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Jüdisches Volksblatt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 21. Februar 1902 Seite 0 Aestfeier. Aus Anlass des Festes der goldenen Hochzett Ihrer kaiserl. und königl. Hoheiten des Herrn Erzherzog Rainer unb der Frau Erzherzogin M a r i a Carolina wurde in dem Veremstempe!, V., Margarethenstraße 9lr. 7:3, ein feierlich e r F e st g o t t e s d i e u st abgehalten. Die goldene Hochzeit des Erzherzogs Rainer. Donnerstag den 12. Februar wurde vom Erzherzog eine Deputation des Tempel- und Shnagogcnbanpercines für den 4. unb r>. Wiener Bezirk empfangen. Die Deputation, geführt vom Obmanne des Tempel Vereines Herrn Vfbolf Hofmann,gestehend ans dem Vcreinsrabbiner Dr. Reich, dem Obinannc des L-ynagogenbanvcrcines Herrn Adolf Lichtblau und den Schriftführern der beiden Vereine Herrn Dr. Map Stransky und Herrn Franz Frankl, lvnrde mit halb 12 Uhr Non Obcrsthofmcister Exeellenz Ulrafen Üiosenberg zn ^-r. tais. Hoheit geleitet. Obmann Hofman» überreichte die reich ansgestattete und künstlerisch ansgcführte Adresse mit der Bitte: Sc. kais. und königl. Hoheit lvolle diese huldvoll entgegennehmen. Hierauf hielt Üiabbiner Dr. Reich eine kurze, inhaltsreiche Ansprache, in welcher er betonte, dass die Adresse auch in der heiligen Ursprache unseres Volkes geschrieben sei, welche ans tiefstem Herzensqnell komme und $5it den Herzen der kaiserl. und kvnigl. Hoheiten sprechen möge. Mit Herzenswünschen für das fernere Wohlergehendes fürstlichen Paares schloss die Rede, ivelehe auf Se. kaiserl. und königl. Hoheit sichtbar tiefen Eindruck machte. Hierauf richtete Se. kaiserl. und rönigl. Hoheit an jedes einzelne der vorgestellten Mitglieder der Deputation huldvolle Fragen. Obmann Lichtblau betonte, dass in den beiden Bezirken sehr viele Glaubensgenossen als Industrielle und Handwerker thntig sind. Dr. Stransktj, tvelcher die Atilitär- Jubilänmsmcdaille trug, antlvortete auf Befragen, dass er als k.. k. Reservearzt der Armee angehöre, Herr Frankl, dass er als Industrieller und Exporteur im Bezirke ansässig sei. Die Deputation lvnrde, dann von Sr. kaiserl. und kvnigl. Hoheit mit den huldvollsten Worten entlassen: „Feh danke Ihnen sehr, ich habe mich gefreut, die Herren empfangen zn können und tverde die schöne Adresse als lvertvolle Erinnerung betrachten." Die Adresse selbst besteht ans einem reich ornamentierten Titelblatte, dem von .Vereinsschriftführer Herrn Franz Frankl verfassten deutschen Adresse und einem von Rabbiner Dr. Reich verfassten Hnldignngsgedichte in hebräischer Sprache, ivelchem eine in Versen verfasste deutsche Uebersehnng l-eigegeben ist und von der hohen Begabung des Verfassers zeugt. Der kalligraphische Theil lvnrde von unserem Glaubensgenossen Herrn Marcus, die Enveloppe ein Meisterwerk an Schönheit, von Herrn B. Bnchlvald, dem bekannten, tüchtigen und begabten Industriellen, hergestellt. — Donnerstag den 20. ds., halb 0 Uhr abends, fand im Vereinstempel, 5. Bez., Margarethenstrafze 73, ein FestgotteSdienst statt, zn lvekehem Se. kaiserl. Hoheit von der Deputation ehrfurchtsvoll gebeten wurde und die Einladung dankbar entgcgennahm. Der Obmann des Israelitischen .ErankeiinnterstütznngSvereiiics des 4. und 0. Bezirkes, Herr Simon Spider, überbrachte gestern dem Erzherzog Rainer und dessen Gemahlin anlässlich der goldenen Hochzeit im Namen des Vereines die Gkücklvünsche. — Frau David v. Gntmann hat dem Statthalter Grafen Kielmansegg anlässlich des fünfzigsten Gedenktages der Vermählung des Erzherzogs Rainer den Betrag von 1000 Kr. zn patriotisch-humanitären Zwecken übergeben. Die Spende lvnrde nnvcrlveilt ihrer lvidmnngsgemähen Verivendung zugeführt. Wochenprogramm der „Jüdischen Toynbee-Halle", 20., Karafangasse 20. Sonntag, den 28. Februar: I. I. David: Ludwig 'Anzengruber. Montag, den 24. Februar: Dr. Martin Engländer: Vom geistigen Horen. Dienstag, den 26. Februar: Heinrich Glückmann: Die Märranen. Mittwoch, den 26. Februar: Samuel Wertheim: Moses Mendelssohn. Donnerstag, den 27. Februar: Primarius Dr. Kornfeld: Ans der Seelcnlehre. Freitag, den 28. Februar: Arnold Frankfurter: Bibel, Erklärung der Sidra. Samstag, den 1. März: Coneert: Musik, Gesang, Anmeldungen zu Vorträgen beliebe man zn richten an Dr. I. Sadger, 0. Bez., Liechtensteinstraße 16. Todesfall. Montag den .17. ds. verschied hier in den besten Jahren Frau Rosa Hildesheimer, geborene Brodski, Gattin des Herrn Leo Hildesheimer. — Die Verblichene, welche einer der ersten Familien Russlands entstammt, übte im Vereine mit ihrem (hatten. Woblthätigkeit in ungewöhnlichem Maße, und bethätigte bei jeder Gelegenheit ihr warmes Interesse für alles, lvaS Juden und Jttdenthnm betraf. „Worein für jüdische Geschichte mrd Literatur". Sonntag den 29. Februar im Festsaale des „Jüdischen Voltsvereines" Vortrag des Herrn stuck, zur. Max Eisler: „Zur Entwicklungsgeschichte der neujüdischen Literatur". „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien". Am 22. Februar 1902, 7 Uhr abends, findet in W e n d l i n g e r s Restaurant die XV. satzungsmäßige Plenarversammlung statt. Tagesordnung: l Rechenschaftsbericht des Ausschusses. — II. Anträge des Ausschusses und der Mitglieder. — 111. Wahl des Ausschusses. — IV. Eveutualia. T'nrnerfeft. Der „Erste Wiener Jüdische Turnverein" vereinigt heute, dank der während der drei Jahre seines Bestandes nie rastenden Werbearbeit schon über 250 treujüdische Turngenossen, die den nmSkel- und willenstählenden Turnbetrieb mit edlem Eifer pflegen. Da ans dem Turnplätze für gesellschaftliche Annäherung der Mitglieder keine Zeit bleibt, hat der Turnrath die Einrichtung der sogenannten „Turnkneipeil" geschaffen, die frei zugänglich und den heiteren Musen geweiht sind. Die letzte Tnrnkneipe, welche Dienstag den 11. d. M. im Saale des „Hotel de France" stnttfand, übertraf, von den Turnerinnen arrangiert, alle früheren Veranstaltungen. Vereinsobmann Dr. Ludwig W e r n e r begrüßte unter den zahlreichen Gästen namentlich das Ehrenmitglied Herrn Fabrikanten Hermann König und den Cultnsvorsteher Herrn Ober-Finanzrath R a p p a p o r t und besprach sodann unter stürmischem Beifall die Vereinsziele, deren Würdigung seitens der jüdischen Oeffentlichkeit der wackere Cultnsvorstand durch eine Jahressubvention von 150 Kronen neuerdings documentiert habe. Die Glanzpunkte des reichhaltigen Unterhaltungsprogrammes waren: der geharnischte Prolog, den die Turnerinnen Frl. Jda Werner und Frl. Lotte R and gegen die tyrannischen Männer richteten, die witzvolle Schilderung des zweiten Obmannes Herrn Ing. Eniil F rieb über seine Turnfahrten durch Nordamerikas Prairieu, das von den Turnerinnen Fräulein Ella Rappaport und Frl. Clara Kraus gesungene Eisersuchtsdramolet und die ulkigen Lieder des altbewährten Jvria-Quartetts. Der Haupttreffer der reichdotierten Juxlotterie, nämlich die von den Turnerinnen verfasste Kneipzeiturrg, siel Herrrk Fabrikanten König zu, der dem Vereitle dienstbereite Treue und die Gewinnung neuer Förderer gelobte. Zu gnterletzt wurde stramm getanzt. Der moralische und materielle Erfolg des Abends bestimmte den Turnrath dazu, für anfangs März eine dritte Tnrnkneipe, und zwar eine solche größeren Stiles anzusetzen. Die Wahlen in die Lemberger Handelskammer. Die Handels- und Gewerbekammer ist besonders in Galizien, wo Handel und Volkswirtschaft darniederliegen, ihrer Bestimmung nach berufen, zwischen den producierenden Elementen, besonders der jüdischen Bevölkerung, und der Negiernng eine wichtige Mittelrolle zu spielen. Diese Aufgabe kann sich nicht auf die Erstattung von Gutachten und wohlmeinenden Aenßerungen beschränken, sondern es liegt ihr auch ob, massgebende Initiativanträge zn stellen, und namentlich kommt in Betracht, dass die Lemberger Handelskarnmer aus ihrer Mitte einen Delegierten in den Neichsrath entsendet, um an dieser Stelle die wirtschaftlichen Interessen zu wahren und zn fördern. Und gerade ans diesem Gebiete sind jetzt die vitalen Fragen zu lösen, in deren Vordergründe der Ausgleich mit Ungarn und die Handelsverträge stehen. Es muss daher in den bevorstehenden Versammlungen zahlreicher Genossenschaften die Parole ausgegeben werden, bei den im März bevorstehenden Kammerwahlen ausschließlich das reale Moment im Auge zu behalten, denn mit den Schlagworten der bisherigen erbgesessenen Kammerrätlie ist dem kleinen Manne nicht zu helfen. Dass diese Schlagworte nur denen, welche sie stets im Munde führen, und nicht den 8000 brotlosen Hausierern (§§ 59 und 60) angenehme Positionen schaffen, hingegen nur zerstörend ans den Wohlstand und die allgemeinen Eiwerbsbedinguugen wirken, ist klar. In einer Beziehung sollte die Neuwahl allerdings Wandel schaffen, nämlich in der Einbeziehung neuer Branchen, die bisher durch die Lemberger Kammer nicht vertreten waren, wie beispielsweise die Getreivehändler, Metallwaren- und optische -Industrie, Samen- und Mmeralwasserhändler. Es soll jedes Interesse in dieseur wichtigen Vertretungskörper gewahrt werden. Das ist eine berechtigte Forderung, die hoffentlich diesmal die jüdischen Wähler zur Geltung bringen und nur solche Männer wählen werden, die nur die Interessen des Handels- und Getverbestandes wahrhaft vertreten und keine persönlichen Ambitionen vor Augen haben. Ausland. Ein Wohlthäter. Aus Warschau luixib gemeldet: Der am 26. Deeembcr v. I. hier verstorbene Philanthrop Jan Stern hat 260 000 Rubel für wohlthätige Zivccke hintcrlassen, und zivar 10 000 Rubel für wissensehafklich arbeitende, in polnischer Sprache schreibende Gelehrte, 16 000 Rubel für die allgemeinen Wohlthätigkeits-Zwecke der jüdischen Gemeinde, um aus den Zinsen derselben alljährlich je einen jüdischen Studenten, Gymnasiasten und Handiverker zn unterstützen. Der große Rest von 200 000 Rubel fiel dem allgemeinen Warschauer Wohlthätigkeits-Verein mit der Bcstimmnng zu, dass damit ein jüdisches und ein christliches Kinderheim errichtet kverde. Die polnischen Blätter find darüber perschnupft, dass das Geld des jüdischen Millionärs zum Theil wenigstens jüdischen Zwecken zufällt, obgleich christliche Millionäre nicht im Traume daran denken, für jüdische wohlthätige Zwecke etwas zu hinterlassen. Sie rächen sich nun in echt antisemitischer Manier, indem sie den verstorbenen Jan Stern, der für christliche und polnische Zivecke über 120 000 Rubel hinterlassen hat, conseciuent Jankcl Stern nennen. Damit soll bekundet werden, dass Jan Stern kein jüdischer Pole, sondern ein — polnischer Jude war. Der Bedauernsiverte! Die Inden in Odessa. In dem „Adress-Kalender" für Kaufleute und Gewerbetreibende, welcher von den „Odeffaer amtlichen Nachrichten" herausgegeben wird, finden sich einige interessante Mittheilungen bezüglich der Juden in Odessa. Laut officieller Statistik betrug die Zahl der Einwohner im Jahre 1900 449.073, hiervon waren 133.767 Juden. Trauungen fanden im genannten Jahre 3636 statt, darunter jüdische 1455 (40°/o)- Die Zahl der Schüler sämmtlicher Schulen betrug 63.222, darunter jüdische 13.867 (38%). Die Zahl der verstorbenen Juden gibt das Adressbuch nicht an, aber diese Ziffer finden wir in dem Ausweise der „Chewra Kadischah". Darnach beträgt die Zahl der Verstorbenen in jenem Jahre 3438. Charakterrstisch für das Verhältnis der Juden zu den Nichtjuden dieser Stadt ist der Percentsatz der Verstorbenen. Bei den Juden starben von 1000 25'0, bei den Nichtjuden bloß 23-05. BloudeS fteigesprocheu. Am t0. Februar .begann in Wilna vor einem neuen Schwurgerichte der Process Blondes, der bekanntlich beschuldigt wurde, einem christlichen Dienstmädchen Blut abgezapft zn haben. Als Vorsitzender fungierte M o n k o m s k i, als Staatsanwalt S u b o w s k i, als tBerthecdiger der iPetersbnrger Advocac Murawieff und der Wilnaer Advoeat G r n s e n b e r g. Es waren 65 Zeugen vorgeladen und einige Sachverständige. Die ganze Verhandlung fand bei geschlossenen Thüren statt und oanerte bis zuin 15. Februar. Blondes wurde von den Geschworenen, unter denen sich kein Jade befand, einstimmig s r e i g e s p r o ch e n, „Dcbvrnh" schreibt: Die „Jewish Agriculturists' Aid Society", jüdische Ackerballgesellschaft, die in Chicago ihren Sitz hat, weröffentlicht soeben ihren Jahresbericht . Es ist ihr gelungen, im abgelanfenen Jahre 28 Parteien, insgesammt 117 Personen, dem Ackerbau znzuführen lind sie hat mit ihren frühereil Schützlingen gute Erfolge allfzuweisen. lieber verschiedene lvcstliche Staaten zerstreut, fühlen sich die früheren Bewohllcr der russischen und amerikanischen Ghetti glücklich in ihrem lieuen Berufe und ringen sich zur. materiellen Selbständigkeit durch. Die Gesellschaft, die ihre Schöpfung denr Rabbiner A. R. Levy verdankt, strebt dasselbe .Ziel loie die Ackerbauschule Krauskopfs, aber auf entgegengesetztem Wege an. Während Kranstopf von oben begonnen hat und die Bildung einer ackerbautreibenden jüdischen Bevölkerung von oben herab durch wissenschaftlich gebildete Landwirte schaffen tvill, strebt Levy, dieses Ziel von unten herauf zu erreichen, mdem er praktisckx' Bauern schaffen will. Jede der beiden Methoden hat ihre Bvrtheile. Die Hauptsache bleibt, dass der Jude seine Befähigung zu jedem Berufe beweise und besonders, dass die ärmsten Dintvanderer den Nutzen, den sic dem Lande bringen, unwiderleglich sichtbar machen. Noch einmal Kunitz. Das Gutachten der „Wissenschaftlichen Deputation für das Medicinallvesen", welche, lute wir mittheilten» mit einer Nachprüfung des seitens der westprcnßischen Mcdicinal- Commission über die Ursache und die Begleitumstände des Todes des Ernst Winter abgegebenen Votums betraut lvnrde, ist anfangs voriger Woche bei der Staatsanivaltfchaft in Könitz eingetrosfcn. Der Wortlaut lvnrde bisher nicht bekannt gegeben und dürfte wohl erst in einigen Wochen veröffentlicht lverden, nachdem das gerichtliche Verfahren, welches den Anlass für die Einholung der Gutachten gebildet hat, endgiltig bcigelcgt lvordcn ist. Bekanntlich hat der Vater des Ernst Winter durch den Rechtsanwalt Hahn-Ehnrlottcnburg eine Tennnciativn locgen Mordes resp. Aiitthäterschaft gegen Herrn Fleischermeistcc Adolf Levy und dessen ^oyri Moritz an die Staatsanwaltschaft in Kvllitz eingcreicht. Das Vorverfahren ilvnrdc eröffnet und im Verfolge desselben das Gutachten des ivestprens'.ischen Mcdicinal-Colleginms extrahiert. Da dasselbe, wie bekannt, Tod durch Erstickung und erst nachträgliche Beibringung des Halsschnittes, Ermordung während eines sexuellen Actes oder unmittelbar nach demselben uslv. constatierte, sonnt in Ueberemftimmllng mit anderen directcn Feststellungen die ganze Voraussetznng der Dennnciation entkräftete, ist von der Staatsanwaltschaft'auf Einstellung des Verfahrens erkannt worden. Hiergegen legte der Dennncinnt bei der Oberstaatsanivaltschafl in Marien- '.Werder Berufung ein, tvelche verlvorfen lvnrde. Dass von dem noch offenstchenden piechtsmittel, dem Revisions-Antrag beim Ober landcsgcricht (Gebrauch gemacht lverden würde, könnte als selbstverständlich gelten; da die hierfür processualisch vorgeschricbene Zeit mittlerweile nahezu verstrichen ist, dürfte die letztinstanzliche Enst scheidung bereits angernfcn lvorden sein. Bis dieselbe erfolgt ist. darf kein auf das schivebende Verfahren bezügliches Actenstück^ un Wortlaut initgetheilt lverden, und deshalb muss auch zunnch,t die vollinhaltliche Veröffentlichung des Gutachtens der „Wissen schaftlichen Deputation für das Medicinallvesen" nnterbleiben. Doch weist die stets vortrefflich unterrichtete „Ostdeutsche Tageszeitung" in Könitz bereits Folgendes zu inclden: „Das Gutachten enthält neben Angaben, die auf Grund der ermittelten Thnisaehen und der daraus sich mit Nothtvendigkelt ergebenden wissensthaftlichen Folgerungen unantastbar sind, auch solche Punkte, die zlvar. nicht als positiv feststehend, aber als höchst wahrscheinlich angenommen lverden köuuerl. Zu den unanfechtb a r c n S ch l ü s s e n des Gutachtens gehört die Feststellung, dass Ernst Winter an Erstickung gestorben ist, zu den höchstwahrscheinlich e n Schlüssen gehören die Angaben nber die Situation, in der er sich im Momente seines Todes befunden hat. Es scheint mm, als vb bei diesem Punkte die wissenschaftliche De^ pntation zu noch zwingenderen Ergebnissen gelangt ist, als das Mcdicinal-Collegium. Die höchsten lvisfenschafttichen Autorttaten der Provinz und des Staates sind somit zu ziemlich gleichen, m den ausschlaggebenden Punkten zu völlig gleichen Ergebnissen gelangt. H'inzngcfügt sei, dass die „Wissenschaftliche Deputatwn neben dem Vorsitzenden Ministerial-Director Dr. Althoff, gebildet wird boii den Geh. Medicinalräthen Profesioren Virchow, v. Bergmann, Pi stör, Gerhardt, Olshansen, Jolly, Rubner , Moeli. Schmidtmann, Köilig, Landolt, Kirchner und Geh. Oberregierungsrath Förster. Jerusalem. In der Scidenfabcik zu Rosch Pinah sind nach der „Hazefirah" Uitterschleife von ca. 100 000 Francs im Laufe voii anderthalb Jahren borgekommeil, lvie Herr Antebr festgestellt hat. Es ist deshalb keüi Wunder, weiin trotz der vielen Opfer, ivelche Baron Edmoiid Rothschild in Paris brachte, die Sache nicht vorwärts gieng. Es ist sehr erfreulich, dass die Leitung der »Jewish .Colon. Association" in Paris für eine gewissenhafte und regelmäßige Coiitrole sorgt. Der Leiter der Seidenfabrik ist fett kurzer Zeit — im Auslande. Das jüdische Weltproletariat. (Fortsetzung.) Nachstehciid bringen wir einige kürzlich vom „Wofchod" veröffentlichten Documente (Juli 1901): Jii Odessa haben die Smiitätsinspectoren 6087 Wohnungen gezählt, die jüdische Familieii innehaben, die aller Subsistenzmittel cntbehreii. Von diesen 5087 Wohnungen befandeii sich 1000 in Kellern und mehr als 2000 hatten keine Fenster. Einundvierzig Perceiit der jüdischen Familieii dieser Stadt haben zur Wohnung nur ein einziges Zimmer, das ungefähr ein Dutzend Personen beherbergeii muss. Daher ist der smiitäre Zustand der Juden xn Odessa äußerst beklagenswert. Im Jahre 1897 waren von 60 000 Kranken, die in Hospitälern verpflegt wurden. 33 000 Juden. Dieser Stand des materiellen Lebelis hat iiatnrlich einen Rückschlag aus den geistigen Zustand ausgeübt. . Im Jahre. 1899 erhielten 02 Pereent der indischen Kinder keinerlei Unterricht. Nach beu Statistiken von 1900 konnten kaum 10 Perceut der Juden dieser Stadt russisch lesen und schreiben. In Wiliia ist die Strilmpfwirterei fast gänzlich in den Händen von jüdischeii Arbeitern. Doch verdienen diese durchschnittlich nur acht Riibel monatlich, inid dabei muss man iioch die sehr häufigen Arbeitseinstellungen und die Steuer voii drei Rubeln, die jeder Arbeiier für die' Benutzung cüier Maschine cntridjtcu muss, tn Betracht ziehen. In Minsk ist die Lage nicht besser. Die jüdischen Llrbeiter sind hier in den Schuhmacherlvertstätten, den Leinenwebercteu und den Bäckereien beschäftigt. Sie erhalteri gewöhnlich 4—5 Rubel wöchentlich für eine Tagesarbeit von 15 bis'17 Stunden Ebeilso gibt es hier iioch 260 Acanrer. die durchschnittlich 2 ilcnbel ivöcheiittich verdienen unb von 12 Monaten 9 Monate ohne Arbeit sind?) , Wir müssen mit dieser Anfzähtting aufhoren und gezwungenermaßen niivollständig bleiben. Aber lvir haben genug gesagt, um eine Idee voii der Lage der armen rilssischen Juden zu geben: Eliischräntende Gesetze, die die. wirtschaftliche und geisttge Thatigkeit lähmen; Unduldsamkeit der Beamten und Behörden; Fanaüsmus der Eiiüvohner, die sich für ihr eigenes Elend ari deii armen Jiideii rächeli wollcii; feindselige Maßregel,i und Bestimmungen: 'Arbeitseinstellungen; Hungcrsnoth mit allen physiologischen und iuornlischeu Folgen. . ,, . . , Daher hat die jüdische Auswanderung enien neuen Antrieb erfahren. . ... Ans einer Statistik, die in beu Vereinigten Staaten ausgestellt wurde, geht hervor, dass von 1881 bis 1889 ungefähr 650 000 russische'Inden in diesem Lande angekommen sind. Im Jahre 1899 scheint die Zahl der russischen Einivaiiderer in Nordamerika die Zahl von 30 000 nberstiegeil zu haben, ivährend es im Jahre 1897 >nir 20 000 unb im Jahre 1898 schon 25 000 waren. Da der AnStvaiidernngSstrom sich nicht nur nach Nordamerika gewendet hat, sondern auch nach allen anderen Ländern, wo diese Unglücklichen ') Eine neue Geißel plagt die nrrueii Juden: Die Hungersnoth! Der „Woschod" vom März 1901 gibt folgende Nachrichten ivieder: In, Eloupernemeut Bessarabiel, zählt das Gebiet von Soroli 983 Familien ohne jegliche Subsistenzmittel. Sie sind auf 16 Colouieu und 4 Städte pertheilt. In der einzigen Stadt Sorott starben 200 Familien den Hungertod. Britschew, und Wertinjanes und einige andere Dörfer zählen 200 Colonistenfamilien, denen die einfachsten Lebensbedürfnisie fehlen. In Jekaterinoslaw war der Leiter der Colonie gezwungen. vomMinister der kaiserlichen Domäneii ein Darlehen von 12 600 Rubeln zu erbitten. Dieses Darlehen ist von dem Czaren Nikolaus genehmigt lvordeii, aber die Siimme muss mif die Gemeindecaffe von Jekateriuoslaw aufgeiiommen werden. Sie ist mif sechs Jahre, übrigens

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