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Jüdisches Volksblatt · 1902-04-04 · 14 (4.4.1902) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
14 (4.4.1902)
Date
1902-04-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freilag •Jüdisches Volksblatt 4. April 1902 Nr. 14 Nichtig inir'o lieroorstehoben, dass die jüdische Arbeitermasse eine ganze Spanne Zeit von revolutionären Strvinnnpen unberührt blieb; die Anlehnung des früheren russischen^ Soeialismus an Den. reinen Agrarsocialisinus des russischen Banerntlnnns war unter anderem eine Ursache. dass selbst die ausgesprochenen jüdischen Proletarier sich nur sehr langsam und allmählich der Bewegung anschlossen. Und Ivie wenige richtige Proletarier im strengen Sinne des Wortes gab es bis vor kurzer Zeii in Russland. Das alles bat sich geändert, der russische Oocialisnms ist ein anderer geworben, die grohindustrielle Bewegung hat gerade in den lebten Jahren R'iesenfortschritte gemacht und so kannte sich denn eine richtige Arbeiterpartei entwickeln. Dient falsch ist, wenn versucht wird, auszuführen, dass man. von n a t i o n a l e n beiden der russischen Iudenl nicht sprechen tonne und dürfe. Ebenso falsch i|t es, zu sagen.: „Besiben doch die Inden seit lange her keine nationale Enlinr." Gerade die russischen Inden, die soviel getHan haben für die Nenbelebnng der. hebräischen Sprache, und die in ihrer Iargonliteratnr lebensfähige Keime fiir eine jüdische Bioderne besitzen, gerade diese Juden sind dazu berufen, ganz abgesehen vom religiöser Leben, auch die alte hebräische Eultnr lebendig zu gestalten lind in Harmonie zu bringen mit den modernen C i v i li sa t io n s e len m i ten. _ S o r o w, der Verfasser des Artikels, gibt, selbst zu, „dass es nicht zu. verkennen ist, dass die großen Fortschritte der jüdischen Arbeiterbewegung den: Umstande zu danken sind, dass sie mehr jüdisch wurde. Die jüdische Sprache, als Sprache der Agitation und Propaganda einerseits, und die autonome Stellung des „Bundes" innerhalb der soeialdemokrntischen Partei Russlands ilnd dadurch die nachdrückliche Betonung der Forderung bürgerlicher Gleichberechtigung der Juden andererseits, haben der. Bewegung so viel frische Kraft eingefloßt, dass sie nun weit über den. ursprünglichen Rayon hinausivuchs." Er gibt zu, „dass es dein jüdischen Proletariat um die Forderung der Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung aller Nationen ernster zu thun ist, als dem russischen Proletariat. Einen Kampf für die bürgerliche (Gleichberechtigung der Juden zu führen vennag nur eine sociale jüdische Organisation. Das alles aber von der Gesammtpartei Russlands zu verlangen, ist ja unmöglich. Wenn also das jüdische Proletariat seine bürgerliche Gleichstellung selbst erkämpfen will, so ist das kein Misstrauensvotum gegen! das russische Proletariat, sondern die klare Einsicht in die obwaltenden politischen Zustände^ Und diese Taktik hat sich glänzend bewährt." Sorow ruft bewundernd aus: „Wein: man bedenkt, dass alle Straßenkundgebungen! mit Massenverhaftungen endeten, welche zu den härtesten Strafen führen, dass unter den verhafteten Arbeitern sich nicht ein! einziger findet, welcher an der Sache Berrath übt, dass die classenbelvussten Arbeiter auch nach ihrer Verhaftung iir den Gefängnissen sowie bei der Verbannung es nicht unterlassen, gegen die! bureaukratische Willkür zu protestieren, wenn man noch daj zu in Betracht zieht, dass das alles von einer Masse ans-! geht, die ja noch vor zehn. Jahren als eine der elendesten,! duldsamsten und feigsten Volkswagen galt, dass es diej selben Juden sind, die sich nach vor einem Jahrzehnt nicht j als Bürger des Landes betrachteten und froh waren, wenn j die Regierung sie nicht mit neuen Ansnahmsgeselzen miss-! handelte — so wird man es wohl bewundern dürfen, wie! weit es der Bund mit seiner culturellen Volkserziehnng '• gebracht hat und wird auch der Taktik des Bundes, sowie. seiner autonomen Stellung zustimmen müssen. i Trotz alledem findet Sorotv ein Haar in der Suppe.! Der „Bund" hat nämlich die Eonsegnenzen gezogen und! neben dem socialen auch ein nationales Programm aufge-1 stellt. Er fordert die Gleichberechtigung der jüdischen! Sprache vor dem (Berichte und in einzeltten Venvaltungs-! körpern (wie Fabriksinspectoren). j Auf dem 4. Eongresse (1901) schließlich wurde direct die Autonomie der jüdischen Nation principielt gelas ist zu starker Tabak für einen regelrechten und auf der anderen Seite tücht aufgehen dürfen in eine russische oder polnische Arbeiterpartei, weil sie ihr jüdisches Volksthum andererseits erhalten und erhöhen wollen. Das, ivas die Juden' in civilisierten westlichen Staaten nicht erreichen konnten, die Anerkennung ihrer Nationalität, das haben sie gerade vermöge ihrer stärkeren nationaleit Eultnr hier fast spielend erreicht. Diese Entwicklung der Dinge in Russland gibt, uns einen Fingerzeig, wie wichtig die Organisation des jüdischen Volkes in Oesterreich ist. Denn wenn selbst in dem. ernte constitutionellen Russland rein socialdemokratischen Elementen die. Möglichkeit gegeben ist, sich volklich zu organisieren, um wieviel stärker ist die Möglichkeit in einem Verfassungslande, und nm wieviel erfolgreicher ivürde eine solche Organisation sein, wenn sie auch uichtsocialdenwkratische Elemente umschlösse. Denn wenn es den Marristcn erlaubt ist, den Charakter des Bundes zu national gefärbt zu finden, so ivird es uns gestattet sein, ihn zu lvenig national gefärbt zu finden. So möge auch in den österreichischen Socialdemokraten die reinliche Scheidung erfolgen; die jüdischen Genossen, in -Oesterreich würden uns daun die Arbeit erleichtern; wenigstens das könnten sie für ihr eigenes Volk thun, und die Genossen in Russland geben« ihnen ein leuchtendes Beispiel. Sorow sagt, der Bund habe allzu großen Eifer bewiesen, der österreichischen Socialdemokratie nachzueifern,'und sich ein nationales Programm angeschafft. Wir fordern! die jüdischen Socialdemokraten. Oesterreichs auf, die doch in der Partei die führende Rolle spielen, der nationalen Idee, der sie bei alten Völkern, zum Durchbruche vcrholfen haben, endlich auch bei den! Juden, zu ihrem. Rechte zu verhelfen.! Wir haben unserer Meinung, soweit Nur nicht mitdeni. Verfasser übercinstimmen, offen Ausdruck gegeben.! Umso lieber wollen wir der Anregung gedenken, die er! zum. Schlüsse des Artikels uns schenkt, nämlich des Ge-! dankens eines allgemeinen jüdischen Arbeitersecretariates, | das den Arbeiterzufluss und den Arbeitsnachweis für die j auswandernden Arbeitermassen aus Russland, Rumänien; und Galizien regeln sollte, zumal dieser Gedanke nur eine •' Conseguenz des Punktes 5 des Programmes der Jüdischen i Volkspartci in Oesterreich ist. l Kleine Chronik. Arier. Und doch hätte eine ruhige Ueberlegung Sorotv. dazu führen müssen, dass dem jüdischen Proletariat in dern i Conflicte zwischen der „Polnischen socialistischeu Partei",! welche die. Wiederherstellung des polnischen Staates anj ürebt, und daher erklärt, keine politischen Forderungen am die russische Regierung stellen zu wollen. und der „Socialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands", die diesen Fielen; kühl bis ans Herz hinan gegenübersteht, kein anderer Aus-, weg übrig blieb, als eine selbständige nationale Organi-' sation. Sorow sagt selbst, „es wäre eine Heuchelei seitens des polnischen Juden, wenn er sich fiir die nationale Sache; Polens begeistert hätte". Darüber aber, „ob der Judeimstande ist, ein nationales Dasein zu führen, wenn ihm' auch die äußere Möglichkeit dazu, geboten ist", lasse Sorow; gefälligst die Inden selbst entscheiden, und vor allem es' auf eine entscheidende Probe ankommen. Ter Aufsatz führt zum Schlüsse nach Folgendes aus: „GegenwmUg ist der allgemeine Charakter des Bundes etwas nationalistisch gefärbt. Jedoch vermag diese schwache Färbung, die übrigens bei den großen Fortschritten der jüdischen Arbeiterbewegung und der unerträglichen Lage der Inden in Russland vollkommen begreiflich ist, keineswegs das ElassenbeNmsstsein des jüdischen Proletariats zu trüben." Wir glauben schon, dass den Marinsten der nationale Charakter des Bundes nicht ganz in den Kram passt. Aber die gesunden Jnstincte der Volksmassen ki'nnmern sich nicht immer um die Wünsche der Theoretiker. Juden in .Russland, das jüdische Proletariat in Litthauen und Polen haben eingesehen, dass sie ein doppelte s Interesse besiben; dass sie auf dew einen Seite ihr Ivirtschaftliches Interesse zu vertheidigen haben, Inland. j Jüdischer Lolksvcrein für den 8. und 9. Bezirk. Herr pljtf.1 Dr. P. H. Chajes hielt vor einem zahlreichen Anditorin'.n im gcitannten Vereine einen Vortrag-über „Altjüdischc Namen". Der Vortragende vereinigt ein seltenes umfassendes Wissen mit einer liebenswürdigen Vortragsweise, die die Früchte seines Fleißes gerne dem Publicum übermittelt. Dr. Chajcs führte ans, ivie nach dem Sturze Napoleons überall die Neaction sich breit machte, und auch in Preußen als Ausdruck des Mnckerthums den Inden berboten wurde, deutsche Namen zu führen. Znnz bestritt den Deutschen die moralische Berechtigung zu dieser Verfügung und gerieth dadurch ln eine literarische Fehde mit .Paul de Lagarde, der ihm vorwars, er führe den Namen Leopold mit Unrecht, er heiße eigentlich Jom Tauw. Er vergaß aber dabei, dass er, der Teutonc, eigentlich Bötticher heiße, und diesen Namen mit dem schöner klingenden französischen de Lagarde pertauscht hatte. Der Vortragende geht nun auf sein eigentliches Thema über. Die alten Inden nannten ihre Kinder mit Namen, die irgend eine Beziehung mit dem GotteSnamen hatten: damit stellten sie das Kind in den Schutz Gottes; zweitens benannten sie dieselben nach Festen, drittens mit Ausdrücken, die eine Beziehung zum Könige hatten, also Geschenk des Königs, Diener des Königs. Sie hatten aber auch den auffallenden Brauch, nach Götzen die Kinder zu benennen, z. V. Mordechai stammt ab von dem Götzen Mardnk, dem Lieblingsgotte Nebukadnezars, Esther von Astarte; denselben Ursprung haben die Namen Nebo Tbaime. Ebenso auffallend ist cs, dass manche Inden sich entblödctcn. den Namen Titus zu geben. Für hellenistischen Zeit plünderten die Inden den ganzen Oltimp und die griechische Heroenwelt. Heute sei cs iviedcr Sitte, nrarische Namen den jüdischen Kindern zu geben. Er hoffe aber, schließt der Vortragende unter großem Beifall satirisch seinen Vortrag, dass die Juden schließlich zu bcu altbibliscbcn Namen zurückkehren tverdcn, denn die. arischen seien bei den Ehristen durch die Inden ganz in Misscredit gekommen, er erinnere nur an den Namen Ignaz; die Arier würden daher die biblischen nehmen, ivie. es die Engländer, Amerikaner und. Holländer schon heute thun. Dann aber würden sich die Inden infolge. ihres Nachahmungstriebes auf ihre — nationalen Namen stürzen.; Traurig, aber wahr. j Das anonyme Judenthnm. Mannigfaches Kopfschntteln cr- 1 regte in allen selbstbewussten Kreisen eine der vorwöchentlichen Nummern der „N. F. Pr." — allerdings nicht znm erstenmal. Da ivar ein Aufsatz über die erste Tovnbeehalle in Wien, die in ziemlich schwülstiger Weise von „Paupers" in der Brigittenau erzählt, denen „vaterländische" Künstler Vorspielen und porsingen; wer ivürde cS , ahnen, dass unter dieser Verkleidung die j ü d i s ch e Tohnbeehalle . besprochen ivird, in der zur Unterhaltung jüdischer Proletarier! j ü d i sch e Künstler anftreten. Ja, dieses Spiel ist charakteristisch; für den Geist dieses. Blattes, das allgemein als Bibel der. jüdischen! Bourgeoisie gilt. Die „N. F. P." findet es reactionär, vielleicht sogar taetlos, von Inden und jüdischen Instituten zu sprechen; sorgsam ivird ein Schleier über alles Jüdische geivorfen; die „Chewra Kadischa" erscheint als „Verein für fromme und ivohlthätige Werke", bei den unterschiedlichen Franenivohlthätigkeitsvereinen wird das „israelitisch" im Namen sorgfältig ansgemerzt. Diese Unsitte trägt ihre bösen Früchte. Jahrlang iverden diese nnjüdischen „Beschneidniigen" geübt, bis schließlich die bcrehrten Vereinsfnnctionäre, die ihre „Bildung" ans den Spalten des Weltblattes sangen, selbst diese Titel als etwas Anstößiges betrachten. Das perschämte „israelitisch" ivird immer mehr abgekürzt, schließlich erscheinen nur einige räthsclhafte Hicroglhphen, Ivie „isr." oder „is.", „i." im Namen dieser löblichen Vereine, bis endlich diese eonfcssionelke Bezeichnung ganz berschivindet. Wenn diese braven Mtlsikantcn unter sich sind, so antivortcn sie ans diesbezügliche Interpellationen, „man iveiß ja eh, dass wir mosaisch sind, ivozu noch böses Blut machen . . . und mit ähnliche» tiefsinnigen Sentenzen. O, über diese Armen im Geiste, die nicht begreifen, dass ein Arier für solche Knechtesscelen nichts als Verachtung übrig haben kann. Aber diese ehrenwerten Herren lügen oft, denn sie sind nicht einmal mehr ganz „mosaisch". Wir fragen: Hat ein Mann das Recht, im Vorstände eines jüdischen Vereines zu sitzen, lvenn ein Sohn »ach dem anderen kraft des „israelitischen" Geistes, den cr im Elternhanse athmet, sich taufen lässt? Und solche Mnstcrisraeliten laufen in Wien zu Dutzenden herum! Wir rufen diesen Herren zu: Ihr möget sonst so ehrenwert sein, Ivie Ihr wollt; Ihr habt aber das Recht verwirkt, an der Spitze jüdischer Vereine zu stehen. Univillkürlich müssen wir in den Ton der liberalen Presse berfallen, — so nngerne wir eS thun —, die stets die Probinz gegen Wien ausspielt. Lasen wir doch jüngst den Bericht über eine Versammlung des FrancwvvhlthätigkeitsvereineS in O l m ii tz. Dort stellte ein Ivnckercr Jude den Antrag, dass der Verein den Namen „jüdisch" in seinen Titel anfnehmen solle, den er bisher nicht führte, und dieser Antrag wurde mit Arclaination angenommen. Fürwahr, der Wiener Boden ist sehr steinig und stellenweise auch sninpfig; es bedarf eines Herkules, nm dicsep Augiasstall zu reinigen. Todesfall. Der einzige Sohn des Pred. Grün, ein bielbersprechendcr Jüngling, ist im 22. Lebensjahre gestorben. Das Begräbnis fand am 1. April unter znhlreicher Antheilnahme statt. Wien. (Todesfall.) Nach kurzer Krankheit ist am 10. p. M. der BibliothekS-Verivcser der hiesigen isr.-theol. Lehranstalt, Herr Jacob Lemberger, gestorben. Ans der Pressbnrger Jeschiiva hervorgegangen und ans einer bekannten Pressbnrger Gelehrtenfamilie stammend, ivar er ans talinndiscyem Gebiete sehr bewandert. Sein biederes Wesen und seine besonderen Charaktereigenschaften haben ihm die Anerkeiiiinng all derer gesichert, die ihm im Dienste und im privaten Leben nähe standen. Dies kain auch bei dem am 21. v. Nt. stattgefnndenen Lcichenbegäiignissc des Verblichenen zum Ausdrucke, an ivelchein der Rector Dr. Schivarz, alle Professoren des Seininars, dessen Hörer, soivie der Sceretür desselben, Ortsschulrath Fuchs theilnahmen und bei welchem Rabbiner Dr. Srhiniedl, der Rector und ein Hörer der Lehranstalt, Dr. Margulies, dem Verstorbenen ehrende Nachnlfc hielten. Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Die gastlichen Räume des Jüdischen Volksvercines öffneten oberivähntem Vereine am 30. März ihre Pforten zu cinern Vortrage des Herm M. A. Mirst über „Samson Wcrthcimer und die österreichischen Inden". Der Vortragende schilderte in treffender Weise die gewaltige Gestalt Samson Wrrtheimers, der ebenso bedciitcnd als Landesrabbiner lute als Ober-Hof- und Kriegs-Factor war. Wertheimers Verdienste um Kaiser und Reich fanden lvicderholt Anerkennung und gaben ihm bei Hofe eine einflussreiche Stellung, die er stets znm Besten seiner unterdrückten Glaubensgenossen, nie znm eigenen Vvrtheil benützte. Die damalige Lage der Juden beschrieb Redner in prägnanter Weise und fand der äußerst gelungene Vortrag bei der sehr zahlreichen Zuhörerschaft wärmsten Beifall. Jubiläum des Llcssprimer isr. Fraucuvereins. Der Vessprimer isr. Franenverein, der seit fünfzig Jahren eine segensreiche Thätigkcit entfaltet, bcgieng heute das Jubiläum seines halbhuntertjährigcn Bestandes. Nach einem Paslm und einem Dankgebct, das Pom Obcreantor Moser unter Begleitung des Tempelchors vorgetragcn ivürde, hielt der Ofener Obcrrabbiner Dr. Arnold Kiss die Festpredigt. Der Ortsschulrnth. Ans Jakobcny wird geschriebeir: Wie uns von gut unterrichteter Seite mitgethcilt wird, hat sich nachfolgende Begebenheit hierorts zngetragen: An der dortigen Schule sind die Schüler der mosaischen Confession ziemlich stark vertreten und wurde über Einschreiten des Bezirksrabbiners Dr. Frankel demselb?» seitens des Landesschnlrathes die Bewilligung erthcilt, diesen Schülern den Reliaionsnntcrricht crtheilen zu köitnen. Nachdem der genannte Rabbiner sich bei dem dortigen Schulleiter gemeldet und nm die Zuweisung der Neligionsstundcn angesucht, soll derselbe den Schulleiter noch gefragt haben, ob er sich cnkch dem Herrn Ortsschulrathsvorsitzcndcu borznstellen habe, worauf dem Herrn Rabbiner bedeutet wurde, dass nach dem vorliegenden Decret dies nicht nothwendig sei. Herr Rabbiner Fränkel kam sodann allwöchentlich nach Jakobcny und erthciktc ungestört den Religionsunterricht und machte derselbe nur dann und wann die Wahrnehmung, dass hie und da ein schivarzes Vvllbartgcsieht an der Glastyürc der betreffenden Religionselasse sichtbar wurde, welches aber nach kurzem Augenblicke vom Erdboden verschwunden zu sein schien, Ivahrschcinlich mit der im Nibelungenliede so berühmt gewordenen „Tarnkappe" nnsichtbar gemacht wurde. Dem armen Herrn Rabbiner wurde es ordentlich gruselig znmuthe rmd konnte sich derselbe diese mysteriöse Jnspection absolut nicht recht erklären, bis er schließlich von dieser Erscheinung keine Notiz mehr nahm. Groß ivar aber die Ileberraschnng und die Vcrblüffniig, als eines schönen Tages, im Wonnemonat des Jahres 1901, diese Geistererschcinnng abermals vor der bekannten Glasthüre des Classenznnmcrs erschien, dieselbe mit Ungestüm anfriss und mit den Worten: „Wer sind Sie und was wollen Sie hier" in die Classe stürzte. Rabbiner Fränkel soll beinahe in Ohnmacht gefallen sein, da er der festen Meinung war, es wit einem vom bösen Geiste Besessenen zn thun zu haben. Als der Herr Rabbiner sich kaum von seinem Schrecken erholt haben soll, glaubte die fragwürdige Gelstererscheinung es sich nicht nehmen lassen zn können, seine fast einem Lölvcngebrüll gleichkvinmende Stimme nochmals zu erheben und die kategorische Frage zn stellen: „Ich frage Sic nochmals, Iver Sie sind und was Sie hier ivollen?" Es war wirklich ein Glück, dass die anlvcsendcn Schüler einen Augenblick vorher die Classe verlassen hatten, denn sonst wären sicherlich, vor Angst lind Furcht, einige derselben erkrankt. Als nun Herr Rabbiner Fränkel endlich zur Besinnung kam und auch einsah, in diesem Falle seinen Mann stellen Antwort sollte auch nicht lange dem Herrn Rabbiner vorenthalten werden, denn mit grollender Donnerstimme und mächtiger Betonung der Morte die Antwort: „Ich bin der Ortschnlrathl Wissen Sie nicht, dass Sie mich jeden Tag in der Apotheke finden können, wo Sic sich mir, dem Ortsschntrathe, vorznstellen haben?" Offenbar meinte der OrtSschulraky, dass durch diese sonderbare, einzig in ihrer Art dastehende Vorstellung seiner Würde der arme Herr Rabbiner sofort flehentlich um Vergebung seines Vergehens bitten werde. Doch der Ortsschnlrath sollte sich leider in seinem so sicheren Triinnphe sehr arg geiänscht sehen, denn der Rabbiner schien die mit Eelat hcrvorgernfene Vorstellung sonderbarerweise gänzlich überhört, oder gar vollkommen ignoriert zu haben, da der Religionslehrer so ganz nnbermittclt und mit einer gewissen Gleichgiltigkeit die Bemerkung machte: „Ja, Herr Doctotz, was soll ich denn in Ihrer Apotheke machen — ich bin ja nicht krank und brauche daher keine Mediein' Dass Sic, Herr Doctor, mich Ortsschnlrath sind, ist ja recht schön und kann mir auch ganz gkeichgiltig sein — deswegen sehe ich aber noch immer nicht ein, dass ich verpflichtet werden kann, mich bei dem Ortsschulrathe zn melden oder aber borzustellen. Bitte, Herr Doetor, ich habe noch ausdrücklich den Schulleiter gefragt, ob ich nnch noch anderweitig porznstellen hätte, tvoranf mir bedetltet Ivürde, dass das nach meinem Decrete nicht verlangt werde . . . ." „Wie, dieser Kerl hat es gelvagt. Ihnen ansznsagcn? Ich tverde ihm schon zeigen, dass cr mich zu respectieren bat!!" Nach dieser Katastrophe einer wirklich sonderbaren Ausdrnckslveisc soll der Herr Ortsschnlrath endlich etwas zn Vernunft gekommen sein und sich ein wenig besonnen haben, dass er doch eine That begangen, die eines gebildeten Mannes nicht würdig war. Dies cinsehend, gieng derHerrDoctor auf den Rabbiner zn, indem er diese seine etlvas mehr als eigenthümliche Vorstellung wieder dadurch gut machen tvolltc, dass er nochmals den Herrn Rabbiner sich mit den Wiorten vorstellte: „Ich bin der Dr. N. und zugleich Ortsschulrathsborsitzender," welche neuerliche Vorstellung aber ganz und gar vom Herrn Rabbiner abermals

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