Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, i reitag Jvdip.ches Volksblatt 21. Februar 1U')2 Nr. 8 &<ft: Antisemitismus als der Kempunkt der Sache hingestellt wocOcn ist, hat es die Fortschrittspartei mit aller Acngsllichkeit vermieden, auf die Judenhetze auch nur mit «nemJEßoiie einzugehen. Es ist ja bezeichnend und charakteristisch genug, dass die Parlamentssitzung, in welcher die Jnterpellationsbeantwortung vor sich gegangen ist, mit einer Rikualmordinterpellation seitens des alldeutschen Abgeordneten Eisenkolb eröffnet worden ist, ohne, wie es erforderlich gewesen wäre, der Entrüstung und dem Widerspruch der Fortschrittspartei zu begegnen. Im Laufe der Jnterpellatioilsdcbatte ivar der Abgeordnete der deutschen Volkspartei Kienmann der einzige, der aufrichtig genuglvar, das Kind beim rechten Namen zu nennm, sich als offenen Antisemiten zu manifestieren und zu bekennen, dass die Feindschaft der deutschen Volkspartei gegen die Christlich-Socialen nur wegen der gegenseitigen Mandatshascherei besteht, dass sie sich aber in Punkt Antisemitismus zusammenfinden und eins bilden. All dies ist seitens der Liberalen ohne Correctur, ohne Opposition hingenommen worden. Wenn irgendwo, so findet hier das Sprichwort Anwendung: „Pack schlägt sich. Pack verträgt sich." Es ist ja bekannt, dass die christlich-sociale Partei und die Fortschrittspartei sich in der deutschen Gemeinbürgschaft befinden, am grünen Tische gemeinsam berathen und sich nicht nur intra, sondern auch extra muros vertragen und lieb Kind sind.. Nach den Flegeleien, mit welchen die Fortschrittspartei seitens der Antisemiten in der Interpellations- Beantwortung tractiert worden sind, hätte man erwarten sollen, dass das Gewissen tvach werden und die Entrüstung lichterloh brennen und dass eine Kündigung der Gemeinbürgschaft erfolgen werde; allein so viel scheinen die Juden der deutschen Fortschrittspartei nicht wert zu sein. An der Wiener Judenschaft liegt es, die Moral aus der Affarre zu ziehen, und die ist, keiner der bestehenden Parteien Handlangerdienste zu leisten und keiner derselben die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Wird man unser bedürfen, so soll man uns aufsuchen, und wir werden die Bedingungen stellen, unter welchen wir unsere Mithilfe zuzusagen gesonnen sind. Für schöne Redensarten müssen Wirtin Zukunft taub bleiben, wir haben deren schon genug gehört und wollen Thaten haben. Wir sind zu einer Zurückhaltung, zu einer Reserve deshalb verpflichtet, weil es nicht nur unsere politischen, sondern auch unsere materiellen Interessen erfordern. Denn wir finden auf keiner Seite eine ausreichende Hilfe und Unterstützung. Die antisemitische Partei hat durch ihre Interpellation das erreicht, waS sie wollte, nämlich einen Terrorismus und ein Schveckensregiment einzuführen, und die Fortschrittsparteien sind dagegen nur insoweit eingeschritten, als es die Sicherung ihrer Mairdate erforderte, und die Regierung hat uns ganz im Stiche gelassen. Glaubt etwa Herr v. Koerber, dass er mit seiner platonischen Mahnung an die Christlichsocialen welchen Eindruck gemacht hat? Soweit geht seine Vertrauensseligkeit wohl nicht. Er selbst steht unter einem Terrorismus und in dem Banne der radicalen Parteien, die zu bekämpfen er sich programmmäßig zur Aufgabe gemacht hat. Die jüngsten Vorgänge in Triest mögen ihm ein memenio und eine Warnung sein. Es bedarf nur eines geringfügigen Anlasses und die verhetzten Volksschichten gehen zur Thai über. Soll es etwa wieder zu Raub und Brand gegen die Juden kommen, bis sich die Negierung veranlasst findet, einzuschreiten? Negieren heißt voraussehen. Dr. v. Koerber ist nicht so blind, um nicht gu sehen, zu welchen Zuständen wir hinsteuern. Caveant consnles! Er ist für die Sicherheit und den Bestand geordneter Zustände verantwortlich, und es ist seine Pflicht und Schuldigkeit, seine Maßnahmen darnach zu treffen, diese aber rechtzeitig, ehe es 31t spät ist, denn es Emm uns nicht damit genügen, und es ist uns nicht damit geholfen, wenn nach geschehener That, wenn über Juden mit Raub, Brand und Mord vorgegangen ist, die Sühne erfolgt. Das laufende Jahr ivird sich unter dem Zeichen der Wahlen vollziehen. Von der einen Seite werden wir umworben, von der anderen bedroht sein. Da heißt es, rechtzeitig Stellung nehmen. Wir Juden sind aber nur dann j imstande, ein vollwichtiger Factor zu sein und das Zünglein I an der Wage zu bilden, lvenu ivir uns organisieren, wenn! wir alle für einen und einer für alle einstch-en. wenn wir «das Interesse der Juden und des Judenthums wahrer!! wollen. Hoffentlich werden unsere Anregungen _ nicht j wirkungslos verhallen, sondern fruchtbaren Boden finden. j hüben und drüben. I Hüben und drüben, diesseits und jenseits der Leitha : gährt es und kocht es irr allen Lagern und Gesellschaftsschichten. Wer die Politik nicht nach den mehr oder minder bezahlten Zeitungsartikeln misst, wird es nicht verkennen , dürfen, dass, während die Geschichte der geistigen und ma- I ieriellen Entwicklung der Monarchie als Gesammtstaat auf! beiden Seiten manchen todten Punkt aufweist und die soj genannten Entwicklungsgesetze ganz außer Acht lässt, während ferner in den geistigen und materiellen Bestre- - bungen der beiden Reichshälften, ja sogar innerhalb der! einzelnen Rechtstheile selbst, nie ein einheitliches Vorgehen; zur Geltung kommen konnte, die Geschichte der Nasser!- und Nationalitätenkämpfe eine geradezu erschreckliche Einheiti lichtest und Einmüthigkeit aufweist, die von Neuein den Beweis liefern, dass der wirkliche ehrliche, aber auch bii- ' tcrftc Kampf ums Dasein heute nicht mehr zwischen Individuum und Individuum, sondern zwischen Nasse und : Rasse, zwischen.Nationalität und Nationalität ausgefochten werden muss und dass in diesem Kampfe diejenige nationale Gruppe unterliegen müsse, die sich in der Verkennung ihrer eigenen Kraft und ihrer Existenzberechtigung als die; nachgiebigere, also schwächere erweisen wird, j Das in vielen Dingen rückständige Ungarn ist auch i —so paradox es auch klingen mag — hinsichtlich des : Stadiums dieser Kämpfe noch rückständig. Während nämlich in Oesterreich die gegnerischen Gruppen bereits genau abgesondert, die Streitpunkte beinahe bis auf den letzten Punkt fixiert und sich auch bezüglich des alle nichtjüdischen politischen Parteien verbindenden Antisemitismus, sich ein gewisser Zug zum geläuterten Antisemitismus, wenn dieser Ausdruck gestattet ist, bemerkbar macht, sind in Ungarn die rohen Anfänge dieses Kampfes noch nicht überwunden, haben sich dort die einzelnen Gruppierungen noch nicht offenkundig vollzogen. Der politisch kurzsichtigen Juden in Ungarn bemächtigt sich deshalb ein Gefühl der Unsicherheit, jeder Tag bringt neue Ueberraschungen, Menschen, die sie heute noch wie bas Idol des Liberalismus anbeteten, zeigen sich morgen als eitle unverlässliche Trugbilder, und die Hoffnung auf Erhaltung der sogenannten guten Zustände, die kaum geboren, wird in nächster Stunde weil lebensunfähig, zu Grabe getragen und so wird der Jude in Transleithanien malgre lui dabin gedrängt, wohin er auf kürzerem Schmerzensivege selbst gelangen sollte: zur Erkenntnis dessen, dass er sich nur auf sich selbst stützen dürfe und dass er sein Heil nur in der nationalen Consolidierung aller Juden suchen und finden müsse. Die ungarische Politik wird noch immer von der bekannten Ehrencavalier-Affaire beherrscht. Es ist ein offenes Geheinuüs, dass Szcll über dieses Jncidenz gestrauchelt ist und beinahe gefallen wäre. Wäre heute der Ausgleich zlvischen Oesterreich und Ungarn bereits unter Dach und Fach, so könnte heute Ministerpräsident v. Szell wieder ruhig in seiner Bankstube sitzen, die ja bekanntlich für ihn für alle Unfälle reserviert bleibt. Wie diese leidige Angelegenheit ad hoc erledigt würde, interessiert uns vom jüdisch-nationalen Gesichtspunkte aus sehr wenig, auch die Version, dass dem Ministerpräsidenten die Absicht des Thronfolgers, die bekannte Wahl zu treffen, bekannt war, noch ehe sie ausgesührt wurde, überrascht uns nicht, auch lvenn sie den Thatsachen entspräche, aber der Umstand, dass man allerhöchsten, wohlunterrichteten Ortes die Entwicklung der antisemitischen Volkspartei in Ungarn bereits für stark genug hält, um sie regierungsfähig zu erklären und mit der eigenen Autorität decken zu können; das ist das bedenkliche Symptom in der ganzen Angelegenheit, denn es eröffnet den Juden eine düstere, traurige Perspective in die Zukunft.... Und diese Anschauung über den Verfall des Liberalismus und das Aufblühen des offenkundigen Judenhasses, hauptsächlich über die innere Uneinigkeit der jetzigen künstlich zusammengestoppelten Majorität im ungarischen Parlamente musste den magyarischen Juden lvahrlich nicht erst durch solche drastische Mittel beigebracht werden. Das politische und gesellschaftliche Leben in Ungarn lässt keinen Tag, ja keine Stunde vergehen, in welchen es den Juden nicht — gar oft in der empfindlichsten, derbsten Forrn — zu verstehen gibt, dass sie den officiellen politischen Liberalismus nicht ernst nehmen dürfen, und dass die Säulen des Liberalismus der Reihe nach enttveder in den Staub oder in die Anne der Antisemiten sinken. Wen hat es nicht schmerzlich berührt, als er sah, dass Wekerle, der gewesene Ministerpräsident, den der fanatische Liberalismus dier gläubigen Menge in die Höhe getrieben, der auch dann noch, als er den angenehmsten politischen Märtyrertod starb, indem er seine bewegte Ministerpräsidentenstelle in diejenige eines Präsidenten am Verlvaltungsgerichtshofe enttäuschte, nächst dem inzwischen verstorbenen Szilagyi, stets die still angebetete Hoffnung der Freisinnigen in Ungarn bildete, der quasi als einzig liberaler Politiker für die schwersten Zeiten aufbewahrt und gehütet wurde, dass dieser Wekerle nun plötzlich aus seiner Reserve heraustritt, um — der antisemitischen Volkspartei politische Dienste zu leisten. Es war das ein schnödes, unschönes Spiel, wozu sich dieser begabte Volksgünstlin ghergab l Ist es schon eine betäubende Komödie, tvenn eine reactionäre Partei, wie die Volkspartei, bloß um sich in die Herzen des Volkes einzuschleichen, zum Zwecke der Errichtung eines Denkmals für Szilagyi, den Liebling des Volkes, eine größere Veranstaltung arrangiert, wie es der jüngste Juristenball in Budapest war, so ist es erst recht betrübend und vcrtvierflich, wenn ein Wekerle eine solche Komödie mit seinem Namen deckt. Und es war auch ganz natürlich, dass die reactionären Arangeure annahmen, dass Wekerle mit seiner Vergangenheit gebrochen und sich ihrer politischen Richtung angeschlossen hat, und so kam es, dass die jüdischen Advocaten zu diesen! dein Andenken Szilagyis gelveihten unter dem Präsidium Wekerles veranstalteten' Juristenball keine Einladung erhielten. Und diese Thatsache ist umso symzusammentrefftu und sich in einer gemeinsamen Sprache nicht verständigen können, so reden sie — hebräisch. Also, diese ist die nationale Sprache unseres Volkes. , Und so muss es bleiben I Um das Volk zu belehren, Ideen zu propagieren, müssen wir uns des Jargons bedienen, »nd von diesem Gesichtspunkte dürfen wir die Verdienste der Jargon-Schriftsteller keineswegs unterschätzen, aber unsere nationale Sprache kann nur die hebräische sein! R. A. ß. (Ein zweiter Artikel folgt.) (Tine Anregung.) Von Samuel Meisels. Sehr viel, ja sogar sehr oft reden die Menschen, die civilisiertm europäischen, von ihrem Gewissen, das sie enttveder plagt und quält oder ruhig wie die Spiegelfläche eines Baches ist, ohne über das Wesen des Gewissens irgend welchen klaren Begriff zu haben. Gewissen ist ein Wort, womit sehr häufig im praktischen Leben Gebrauch gemacht wird, das sehr viele Menschen im Munde führen und wenige nur begreifen. Die meisten wissen es nicht, tvas eigentlich mit den üblichen Schlagwörtern und Nedeusarten vom „ruhigen Gewissen", das manchem ein sanftes Ruhekissen ist, und vom „bösen Gewissen", das einen martert und quält, gesagt sein will. Manchem ist das Gelvissen ein Gelegenheitsivoct, eine Aushilfe zur rechten Stunde, das ihm über manche (Situation hinweghilft. Wie es überhaupt in der Welt mit Dingen zugeht, die allzu häufig in der Gesellschaft coursieren, dünkt auch das Gelvissen ein so populärer und gemeinverständlicher Begriff zu sein, dass man es für unnöthig erachtet, nachzudenken, was das Gewissen sei und überhaupt noch darüber ein Wort zu verlieren. Aber nicht nur der Alltagsmensch, der im Leben des Alltags ums tägliche Brot seine Zeit und im Kampf des Daseins seine Kräfte preisgeben muss, so dass ihm tveder Mus;e noch Kraft Zurückbleiben, dem Innenleben sich zu widmen, weist vom Gewissen ettvas Genaues und Bestimmtes zu sagen, auch der Mann der Wissenschaft, der Psychologe von Berns, oder der Studien der Ethik betreibt. zollt selten dem Gelvissen jene Aufmerksmnkeit, die ihm als psychologischer Moment und Hauptfactor der Moral gebürt. Auch der Forschergeist, der in die inenschliche Statur wie in eine Meerestiefe sich versenkt und in die verborgensten Kammern der menschlichen Seele hineinleuchtct, liebt es mehr mit Begriffen zu spielen, deren Währung im alltäglichen Leben eine minimale ist, als allgemeine Begriffe, die vielleicht in erster Reihe beachtet zu lverden verdienen, logisch oder psychologisch zu behandeln. Aus diesem Grunde ist auch das Gelvissen, sein Begriff, seine Entstehung und Entwicklung von der Gelehrtenwelt nie einer gewissenhaften Untersuchung und Erörterung gewürdigt geivorden. Wir kennen sehr wenig Versuche, das Gelvissen seiner historischen Entwicklung und seinem psychologischen Gehalte nach zu prüfen. Die bis nun in dieser Richtung gemachten Versuche sind entweder zu einseitig vder nicht ganz vorurtheilsfrei. Köhler sucht in seinem Werke «Das Gelvissen, die Entwicklung seiner Namen und seines Begriffes". (Halle 1876) das Auftancheu des Getvissensbegriffes im clnssischen Alterthum eingehend zu behandeln. P. R e e ' s Buch „Die Entstehung des Gewissens" ist ein gänzlich misslungener Versuch, den Belvcis zu erbringen, dass das Gelvissen ein reines Product der ivirtschaftlichen Verhältnisse sei. Nach Nee ist das Gewissen an sich n i cf) t s, es liegt tveder in unserer Gedankennoch tu unserer Gefühlswelt, ist weder angeboren noch eine natürliche Veranlagung, sondern ein Hirngespinst, das von Umgebung und Verhältnissen in des Menschen Innern transportiert tvird. Das Gelvissen ist ein vererbtes modernisiertes Borurtheil, eine conbentio nelle Lüge der Cultur mensch heit, „der Niesenschatte unserer eigenen Schrecken". Nach Nee hat das Gelvissen seine Entwicklungsstadien so durchgemacht, lvie alles in der menschlichen Gesellschaft und ändert sich mit der Aenderung der wirtschaftlichen Gesellschaftsordnung und der Productionsweise. Darum ist in verschiedenen Zeiten bei verschiedenen Culturstufen und Völkern und unter verschiedenen Verhältnissen auch der Getvissensbegriff ein verschiedener. So konnte sich bei unseren Vorfahren die Blutrache mit dem damaligen Rechtsgefühl —■ wenn man überhaupt nach Ree diesen Ausdruck gebrauchen kann — ganz gut vertragen, darmn sah und sieht noch heute der menscheufresserische „Wilde" der fernen Südseeinseln im Mord und Blutvergiesten keine»! Gelvissenslosigkeitsact, lvie auch der „gebildete" Europäer Satisfaction für verletzte Ehre sich verschafft, indem er seinen Beleidiger im Duell todtschießt, ohne nachher irgend welchen Gewisscnsscrnpel zu verspüren. Uebrigens ist Rees Standpunkt ein „grober Materialismus", der der ernsten Kritik nicht standhalten kann, und ist von berufener Seit mit entsprechenden Waffe»! niedergekämpft ivorden. Eine sehr beachtens- und lesenswerte Schrift hat in jüngster Zeit Herr Dr. Car ring über das Gelvissen veröffentlicht. Sie betitelt sich: „Das Gelvissc»! im Lichte der Geschichte, socialistischec und christlicher Weltanschauung."*) Sie ist der einzige gelungene Versuch, klarznlegen, lvie sich geschichtlich der Gelvissensbegriff heransentivickelt hat und wo eigentlich sein Ursprung in der Menschenseele zu suchen ist. „Für die Darstellnngslveisc," sagt der Verfasser, „lvar der Wunsch mastgebcnd, für denkende Arbeiter zu schreiben." Es lässt sich aber getrost behaupten, dass das Buch Carrings trotz oder tvegen seiner pop»»läreu Darstelluugslveise auch für a r b e i t e u d e D e n k e r sich eignet. ES ist populär, genreinverständlich geschrieben, ohne dadurch inbezug auf Gründlichkeit Einbuße erlitten z»» haben. Herrn Dr. Carrings Werk ist eine gediegene und fleisstge Arbeit. Carring hat das Thenia gründlich und ausführlich bearbeitet, lvenn auch uicht gauz erschöpft. Er hat die geschichtliche Entlvickluiig des GelvissenSbegriffeS vo»i seiuen Uranfängen, lvv er im Volke noch unklar ernpfunden lvird und in der Literatur in umschriebener Weise anftancht, mit klaren! Blicke verfolgt und seine Wandlungen von den S 0 p h i st e u und Plato bis Spinoza und K n n t ga»!z objectiv beleuchtet. „Das Gewissen," sagt der Verfasser, „beruht auf einer allgemeinen menschlichen Anlage, gefühlsmüstig das Gute als gut. das Schlechte als schlecht zu enipfinden." „Halten ivir folgende beiden Thatsachen nebeneinander. Erstens. Wir billigen unbedingt gewisse Handlungen und Gesinnlingen und missbilligen deren Gegentheil, auf Grund eines eigeriartigeii uniiilttelbaren G e fühl e s, das uns zu verstehen gibt, dass jene Handlungen, jene Gesinnungen als gute zu Pflegen sind und ihr Gegentheil zu vernieider» ist. Zlveitens. Die Handlungen u»»d Gesinnungen, die von diese»»! Gefühle gebilligt oder missbilligt lverden, sind zlvar bei Völkerschaften verschiedener C!llt!lrst!»fcn in verschiedene»! Gesellschaftskreisen und bei de»! einzelnen Gliedern der einzelnen Gesellschaftskreise nicht stets die- *) Akademischer Verlag für sociale Wissenschaften. Dr. John Edelheirn. Berlin-Bern 1001. Preis geh. Mk. 2.