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Jüdisches Volksblatt · 1902-05-02 · 18 (2.5.1902) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
18 (2.5.1902)
Date
1902-05-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 1 Mai 1902 Nr. 18 schieden Verlvahrnng cinlcgen, was wir aufs schärfste verdammen müssen, das ist, wenn Juden, um die Zweifelhafte Ehre zu geniesten, mit Nichtjudeu zusanuncn in Zeitungsnotizen erwähnt oder gar rühmend hervorgehoben zu werden (der Zweck heiligt die MittelI) an Versammlungen thcilnehmen, die ausgesprochen oder in continuo antijüdischc Zivecke fordern sollen. In den ersten Maitagen findet im Vewedere ein Fest statt zum Besten eines Vereines „zur Unterstützung Bedürftiger ohne Unterschied der Confession". Da dürfte man sich allenfalls noch täuschen lassen durch die Hoffnung, dass doch auch der eine oder der andere Jude eine Unterstützung erhalte, oder durch die Erwägung, dass doch wenigstens das hehre Princip „ohne Unterschied der Confession" auf den Placaten prangt. Nachdem jedoch das Reinerträgnis dieses Festes auch (und Wohl zum größten Thcile) den: katholischen Schulvercine geividmct ivird, so dürfen tvir lvohl von jedem anständigen Juden erwarten, dass er diesem Feste ferubleibc. Wer da weiß, Ivelcher Geist in den Schulen dieses Vereines der Jugend cingcflöstt ivird, dem müsste die Schamröthe ins Gesicht steigen, so er dort auch nur einem Juden begegnet. Ucbcrlasseu tvir getrost den iinmer zahlreicher werdenden Täuflingen die ihrer ioürdige Aufgabe, die semitische Rasse (die tvir ifjnen leider nicht streitig machen können) bei einem solchen Feste zu der treten. Juden, die Ehrgefühl besitzen, werden bermeiden, füreinige Banknoten Danksagungen einzuheimsen, die, kaum sie den Rücken gcivendet, drrrch verächtliches Achselzucken wett gemacht werden. Der „Jüdische Bolksvcrem" für den 8., 9., 18. und 19. Bezirk hielt am 26. 2tyml seine diesjährige Generalversammlung ab. Nach Verlesung des Vorstandsberichtes und Ertheilung des Absolutorimns wurden nachstehende Herreir durch Akklamation in den Vorstand entsendet: Obmann: Dr. Paul W e i s e n g r ü n, erster Obmann-Stellvertreter: Josef Steiner, zweiter Od- 4 mann-Stellvertreter: Sigmund Bau eo. Erster Cassierer: ’* Sigmund Singer, zweiter Cassierer: Isidor Löwenb e i n, Schriftführer: Jakob K raus z. Ausschussmitglieder die Herren Dr. Wilhelm Klei n, Dr. Ludwig Beer, Isidor Goldschmied und Alois Munk. Nachdem das Mitglied Herr Gottlieb H e r m a n n noch nachträglich den Vorstandsbericht einer eingehenden Kritik unterzog und die Herren Steiner, Löwenbein, Dr. Beer, Schlein und Krausz einige Anregungen behufs intensiverer Agitation im Interesse des Vereines vorgebracht hatten, wurde hie Versammlung geschlossen. Hilsner-Jude. In der Gerichtssaalrubrik der vorwöchentlichen Tagcsblätter war eine unscheinbare Notiz über einen Jnmrienprocess enthalten. Diese Notiz lautete: „Der Gastwirt Mathias Wahnstorfer in der Lerchenfclderstratze wurde heute vom Strafrichter des Bezirksgerichtes Josefstadt wegen Ehrenbeleidigung zu einer Geldstrafe von 10 Kr. verurtheilt, weil er dem in seinem Locale als Gast erschienenen Kaufmann Josef Stern „Hilsner- Jude" zugerufen hatte." Nicht das Delict einer Verbal-Injurie und auch nicht das Strafmaß ist es, was uns Veranlassung gibt, über diese au und für sich unscheinbar aussehende Affaire zu berichten. Es ist nicht selten in Wien, dass Gastwirte ihre Gäste mit Grobheiten tractieren, allein der Umstand, dass sich der Gastwirt Mathias Wahnstorfer zu seiner Beschimpfung des Wortes „Hilsner-Jude" bediente, ist es, was uns die Sache erwähnenswert erscheinen lässt. „Hilsner-Jude" ist der Terminus tcchnicus für den Ritualmordschwindel geworden. Nicht deshalb, weil Hilsncr den Ritualmord eingestand oder weil er dieses Delictes überwiesen worden ist, sondern weil Hilsncr von einer vom specifischen Antisemitismus eingenommenen Jurp verurtheilt wurde. „Hilsner- Jude", in diesem Epitheton summiert sich der ganze Januner und die ganze Misere unserer jetzigen Zustände; „Hilsner-Jude", in dieser Apostrophe ist alles enthalten, was Jahrtausende hindurch fälschlicherweise benützt wird, uns Juden zu drangsalieren. Die ganze Jahrtausende alte ehrwürdige Geschichte des JudenthnmS rollt vor unseren Augen vorüber, alle Noch und aller Januner, die wir seir der Diaspora zu erdulden hatten, spielen sich lebhaft vor unseren Augen ab. Wie in der alten Geschichte und im Mittelalter, so wird auch jetzt die falsche Beschuldigung des Nitualmordes dazu benützt, uns sittlich und leiblich zu bedrücken, uns an Gut und Blut zu schädigen, uns mit Raub, Mord und Brand heimzusuchen, nur mit dem Unterschiede, dass der Sache ein modernes Kleid umgehängi wird. Die ermähnte Gerichtsverhandlung hat an dem ersten Tage der Passahfeiertage startgefunden, dem Feste, an dem wir die Befreiung vom knechtischen Joche feiern. Es ist jedoch die Frage gestattet': Sind wir Inden heute frei? De jure ivohl. allein nicht de facto. Wohl besitzen wir die Staatsgrundgesctze, die mit einem Wall von idealen Rechten umgeben, iverden, aber insoweit sie sich auf bas jüdische Volk beziehen, nicht gehalten, sie existieren für rins nicht, sie werden uns jvegcscamotiert und in der Praxis durchbrochen, auch von denjenigen, die dazu berufen rind geschaffen sind, diese Gesetze hochzuhattcn nnd deren Durchführung zu überwachen. Der kleinste Beamte bis hinauf zum Chef der obersten Centrale, die ja sämmtlich einen feierlichen Eid auf die Einhaltung der Gesetze geschworen, für diese alle sind bic Juden Luft nnd die Siaatsgrnndgesetze. Was ist gegen all dies zu thun, das uns in unseren wirtschaftlichen ltnb geistigen Interessen schädigt? Es gibt nur ein Mittel, imb das lautet: Seien tvir ein tapferes Volk, wie es unsere Vorahnen gewesen sind, seien ivir eine kräftige Nation, tvie cs die Juden waren tausende Jahre früher als die pygmäischen Nationchen und Nationen, die tmö derzeit zum Spielball ihrer Launen anSersehen haben. Da erscheint es aber dringend geboten, dass wir uns systematisch organisieren, dass tvir zum Bewusstsein gelangen, welchen mächtigen Factor wir im Leben des - Staates bilden könnten, ivenn wir rins zti einem nationalen Bcr-; bande konstituieren, einer für alle, alle für cinctxI_ Ur. Jüdischer Bvlksvercin in Prossnitz. ben 8. Mai findet die (Generalversammlung des Jüdischen Volks- ' Vereines, zu der glich mehrere Wiener Gesinnungsgenossen ( ihr Erscheinen zngesagt haben, statt. , Jüdischer Bolksvercin in Wicliczka. Der „Jüdische i VolkSvercin" hat einen Cyklns voll Vortrösten auf dem : Gebiete der jüdischen Geschichte und Wissenschaft eröffnet, , für welche sieh innerhalb der hiesisten jüdischen Bevölkernnst! das restste Interesse knndgibi. Den Bei st eit eröffnete ani ' L3. d. M. abends Herr Sistinnnd Nosenzweig, der erste j Vice-Präsident des „Jüdischen Volksuereines", mit einem i Vortrage über „Alernirdrien und Cordoba", die zwei Lichti punkte der jüdischen (beschichte, welche zwei der grössten Männer Israels: Philo imb Maimonides, hervorgebracht haben. Cr erörterte auch eiilsteheitd die Ursache, lvarlim die; alcxandri irische Epoche im Gegensätze zu der cordovani scheu > ohne jede Nachwirkung geblieben ist, imb fcmi zu dem i Schtiisse, dass dieselbe darin stetesten sei, dass die aleraiti drinische Schiile die griechische Philosophie des Plato und i Aristoteles höher als die jüdische Lehre, welche ihr übrigens «. nicht aus dem Urtexte, sondern aus der Septuaginta bekannt lixtt, stellte, inbcm sie glaubte, an der Hand einer allegorische Exegese, dass die jüdische Lehre keine anderen Grundwahrheiten besitze, als diejenigen, welche von der Philosophie ausgestellt waren. Die cordovanische Schule und namentlich Maimonides hat die jüdische Lehre als eine selbständige Wissenschaft erkannt und gewürdigt. Die Folge dieses Grundsatzes war, dass sich wohl die Philosophie der Thora anpassen könne, jedoch nicht ihr Wesen sei. Diesen Ausführungen folgte reicher Beifall. Aiit 26. d. Ni. abends hielt ferner Herr^Adolf Lewgo eine sehr beifällig aufgenommene Vorlesung über „die Judenverfolgungen des vierzehnten Jahrhunderts", worauf weiters Herr Sigmund Nosenzwcig einen Vortrag „über die Vedeutuilg des jüdischen Volkes in der Geschichte der Cultur und Humanität" hielt, in dessen Verlaufe er znm Schlüsse kam, dass das jüdische Volk, welches jederzeit der Bahnbrecher der Cnltnr und der Humanität war, und welches berufen war, durch seine monotheistische-Lehre imd die daraus entspringende Ethik allen Völkern voranzuleuchton, auch fernerhin das Ideal, d. i. seine Lehre, für welche er gelitten und gekämpft, hochtrag-en und im Bewusstsein dieser heiligen Mission sich als allen anderen Völkern ebenbürtige Nation hochachten wird. Diesem einstündigen Vorträge folgte lebhafter Applaus. — Der Ausschuss des „Jüdischen Volksvcreines" hielt heute unter Vorsitz des Herrn Sigmund Nosenzweig eine Sitzung ab, in welcher er beschloss, nach den von Herrn Sigmund Nosenzwcig entworfenen Statuten eine „Wohlthätige Darlehens-Genossenschaft des Jüdischen Volksvereines" (Chewrah Geinilath Chassadim), deren Zweck es sein soll, unverzinsliche nnd leicht rückzahlbare Darlehen zu gewähren, zu errichten. S i g m. Rosenz ln e i g. Oesterreichische Nechtszustände. Die Uebcrgriffe der Behörden, wie sie sich neulich in Dombrvwo zeigten, bringen die großangelcgte Rede des Abgeordneten S t r a n ch e r in Erinnerung, in der er sagte: „Ich erinnere die Herren an die in den letzten Jahren geradezu chronisch gewordene Specialität der Jndcnplünderungcn in Oesterreich. Sie sind eine Specialität geworden, neben den auch in den letzten Jahren so häufig borkommcndcn Kinderranb und der Entführung halbwüchsiger Mädchen in gewisse Klöster." Er erinnerte daran, dass alle Bemühungen der Eltern zur Habhaftwcrdung dcrMichalinastlraten und Feige Sicgeltnch vergeblich waren; dass ferner die Eltern sogar angeklagt wurden nach § 68 des St.-G., als ob die Erzwingung einer Unterlasstmg den Thatbestand des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit begründet. Diese glänzende Rede ist von den Tagcsblättern tu sehr dürftigen Auszügen veröffentlicht worden; dieselben Judenblätter, die über jede freiheitliche Versammlung in St. Pölten spaltcnlangc Berichte veröffentlichen, haben für jüdische Angnlcgenheiten keinen Platz; ein jüdisches Tageblatt existiert niebt und so konnte diese Rede nicht die Wirkung ansüben, die sie verdiente. Juden-Taufen. — Hilssvcrein für Galizien in der Nosrau. Im Tempel der Roßau hielt der in tveiten Streifen bekannte Rabbiner und Prediger Dr. Gelbhaus vor einer das Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllenden Zuhörerschaft an den letzten Passahfeiertigen eine Predigt, in ivelcher derselbe zivet ebenso actuclle als wichtige Themen in bekannt vorzüglicher Weise behandelte. Das erste dieser Themen bildete die Convertitenfrage. Dr. Gelbhaus lenkte die Aufmerksamkeit der andächtigen Zuhörerschaft auf die ticfbetrübcnde Thatsache, dass nach einem statistischen Ausweise der Wiener Cnktusgelneinde im Vorjahre 600 Taufen in Wien stairgcfunden haben. Mit tiefergreifenden Worten schilderte Dr. Gclbhaus die Consequeiizen dessen und ivies darauf hin, dass dieser Verlust an Glaubensgenossen für die Wiener Gemeinde mnso schmerzlicher falle, als dieselbe nicht allein nur gezählt, sondern auch gcivogcn iverden müssen, denn es-ist die Blüte unserer Jugend, die aus nicht stichhältigen Motiven fahnenflüchtig geivordeii ist. Das ziveite Thema bilde teil die desolaten Znstäiide unserer Glaubensgenossen in Galizien. Bon mächtiger Wirknilg ivar die Schilderung des Elends und der Nothlage der 100 000 galizischen Jriden, die trotzdem sie arbeitsfähig nnd arbeitsfrendig sind, deiinoch aris Mange! an Erwcrbsgelegenheit buchstäblich ain Hnngertuche nagen nnd elend verkommen. Rabbiner Dr. (stelbhaus richtet nn die andächlige Zuhörerschaft einen ivariiien eiirdringlichen Appell, der neugegründeten Section des galizischen Hilfsvereines in der Roßau zahlreich beizulrelen lind nach Thnnlichkeit ein Scherflein zur Linderung des in Galizien unter bcu Glaubensgenossen herrschenden Elends beizntrageil. Es darf ivohl der zuversichtlichen Erwartung Raum gegeben iverden, dass der ivarine eindringliche Appell des allgcmciil beliebten Seelsorgers des Roßauer TeiiipelS, Dr. Gelb ha uS, nicht wirkungslos Verhallen, sondern fruchtbaren Bodeii findeil werde. E. B. —sz. Ein Vndnpestcr „Stich ins Gelbliche". Folgende ergötzliche Geschichte Ivird aus Budapest gemeldet: Da gab vor einigen Tagen irgendeine (Penlrii-Olesellschaft eine Wohllhätigkeilsmatincc. Da man viel (tzcld hereinbringen ivöllte, musste man, so unangenehm cs auch ivar, auch die reichen Leopoldstädler Inden einladen. Es fiel niemandelu ans, dass die Farbe der Einladungen der Inden zufällig von der an die Christen crgaicgeicen ein ivenig abslaeh; die letzlereic Hallen nämlich einen „Stich iiis Gelbliche". Ebensoivenig konnte man die Vermerkung anstößig finden, dass die Ciiitrillskarlen zur Maliicee mir gegen Voriveisnng der Einladnugc» verabfolgt iverden. Die Leopoldslädler Großjuden fühlten sieh durch diese Ehrung der Gentrh sehr geschineichell, sollten doch die lleberzahliingen öffentlich quittiert iverden. Ter große Tag kam, in langen Reihen brachteil „Nn- I numerierte" die geladenen Gäste. Der Saal ivar voll. Als aber alles Platz genommen halte unb man Mnße fand, sich im Saale zn orientiereil, da sehicll eS, als Hörle mau auf der linken Seile einen dnr chsämmtliche Sesselreihen sieh hinzieheildeil Alifschrei der Enltäuschnng, manche behaupten sogar, es lvar Entrüstung. Die tlrsache des SchiilerzeS ivar bald klargestelll. Die Grvßjnden nnisslen iläultich die traurige Wahrnehmung inachen, dass sie ganz linier sich geblieben, denn die Christen erhielten ansnahmStoS die Sitze auf der rechten, ivährend die Inden auf der linken Seile des Saales ' plaelerl ivnrden. So halte sieh auch das Geheimnis vom „Stich ins ' l^lelbliche" lind der Bemerkung, dass die Karlen nur nach Vor- Weisung der Einladungen erhältlich seien, aufgeklärt. Man könnte! sicl> über den Ansgang der Geschichte freuen, ivenn nicht — die i armen, unbemittelten Inden diesen „Stich iils 6-elbliche" zn ver-! spüren bekämen. , 1 Eine sielieiinnisvolle Geschichte. Eine (beschichte, die nur deshalb glanbivürdig erscheint, iveil sie von (tzalizien, biefent Lande; Oesterreichs erzählt lvird, lvo „alles möglich ist", cvursiert schon seit drei Wochen. NnS ivnrde sie vor drei Wochen hinterbracht, tvir , habeil Erkundigungen eiugeholl nnd nun, da die Angetegellheit auch in ein Tagesjournal .- ivenn auch in unklarer Form —- Eingang < gefunden hat, tvollen Ivir die ganze t'lilgelegenheit, Ivie sie uns dei kännt ist, wiedergeben: Vor ca. 6 Wochen verschivand SchulimSchnu« aus seinem Elternheim in Dumbrowa, Cializicn. Eine Woche lang suchten seine Vcrivandtcn nach ihm, dann eiltdeckten sie ihn in einem Kloster, einige Meilen von Dumbrowa entfernt. Einige jüdische Bürger schlosseil sich zusammen, stürmten das LNoster und nahmeir den Kilaben mit sich fort. Sie brachten ihil schnell nach Wien, von dort nach Rotterdam, wo sie ihn an Bord der „Maasdam" transportierteil, gleichzeitig an seinen hier in 140 Suffolk Str. ivohllenden Bruder Joseph kabelild, ihn hier zu erivarterl. Gleich nach der Abreise des Kllaben erhob sich der Schrei, dass er ermordet worden sei und bei der in Oesterreich immer schnell eintretendcrl antisemitischen Strönning dauerte es nicht lange, bis das Gerücht anftauchte, dass der Kilabe, der Katholik geivordeil sei, ans Rache getödtet worden sei. Vergeblich bethenertcn die in Haft genommenen Angehörigen des Knaben ihre Unschuld. Selbst als die Nachricht von seiner glücklichen Ankllnft in Neiv-Dork alllangte, half ihnen das nichts lnld ihre Freunde sandten daher an Joseph Schnur ein Telegranlin mit den Worten: „Keine Hilfe. Schulim lnnss mit eiilcm Beschützer zurückkommen. Passt gut ans ihn auf. Ailtwortet niit welchem Schiff, damit ivir ihn erlvarten können." Dann sandte man das Affidavit und eiiw Photographie von dem Knaben, aber das genügte nicht. Das ziveite Kabel besagte: „Erbarmt Euch, Schnliiil mnss so bald als möglich kommen und Joseph muss ihil bis Hamburg begleiten." Anivalt Zeltilcr sagte: „Es handelt^ sich mit Leben oder Tod bon zehn der Unseren. Ich weiß, das nöthige Geld ivird aufgebracht werden, wenn ich auch noch nicht weiß, woher cs kommen wird." Die Versuche, dcir Behörden in Oesterreich durch Affidavits und Photographien zu beweisen, dass^ der junge Schnur am Lebeil ist, sind fruchtlos geivesen, da die Behördcil erklären, dass nur das persönliche Erscheinen des Kilaben genügen würde, sie zu überzeugeil, dass er lebt. Aber der jnrlge ch n u r hat kein Geld, um die Ueberfahrt zu zahleil uild ist fast dem Wahnsinne llahe bet dem Gedanken an die furchtbare Lage, in der sich seine?lngchörigen befindeil. Auf der Ostseitc hat der Fall bereits großes Interesse hervorgenifen und die hebräischen Zeitlingen veranstalten Sammlungen von Geldern, um dem Kilaben die Rückfahrt zu ermöglichen. Der junge Anwalt Louis Zeltner, von 9 Pitt St., hat sich für den Fall interessiert und erklärte gestern, er ivcrde persönlich den Knabeil durchbringeil, wenn er allciil auch ilicht ihm das nöthige Geld geben könne. Schnlir ist etwa 19 Jahre alt uild sehr intelligellt. Wie er angab, ivnrden ihm 800 Gulden angeboteil, weiln er zum römisch-katholischen Glauben überlreten wolle. Er konnte der Versuchung nicht wcdersiehen, obivohl er in einer strenggläubigen israelitischen Foinilie erzogen wordeil ivar. ' Von der Möglichkeit der Rückkehr des jungen Sebnlim Schllilr nach seiner österreichischeil Heimat hänge das Lebeil feines Vaters, seiner bier Brüder, seines Onkels lind bon vier anderen Vriirandtcil ab, ivelche sich jetzt sänimllich in Haft vefindell unter der Anklage, den Knaben ermordet 311 haben, unfähig, ihre Uusg.-uld zli beweisen ohne ihn selbst. Nach Schluss des Blattes erhalten wir noch folgendes Telegramm: D 0 m b r 0 w a, 1. Mai. Schnur in Begleitung eines New-Porker Delegierten hier angelangt. Schnur verhaftet. Ausland. Der 20. Bericht des Curatoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judcnthums zn Berlin ist erschienen. Voran geht als wissenschaftliche Beigabe der dritte Theil der gelehrten Arbeit von Dr. E. Baneth über Maimunis Neumondsberechnung. Die Zahl der ordentlichen Hörev hat betragen: im Smniner-Semester 1901: 28, im Winter- Semester 1901/1902: 30. Außerdem wurde die Anstalt von 11 Hospitanten besucht. Von den Zöglingen wurde Dr. Mar Joseph nach Stolp in Pommern berufen. Tie socialen Verhältnisse der Juden in Deutschland. Aus Berlin ivird geineldet: Die amtliche Statistik Preußens, des Reiches nslv. zugrunde legend, rmkerslicht Arthur Rllppin in den Jahrbüchern für Nationalökoiloinie nnd Statistik die socialen Verhätknisse dev Inden in Preußen nnd in Deutschland. Die Untersnchnng liefert in ihrem ersten Eapitel für die Personenstands- und Familienberhättnisse der Inden im Vergleich init den Christen überaus lehrreiche, znm Theil überraschende Ergebnisse. Während nämlich bis zrnn Jahre 1880 der proeentnale Antheil der Juden gegenüber den Christen (einschließlich aller Seelen nnd Dissidenten) beständig stieg, ist seit 1880 in Preußen jener proeentnale Antheil von 13,8 ans 11,4 pro Mille znrückgegangen nnd hat sich für ganz Deutschland von 12,6 im Jahre 1871 ans 11,6 im Jahre 1890 pro Mille vermindert, i'lnsschlaggebend hierfür ist der überraschend große tltückgang der jüdischen GebnrtSziffer. Im Durchschnitt der Jahre 1820 bis 1866 kameir ans 1000 Inden jährlich 37,20 Geburten, 1878 bis 1882 jährlich noch 30.32 Geburten; im Jahrfünft 1893 bis 1897 dagegen gieng jene Ziffer auf 22,26 zurück, ivährend sie bei den Christen 38,16 betrug. DaS Zahlenverhältnis ivürde für die Juden noch Xlngi'mftiger getvorden fein, ivenn nicht die Cleburtenziffer in einer sehr günstigen Sterbeziffer ein Gegengeivicht hätte. N'ach einer im Jahre 1896 zn Berlin vcranstalteteir Erhebung erreicheil unter den Inden iveit mehr Personen ein hohes Alter, als unter den Christen. Das 70. Lebensjahr ivird von 2,6 Procent aller Inden nnd nur von 1,9 Procent aller Christen, das 60. Lebensjahr von 7,2 Proeent aller Inden und 6,6 Procent aller Christen, das 60. Lebensjahr von 16,8 Procent aller Inden nnd 12,9 Procent alter Christen erreicht. Die sociale Lage der Juden' dürfte hierfür ebenso ins (tzeivicht fallen, ivie für die geringere Sänglingssterblichkeit bei den Inden im Vergleich mit der bei den Christen^ Selbstinorde sind unter den Inden häufiger, als unter den Christen. Es kommen im Durchschnitt der Jahre 1893/97 ans 100 000 Christen 31,17 Selbstmörder, ans 100 000 Jude,; 36,60. Ruppin erklärt diese C-rscheinnng für die männticheir Inden ans der erheblichen Beschäftigung mit dem an Wechselfällen reichen und mit Specnlationen eng verknüpften Handel. Was den lleberschnss der Geburten über die Todesfälle anbelangi. so zeigt sich hier die Folge der Verringerung der (stebnrtenhäiifigkcit bei den Inden besonders augenfällig. Im Jahrfünft 1878 bis 1882 vermehrten sich die Juden jährlich um 12,8 pro Mille, 1893 bis 1897 um 7,6. Bei de». Christen stieg die Vermehrung bon 14,29 auf 16,31 pro Mille. Auch in der Lliizahl der jüdischen Eheschließungen ist seil einem Btenschenalter ein bemerkbarer Rückgang eingetreten. Die Anzahl der jüdischen Eheschließungen des Jahres 1876 ist bis zum Jahre 1890 nicht ivieder crreiclit ivorden. Die Folge davon ist, dass ans 1000 christliche Eheschließungen 1896 bis 1899 nur noch 9.49 jüdische Eheschließungen entfallen, gegen 11,2 im Jahrfünft 1876 bis 1379. Die Zahl der Ehescheidungen hat in der Zeit 1890 bis >390 auch bei den Inden stark zngeiiominen. N'ach einer Berliner Zählung ivnrden 1396 nnd 1896 durchschnittlich 3,26 von 1000 jüdischen Ehepaaren geschieden, ivährend von 1000 katholischen 3,36 und bon 1000 evangelischen Ehepaaren 4,73 geschieden ivorden sind. Jiil Vorstehenden sind die!vichtigsten Angaben der statistischen llntersiichnng sttnppins, soiveit sie bisher vorliegt, enthalten. Der Fortsetzllng dieser Arbeit darf man mit Interesse entgegensehen. Die Fürsorge Cr.sielmng gefallener jüdischer Aiädchen, die das jugendliche stiller bereits überschritten haben und demznfolge. nicht mehr unter das Fürsorgegesetz fallen, soll eine ivesentliche Aenderiing erfahren. Bisher befanden sieh diese Mädeben tu dem allgemeinen städtischen Internat. Jetzt hat sich indessen der

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