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Jüdisches Volksblatt · 1902-04-25 · 17 (25.4.1902) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
17 (25.4.1902)
Date
1902-04-25
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 .Indisches Volksblntt 25. April I9f>2 Nr. 17 Wien, Frei int? Indolenz seitens derselben voraussctzte, an welcher die Emgratiion vor zwei Jahren gescheitert ich Die jüdischen Wohl sah rtsanstalten scheinen sich jedoch seht zu einer gemeinsamen Action zusammenzuschließen, wodurch die ganze Bewegung an Bedeutung gctvinnt. ,Dcr unerwartet großen Emigrationsbewegnug — meint die ^R. P." — isr cs znzuschreiben, dass die Regierung den Domänen- Minister beauftragt hat, die Ausführung des Handwertergesches auf sechs Monate zu verschieben. Als Ausrede diente die angebliche Nothweudigkeit, einige Formalitäten zu erfüllen. Hiermit ivill die Regierung die Ausivanderungslust der Inden bis zum Herbste unterdrücken, zu welcher Jahreszeit grosze Seereisen und Wanderungen nicht mehr gut unternommen werden können. Die Ministcneonferenzen berathen ununterbrochen über einen geeigneten Modus, die Auswanderung zu verhindern. Auf Befragen' mehrerer fremder Gesandtschaften schob die Regierung die Ursache der Massenflucht der Fremden ans Rumänien ans die jüdischen Communitäten. Die reichen Inden — hieß cs — unterstützen die Emigration, um sich der armen Hilfsbedürftigen zu entledigen. Im weiteren Verlaufe ihres Artikels erzählt die „R. P." den Inhalt eines Juter- Mitarbeiter mit einem gewesenen nimänischen Ministerpräsidenten gehabt hat. Der gewesene Ministerpräsideilt erklärte unumwunden, dass die jüdische Emigration dem Lande einen unermesslichen Schaden zufüge, bringt solvohl den Großhandel als auch den kleinen in grosze Gefahr, hauptsächlich aber in der Moldau, wo die ganze Handclsthätigkeit in Händen der Juden liegt. Außerdem wird die Negierung die Ausführung solcher nationaler Gesetze, wie das Handwerkcrgesctz, niit dem Zorne des gesanimten Auslandes zu büßen haben, Inelches eine solche fremdenfeindliche Gesetzgebung zu vereiteln in der Lage ist. Man spricht auch davon, dass die Polizei den Auftrag hat, in den Vorstädten die Auswanderuiigsprojecte anszuspionieren und deren Ausführung zu verhindern. Die Polizei konnte bis jetzt wegen ihrer Inanspruchnahme bei den Wahlen diesen Auftrag noch nicht energisch genug ansführen, sobald aber diese vorüber' sind, wird die Polizei ihre Thätigkeit in den jüdischen Ghettos beginnen. Zn gleicher Zeit wird die Regierung an alle Präfeettiren und Snbpräfecturen ein Circular ergehen laßen mit der Aufforderung, den Juden gegenüber eine mildere Behandlung zu bethätigen, lim sie glauben zu machen, dass auch bei Handhabung des Handwerkergesetzcs eine mildere Auffassung der Bcstimiuuugen kommen soll. Die Negierung macht jedoch ganz vergebliche Anstrengungen. Die Juden wissen nunmehr ganz genau, woran sie siitd. Also nicht nur brotlos will die rumänische Negierung die Juden machen, sondern sie will sich auch an ihrem Elend und ihrer Noth vergnügen. Wie wenig übrigens die Spiegelfechtereien verfangen, beweist eine uns aus Jassy zukommcnde Meldung, wonach dort nicht nur die Handwerker und kleineren und mittleren Kauflcute entschlossen sind, eine freiere Heimat aufzusuchen, sondern grosze Kaufleute mit bedeutenden Geschäften und nennenswertem Capital trachten ihre Geschäfte rasch abzuwickeln, um nach Amerika zu emigrieren. Viele haben bereits ihre Fcnuilien dahin vorausgeschickt. Wir bemerken noch zum Schlüsse, dass die Polizeipräfectur in Bukarest eine Bekanntmachung ergehen ließ, dass binnen kurzem sich jeder fremde Unterthan in der Präfectur vorzustellen habe, «um seine Position nach dem neuen Handwcrkergesctze zu regulieren". Biicher-Einlaus. Die auffallend häufigen Krankheitscrscheinungen der jüdischen Rasse. Von Dr. Martin Endländer, pract. Arzt, Wien 1002. Die, vorliegende Broschüre ist ein dankenswerter Versuch, die speciellen Erkrankungen der jüdischen Rasse in zusammenhängender Weise zu schildern. Der Autor bemerkt selbst, dass er keine neuen Wahrheiten entdeckt; neu ist nur, dass jene Wahrheiten bisher von Ariern,, darunter namhaften Gelehrten, wie Krafst-Ebing, Erb. Kraepclin usw. constatiert wurden, wahrend die jüdischen Aerzte es als eine Ehrenpflicht ansahen, vor allem eine jüdische Rasse und logischerweise auch Erkrankungen der jüdischen Nasse zu leugnen. Jüngst erst hat Prof. Zuckerkand! diesen Versuch unternoinmen und bewiesen, wie die tiefste Gelehrsamkeit durch eine schlechte Politik Zur Farce wird. Dem Autor lag bereits eine Arbeit Mandelstamins vor, der über die körperliche Verfassung der östlichen Juden ein umfassendes Referat erstattet hatte; Mandelstamm meint aber, die Juden der westlichen Länder nicht berücksichtigen zu müssen, da doch letztere ökonomisch durchaus nicht schlimmer daran sind, als ihre arischen Landsleute (?) und die dekrepide erbärmlich schwache Leibesbeschasfenhcit der Ghettojuden das ausschließliche Product ihrer trostlosen socialökonomischen Lage ist. Dementgegen behauptet der Autor mit Recht, dass auch die körperliche Verfassung der westlichen Juden einer speciellen Besprechung bedarf. Die Juden des Westens stellen nämlich nach übereinstimmendem Zeugnisse einen viel höheren Percentsatz wie andere Rassen in dem Gebiete der Neurasthenie, Hysterie rmd der Geistescrkrankungen, sowie auf dem Gebiete der Stoffwechselerkrankungen (Diabetes) und des Glaukoms. Der Autor nimmt als Ursache mit Recht an, dass die Juden einen viel aufreibenderen Kampf ums Dasein führen müssen, als die Arier, in deren Mitte sie leben; die oben citicrten Gelehrten sind dagegen geneigt, dieses Plus auf Kosten der durch Inzucht degenerierten Rasse zu setzen, ein absolut voreingenommener Standpunkt. Mit Recht ruft der Autor aus: Also eine Rasse von 8—10 Millionen Menschen sollte sich nicht mehr genügen, um eine gesunde Nachkommenschaft zeugen zu können? N e i b m a y e r sagt: Auch nach den Beobachtungen von Thierzüchtcrn ergeben nämlich Kreuzungen von Varietäten, die in körperlichen und geistigen Charakteren sich nahe steheit, stets die besten Resultate. Ferner betonte Nich. Nappaport in seinem in der Jüdisch-akad. Lesehalle gehaltenen Vortrage, dass eine Nation umso fruchtbarer sei, je reiner sre sei, und erweist es an der Hand der Geschichte. Nur in einem Punkt stimme ich nicht ganz mit dem Alltor übereiil: Der Autor nimmt es als wahrscheinlich an, dass die Juden in den Concurrcnzkampf ein weniger widerstandsfähigeres Gehirn mitbringen. Ohne den Einfluss der erblichen Bclashmg zu leugnen, ohne ihn ganz anzuerkenueil, will ich aber einen Factor hervorheben, der iil dem Jahrtausende alten Kampfe der Belastung entgegenwirkt. Dies ist das Gesetz der A u s l e s e n a ch D a r w i n, dass im Kampfe ums Dasein nur die Tüchtigsten sich durchsetzen, unser Votkskörper demnach einen Complex von im allgemeinen widerstandsfähigen Gehirnen darstcllt, die den unverhältnismäßig stärkercir Ansprüchen des Kampfes allerdings schlechter als die Arier gelvachsen sind, dass diese im Vergleiche mit uns Juden mehr ein Spiel, denn einen Kainpf ums Dasein führen. Es würde sich auch empfehlen, bei einer Neuauflage den Geisteskrankheiten entsprecheild ihrer Wichtigkeit einen größeren Platz einzuräumen, zumal ans diesen Gebieten Arbeiteil Wiener Autoren vorliegen. (Wiener klinische Wechenschrift 1001.) Recht beherzigenswert sind die hygienischen Anweisungen des Amors. Wir verweisen diesbezüglich auf die Broschüre selbst, die nur unseren Lesern einpfehlen nub will nur folgende Stelle hcrvorheben: „Ich finde auch, dass die Städter und ganz besonders die herangetvachsene Jugend in Israel zu wenig während ihres Stadranfenthaltes schlafen. Nach der Tagesarbeit Theater, Concert, Bälle usw., nachher Restaurant oder Kaffeehaus und im Bette noch eine Lektüre I Man wandelt nicht ungestraft durch die Nächte." Dr. med S o s e r. Naturwissenschaft und Politik. Am 1. April d. I. ist eine Monatsschrift für das sociale und geistige Leben der Völker entstanden, die berechtigtes Aufsehen herborgernfen hat: Es ist die von Ludwig W o l t in a n n und Hans K. E. V u h m a n n herausgegebene „Politisch-anthropologische Revue". Welches Interesse auch wir dem znkniiftsfrohen literarischen Unternehmen eutgegcnbringen, beweist der Umstand, dass wir Albert Reibmahrs Beitrag: „Ueber den Einfluss der Inzucht und Vermischung auf den politischen Charakter einer Bevölkerung" seinerzeit mit nur wenigen Kürzungen mit Erlaubnis der Redaction der „Polit.-anthropol. Revue" unseren Lesern wiedcrgegeben haben. Die Zeitschrift will im Kampfe um die geistige Weltanschauung und um die politische Macht von großen uaturgeschichtlicheu Gesichtspunkten aus theoretisch, historisch und praktisch orientieren. Ihr Ziel ist erstens ein theoretisches, nämlich die Nicht-Fachgelehrten und die lveiteren Kreise des tvissenschastlicheu iuteressickdeii Publieiims über den Stand, die Fortschritte und die Tragtveite der natürlichen Enttvicklungslehre zu orientieren: über die Ursachen und Gesetze der organischen Veränderung, Anpassung, Vererbliug, Auslese, Vervollkommnung und Entartung, sowohl bei Pflanzen und Thieren, als besonders beim Menschen. Zweitens ist ihr Ziel ein historisches, nämlich die sociale und geistige Geschichte des Menschengeschlechts vom Standpunkte der organischen Naturgeschichte zu erforschen, und zu diesem Zwecke die biologischen und anthropologischen Grundlagen in der Entwicklung der wirtschaftlichen, politischen und juristischen Verhältnisse, wie auch der Moral, Philosophie, Knust und Religion nachznweisen. Drittens ivill sie ein praktisches, ans die Gegenwart gerichtetes Ziel verfolgen, »äinlich die gesunden organischen Erhaltimgs- und Entlvicklnngsbcdingnngen der menschlichen Gattung und Gesellschaft fcststellen und vom Standpunkte der gewonnenen Erkeuntnisse aus die Fragen der socialen und Rassen- Hygicne, der Rechts- und Staatsverfassung, der Socialpolitik und Schulreform, sowie die Triebkräfte und Ziele der nationalen und Parteikämpfe oer Gegenwart in Bezug auf ihre kriegerischen, wirtschaftlichen, staatlichen und geistigen Ergebnisse belenchtcn. Wir empfehlen wirklich unseren Lesern, eine Nummer ans den bisher erschienenen Hestcn zur Ansicht zu bestellen. Wir haben den Eindruck, dass wir einem epochemachenden geistigen Unternehmen gegcnübcrskehcn und soweit wir nach den vorliegenden Heften schließen können, sind die Herausgeber für ihre gewaltige Aufgabe in hervorragender Weise ausgerüstet. Das Judentlnnn in seinen Grundzügen und seinen geschichtlichen Grundlagen, dnrgestellt von Dr. M. Güdemann, Oberrabbiner in Wien. 1902. Herr Dr. Güdemann hat sich die Aufgabe gestellt, in einer Broschüre von 105 Seiten die Grnndznge und die geschichtlichen Grundlagen des Judenthums darzustellcu. Die rein theologischen Erörterungen zu bcurtheilen, überlasse ich getrost einem Fachmanne; aber ein großer Theil seiner Ausführungen wendet sich an den Laien, und es mag daher auch ein Laie zu Wort komiuen. Herr Dr. Güdemann schreibt über das Jndenthum. Doch schon über dieses Wort muss ich straucheln. Für Herrn Dr. Güdetnann ist das Jndenthum nur eine Religion. Er leugnet direct, dass die Inden eine Nation sind; er sagt S. 65: Denn in der Diaspora haben die Juden vom „materiellen Wohlergehen" so gut wie gar nichts erfahren (wirklich, Herr Oberrabbiner?), ihr „irdisches Leben hieng in der Luft, als „Nation" hatten sie längst zu c i; i ft i c r c ii a u f g e h ö r t. Das genügt ihm aber nicht. Er ediert Steinthal als Eideshclfer, dass die Inden überhaupt niemals ein Volk waren. Mit Verlaub, Herr Oberrabbincr, das heißt der Wahrheit direct ins Gesicht schlagen; das Gebäude, das sie auf dieseu „geschichtlichen Grundlagen" aufführcn, kann nur ein Luftschloss sein. Das Wort „Nation" kommt von na sei und bedeutet daher einen durch Abstammung und Blutsverwandtschaft zusammengehörendeu Theil der Menschheit. Und das wären die Juden nicht? Kommt noch hinzu die Gemeinsamkeit der sittlichen Anschauungen und der geschichtlichen Schicksale, so bleibt es wirklich dem Herrn Oberrabbincr Vorbehalten, eine Thatsache zu leugnen, die heute allmählich von der gesummten wissenschaftlichen Welt anerkannt wird. Aber wenn Sie es nicmandeni glauben wollen, so schlagen Sie doch das 1. Capitel Ihrer eigenen Broschüre auf, das auch das beste ist und über die Familie handelt. Sie sagen: „Wenn man dem tlrspxuuge.des Volkes Israel,.,nachgeht" .... S. 1 und weiter auf derselben'Seite: DagWti'wirb die Geschachte des Volkes Israel auf solche Gründer zurückgeführt, die gerade als Familicnhäuptcr, als Väter und Mütter, hcrvorragcn." Also, einmal Volk und ein auderesmal kein Volk; was halten Sie von diesen eontroversen Ansichten für richtig, Herr Doctor? Manchem wird dieser Streit müßig erscheinen, aber er hat eine tiefere Berechtigung. Heute, wo das jüdische Volk von allen Seiten angegriffen wird, wo Hiniderttaiisende unserer Stammesgenossen vor einer Katastrophe stehen, erscheint eine Schrift, verfasst von dem Oberrabbiner einer der größten jüdischen Gemeinden, in der er uns die Gvundzüge und die geschichtlichen Grundlagen des Judenthnms darzustellen verspricht. Und ivas finden wir? Eine süße Limonade, gut genug für eine leere Viericlitunde eines reichen Börseauers. Er sagt S. 73: „Doch genug vom Judenhass, der in einer wissenschaftlichen Untersuchung billig aus dem Spiele bleiben sollte." Wirklich billig, sehr billig, Herr Oberrabbiner. Wir aber hätten gedacht, dass in der großen Noth der Zeit der geistliche Hirte unseres Volkes die sittliche Pflicht verspüren würde, auch seine Stimme zu erheben, Platz zu nehmen mitten unter seinen bedrängten Stammesgenossen und ihnen mit Rath und That beizustehen, ihnen, die im Gegensätze zu den anderen wirklich so gut wie gar nichts vom materiellen Wohlergehen wissen, und deren irdisches Leben so gut wie in der Luft hängt. Der Herr Oberrabbincr komme uns nicht mit der Ausslncht, dass derlei in wissenschaftlichen Darlegungen keinen Platz habe. Das heißt doch den Sinn der Wissenschaft verkennen, wenn man darunter nur eine vom Leben abgewendete Doctrin verstehe; für solche „Wisscuschästlichkcit" bedanken wir uns. Denn wozu ist sie gut? Nicht einmal dazu, einige reiche Lebejünglinge dem Glauben ibrer Väter, d. h. nach Güdemann: dem „Jndenthum" zu erhalten. Die Taufen nehmen in erschreckender Weise zu; nun sind wir sicher nicht so verbohrt, den Herrn Oberrabbiner allein für Existenzen a la Karl Kraus und Consorten verantwortlich zu machen. Aber er kann nicht leugnen, dass die Früchte seines Systems es sind, das in dem jüdischen Leben keinen anderen Inhalt sieht als „Lernen und Lehren, Beivahren und Thun"; für dieses ansgeblasste, seines Ursprunges, seiner Wesenheit, seiner Farbe und seiner eigenartigen Schönheit entkleidete Jndenthum kann Dr. Güdemann vielleicht einige Lebegreise gewinnen, die sich zufrieden von ihren Geschäften zurückgezogen haben, nie aber eine Jugend, die mit aufgeschlossenen Sinnen ihr Leben in befriedigender Weise verwenden ivill. Herr Dr. Güdemann hat eine Broschüre geschrieben, in der sich nebst anderem viel Erbauliches und Treffendes findet. DaS Gegenfheil würde bei einem gebildeten Manne, der feit Dccennien an der Spitze der jüdischen Gemeinde steht, wundernehmen: aber das Traurige und Beschämende ist das, Ivas nicht in der Broschüre steht. Lipman Ben Josua. Der Kampf des Rabbiners gegen den Talmud im 17. Jahrhundert. Vorher geht: Tie Religion des Volkes und Religion des Individuums. Von Dr. Simon Stern. (311 S. Lex.-8°) Preis geheftet Mk. 5.— -; geb. M. 0.50 (Breslau, Schlesische Verlags- Anstalt v. S. Schottlaendcr.) Eines der interessantesten jüdischtheologischen Werke ist „Die Stimme des Thoren", in dem der Rabbiner Leon da Modena alle Schwächen des Talmud in geistvoller und gelehrter Weise anseinandersetzt. Die Stimme des Thoren wurde dadurch die Rüstkammer aller Talmndgegner im Jndenthum. Dieses Werk erscheint hier nebst der erschöpfenden Biographie Leons das erstemal vollständig in deutscher Uebcrsetzung, versehen mit Anmerkungen von Dr. Simon Stern, in denen die Angriffspunkte ins rechte Licht gerückt und Lieht und Schatten gerecht vertheilt Iverden, denn Leon ist zumeist ein ungerechter Benrtheiler des Talmud. Vorher geht die Abhandlung: ^„Religion des Volkes und Religion des Individuums", in der Dr. Stern darstellt, was aus der Religion lvird, und welche Function sie im socialen Leben hat, wenn sie nicht allein als Religion des Individuums, sondern auch als Religion einer socialen Gemeinschaft betrachtet wird. Da bildet sie ein Mittel im Kampfe ums Dasein des Volkes, während sie als Religion des Individuums den Zweck hat. das'Individuum in die ideale Sphäre zu erheben. Der SchW-1. Erzählung Nu Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Die achte führte das Regiment über die Eier, sie hatte zu entscheiden, ob das aufgeschtagcnc Ei verworfen oder ausgeschlagen wurde. Als Maßstab der Benrtheilung bediente sie sich hierbei ihrer Nase, und wenn die Kritik zugunsten des Eies ausgefallen war, dann schied sie vorsichtig den Dotter vom Eiweiß, und die nennte und zehnte verwirklichten wieder das Gesetz von der Theilnng der Arbeit; diese hatte die Eierdottcr mit gestoßenem Zucker untereinander zu rühren, jene aus dem Eiweiß „Schnee" zu. schlagen. Zn gleicher Zeit wurden in der Küche Karpfen, die in Summa ein Gewicht von hundert Pfund repräsentierten, abgeschnppt, anseinandergerissen und in Portionen geschnitten, ferner gegen dreißig Gänse gebraten und mehr dergleichen wohlwollende Menschenfreundlichkeit geübt. Wir müssten ein ganzes Kochbuch, Recept nach Recevt abschreibc», wenn wir so gewissenhaft sein wollten, der freuuolichen Leserin alles haarklein zu berichten, was für Heldenthaten in Barl Lederers Hause unter Elkeles. Leitung verrichtet worden sind. Dabei müssten wir noch die Vorsicht gebrauchen, das Kochbuch einer äußerst sorgfältigen Redaction zu unterwerfen, um alle jene Braten und Speisen zn eliminieren, welche entweder nicht von widerkänendcn und mit gespaltenen Hufen versehenen Vierfüßern herrühreu, oder aus einer Mischung von Milch und Fleisch bereitet werden; denn dass bei Bärl Lederer alles „bekaschres" (mit Beobachtung der Spcisegesetzc) zugieng, braucht eigentlich nicht erst ausdrücklich erinnert zu werden. Eine solche Sichtung des Erlaubten und Unerlaubten oder des „Reinen" und „Zerrissenen", wobei lvir manchmal vielleicht gar noch in erhebliche Zweifel verivickelt wurden und den „Schnlchan Aruch" oder ein derartiges Gesetzbuch zu Hilfe nehmen müssten, ist aber, wie man leicht denken kann, sehr mühselig. Es scheint uns daher gerathen, auf den höchsten Grad historischer Treue und Genauigkeit zu verzichten, besonders in dem Momente, wo eben die berühmten Schoßberger „Klesmorim" (Musikanten) im großen Wirthshause angekommen sind, und durch einzelne Striche auf der Fiedel und Bassgeige verkünden, dass der Tanz nicht allzu lange auf sich warten lassen werde. In der Gasse herrscht rege Geschäftigkeit und buntbewcgtes Leben. Die Kinder rennen mehr als gewöhnlich hin und her, es stehen einige Wage» darinnen, welche Hochzeitsgäste, Verwandte von Braut und Bräutigam aus nah und ferne gelegenen Orten lsierhcrgcbracht haben. Die erwachsenen Mädchen und jungen Leute richten sich bereits für das Vorspiel am Abend; denn eine jüdische Hochzeit hat wie manches andere Drama Prolog, eigentliche Actiou und Epilog. Der Abend vor der eigentlichen Hochzeit ist der sogenannte „Vortanz"; dieser geht die verheirateten Leute gar nichts an, er gehört ausschließlich der ledigen Welt. Braut und Bräutigam erscheinen iu der Mitte der Jungen und Mädchen noch als ihresgleichen — zum letztenmal; denn morgen ist cs anders. Die Sonne neigte sich, und die fröhlichen Geister wurden losgelassen. Die Fiedel lud zum Tanze ein, der Bass brummte ein kräftig Wörtleiu mit, und wer schwerhörig genug gewesen wäre, der sanften Einladung nicht rasch genug Folge zu leisten, dem wurde sie von der weithin schallenden Trompete ins Ohr geschmettert, um den Säumigen zur Pflicht zu rufen. Die Paare drehten sich im lustigen Tanze. Verheiratete Männer und Frauen, die im Tanzzimmer an den rund herum an den Wänden anfgestellteu Bänken höchstens als Zuschauer geduldet werden sollten, durchbrachen manchmal, von den hüpfenden Rhythmen augclockt, die gezogenen Schranken und mischten sich in die drehenden Kreise, und so gab es eine Luftigkeit, die bis spät nach Mitternacht währte. Kaum die kurze Zeit eines Sommcrnachtstraumes war verstrichen, und der eigentliche Hochzeitstag war erschienen. In der Mitte der Stube, die sich allmählich mit Weibern füllte, stand ein thronartiger Sessel mit Seidcnkissen und Goldborten reich geschmückt und verbrämt — der „Deckstuhl". Um diesen herum tanzte zuerst die Rabbineriu, daun der Reihe nach jede andere Frau das Kalletäuzel. Eine liebliche Gestalt, die Königin des Festes, wurde sodann auf den Deckstuhl nicdergesetzt, und es seufzte die Schere, da mau die reiche Fülle des dunklen Lockenhaares von dem blühenden Haupte entfernte. Auf dem Deckstuhl saß die Braut — ein Opferlamm, denn nicht mir dem Geliebten ihrer Seele sollte sie bereinigt werden. Am Morgen nach jener Nacht, da wir sie am Krankenlager der langen Jit'tel gefunden, hatte ihr Bärl Lederer seinen Entschluss mitgcthcilt und — war bei ihr ans keinerlei Art von Widerstand gestoßen. Was lag ihr auch daraus wem sie die Hand reichen sollte? Wenn sie nun einmal nicht ledig bleiben konnte, so war es ihr gleichgiltig, ob es der oder jener war, da der eine, dem allein ihr Herz in flammender Liebe entgegenpochte, einer anderen cmgehortel Morsche Bernstein war der glückliche Unglückliche, dem der reiche Schatz zufiel, dies war des Vaters Wunsch, und Nösele zeigte sich als folgsames Kind. Nösele saß auf dem Deckstuhl, umgeben von den angesehensten Frauen der Gemeinde. Die Musikanten spielten eine traurige Weise, eine Syuagogcu-Melodie, welche, wie sie ertönte, alle Augen feucht machte. Nösele rannen die Thränen in Hellen Strgmen herunter. Der Schalksnarr begann zu reimen und mischte in seiner Manier Trauriges und Lustiges ineinander: Her »sich au, was ich Dir Ivill singen. Meine liebe, gute Kalle. Wer Dich als Weib in sein Haus thut bringen Dem ist ein gutes Goiret') gefalle Die schönen schwarzen Locken. Die fallen traurig herunter Von et»' „Zworechdelkel" ein guter Brocken Beim Frühstück macht wieder munter. Reb Bar Lederer ist ein „Oischer"') Und hat ein Gewölb von Leder. Moische Bernstein ein Mann von „Joischer"") DaS weiß ja auch ein jeder. Hör nur auf, mein Kind, zu weinen llnd trockne Deine Thrären. Die Sonne des Glücks wird scheinen, Dein Masel wird „Mee schonim'") währen. Gleich wird der „Ocoiv" hereinkounueu. Du brauchst nicht zn erschrecken, Mit ein' golden Tuch wird er der frommen Jungfrau den Kopf bedecken. Nun kam der Rabbiner, begleitet von den „Niachetonim" (Verschwägerten) und vielen anderen „Balbatim" (Familienvätern). Wieder begannen die Schoßberger Spielleute eine unendlich wehmüthige alte Weise, während der Rabbiner mit einem aus Goldborten gestickten Tuche, woran vorne ein langer Spitzen- Sehleier hernnterhieng, das seines natürlichen Schmuckes beraubte jungfräuliche Haupt des Mädchens bedeckte. Nachdem diese Ceremonie vollendet war, begaben sich mit Ausnahme des Brautpaares alle anderen zum Frühstück: die Branlleute müssen fasten, denn der Hochzeitstag ist ihr Versöhmmgstag. Nösele konnte unter ,dem bergenden Schleier unbemerkt weinen. Der „Choßen" (Bräutigam) umwandelte sie in immer engeren Kreisen. Gerne hätte er ihr sein Glück durch ein Wort zn erkennen gegeben; aber sie kam ichm nicht entgegen und er wagte es nicht, den feierlichen Ernst der Stunde zu zerstöre», weil er feinsinnig genug war, zu empfinden, wie leicht er ihr dadurch missfallen könnte. (Fortsetzung folgt.) ') Los. ’) Reicher Mann. *) Rechtschaffener Mann. *) Hundert Jahre.

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