Baror: Rothschild eingetretene „Jüdische Color:isatior:sgesellschaft" lvar in erster Reihe bestrebt, das in den jüdischer: Colonien lebende große Beamtenheer ans das nothwendigste Maß zu reducierei: uub so die enormen Verivaltrir:gskosten sehr wesentlich zu vermindern. Gleichzeitig suchte. sie die unfähigen Bearnteii, solveit das vorhandene jüdische Material es znließ, durch tüchtigere Kräfte zn ersetzen. Den Colonisten, welche bis dahir: von der Adnriliistration in rirnröthiger Abhängigkeit gehakter: lvurden, *) Mittheilnrrgen des Vereines „Esra", Verein zur Ilrckerstütziriig ackerbanrreibender Inden in Palästina und Syrien. *) „Jewish Colonisation Association", der Kürze lveger: „I. C. A." oder „Jca" genaiint. •) Wir möchten gegenüber der in weiter: Kreisen des Indenthurrrs irrthümlich verbreiteten Auffassung hier ausdrücklich betonen, dass Baror: Edmund Rothschild seinen Einfluss auf den Gang der Ereignisse in Palästirn: und seiner: Colonier: sich bewahrt hat, und dass alle i>: den letzten zwei Jahren daselbst vorgenommenen wichtiger: Veränderungei: ausdrücklich rnit seiner Gern'hmignng, zum großer: Theile auch auf seine Initiative erfolgt sind. Dieses musste zu ihrer Beschärnrrirg auch die große Delegation der russischen Chorvelveb-Zior: ir: Paris erfahren, die, durch falsche Zeitungsberichte und parteiisch gehaltene Meldungen aris Palästina selbst irre geführt, nach Paris ging, nir: bei der „Jca" lveger: ar:geblich schlechter Behandlung der Colornster: vorstellig zu lverden. Sie erfuhren dort, dass Baror: Rothschild, der größte Cholvelv-Zion aller Zeiten, der für die Colonisation Palästinas in der: leier: 20 Jahre:: mehr gethan hat als das jüdische Volk in seiner ganzen Gesarnmtheit, trotz aller ihn: von seiner: eigenen Beamten bereiteter: ^Enttällschnngen r:ach lvie vor ein begeisterter Anhänger der Colonisation Palästinas ist. und dass die (Geschäfte ir: Palästina nicht von der „Jca", sondern von einem unter seiner Leitung und seinem Einflüsse stehender: besonderer: Comitee geführt werden.