Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1902-02-21 · 8 (21.2.1902) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2432763-2432917-2432925--1363-2435112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mischer MMt LkdmÄon: THÄ/l, KchWtzelgafle UL Sdr«Ä>st»Mbe«r An Wochentaner». smr 4 btS 6 Uhr nachmittanS. p-st-rr»,;.: JüdtfcheS AoNMMtt. Wie», vn,,r. SesÄhwerde» wegen i-erspätcter oder gar nicht erfolgter ZiKrLun« erbitten wir UNS dringend. ~ Äialmjerwte vsrrde« Sicht z»rüchg«st«m. $&ßhtttcaßm*8i>ntp 8470B7. I» baS Monnnnent lonn man täglich etntreten. MM jede» Keitas srnte* Mittvirkvms der vom jLMsitzrn VoUiÄvVrZirr Hdrrnehn.en die gi'.in>n! g. Lanrcbrrg, M. LukeS, Haajen« <>7ru tc. Bögler, *Tvubnl< Wo sic, S, Oppelik, M. Pozjvntzt, A. Schalel in Men. ferner alle Knnoncen--Krpediiionen im klublandr. GiKzeL-MAMWer irs Wie» HT Heller« LdmmW:Mvn: miß, SchlStzelgaM; 11. W>on»eme«tSpreiS r Für baS gesammt« U»Sla«d sammt Francozustellmig. Für Wie» n. OcsterreiK-Nsgarn sammt Francozu8cllmig. SonzjShrig "albjährig iertekjSkrig Kr. 8.— , 4- Sanzjährtg . Halbjährig . Bierteljährlg Kr SU. 8 Mier^ 21. Februar 1902. immmyrnaium 9.- 4.50 »Ä5 ns IV. Jahrgang. mmmtm» sTMis,i9iw>iirmiiiiii[<»ywf»siuj!jm'uaw—Mfwaisj9w^jnw»j9iwtgii'ijws.> Vom Tage. vor den Wahlen. In Wien stehen die Wahlen in den Gemeinderath und in die Handelskammer vor der Thür. Alle Parteien rüsten zu dem Wahlkampfe, und die berüchtigten Debatten im Parlamente haben gezeigt, wie hoch schon jetzt die Wogen der Agitation gehen. Wir wollen hier nun nicht eine wohlfeile Entrüstung über die Entartung des Parlamentarismus posieren; diese moralische Altitude überlassen wir gerne Ehrenmännern wie Vergani, Herzog und Wolf; vielmehr wollen wir leidenschaftslos die Chancen des Wahlkampfes abwregen. In erster Linie kommen die Liberalen in Betracht. Von ihnen gilt das Wort, dass sie nichts gelernt und nichts vergessen haben. Sie haben nicht von ihrem siegreichen Gegner gelernt, wie man wirkungsvoll Opposition macht, und sie haben nicht ihren Hochmuth und ihre Exclusivität vergessen, die sie zur Zeit ihrer Herrschaft zur Schau trugen. Die Opposition ist numerisch schwach (womit wir nicht behaupten wollen, dass sie geistig stark ist); aber von dieser schwachen Opposition fehlt gewöhnlich die Hälfte, und die Anwesenden stimmen oft gegensätzlich. Das kann ihr natürlich kein Ansehen verschaffen. Wenn sie sich schon einmal ins Zeug legt, so ist es der — Jude, den sie ins Vortreffen schickt. Früher war es Lucian Brunner, und jetzt ist es Dr. Mittler; damit bestärkt sie die Ausstreuungen der Antisemiten, dass es nur die Juden sind, die unter dem herrschenden Regime zu leiden haben. Kurz und gut, die ganze liberale Weisheit erschöpft sich in dem Satze: „Wasch' mir den Pelz, und mach ihn nicht nass". Ihre Agitation ist ebenso ledern und lendenlahm geblieben, wie sie war. Wieder, wie vor jeder Wahl, tauchen die bekannten Versammlungen der Fortschrtitsfreunde und Verfassungstreuen, der Freisinnigen und der Demokraten auf, alte, bekannte Ladenhüter, die doch niemanden mehr über die Haltlosigkeit der Liberalen täuschen können. Nie sind die Liberalen wirklich „ins Volk gegangen"; sie waren immer eine Partei, in der gewisse intime Tarockpartien und vertrauliche Salongespräche einen größeren Einfluss auf die Gestaltung der Partei übten, als die wahre Volksstimmung. Aber sie sind ihren alten Sünden treu geblieben, und vor jeder Wahl paradieren sie mit ihren traurigen Versammlungen, die «ns dem — Papiere einen sehr großen Raum einnehmen. Aber auch in der Judenfrage sind sie die Alten geblieben. Der jüdische Kaufmann und Gewerbestand weiß davon ein Liedchen zu singen, dass die Chicanen unter dem liberalen Magistrate eine verfluchte Aehnlichkeit mit dem jetzigen Willkürregimeute haben. Und in der hohen Politik? Die Liberalen entblödeten sich bei den letzten Wahlen, mit den Schönererianern ein Conipromiss zu schließen. Ist es nun wirklich eine Zuinmthung, die ihresgleichen jucht, von den jüdischen Mitgliedern der liberalen Partei zu verlangen, Alldeutschen zum Siege zu verhelfen, die in puncto Antisemitismus zehnmal roher und brutaler sind als die Christlich-Socialen, so verschärft sich noch unsere Entrüstung, wenn wir nachträglich erfahren, dass die Schönererianer ihrerseits die freche Bedingung stellten, dass sie mit keinem Juden verhandeln und lernen Juden wählen wollten. Und diese Bedingung wurde von den Liberalen in den betreffenden Bezirken acceptieri! Die Liberalen müssen sich endlich entscheiden, ob sie mit den Juden oder mit den erbittertsten Feinden der Juden, den Schönererianern, pactieren wollen. Da muss man sich wirklich fragen, was für ein Interesse die Juden haben, bei den Wahlen für die Liberalen zu agitieren und zu stimmen. Nein! Ihr Streben sollte sein, selbst auf den Kampfplatz zu treten, und, wenn auch numerisch schwächer, dafür aber innerlich geeint, und vor allem bewusst, den Wahlkampf für ihre Rechte nufzunehmen, anstatt andere mit dieser Ausgabe zu betrauen, die diesem Aufträge nur widerwillig oder, besser gesagt, gar nicht Nachkommen. Lueger, der Ehrenmann. Mit diesem Epitheton ornans kann man kann: nach dem Ausgange der Jnterpellationsdebatke in Sachen des Wahlaufrufes der deutschsortschrittlichen Partei Dr. Lueger, das Oberhaupt der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, einer Weltstadt von über eineinhalb Millionen Seelen belegen, ohne eine Berichtigung von irgend welcher Seite fürchten 51t j dürfen, der nach dem. Pressgesche Rechnung getragen werden müsste. Denn es ist ans der vielstündigen Jnterpcllationsdebatte für jeden Einsichtigen, objectiv und nüchtern Denkenden mit unwiderstehlicher Logik hervorgegangen, dass nicht der Schatten eines Beweises für die unflätigen und schimpflichen Verleumdungen, die der Bürgermeister Wiens gegen einige der hervorragendsten Mitbürger erhoben hat, erbracht werden, konnte. Das „Jüdische Volksblatt" hat sich schon in der letzten Nummer mit der Ehrabschneiderei Luegers des Ausführlichen beschäftigt. Wir haben damals das Verlangen gestellt, dass der Chef der Regierung, Ministerpräsident Dr. v. Koerber, die antisemitische Interpellation so rasch und' auch so ersclchpfenü als möglich beantworten möge und dass er den in ihrer Ehre tief Berichten ausreichende. Satisfaction gewähre. Wir constatieren mit Befriedigung, dass Mimskerpräsideni Dr. v. Koerber unserem Verlangen, die Interpellation ohne Verzug zu beantworten, entsprochen hat. Dagegen sind wir mit der Art und Weise, mit der Form und dem Inhalte seiner Jnterpellationsbeantwortung durchaus nicht zusrkedengestellt. Ministerpräsident Dr. v. Koerber sagte, er habe nicht den leisesten Verdacht, dass von dm in dem bewussten Aufrufe angeführten Persönlichkeiten, welche sich in weiten Kreisen der Bevölkerung der vollsten Achtung erfreuen, eine ungesetzliche Verwendung der aufgebrachten Mittel vorausgesetzt werden können und bemerkte schließlich, dass es gewiss im Interesse einer friedlichen und gedeihlichen Enftvijckluntz des Gemeinwesens gelegen sein kann, Angriffe zu vermeiden, welche die Gemüther erregen und die ohnehin schon bestehenden Gegensätze verschärfen. Wahrlich, wir haben uns die Beantwortung der Interpellation seitens des Ministerpräsidenten ganz anders vorgestellt. Dr. v. Koerber hat nur offene Thüren eiugeraunt, wenn er bescheinigt, dass die Herren Lobmayr, Gerhardus, Weil, Klinger und Auspitz keine Lumpen sind und auch nicht silberne Löffel gestohlen haben, hiezu bedarf es keiner feierlichen Enunciation seitens des Regierungs-Chefs. Alle diejenigen aber, die seitens des Ministerpräsidenten eine energische Zurückweisung der Interpellation erwartet haben, sind arg enttäuscht worden. Mit dieser lendenlahmen Phraseologie weist man den antisemitischen Janhagel nicht zurecht und imponiert ihm nicht. Im Gegentheil, der letztere tv-ivd durch diese Leisetreterei nur noch zu größeren Affeeten provociert. Beweis dessen die Vorgänge, die sich tvährend der Jnterpellattonsbeantwortung abgespielt haben. Merkwürdig genug aber istzdM Umstand, dass die FoMchrittspartei M mit den lendenlahmen Expectorationcn Koerbers vollkömmen zufrieden stellte. Die Jnterpellationsbeantwortung, deren Verlauf ja männiglrch bekannt ist, wird seitens der Fortschrittspartei als ein Sieg für sich und als eine Niederlage für die Gegner ausposaunt. Die Gegner dagegen behaupten, dass es ihnen gelungen ist, ihre infamen Verleumdungen und Beschuldigungen nach jeder Richtung hin unter Beweis gestellt zu haben. Geht man nun in eine Betrachtung ein, wie sich die Situation nach der Debatte mit der Jnterpellationsbeantwortung gestaltete, so muss man der Wahrheit gemäß constatieren, dass au der Sachlage nicht nur nichts gebessert worden ist, sondern dass sich dieselbe für die liberale Partei noch mehr verschärft hat. Namentlich Nur Juden haben alle Ursache, den Verlauf der: ganzen Asfaire tief zu beklagen. Denn man musste, den Eindruck gewinnen, dass die Juvon der Fortschrittspartei eigentlich nur Nebensache sind und dass es ihnen nur daruur zu thun ist, sich ihre Mandate zu sichern und Assecuranz-Prämien dafür zu erlangen, die sie nur mit Hilfe der jüdischen Wähler zu erreichen imstande sind. Während seitens dem Gegner Feuilleton. Die Jargon-Sprache und Literatur Psalm 116. Bon Max Eisler, Wien. Gnädig ist der Ewige und gerecht, und unser Gott ein Erbarmer. 116, 6. Meine Seele war krank, und aus meinem Herzen rann das Blut des Leidens. In den Abgrund der Nacht ward ich gestoßen, und lag da ... und es war kein Licht. Die Sterne waren verloschen, die Sonne schlief, nur die Thiere riefen durch den Wald. Da ward mir bange, und ich zagte in meinem großen Schmerze. Ich riss mir die Brust, ein Quell rieselte hervor, und in den tranken Augen ward es heiß von Thränen. . . . Und ich schlief ein in großer Müde. Du wecktest mich, Herr, und gabst mir den Becher herab; ich trank, denn ich war sehr durstig. Und es kam mir neues Leben. — — Wie den schmachtenden Pilger, der nach Jerusalem zieht auf der einsamen Straße, hast Du mich gelabt, wie die Cedernblüte ans dem Libanon, wenn ans sie der Than fällt am Morgen; ich wäre verdorrt auf dem Wege. Ich wäre geworden zum Staub der Wege, und die nach Zion Kommenden hätten mich getreten. Du, Erbarmender, hast das kleine Sanienkorn gerettet, damit es ein Baum werde und Blüten trage. Tie Blüten werden Dich loben, Herr der Heerscharen. Selch? Mit der jüdlsch-nationalen Idee, die in letzter Zeit ihre Verbreitung im ganzen jüdischen Volke gefunden hat, kam auch die Frage einer jüdisch-nationalen Sprache aus die Tagesordnung und nimmt gegeirwärtig einen hervorragenden Platz in unserer Literatur ein. Sv lange die Juden einzig unter dem religiösen Banner sich sammelten, war die hebräische Sprache die heilige, der Jargon die profan e, und was von religiösen Dingen in dieser letzteren geschrieben wurde, war einzig für das Bedürfnis der Frauen berechnet, da es kein anderes Mittel gab, um diese „Unwissenden" im Glauben zu belehren. Ganz anders gestaltete sich die Sache, als das nationale Bewusstsein erweckt war. Das Volk sowvtll, als auch die Sprache begann man weniger als heilig und mehr als national anzusehen, und so entstand die Frage: „Welche Sprache soll die nationale sein?" „Die hebräische natürlich," meinten viele. Aber von vielen Seiten wendete man mit Recht ein, dass eine Sprache, die vom Gros des Volkes nicht gesprochen wird, unmöglich eine Nativnalsprache sein könne. Viele jüdische Patrioten und denkende Köpfe begannen sich jetzt für den Jargon zu interessieren und waren bestrebt, eine Literatur in dieser Sprache zu schaffen. Zeitungen und Journale wurden gegründet, Bücher aus allen Literatnrzweigen heransgegeben, und so besitzen wir heute zwei jüdische Literaturen: eine hebräische und eine Jargon-Literatur. Die rnssischen Juden pflegen beide in gleicher Weise, die hervorragenden Schriftsteller schreiben zu gleicher Zeit in beiderr Sprachen, die Jlldeu in Amerika haben die hebräische Sprache ganz aufgegeben und pflegen einzig die Jargon-Sprache. Während sich die Jargon- Schriftsteller in Russland bloß auf Erzählungen ans dem jüdischen Leben beschränken, sind die Juden in Amerika noch einen Schritt weitergegangen und schreiben im Jargon alles, was menschliches Interesse erheischt. Die „Arbeiter-Zeitung" oder die „Neue Zeit", welche in New-Aork heransgegeben werden, enthalten fast gar kein Svecisisch-Jüdisches (abgesehen von einigen Erzählungen ans dem jüdischen Leben), sie wollen auch von einer besonderen jüdischen Nationalität nichts wiffen. Geniale Schriftsteller und Dichter, u»ie A b r a h a m 0 wi c z, Perez, Frug und andere in Russland, Rosenfeld, B e n - P v r a s, S 0 k e f - G 0 d e l und noch mehrere in Aineriku haben unziveifelhaft Bedeutendes im Jargon hervvrgebracht und diese Sprache nahezu zu einer l i t e r a r i s ch e u umgestaltet, aber diese Sprache zu einer u a t i 0 n a l c lt zu erheben, heißt zum mindesten den Thatsachen etwas allzu stark vorgreisen. Wenn der Begriff „Nation" eine geschichtliche Tradition in sich schließt, so hat die Jargon-Sprache keineswegs dieses Merkinal, das sie zu einer nationalen stempeln könnte. Abgesehen davon, dass die Dialeete in derselben so weit verschieden voneinander sind, wie die Länder, in denen die Inden leben, darf man nicht anßeracht lassen, dass ein! Thoil unseres Volkes einen anderen Jargon, nämlich den s p a n i 0 l i f ch e u, spricht, der mit dem anderen nichts gemeinsam hat. Wenn von einer „jüdischen Nationalüät" gesprochen wird, so müssen doch unter diesen Begriff alle Juden der Welt zusammengesasst werden und da dürfen wir doch am wenigsten die s p a n i 0 l i s ch e n Juden weglassen, welche gleichfalls ihre Zeitungen und Bücher, ihre Schriftsteller und Dichter in ihrem Jargon haben. Weirn wir auch ihrer Voreingenommenheit gegen die „Aschkeiiasim" in keiner Weise beipflichten, so geht es doch andererseits nicht an, ihre Sprache und ihre Literatur nicht unserem Jargon und seiner Literatur gleichzustellen. Und gerade dieser Gesichtspunkt gibt uns die lichtige Lösung für die Beantwortung der Frage, welche die Nativnalsprache der Juden sei. Wenn ein spauiolifcher und aschkenasischcr Jude

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.