Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2432763-2432917-2432922--1339-2435085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 31. Jänner 1902 Nr. 5 \ -es jüdischen Natioitalismus führt weit ab von der bequemen Heerstraße. Es zeigt sich, dass die psychischen Eigenschaften eines Voltes tonangebend sind, dass das Territorium, ja selbst die Sprache gegenüber den psychischen Gemeinsamkeitsmerkmalen eine fast untergeordnete Ralle spielen. Verlassen wir das Gebiet der Theorie, sehen wir uns in der Praxis um. ES ist wahr. Die meisten Völker haben die psychischen Gemeinsamkeitsmerknrale aufzuweisen. Sic verfügen ctber auch über gemeinsame Sprache und Land. Zunächst die meisten Völker, nickst alle, ganz abgesehen voit den Juden, betone ich. nickst alle. Aber viele dieser Völker, in denen die psychischen Zusammcngchörigkcitsmerkmale nicht mehr so stark sind, in denen die Reinheit des Blutes eine zu große Verschiedenheit der Volksempfindungeit und Volkswertungen haben entstehen lassen, beginnen trotz des Landes, der Sprache nicht mehr zu blühen. Man sehe fickt die romanischen Völekr an. Entschieden ist ihre rein sprachliche Cultur fester begründet als die der slavischen oder germanischen Völker. Mit der Reinheit, Klarheit, ich möchte sagen Ausbildting der französischen Sprache lässt sich die deutsche Sprache nicht vergleichen. Ganz anders behandelt bekanntlich der Franzose die feilten Instrumente der Sprache. Man vergesse nicht: Vor 150 fahren sprach inan noch in sehr vielen, selbst mittleren gebildeten Kreiselt Deutschlands französisch. Auch die rein territoriale Organisation ist eiitheitlicher, fast möchte ich sagen, schroffer durchgeführt. Trotzdem befindet sich die gesainmte Cnltur der romanischelt Nation bereits in der Decadence. Man sehe sich die slavischen Völker an, deren rein territoriale Geschichte eine noch ganz junge ist, mit ihren ungelenken Sprachenbildungen, wie blühend stehen sie da. In Europa gibt cs eilt Volk, die Baskeit. Lic habeit ihre eigene Sprache und bewohnen ein Jahrtausende altes Territorium. Trotzdem kann mall sie kaum eine Nationalität nennen. Sie sind nicht mehr lebendig, sie führen ein forcilartiges Daseili. Sie sind eilt Anachronismus der Völkergeschichte Europas. Warum? Ihre Nattonalcultur ist verdorrt, weil ihre psychischen Znsaininengehörigkeitsmerkmale zwar stark genug waren, die Reinheit der Rasse zu garantieren, aber zu schwach, um auch die geringsten neuen Wertungen den uralten hinzuzufügen. Es genügt also noch lailge nicht, desselben Blutes zu sein, dieselbe Sprache zll sprechen und ein uraltes Land zu bewohnen, um eine wirklich lebendige Nation zu sein. Mau gehe nach Amerika. Dort leben die Iren, sprechen nicht irisch, sondern meist englisch, und weit entfernt von der Heimat, ist alles in voller, nationaler Thätigkeit. Sie haben keine tiefe Cultur Hervorgerbacht, das ist richtig, sie haben Ellropa mit wenigen Culturgütern beschenkt, aber sie sind lebendig als Volk, lebendiger, tausendmal lebendiger als die bastisch redenden Basken. So geht cs mit uns Juden. Wir brauchen keine Sprache und Territorium, um eine lebendige Nation zu fein, und wir können unsere nationalen Werte erhaltcil, das heißt nach meiner Definition erhöhen, auch ohne Territorium und Sprache. Sie haben bei mrs nicht diese fundamentale Bedeutung, die sie bei den politischen Zionisten habeil. Bitte mich nicht misszuvcrstchen, meine Herren, keine fuirdamentale Bedeutung, darum sage ich nickst, dass wir diese Factoren gering schätze il wollen. Mit diesem Zusammenhänge möchte ich auch gleich den Schlusspassus unseres Programms erklären. Deshalb haben wir uns au chso warm ausgesprochen für den wirtschaftlichen, colonisatorischcn Zionismus. Wir sind keine Gegner des Zionismus schlechthin, wir rufen nicht aus, das Endziel ist falsch oder ist unbrauchbar. Wir sagen auch nicht, es ist absolut uncntbehrl i ch. Darum, meine sehr verehrten Herren, treten wir von einem doppelten Standpunkte für die Colonisation Palästinas ein, die wir bis aus weitere Gegenbeweise für realisierbar halten. Einmal, um unsere überschüssigeil Kräfte fortzuführen aus den Provinzen Osteuropas, also aus rein wirtschaftlichen Motiven, dann aber auch, falls später gewisse Umstände nach jahrzehntelanger, vielleicht nationaler Erziehung doch eine Heimstätte ermöglichen, damit ein Thcil des Menschcnmarerials sich an den heiligen Boden acelimatisiere. Jahrzehnte-, ja jahrhundertelange nationale Erziehung, das halten wir für die ullbedingte Vormissetzung einer Realisation des Endzieles. Palästina ohne sorgfältige nationale Erziehung erobern, heißt es wieder aufgebcn müssen. Ob nach der sorgfältigsten nationalen Erziehung Palästina erobert werden kanil, daS wissen wir nicht. Ob es einmal unbedingt erobert werden muss, wir wünschen es, wir haben nichts dagegen, es ist aber, und das möchte ich iloch einmal betonen, kein absolutes Postulat der jüdischnationalen Idee, welche die allgemeinere, die umfassendere, die weitere Formel darstellt gegenüber jedem Zionismus überhaupt, von seiner volitisch-specisischen Form ganz zu schweigen. Werte Parteigenossen! Ich bin am Schlüsse meiner Ausführungen angelangt. Gestatten Sie mir nur noch wenige Worte. Ich bin der festen Ucberzeugung, dass dieses Programm die geeignetste Plattform ist, die eine Parteiführung einer Partei nur liefern kann. Erblicken ^ie in diesem Programm kein Provisorium, es wird dafür lange Zeit ein Definitivum bleiben müssen. Nicht um die kleinen, möglichen Ergänzungen handelt es sich, sic sind zahllos. ' In dieser Beziehung ist das Programm sicherlich sehr veränderungsfähig. Aber cs handelt sich um den Geist, der aus demselben weht. Es ivird lange dauern, bis derselbe, von anderen Entwicklungen überholt, für das jüdische Volk unnöthig sein wird. Dieses Programm, meine werten Parteigenossen. ist die Fahne der Jüdischen Volkspartei. Halten Sie sie in Ehren, unterstützen Sie die Bannerträger, die gesonnen sind, dieselbe hoch, dieselbe stramm zu halten, selbst wenn sie nach mancher Schlacht von vielen Geschützen zerschossen nicht mehr so blank wie am heutigen Tage sich uns repräsentieren werden. Ja, halten^ Lie die Fahne hoch, meine Herren, sie tvird und muss uns zum Liege verhelfen. Kleine Chronik. Inland. Lese- und Redehalle jüdischer Hvchschüler. Am Samstag den 1. Februar 7 Uhr abends findet im Vereinslocale, IX. Hahngasse 8, ein Vortrag des Herrn stucl. meä. Otto Glogau über die Gelber'sche Auffassung von Shakespeares „Troilus und Cressida" statt. j Jüdischer Autorenabend. Die literarische Section! der „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler" veranstaltet am Mittwoch den 5. Februar in den Räumen der Halle einen jüdischen Autorenabend, bei welchem die Mitwirkung der Herren R. A. Brandes, Martin Buber, Max Eisler, Adolf Donath, Marek Scherlag, Leo Sofer, Moriz Zobel und Stefan Zweig in Aussicht genommen ist. Jüdischer Volksverein. Am Mittwoch den 5. Februar findet im Festsaale des „Jüdischen Volksverein's ein Vortrag des Herrn Dr. P. H. Chajes über „Indische Juden" statt. Gäste willkommen. Jüdischer Volksverein in Wieliezka. Am 1. Februar findet die coustituiereilde Geueral-Bersammluug des Jüdischen Volksvereines in Wieliezka statt. Wir senden dem jüngsten Volksvereine die herzlichsten jüdischen Grüße. s Wahrheit oder Lüge? Das „Deutsche Volks-? blatt" lässt sich aus Laibach telegraphieren, dass das! Eisenbahnministerium nach Assling die Weisung ergehen!ließ, die Arbeiten, welche bis jetzt von jüdischen Unterj nehmern geleitet wurden, unverzüglich zu sistieren und > Einheimischen zu übergeben und in Hinkunft nicht mehr mit jüdischen Unternehmern in Verbindung zu treten. Wir verzeichnen diese Nachricht mit Rücksicht auf die Quelle mit! gebärender Reserve, fordern aber trotzdem die berufenen Kreise auf, sich über die Richtigkeit dieser Nachricht zu vergewissern. Excellenz v. Wittek ist Verschiedenes zuzutrauen. Man erinnere sich nur an die Sanctionierung der; fantofen Wahlreform, die unter seiner Präsidentschaft! erfolgte.! Vom jüdischen Studentcnball. Die Cotillou-Ouerdrille beginnt. Wir sitzen tu Vallphitosophie versenkt, in einer Ecke der vereinsamten Galleric, manchmal vvit einem zudringlichen Kellner gestört. Ich hatte die Empfindung, als ob ich durch einen Wolkenriss hindurch einen Einblick in dett Himmel, in den wirklichen, wabchafteit Himmel, wie sich ihn das kindlich-religiöse Gemüt ansmalt, gewonnen. Die Empfänglichkeit meiner Siime verfeinerte sich so weit, dass die heitere, lachende Mnsik rnich ganz cmporhob. ich fühlte es genau, die Erde entschwand meinen Blicken, ich schwebte sternenwärts. Gaitz nahe im Winkel stand eine künstliche Palme, bereu freche- Blätter sich itt der sinnberauschenden Luft leise, nur mir allein merkbar, bewegten. Dieses sanfte Nicken erschiett mir wie ein wehmuthsvollcr Gruß mis fernen Tagen . . . Auch s i e war weit in ihren Gedanken, ihre Blicke drangen durch die Decke in räthselhaftc Ferne, nur das ftidenflimmerndc Kleid und die goldenen Spangen im schwarzen Kraushaare erinnerten mich an'die Wirklichkeit. „Dürfte ich Ihnen ein Bouquet anbieten?" Wir fuhren beide erschrocken auf, und sahen uns an, als ob sich unsere Seelen soeben in meilenweiter Ferne geküsst hätten. Die störeitde Dame zum Teufel wünschend, kaufte ich ein Bouquet und überreichte es meiner Mitträumerin mit weltmännischer Geberde. „Dieser Glanz, diese Pracht, Herr Doctor, Sic werden mich anslachen, diese Farbcndisharmonie erschüttert mich." Und das war die Königin des Balles! Nebctl ihr lag die Tanzordnung, vollgeschriebeit mit Namen tmd geistlosen Blitzern. Ich selbst hatte den ganzen Abend nicht getanzt, war immer in meine Ecke auf der Gallerie gesessen, Farbenflimmer und die wiegenden rhytmischen Bewegungen der tanzenden Paare ans mich cinwirken lassend. Die Königin des Balles hatte mich itt meinem Philosophenwinkel bemerkt; vielleicht hatte sie schvn zu viele der abgeschmackten Bnllphrasen über sich ergehen lassen müssen, vielleicht trieb sie ein ihr cigcnthümlichcr Originalitätsdrang zu diesem Schritte, kurz — bei der Damenwahl kam sie ztl mir herauf und forderte mich zum Tanze auf. Ich war im erften Momente derart verwundert, dass ich fassungslos auf sie blickte. „Wenn wertes Fräulein statt des Tanzes meine Einsamkeit theiten wollteit," begann ich, indem ich gleichzeitig jenen verträumten Zug von Enttäuschung an ihr tvahrttahm, der sich auf unserem Antlitze abspiegelt, weint ivir vergebens den nichtigen, sinnberauschenden Vergnügungen des Alltages eine tiefere Deutung abzugeivinncn versucht hatten. Wir geheit von der Phrasenleierci der Männer und der Genusssucht der Frauen aus und verlieren uns schließlich itt die physiologische Begründung der psychologisch räthselhaftesten Gefühle und Empfindungen. Die Ballkönigitt vergisst an ihre Tänzer, sie legt die Tanzordnung neben sich mtd beginnt zu träumen. Die Cotillvit-Ouadrille beginnt. Wir sitzen, in Ballphilosophie versenkt, in einer Ecke der vereinsamten Galleric. Jüdischer Stndentenball. Zu dem Berichte über den so .glänzend verlaufenen Ball der „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler" wäre noch nachzutragen, dass das Gelingen des schönen Abends wesentlich der aufopfernden Thätigkeit des Obmannes der literarischen Section Herrn Otto Glogau und des Schriftführers des Vereines Herrn Arthur Brill zu danken ist. Das Ballfest . weist ein ansehnliches Reinerträgnis auf.! Nus Eger. Der bewährte Opfersinn unserer Gesinnungs- und Stammesgenossen hat schon so manches Leid und Unglück gemildert. Wiederum soll nun das so oft gerühmte jüdische, goldene Herz beweisen, dass, wenn es gilt, unsere armen Brüder ttnd Schwestern zu unterstützen, jeder von uns sein Scherflein beiträgt: Eine jüdische Familie, welche neun unversorgte Kinder besitzt und deren Oberhaupt ohne jeglichen Nahrungszweig ums Dasein kämpft, ist selbst unter Entbehrung der allernothwendigsten Lebensbedürfnisse nicht imstande, sich jetzt im Winter den nöthigen Lebensunterhalt zu verschaffen. Es kann daher nur sofortige Hilfe den richtigen Zweck erfüllen, damit diesen Arrnen Brot und die unumgänglichsten Nahrungsmittel gekauft werden können, und rasche Unterstützung ist umsomehr erforderlich, als die Familie in einem kleinen Dorfe wohnt, wo ihr keinerlei Hilfe zutheil wird. Jede noch so geringe Gabe wird mit herzlichstem Danke entgegengenommen und sind zur Empfangnahme von Spenden sowohl der Unterzeichnete Verein, als auch die Nedaction dieses Blattes bereit. „A h a v a t h Z i o n", Eger. Aus dem ungarischen Parlamcttte. Atis Btidapest ivird ge-! meldet: Int Finanzausschuss des Abgeordnetenhauses ivnrde das Btidget des- Cultusmiuisteriums verhandelt. Mehrere Abgeordnete benützten diese Gelegenheit, tim für die Interessen ihrer Religion bei den einzelnen Posten das Wort ztl erheben. Auch zivei jüdische Abgeordnete, A. Nemetthi und E. Varia, beide Mitglieder des Finanzausschusses, machten voit diesem Rechte Gebrauch. Ersterer negierte die Ausfolgung der Kongrnabeznge für die Geistlicheit, tntd letzterer rühinte die Vaterlandsliebe der Seelsorger. Beide hatten sie ein warmsühlendes Herz für die — „griechisch-katholische Geistlichkeit". Das siitd doch tolerante Inden, die int Interesse Andersgläubiger sogar die eigene Religion zu verleugnen imstande sind! Zmn Glück hat man bei dieser Gelegenheit von Jadeit gar nicht gesprochen, sonst hätte Bartha, im Gegensatz zu den rnthenischen Geistlichen, gewiss die Staatsfeindlichkeit der orthodoxen Inden wieder hervurgehoben. Einmal hat es dieser jiidischc Rnthenenfrennd schon gethatt. Arad. Der hiesige Rabbiner Dr. Rosenberg hat die Einfegnuug der Mischehen plötzlich aufgegeben. Eilte für dett 2. Febrtiar bestittnnte Traunng tvird auch schon unterbleiben. Das junge Paar ist darüber atlch ganz entrüstet. Der Rabbiiter schützt die „Aitfeiiidmtgeit" vor, denen er tvegen der Einsegnung von Mischehen ansgesetzt tvar. Thatfächlich hat sich der Herr Rabbirier sieben Jahre ttttt diese'Anfeindungen nicht gekümmert unb hat sieben Mischehen mit seinem synagogalen Segen beglückt. Der tvahre Segen tvar aber doch ansgeblieben. In fünf Füllen ivar die Che eine > unglückliche, luctin auch die Eheleute selbst behaupten, dass der Segelt des Rabbiners dabei ganz unschuldig sei. Die Verschiedenheit des Glaubetts nnb vielleicht auch der Abstammung verhindert eine glückliche Ehe. Für den Rabbiner dürfte aber doch nur maßgebend seitt das Projekt des einheitlichen Congresses und der ein-! heitlichen Antotiomie. Von leitender Stelle tvurde nämlich dem Herrn Doctor bedeutet, dass dtirch sein Vorgehen die Vorarbeiten nnb Unterhandlungen mit den Orthodoxen ücbeutenb erschwert würden. Rabbiner Rosenberg tveiß tvohl, dass seine Collegeit, die Mischeheit nvch iiicht eingesegnet haben, bei den Orthodoxen doch nicht besser accrediert sind, hat sich aber dennoch entschlossen, dieses Opfer nunmehr zt> bringen, als das Erirägttis bisher ein ganz geringes getveseit tmd es sich nicht rentiere, tvegen einer Kleinigkeit event. späteren unliebsamen Vortvürfen ansgesetzt ztl sein. Sollte der Ausgleich mit ben Orthodoxen nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraumes perfect werden, dürfte unser Herr Rabbiner die kirchliche Trauung bot, Mischeheit wieder besorgeit. Der Vorstand unserer Gemeinde hat seinerzeit die Einsegnung gutgeheiszen und billigt auch das derzeitige Entgegenkommen des Rabbiners. Unsere Cultusgeineinde hat überhaupt tun einmal dem Herrn Rabbiner Opposition gemacht, als er versuchte, die „Kaporatts;" am Erev Jomkipur abzuschaffen. Dr.Rosettbcrg wirkte nämlich viele Jahre itt unserer Gemeinde und war ganz verzweifelt, dass es da itichts zu reformieren gab. Da kain er auf die geniale Idee, die „Kaporatts;" als heidnischen Gebrauch abzuschaffett. Selbstverständlich that er dies mit Hilfe des unglücklichen „Schnlchan-Aruch". Dieses einemal machte aber der Herr Rabbiner die Rechnung ohne den Wirt. Die ganze Gemeiitde lehnte sich dagegen auf. Die „Kaporauß" wurden rehabilitiert. Jndesseti tvird aber allgemein behauptet, dass der Rabbittcr selbst auch am Jomkipur keilte „Kaporauß" hat! EttthüllttugSfeicr. Aus Fricdeck wird utts geschrieben: Am 26. ds. Ivnrde am hiesigen jüdischeit Friedhof das Grabdenkmal für den verstorbeneit Med. Dr. Mjoriz Spitzer feierlich euthüllt. Wenn auch dem Dahingeschiedcnen in dem Hcrzeit aller, bereit Tröster unb Helfer in jahllosen Fällen er tvar, eine daitkbare Ecinnertiitg bewahrt tvird, wurde doch der Wunsch rege, zur Jahrestvende seines Begräbnisses eine Enthüllungsfeier des Grabdenkmals ztl veranstalten. Die Feier tvurde mit ciitem Gebete des ObercantorS S. Weiß eingelcitet, worauf Rabbiner Dr. I. Bergmann ihm einen tiefgefühlten Nachruf hielt. Mit dem Gebete für das Seelenheil des Verstorbeneit wurde die pietätvolle Feier geschlossen. Socialwisseitschnftlicher Bildungöverein. Am Samstag den 25. ds. hält Herr Martin Buber im genannten Verein einen Vortrag: „Nene Gemeinschaft". Ort: Cafe City, abends 8 Uhr. Adolph Donath. Jit unserem Feuilleton „L'art juive" voit Leo Sofer (vergl. Nr. 4 vom 24. Jäniter) tvarcn irrthnmlichertveise die Verlagsattstaltcn, itt denen die Gedichtbücher Adolph Donaths erschienen sind, iticht gettan vermerkt. „Tage und Nächte" sind bei Schuster n. Loefflcr, Berlin und Leipzig erschienen, während das netie Buch Donaths „Mensch und Liebe" bei Ernst Hofmann tu Co., Berlin SW. 46, verlegt ist. Die beidett Bücher sind übrigens durch alle Buchhandlungen des Jit- und Auslandes zu beziehen. Allgemeiner Kranken- und Unterstützungsverein „Nächstenliebe", 2, Bez., Praterstraße 50. Die abseitige Anerkennung und der großartige, materielle Erfolg, von welchett das äußerst gelmtgenc Costümkränzchen der „Nächstenliebe" begleitet war, veranlasstett das unter der umsichtigen itub aufopfernden Leitung des Bereinsobmannes Herrn Dr. Leopold Weiß stehende Jungherrencomitee, im Hotel Central ein Nachtränzchen ztt veranstalten, das am 23. ds. standfand und einen glänzenden, recht animierten Verlauf nahm. Die Wahl in Ny.-Zsambokrct. Der in Csorna und in Ny.- Zsambokret gewählte Abgeorditete Rakovszky Jstvan hat für Csorna optiert, demzufolge wir seit kurzum zum ztveitenmalc itt die Lage kommen, in unserent Comitate eine Neuwahl durchzuführen. Die liberale Partei tvird auch in diesem Bezirke den Kampf neuerdings aufnehmcn, trotzdem sie sich dessen belvnsst ist, dass sie gegen außerordentlich große Schtvicrigkeiten anzukämpfen hat. Bei den allgemeinen Wahlen in Galgocz blieb der Candidat der liberalen Partei mit 250 Stimmen in der Minorität, währenddem in Ny.- Zsambokret die Minorität nahezu 500 Stimmen ausmachte. Den eigenen Stand zu erhalten mtd aus des Gegners Reihen 250 Stimmen zu erobern, ist ein Unterttehmeit, welches die höchste Anspannung der Kräfte erfordert, und es soll ohlte Bcschönigmtg gesagt werden, dass selbst in diesem Falle der Erfolg eilt höchst problematischer ist. Jüdische Festtage. Samstag den 18. d. M. hielt im jüdischliterarischett Verein in Troppatt Herr" Rabbiner-Candidat Jacob Sonderling ans BreStan, eilt Sohn des Herrn Sonderling-Brünn, eilten Vortrag über „jüdische Festtage". Der jugendliche Redner verstand cs, das anziehende Thema ebenso formvollendet als höchst anschaulich ztl behandeln, Ivobei ihm eine wohlklingende Stimme, vcrbuttden mit sicherem Atlftrcten, sehr ztistatten kam. Es war ein Hochgenuss, der beredten Schilderung nitferer Feiertage —■ sowohl vom Standpunkte der Religion, als des Volkslebens — beiznwohlien und ist die Annahme gestattet, dass die ztt Herzen gehenden Ausführungen des begabten Redners selbst in sonst sich gleichsiltig gebenden Gemütern einen starken Wiederhall geweckt haben dürften. Der Vortragende, welcher zu dett schönsten Hoffnungen berechtigt, hat den ihm reichlich gespendeten Beifall in hohem Maße oerdient mtd tvird gewiss stets aufs freudigste in unserer Mitte be- A« Jüdische (Geschworene. Bei einer Schtvurgerichtsverhattdltmg in London, bei lvclcher cs sich um einen Mord handelte, tvurde ft. a. ctu'" ein Herr Cohen als Geschtvorener atisgelost. Er ersuchte jedoch um Cnthebnng, iveil nach jüdischem Glanbeit ein Nachkomme der 'Hohenpriester an soleheit Verhandlungen nicht theilnehmen dürft. — Der Präsident: Sie glauben also, dass Ihre Religion es Jhnett herlvehrt, eilten Todten zu besichtigen. (Es handelte sich um einen AngenscheinSbefnitd.) — Herr Cohen: Gewiss, die Frage ist bereits früher zu unseren Gunsten entschiedett lvordeit. — Der Präsident gab dent Ansuchen Folge, obtvohl er tneht sicher tvar, dass die Enthebniig, Iveitn auch üblich, gesetzlich wäre. — Ein anderer ftAscher Geschworener Wollte auch enthoben sein, doch wurde sein Gesuch abgewiesen, da er weder dem Stamme der Cohen noch dem der Leviten angehörte. Dem Londoner Blatte „Daily Mail" entnehtnen wir: „Eines der hervorragendsten Mitglieder der Judengemeinde in Jerrisalent ist dieser Tage in London im tiefsten Elend gestorben. Sanniel Back war der Sohn des reichsten Inden in Jenisalein. — Eisen Back, so hieß der Vater, tvar in Jrtisalem hochangesehen,^ und als der Kaiser von Oesterreich vor tnigesähr 30 Jahren Jerusalem bestichte, tvar er als Gast im Hanse Eiseit Backs, mit welchem er auef) mis der Straße promenierte. Der jetzt verstorbene Samuel Back dürfte ebenfalls mit dem Kaiser gesprochen haben. Selten hat das Schicksal einem Manne so übel mitgespielt, als dies bei Back der Fall war. — Er verlor in Bausperitlativiien sein ganzes Vermögen, und als alter, gebrochener Mann kam er itach London, ttnchdem er seine Frau und seine Tochter in Jerusalem zurückliesj. tvohtn er einst wiederznkehre» hoffte. -- In London fand er kemcii Erwerb; seine Wohnung war in de» letzten zwölf Monaten ein ganz ttemer Raum im Hause einer polnischen Jndenfamtlie. mit der alletn er sich verständigen tonnte, nachdem er kein Wort Englisch sprach. -- Sein Erwerb beschränkte sich auf ben Verkauf kleiner photographischer Albums von Jerusalem, doch tvollte er sich nie zmn Straßenverkauft herbeilasseu, sondert, sandle dieselben per Post an gutsituierte Glaubeusgeiiosseu, von welcheit einige ihm kleine Betrage sandten. ~~ Er gab niemals seine Hoffnung auf. nach ^erufalfm zurückzutehreu und dachte es diesen Sommer ztl lhuit. ---Seme Zeit füllte er durch Lecture religiöser Bücher nriS. Vor einigen Tagen wurde er von einem Wagen übers ah re» und starb au den Folgen dieses Unfalles. - - Jerusalem, das er so sehr geliebt, sollte er iitckit mehr Wiedersehen — sei» Leichnam tvurde auf dem indlschen Fried- Hof in Edmvutoit beerdigt. Nova ex Mutmuti«. Auf mehreren Anfrage» theilen wir mit, dass der obgenaimte Artikel den Herrn Dr. B. M. Herschkotvu,; ztiin Verfasser hat. Cartelltnq der Vereine jüdischer Studeitten. Vom 6.—8. ds. fanb in Breslau der Carlelltag der Vereine jüdischer Stildenteit im B I. E. statt. Als Präsidinl-Verein für das Jahr 1002 wurde der hiesige gewählt, zmn Vorort für ben nächsten Carlelltag Manchen bestilltnt. Am 8. Januar schloss sich an die Vvrhandluttgen etn sehr zahlreich besuchter und wvhlgeltirigener Fest-Commers au.