Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. Februar 1902 Seite 5 trifft bereits die Wiener Anstalt ihr Vorbild und dient schon ankeren ähnlichen Gründungen in Provinzstädten zur Nachahmung, obgleich hier ein ganz anderer Geist vorherrsche. Der Ausbau der Halle dürfte im Laufe der nächsten Jahre erfolgen, eventuell ein eigenes Heim angekanft werden, um die verschiedenen Curse und Lectionen bequem unterbringen zu können. Nach Genehmigung des Jahresberichtes verlas Herr Kremenezky die Cassagebarnng, nach welcher ein jährliches Budget von 4—5000 Kr. zu decken sei. Baron Rothschild widmete einen Betrag vou 1000 Kr., der Hausbesitzer Herr Weiner, in dessen Hause die Halle sich befindet, redueierte seine Miete um 400 Kr. Cultusvorstand Eltbogen erklärte sich gerne bereit, ein etwaiges Ansuchen des Vereines um Ueberlassung des Winterbetlocales im Brigittenauer Tempelgebäude für Creierung eines hebräischen Curses zu befürworten. Bezüglich der übrigen Curse dürfte der neugewählte Ausschuss beschließen. Es wurden dann die Herren Rector Dr. Schwarz, kais. Rath Moriz Hirsch und die Cultusvorsteher Dr. Gustav K o h n und Dirctor Simon neugewählt. Den Ehrendamen, namentlich Frau Dr. Kah n, Frau Rosa Feigenbaum und Frau Primarius Dr. Kornfeld, wurde der besondere Dank votiert. Jüdischer Volksverein für den 9. Bezirk. Der letzte Nertstnsabmd, jder bei dev „Schönen Schäferin" ftatfa fand, verlief in der animiertesten Weise. Nach deri einleitenden Worten des Vorstandsmitgliedes Herrn Jakob Kraus, tvclcher den äußerst zahlreich erschienenen Gästen die Tendenz des Volksvereines auseinandersetzte, las Herr Max Eisler, eines der begabtesten Mitglieder des jungjüdischen Dichterkreises, der das „Jüdische Volksblatt" um sich geschart hat, eigene Dichtungen, welche tiefe Wirkung übten. Der Schauspieler Herr Frankl trug in vollendeter Weise eine Scene aus „Uriel Acosta" vor, Herr Kraus wurde für sein fein poinstiertes „J'accuse" lebhaft acclamiert, Chefredakteur Mtmk weckte durch seine Parodie „Im Zeichen des Kreuzes" stürmische Heiterkeit. Herr Leo Ascher, der den Besuchern des Volksvereins als Componist bestes bekannt ist, zeigte sich diesmal am Clavier als geistreicher Improvisator. Nach den Vorträgen wurde getanzt. t'aoouss! Satirisch-humoristische Anklageschrift, frei nach Emile Zola verfassr und im „Jüdischen Volksverein für den VIII., IX., XVIII. und XIX. Bezirk" vorgetragen von Jakob Kraus. 1. J'accuse! Ich klage den „Jüdischen Volksverein für den VIII., IX., XVIII. und XIX. Bezirk" des Tauschhandels mit Menschen an, weil in diesem Vereine die Menschen umgetauscht werden. Wer traurig hinkommt, geht vergnügt von dannen; der Unzufriedene wird in einen Zufriedenen umgetauscht und jeder Assinrilant wird dort in einen echten, gutgesinnten Juden umgewechselt. 2. J'accuse! Ich klage den nämlichen Verein des unlauteren Wettbewerbes an, weil, während % anderen Lagern die eongressivo Steuer eingeführt ist und die Menschen nur per Kilogramm genommen und gegeben werden, der anklagte Verein den Menschen pro Gramm gibt und desto größeres Gewicht auf die Qualität legt, gesteuert hingegen nur jeder antijüdischen Bewegung wird. 8. J'accuse! Ich klage den ineriminierten Verein der allgemeinen Ruhestörung an, weil er alle Indifferenten aus ihrer beschaulichen Ruhe reißt, sie aus ihrem lethargischen Schlafe rüttelt und sie zur rastlosen Arbeit für ihr Volk und ihren Glauben zwingt, so dass der Jude keine Ruhe findet, bis das durch den Verein ausgesteckte Ziel erreicht ist. 4. J'accuse! Ich klage den obeitierten Verein des R a u bversuche^ an, weil er für das Judenthmn Rechte zu erreichen sucht, die man ihm nicht geben will und er zu diesem Behufs alle möglichen Mittel in Anwendung bringt. j'accuse! Ich klage den nunmehr zur Genüge bekannten Verein des vorsätzlichen Mordes an, weil er mit Vorbedacht alle Vorurtheile aus der Welt schafft und ihnen in schonungsloser Weise den Garaus macht! t». j'accuse! Ich klage diesen merkwürdigen Verein des Einschlei che ns an, weil er sich in die Herzen aller gesund denkenden Juden beinahe unbemerkt einschleicht und dann von der: nicht mehr herauszubringen ist. 7. j'accuse! Ich klage diesen wiederholt erwähnten Verein der Aufwiegelung der Juden gegen den Staat an, weil er in öffentlichen Versammlungen unausgesetzt verkündet, dass angesichts all der Ungerechtigkeiten, die der Jude zu erleiden hat, „h ü b s ch st a a t s e,i u" eine Sünde und ein Verbrechen ist. 8. j'accuse! Ich klage den meiner Eruptionen nunmehr überdrüssigen Verein des ganz gemeinen Antisemitismus an, weil er jedem Juden, mag es ihm noch so unangenehm sein, öffentlich zuruft: „Du Jud!" ».■J'accuse! Ich klage diesen eigenthümlichen Verein der Gotteslästerung an, weil er allen fatalistischen Juden, die da meinen, „Gott wird schon helfen", entgegenhält, „wer sich nicht selbst zu helfen sucht, dem hilft auch Gott nicht!" 10. j'accuse! Ich klage den angeschuldigten Verein der Verleitung zu unmoralischem L eb e n s w and e l an, weil er die Vergnügen suchenden zur „Schönen Schäferin" führt, anstatt, wie es seine Feinde gerne sehen möchten, Am Hof zur „Kugel" zu greifen. 11. Ich klage den Finanzminister des Vereines der Erweckung staatsgeführlicher Gelüste an, weil er die Mitgliedsbeiträge nicht stramm genug eineassieren lässt und dadurch in den Mitgliedern den Wunsch wachruft, dass die Steuerbehörde auch so verfahren möge. 11 J’accuse! Ich klage mich selbst als Mitglied dieses so umschriebenen Vereines der Irreführung und Vorspiegelung falscher Thatsachen an, weil ich Ihnen einen satirisch-humoristischen Vortrag versprach, während das alles so bitterer Ernst ist. 1 Antisemitische Curorte. Infolge de- Ausfalls der Carlsbader Stadtverordnetenwahlen ist die alldeutsche Partei verstimmt und lässt ihre Wuth an den Juden aus. Die gehässige, gegen die Juden gerichtete Agitation droht sehr üble Folgen für die aus allen Ländern und Nationalitäten sich recrutierende Frequenz des CurorteS nach sich zu ziehen. Die Carlsbader Antisemiten haben bereits versucht, den von den Czechen erfundenen geschäftlichen Boykott in Carlsbad einzuführen. In der eonstituierenden Sitzung der Frauen-Ortsgruppe des „Bundes der Deutschen", welche im December stattfand, erklärte der Carlsbader Bürgerschullehrer und Landtags-Abgeordnete Hofmann, er werde die deutschen Frauen und Mädchen rufen nnd ihnen sagen, dass sie ihre Kleider nicht bei den gewissen Asiaten, ihren Kaffee nicht bei den Fremdlingen, den Israeliten, kaufen sollen. Bei der am 17. v. M. zur Erledigung der dringendsten Geschäfte einberufenen Sitzung des alten Stadtverordneten-Collegiums — das neue, fortschrittliche, konnte sich infolge der Obstruction der Alldeutschen nicht constituieren — erschien zur allgemeinen Verwunderung der alldeutsche Stadtverordnete und Landtags-Abgeordnete Lehrer Joseph Hofm a n n, obzwar er und seine Gesinnungsgenossen bis dahin die Tagungen dieses Collegiums als rechtswidrig auch in Recursen bestritten hatten. Der Bürgermeister brachte seine dem Minister- Präsidenten übergebene, in energischem Tone gehaltene und alle Unwahrheiten der P a ch e r'schen Interpellation mit Acten widerlegende Beantwortung zur Verlesung, und als H o f m a n n mit den alten unwahren Anwürfen replicierte, kam es zu stürmische» Sceuen. Dieselben steigerten sich, als Hofmann die Carlsbader Juden als mit degenerierter Moral behaftet bezeichnete und alle deutschen Christen zum Kampfe gegen Juden und Czechen ausries. Mitglieder eben dieser alldeutschen Partei sind aber während der Curzeit von April bis October ängstlich bemüht, den jüdischen Curgästen gegenüber auf das entschiedenste in Abrede zu stellen, dass sie Antisemiten seien. Trotzdem ist es nicht zu verhindern, dass das Ausland nnd namentlich Deutschland, von dem die Frequenz des Curortes vorwiegend abhängt, von diesen Verhältnissen nicht bloß Kenntnis erhält, sondern auch berührt wird. Die Wirksamkeit dieser Partei, der auch Mitglieder angehören, welche, wie erwähnt, zur Curzeit die triftigsten Gründe haben, diese ihre Parteistellung zu verbergen, droht eine ernste Gefahr für die cnrörtlichen Interessen der Stadt zu werden. Katholische Blätter in Deutschland haben auch schon Anstoß genommen, dass Carlsbad Förderer der „Los von Rom "-Bewegung zu Abgeordneten wählte, und die deutschen Katholiken aufgesordert, wenn sie die Wahl zwischen Carlsbad und einem anderen Curorte haben, Carlsbad zu vermeiden. Die Juden mögen daraus ihre Schlüsse ziehen. Es geht nicht an, dass in Badeplätzen mit vielen jüdischen Curgästen Antisemitismus getrieben wird. Lobositz. (N e u rv ah l - C o n firm ati o n.) Bei der am 2. Februar a. o. statlgehabterr Neuwahl der Cultusgemeinde Lobositz wurden gewählt: In den engeren Vorstand: Kais. Rath MUDr. Heinrich Ritter, JUDr. Karl Glässner, Kobi Glässner, Wilhelm Schiller, Wilhelm Roth, Josef Stern. Ersatzmänner: Joses Bergmann; Leopold L e d e tj' ch, Ignatz K o h n. In den verstärkten Vorstand: Wilhelm B e r g w e i n, Hermann K i e s l e r. Gottlieb Glässner, Leopold Aufrichtig, Rudolf T a u s s i g, Emanuel W i n a r s ch. Umlags-Comission: Alexander Asche r, Emanuel W i n a r s ch. Cassarevisoren: Markus Kiesler, Rudolf Stern. Am verflossenen Sabbath wurde der Sohn des hochachtbaren Gemeindemitgliedes Herrn Eknanuel Glässner in Firma Brüder Glässner im hiesigen Tempel eonfirmiert. Nach den üblichen Segenssprüchen hielt der hiesige Rabbiner eine Ansprache, welche auf die zahlreichen Tempelbesucher einen tiefen Eindruck machte. Der Confirmand trug sodann die Hasthora wirknngs- und verständnisvoll vor. Eltern und Confirmand wurden allseitig beglückwünscht. Ausland. Reichstag. Aus Berlin wird geschrieben: Der sogenannte Toleranz-Antrag des Centrums, der aus der Commission heransgekommeve Gesetzentwurf, betreffend die Freiheit der Religionsübung, kommt zur zweiten Lesung. Es handelte sich zunächst um den Abschnitt des Gesetzentwurfes, der die Religionsfreiheit der Reichsangehörigen behandelt und als Grundsatz ausspricht, dass jedem die volle Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der Bereinigung zn Religionsgemeinschaften, sowie zu gemeinsamen öffentlichen und häuslichen Religionsübuugen zusteht. Daran ist die Verwahrung geknüpft, dass den bürgerlichen und staatsbürgerlichen Pflichten dadurch kein Abbruch geschehen dürfe. Und von dm Natronalliberalen wird noch beantragt, dass bis zum Erlaffe eines Reichs-Vereinsgesetzes die Ausführungsbcstimmungen Sache der Einzelstaaten sein sollen. Das sieht bedenklich aus: denn dadurch könnte leicht der Grundsatz der freien Religionsübung durchbrochen werden. Darum wehrt sich auch das Centrum gegen diesen Antrag und auch von der Linken widersprach man ihm. Die Hauptsache aber ist: Mecklenburg, wo bisher die wenigen dort lebenden Katholiken in ihren Religionsübnngen beschränkt worden sind, will sie jetzt mit den Protestanten gleichstellen. Das hat der Herr Reichskanzler bewirkt und das Centrum wird ihm dankbar sein. In Braunschweig liegt auch ein entsprechender Gesetzentwurf vor. Die Erklärungen, welche die Bevollmächtigten beider Staaten abgaben, wurden beifällig ausgenommen. Nur Sachsen fehlt noch, das schweigt. Zu einer Bestimmung kam es noch nicht. „Berein Jüdischer Studenten." Vom 6. bis 8. Jänner tagte in Breslau der Kartelltag der „Vereine Jüdischer Studenten". Als Präsidialverein für das Jahr 1902 wurde „B. I. St." Breslau gewählt, zum Vorort für den nächsten Kartelltag wurde München bestimmt. 8km 8. Jänner, nach dem Schluffe der Verhandlung fand in den Sälen des Palast-Restaurants ein sehr zahlreich besuchter und wohlgelungener Festcommers und Ball statt. Nach dem Kaiser-Salamander begrüßte der I. Chargierte Mo ses die Erschienenen. Bereinsbruder Le mchen hielt eine glänzende Tendenzrede, Vereinsbrüder Peritz toastete auf die Damen. Im Name» des „B. I. C." sprach Bundesbruder Rosenkran z-Berlin dem Breslauer Verein den herzlichsten Dank für die liebevolle Aufnahme der Delegierten aus. Der zahlreiche Besuch beweist uns aufs deutlichste, dass unsere Tendenz in den weitesten Kreisen Zustimmung findet. Dem Breslauer Verein wurde eine besondere Freude zutheil dass sich drei Studenten activ meldeten. London. In der letzten Monatssitzung der „Anglo Jevvish Association" nahm Chacham Rev. Dr. Gaster Gelegenheit, gegen die von seinem zionistischen Gesinnungsgenossen Zangw i l l auf dem Zionisten-Congresse gegen die „ Jewish Colonization Association“ erhobenen Anschuldigungen in scharfen Worten zu protestieren. Dr. Gaster warf Z a n g w i l l Unwissenheit und Ungenauigkeit vor. Die Angelegenheit der palästinensischen Colonien werde nicht von dem Verwaltungsrath der „Jea", sonder» von einem unter oem überwiegenden Einflüsse des Herrn Baron Edmund von Rothschild stehenden Speeial-Comite geleitet, und Herr Zang will habe daher seine Vorwürfe an eine falsche Adresse gerichtet. „Die Jea", so sagte Dr. Gaster, „will ebenso wie der Zionismus nur das Beste für das Judenthum und ich lege Wert darauf, mich ganz ausdrücklich von der durch Unwissenheit hervorgerufenen Anklage des Herrn Zangwill loszusagen." Der Vorsitzende, Herr El. Montefiore, Mitglied des Verwaltungsrathes der „Jea" schloss sich dieser Verwahrung gegen jene Anklage, die er als „wild und ungenau" bezeichnete, an und betonte, dass die „Jea", deren Thätigkeit durch ein Statut begrenzt sei, für Palästina mehr gethan habe, als sie eigentlich durfte. — Dieser Tage fand abermals zur Propagierung des Verb o ts der Fremd en - Ein w and erung eine Massenversammlung statt, welche einen durchaus antisemitischen Charakter trug. Schon zwei Stunden vor Beginn derselben zogen Banden mit Musik und flatternden Fahnen durch die Straßen Ost-Londons, um die Menge anzulocken. Die Absicht wurde vollkommen erreicht, denn die weiten Räume des Peoplös •Palace waren bis auf das letzte Plätzchen mit einer vieltausendköpfigen Volksmenge besetzt, von der jedoch der größte Theil zunächst weder fremden-, noch weniger judenfeindlich gesinnt war. Diese Masse gegen die Inden aufzuhetzen, war der Zweck der Versammlung, der leider höchstwahrscheinlich erreicht wurde. Freilich verwahrten sich einige Redner dagegen, Religions- oder Rassenhass predigen zu wollen, aber andere Redner benützten gierig die Gelegenheit, um gegen die fremden Juden oder gegen die Juden durchwegs zu Hetzen. Jeglicher Widerspruch war in dieser Versammlung, wie in den gleichen antisemitischen Veranstaltungen auf den Continent, ganz unmöglich, und etwa hundert Juden, welche gegen die Beschimpfung ihres Volkes zu protestieren versuchten, wurden niedergeschrien und nach Schluss der Versammlung den ganzen langen Nile Eud Road hinuntergejagt. Der erste Redner schimpfte zunächst über die Statistik und erklärte, genau zu wissen, dasse in e M i l li o n fremder Paupers (!!) in England leben. Nach ihm log der saubere Mr. Arnold White, der auf Kosten des Baron Hirsch durch Russland gereist war und die traurige Lage der dortigen Glaubensgenossen aus eigenem Augenscheine kennt, seinen Zuhörern vor, die russischen Juden gingen nach England, nicht weil sie zuhause verfolgt werden, sondern weil sie in England Geld verdienen wollen. Dann schimpfte dieser langjährige, fett bezahlte Kostgänger des Baron Hirsch über die jüdischen Millionäre, da diese Lord Salisbury verhindern, dem Parlament ein Fremdengesetz vorzulegen. Darauf wurde eine von Mr. White beantragte Resolution angenommen, welche erklärt, dass die Wohnungsfrage in London ungelöst bleiben werde, so lange den mittellosen Fremden die Einwanderung in England gestattet sei. Ein Herr Normann protestierte unter frenetischem Beifall dagegen, dass „England zum Tummelplatz für den Abschaum von Europa gemacht" werde, und fügte noch andere unflätige Schimpfworte über Juden und Judenthum hinzu, deren Wiedergabe mir Ihre Leser wohl erlassen. Die Versammlung hat den letzten Zweifel darüber beseitigt, dass die Fremdenhetze in Wahrheit nichts anderes ist und sein soll, als eine brutale Judenhetze. Erfreulicherweise wird diese Gefahr nicht unterschützt und regt sich in allen Kreisen unserer hiesigen Glaubensgenossen kräftige Gegenwehr. In einer Konferenz der angesehensten Juden Ost-Londons ist die Begründung einer „Fremdenschutz-Liga" beschlossen worden, welche hauptsächlich durch Verbreitung von Druckschriften den Lügen der „englischen Brüder" entgegentreten will. Auch der Jewish Board of Deputies hat in seiner vorwöchentlichen Sitzung sich mit der Angelegenheit beschäftigt und auf Antrag des Herrn Josef Prag beschlossen, zunächst die statistischen Daten über die „Fremden- Einwanderung", durch welche die übertriebenen Ziffern des Board of Trades richtiggestellt werden, drucken und sämmt-- lichen Parlamentsmitgliedern zugehen zu lassen. Letzteres auS dem Grunde, weil sich das Unterhaus demnächst mit der „Frage" beschäftigen dürfte. Zur großen Enttäuschung der Faiseure der „Bewegung" war in der Thronrede, mit welcher das Parlament eröffnet wurde, die „Fremden-Einwanderung" mit keiner Silbe erwähnt worden, ein fernerer Beweis dafür, dass die Regierung trotz allen Gepolters der „englischen Brüder" nicht daran denkt, zu der Schaffung der gierig erstrebten „Anti-Alien-Bill" die Initiative zu ergreifen. Um eine Parlaments-Debatte zu erzwingen, hat der Abgeordnete Major Evans G o r d o n die Einfügung nachstehenden Amendements in die Adresse an den König beantragt: „Wir machen Ew. Majestät ehrerbietigst auf die Nothwendigkeit aufmerksam, ein Gesetz zur Regelung und Verhinderung der Einwanderung fremder Paupers in London und andere Orte des Vereinigten Königreichs zu erlassen." In Deputiertenkreisen verlautet, dass das Parlament mit der Prüfung dieses Amendements eine Speeial-Commiffwn betrauen dürfte, deren Zusammensetzung die Gewähr dafür bietet, dass die Stimme der Vernunft und der Gerechtigkeit zu Gehör gelangt. Wie wenig die Regierung sich durch den Terrorismus und das Gepolter in ihrem Verhalten beirren lässt, beweist die Thatsache, dass der Unterstaatssecretür Mr. Gerald Balfour es nachdrücklichst abgelehnt hat, den Präsidenten der „Liga der englischen Brüder", Mr.S h a w, der ihm die von der Versammlung in PeoplösPalace gefassten Resolutionen überreichen wolltezu empfangen und auf dessen wiederholte dringliche Vorstellungen ihm bedeuten ließ, dass die Angelegenheit durch das Amendement Gordon im Parlament zur Sprache kommen und die Regierung Gelegenheit haben werde, sich darüber zu äußern, weshalb er (Balsour) umsoweniger Veranlassung habe, den durchaus unlegitimierten Herrn Shaw vorher zu hören. Aus Palästina wird geschrieben: Seit dem Jahre 1892 sind zum erstenmale Berichte vhn Consuln im Oriente erschienen, welche sich dadurch vorteilhaft von dsnen anderer Länder unterscheiden, besonders den englischen, dass sie viel eingehender sind und auch neben Jaffa der anderen größeren Hafenplätze, Gaza, Haifa und Akka gedenken. Dieselben verzeichnen ein ständiges Steigen der Einsuhrziffern. Darin offenbart sich der allmählich wachsende Wohlstand Palästinas und die Rückwirkung des bedeutenden Exports der jüdischen Colonien. Jaffa hat im Jahre 1900 eine Einfuhr von rund 9 Millionen, eine Ausfuhr von rund 12 Millionen Francs, doch ist bei letzterem Posten die Ausfuhr aus Gaza mitgerechnet. Bezüglich der Einrespective Ausfuhr von Haifa und Akka haben wir zunächst nur genaue Angaben über die Gewichtsziffer, doch laffen sich auch Wertberechnungen anstellen. Demnach würde der Export dieser beiden Häsen mit 8 Millionen Francs, der Import mit etwa 4-. Millionen zu bewerten