Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. Februar 1902 Bordeaux 520, Frankfurt 25.000, Kiew 25.000, Hannover 6000, Bukarest 60.000, Magdeburg 2300, Düsseldorf 6300 Nürnberg 3100, Triest 6100, Saloniki 75.000, Lemberg 40.000, Kr a k a u 28.000, Posen 10.000 Juden. Die stärksten Judengemeinden bestehen somit in Wien, Budapest, Odessa und Warschau, in welchen vier Städten die Zahl der Juden die Ziffer 100.000 übersteigt. Folgen der Jndenexcefse. Infolge der durch die Arbeiterkrawalle im Frühjahre 1900 entstandenen Schäden haben mehrere israelitische Kauflente in Nachoo die Stadt gemeinde auf Zahlung von insgesammt 131.000 Gulden Entschädigung verklagt. Der Process ist schon durch mehrere Instanzen gegangen, so dass inzwischen etwa 20.000 Gulden Gerichtskosten angelaufeu sind. Die Stadtgemeinde hat nunmehr die letzte Instanz angerufen. Leipnik. Wir werden ersucht, zu constatieren, dass die in der letzten Nummer enthaltene, mit K. chiffrierte Notiz nicht von Herrn Dr. Sal. Kulka herrührt. Ans Galizien. ersten Monate des laufenden Jahres wies die Chronik der jüdischen Cultnsgemeinde in Lemberg drei Selbstmordfälle auf, deren jeder infolge der begleitenden Umstände auch auf fernerstehende Personen erschütternd wirkte. Im ersten Falle. war es ein hoffnungsvoller strebsamer Studierender der Technik, der in einen: Stadium der Nervenüberreizung zur tödtlichen Waffe griff. Dann folgen in einen: Zeitintervalle weniger Tage zwei Selbstmorde infolge Verarmung und Roth. Es ist als ein erschreckendes Zeichen der immer größere Kreise ergreifenden 'Verelendung der jüdischen Miassen zu betrachten, wenn Glaubensgenossen— der eine war früher gut situierter Kaufmann, der andere Synagogendiener — zun: äußersten Mittel der Selbstvernichtung greifen. Was mögen die Armen gelitten und gekämpft, wie bitter müssen sie ihr Schicksal empfunden haben I. Es mahnt und drängt uns, neuerdings den schon so'oft laut gewordenen Hilferuf zu erneuern. So lauge eine groß angelegte Nettungs-Action für die galizischen Juden nicht im Gange ist,, muss durch entsprechende Mittel inerhalb der Gemeinden dafür gesorgt werden, dass ähnliche Fälle verschämter Arn:ut rechtzeitig bekannt werden. Unsere armen Brüder werden gelviss leben tvollen, wenn ihnen nur die bescheidenste Hilfe geboten wird. Weniger Arbeit an: grünen Tisch, mehr unmittelbare, rasch gewährte Hilfe. Lieber 100 Unwürdige unterstützt, als ein würdiger Armer übersehen und in den Tod getrieben I Das traurige Ende der zwei genannten Glaubensgenossen svricht machtvoll zn allen jüdischen Herzen, es lässt durch ganz Israel dei: Ruf ergehen: Eine halbe Million jüdischer Proletarier ist im Unterlänge begriffen, wenn nicht schnelle, sehr schnelle Hilfe kommt. Eine Rechtsverletzung. In der Stadt Kolomea geschieht eine gewaltige Rechtsverletzung gegenüber der hiesigen Kaufmannschaft, eine. Gesetzeswidrigkeit sondergleichen. Die hiesigen Volksschullehrer und -Lehrerinnen, denen ihr Lehrergehalt von den öffentlichen Bolksschulclassen nicht ausreicht, suchen nach neuen — für die hiesige Kaufmannschaft aber schädlichen — Erwerbsquellen, die gerade mit der Lehrerwürde nicht übereinstimmen. Der Rädelsführer unter ihnen ist der hiesige Volksschnldirector Piatrowski. Dieser Mann fasste den Gedanken, eine Handlung mit Schreibrequisiten in Kolomea zu gründen unter dem Deckmantel eines .Lehrer-Unterstützungsfonds". Diese Handlung ist eine förmliche Propination, denn sie erwarb sich ein factisches Monopol, indem die Lehrer und Lehrerinnen unter Leitung des Herrn Piatrowski und des Herrn Czechowicz die Schulender zwingen, ihre Schulrequisiten rc. nur in dieser Handlung —- wo die Ware selbstredend, viel,theurer ist — zu kaufen. Wehe dem, der es wagt, dieser Aufforderung zuwiderznhandeln, dass seine in einem anderen Geschäfte gekaufteu Aedern, Hefte rc. zerrissen und eoilsisciett werden, ist selbstverständlich. Die hiesigen steuerzahlenden Bürger fühlten sich verletzt. dass der Staat schon so weit gesunken ist, dass es den besoldeten Lehrer und Lehrerinnen gestattet wird, Marktsitzer zu werden und dadurch auch der Unterricht leidet, denn anstatt zu unterrichten, halten die Lehrer in den Classen Verhandlungen über den Bedarf des Kaufes im Lehrergeschäfte n.rid über die Folgen des Nichtkaufes ab. ferner befassen sie sich mit dem Geldsammeln im vorhinein von ök« Schulkindern zum Ankäufe der Hefte, und die Schule wird zum Marktplätze verwandelt, pw die Lehrer die Atolle der Trödler und die LehrörllitM bee Trödlerinnen Spielen. Um diesem Lehrerscandale ein Ende zu mache«, berief die hiesige Kaufmannschaft im hiesigen RathhauSsaale Line allgemeine Volksversammlung zusammen. Der Saal war überfüllt und mit Begeisterung wurden siinimtliche Redner angehört, die das Vorgehen der hiesigen Lehrer in triftiger Weise brandmarkten. Die Versammlung, die unter Vorsitz des hiesigen Stadtarztes Herrn Doctor Rosen heck und Buchhändlers Michael Z y b o r s ki statt fand, sprach den Lehrer» die vollste Entrüstung aur, gleich zeitig wurden mehrere Resolutionen gefasst, welche den Statthalter und Landesschulrath aufforderten, die sofortige Aufhebung dieses Geschäftes, welches für den Unterricht und für vie hiesige Kaufmannschaft sehr schädigend wirkt, zu veranlaffen, um keine anarchistischen Zustände zu schaffen. Mit einem Al,trage, sämmtliche galizische Abgeordnete zu ersuchen, diese eclatante Rechtsverletzung und für die Kaufmannschaft schädigende beim Reichsrathe zur Sprache zn bringen, welcher Antrag auch einstimmig angenommen wurde, schloss in später Nachtstunde die Versammlung. Der Dank dieser Versammlung gebürt den Rednern Herren Dr. R o s e n h e ck, Oster, Taubes und B a x. Die Entrüstung bei der hiesigen Bevölkerung ist unbeschreibbar, weshalb die hiesige Kaufmannschaft um schleunige Abhilfe ersuchte. kl. II. Krakau. Am 15. d. M. fand hier im Saale der Lesehalle „Gsra" die Eröffnung der jüd. Volksuniversität statt, die Herr Dr. G o l d w a s s e r mit einem Bortrage „Ueber den Gebrauch und Nutzen der Bildung" einleitete. Mit kräftigen Worten schilderte er den Mangel an Bildung in den unteren Ständen der Juden, und bewies inwiefern Intelligenz und Bildung nützlich und uöthig sind, hauptsäcblich den Juden, um die Lösung der Judensrage zu fördern. Die Borträge für den Monat Februar sind folgende: M. Haber „lieber die Schwindsucht", B erk o w i c z „Geschichte der neuesten jüdischen Literatur", Dr. Syrop „Neueste Geschichte der Juden". Am 16. d. M fand ein „Tmolenski-Abend" statt, an dem sich die Herren G o t t l i e b und H e r s ch t e i n (Declaination) und H. B e r k o w i e z (Ueber Smolenski) mit großem Beifall der zahlreich Versammelten betheiligten. Den Abend leitete der Präses des Vereines „Przedswit Herr siud. merl. Hilfstein ein. — Im Vereine „Przedswit" finden wöchentliche Vorlesungen statt, die ein gutes Agitations- Mittel bilden, um die lernende Judend für das Judenthum zu gewinnen: indem sie die Entwickelung des Zionismus (-lull. mall. H i l f st e: n, ntu«1. jur. L a n d a u, clull. phil. Bienensto ck), des Antisemitismus (stuck. jur. Pfand! er), Nationalisrnus (Schächter) behandeln. Die Vorträge wurden von zahlreichen Gästen besucht. M. 13. Ein prämiierter Künstler. Die Jury für das in großem Stile in Budapest anzufertigende Königin Elisabeth- Denkmal hatte beschlossen, drei gleichwertige erste Preise von je 10.000 Kr. zu vertheilen. Dieser Tage hat nun die Jury einen davon dem jüdischen Bildhauer Eduard Telcs zuerkannt. Sieg der ungarischen Volkspartei. Am li. d. M. hat in N y i t r a - Z s ä m b o k r e t die Abgeordnetenwahl stattgesunden. Dieselbe ist bekanntlich dadurch nöthig geworden, dass Stefan Rakovszky, der bei den allgemeinen Wahlen dort und in C s o r n a gewählt wurde, sich für die Beibehaltung des Csornaer Mandates erklärte. Einzelne liberale Wähler wurden in den Gemeinden, durch die sie fahren mussten, angegriffen. In Szvlcsünyka haben zwei Bauern drei Waldhüter des Barons S t u m m e r vom Wagen gerissen und sie blutig geschlagen. Das Resultat der Wahl war, dass der volksparteiliche Dr. FranzM a j o r gegen den liberalen R u d n ya y gewählt wurde. Ausland. .Indischer Bolksverein" in Köln. Der Vorstand des neu gegründeten »Jüdischen V o lks v erei ns" in Köln hat feine erste Sitzung abgehalten. In dieser wurden aus den 15 Mitgliedern des Vorstandes die Herren Albert Simon zum ersten, Isidor Dülken zum zweiten Vorsitzenden, Jakob David zum Rendanten, Rechtsanwalt Albert C a h e n II und Jsaac v a n C l e e f zu Schriftführern gewählt. Die Mitgliederliste des jungen Vereines weist schon eine sehr stattliche Anzahl Namen auf, die durch Neuanmeldungen noch täglich sich vermehren. Der Vorstand bereitet eine in kurzem zu berufende Mitglieder-Versammlung vor zwecks Besprechung von Gemeinde-Angelegenheiten. Die in der jüngsten General-Versammlung genehmigten Statuten sollen gedruckt und den Mitgliedern zugeschickt werden. A«S Baden. In jüngster Zeit wandte sich eine Anzahl Israel. Volksschullehrer, die 10—19 Jahre im badischen Schuldwnste (des badischer: Mutterlandes) nicht etatsmähige Stellungen bekleiden, an Großherzl. Bad. Oberschulrath mit der Bitteum Besserung ihrer ganz prekären Lebensverhältnisse (900 Mark Jahresgehalt), bezw. um Gleichstellung n:it ihren christlichen College::, die mit durchschnittlich 8—10 Dienstjahren in Hauptlehrerstellcn einrückcn. Das in Frage stehende Bittgesuch wurde von Seiten Großh. Bad. Oberschulraths dahin verbeschieden, „dass man die Nachtheile nicht verkenne, welche das fortschreitende Eingehen israelitischer Hauptlehrerstellen in Landgememden infolge Wegzugs der Juden in die Städte für die dermalen in nichtetatsmähiger Stellung verwendeten israelitischen Lehrer im Gefolge haben muss, dass man aber diesem Uebelstande auf dem von den Bittstellern vorgeschlagenen Wege nicht zu begegnen vermöge, da die Verhältnisse immerhin nicht der Art seien, dass sie eine besondere gesetzliche Maßnahme rechtfertigen könnten, außerdem n:it den grundsätzlichen Bestimmungen des E. U. G. in Widerspruch ständen ustm"- Dabei ließen es die betreffenden Herren naturgemäß nicht sein Bewenden haben. Auf dem in jedem geordneter: Staate geltenden Grundsätze „gleiche Pflichten, gleiche Rechte" fußend, wonach den: jüdischen Lehrer das Recht zusteht, vom Staate, in dessen Dienst er eimnal Aufnahme gesunden und dem er e i n oder z w e: Jahrzehnte treu gedient hat, zu verlangen, dass er f«n israelitische. Unterlehrer iw gleicher Weise wie für christliche Ämtsgenossett'Soratrage, haben jene Herren neuerdings ^an die gegenwärtig tagenden badischen Landstände euren -Is'pkü :n vern ober: bezeichncter: Sinne gerichtet. Sollte auch dieser von ihnen nothgedrnngen gethnne Schritt nicht von dem zielbewusst airgestrebter: Erfolge begleitet sein und auch der Großh. Bad. Oberrath der Judei: die ihm anvertrantc Wabrnayrne der Interessen des badischen Jubenthums im vorliegender: Falle verabsäumen, so dass die gegenwärtig rricht etatsmähig angestellten jüdischen Lehrer zeitlebens zu Unterlehrerr: verurtheilt erscheinen, so wird dadurch für das badische Judenthum eine Kalamität von größter Tragweite hermlsbeschworer: werden. Es werden in Hinkunft badische Jude,: sich nie wieder dem "ehrerberufe widmen und der Religionsunterricht, der dem J:wer:- tihutt anerkanntermaßen — zur Zeit mehr Roth thut, denn je, wird, wem: dessen Fortbestand überhaupt noch möglich, :n d:e Hände Unberufener übergehen. Die Frage der Freizügigkeit. In dem Kampfe um die Freizügigkeit haben die russischen Inden eben einen beachtenswerten tzieg erföchten. Die Frage, ob ein Jude, der sich uubefugterweise außerhalb des A n s i e d l u n g s- Nayons aufhält, eine strafbare Handlung begeht, musste vom Senate wiederholt im verneinenden Sinne beantwortet werden, da die Mai-Gesetze. welche den ruffischen Juden den weit größten Theil des Czareureiches verschlossen haben, keine Strafe für den Uebertretungsfall enthalten. Unsere Glaubensgenossen benützten nun diese in dem Gesetze offengelassene Lücke in ausgiebigster Weise, um durch dieselbe in das ihnen verbotene Gebiet zu schlüpfen und Kiew, Petersburg, ja selbst den geheiligten Boden Moskaus zu betreten. Namentlich sind es die Unverheirateten, die, leicht bepackt, um einer etwaigen AuSweisungs-Ordre prompt Folge leisten zu können, den Boden Russlands in polizeiwidriger Weise entweihen. Die arme Polizei ist darüber sehr betrübt und gibt sich die redlichste Mühe, den Schwarm abzuwehren. Sie wies die Zudringlichen prompt aus, verhängte über sie kleine Polizeistrafen und wandte alle ihr zugebvte stehenden Abschreckungsmittel an, um die Juden vom Betreten ruffischen Bodens abzuschrecken. Allein die di§creten Machtbefugnisse der Behörden sind, falls gerade nicht Belagerungszustand herrscht, selbst in Russland ziemlich eng begrenzt, und so suchte die Polizei die Ueberschreitung der Grenzen des Ansiedlungs-Rayons künstlich zu einem strafbaren Verbrechen zu stempeln. Es fanden sich auch gefällige Richter, welche die Juden auf Antrag auswärtiger Polizeibehörden wegen unbefugten Aufenthaltes in ihnen verbotenen Gebieten wirklich mit Geldstrafen belegten. Dieses hat auch vor kurzem eilt Friedensrichter hier in Warschau gethau, der den Juden Krakowski, weil dieser sich ohne polizeiliche Genehmigung einige Tage in Petersburgs Leite 5 'aufgehalten hatte, auf Antrag des Polizei-Präsidenten dieser Stadt zu 50 Rubeln Geldstrafe vernrtheilte. Noch ärger hat es der Friedensrichter von Jampoli getrieben, welcher ans die bloße Anzeige eines bakschischlüsternen Landgendarms hin drei jüdische Familien zn je 15 Rubeln Strafe respcctive je drei Tagen Gefängnis verurtheilt hat, weil sie seit undenklicher Zeit, nach Ansicht des Dennncierenden, unberechtigterweise mit ihren Familien im Dorfe Penkowska wohnten. Der Richter beauftragte in seinem Urtheile ausßerdem noch die Polizei, der er überhaupt nichts zn befehlen hat, dir drei jüdischen Familien sofort nach Ausfertigung des Urtheiles auszuweisen. In beiden Fällen wurde von den Verurtheilten Berufung eingelegt, und es bedeutet einen sehr beachtenswerten Erfolg, wenn schon die nächste Instanz, in diesem Falle das Kreisgericht, beide Urtheile verworfen hat, weil erstens nach wiederholter Senatsentscheidung die Uebertretnng der Mai- Gesetze straflos ist, zweitens die Anfrechterhaltung der Mai- Gesetze eine Angelegenheit der Verwaltung, nicht aber der Gerichte ist, und drittens das russische Strafgesetz keine auf die Uebertretnng der Mai-Gesetze anwendbare Bestimmung enthält. Die Bestimmungen über Bannbruch, auf Grund deren der Vorderrichter die Verurtheilung ausgesprochen hatte, beziehen sich nur auf diejenigen, welche ein Gebiet, aus dem sie einmal schon ausgewiesen wurden, zum zweitenmale betreten. Rumänische Auswanderer. In der: Kohlen- und Eisengruben von Cape-Britor: und Neufundland, welche durch die von der Dominion Steel Company of Kanada errichteten Hochöfen einer: mächtigen Aufschwung genommen haben, arbeiten jetzt gegen gute Bezahlung hunderte vor: rumänischen Auswanderern. Um diese jüdischer: Bergarbeiter gruppierte sich bald eine weitere Anzahl rumänischer Flüchtlinge, welche nur: im naher: Glace Bah eine große jüdische Gemeinde bilden. Dieselbe besitzt in der Person des Herrn I. Jacobsohn cirrer: Rabbiner und ist gegcnlvärtig im Begriff, eine schöne Synagoge zu bauen. Ein Beweis, dass die rumänischen Juden nicht bloß Kaufleute und Händler, allenfalls noch Schneioer und Schuster zu sein verstehen. Militärdienst Aus Petersburg wird geschrieben: Die Einberufung der Claffe 1901 hat, wie jedes Jahr, zu Fällen Veranlassung gegeben, welche zeigen, dass die israelitische Bevölkerung die Blutsteuer in einem über ihre numerische Bedeutung höheren Verhältnisse entrichtet: Zn Elisabethgrad wohnten von 30 Conscribierten 18 seit 16—17 Jahren in Amerika. Um diese zu ersetzen, wurden viele junge Israeliten zum Dienste heran, die nach ihrem numerischen Verhältnisse eigentlich hiervon befreit sein müssen. Zn Warschau, wo ähnliche Thatsachen Vorlagen, ist das jüdische Contingent verhältnismäßig 10 Percent höher als das christliche. In Staraia Siuiava (Gouvernement Podolien) war ein Israelit namens Jankiel Wassermann zweimal in die Listen eingetragen. Da er sich natürlich nur einmal der Revisions-Commission stellte, wurde er beim zweiten Aufruf seines Namens — eine halbe Stunde nach dem ersten Aufruf — als abwesend erklärt und zu einer Strafe von 300 Rubel verurtheilt. Ferner wurde eine Witwe, deren einzige Tochter Alta als Knabe eingetragen war, ebenfalls wegen Desertion ihres Sohnes zur Strafe verurtheilt. Alfred Dreyfus. Ein kleiner, scheinbar unbedeutender Vorgarrg erregte die Aufmerksamkeit der ganzen französischen Presse. Alfred Dreyfus hat die Absicht, sich in Paris niederzulassen. Er findet eine passende Wohnung in einem Hause, das Edmond von Rothschild gehört. Da dieser Herr sich augenblicklich in Australien besirchet, schließt Dreyfus der: Mietsvertrag mit. dem Hausverwalter ab. Bald darauf trifft eine Depesche Edmond von Rothschilds ein, worin er sich energisch weigert, den neuer: Mieter in sein Hans gufknnkhmen. Vergebens versucht der Chef des berühmten Bankhauses ans seinen Bruoer emzüwirken. Edmond vor: Rothschild Will unter keinen Umständen der: Mann in sein Haus einziehen lassen, u:w Dreyfus ist gezwungen, den schon Unterzeichneten Mietsvertrag gurückznziehen. Man kam: sich leicht vorstellen, welchen Eindruck dieses Verhalten ar'.s die ganze Presse machte. Die antisemitische Presse hat diesen Fall in der ihr eigenen Weise ausgenützt. Sie findet diese Gelegeirheit gut genug, uri: den „Vaterlandsperräther" noch tiefer in den Schmutz zu ziehen. Dabei wird auf die bersl . . . Rasse (la race maudite), der dieser „Verräther" anzugehören die große Ehre hat, nicht vergessen. Ur:d auch daz:: hat sich leider für diese Demagogen eine Gelegenheit geboten. Zwei Juden, deren einer sogar als „Rabbiner" bezeichnet wird, sind vom Oraner Schwurgericht zum Tode verurtheilt worden, weil sie ihren Großvater erschlagen haben, um schrreller in den Besitz ihres Erbtheils zu gelangen. Die Nachricht erscheint so ungeheuerlich, dass man sie nur mit der größten Vorsicht entgegennehmeu muss.' Ader eins müssen wir schon jetzt betonen: So viele Inder: sind auf französischen Schlachtfeldern Jefallen, so viele Juden hüben qur Größe Frankreichs, französischer Wissenschaft und Literatur bergetragen, und MüN ist weit davon entfernt, das Jndenthun: deswegen besser zu behandeln, denn, sagt man, Tugend und Verdienst gehören nur der Persönlichkeit selbst an, nicht aber dem ganze Volke. Nur:, das Verbrechen ist auch persönlich, und rrrir der Verbrecher selbst, nicht aber die Nation, der er zufällig angehört, ist für die von ihm begangenen Greuelthaten verantwortlich zu machen. Die Judeuemwattderuug; in Amerika. Laut den statistischen Nachweisen sind vom Juni 1900 bis zum Juni 1901 43.237 Juden nach Amerika eingewandert. Ueber die Uothwendigkeit von Erforschungsarbeiten in Palästina und seinen Nachbarländern. Von Dr. Alfred Nossig.*) 1. Allen denjenigen, die sich für die Lösung der jüdischen Frage interessieren und den ökonomisch hilflosen Massen des jüdischen Volkes eine gesunde Existenzgrundlage verschaffen möchten, erscheint heute die Colonisationsthätigkeit im Orient, neben allen anderen Mitteln der Hilfsaction, als ersprießlich und unumgänglich. Schon die einheimische jüdische Bevölkerung Palästinas und der umliegenden Länder stellt eine culturell nied- *) A:rS „Palästina", Zeitschrift für die cultrrrelle und wirtschaftliche Erschliehring des Landes. Berlin-Halensee.