Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 17 (25.4.1902)
- Date
- 1902-04-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Wien, Freilag Jüdisches Volksblatt 25. April 1902 Seite 5 Partei sich zu den „Verräthern des christlichen Volkes", zu denk „Judenparteien" zugesellt habe. Nun stellt es sich heraus, dass das' Sanze Geschrei der einen und anderen zwecklos tvar. Die nieder-j österreichische Parteileitung der Deutschen Volkspartei gibt die Erklärung ab. Lass sie ans ihrem alten Programme verharre, mit dem obengenannten Vereine nichts zu thun habe, ja sie fordert vom! Vereine sogar die Aenderung des irreführenden Titels. Merkwürdigerweise sollen cs dieselben Personen sein/ welche die Gründung dcS obigen Vereines favorisiert haben! Die ganze Sache wäre nicht wert, auch nur mit einem Worte berührt zu werden, wenn sie nicht typisch wäre für die ganze Politik der Deutschen Volkspartei, ja noch mehr, der gesammten Linken des österreichischen Abgeordnetenhauses. Die ganze Politik all dieser Herren Volksparteiler, Fortschrittler, Liberalen, Alldeutschen und Ostdeutschen ist nichts als eine Mandats- und Veutcpolitik; all das Gerede von Deutschthum, .Freiheit und Fortschritt und — Antisemitismus sind Sand, den man den Wählern in die Augen streut mit Rücksicht auf die bevorstehenden Landtagswahlen, in Niedcrösterreich. Die einzelnen Fractionen der Linken, die sich stets vermehren, veranstalteil einen wirklichen Concurrenzkampf um die Palme des nationalen Chauvinismus und Antisemitismus, und die Zeche zahlt das Reich und vor allem die — Juden. Man braucht jüdisches Geld und jüdische Stimmen gegen die Christlich-Soc i a l e n, mld deshalb verwirft man auf der einen Seite den Antisemitismus; man fürchtet aber die Concurrenz der anderen deutschbürgerlichen Fractionen und darum betont resp. bethätigt man den Antisemitismus auf der andcrcil Seite. Die Politik der gesummten Linken des österreichischen Abgeordnetenhauses ist eine doppelzüngige, sowohl in der I u d e n f r a g e, wie in der Ratio-: n a l i t ä t e n f r a g e. Es gibt dort nicht eine einzige Gruppe, die e h r l i ch und r ü ck h a l l t l o s für die Gleichberechtigung aller Nationen und Confesjionen Oesterreichs eintritt. Darum lässt uils das widerliche Fractionsgezänke kühl bis an das, Herz, denn Pack schlägt sich und Pack verträgt sich. Die ganze Komödie ist auch ein Zeugnis für die politische Unreife weiter politischer Kreise. Anstatt beu wahren Ursachen der österreichischen Krise nachzugehcn, lind aus dieser Einsicht auch die einzigeil Heilnlittel zu schöpfen, dreht sich itnfere ganze Politik um Resolutionen lind Enunciationen, um Treppcnklatsch nnb persönliche Ränke. Nur in einem solchen Concerte können überhaupt die Meinungen von einem Dutzend sehr ehrcniverter Mitbürger die Aufmerksamkeit erregen. Ausland. Dr. Lieber über den Antisemitismus. Auf die Angriffe Dr. Sigls im „Bayrischen Vaterland" antwortete Dr. Lieber Folgendes: „So lange übrigens die liebe heilige Mutter Gottes eine Jüdin bleibt, kann ich den Katholicismus nicht begreifen, der einem einen Vorwurf daraus macht, dass er seine Kinder auch durch eine (natürlich getanfte) Mutter aus dem auserwählten Volke in den Stand setzt, mit dem Priester in der feierlichen Stille des Messcanons sich patriarchae nostrae Abrahae vor Gott zu rühmen . . . Ich würde erklärt haben, dass ich die Stammverwandtschoft mit Christus und den Aposteln derjenigen mit Sigl Id genus omne unter jeglichem Betracht Vorzüge." Berlin. Die Kinder des Kaufmanns Ludomer in Obernick besuchen btc dortige Simultanschule. Im Jahre 1901 ist für den -Kreis ein neuer Schulinspector ernannt worden. Der aus dem Amt geschiedene hatte cs bisher stillschweigend geduldet, dass die L n d o m c r ' scheu Kizidx.'r an den hohen jüdischen F e l e r t a g e n v o n der Schule f e r n b l e i b e n. Der neue Schulvorstand hat in dem Nichtbesuch der Schule seitens der Ludoiner'schen Kinder, ohne dass er vorher um eine Dispensation angegangen war, eine strafbare Schulversäurnnis erblickt und die Bestrafung des Vaters veranlasst. Sowohl das Schöffengericht wie die Mette Strafkammer des Landgerichts zu Posen gelangten zur Vernrtheilung des Angeklagten. Das Berufungsgericht erachtete den Angeklagten ftic verpflichte/ bevor er seine Kinder vom Schulbesuch zurückhielt, sich zu vergewissern, wie der neue Schulvorstcher sich zu dieser Frage stelle. Der Angeklagte focht das Berufungsurthcil mittels der Revision an. Der Oberstaatsanwalt beantragte Zurückweisung derselben, der Strafsenat des Kammcrgerichts hob aber das angefochtene Urtheil auf und Ivies die Sache zur anderwciten Verhandlung und Entscheidung in die Vorinstanz zurück. In der Begründung dieser Sentenz heißt cs: Nach dem Judengesetze vom 93. Juli 1847 waren die Kinder des Angeklagten an und für sich verpflichtet, auch an den jüdischen Feiertagen' an dem Unterrichte ^r Simultanschule theilzunehmen und nur auf Grund besonderer Dispensation konnten sie davon befreit werden. Die Feststellung des subjektiven Thatbestandes ist aber bedenklich. Denn bisher war der Nichtbesuch der Schule an den jüdischen Feiertagen anstandslos geduldet worden. In der erneuten Verhandlung'sei nun zu prüfen, ob der Angeklagte unter diesen Umständen nicht in dem thatsächlichen Jrrthum besangen sein könnte, dass er berechtigt sei, seine Kinder an den jüdischen Feiertagen vorn Schulbesuche Zurückzuhalten. Aus Südrussland. Der Tabaksbau, welcher bis vor wenigen Jahren in Südrussland in hoher Blüte stand, ist seit dem Inkrafttreten des Gesetzes vom Jahre 1882, durch welches dem Bauer der Verkauf seines Produktes sehr erschwert wurde, rapid zurückgegangen. Gegenwärtig liegt derselbe in den beiden Gouvernements Bessarabien und Podolicn ausschließlich in den Händen der Juden» deren kaufmännisches Genie selbst unter den erschwerten Umständen günstigen Absatz zu finden weiß. Während unsere Glaubensgenossen im Jabre 1804 kaum 27 Percent aller Tabaksplantagen besaßen, betrug das von ihnen bearbeitete Areal im Jahre 1880 bereits 62 Percent und umfasst jetzt nahezu 99 Percent. Die Zahl der jüdischen Tabakspflanzer beläuft sich gegenwärtig allein im Gouvernement Bessarabien auf 900; unter den von ihnen beschäftigten 4 720 Tagelöhnern sind 3 431 oder 92,3 Percent Juden und nur 289 Christen. Die Arbeit in den Tabaksplantagen ist eine überaus anstrengende, erfordert große Umsicht und Sorgfalt und gibt dem Besitzer fast das ganze Jahr hindurch vollauf zu thun. Sämmtliche Familienmitglieder, einschließlich der achtjährigen Knaben, werden zur Mitarbeit herangezoyen. Die Erträgnisse sind relativ sehr günstig, obgleich die Preise gegen früher erheblich zurückgegangen sind. Dieselben betragen per Hektar 6 Ccntner Tabak bei einem Diirchschnittspreisc von 44 Rubeln per Centner. Davon gehen 36 Rubel Pacht und 160 Rubel Arbeitslöhne ab. so dass der Unternehmer 167 Rubel per Ha. reinen Uebecschuss zurückbehält. Leider sind die den Juden zur Verfügung stehenden, in unmittelbarer Nähe der Städte belegenen Ländereien ganz geringfügig, und da ihnen der Erwerb, ja sogar die Pachtung von Grund und Boden außerhalb der Städte verboten ist, so übersteigt der Umfang einer jüdischen Tabaksplantage selten anderthalb Ha. Verhaftungen in Warschau. Aus Lemberg wird geschrieben: Aus Warschau wird hiesigen polnischen Blättern berichtet, dass dort im Aufträge der politischen Abtheilung der Polizei-Behörde letzten Samstag bei sechzig angesehenen jüdischen Einwohnern (Schriftstellern, Aevzten, Recht anwälten usw.) strenge Hausdurchsuchungen oorgenommen wurden, worauf die Verhaftung der Doctorin Huzarska, sowie von dreißig jüdischen Studenten (Söhnen von Aerzten, Publicisten und Künstlern) erfolgte. Die Polizei- Behörde verweigerte bisher jede Andeutung über den | Grund dieser Maßregel, die umso räthselhafter erscheint, als die verhafteten Personen, wie auch diejenigen, bei ' denen Hausdurchsuchungen stattfanden, sich mit Politik nie befasst haben. l TnS Comitcc der Vereinigung der hauptstädtischen israelitischen Handwerker „Associata meseriasilor evrei diu capitata" hat folgendes für die Bcurthcilung der Ursachen der rumänischen Judenauswanderuug sehr bezeichnende Manifest erlassen: Israelitische Handwerker! Es ist nothwendig, dass wir uns einfür allemal über die Lage.klar werden, in der wir rumänische Israeliten uns befinden. Zahllose Gesetze sind gegen uns geschaffen worden, alle vorgeblich gegen die Fremden erlassenen Gesetze werden in Wirklichkeit nur uns gegenüber angewendet. Obgleich im Lande geboren, werden wir doch als Fremde und zwar als solche ohne jeden Schutz behandelt, als eine Classe von Menschen, die jeder nach Gefallen ausbenten kann, rmd wenn wir dagegen zu protestieren versuchen, antwortet man uns mit einem 23. November und einem 10. Mai (Anspielung auf die Antiscmitcnkrawalle der letzten Tage). Wenn es sich um Steuern und Heer handelt, sind wir R u m ä n e n, wenn es sich um Schulen und V e r - s a m m l u n g s r e ch t handelt sind wir Fremde. Nachdem man uns aus den Dörfern verjagt hat, findet man, dass wir in den Städten zu zahlreich sind. Ans Anlass der Votierung des Handwerkergesctzes hat ein Deputierter vorgeschlagen, diejenigen von uns, die kein anderes Vaterland haben, aus der Masse der übrigen Fremden auszuscheiden; die Regierung hat sich dem widersetzt. Und während später der DomäncnmiNistcr aus tvohlcrtvogencn Gründen 'in einer Versammlung der Handclskammerdelegicrten die Erklärung abgab, dass wir in die Rubrik der rumänischen Nationalität eingestellt werden müssen, hat Mircos unsere Versammlungen verboten, obgleich die Constitution das Recht hierzu den Angehörigen der erwähnten Rubrik zuerkennt. Die Freiheit der Culte ist allen gewährleistet. Am Samstag den 23. hat uns aber die Polizei während der Zeit der Abendgebete in der Synagoge Baron Hirsch durch ihre Werkzeuge aus der Synagoge im Namen der Gesetze u n d S r. M a j e st ä t vertrieben, z u r Unterbrechung der Gebete gezwungen, haben wir die Synagoge verlassen müssen, von den Beschimpfungen begleitet, tvelche der 'betreffende Polizei-Commissär gegen unsere Religion richtete. Die Polizei schickte zu uns, wir sollen uns in die „Liga nationala" (regierungsfreundliche Handwerker) einschreiben; Bratcscu (der Führer der Oppositionellen) bedroht uns mit Verwüstungen, wenn wir nicht zu ihm kommen. Alle fürchten sich, dass wir auswandern, weil sie niemanden auszubeutcn haben werden. Aber wir haben von dieser Liebe genug, und genug von diesen Erniedrigungen. Keine Freiheit und kein Brot! Wir aber wollen Beides. Das ist der wahre Grund der Auswanderung der rumänischen Juden. Der Nachtwächter als Mörder. (Ein 5)tarf)*' spiel aum Konitzer Ritualmord-Processe.) Nach Meldungen aus Könitz wurde ein dortiger Nachtwächter unter dein Verdachte des Mordes an einem Schuhmacher verhaftet. Der Nacht,vächter war der Hauptbelastungszeuge im Meineids-Processe gegen den in dern Ritual > ord-Processe vielgenannten Moriz L e v i), der auch wegen M e i n e i d v e r u r t h e i l t wurde. Russische Begriffe über Juden. Alis Nemirow (Russland!) wird geschrieben: Bor einigen Tagen kaufte ein Jude Weizen von^eineiii in der Nähe wohnenden Gutsbesitzer. Als der jüdische Händler wieder zuhause war, fand er, dass der Gutsbesitzer sich bei der Schlussrechiumg zu seinem eigenen 9cachtheile um 860 Rubel geirrt hatte? Der Jude eilte wfoA zu den, Gutsbesitzer zurück, machte ihn auf den Jrrtbum ausmerksaiin Mid händigte ihm gleichzeitig das Geld ein Der russische Edelmann lvar über diese Ehrlichkeit des Jliden fast sprachlos und sagte: „Wahrlich, falsch sind diese Ailsstremmgeil der antisemitischen Blätter über die Juden! Dich, Jude, will ich als glänzendes Beispiel hinstellen vor Uiemen Bekannten und freunden!" Der Aufenthalt ausländischer Juden in Russland. Bekanntlich dürsen Inden, welche Bürger eines ausländische Staates sind, sich nicht in Russland aufhalten. aiich wenn ie mit emem Reisepass versehen sind. Diese Verfügung bat sich banptjnchlickn'n Amerika und Frankreich fühlbar gezwei Staaten mit Russlaiid einen regen Gel'baftsverkebr unterbalten. Wie uns gns .New-Rork I>cndUct wird, wurde dem Eorigness ein Antrag ans Behebnng Schwierigkeiten vorgelegt. Wir werden in der nächsten Nmmner ans diese Frage i,och zurückkoiimien. ' Jüdische Wohlthätigkeitsanstalten Wiens. Von Adolf Steinschneider. DnS israelitische Tnnbstttmmeninstitnt. Die Natur hak den Menschen mit fünf Sinnen begabt. Das Gesicht und das Gehör sind die wichtigstell und ilnentbehrlichsten. Wem eiiler der beiden fehlt, der ist theiliveise ausgeschlossen von dem unbehinderten Verkehre mit seinen Nebenmenschen, dem fehlen viele Lebensfreuden. Im früheren Vertrüge wurde die traurige Lage der Blinden geschildert. Nicht minder hedanernswert ist die andere Art der Viersinnigen, die Tauben. Jhneil ist das Reich der Töne verschlossen. N'icht die Hnrinonie der Musik erreicht ihr Ohr, sie hören nicht beit Vogelgesang, nicht die tausend Stimmen der sie umgebenden Natur. Was aber noch peinigender für sic ist, sie hören nicht die Nebenmenschen sprechen, nicht die Stimmen ihrer thenersten Angehörigen, sie sehen deren Lippen sich bewegen und können sich mit ihnen nicht verständigen. In einer Hinsicht sind die Tauben noch übler daran als die Blinden, denn trifft man einen solchen hernnttnsiend, oder von der Hund eines anderen geführt, so erregt er allgemeines Mitgefühl, dem Tauben aber, der ungehindert herlimgeht, bei welchem man vergeblich Stimme and Lange anstrengt, um ihm eine Mittheilnng zn machen, versagt man häufig das Mitleid, ja man ärgert sich, oft verspottet man ihn sogar. Alles bisher Gesagte gilt von denjenigen, die erst durch Krankheit, sonstige tlnfälle oder hohes Alter das Gehör verloren haben. Anders sind die Ümstände bei den Taubgeborenen. Diese sind noch viel beklagenswerter, denn ihnen fehlt auch die Spruche, sie sind tnnb und stumm zugleich. Wodurch kann er sich den Nebenmenschen verständlich machen, wodurch seinen Willen knndthnn? Er hört nicht, er kann nicht sprechen. Menschliche Wesen, nnSgestattet mit allen Bedingungen geistlicher und sittlicher Entwicklung, begabt mit Seelenleben, sind zu elvigem Stumpfsinne, zu geistiger Nacht vernrtheilt, Iveil ihnen die Pforte mangelt, durch welche alle Erkenntnis zu ihnen dringen kann. Die in ihnen ruhenden Kräfte müssen brach bleiben, die sittlichen Keime ersticken, das gesammte Seelenleben verkümmern. Diesen Unglücklichen ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen, haben sich in verschiedenen Ländern edle Menschen vereinigt, und cs sind die Taübstummeninstitute entstanden. Die fortschreitende sich immer mehr vervollkommende Erziehungsmethode hat cs allmählich dahin gebracht, sie zu /cntstummen, ihnen die Sprache zu geben, und ist cs gelungen, sie denken, vergleichen und urthcilen zu lehren. Aber auf dem ganzen Erdcnrunde gab es bisher kein einziges jüdisches Taubstlimmeninstitut. Und doch ist es ein unabweisliches Gebot, dass ein Internat, in welchem Lehrer den von den Eltern losgelösten Kindern auch in Ansehung der religiös-sittlichen Erziehung die Stelle der Eltern vertrete, dass ihnen der Gottcsglaube und die Satzungen und Gebräuche des Judenthums beigebracht, dass sie nicht nur geistig, sondern auch moralisch gehoben werden. Die echte Huniauität hat bei den Juden zu allen Zeiten.ihre Apostel und Verbreiter gefunden, und so entstand auch für die Verwirklichung dieser Idee ein gottbegnadeter Mann, welcher die Mission übernahm. Ein Mann, dem nicht etwa ein Leid in seinem eigenen Hause der Antrieb war, sondern cs war wie eine göttliche Sendung, die ihn begeisterte. Dieser Mann hieß Hirsch Kolisch, ein Name» lvclchcr verdient, verewigt zu werden, der ein Monument verdient als ein Heros jüdischer Menschenliebe. Hirsch Kolisch war im Jahre 1780 in Nikolsburg in Mähren geboren und gehörte dem Kaufmannsstande an. Im Jahre 1844, also 64 Jahre alt, machte er in Baden bei Wien die Bekanntschaft eines geistlichen Herrn. Dieser Herr, Dr. Czech, war früher Professor an der Thercsianischen Akademie. Da erfasste ihn ein unwiderstehliches Bestreben, sich der Bildung der Taubstummen zu widmen. Er legte seine Stelle nieder und wurde Professor an der Wiener Taubsttimmenanstalt. ' Zwischen Herrn Kolisch und diesem hochherzigen Scelcnhirten entstand, durch gegenseitige Wertschätzung begründet, ein inriiges Freundschaftsverhältnis. Herr Dr. Czech, vessen ganzes Denken nur auf dieses Fach gerichtet war, schilderte Herrn Kolisch den intellectuellen und moralischen Tiefstand der 'Tanbstnmmcn und in beredten Worten die Art der Hilfe dagegen. Diese Darstellungen fanden in dem empfänglichen Gemüthe des Herrn Kolisch einen mächtigen Wiederhall, und er sagte sich: Da ist Gelegenheit, ein gottgefälliges Werk zu üben, und sofort stand der Entschluss in ihm fest, ein solches Institut für israelitische Taubstumme zu gründen. Das Nächstliegende war, sich einem mit dem Lehrsache vertranten Manne zur Seite zu stellen, der die einschlägigen Fragen zu lösen nnstande wäre. Ein gütiges Geschick ließ ihn Zeinen solchen finden in der Person des Herrn Joel Deutsch, der sich in Brünn als Lehrer bewahrt hatte. Er berief ihn nach Baden, und nach kurz andauernder Besprechung gewann Herr Dr. Ezcch die lleberzeuguug, dass Herr Deutsch sich in hohem Grade zum Taubskummenlehrer eigne und bczeichnete ihn Herrn Kolisch gegenüber als einen von Gott zu diesem Berufe erkorenen Mann. Nach Nikolsburg znrückgekchrt, verwirklichte Herr Kolisch seinen Plan und rief daselbst das Israel. Taubstummen-Jnstitut ins Leben. Vorerst richtete er an mehrere jüdische Gemeinden Mährens die Anfrage, wie viele dort bildungsfähige taubstumme Kinder rm Alter von' 7 bis 14 Jahren seien. Von 22 Gemeinden kam die Antwort, dass daselbst 10 männliche und 7 weibliche solcher Kinder? seien. Am 30. Octobcr 1844 erhielt er die behördliche Bewilligung, und die Anstalt wurde vorerst mit 6 Kindern eröffnet. Herr Deutsch vertauschte sein bisher ihm reichliches Einkommen bietendes Lehramt in Brünn ans innerer Herzensneigung mit dem wenig cinbringlichen dornenvollen Berufe eines Taubstummenlehrers. Mit zielbewusstem Eifer gierig er ans Werk, und nach kurzer Zeit war der Erfolg eiu äußerst günstiger. Die Grundsätze des Herrn Deutsch für die Tanbstummenbildung waren folgeiide: Einfachheit, naturgemäße Entwicklung, Entfernung alles Künstlichen. Es wurde die Fingersprache, die künstliche Mimik, die Gebcrdensprache abgeschafft. ' Die Basis des Unterrichts bildet die Lautsprache. Durch Absehen vom Munde, durch die Bewegung der Lippen, die der Zögling nachahmt, soll er allmählich zum Sprechen gebracht werden, und ihm bei gleichzeitiger Vorzeigung des jeweiligen Objectes dasselbe zum Bewusstsein gebracht werden. Mit einer Reihe von Ucbungen beginnend, fängt man bei einzelnen Worten an, setzt es fort bis zu einfachen Sätzen, bis man zur Erklärung von abstracten Begriffen kommt und endlich zu kurzen Beschreibungen und Erzählungen. Ist der Zögling zum Verständnisse des Gedankenaustausches fortgeschritten, dann kommt der Unterricht über das geistige Wesen des Menschen; daran fügt sich die religiöse Bildung an, mit dem Lesen der biblischen Geschichte und Bekanntmachung der religiösen Gcbränchc. Das Absehen vom Munde gedieh zu solcher Fertigkeit, dass der Director beim Sabbathgottesdienste eine Predigt halten kann, welche sie ganz gut verstehen können. (Fortsetzung folgt.) Manische Greuel. (Eigenbericht des „I. V.") Bukarest, Mitte April. Der Führer der Handwerker, Brotcscu, hat öffentlich erklärt, dass die Inden in die licuen Innungen ausgenommen werden, nur sollten sie ihre Versammlungen aufgeben.^ Zugleich mit diesen Versprechungen führt er aber eine drohende Sprache für den Fall, dass die Juden fiel) weiter versammeln sollten; die Handwerker würden dann selbst mit Gewalt, besser als die Gendarmen, ihr Vorhaben vereiteln. Damit enthüllt aber dieses Großmaul den Wert seiner Zugeständnisse. Er will die Inden einschüchtern, mundtodt machen, und dann, wenn sie schweigen und sich ducken, sie wegen ihrer Leichtgläubigkeit nuslnäicu und verhöhnen. ES würde auch niemand BroteScu ernst nehmen, wenn er nicht der officielle Candidat der Altconscrvativen für die nächste Depiitierteuwnhl wäre. Die Emigration nimmt große Dimensionen an. Die vertraulichen Berichte der Präfeetcn an dnS Ministerium des Innern constatieren einerseits die Zunahme der Bewegung, andererseits die Bildung von größeren Gesellschaften zur gegenseitigen Unterstützung. Der „Ädevernl" meldet, dass die Regierung in einer absolut vertraulichen Weise die Präfecten angewiesen hat, die Emigration mit allen diplomatischen Mitteln zu verhindern. Diese Intervention wird keinen Erfolg haben. Die Auswanderer verlassen nicht einzeln, sondern in Gruppen von 60 bis 70 Familien das Land. Die diesmalige Auswanderung Hut einen ernsteren Charakter als die vor zwei'Jahren; damals sei sie die Folge einer Missernte gewesen, »nährend sie diesmal nach dem „Ädevernl" mir eine Folge der „liberalen" Politik sei. . m t Ein Symptom der Luge sei auch, dass Dr. Beck und Adolf Stern, der Verräther, eine Audienz beim Könige hatten. Was diese Audienz für praktische Resultate harte, wissen wir nicht; ftdoch erfahre ich, dass sich zwei Ministerräthe mit der Frage der Emigration befassten. , .. Stonidzn behauptet natürlich, da»s nur auswärtige Emsluße die Aiisiv-mdernng veran'lasscii, als ob sich dieser Bravo nut solchen Lünen ans die Dauer helfen tonnte. ' Wie die „Rumänische Presse" zu berichten ivc»ß. verursnchr die Emlgrntionsbeivegiing der Juden in Rumänien der rinnamschen Reglerung viel Kopfzerbrechens. Die Regierung l»t nach dieser Onclle bnuplsachlich durch folgende Umstände stutzig geworden: Die Emigration vor zwei Jahren unter der Regierung der Conservntwcn Hut erst gegen Ende Rtni ihren Anfang genommen, wahrend letzt die Aiisioanderimg bereits seit einem Monate im Zuge ist und sostematisch — je r>0, 00 und 70 Familien pro Tag — dnrchgefuhrt wird. Ferner hat damals die gesammte ausländische Presse gegen die Ansloandernng Stellung genommen, »nährend sie jetzt die Ans- »unndcrnngsveftreblmgen der Inden geradezu unterstützt; am meisten jedoch lvnrden die Regierung durch das Verhalten der indischen Wvhlfalirlseinrichtnngen enttäuscht, indem sie nach jetzt dieselbe