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Jüdisches Volksblatt · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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ÜTr. 3 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Seite 5 Ccmdidaten anzustellen. So herrscht denn eine Heine Missstimmung unter den Vätern der Gemeinde gegen ihren Oberhirten, ja einige ballen sogar die Faust im Sack und drücken zuweilen heimlich, ganz leise, damit es nur ja niemand hört, ihren Unwillen über solch eine Anmaßung aus. Dieser Missmuth sollte denn ein wenig gedämpft und besänftigt werden durch einen kleinen Mischeberach, der von derselben Seite aus in die letzte „Wochenschrift" eingerückt wurde, worin ihnen das Compliment gemacht wird, durch ihr Wirken eine „Mustcrgemeinde" hergestellt zu haben. Denn, so begründet der geehrte Einsender dieses Epitheton, nirgends herrscht eine solch „sparsame Wirtschaft" und nirgends braucht man eine so niedrige Gemeindesteuer zu leisten. Allerdings, da ist einmal unwillkürlich ein wahres Wort mit unterlaufen. Man muss weit und breit suchen, um eine solche (übel angebrachte) Sparsamkeit zu finden. Mit wahren Cerberusaugen wacht über die so reichlichen Gemeindegelder ein Mann, der eher einen Kreuzer zu wenig altz zuviel für wohlthätige Zwecke hergeben, für gemeinnützige Unternehmungen leisten würde, der es zulässt, dass die Cultusbeamten eine Besoldung erfahren, wie sie in der kleinsten Gemeinde gebräuchlich ist» um nur den straff angefüllten Gemeindesäckel zu schonen. Nun freilich, der Herr Landesrabbiner hat sich sein Schäfchen ins Trockene zu bringen verstanden, ihm ist es leicht, von Sparsamkeit in der Gemeinde, die sie den anderen gegenüber immerhin bethätigen möge, zu sprechen, nachdem er als Ruhegehalt eine Ministerpension genießt, wenn nur diese verdammte Langeweile ihn nicht quälen würdet Da werden denn, um diese zu verscheuchen, alte, vermoderte Paragraphen aus Kaiserin Maria Theresias Zeiten hervorgeholt, und man schlägt damit zwei Fliegen auf einen Schlag: man thut etwas für seinen Verwandten und man frischt den in letzter Zeit etwas wackelig gewordenen Einfluss wieder auf. Ja, man wohnt eben in einer „Mustergemeinde", die wie brave Musterknaben zu allem hübsch stille hält. Verite. Der Ausgang der Krakauer Cultusgemeindewahlen. Schluss! Die Kämpfe in der jüdischen Gemeinde von Krakau sind zu Ende, die Wahl der Vorsteher hat stattgefunden und das Resultat lautet: Die vollständige Wieder wahldesfrüheren Vor st andes. Die Auflehnung gegen die herrschende (oder die Hirsch'sche) Partei war vergebens, nicht ein einziges Mitglied der Opposition konnte in den Cultusrath gebrach twerden. Und weshalb? Weil keine einzige jüdisch principielle Idee in diesen Kümpfen lag, es war die alte Opposition gegen die Person des Präsidenten Hirsch Landau mit etwas moderner demokratischer Färbung unter dem nichtssagenden Schlagwort „die Unabhängigen". In ihren großen Placaten und Agitationszetteln erheben die Oppositionellen den Vorwurf, dass die Alten mit den polnischen Stanczyken gehen und erklärten, dass sie selbst eine demokratische Partei seien. Das alte Lied mit den Schlagworten von fremden Parteien wurde wiederholt und nirgends zeigte sich das Bestreben, eine rein jüdisch politische Partei zu schaffen. Zwar wurde vom Comitce der „Unabhängigen" etwas wie ein „Programm" entworfen, das viel Jüdisches enthielt, aber es war ein offenes Geheimnis, dass die Zusammensetzung dieses Comitees durchaus nicht politisch gleichartig war. Wenn es gelungen wäre, eine jüdisch politische Partei auf Basis des jüdisch-natioealen Gedankens zu schaffen, eine Partei, die es nicht nöthig gehabt hätte, sich an-die Rockschöße fremder Fraetionen anzuklammern, dann wäre auch der Kampf in anderer Weise geführt worden und 'dann wäre die Möglichkeit eines Sieges nicht ausgeschlossen gewesen. Zumindest wäre der erste Schritt zur weiteren Entwicklung dieses jüdischen Gemeindewesens gethan, der früher oder später zur endgiltigen Niederwerfung der erbgesessenen Partei geführt hätte. So aber ist es nicht zu verwundern, dass die Wähler kalt blieben, dass die Wahl ohne besondere Begeisterung vor sich gieng und dass die herrschende Partei noch genügend Mittel fand, weiter am Ruder zu bleiben. Ein Ucbel erzeugt das andere. Es verlautet, dass die Oposition sich mit der Absicht trägt, einen P r o t e st gegen die Wahl einzubringen, weil viele Unregelmäßigkeiten borkamen, was willkonnneuen Stoff für die antisemitischen lind socialdemokratischen Blätter bietet, die ohnehin genug gegen beide Parteien Hetzen. Ein anderes Resultat ist von einen: solchen Protest nicht zu erwarten. Denn wie die Verhältnisse in diesem Lande be-. schaffen sind, ist an eine Annullierung der Wahl schwer zu denken. Nicht von obeir ist irgendwelche Hilfe zu erwarten, sondern in uns selbst. Es muss in unserer Mitte eine Organisation in ilatioualeln Sinne geschaffen werden, eine jüdische Organisation, welche unsere Interessen begreift ttub zu fördern vermag, eine Organisation, die im Volke ruht und mit dem Volke arbeitet, die alle Pulsschläge unseres Volkes vernimmt und alle Mittel zum Heil vorbereitet, die, das Gemeindewesen wieder auf nationaler Basis aufbaut und alle ihre Angelegenheiten in diesen: Sinne leitet, dann! wird bei den nächsten Cultuswahlen das gewünschte Re- > sultat nicht ausbleiben: Der Sieg der jüdisch-nationalen Sache. Ein Opfer der Länderbank. Aus Boryslaw wird uils geschrieben: Noch lange, bevor die neuen Polizeiverordnungen in den Boryslawer Erdwachsgruben, dank der berüchtigten Läuderbauk-Politik (siehe „Jüdisches Volksblntt" 1898 Nr. 11) ein geführt wurden, hat die Länderbank ihre Terrains in Boryslaw auf die Weise zu vergrößern versucht, dass sie in viel e n Complexen, die lnehrere Eigeilthürner hatten, einige Procente angekallft hat. Nachdein sie sich auf diese Art überall einzuschleichen verstand, machte sie eineil Schritt weiter, indem sie durch ihr schmutziges Treiben die Eigenthümer restlicher Grubenantheile zu zwingen versuchte (und zwar fast überall mit Erfolg), diese restlichen Antheile um einen Spottpreis 31t verkaufen. Die Witwe Jtte Leje Meller, welche in ihrem Grubenterrain 70 Pereent hatte, hat auch das Unglück ge¬ 17. Jänner 1902 troffen, die Länderbank als Miteigenthümer zu bekommen, nachdem letztere vom bisherigen Mitconrpagnon 30 Percent um 10 000 fl. gekauft hatte. Nach kurzer Zeit hat die Bergwerksleitung der Länderbank erklärt, nicht Weiterarbeiten zu wollen, der Betrieb wurde also eingestellt, und die Witwe Jtte Leje Meller, die bisherige Eigenthümerin dieser Erdwachsgrube, musste sich jetzt von dem erhalten, was ihr Sohn Jfac Meller (der eben jetzt in Wien weilt und von der Länderbank als Arbeiter ausgenommen wurde) , verdiente. Aber auch diese kleinen Einkünfte wurden eingestellt, als die Länderbank sechs Monate darauf den bei ihr als Arbeiter beschäftigten Mitcompagnon entließ. Er war unter den ersten entlassenen jüdischen Arbeiter!:. Vier Wochen später verloren sämmtliche Juden ihre Beschäftigung und Verdienst in der Länderbank. Alle wurden entlassen bis auf einige Personen, die schon deshalb nicht s zu entbehren waren, weil die Juden überhaupt viel tüchtigere Erdwachsarbeiter waren als ihre christlichen Genossen. Als nun jetzt die Familie Meller gar keine Aussichten auf Verdienst hatte, weil Juden überall bovcottiert waren, machte der Director der Länderbank mehrmals Versuche, den 70-Percent-Antheil der Familie! Meller um 2000 fl. zu kaufen, trotzdem sie seinerzeit für . bloß 30 Percent 10 000 fl. bezahlt hat. — Diese Versuche, j eine Familie ausZunützen, die einmal wohlhabend war und! auf einmal durch die Länderbank ins Elend aestürzt wurde, blieben erfolglos. Die arnie Witwe hat das Terrain weiter behalten, trotzdem es für sie keinen Wert besitzt, da sie der Länderbank resp. ihrenMitteln und Mittelchen nicht gewachsen ist und eben deshalb alle gerichtlichen Wege unterlassen hat. gespalten. Die greise Mutter des Lehrers Elsen tödtete man nach den schrecklichsten Misshandlungen; einer jüdischen Frau schnitten die Aufrührer die Brüste ab. Am 22. April wurden in Koschmin preußische Quartiermacher auf dem Marktplatze von den Sensenmännern überfallen und mussten flüchten; 4 blieben schwer verwundet zurück. Der Sergeant Jänisch, durch einen Schuss .und einen Sensenhieb kampfunfähig gemacht, wollte sich — auf dem Straßenpflaster kriechend — in ein Haus retten. Da brach sich eine Polin, die Frau des Müllers .Kranz, mit einem Beile in der Hand, Bahn durch die Sensenmänner und spaltete ihm mit Axthieben dpn Schädel; selbst dann war ihre Wüth noch nicht zu Ende; sie hieb dem Sterbenden auch noch mit einem wuchtigen Hiebe die unke Hand fast ganz vom Gelenke ab und schrie dabei unter dem Freudcngeheul des Gesindels: „Die preußischen Hunde muss man wie Kraut zerhacken!" In ähnlicher Weise wurde der Füsilier Wagner ermordet. Der amtliche Leichenbefund lautet: „Sergeant Jänisch hatte 6 Axthiebe am Kopfe; die linke Hand war fast vom Gelenk abgehauen; auch hatte er mehrere tiefe Stichwunden am Bauche und an beiden Schenkeln." Ncw-Iork. Herr Professor Schechter, Loctor an der Universität Cambridge (England), hat die Berufung als Rector des hiesigen Rabbiner-Seminars angenommen. Die Anstalt wird eine durchgreifende Reorganisierung und Erweiterung erfahren, namentlich um die Ausbildung von Rabbinern und Lehrern für die infolge der Einwanderung russisch-polnischer Glaubensgenossen in großer Anzahl entstandenen und entstehenden Gemeinden vollbringen zu können. Die erforderlichen Geldmittel sind von den Herren Leonard Lewison, Marschall, Gugenheimer und Jacob H. Schiff, der allein 100 000 Dollars gespendet hat, zur Verfügung gestellt worden. Die GemeiOerathswahlen in Fenchels. Lemberg, im Jänner 1902. Anslandl. * Gemeindetag. Aus Berlin wi'rd geschrieben: Ein deutsch-israelitischer Gemeindetag findet im Februar hier stattt. Eine Versammlung deutscher Rabbiner hat dem Gemeindetage folgende Anträge unterbreitet: 1. Bei Verhandlungen über religiöse Angelegenheiten in den jüdischen Gemeinden ist der Rabbiner zuzuziehen. Die bestehenden Cultuseinrichtungen können nur mit Zustimmung der Genueindebehörden und des Rabbiners geändert werden. 2. Die Anstellung der Rabbiner soll derart geregelt werden, dass dieselbe nach einem höchstens dreijährigen Provisorium definitiv erfolgt. 3. Zur Wahrung der religiösen Angelegenheiten und zur Hebung des Religionsunterrichtes sollen Bezirksrabbinate gebildet werden. Ferner wird der Gemeindetag, dessen Veranstaltung vom Deutsch-Israelitischen Gemeindetage ausgeht, sich mit der Frage der Durchführung des jüdischen Religionsunterrichtes an den höheren Lehranstalten Deutschlands sowie mit einer Eingabe der israelitischen Cultusbeamten um Besserung und Regelung ihrer Anstellunas- und Pensionsvcrhältnisse zu beschäftigen haben. Dem Gemeindetage folgt ein deutsch-israelitischer Verbandstag auf dem hauptsächlich über die Bekämpfung des jüdischen Wanderbettels durch die Sicherung des Fortbestandes der neugegründeten jüdischen Arbeitercolonie in Weißensee und die Errichtung einer Fürsorge-Erziehungs- , anstatt für Mädchen üerathen werden soll.! Aus Wreschcns Vergangenheit. In den Monaten Mürz, April und Mai 1848 suchte die Provinz Posen ein Aufstand heim. Derselbe war nicht durch Verfolgungen und Bedrückunaen irgendwelcher Art hervorgerufen worden, die etwa jene Ausbrüche des Fanatismus und Nationalhasses bis zu einem gewissen Grade hätten entschuldigen können. Denn es ist bekannt, dass Friedrich Wilhelm der Vierte den Polen wohlwollend gesinnt war und sie auf jede Weise für sich zu gewinnen trachtete. Trotzdem nahm die Bewegung sofort den Charakter eines fanatischen Glaubens- und N a s s e n k a m p f e s an, der von den Polen in einer Weise geführt wurde, wie sie wohl uncivilisierten Völkern eigenthümlich ist, im christlichen Europa aber unerhört war. Plündernd und mordend zogen die Banden der Sensenmänner umher, brandschatzten überall die deutschen Bewohner, plünderten ihre Wohnungen oder vertrieben sie gar von Haus und Hof. Viele wurden misshandelt, andere eingekerkert, nicht wenige ermordet. Besonders s ch l i in m e r g i c n g es den Jude n, gegen welche sich noch mehr als gegen die Deutschen der Hass der Massen richtete. Die Bestialität der polnischen Bevölkerung zeigte sich ihnen gegenüber in barbarischer Verstümmelung von Männern und Frauen. In Aious Inurde von den Aufrührern die gesummte deutsche und jüdische EiiUnohnerschgft vertrieben; lange mussten die Mitglieder der evangelischen Gemeinde unter Führung ihres Predigers obdachlos in der Wartheniederung umherirren. Von den entsetzlichen Greuelthaten der entmenschten Banden seien nur die gerichtlich erwiesenen angeführt. Kaum hatten am 10. Avril preußische Truppen das eben erstürmte Tremcssen auf höheren Befehl wieder geräumt, als die Aufrührer über die Deutschen und Juden in der Stadt herfielen. Dreißig der angesehensten Deutschen wurden.ins Gefängnis geworfen und tagelang ohne Nahrung gelassen — bis zur Rückkehr der Truppen. . Angeblich hatten sie auf die Polen geschossen. Besonders wandte sich aber die Wuth gcaen die Juden. Der Kaufmann Hirsch Strelitz, ein an beiden Füßen gelähmter OOjähriger Greis, wurde auf die Straße geschleppt und niedergeschossen, weil er beim Nahen des Militärs ausgerufen hatte: „Gott sei Dank; nun werden wir doch Ruhe haben!" Den Bäckerjungen Metzer Pflamn, der einigen Soldaten Semmeln verabfolgt hatte, ereilte ' dasselbe Schicksal. Seinen fast erblindeten Vater, der für den Sohn um Gnade bat, misshandelten die Wütheriche mit Kolben- und Sensenhiebeil. Darauf Unirdeu die Häuser mehrerer Deutschen lNld Juden geplündert. Als die Aufständischen zwei Wochen später Wreschen räumen mussten, ließen sie wieder ihre Wuth an den Inden ans. Der Schlilunacher Abraham Scbik ivurde von ihnen dlirch Kolben- und Sensenhiebe derartig an Kovf lind Brust ver-! letzt, dass er bald darmif starb. Ein junges Mädchen, Heuriette Kantorowitsch, irnirde im Bette durch Lanzenstiche so furchtbar ver- - letzt, dass sie 12 Stunden danach den Geist aufgab. Die 14jährigc! Amalie Kralle, der lOjähriae M. Cohn lind der 60jährige David. Israel sowie dessen beiden Söhue wurden ebenfalls auf das brutalste j misshandelt und schwer verletzt. Noch abscheulichere Schandtbaten j wurden am 4. Mai in Buk verübt. Nachdem schon in der Nacht; mehrere dort einquartierte Soldaten während eines Neberfalls voll: ihren polnischen Quartierwirten im Schlafe ermopdet wordeil waren, fielen lmcfi dem Abzüge der schwachen Besatzung die Aufrührer über Delitsche und Juden her. Der Stadtdieuer Golazbecki ivurde nach den grässlichsten Misshandlungen ermordet, dem Schnei-, der Lachmer lvurden erst die Augeil ausgestochen, dann Hände lind Füße abgehaueil, worauf mau ihn vollends umbrachte; Jakob Grei-j fenberg wurde mit Sellsellhieben verstümmelt und ihm dann der Kopf > (Original-Correspondenz des „Jüdischen Volksblatt".) Noch liegen sie wie ein dunkler Punkt am fernen Horizont. Kaum sichtbar unseren Augen. Noch ruhen die Wahlmacher. Die Rädchen des Apparates find noch nicht geschmiert. Nicht einmal ein schnarrender Ton 'der seit Monaten eingerosteten Schwungräder wird vernehmlich. Der Wächter Israels jedoch hat bereits sein Alarmsignal gegeben, laut und vernehmlich ertönt sein Weckruf: Auf, Ihr unabhängigen jüdischen Bürger, zieht die Schlaf-- mütze von Stirn und Augen! Auf, die Philister kommen sonst über Euch, die jüdischen Philister! Auf, die Hamane — die nichtjüdischen .— mühen sich ab im Kampfe gegen Israel! > Abermals tönt der Ruf des „Schomer Israel" durch die stille düstere Nacht: Aufgestanden! Eure häuslichen Interessen kont« men jetzt unter den Hammer! Wie wichtig die Gemeinderathswahlen für die jüdischen Bürger sind, bedarf wohl keiner besonderen Erklärung. Alle anderen Körperschaften haben längst ihre Wichtigkeit in dem Maße verloren, als es den Polen glückte, sich von den Banden der Centralregierung zu befreien, und die polnische Schlachta den politischen Schacher um ein selbständiges Polenreich durch ihr Spiel zu maskieren verstand. Galizien ist nur mehr Polen und seine Zugehörigkeit zu Oesterreich gleicht im besten Falle noch einer Personalunion — die Schwarzgelbfärberei mit ihrer gesättigten Farbentouche hat das Zeug dazu, keinen Sonnenstrahl von der Höhe eindringen zu lassen. Israel steht heutet unter der Botmäßigkeit der Schlachta, des Asemitismus. Man täusche sich nicht über den Rückschlag auf die communale Omnipotenz in Lemberg. Die ganze jüdische Gemeinde Lemberg — und nicht nur deren officielle Vertreter — hat alle Ursache, auf ihrer Hut zu sein, da es sich um ihre zunächst sich auf den heimischen Herd concen» trierenden Interessen handelt. Jahrzehntelang haben die jüdischen Vertreter das Judenthum im Rathe der Stadt salonfähig zu machen vermocht. Hie und da gelang es ihnen, den Magistrat dazu zu vermögen, den jüdischen Armenfonds mit einigen tausend Gulden zu beglücken. Ab und zu wurde diese oder jene Seccatur der Gemeindepolizei abgestellt. Was aber sonst auf dem Gemeindeparket vorgeht, daran hat Israel keinen Theil. Die 40 000 jüdischen Bewohner Lembergs, mit den drückendsten Gemeindesteuern belastet, müssen zusehen, wie alle Gelder in die Mägen der polski bracia Hineingleiten. Vom Stadtpräsidenten — ein König im kleinen — bis zu der Löschmannschaft, das ganze Heer der Beamten und Gemeindediener — alle, alle gehören sie der auserwählten polnischen Nation an, also mindestens zum dritten Theile auf Kosten der jüdischen Steuerzahler. Da gibt es städtische Aerzte, welche auf Kosten der Juden, auf Kosten ihrer Thränen und Trauer, Vermögen auf Vermögen häufen lz. B. bei der Leichenbeschau). Dagegen hat sich ein jüdischer Gemeinderath bei einer feierlichen Gelegenheit bebesonders rühmlich hervorgethan, nämlich als es sich darum handelte, das Lemberger Theater am Rosch haschonoh-Abende zu eröffnen: Er protestierte dagegen — namens des Judenthums ll? Unsere reichen jüdischen Gemeinderäthe mögen wohl nur derartige Schmerzen empfinden, die jüdische Bevölkerung Lembergs aber hat andere, wichtigere Sorgen und stellt daher Forderungen ganz anderer Natur auf, von denen wir hier nur einige hervorheben wollen. Der Lemberger Gemeinderath soll eine gerechtere Mandatsvertheilung nach dem Zahlenverhältnisse der Bewohner herbeiführen, d. i. 1 : o. Der Lemberger Gemeinderath hat die Zusammensetzung der städtischen Beamten und Diener nach dem Zahlenverhältnisse der Bewohner umzugestalten. Bei dieser so wichtigen Forderrmg sei besonders hervorgehoben, dass der Vorwand, die Unkenntnis der polnischen Sprache unter den jüdischen Aspiranten auf städtische Posten bilde ein Ernennungshindernis, längst hinfällig sei. Die jüdische Intelligenz hat zu ihrem eigenen Nachtheile die deutsche Sprache längst verlernt, die polnische desto gründlicher erlernt. Von den Candidaten wird verlangt, dass sie nicht immer nur sich schön ruhig verhalten, sondern stets und bei allerc communale, 1 Fragen ihren Mann zu stellen haben, wie. ja auch, was constatiert werden muss, die jüngeren Vertreter sich kein Blatt vor den Mjund nehmen. v, Der jüdische Gemeinderath hat es sich zur heil,gen Pflicht zu machen, nur der jüdischen Gesammtheit, nicht aber seinen persönlichen Ambitionen zu dienen. Die jüdischen Genreinderäthe müssen in einem Club zusammentrcten, um alle aufs Tapet kommenden Fragen vom national-jüdischen Standpunkte aus zu erwägen. Es muss Bresche geschossen werden^ in die Praktlten der judenreinen Magistratur — um jeden Preis, selbst um den Preis der Secession. Wir Juden wollen gewiss nicht zur Verwilderung des Gemeindelebens beitragen, allein die vitalsten Interessen unseres Volkes erheischen gebieterisch einen richtigen, einen neuen Curs in der Lemberger Gemeindeverwaltung. Der Verein „Schomer Israel", welcher seit seiner Gründung im Jahre 1867 diese Parole ausgab. kann sie erst bei der jetzigen Generation durchsetzen. Es stehen ihm. respective der Lemberger Judenschaft. Männer zur Seite, deren Begabung von keinem chrrstlichen Gemeinderäthe in Schatten gestellt werden kann. Die Lernberger Juden, die beständigen Geber, haben unrecht, nicht auch — Nehmer sein zu wollen. Dieser gewiss ehrliche Standpunkt kann nur zum Wohle der Judenschaft dienen, denn der Kampf um Greifbares wird das Signal sein für alle jüdischen Gemeinden Galiziens mit gleichgeartetea Verhältnissen, ebenfalls den Kampf aufzunehmen.

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