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Jüdisches Volksblatt · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Jänner 1902 Saite 3 er sich von vornherein für etwas Besseres hält, den Juden aber missachtet man, weil er von vornherein dcmüthig auftritt vor den Herren Christen, die er für „bessere Menschen" halt. Der erste Punkt ist also die Selbstachtung. Und um auf die zurückzukouuucn, muss man sich an sein eigenes Wesen, seine eigene Geschichte, seine eigene Tradition klammern, ich möchte da noch einen zweiten Punkt ganz kurz erwähnen. Wir stehen in dieser Beziehung vollständig auf dem Boden der modernen Wissenschaft. Die Wissenschaft hat einen gewichtigen Umschwung gemacht und im Gegensatz zum früher herrschenden Materialismus bestehen heute ganz andere Lehren. Ich möchte da vor allem an das Buch von Gobincaut, das heute immer mehr und mehr Anerkennung findet, ferner an Dühring, Driesman, Chamberlain usw. erinnern. Die moderne Wissenschaft hat die ungeheure Bedeutung eines jeden Volksthmns konstatiert, sie hat constatiert, dass alle Cultur vom Volksthum ausgeht und ein jeder Mensch, der sich wahrhaft fortschrittlich nennt, darf nicht festkleben an dem, was vor fünfzig Jahren richtig war, der muss mit der modernen Wissenschaft gehen, und wer das nicht thut, der wird eben vom Rade der Zeit ein bisschen zusammcngedrückt. Werden wir Juden, die wir uns dieser neuesten Wissenschaft am längsten entgegcngcstemmt haben und damit schon sehr unangenehme Erfahrungen gemacht haben, uns dem wahren Fortschritt verschließen können? Wahrhaft fortschrittlich ist derjenige, welcher seine Haltung mit den neuesten Ergebnissen der Wissenschaft in Uebereinstimmung bringt, und darum müssen wir auf das Volksthum zurückgehen, ar. das wir durch unsere Abstammung, durch unsere tausendjährige Geschichte, durch unsere Cultur, durch unser eigenes Gefühl gekettet sind, denn wir haben keinen Anlass, unserer Cultur uns zu schämen, von der alle modernen europäischen Culturvölker gelernt haben, im Gegentheil, wir dürfen nicht immer den europäischen Völkern sagen ,wir haben von Euch gelernt. Wir müssen ihnen vielmehr sagen, Ihr habt von uns gelernt, und unsere besten Rathgeber werden unter allen Umständen unsere eigenen Gefühle sein, sie sind die wahre vox dei in uns, und was unser Gefühl sagt, das wissen alle. Da sind wir alle gute Juden. Wir müssen uns untheilbar einigen und die Hebung der Juden anstrcben. — Für die Bildung einer Partei kommen hier vor allem zwei Dinge in Betracht: die wirtschaftliche uird die politische Arbeit. Ueber die wirtschaftliche Arbeit werden' die Herren aus anderem Munde nähere Vorschläge hören. Ich möchte auf die politische Arbeit eingehen und vor allem eines erwähnen. Ls tvird ja von anderer Seite gesagt: wir Jrrden brauchen keine politische Arbeit, wir haben nur an Auswanderungspolitik zu denken. Nun, meine Herren, jeder, der die Verhältnisse kennt, weiß, das hieße, den größten Theil unserer Juden opfern, die Majorität unserer Juden der Taufe zuführen. Wir dürfen kein Gebiet, auf dem wir uns bethätigcn können brach liegen lassen, wir müssen jedes Feld pflügen und bebauen. Hiezu gehört auch politische Arbeit. Es genügt, wie ich bereits auseinandersctztc, nicht Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit fordern wir. Gleichwertigkeit müssen wir erkämpfen und auf Grund unseres Volksthums eine mächtige Organisation schaffen. Dazu gehören gewisse Formen, vor allem aber formale Selbständigmachung. Fast jedes Volk in Oesterreich hat die Majorität in einem Landtage, beherrscht dadurch das Land" und hat dadurch eine Vertretung, die im Namen dieses Volkes zu sprechen berechtigt ist. Wir Juden haben keine Vertretung, niemand in Oesterreich ist berechtigt, im Namen der Juden aufzntreten, niemand ist berechtigt, die Steuern der Juden für die gemeinsamen Zwecke zu verwenden. Eine Form haben wir allerdings: die Cultusgemeinden. Die gehen jedoch über den Wirkungskreis der Gemeinde nicht hinmrs. Wir brauchen eine Vertretung der Juden iu den einzelnen Kronländern, wir brauchen eine Vertretung für die gcsammte Reichshälfte. Erst wenn wir solche Vertretungen haben, ist das jüdische Volk ein selbständiges und heimatsberechtigtes Volk dieses Staates. Erst dann ^whoiüm«wiih«<iih ■■HBUnDumBmMa „Der Mangel an einem hebräischen Wochenblatt hat sich in unserer Literatur fühlbar gemacht. Doch nein! Das ist bloß eine Phrase. Unser Volk fühlt diesen Mangel nicht . . . Nichtiger wäre cs, zu sagen: Weil das Volk cs nicht fühlt, geben wir dieses Blatt heraus, mit den: Essen soll der Appetit kommen I Wir hegen die feste Ueberzeugung, dass wir dem Volke eine nahrhafte literarische Speise verabreichen tverden, und so wird sich mit der Zeit auch das Bedürfnis darnach fühlbar machen. Man bringe nach und nach d u r ch das gute Gefühl Geschmack f ü r das Gute bei, sagt Goethe." In der Todesanzeige, in einem offenen Brief des Redacteurs in der letzten Nummer heißt cs dagegen: „Ich habe immer gesagt, dass wir kein Vslk haben, keine Literatur . . . der Glaube fehlte mir. Wohl sah ich Colönien entstehen, doch wusste ich, dass sie uns ein Almosen eines Millionärs seien. Ich sah Schekel-Zahler, Bank-Gründer, Actien-Käufer, aber ich wusste, dass dies bloß ein Werk geschickter und bezahlter Agitatoren ist. Und auch die Literatur ist in meinen Augen nichts weiter als eine solche Colonie, eine Schekel-Zahlung, eine Actie . ." Darin liegt nun nach unserer Meinung die Ursache des Misserfolges. Es war ein offenes Geheimnis, wer der Ncdacteur des „Hador" war, obwohl die Herausgeberin,, die Gesellschaft „Achiasaf" es für richtiger befunden hatten, seinen Namen nicht zu nennen. Ein Ncdacteur aber muss an sein Werk glauben, er muss in erster Reihe an sein Volk glauben, an seine Liebe zum Volke glauben. Wir wollen die Fähigkeiten des Redacteurs nicht in Abrede stellen, jetzt kann man ja endlich seinen Namen nennen: Wir kennen die bisherigen literarischen Leistungen D a w i d F r i s chm n n ii § zur Genüge, aber wer mit kaltem Herzen und stiller Resignation darangeht, ein Blatt zu redigieren, darf sich nicht be- Uagen, lvenn ihm der Erfolg ausbleibt. Es ist wahr: die hebräische Sprache hat einen verhältnismäßig geringen Leserkreis. Die Frauen fehlen ganz, auch ein großer Theil der Intelligenz fehlt, sie verstehen die Sprache nicht, aber wo zwei Tageblätter bestehen, dort bietet sich für ein Wochenblatt gewiss Raum, sofern es den entsprechenden Lesestoff bietet und mit Liebe und Hingebung zum Volke spricht. Es ist nicht richtig, wenn Herr Frischmann meint, dass ein Blatt über allen Programmen stehen muss und in jeder Nummer einige gute Artikel „an und für sich" bringen soll. Unser Volk hat ein ererbtes Spürgefühl, und instinctiv weiß cs, wer zu ihm mit Liebe und Ergebenheit spricht. Nahezu 6 Millionen unseres Volkes leben in Russland, und ein großer Theil desselben liest noch immer gerne Hebräisch, und es geht nicht an, dieses Volk des NdangclS an Gefühl und Geschmack zu beschuldigen. Auf dem Friedhof der hebräischen Zeitschriften befinden sich bereits viele Gräber, aber die meisten stammen aus der Zeit der Assimilation, da es bon ton lvar, das Hebräische.zu ignorieren. Auf das frische Grab des „Hador" darf man den alten biblischen Satz anwcnden: „Es ist an seinen Sünden gestorben!" Dr. S. kann man sagen, nicht nur der jüdische Staatsbürger, mich das jüdische Volk hat seine Gleichberechtigung gefunden. Zu diesem Zweck brauchen wir eine autonome Vertretung, als Landcsvertretcr gewählt von den Juden der einzelnen Länder, Vertreter der Juden ganz Oesterreichs, gewählt von den Juden ganz Oesterreichs. Eine solche Formel, meine Herren, ist eine nationale Autonomie, und wir stehen mit diesem Verlangen keineswegs vereinzelt da. So hat die socialdemokratische Partei in ihr Programm eine solche Forderung für alle Völker Oesterreichs aufgestellt. So haben einzelne Völker, wie Ruthcnen, Slovcnen usw. das Gleiche verlangt; aber für kein Volk ist es so wichtig, wie für uns Juden, und es würde auch den Vorthcil haben, dass die Juden aus den nationalen Kämpfen ausgeschaltet werden. Wenn heute die Juden gegen die Deutschen stimmen, so fallen die Deutschen über sie her und so geht es uns auch bei den anderen Nationalitäten Oesterreichs. Was wir erzielen würden, das wäre, dass die Juden eigene Vertreter hätten, die das jüdische Recht vertreten würden, und den Hass der Antisemiten, den die nationalen Kämpfe heute über die Juden heraufbeschwören, den wären wir dann gründlich los. Das also wäre das Hauptziel, das die Juden in Oesterreich zu erstreben haben. — Der erste Schritt, der uns unserem Ziele näherführt, wäre eine Organisation. Diese muss naturgemäß in den einzelnen Ländern verschieden sein, denn in jedem Lande finden wir andere Verhältniffe. In erster Linie käme für uns in Galizien inBetracht, und da möchte ich bemerken: Die innerösterreichischen Juden leiden heute unter der starken galizischen Eiwvanderung, die ihre Ursache in dem furchtbaren Elend hat, welches unter den galizischen Juden herrscht. Um da gründlich aufzuräumen, wäre es nöthig, durchzusetzen, dass Galizien seine Bevölkerung selbst ernähre. Allein wird das Land das nie vernwgen, aber mit Unterstützung einer Partei, die das, was für ganz Oesterreich bon größtem Vortheile wäre, anstreben würde, nämlich die Industrialisierung Galiziens, könnte es gelingen. Die schwerste jüdische Sorge ist, die Frage der galizischen Juden einer Lösung zuzuführen. Ich brauche ihnen doch nicht alles anzuführen, was in dieser Hinsicht gearbeitet wurde. Dem Elend lässt sich nur durch einMittel abhelfen, das nach meiner Ansicht überhaupt ganz andere Zustände herbeiführen würde, und das wäre die Einführung der Industrie in Galizien. — Ich möchte bemerken, dass nach Folgendes in Betracht kommt. Die Juden Galiziens haben darum keinen Einfluss, weil die Bevölkerung, die Wählerschaft überhaupt um ihr Recht betrogen wird. Eine übermächtige Clique, die Schlachzizen, beherrscht das Land, zum mindesten ganz ausschließlich Westgalizien und ist auch in Ostgalizien stark, und jedes Volksthum, sowohl das polnische, als auch das ruthenische, hat Interesse daran, mit dieser Clique endlich einmal anfznräumen. Erst nach Beseitigung des Wahlschwindels können die Juden in Galizien zu ihrem Rechte kommen, wenn das auch nicht in unserem Programme steht, weil das' einer speciellen Tagung der galizischen Vertrauensmänner wird vorgelegt werden müssen. Meine Herren! Ilm alle diese Ziele — sie sind ja ziemlich weit gesteckt, zu erreichen, bedarf es vor allem einer Organisation der Juden. Heute sind die Juden in allen möglichen Parteien und sie werden von einer jeden'Partei als Ballast, als unvermeidliches Ucbel empfunden. Man -läuft ihnen nicht nach, man ist froh, sie los zu werden, daun wird man den Juden nachgehen, deren man heute so sicher zu sein glaubt. Darum muss das Erste, was wir leisten wollen, die Schaffung einer kräftigen Organisation sein. Wir werden uns durch eine Organisation nicht isolieren, sondern wir wollen auf diesem Wege die bestehende Isolierung brechen. Meine Herren! So weit das Programm, das mit den Kräften der österreichischen Juden durchgeführt werden kann — was mißerhalb Oesterreichs liegt, wird ein anderer Herr erörtern. Die Organisation der Juden, das ist das einzige Mittel, .mit dem wir siegen können, und dieses Mittel ist es, was unser heutiges Programm als Quintessenz vorschlägt. Ein größerer die Realpolitik betreffender Absatz musste des Raumes wegen aus dem Referate ausgeschieden werden. Anm. der Red. (Die Uebergabe des neuen Pavillons.) Wien, am 15. Jänner 1902. In der vorigen Nummer diess Blattes haben wir unsere Ansicht über den Wert des Nothschild-Spitales für die Cultusgemeinde unumwunden ausgesprochen und auf den einzig möglichen Standpunkt, welchen die Cultusgemeinde in dteser so eminent wichtigen Frage einnehmen kann, deutlich hingewieseu, ohne geahnt zu haben, dass der Cultusgemeinde einige Tage später eine neuere Rothschildspende wird versetzt werden, welche ja ohnehin Gelegenheit bieten würde, dieser sammtliche Cnltussteuerträger betreffenden Frage nahezutreten. Unsere Ansicht über diese ganze leidige Angelegenheit hat sich seit der Veröffentlichung unseres Artikels in keinem Punkte geändert, und wir hätten zu unseren Auseinandersetzungen auch nichts Wesentliches hinzuzufügen. Sowohl der Verlauf der jüngsten Borstandssitzung der Cultusgemeinde, als auch die Scenerie der Feierlichkeit am letzten Sonntag lieferten jedoch einen neuerlichen Beweis für die Berechtigung der allenthalben laut werdenden Klage, dass der Vorstand der Cultusgemeinde mit seiner jetzigen Majorität sich in allen Fällen, wo es sich darum handelt, gewissen Großjuden gegenüber das Judenthum in Schutz zu nehmen, zu schwach erweise, seinen Willen durchzusetzen. Den Bericht über den Verlauf der ganzen Komödie selbst finden die Leser an anderer Stelle des Blattes. Sie können aus demselben ersehen, dass diese Feier genau nach demselben alten, jedoch nicht bewährten Reeepte arrangiert war, wie es das Charakteristikon aller sogenannten israelitischen Feierlichkeiten ist. Alles und jeder kommt hierbei zu Worte, nur der Jude selbst nicht, den es eigentlich am meisten angeht, und der am Ende doch immer wieder die Zeche der großen Herren zu bezahlen hat. Diesmal jedoch ging der Cultusvorstand noch um einen Schritt weiter: in consequenter Fortentwickelung seiner bekannten Methode begnügte er sich nicht mehr damit, diese eigentlich rein jüdische Feier, diesen angeblich rein jüdischen Wohlthätigkeitsact seines rein jüdischen Charakters zu entkleiden, er hatte den Muth, die jüdische Bevölkerung geradezu herauszufordern, sie an ihrer heikelsten Stelle zu verletzen, indem er bei dieser Feierlichkeit die wichtigste Function und das erste Wort einem Renegaten, einem getauften Juden überließ. Aber, meine Herren vom Cultnsvorstande, ein solches Vorgehen ist ja nicht nur nicht jüdisch, das ist ja nicht einmal israelitisch! Wir müssen, ehe wir in unseren Ausführungen weiter gehen, um Missverständnissen vorzubeugen, noch folgende Bemerkung machen: es liegt uns ferne, dem Herrn, um den es sich hier handelt, wegen seines vor längerer Zeit erfolgten Austrittes aus dem Judenthum einen Vorwurf zu machen, das ist seine eigene Gewiffenssache, in die sich kein Mensch zu mischen hat. Nicht gegen ihn wenden sich unsere Ausführungen. Im Zeitalter der Religions- und Gewissensfreiheit ist jeder Herr seiner Handlungen. Wir können natürlich auch dagegen nichts einwenden, wenn es Herrn v. Rothschild beliebt, den Bau eines durch ihn zu errichtenden Hauses einem Baucomite anzuvertrauen und an dessen Spitze einen getauften Juden zu stellen. Hält er ein solches Vorgehen mit seinem so oft zur Schau getragenen jüdischen Gefühle für vereinbar: Habeat! das ist seine Privatangelegenheit! Besitzt jedoch Freiherr von Rothschild nicht so viel Zartgefühl für das Judenthum, diesen Herrn in dem Momente, wo der Act ein rein jüdischer wird, in den Hintergrund treten zu lasten und dem Judenthum einen solchen Affront zu ersparen, so bätte sich der Cultusvorstand gegen eine solche Zumuthung energisch verwahren und lieber auf das „Geschenk" verzichten, oder der Herr Präsident hätte sich bezüglich der Einladung anderer Gäste thatsächlich „die allergrößte Reserve auferlegen" müssen und Juden zu dieser Feier überhaupt nicht einladen dürfen. Er mag es vor den anderen verspürt haben, dass diese Feier eine Schande bedeute, die am besten mit Ausschluss der jüdischen Oeffeutlichkeit inscen iert sei Wenn der Cultusvorstand selbst das Renegatenlhum sanct ioniert wenn er den Getauften bei rein jüdischen Veranstaltungen selbst den Ehrenplatz anweist, dann laste er auch die bitteren Thräuen bleiben, die er bei dem Anwachsen des Abfalles vom Judenthum so gerne vergießt, denn dann sind diese Thränen echte — Krokodilsthränen. So oft im internen Leben einer anderen Confession eine Schule, ein Spital oder eine Institution von noch so untergeordneter Bedeutung der Oeffentlichkeit übergeben wird, erhält bei dem Act der Uebergabe in erster Reihe der Priester das Wort. Und sollte selbst der Monarch einer solchen Feier anwohnen; die Krone huldigt der Religion und überlässt dem Priester als deren Vertreter den Vorrang. Uud nun erlauben wir uns die Frage: Warum hat Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann, der doch auch unter den „Anwesenden" war, nicht bei dieser Feier seines Amtes gewaltet? Und warum hat er seiner Missbilligung einer solch eclatanten Verhöhnung des Judenthums nicht n achdrücklichen Ansdruck verliehen, indem er sich ostentativ vom Schauplatze dieses Aergernisses entfernte? Hat er von dem gewaltigen Faustschlage, der bei dieser Gelegenheit dem ganzen Judenthum ins Gesicht versetzt wurde, denn gar nichts verspürt; war er doch hauptsächlich gegen ihn gerichtet, der ja das Judenthum in Wien repräsentieren sollte? Wir können uns einiger Fälle erinnern, in denen Herr Doctor Güdemann den Religivnsstandpunktin geradezu intoleranter Weise zu vertreten wusste. Nun ja, so oft es sich um die unteren Schichten handelt, oder wenn er von Fleischhauern hört, da wird Herr Dr. Güdemann immer intransigent conservativ, da bleibt sein Nacken steif, da ist er unnahbar, da pocht er auf seine Autorität, die anerkannt werden müsse. Wir hätten es gerne gesehen, wenn Herr Dr. Güdemann diese seine Eigenschaften auch am Sonntag bekundet hätte. Aber wozu weiter incriminieren! Alle diese Erscheinungen und Vorkommmsse sirld nur die praktische Betätigung der Anschauungen, welche am grünen Tische in der Seiten stettengaste zum Ansdrucke gelangen. Dort wo der Vice-Präsident einer Cultusgemeinde unter „lebhaftem Beifalle" getrost erklären darf: „Wir brauchen ein solches Gotteshaus auch ä u Repräsentationszwecken. W i e das Rathbaus das Wahrzeichen der Stadt Wien ist, so braucht auch die jüdische Gemeinde ein würdiges Repräsentationshaus, und das ist der Tempel", dort, wo solchenReden le bhafter Beifall folgt, darf es nicht wundern, dassgetaufteJudenbei den Veranstaltungen eines solchen Gemeindevorstehers unter Assistenz des Oberrabbiners die erste Rolle spielen. Aber dann darf die jetzt herrschende Majorität im Cultnsvorstande auch nicht verwundert thun, wenn Die Steuerzahler bei der ersten sich ihnen darbietenden Gelegenheit in unzweideutiger Form erklären werden, dass sie eine solche Auffastung nicht theilen und sich nach andersgesinnten Vertretern umschauen werden. Denn es ist doch zu drollig, es sich auszumalen, wie der dem Cultnsvorstande resp. dessen Vice- Präsidenten vorschwebende Tempel nach Muster des Wiener Rathhauses als Repräseutationshaus verwendet wird. Das Bild ist wohl sehr verlockend, aber — lieber nicht! Ueber den Wert dieses neuen Spitalbaues ohne Zusicherung der Erhaltungskosten seitens des Stifters ist nicht viel zu sagen. Er bedeutet eine neue, heute ziffernmäßig noch nicht feststellbare Last auf Kosten der Steuerzahler und wir befürchten, dass die private Wohlthätigkeit sich auch durch diese neue Abtheilung zu einer regeren Bethätiguug zugunsten des Spitales nicht wird bewegen lasten.

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