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Jüdisches Volksblatt · 1902-03-28 · 13 (28.3.1902) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
13 (28.3.1902)
Date
1902-03-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches VolksblaU 38. März l!i()2 Nr. 13 Bodens, als and), infolfle Do* sleliyeu Bevölkeruiuzszu- Wachses und der höher lverdenden Fähigkeit der brenschen z,ur besseren Rusuiißuug der von der R'atur sieqebtnen Kräfte. Diese Umstände bedingen ein dauerndes Steigen der Grundrente, des ohne Arbeit des Besitzers ans dein b'lrnndeigenthnin erlangten Eigenthnins. Je kostbarer der Grund und Boden in seiner llnvennehrbarkeit wird, desto größer können die Kapitale beraulvachseu, die direct oder indireet ans dein Grund und Boden sichergebracht werden. Mit der ^ngänglichinachnng des Erdbodens und der Raturkräfte an die Allgemeinheit ist den Großeapitalisteu der Weg zur Anlegung und Sicherung des falschen Kapitals abgeschnitten. Der Staat braucht keine verziusticheu Schulden mehr zu contrahieren, da er Einnahmen genug atls der Eirundrente hat. Das Eapital lvürde nicht mehr auf Grund und Boden geliefert werden fötmm, es müsste andere Anlagen suchen gehen; es müsste sich geradezu anbieten; das Angebot tvürde die Nachfrage übersteigen. Der Zins würde verschwinden, Zins tvürde das Eapital nur trageil, wenn jemanD Eapital uäyine, um damit Productionswerkzeuge zum Zwecke der Arbeit zu schaffen. Das Bodennwnopot erscheint den Bodeirreformern als die „Basis des Eapitalsmonopols". Das Eapital bedingt die [yüu'ni der Production, nicht aber die Production selbst. Wenn der Zugang zum Boden den arbeitenden Massen offen stünde, so würden sie nicht nur un-ter allen Umständen Arbeit finden, sondern aud) einen Theil von deren Früchten zeitweilig aufspeichern, für Produetionsmittel Umtauschen und dadurch selbst zu Eapitalbesitzern werden fönnen! Ueberaus fesselnd führt Henry George, der Schöpfer der Bodeitreformbetvegnng, in seinen zwei Vorlesungen; „Mooses, Tein Neid) komme", aus, dass bereits vor .8000 Jahren die mosaische Gesetzgebung als ihr Ziel nicht den Schuß des Eigenthums, sondern den Schutz der Menschlichkeit betrachtete. „Moses sah, dass die wirkliche Ursache der- Knechtung der Massen in Aegypten dieselbe war, welche Sklaverei überall erzeugt hat, dass eine Classe alles Land besaß, auf und von welchem das ganze Volk leben musste. Er sah, dass auf dem Grund und Boden dasselbe unbedingte Eigenthmnsrecht zu gewähren, welches das Natnrrccht von den durch Arbeit hervorgebrachten Dingen zugesteht, nichts anderes bedeutet, als das Volk in ganz Arme und ganz Reiche zu fdjcibeu, die Arbeit zu unterjochen und die Wenigen zu Herren der Vielen zu machen." (Schluss folgt.) Rumänische Zustände. (Orig.-Corr. des „Jüd. Volksbl.") Bukarest, Ende März. Es gährt unter den Juden des ganzen Landes; sie halten in ihren Synagogen, den einzigen Orten, wo sie sich etwas freier und unbeobachteter fühlen, Versammlung auf Versammlung. Auf allen Gesichtern malt sich die Frage: Was thun? Denn die große Mehrheit ist vor die Wahl gestellt, entweder auszuwandern oder zu verhungern. Am entschlossensten sind die Handwerker, die nach dem Gesetze Missis auch die nächsten sind, die an die Reihe kommen. Die Maler, Tischler, Maurer und Schmiede in Bukarest, Jassy, Galaß und Bottuschani thun sich in Associationen zusammen; sie hoffen zuversichtlich auf die Hilfe der „Alliance" in Wien und der „Jca". Dienstag abends den 18. fand in Bukarest eine große Versammlung von 200 Handwerkern statt, die im Vertrauen auf die Hilfe dieser Gesellsd)aften beschlossen, nach Pcszach ausznwandorn; ihr Ziel ist New-Uork twd Ganaba. Der Correspondent hatte auch Gelegenheit, die Absid)ten der R e g i e r u n g zu erfahren. Tie Regierung ist n i d) t gegen die organisierte Answandernngsbewegung, da ihr geheimes Ziel ist, die Inden des Landes allmählich hinanszudrängen; die Vertrauensmänner der Alliance sind daher bei ihr accreditiert. Sie fürchtet indessen die planlose Massenemigration, und zwar, wie sie sagt, deshalb, weil dann die voraussichtlichc-n Rückwanderer von keinem Lande ausgenommen würden und Rumänien zur Last fielen; dies ist aber nicht der wahre Grund. Denn menschliche Gefühle sind der regierenden. Elique gegenüber Juden unbekannt. Sie fürchtet nur Folgendes: Die systematische voit der Alliance geleitete Emigration, geht langsam, klang- und lautlos vonstatten. Europa merkt fast nicht, dass keine Woche vergeht, ohne dass solche Trupps unglücklicher ^uben von Rumänien nach Wien und von Wien nach Rotterdam oder Hamburg gehen. Die Massenemigration tvürde aber die Augen Europas auf sich ziehen. Die Oeffentlichkeit würde Zeuge sein, dass eine allerchristlichste Regierung täglich und stündlich die unerhörtesten Gewaltthaten und Schandthaten verübt; Riunänien fürchtet das Gewissen Europas, lvie der Dieb den Richter. Die Negierung hat daher strenge Ordre ergehen lassen, dass nur kleine, streng organisierte Gruppen von der Alliaiwe befördert werden; Masienemigrationen sollen nicht geduldet tverden. Aber vielleicht täuscht sich diese barmherzige Regierung; sie hat es mit Leuten zu thun, die nichts mehr zu verlieren haben und die sich von dieser Räuberbande nicht itvch die Form ihrer Entrüstung vorschreiben lassen tverden. Personal- und Vereinsnachrichten. Die Wohlthntigkeits-Akademie dcS israelitischen FreitischvercineS in Bieliß, welche bei sehr starkem Besuche am Samstag-Abend im Adlersaale stattgefunden hat, nahm einen für die Theilnehmer sehr angenehmen Verlauf und schloss nach einer flotten, bis in die frühen Morgenstunden des Sonntags währenden Tanzunterhaltung mit einem durchaus zufriedenstellenden Ergebnisse für die Vereinscasse. Die Vorstandsherren, insbesondere die Herren Dr. Reich und Dr. Stekel, machten in liebenswürdiger Weise die Honneurs. Die Musik wurde von der «stadlkavelle, unter der Leitung des Herrn Theodor Vogl, besorgt, welcher die orchestrale Begleitung alter Musilvortrnge eiustudiert hatte unt> die Ausführung mit anerkennenswerter Energie leitete. 'Anspruch auf besondere Anerkennung hatten sich dicrch den Karteuvcrtrieb (80v Stück'Absatz im Vorverkaufe!) die Damen Meta Körbel, Fani L a w n e r, Wally Reumann, Nina O rn stein, Hedlvtg P o I a t s ch e k, Bertha Stekel, Schanze r, Clara B a b a d nnd Jenny Frenndli ch, um die Ausstattung des Buffets die Damen Josefine Bachrach, Henriette H e ch t und Anralic und Meta S ch nt e t t e r l i n g erworben. Der beste Dank für alle bei der Veranstaltung milwirkenden Darneu und Herren aber wird in dem Gefühle liegen, eine gute Sache nachhaltig gefördert zu haben. Zehnjähriges Vereins-Jubiläum. Der Verein „Ferienheim", welcher zu de» segensreichsten Institutionell gehört,' die der jüdische Wohlthätigleitssimi geschaffen, versendet soeben den Bericht übedas abgelausene zehnte Vereinsjahr. Wie bekannt, stellt sich dieser Verein die Aufgabe, arme, tränte Kinder in Heilbäder, Enrorte unb Fcriencolonicn zu entsende». Welch edle, bedeutsame Aufgabe für die heraiiivachseilde Generation dies ist, bedarf ivohl keiiler Erläuterung. Wir ersehet! aus dein Jahresberichte, dass der Verein „Ferienheim" im Jahre ldvck seine Thätigkeit mit der Entsendung von!L Kindern begonnen und im Jahre fünf bereits f> ((> Schützlinge in seinen Colonicii untergebracht hatte. Jnsgesammt fanden iil deit ersten zehn Jahren :Ur>7 Kinder in die Evlonieu des „Ferienheini" Aufnahme, nnd mehr als 200 (H)ü Kr. wurden für den edlen Zweck verausgabt. Leider sinder diese Hnmanitäts-Jnstitution noch nicht allseits jene Würdigung, die ihrer eminenten Bedeutung entspricht, Zu unserem Bedauern ersehen tvir ans der statistischen Darstellung über die zehnjährige Vereinsthätigkeit, dass infolge "der verminderten Einnahme,, int letzten Veremsjahre ein ziemlich bedeutendes Gebarungsdefieit für das Jahr 1901 resultiert. Die Ansprüche, die an den Verein gestellt werden, sind mit Rücksicht auf die immer größer werdende Noth unter unseren Glaubensgenossen alljährlich höhere. Viele hundert Kinder, die des Landaufenthaltes dringend bedürftig wären, müssen zurückgewiescn werden, iveil die Mittel des Vereines ilicht nur eine Erhöhung der Iaht seiner Schützlinge unmöglich machen, sondern geradezu eine Verininderung derselben erfordern. Wir wollen der Erwartung Ausdruck geben, dass unsere Glaubensgeuosscu eine» Verein mit solch edlen Tendenzen nicht in seinem Wirten zurückgehen lassen und dass die Besitzende, gerne ihr Scherflein für die armen kranken Schützlinge des „Ferienheim" beitragen lvcrdeu. Der in jeder Beziehung interessante Bericht des „Ferienheim" schließt mit einem Appell, dem wir ui,aus vollem Herzen anschließen. Es heisst: Fördern Sie unsere Ferieneolvnien, Sie werden das Bewusstsein haben, erfolgreich einem schönen und großen Ziele entgegcnzuarbciten, zum Wähle des Heranwachsenden Geschlechtes und unseres Vaterlandes. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard K» l f c. (Fortsetzung.) Rösele blickte ihn bei diesen Worten groß und fragend an, und r fühlte, dass er sich noch etwas näher auseinanderzusetzen habe, pr fuhr fort: „Ich bin Gottlob kein Unwissender und Hab mich in meiner Jugend redlich gemüht; aber alles, was ich gelernt habe, war derart, dass eö mir nicht das Aug' aufgemacht hat, um in das Leben hiiieinschauen zu können. Wenn der Row am „Schabbes Hagodel" (c-abbath vor Ostern) oder „Schabbes Tschuwe" (Büßsabbath, der Sabbath vor dem Vcrsöhnungstage) in Schul eine wohle „EhariseS-Drosche" (scharfsinnige Erklärung) gehalten hat, und ich in der ausgegebenen „Sugzeh" (Inhalt) ganz wohl „bokeh" (bewandert) gewesen bin, so dass ich Hab' können mit ihm „mesalpcl" sein (disputieren), so hat mir das alleweil sehr viel Vergnügen gemacht, und ich muss gestehen, dass es mir auch jetzt noch angenehm ist; aber es ist über mich eine Zeit gekommen, wo ich einseyen gelernt Hab', dass es auf der Welt und im Leben der Menschen Dinge gibt, die uns biel mehr augehen, als die Fragen, um welche es jich bei diesem „Pilpel" (Disput) gehandelt hat. Diese Aufklärung ist mir pou meinem ehemaligen Schüler und jetzigen Freunde Felix geworden. Ich bin jetzt sein „Talmid" (Schüler), und ihm habe ich zu danken, dass ich jetzt bei der Betrachtung der Welt und der Menschen, ihrer Gesinnungen und ihrer Handlungen eine gewisse innere Erhebung empfinde, die ich früher niemals e,npfunden Hab'. Er ist es auch, pon dem ich eS auch gelernt habe, dass ein jeder Mensch so handeln muss, tvie er handelt, dass seine Handlungsweise eine Nothwendigkeii ist, eine Folge seines ganzen früheren Lebens, und dass man nicht streng sein soll in der Benrrheilung, sondern milde, tveil eigentlich gar niemand für sich selbst gut stehen kann. Das ist z. B. der Unterschied zwischen seiner Handlungsweise und der der anderen Leute. Er thnt, ivas er für recht hält nnd sie thun. was sie für recht hatten. Welcher wirklich das Rechte thnt, das tan» der Mensch nicht einmal wissen; aber er geht seinen Weg für sich und drängt seine Meinungen reinem anderen auf; die anderen aber wollen ihn beständig umkneteu, wie ivenn er ein Stück „Barchcteig" (Teig für weißes Brot) lväre! Und dass sie dieses nicht imstande sind, weil die Gedanken eines Menschen sich aus der Seele nicht wie ein leichtes Federt hinauSblasen lassen, ärgern sic sich, tvie wenn ihnen ein Schiff lväre zugrunde gegangen, und sind wüthend über ihn.^ Mann nennt das fanatisch — nnd ich mein, sie wären imstande „^cheinjisehmerene" (Gott soll bewahren), ihn in einem Löffel Wässer zu pergifte», und sehen Sie ihn an, lvie er als Arzt weit mehr thnt, als er verpflichtet wäre, er opfert sich für jeden Patienten auf, es mag sein, wer es will. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, dass Reb Schaume nnd Reb Srohl, meine ehemalige „Tnlmidiin" lSchüler), das so gut eingesehen haben, nnd jettzt seine besten Freunde sind." Rösele hörte diese Auseinandersetzung des Lehrers mit der gemischten Empfindung höchster Entzückung nnd tiefster Traurigkeit an. Jedes Wort, das sich ans Felix bezog, hatte sie mit Wonne in die innerste Seele eingesogen, in jedem Worte, das der Lehrer pon ihm sprach, genau das Bild wiedererkannt, lvie sie selbst es sich von ihm entworfen; aber so oft der Lehrer die Leute nannte, fühlte sie die Spitze eines Dolches nach ihrem Herzen fahren, denn alle Leute concentricrten sich für sie in das eine Wort: Vater — nnd es war ihr das schmerzlichste Gefühl, dass gerade ihr eigener Vater es sein musste, der dem Geliebte» ihres Herzens in so unbarinherzig schroffer Weise gegenüberstand. Als der Lehrer pon dein Fanatismus sprach, und sagte, die Leute lväre» imstande, ihn in eineilt Lössel Wasser zu pergiften, da überlief es sie kalt nnd schaurig mtd sie hatte eine Empfindung, als ol> die eiltsetzenerregende Möglichkeit sich bereits verwirklicht hätte. So etivas, tvie: Mein Vater der Mörder meines Geliebten ~~ fuhr ihr durch den Kopf und sie betrachtete den eben eintreteliden Doctor, welcher das Zlviegcspräch durch seine Dnzlvischenklinft abgeschnitten, mit jenem Erstaunen, als ol> er bereits tobt gewesen lind mm wieder anferstandcn lväre. Zn ihrem Glücke beschäftigte sich der Eintreteude vor alleni mit dein Knaben, der spielend ans der Erde saß, denn hiedurch konnte sie der freien Betrachtung Raum geben, aber sie schlug verschämt den Blick zu Boden, so lvie der Doctor auf sie zuschritt nnd ihr zmn Gruße unbefangen die Hand reichte. Rösele be.riihrje die dargebotene Hand nnd fühlte das lvarine Leben des Mannes durch alle ihre Pulse fliegen. „Biel zu thun heutet" fragte Reb Sawel. „Passiert," ertviderte der Doctor, „die Anzahl meiner Kranken hat sich um eins vermindert und um eins vermehrt. lauft schon heute aus der Gasse herum und tami sich, wenn er Lust hat, lvicder auf heiligem Holz hutschen." Hat er diese Bemerkung hinzugefügt, lveil er Bärl Lederers Tochter anwesend sicht? - fragte sich Rösele innerlich und machle sich mit ihrer Schürze zu schaffen. „Und lver ist hinzugckvmmen?" fragte Reb Saivel. „Ein komischer Patient," ertviderte lächelnd der Doctor. Kann mail über einen Kranken lachen? Kann nau einen Leidenden spasshaft finden? fragte sich Rösele lviedcr, und es sprach innerlich in ihr weiter: Sonderbar, ich hätte ihn einer solchen. .Härte nicht für fähig gehalten. „Wer ist der komische Patient?" fragte Reb Sctlx’f. „Die lange Jittel," antlvortete der Arzt. „Und lvorii, besteht das Komische?" lvagte enduch Rösele zu frage», lvelche bisher sich schweigend verhalte» hatte. „Das Komische besieht darin," eutgeguete der Arz, „dass sie ihr ganzes Leben laug auf die Aerzte schimpft nud jetzt mich kaum pou ihrem Bette lasse» Ivollte. Als ich in die Fremde zvg, gab sie mir auf de» Weg gute Lehren mit, hauptsächlich, mich ircht zu verkühlen, denn die Doetorcu versteh'» eine „Kränk" (nihts). Ich habe mich oft daran erinnert während meiner Studienjahre, denn i» Wahrheit ist es das Höchste, lvas ein Arzt verstehen Nun, wenn er wirklich eine „Kränk" (Krankheit) versteht." „Ist sie gefährlich?" fragte Rösele, die es immer nicht begreifen tonnte, tvie man über ein Menschenleben scherzen föntuv und sie versöhnte sich innerlich mit dem Doctor erst, lmcljbcm sie erfahren hatte, dass durchaus keine Gefahr vorhanden sc:. „Sie ist aber doch zu Bett?" rfagte Rösele weiter, „nnd hat sie auch eine Abwartnng?" „Es ist für das Nöthige gesorgt," beruhigte der Doetor, „doch lvenu Sie in dieser Beziehung etivas thun wollen, so lvird es gewiss nicht überflüssig sein." „Dann gehe ich gleich hinüber," sagte Rösele uni lvollte sich entfernen, den Zlvcck, um dessenttvillen sie hierhergekcminen war, ganz außer Augen lassend. „Sv zu eilen brauchen Sie nicht," sagte jetzt lvicder der Doctor, indem er sie sanft zurückhielt. — „Wir haben ohnehin miteinander noch niemals gesprochen, und ich müsste mich irren, ivenn wir zlvei »ns nicht manches zu sagen hätten." Diese Anffordenmg, zu bleiben, lvar mehr als iü'nng. Jegt oder nie! — sprach es innerlich im Herezn des lieberden Weibes. Rasch fasste sich Rösele und lvendcte sich an den Lehrer: „Darf ich Sie, ttieb Sawel. um eine Gefälligkeit bitten?" „Und lver lvird Ihnen eine solche verweigern?" ertviderte artig der Lehrer. „Dann thun Sie eine „Mizlvah" (Gebet) und sind die lange Jittel zugleich „mclvaker choile" (besuchen einen Kranken). Seien Sie so gut und sagen Sie ihr, ich lverde sogleich hinüberkommen, und sie soll sich nicht sorgen, sie lvird haben, lvas sie braucht, imb lvas der Herr Doctor ordiniert." Nachdem Reb Salvel sich entfernt hatte, trat Näsele an den Doctor näher heran, nnd flüsterte, obwohl sie mit ihm allein im Zimmer war, fast uiivernehmlich: „Was haben Sic mir zu sagen?" Der Doctor besann sich eine Weile, sah sie treuherzig an nnd sprach: „Ich habe Feinde hier in meiner Vaterstadt." „Alles Große nnd Edle wird angefeindct," ertviderte das Mädchen. „Ihr Vater ist auch nicht mein Freund!" fuhr der Doctor fort. „Das ist mein herbster Schmerz ans Erdeir," sagte das Mädchen. „Es ist mein Trost, dass Sie nicht mit cinstimmen gegen mich." „Wie könnt' ich das?" „Sic haben niir sehr viel Güte bewiesen." „Die Sie auch verdienen." „Wir sollten einander näher kennen lernen." „Kennen lernen?" fragte Rösele, „ich kenne Sic, kennen Sic. mich nicht?" „Ich meine," erklärte der Doctor, „lvir sollten uns fester aneinanderschließen." „Das wäre mein höchstes Glück," jauchzte das Mädchen auf, nnd warf sich mit dem Aufschrei: „Felix, auf diesen Augenblick habe ich lange gewartet!" dem erstaunten Manne an die Brust. Er hielt daS lvarme Leben des liebenden Mädchens in seinen Armen, ihre Brust tvogte in beschleunigter Bewegung seinem Busen entgegen, ihr duftiger'Athem vermischte sich mit dem scinigen, da sic ihre rosigen Lippen auf seinen Mund presste. ES war ein Lftiss, der erste und der letzte, Geburt und Grab ihrer Liebe, denn sie fühlte, dass derselbe rinerwidert blieb. Sie hatte sich in der Auflvalluug des Herzens pou ihrer Leidenschaft hinreißen lassen, sic, erwachte auS ihrer Betäubung voir^der Kälte, lvomit ihrer'warmen Liebe, begegnet ward. Voll von ^-chain nnd Rene stürzte sie ans, dem Zimmer niid verließ den einzigen Mann ans Erden, der sie schlvach gesehen und sie mit ihrer Liebe abgewiesen hatte. Am Abend desselben Tages saß sie am Krankenbett der langen Jittel und hielt ein Papier in der Hand, lvelches der Diener des Doctors soeben für sic hierher gebracht hatte. Sie las: An Röschen I Wenn ich daS bin, lvofür Sie mich halten, dalin tvissen Sie auch, dass Sie leinen Grund habe», an eine Stunde mit Rerie Anrnckzndenken, die mir Ihre Gefühle für mich verratheu hat; ttub ivenn Sie das sind, lvofür ich Sie halte, dann tverden Sie mir gegenüber Ihre völlige Unbesaugenheit lvicder erringen. Es wäre mir schmerzlich, in Ihnen die Freundin zu verlieren, auf die ich fürs ganze Leben zu rechnen lvagte, iveil Sie in mir den Geliebten nicht gefunden haben. Sollte ich mich täuschen, so müsste ich bedauern, dass die Natur einen solchen Geist, lvie den Ihrigen, gerade in die Form eines Weibes gegossen und nicht lieber einen Mann gebildet Hai. Aber nein! Ich täusche mich ilicht. Sie können nicht anfhören meine Freundin zu sein, so lvie ich nicht anfhören kann, Ihr Freund zu sein. Ich fühle, dass ich Ihnen eine Rechenschaft schuldig bin, und Sie sollen sie auch haben. Vertrauen Sie mir jetzt fraglos, einst sollen Sie hell in mein Inneres sehen. Es nehmen darinnen wenig Aken scheu auf Erden einen solchen Platz ein, lvie Sie. Ans unbefangenes Wiedersehen. Felix Frank. ES ist hart, mit seiner Liebe abgelvicscu iverden — sagte sich Rösele, nachdem sie bcu Inhalt des Briefes keimen gelernt hatte - jetzt erst bin ich fähig, Gnmpels Seelenznstnnd zu begreifen, nach dem ich in eine ganz ähnliche Lage gebracht worden bin. Der Mensch versteht doch eigentlich nur so biel von der Welt, als er selbst erfahren hat. ES ist klar, er liebt eine andere. Hätte Gnmpel Kraft besessen zu entsagen! Ach ich verstehe lvohl, lvaS Felix von mir fordert, ich habe dasselbe eigentlich von Gnmpel verlangt, er aber begriff mich nicht. Nu», ich lverde ih,n zeigen, dass ich ihn verstanden, dass er sich in mir nicht getällscht habe. Ich habe kein Recht ans ein Herz, das einer anderen gehört. Aber lver ist sie, die (Glückliche, die Benc'idenswerte, die ihn als Gattin durch daS Leben begleiten soll? Ist sie seiner würdig? Liebt sie ihn sv lvnrin, so ivnhr, lvie ich? Wer sie auch sein möge, sie wird das Weih deS MalmeS lverde», den ich anbete, und ich lverde ihr eine aufrichtige Freundin sei»? Auch neidlos? — Ja, >leidlos. Du sollst sehen, Felix, dass ich zll entsagen weiß, und nicht bednuerlt müssen, dass die Äkatur aus mir ein Weib gemacht hat. (Fortsetzung folgt.)

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