Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 14 (4.4.1902)
- Date
- 1902-04-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. April 1902 Seite 5 ignoriert wurde, so dass beide Herren ohne sieh dabei freundschaftlich die Hände zn reichen, sinnend und nachdenlich das Classenzimmer oerliehen und mit bedenklich langen Gesichtern einsam und allein ihren HeinNveg antraten. (Mnyrisch-jiidischer Waisenhilfsverein.) Die diesjährige Generaloersainnilnng dieses Vereins fand Sonntag den 10. d. iW. unter Vorsitz des Vicepräsidenten kais. Nathcs Mandl statt. Der iliechenschafts- und Thütigkeitsbericht des Vorstandes für das abgelanfenc Jahr beklagt die geringe Theilnayme der Glanb'/^sgenosscn an die Wirksamkeit dieses überaus segensreichen Hmnanitätsliereines, die sich in der niedrigen Ziffer der Jahresbeiträge per 2119 Kr. und der int Vergleiche mit anderen WohlthätigkcitSOercinen gleichfalls nnbedcntenden Z,iffer der Spenden und Legate per 7<U. Kl ansdrückt. Man sollte erioarten, ein Verein» der seine menschenfreniidliche Thätigkeit auf ein ganzes Kronland erstreckt, der arme, verlassene Waisen Oor Noth und Elend schützt und sie den Quellen der sittlich-religiösen Erziehung und bürgerlichen AnSliildung znführt, müsse ohne den Aufwand änherlicher Mittel mcd ohne große Anstrengung durch die blohe Thatsache seines Bestandes und seiner Wirksamkeit so viel kverbende Kraft besitzen, NIN zahlreiche Mitglieder und namhafte Jahresbeträge heranznziehen und so die sich als nnznlänglich heransstcllenden eigenen Mittel des Vereines wesentlich zu Oermehren. So ansehnlich diese besonders seit dem großen Legate des seligen Baron Moriz 0. Hirsch-Gerenth sind, so reichen sie dennoch lange nicht hin, um den Oon Jahr zu Jahr steigenden Ansprüchen der Unterstütznngsioerber gerecht zu lverden. Der Vorstand wiederholt daher immer wieder seinen dringlichen Appell an die Wohlthäter und Menschenfreunde in Stadt und Land, diesem Vereine beizntreten, seiner in Freud und Leid ztt gedenken und die Verwaltung Oor der peinlichen Lage zn bcloahren, Oerlassene Waisen, die it»t Hilfe bitten, abzuweiscn oder auf einen späteren Zeitpunkt Oertrösten zn müssen. Für die Waisenpflege wurden dcransgabt 24.05,5 K., um 1120 SL mehr als int Vorjahre. In der Obsorge des Vereines standen int Sommercnrse 31 hiesige und 131 auswärtige, int WUntereurse 28 hiesige und 128 auswärtige, zusammen 15,0 Waisen, dancbeit noch 0 atis Stiftttitgen betheilte Kinder. Die Erziehnngsbeiträge betragen in der Regel 100 K'. jährlich, bei mehreren Geschwistern 120 K. Ueberdies erhalten mehrere, bereits ans der Obsorge entlassene oder bisher noch nicht aiifgenominene Waiseit llnterstütznngen Oon ja 80 K. jährlich. Die Waisen stehen auf dem Lande tmter Aufsicht Oon Wäisenbätern, welche die Cnltnsvorstände bestelleit, besucheit sämmtlich die Volks-, Bürger- oder Mittelschulen und werdett weiter unterstützt, wentt sie sich eittem Hattdlvcrk widmeit, bezw. die Mädchen, wentt sie eilte 'Fertigkeit erlernen, so dass die Ilnterstütznngsdaner imntcr koeiter über das 14. Lebeitsjahr hinausrückt. Der Bericht schließt mit warmeit Dattkeswortett für alle Gönner des Vereines. Nach Geuehmignng des Berichtes trug Cassier Leopold Löw Beer den oon den NeOisoren geprüften Rechnuttgsabschlnss Oor, der gleichfalls eiitstimmig genehmigt wurde, ebenso den Voranschlag für das Jahr 1902, der die Einnahmen und Ausgaben des Vereines auf 24 000 Kr. beranschlagt. Die ansscheideitdeit Vorstandsmitglieder Leopold Beer und Sal. Pcrlhefter und die NeOisoren Jgttaz Schulz und Gustav Tandler wtlrden eiitskimmig wiedcrgewählt. Auf Antrag der Herren Bmicr und Perlhefter wird beschlossen, an den mährischjüdischen Landesmassafoitds mit der Bitte heranzutreten, die dem 'Vereine gewährte jährliche SnbOentioit ttamhaft zu erhöhen. Endlich beantragte Herr Snbak, den langjährigen Ehrensecretär des Vereines Herrn Oppenheim itt Anerkennung seiner Verdienste um den Verein zum Ehrenmitglicde ztt crneitnen, was mit dem Beisätze beschlossen wurde, dass diese Ernennung ttach der bezüglichen Ergänzung des Statutes, welches bisher Ehrenmitglieder nicht kennt, iits Lcbeit treten soll. Für den letzteren Fall behält sich Herr Snbak vor; auch die hohen Verdienste der Herren Löw Beer und Mandl tim den Verein durch Verleihung der Ehrenmitgliedschaft ehren zu wollen, was mit Zustimmtmg und Beifall anfgenommen wird. Akademische Verbindnng „Hasmonaea", Czernowitz. Die für das 22. (Sommer-)Semester 1902 Oorgeitommeite Chargenwahl hatte folgendes Ergebnis: cand. jnr. Philipp Sommer X (Senior), sttid. jttr. Daoid Lille X X (Paukwart), sttld. jnr. Salonton K a s s it e r x X X (Schriftleiter). Anstand. Statistisches. Ans Berlin wird gemeldet : Itt einer sogenannten criminalstatistischen „Beobachtung", die die „Kretlz-Zeitring" auf Grund der neuestett reichsstatistischen Veröffentlichung für 1899 Vernrtheilten weist 272 047 evangelische, 195 245 katholische Christen auf, denen der hohe Perccntsatz Oon 4428 Juden gegenübersteht." Ganz abgesehen davon, dass die absolute Zahl eben kein Percentsatz ist, wird für die Behauptnitg, dass der Antheil der Judeit rclatib hoch sei, auch nicht die Spur eines Beweises erbracht. Schon dieser Mangel macht die Behauptung Oerdächtig. Wie aber liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit? Soweit für die Confessionsgliederung im ganzen Reiche Angaben des Kaiserlich Statistischen Amtes Oorliegeit —, und dies ist für die Volkszählung van 1890 her Fall — sind Oon je 100 OOOPersoneu: evangelisch 62 771, katholisch 35,759, jüdisch 1149; der Rest Oon 0 321 entfällt auf sonstige Christen tmd Personen anderer und unbekannter Religion. Berechnet mau hierttach die ConfessionsOertheiluug für das Volkszählnngsergebnis des Jahres 1900, welches au das in Rede stehende Jahr der Criininalstatistik tntmittelbar anschließt, tmd reduciert mau weiter auf die Ergebnisse dieser Rechnung die Zahleit der vernrtheilten Evangelischen, Katholiken und Juden, so erhält man folgende Ziffern: Der Antheil der Verurtheiltcit beträgt bei den Evangelischen 0,77, bei beit Katholiken 0,97, bei den Juden 0,68, bei der Gesammtbevolkerung 0,85 Percent. Der Antheil der Judeit ist demnach erheblich geringer als im großen Durchschnitt der Bevölkerung, noch kleiiter gegenüber den Katholiken und erreicht atlch nicht einmal vollständig den Antheil der Evangelischen. Auf beu geringen Unterschied gegenüber bett letzteren braucht keinerlei Gewicht gelegt zn lverden, da er leicht auf Abweichungen der Rubriziernng der „sonstigen" Christen bei der Bearbeituttg der Volkszählung und der Criminalität beruhen könnte. Dagegen tritt der Unterschied zugunsten der Inden im übrigen umsomehr hervor. Wie man angesichts dieses Sachverhaltes Oon dem hohen Percentsatz der vernrtheilten Inden sprechen kann, bleibt das Geheimnis eines Blattes, desseit Frömmigkeit ihm die haltlosesten Verdächtigungen gestattet, wenn sie nur Wasser'für die antisemitischen Mühlen abgeben. Ein warnendes Beispiel. Ans Berlin wird gemeldet: Die ,,Staatsb.-Ztg." bringt (5. 3.) folgende Briefkasten-Notiz: „An unsere Herreit Berichterstatter, die es augeht. — Es ist in letzter Zeit bisweilett vorgekommen, dass wir atif Grund leichtfertiger k^icl^erstattckrgezwungen waren, Berichtigungett zu bringen. Wir müssen dringend bitten, bei Abfassung von Berichten streng gewissenhaft zu Werke zu gehen und sich dabei nicht von einem blinden Jndenhasse bestimmett zn lassen. Es ist eine gute deutsche Tugend, streng bei der Wahrheit zn bleiben. Diese darf auch unseren Gegnern gegenüber nicht anßeracht gelassen werden." — Wenn das antisemitische Blatt seine Mitarbeiter ermahnt, streng gewissenhaft zn sein, sollte es vor allen Dingen mit gutem Beispiel dorangehen. Das Gegentheil aber ist der Fall. Durch Gewissenlosigkeit und Verlogenheit hat sich die „Staatsb.-Ztg." von jeher ausgezeichnet. So hat sie — mit ein Beispiel ans der jüngsten ßeit heranszngreifen — ihre Nachricht über den Strehlener Ritual- >»ord bis zum heutigen Tage nicht widerrufettl Abraham Salom Friedbern gestorben. Ans Warschau kommt uns die Nachricht zu, dass der bekannte jüdische Dichter A. S. Friedberg daselbst nach längerem Leiden gestorben ist. Friedberg gebürte zu den hebräischen Schriftstellern alter Schule, welche den Glauben nie anfgaben, dass die Inden in Russland und Galizien nur durch die Annahme einer moderiten Bildung, in erster Reihe jedoch durch die Kenntnis ihrer eigenen Geschichte die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem großen Drucke, dem die Inden ansgesetzt l>nd, erlangen können. Er war einer der Begründer der sogenannte'.t z „Haskolat" (Aufklärung) in Russland. Außer seinen zahlreichen ' Originalarbeiten in den verschiedensten Zeitschriften, so auch int i „Jüdischen Volksblatt", ist ihm die erste hebräische llebersctznng der Grätz'sthen „Geschichte der Inden", welche zuerst im Journal „Ben Ammi" von Dr. L. Kantor abgedrnckt wurde, z,l verdanken. Auch die Jargon-Literatur zählte Friedberg zn ihreit eifrigsten Förderern. In der großen Streitfrage, ob die Jargonliteratnr nicht die hebräische Sprache verdräitgen werde, nahm der verstorbene Dichter den Standpunkt ein, dass diese Angst nur bei denjenigen Schriftstellern begründet sei, die „hebräischeit Jargon" schreiben, aber der wirkliche hebräische Schriftsteller werde auch dann geschätzt und gelesen tverden, wenn die Jargonliteratnr eine größere 'Ausbreitung findeil sollte. Anlässlich des Dahinscheidens Friedbergs hat die Warschauer Colonie hebräischer Schriftsteller eine eigene Traueranzeige herallsgegeben, ein Mitglied derselbeit hat auch die Grabrede gehalten. Dr. E. Stilgebancr über das Ghetto in Amsterdam. Auf allen Hansschildertt befindcit sich portugiesische Namen, über vielen Thürcn Inschriften iit hebräischeit Lettern, alle ohne Pnnktationen, lauter Coitsonanten, so dass sie nur Eingeweihte zn entziffern imstande sind. Noch vor zehn Jahren bildeten die Jndeit eilt Zehntel der ganzen Bevölkerung von Amsterdam; wie der Percentsatz sich heute gestaltete, weiß ich nicht genau, indessen will cs fast scheinen, wenn man alle die Straßen durcheilenden Händler betrachtet, als ob er sich eher erhöht als vermindert hätte. In einer finsteren Zeit . . . fanden die ans ihrem Vatcrlande vertriebenen portngicsischelt Inden eine Freistatt in den Niederlaudeil, die auch um ihre tlilabhängigkeit und freie Neligionsübniig zu kämpfeit hatten; auch ans dem düsteren Deutschland jener Tage flüchteten viele nach Amsterdam, dem sie den Namen eines zweiten Jerusalem gegeben hatten I In nenn Synagogen halten sie jetzt ihre Gottesdienste, die größte ist die der portngiesischett Juden, die in Muidersstraat gelegen, von Dorsman im Jahre 1670 erbaut wurde. Man betritt sie durch einett Vorhof, in dem zwei einsame Bäume stehett; ihr Inneres ist ohne Prunk, einfach tmd schlicht, fast nüchtern . . . Am Abeitd, in der Stunde, da der Tag zur Rüste geht, da die Sonne sinkt, wenn die Thüren der Synagogen sich öffnen, vielleicht um besten, wenn Freitags sich die Sabbathruhe auf die sonst so ruhelosen Gassen und Straßen des Amsterdamer Jndciwiertels herniedersenkt, tnag mait den Gang durch das Ghetto antrcten, daitn, wenn das uralte Gesetz vott der Heilighaltnng des Feiertags in feine Rechte tritt, wenn die Stunde kommt, für die das Keiner arbeiten soll, „weder Du, noch Deiit Sohn, noch Deine Tochter, noch Dein Ochse, noch Dein Esel, noch der Fremdling, der in Deinen Thoren ist." Ein Hauch des alten, strengen und patriarchalischett Mosaismns weht an einem solchcit Abettd auch heute noch über das Ghetto von Amsterdam. Wenn in den Zimmern der alten Häuser die sonst nimmer müden Lippen der karrenschicbenden Händler verstummen, wenn die Läden sich schließett und der Besitzer mit seiner Familie sich vor die Thür feines Hauses setzt, wie einst Abraham saß vor seiner Hütte des Abends, als die Männer ans Sodom zum Besuche kamen, vott Vacharach" spielen, lässt, der der Frankfurter Maler Oppen heim die Motive zu seinen schönen Bildern: „Aus dem jüdischen Familienleben" entnahm, die heute ttach dem größten Juden, Yen Frankfurt hervorgebracht, Börtte-Straße heißt, und in der als letzter' Rest nur noch das alte Stammhaus des reichsten Juden, „Röthschild'sche Haus", stehen geblieben ist, ttoch im Gedächtnis weilt, der kann sich auch eilt Bild vott der Joden Brectstraat im Osten der holläitdischen Hauptstadt machen. Hier ist alles ausgedehnter, größer, vielfältiger, als cs einst in Frankfurt war. Auch hier findet man Buchhandlungen, itt denen das alte Testament und der Talmtid verkauft werden; auch hier sind die Magazine mit Trödclwaren ttttö alten Kleidern, Antiquitäten und Gerümpel, wie sie einst in Frankfurt gewesen und wie ich sie so charakteristisch nur noch in der Nähe des Ponte vecchio in Florenz am gelben Arno gesehen habe. Auch hier sind die Fleischerläden mit den drei hebräischen Buchstaben, auch hier die Geflügelhandlungen mit abgehäuteten Hähnen tittdGünseit, deren hochrothes Fleisch so wenig eittladcnd aussieht, umso weniger als man ihm die fette, blanke, Weiße Haut genommen hat. Auch hier hängen die Kleider an den Fettstern, Hosen zu Dutzenden, Röcke, die schon Jahre getragen wurden uitd immer wieder getragen werden sollen. Aber ausgedehnter, größer, vielgestaltiger ist hier das alles, als Wohl itt irgend einer anderen europäischen Stadt. Es ist eine Stadt für sich, ein ganzes Viertel, eine orientalische Colonie mitten int Herzen des germanischen Stammes. Die blonde Holländerin mit den meist ganz slachsgclben Haaren, der vierschrötige Seemann mit dem rothen Gesicht, Mynheer mit dem charakteristisch gcschnittenen Backenbart und die Frauen, die vott draußen in die Stadt kommen, die weißen Häubchen und Kappen aus Goldblech tragen, wie die ritterlichen Herren des Mittelalters, wenn sie zn Pferde stiegen, sie alle sind verschwunden. Pechschwarzes Haar bedeckt hier die Köpfe, dunkle, buschige Brauen wölbett sich über beit schwarzen, von langen Wimpern beschatteten, klugen Augen, blass ist die Gesichtsfarbe, und scharf charakteristisch tritt die Nase hervor. Reiche Leute sicht man hier nicht. Sogar der Mittelstand ist selten. Die meisten lunchen einen armen Eindruck. Lebten doch Tausende in den Gassen von der berühmten Amsterdamer Diamantenschleifcrei, und haben doch diese fast alle ihren kargen Verdienst im Laufe des Winters infolge des südamerikanischen Krieges eingebüßtI Blickt man in eine Seitengasse, dann wird man sich bald wegwendcn. Hier häuft sich der Schmutz, hier nistet das Elend. In dem Hafenviertel Gennas gieng ich einst durch eine solche Gasse, wie es deren viele im Ghetto von Amsterdam gibt. Hier wird alles auf der Straße erledigt. Der gesammte Wüschebestand der Familie flattert, soweit er nicht gerade am Leibe getragen wird, in den Lüfteit, man hängt alles vor die Fenster, dentt man hat eben keinen Platz. Wie der Italiener in den Gassen und Straßen von Rom und Pisa in solchen Vierteln draußen lebend sein karges Mahl für zwei oder drei erbettelte Knpferskücke von einem vorbeifahrenden Karren nimmt, so thut es auch heute der arme Jude itt dem Ghetto von Amsterdam, in das die Reichen die Füße nicht setzen, in den Seitengassen der Joden Breestraat, in denen der Schmutz sich häuft. Ist es dort eine Hmtdvoll Kastanien, eine Orange und eilt Lösfel voll Polenta, so thnn es hier eine Essiggurke, ein Stück hartes, geräuchertes Fleisch, ein Fisch, : eine Zwiebel. Aber ein Ilitterschied scheint mir zu bestehen, zwischen dem Ghetto und jenen Gassen Mittelitaliens, und der scheint mir sehr wesentlich zn sein. Die italienischen Kupferstücke sind meist er- , bettelt, die Cente im Amsterdamer Ghetto sind verdient. Denn zäh und uitermüdlich, erfüllt vom, Handelsgeist und Erwerbssinn j sind hier die Leute; sie geben sich ganz der Arbeit hin, vom frühen ' Morgen bis zum späten Abend laufen sie von einem Ende der; Stadt zum anderen, den Karren vor sich herschiebend und rufen 'und schreien, um ans dem Verkaufe ihrer Waren das erbärmliche Leben des Ghettos gewinnen zu können. Wir verlassen die Seitengassen und biegen wieder in die Joden Breestraat, da stehen wir vor einem Hause, das eine einfache Gedenktafel schmückt. Voll Andacht lesen wir, dass hier der große holländische Maler Rembrandt, hier in dem alten Ghetto 1640—1656 gewohnt hat. Vielleicht brauchte er das Ghetto, er, dem das bunte, vielgestaltige Leben zn einer künstlerischen Offenbarung wurde, dem dieses Anschanen des Lebens so nöthig war. Jaffa. Behufs Vergrößerung der an Landknappheit leidenden Colonie Ekron ist von der Jewish Colonisation Assssociation ein unmittelbar angrenzendes Stück Land im Umfange von 450 Hectar erworben worden, Ivelches unter 15 Colonisten mit der Bedinguitg vergeben werden sollte, dass sie darauf Getreide bauen und nach zwei Jahren auf jede Unterstützung verzichten. Allein die übrigen Colonisten Iveigerten sich, auf diesen Plan einzngehen und beschlossen, beu ttcu angetansten Boden ztt gleichen Theilen unter sich zn vertheilen. In Pethacy-Tikwah wurde das mit Bäumen bepflanzte Land derart unter die Colonisteit vertheilt, dass jeder von ihnen 5 Ha. Weinberge und je 2 Ha. zu Oliven-, Manlbeerbanmnnd Getreide-Anpflattznngen erhält. Durch diese gemischte Wirtschaft hofft matt, die 28 bisher noch der Uitterstütznng bedürftigen Colonisten dauernd unabhängig zn machen. Endlich soll das n'enerworbene ca. 600 Ha. nmfassende Dorf Kefr Saba, das nur schlechten, steinigen Boden hat, an 6 Colonisten vergeben werden, welche 100 Ha. Land, Hans, Stall und 800 Francs bar erhallen, sich aber verpflichten müssen, mindestens 10 Ha. mit Viehfutter (Lnpiiten) zn bestellen, wofür sie int ersten Jahre eine Beihilfe voit je 400 Francs erhalten. Außerdem hat sich die I. C. A. bereit erklärt, jeden der Colonisten mit jährlich 300 Francs solange zu unterstützen, bis seine junge Wirtschaft ihm einen Jahresgewinn von 1000 Francs abwirft. — Die Templer-Gemeinden gehen damit tun, zur Versorgung ihres Nachwuchses neue Colonien anznlegen. Die Jaffaer haben sich in Jehndije bei Lydda engagiert nttb bemühen sich seit Jahren um die Erlangung abschließender Besitztitel, werden aber, trotz anfänglicher kluger Leitung der Geschäfte, von, den eingeborenen Unterhändlern endlos hingezogen, ohite sichere Anssieht auf endlichen Erfolg zn haben. Die Haisaer stehen wegen eines Landstückes bei Nazareth (in der Ebene Jisreel) in Unterhandlung, das sehr fruchtbar, aber, wie jette ganze Gegend, ungesund ist. Man beabsichtigt daher, die Wohngebäude in dem vorhandenen Wald zn errichten, um womöglich vor böseit Fiebern bewahrt zn bleibett. Montreal. Die Volkszählung voit 1001 ergab, dass Kanada tmter insgesantittt 5 371 051 Einwohnern 16 452 Judeit zählt. Da int Jahre 1891 nur 6414 Glaubensgenossen festgestellt wurden, so müssen während des letzten Jahrzehnts mehr wie 10 000 eingcwandert sein. Das ist an sich eine namhafte Vermehrung, welche aber nicht entfernt so groß ist, wie die in den Vereinigten Staaten. Algier. Das antisemitische Hetzblatt ttiedrigster Sorte „L'Atttijuif" hat ttach fünfjährigem Bestehen zn erscheinen aufgchört. Im Vorstände der W i e n e r C u l t u s g e me i n d e entstand vor einigen Wochen eine lebhafte Debatte über jüdischen Neligionsunterricht aus Anlass des Entwurfes eines neuen Zehrplanes für das siebenclassige Mädchengymnasinm. Dieser Eutlvurf wurde trotz der lebhaften Debatte en bloc angenommen. Atir persönlich ist dieser neue Lehrplan der Eultusgcmeinde, lvie auch die verschiedenen anderen Instructionen, die die Cultusgemeinde für den jüdischen Religionsunterricht herausgegeben hat, ziemlich unbekannt. Ich kenne sie nicht, weil sie mich nicht interessieren, und sie interessieren mich nicht, weil ich im vorhinein iveiß, dass wir von diesem Vorstand keine jüdischen Thaten erwarten können, so lange die erbgesessenen patriarchalischen Zustände in demselben vorherrschend bleiben, und wenn ich die Debatte über dein neuen Lehrplan berühre, so geschieht es nur deshalb, weil sie für den Seelenzustand des Vorstandes der Wiener jüdischen Cultusgemeinde sehr bezeichnend sind. Die religiöse Erziehung, oder sagen wir offen, die jüdische Erziehung ist eine tiefe Wunde unserer Cultusgemeinde, eine Wunde, die ihr den Schlaf raubt und ihre süßen Träume stört. Während in den östlichen Gemeinden die jüdische Erziehung in Privathänden liegt, d. h. ein jeder Vater für die jüdische Erziehung seiner Kinder sorgt, liegt in den westlichen Gemeinden, an deren Spitze Wien steht, die jüdische Erziehung in den Händen der Cultusgemeinde. Das jüdische Wesen, die jüdische Seele, das jüdische Denken und Fühlen wird durch die Organe der Cultusgemeinde — Lehrer und Jnstruetoren — anerzogen, einzig in der Leopoldstadt sehen wir, dass einzelne in Bezug auf religiöse Erziehung sich von der Cultusgemeinde nicht bevormunden lassen wollen. Die eingewanderten östlichen Juden haben von der Heimat die Gewohnheit mitgebracht, selbst für. die jüdische Erziehung ihrer Kindeizu sorgen, ober diese Juden sind materiell zu hilflos, um auf diesem Gebiete etwas erreichen zu können, und so sehen wir in Wien die sonderbare Erscheinung, dass gerade die armen Juden, welche im Osten gerne die jüdische Erziehung ihrer Kinder der Cultusgemeinde überlassen, sich in Wien mit allen ihren schwachen Kräften dagegen wehren und selbst die Erziehung in die Hand nehmen, während die besser sitüiertcn Juden, welche sonst für die Erziehung ihrer Kinder selbst thätig sind, die religiöse Erziehung der Cultusgemeinde überlassen, und weiiu einzelne für die religiöse Erziehung selbst sorgen, so besteht diese Sorge darin, dass ihre Kinder „Master" verstehen, was aber darüber hinausgeht, überlassen sie ganz der Cultusgemeinde, welche mit ihren Lehrern und ihren Lehrplänen für die Erziehung sorgen mag. Die Cultusgemeinde ahnt wohl, dass diese Erziehung eine gewaltige Macht in ihren Händen darstellt, aber sie ist dieser großen Aufgabe nicht gewachsen und daher ihr fortwährendes Schwanken und Experimeutieren auf diesem Gebiete, das ihr längst zur Last geworden ist, denn sie hat alles eher aus den ihr anvertrauten Kinder gemacht, nur keine Juden. Ihre Organe und Lehrer wagten nie irgend eine eigene Initiative zu ergreifeii, wie mau von solchen, denen eine so wichtige. Aufgabe übertragen ist, erwarten sollte, sondern gehorchten sklavisch den Winken von oben, und aus dem Benehmen und Gehaben eines jeden kann man herauslesen, dass kein eigener Wille itnD keine eigene lieber» zeugung sie in ihrer Stellung festhält, dass sie es mit ihrer Aufgabe durchaus iiicht ernst nehmen, mag auch ihr Gegenstand zil den obligaten gerechnet lverden. Kein Wunder daher, dass die Resultate einer solchen Lehrthätigkeit so traurig sind. Man hat in letzter Zeit häufig von nationaler Seite auf die Massentaufen als auf ein schreckliches Symptom Hingelviesen, aber außer den Taufen gibt cs noch genug andere Symptome, lixüche als Zeichen der Herz- und kopflosen Erzi'ehilug der jüdischen Cultnsgeineinde gelten können. All die jungen Leute, welche, in ihrer frühesten Jugend schon kalten Herzens auf jüdische Interessen blicken, sind eben ein Product dieserErziehmig, all jene verkrüppeltenSeelem,