Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 12 (21.3.1902)
- Date
- 1902-03-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. März 1902 Nr. 12 Büchcr-Einl««». Nehemias und seine socialpolitischen Bestrebungen. Von Dr. S. Gelbbans, Rabbiner und Prediger in Wien, Docent am Wiener Beth-ha midrasch. Wien 1902, Verlag von R. Löwit. In neuerer Zeit hat man in gelehrten Kreisen angefangen, der Geschichte des ziveiten jüdischen Staatswesens, tvo alles noch im Dunkeln liegt, größere Ansmcrksamkcit zuznwcnden. Der emi Wegs die Kenntnis der historischen Details, die eben dadurch crjchlvert lvird, dass die Duellen ans jener Zeit so spärlich fließen. Av und zu hört man tvvhl ein Rieseln, ein leises Rauschen, aber man weiß nicht, von wannen es kommt; man sieht das Walten großer Ereignisse, ohne ihre Entwicklung nach rückwärts verfolgen zu können, denn die Wege von den Ereignissen bis zu den ersten Ursachen nach rückwärts sind verwischt, nur ab und zu lassen verblassende Markierungen spärliche Spuren crratheu. Noch viele Räthsel gibt es in dieser Zeit zu lösen, noch viele Fragen zu beantworten, um den Schlüssel für das wichtige Verständnis der späteren geschichtlichen Entwicklung zu gewinnen. Und dabei handelt cs sich nicht um einen größeren oder kleineren Abriss, um den historischen Ueberblick über j ein Zeitalter, dessen Bewegungen nach und nach spurlos im Sande verliefen und nichts zuriickließen als die bloße, in die Nebel der! Vergangenheit sich zurckverlierendc Erinnerung. Die Erinnerung ' ist noch lebendig, sie zieht ihre Nahrung mich aus der Gegenwart, die den Nachwirkungen jener Zeit noch nicht entrückt ist. Scheint i doch die jüdische Geschichte dem Gesetze der continuierlichen Entwick-, Iitnrj zu widersprechen. Neben langen historisch indifferenten Epochen gibt es da periodisch wiederkehrende Zeitläufte, in denen das nationale und culturelle Leben des Judcnthums eine ungeahnte Steigerung und Entfaltung erhält. Und eben in diese drangvollen, aber histo-; risch dunklen Epochen Licht zu bringen, muss jedem ehrlichen For- ‘ scher als ein großes Verdienst angerechnet iverden. Nun, es tagt auch in btcfen Regionen. Die Fachgelehrten haben in richtiger Erkenntnis der fundamentalen Wichtigkeit dieser Zeit auch nachzu-! graben begonnen, um Licht, mehr Licht zu gewinnen. Man lveiß, \ dass das jüdische Staatswescn nach der Rückkehr der Exulanten aus Babhlon von den beiden Männern Esra und Nehemia begründet wurde und dass es ihr Gepräge bis zu seinem Untergange trug. Diese beiden Männer wurden bei ihrer Rückkehr nach Judäa mit weitgehenden Vollmachten uud Briefen ausgestattet, also bedeutsamen historischen Documente», zumal als anderweitige gar sehr fehlen. Die neueste Kritik nun hat damit angcfangen, auch diesen wenigen Doeumemcn die Echtheit abzusprcchen. Auch auf diesem Gebiete war es die holländische Schule, die dariir am weitesten gieng. Wir erinnern uns, dass auch in der neutestamcntlichen Forschung eine Gruppe scharfsinniger holländischer Gelehrten es war, welche, was bis zu dieser Zeit noch von keiner Seite gewagt worden war, selbst an die Paulinischen Briefe schonungslos die Axt anlegten und dieselben nnter Beibringung eines überzeugenden Beweismateriales für unecht erklärten. Auch in diesem Falle waren es, wie gesagt, holländische Gelehrte, welche in der Beurtheilnng des Wertes der in aramäischer Sprache auf uns gekommenen Briefe und Urkunden Esras und Nehemias zu den negativsten Resultaten gelangten. So erklärt Kosters in seinem 1893 erschienenen Werke „Hed herstel van Israel" die ganze Geschichte der Einwanderung der Juden aus Babhlon, wie sie geschildert wird, als eine Erfindung. Die Documente im Buche Esra seien falsche Zeugnisse, die handelnden Personen hätten nicht existiert. Nicht die eingewandecten, sondern die in Palästina zurückgelassenen Juden hätten den Tempel wieder errichtet. Dieser Meinung Kosters pflichteten andere holländische Kritiker bei, sie riefen gerade durch ihre radicale Kritik eine Gegenbewcgung hervor, welche noch lange nachwirken und von segensreichem Einfluss auf die Erforschung des ganzen, früher wenig betreten gewesenen und daher dunkel gebliebenen Gebietes begleitet sein wird. Zu den hervorragendsten Gelehrten, welche gegen Kosters Stellung nahmen, uud viel Licht in die Sache brachten, gehören Wellhausen und Ed. Meyer, der in seinem vorzüglichen ■ Werke „Die Entstehung des Judenthums" (1896) mit schlagenden! Beweisen für die Echtheit der aramäischen Documente eintritt. j Würdig schließt sich diesen Gelehrten Gelbhaus an, ihnen j — und darin besteht das eigentliche Verdienst seiner Schrift — mit i seinen reichen talmudischen Kenntnissen nicht nur entgegen-, sondern! auch zu Hilfe kommend. Was jenen Gelehrten für ihre Beweis- > führung gar sehr abgeht, da ihnen die talmudische Literatur nicht j zugänglich, unser Verfasser besitzt es im reichsten Maße. Man kann sich leicht vorstellen, dass der Talmud da und dort verstreute Reminiscenzen, alte llebcrlieferrmgen, Andeutungen und Winke i über Zeitereignisse aus der in Rede stehenden Epoche bewahrt haben! wird. Und er enthält in Wirklichkeit deren viele; aber man muss j eben den richtigen Blick dafür haben, muss sie aus allen Enden, und Ecken zusammenzulescn wissen, muss — nicht zuletzt —, wenn I man schon Talmudist ist, auch Talmudkenner sein, muss immer die j Zeitgeschichte ins Auge fassen, um die Beziehungen des Talmud zuihr zu verstehen, und schließlich und endlich muss man an ihn mit selbständigem, von der hergebrachten Auslegung unbeeinflusstem Wollen herantreten. Alle diese Erfordernisse besitzt nun unser Verfasser. Allerdings: zu viel Licht blendet, und es will uns bedünken, dass der Verfasser hie und da. dessen mehr als zulässig oder nöthig erscheint, aus der bislang arg vernachlässigten talmudischen Literatur herbeiholt; allein, da wir vermittelst der dunklen Gläser der grauen Theorie die Situation überschauen, erhalten wir das richtige Licht zur Veurtheilung von bisher in den tiefsten Schatten gestellt und daher unserem Verständnis entrückt gewesenen Personen und Sachen. Jetzt erst ist uns beispielsweise die Möglichkeit gegeben, uns eine klare Vorstellung über das Wesen und Dichten Nehemias' zu bilden. Wer, so frugen wir uns lange, ist der Mann? Wer waren seine Ahnen? Wie kam er zu der bevorzugten Stellung, die er am Hose des Großkönigs genoss, und Ivas prädestinierte ihn zu der Mission, die er in seinem Heimntlande ausfühcte und wodurch er seinem Volke den für die Zukunft zu nehmenden Weg vorwichnete? Welches waren die Ziele, die er verfolgte und die eine völlige Umgestaltung der Dinge herbeiführten? Solche und ähnliche Fragen finden in unserer Schrift die annäherndste Lösung. Der Verfasser hat es wahrscheinlich gemacht, dass Nehemia aus königlich David'schem Geschlecht entsprossen, was gar vieles erklärt. Er hat uns aber auch einen tiefen Einblick in die zielbewussten socialen und religiösen Bestrebungen Nehemias ermöglicht. Wir sehen ihn tiefe, in der Folge nicht mehr vcrivischbare Furchen in den Boden Judäas ziehen. Er ist ein strammer Organisator und das Scepter, das er führt, es heißt: Gesetz! Der neue Staat ist auf strengem, alles regelndem, jede Bewegung bestimmendem und beherrschendem Gesetz aufgebant: „Regel wird alles, und alles lvird Wahl und alles Bedeutung". — Allein die schöpferische Kraft, der prophetische Geist, der ideale Schwung, sie gehen unter der Herrschaft des alles nivellierenden, dein Emporlvachsen von Individualitäten ivenig fördersamen Gesetzes unter. Es folgt ein sopherisches Zeitalter, das keine Poesie uud keine Prophetie aufkommen lässt. Und so begeistert auch unser Verfasser von der Person und Persönlichkeit Nehemias, von seinem Wirken unb Schaffen. ist. er muss doch zugegeben, dass eine zeitgenössische prophetische Stimme und sogar eine talmudische Neminiscenz, die er in geistreicher Weise herbeizuziehen versteht, schweren Tadel gegen die überstrengen gesetzlichen Forderungen Nehemias erhoben haben. Wie dem aber auch sei» mag, ivir verdanken viel Einsicht und viel Anregung dieser Schrift des Verfassers, obgleich sie nur erst die Einleitung zu einem Werke ist, welches es unternehmen will, die ganze Epoche zu beleuchten. Hält der Verfasser, tvas die einleitende Schrift verspricht, daun dürfen wir auf die Fortsetzungen gespannt sein; nur möchten tvir recht sehr bitten: reichere Portionen auf einmal! Denn man hat uns lange genug und gar sehr aushungern lassen. Wir lechzen nach Wissen, nach unverfälschter Erkenntnis, derweil allenthalben Talmudschulen, tvie Pilze aus der Erde schießen. Welch' Ironie des Schicksals! Derweil das Gras wächst, verhungert das Pferd. £).— Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) „Reb Bär", sagte der Schadchen, „einen so guten Schidech, wie den Docter, weiß ich nicht mehr." „Thut, was ich Euch gesagt Hab'", entgegnete Neb Bär, „aber rasch. Ich kann nicht glauben, dass das „minhaschomajim"ist/ Der Schadchen entfernte sich, und dachte über den erhaltenen Auftrug nach. IV. Felix und Rösele. Seit Gumpeles Tod war Rösele sehr schweigsam und gieng wenig unter die Leute. Es hatte sich ihrer eine stille Wehmuth bemächtigt, von der sie fortwährend beherrscht wurde. Nicht dass sie den Geliebten verloren, wie die Mädchen in der Gasse meinten, erfüllte sie mit Traurigkeit; denn als ihren Geliebten hat sie den Mann, welcher in Leidenschaft für sie entbrannte, niemals angesehen; auch nicht über den Verlust eines treuen Freundes hatte sie Ursache, betrübt zu sein, denn die Tbat, mit welcher Gumpel seine irdische Laufbahn geschlossen, lieferte ihr den Beweis, dass er sie niemals verstanden und auch gar nicht die Fähigkeit besessen habe, ihr Freund zu sein. Sie beklagte aber tief, ein unseliges Missverständnis, welches den harmlosen, von seiner Leidenschaft getriebenen Menschen so weit gebracht, dass er auf einer, seiner innersten Natur durchaus widerstrebenden Richtung sein Heil zu finden glaubte, und beklagte nicht minder den Zufall, der seinem jungen Leben so rasch ein Ziel gesetzt. Manchmal kam ihr zwar der tröstende Gedanke, es sei besser so, wie es gekommen, und — meinte sie — es sei der Zufall sogar als Glück zu betrachten. Es geschah dies immer, so oft sie sich die Frage vorlegte, was aus Gumpel geworden wäre, wenn jenes glückliche Unglück sich nicht ereignet hätte. Denn sie hatte Sinn zu vergleichen, und wenn sie Gumpels That mit demjenigen verglich, was sie in der Gasse und zuhause über den Doctor hörte, wenn sie die Motive des ersteren, welche sie ganz durchschauen konnte, gegen die Motive des anderen hielt, die sie sich nach ihren Fähigkeiten zurechtlegte, wenn sie vollends die beiden Charaktere und die so weit auseinander liegende Entwicklung verglich, welche jeder von beiden hinter sich hatte, so musste sie sich sagen, Gumpel war in ein Jrrsal hineingerathen, aus dem er gar nicht wieder heraus kommen konnte, und es ist besser für ihn, dass ihn ein plötzlicher Tod über alle Leiden, die ihm auf dem verderblichen Wege bevorstanden, hinausghoben habe. Sie war überzeugt, dass Felix nichts thue, was gegen seine Ueberzeugung sei; sie sagte sich, er sei eines Unrechtes nicht fähig und habe für seine Handlungen sicher seine Gründe. Diesen Glauben, den die Liebe erzeugt, vermochte in ihr niemand zu erschüttern. Dem Gerede in der Gasse und zuhause setzte sie einen unumstößlichen Gleichmuth entgegen. Von Gumpel hingegen wusste sie, dass er die eigene That innerlich selbst verdammt, und dass er sich nur aus Trotz zu derselben entschlossen habe. Denn warum sperrte er sich gerade in Schul ein, wenn er „Tischebow" (Fasttag am neunten Ab) essen wollte? Er wollte Felix überbieten, ohne ihn zu verstehen. War sie auch vernünftig und nüchtern genug, um sich innerlich von Vorwürfen, dass sie schuld an seinem Unglücke sei, freizusprechen, so that es ihr doch weh, dafs sie jedenfalls die unschuldige Ursache seines Unglückes war; deun das konnte sie sich nicht verhehlen, dass sie ihn durch das Wort, womit sie seine Bewerbung zurückgewiesen : „Wenn Du wärst wie er," ohne dass sie es gewollt, und ohne dass sie es vermuthet hätte, in die falsche Bahn gedrängt. Mein Wort, sagte sie, hat er missverstanden und fgieng dahin, wohin er nicht gehen sollte. Von solchen Vorstellungen war Rösele erfüllt, und diese brachten in ihr eine melancholische Stimmung hervor, die sie den Umgang mit Menschen zu meiden veranlasste. Den stillen Wunsch, der neben diesen Vorstellungen in ihrer Seele lag, bewahrte sie als ein Heiligthum, welches sie ängstlich bemüht war, durch keine unzeitige Aeußerung zu entweihen. Wenn sie sich hätte überreden wollen, sie hoffe nicht, so wäre dies allerdings nur eine Ueberredung, eine Selbsttäuschung gewesen, in der That, sie hoffte, und es gab Augenblicke, wo sie dies vor sich selbst einzugestehen ehrlich genug war. Denn warum zog es sie ans Fenster, um dem geliebten Manne, wenn er vorübergieng, die ganze Gasse hinunter nachzublicken, sobald sie sich allein und unbelauscht wusste? Warum flogen ihre Pulse schneller, wenn sie hörte, dass Reb Sawel Kornmehl auf den Doctor nichts kommen lässt und ihn gegen jeden Angriff vertheidigt? Warum freute sie sich so sehr, als sie die Nachricht vernahm, dass Reb Schime Lasunder und Reb Srohl Hühnerberg mit Felix auf einmal ganz besonders gute freunde geworden sind? Warum hörte sie mit innigem Vergnügen, dass Jentel Frank den Wunsch geäußert habe, sie wolle die „Schul" ganz allein aufbauen lassen, und man solle nicht „herumschnorren", um das Geld mühselig zusammenzubringen? Und vor allem anderen, warum dachte sie so oft an ihn, an ihn, den Einzig- Einen, der ihr Gemüth ausfüllte? Weil sie ihn liebte? — Ganz recht: aber wenn sie ihn ohne Hoffnung liebte, musste sie ihre Empfindungen nicht vielmehr zu bekämpfen suchen, anstatt ihnen Raum zu geben? Hätte sie sich es aber auch nicht gestehen wollen, hätte sie versucht, auf alle diese Fragen Antworten zu ersinnen, ihre Hoffnung vor sich selbst zu verbergen, jetzt hätte sie sich doch ertappt; in dem Momente, als Reb Kloinemes ins Zimmer trat, um mit Bärl Lederer zu sprechen, da wurde es ihr klar, was bisher als ein noch unbestimmtes Gefühl in ihrem Busen verschlossen lag. Der Schadchen will mich verschachern. Ich soll einen anderen nehmen! Das war es, was sie sich sagte, als sie in die Küche hinauSschlich, um die beiden Männer, deren Unterredung wir bereits kennen, miteinander allein zu lassen. Sie litt fürchterliche Qualen; denn in dem Augenblicke, wo ihr die Möglichkeit, den geliebten Mann für immer zu verlieren, por die Seele trat, da wurde sie des Gedankens erst recht lebendig inne, dass sie ihn nicht besitze, und erst jetzt wurde es ihr klar, wie schwach berechtigt im Grunde dre Hoffnung sei, der sie sich bisher wie ein Kind hingegeben. Derselbe Augenblick, der ihr das nie ausgesprochene, bisher unbestiminte Gefühl der Hoffnung in voller Deutlichkeit hinstellte, brachte ihr auch mit großer Klarheit zum Bewusstsein, mit welch schwachen Fäden ihre Hoffnung geknüpft sei. Denn wie dürfte sie hoffen? Weil sie lrebte? Gab ihr die Liebe ein Recht dazu? Wusste sie, wie Felix gegen sie gesinnt sei? Hat er ihr jemals auch nur das geringste Zeichen seiner Gunst erwiesen? Dass er sie bei seiner Ankunft aus der Fremde mit einer gewissen Vertraulichkeit a-iredete? War das ein Zeichen von Liebe? Gumpel hatte es allerdings dafür genommen und in seiner Eifersucht den beiden ein innigeres Einverständnis zugemuthet. Wusste sie aber nicht am besten, dass GumpelS Eifersucht eine blinde, und in Bezug auf Felix völlig grundlose war? Wusste sie es nicht am besten, dass Felix ihr für eine Wohlthat aus der längst entschwundenen Kinderzeit nur seinen Dank aussprach? Wie konnte sie hoffen? 'Und vollends die Abneigung ihres Vaters gegen den freidenkenden Mann, der es wagt, sich von Gebräuchen loszusagen, welche für ersteren eine heilige, bindende Kraft haben; Konnte sie hoffen, dass dieser in eine Verbindung mit Felix je seine Einwilligung geben werde? In ihrer Seelenpein behielt sie doch so viel Ueberlegung, um sich zu sagen, dass sie vor allem wissen müsse, wie sie mit Felix stehe. Aber wie sollte sie dies erfahren? Sie sah keinen Ausweg. Die Unterredung zwischen ihrem Vater und Reb Kloinemes dauerte ziemlich lange, und aus diesem Umstande schloss sie, dass die beiden Männer in Bezug auf sie zu einem Resultate gelangen werden, denn, sagte sie sich, wenn der Antrag des Schadchens meinem Vater nicht anständig wäre, so hätte er ihn wohl schon fortgeschickt; sie kannte ja ihren Vater, wie der kurz angebunden war. Dass der theure Mann den Gegenstand der langwierigen Verhandlung ausmachte, konnte sie freilich nicht ahnen; denn wie sollte einem Schadchen dieser Gedanke auch nur einfallen? Der redet ja doch nur Partien; und war sie denn für Felix eine gute Partie? Oder wusste der Schadchen um ihre Liebe? Woher, wer hätte das Geheimnis ihm verrathen? Und wenn er drum wusste, kümmerte er sich auch darum? Was versteht ein Schadchen von der Liebe? Nachdem Neb Kloinemes sich aus der Wohnung Bärl Lederers entfernt hatte, wollte dieser sogleich die Gelegenheit beim Schozife fassen; er rief deshalb nach der Tochter, um ihr kurz und bündig seinen gefassten Entschluss bekannt zu geben, da dieselbe aber auf sein wiederholtes Rufen nicht heremkam, öffnete er die Küchenthüre, um zu sehen, wo Rösele sei; anstatt seiner Tochter trat ihm aber Roth Chanele entgegen, welche von der rückwärtigen Seite ins Haus gekommen war, und fragte den erschrockenen Mann: „Ist Reb Sawel Kornmehl wieder ein Lehrer geworden?" „Bist Du „meschugeh" (wahnsinnig), lass' Dich binden," antwortete Bärl Lederer. Roth Chanele aber sagte weiter: „Ich mein', ob Nösele efscher bei ihm Stunden nimmt, und ob sie auf die „Aelter" (als erwachsenes Mädchen) will arifaugeri, eine gebildete Person zu werden?" „Brech' die Füß' und pack' Dich heraus," ries Bärl Lederer zornig, da er das, was Roth Chanele sprach, nicht verstand nnd für verrücktes Zeug hielt. Sie aber lässt sich durch seine Schmähungen nicht irre machen und fuhr fort : „Nu, wenn Reb Sawel etwas anderes zu thun hat, als Stunden zu nehmen, seid mir's „moichel" (verzeiht), dass ich Euch gefragt habe. Ich Hab' ja nit wissen können, dass Ihr selbst sie zu ihm geschickt habt." Mit diesen Worten entfernte sich Roth Chnanele rasch, noch bevor der erzürnte Bär Zeit gefunden hatte, seinen früheren Schmähungen neue hinzuzufügen. War Roth Chanele wirklich verrückt? Was wollte sie?' Nun, sie hatte sicher zwei Augen im Kopfe, und was sie mit diesen ihren eigenen Augen gesehen, das ließ sie sich nicht ableugnen; sie war nun einmal so, von Augentäuschung war ihr nichts bekannt, sie hatte keine Optik studiert. Sie haue wirklich recht gesehen. Nösele fand keinen anderen Ausweg als diesen. In ihrer Herzensangst, geopfert zu werden, blickte sie sehnsüchtig aus dem Fenster der dunklen Küche zum Himmelsgewölbe empor, kein heiterer Sonnenstrahl schien auf ihr freunoliches Dasein herunter. Erinnerungen aus der Jugendzeit stiegen herauf, schön und lieblich und freudeschaurig, wie Frühlingsahnung. Sie sah, wie Feiix in die Fremde zog und wie er von seiner Mutter und ach — auch von ihr Abschied nahm. Hatte er damals für immer von ihr Abschied genommen? Sollte er jetzt zurückgekehrt, und nur für sie noch weiter als je entfernt sein? Das Gewölk zertheilt sich, die Sonne trat majestätisch hervor und warf goldene-. Strahlen in ihre Dunkelheit. Hatte der Himmel nicht auch einen Strahl jener Sonne zu versenden, die erheiternd eindringt in ein. verdüstertes Gemüth? — „Ja," sagte sie sich, „zu ihm muss ich gehen; er ist sein Freund und ist mein Lehrer gewesen," und mit diesem Entschlüsse in der Seele war sie fortgeeilt, noch ehe die Unterredung der beiden Männer zu Ende war. Als Nösele bei Reb Sawel Kornmehl eintrat, sagte das- Weib des Lehrers: „S'Gottswillkumm, Röseleben," und Reb Sawel sagte als Begrüßung: „Das heißt ein Gast, da muss man schon den Ofen einschlagen. Nun, der Töpfer will auch, leben. Was bringen Sie mir Neues, Fräulen Rösele?" Es lässt sich nicht leugnen, dass diese ganz harmlose Frage, welche hundertmal bei Zusammenkunft zweier Personen von der einen oder anderen aufgeworfen, und die in der Regel als eine ganz müßige Redensart angesehen wird, welcher man selten mit einer wirklich inhaltvollen Antwort entgegnen kann, das Mädchen, an welches sie in diesem Augenblicke gerichtet wurde, in nicht geringe Verlegenheit setzte. Sollte sie die Neuigkeit erzählen? Sollte sie die Ursache, die sie hiehergeführt, gerade hier mittheilen? Als sie sich zu Neb Sawel Kornmehl auf den Weg machte, wurde sie von einer dunklen Macht getrieben, dessen konnte sie jetzt erst inne werden; denn hätte sie mit voller Freiheit gehandelt, so wäre es doch das Aüereinfachste gewesen, sich vor allem die Frage vorzulegen: Was werd' ich antworten, wenn ich um den Zweck meines Besuches gefragt werde? Dass Neb Sawel die Frage an sie richten werde, man brauchte nicht halb so gescheit zu sein, wie Rösele, um das vorauszusehen, und dass sie daraus ganz vergessen, das sah sie erst jetzt. „Es soll sich kein dritter zwischen und stellen", flüsterte es in ihrem Herzen „und wenn ich mit meiner Liebe abgewiesen werde, so ist's genug, wenn ich es weiß." Von dieser Empfindung geleitet war die Antwort, welche sie Rob Sawel Kornmehl auf seine Frage gab. „Man sollte eigentlich im Ernst meinen, es muss sich eine Neuigkeit zugetragen haben, wenn eine undankbare Schülerin plötzlich einmal einen guten Vorsatz fasst, und in der Furch, dass er wieder geh'n könnte, wie er gekommen ist, ihn auch gleich aussührt, obgleich jetzt grad keine Zeit ist, Visiten zu machen." „Um was ist Ihnen gelegen, Fräulein Rösele," sagte Reb Sawel, „Sie brauchen sich auf Erden nicht selbst anzuklagen. Man weiß, wie Sie von die Leut' denken, auch wenn Sie nicht in Besuch kommen. Indessen Hab' ich wirklich ein Vergnügen, dass Sie mir den Kowed (Ehre) anthun. Man sieht doch gleich, wo man seine Mühe und Arbeit angelegt hat und wo nicht. Von allen meinen „Talmidim" (Schüler) und von allen Schülerinnen, die ich in der Khille ausgestellt Hab, ist keiner so dankbar, wie der Doctor und wie Sie." „Ich habe Ihnen bis jetzt von meiner Dankbarkeit noch wenig Beweise gegeben," sagte Nösele ablehnend, „im Gegentheile, Sie hören ja, dass mein Gewissen mich der Undankbarkeit beschuldigt." „Sie haben ja aber auch gehört," wendete der Lehrer wieder ein, dass ich nicht auf die äußeren Handlungen sehe, sondern auf das Innere des Menschen, aus seine Gesinnung, und Ihre Gesinnung gegen mich ist gut, davon bin ich überzeugt." „Fast verdien' ich dieses Zutrauen nicht," sagte Rösele, „indessen hören wir damit auf, uns gegenseitig Complimente zu machen und beantworten Sie mir lieber eine andere Frage." „Worin soll die besteh'»?" fragte der Lehrer überrascht. „Sie haben da etwas gesagt." erwiderte Rösele, „was mir von jeher als sehr richtig vorgekommen ist, und ich muss Ihnen gesteh'n, dass rch mich im Stillen darüber geärgert habe, wie ich als Ihre Schülerin einmal das Entgegengesetzte von Ihnen hören musste. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an die Zeit erinnern, wo die ganze Khille auf war, weil Felix und Gumpel „olewhascholem" (mit ihm sei Friede) den Gallach mu'n Glückl gegrüßt haben. „Ob ich mich erinnere," sagte Reb Sawel und wurde sehr aufmerksam.