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Jüdisches Volksblatt · 1902-01-17 · 3 (17.1.1902) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Jänner 1902 Nr. 3 Pflicht zu sein, wenn rechtzeitig Vorsorge getroffen wird, diesen armen Existenzen einen Erwerb zu schaffen. Es darf wohl der Erwartung Ausdruck gegeben werden, dass ein Appell an das sprichwörtlich gute Herz unserer Glaubensgenossen nicht wirkungslos verhallen wird. Selbstverständlich müsste die HilfSaction ohne Verzug eingeleitet werden, ehe es zu spät ist. Denn es darf uns der Vorwurf nicht gemacht werden, dass wir dem Elend im eigenen Hause abzuhelfen nicht vermögen oder gewillt sind. hat diese Partei uns erst heute ein Programm vorgelegt? Nuu, wir haben bisher den Ausdruck „Partei" vermieden, weit wir dafür den Ausdruck „Bewegung" gebrauchten; was ist da mm für ein Unterschied? Eine Partei ist ein künstliches Gebilde, etwas, luas geschaffeil tuorden ist und bestimmte Formen anniinlnt, eine Ve- Iveguug aber die einzige natürliche, innereGemeiilschaft einesBolkes, sie ist der Ausdruck von Stimmungen, voll Wünschen, von psychischen Factorcu. — Wir Juden, wir waren seiirerzeit zufrieden. Zufrieden in der Zeit, als der Liberalismus im größten Theile von Europa herrschte, als sogar in Russland unter Alexailder dem Zweiten eine absolutistische Copie desselben am Ruder war, als man von einer Judeufrage eigentlich nichts hat hören können. Dass in jener Zeit das Judenthnm, für das unsere Väter gekämpft n>id Herrn gebllltet haben, sich geradezu vollständig aufgelöst hat, daran haben die Herren damals nicht gedacht und es hat sich da eine Kette entwickelt, die wir ans der Bibel so wunderbar kennen: Erst geht es den Juden schlecht, da werden sie gläubig, d. h. sie kehren zu ihrem Volksthum zurück, dann geht es ihnen gut und da fallen sie sofort ab. Sowie sie jedoch abfallen, da wandelt sich wieder die Zeit, cs geht ihilen wieder schlecht, und dann denken sie wieder an ihr Judenthum, und auf Grund dieses Judenthums gelingt es ihnen, sich wieder aus dem Hebel herauszllarbeiten. Die Bibel drückt das kürzer aus, sie sagt: Erst dienten sie heidnischen Göttern und da gieng es ihnen schlecht, dann kehrten sie zu Gott zurück, da gieng es ihnen gut. Jur wesentlichen ist jetzt dasselbe der Fall. — Als die Judeu-Verfolgungen unter Alexander dem Zweiten in ötussland ausbrachen und im Anschluss daran jene Maffe, die wie die wilde Jagd durch ganz Europa floh, sich über alle Länder ausbreitcte, da haben die Juden sich wieder ihres Judenthums be- Wiederum an Se. Exeellenz den Herrn Unterrichtsminifter! In einem Appell an Se. Exeellenz den Unterrichtsminister haben wir jüngst des Umstandes erwähnt, dass Oesterreich nicht nur das Reich der Unwahrscheinlichkeiten, sondern auch das der Unmöglichkeiten ist. Wir sind leider bemüssigt, dies in weiterem zu ergänzen: Oesterreich ist auch das Reich der Ungeheuerlichkeiten. Es ist kaum glaublich, aber bedauerlicherweise eine Thatsache, dass Herr Dr. Spieka, dessen Qualification als Mittelschullehrer wir in der vorletzten Nummer genügend beleuchtet haben, noch immer im Amte ist. Wir müssen vorweg nehmen, dass entgegen der Gepflogenheit bisher noch nichts darüber in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, ob über den sauberen Herrn ein Disciplinarverfahren überhaupt eingeleitet worden ist, wie es richterlicherseits, wenn auch nur zwischen den Zeilen, verlangt wurde. Run wäre das eigentlich Sache der Unterrichtsverwaltung. . , . .r L .. Allein man ist berechtigt zu fordern, dass das Unterrichts-!°»>>°»: S« srnhfcmiMnmj, d,° s„bmfemb djoft yt --st i>,° Ministerium Herrn Dr. Spieka von einer Lehranstalt »«bm b°m i-.b,,ch°„ V-lschnm znruckg-b-acht. W.r haben g°- entferne, an ch-lch-r er nicht nur sich selbst, sondern auch "lt°n Zustandber fogcnannten Ass.nnlatwn „t das Untmichtsministerium aufs ärgste compromittiert hat. '»cht» a°sch-h-„ dam.t --r°,ch°n nur-°.n-n Erfolg Wr-h-t,-n Welche didaktischen und pädagogischen Erfolge kann ein gebt« -rrielen der kick oor seiner Clakle in derartiger »lntis-m,«Ismus anshor-n. rcsp, ,-dcr Unt-rscht-b zwischen Christen 's f»f 6 ft fff fi f ™ o und Juden ein Ende haben. Nun, wir haben das Gegentheil erosigej e ya. , lebt. Denjenigen Juden, die seinerzeit am Judenthum festgehalten 5°°.!!' .°uch °°n °."°m anderen G-s.chtspunk e aus itn J48 Me gc. müssen wir die Affaire auffassen. Dr. Spieka hat nicht nur einen einzelnen jüdischen Schüler seiner Classe, sondern das gesammte Judenthum auf gröblichste beschimpft. Wir haben daher als Juden das Recht, eine exemplarische Sühne zu verlangen. Ein oberstes Princip unseres Blattes ist es, der Gleichwertigkeit der Juden als Staatsbürger überall Eingang zu verschaffen, und wir werden es niemals dulden, dass wir als Bürger minderer Sorte angesehen und behandelt werden. Wenn irgendwie und irgendwo dem antisemitischen Janhagel auf die Hühneraugen getreten wird, wird der öffnet, gegen jene aber, welche das Jrrdenthum von sich geworfen haben, hat sich der Antisemitismus von neuem erhoben. Die Juden, die durch Jahrtausende gemeinschaftlich ihr Leid getragen, haben ihr Judenthnm zum Theile abgestreift, und sowie das Zusammenhalten aufhörte, sowie das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit schwand, kam die innere Zersetzung, es schwand die jüdische Tugend, die dem jüdischen Volke mehr Kraft gab, als äußere Macht es imstande gewesen wäre. — Kurz — Zersetzung, Zerfall und Verfall nach innen, Antisemitismus nach außen, das waren die Folgen der Assimilation, und wir können daher mit Recht davon sprechen,! dass der Misserfolg der Assimilationsbestrebungen bereits völlig ganze Regierungsapparat in Bewegung gesetzt und ein! constatiert ist. Auf welche Grundlage soll sich aber das neuerwachte hochnotpeinliches Verfahren eingeleitet. Andererseits lässt' Judenthnm stellen? Die Assimilation hatte folgende Principien: man es ruhig geschehen, dass nicht nur ein einzelner Jude, Erstens sind wir nur dem Glauben nach Jrrden und zweitens glauben sondern das ganze Judenthum in seinen heiligsten Ge-! wir nichts. Wie jede Phrase, hat auch diese sich ziemlich lange erfühlen verletzt wird. Dies muss ein Ende haben. Das! halten. Aber dass die Leute doch zur Vernunft kommen, habe ich möge sich Herr Dr. v. Härtel gesagt sein lassen. kürzlich selbst mit Vergnügen wahrgenommen. Ein alter Herr Wir fordern ihn neuerdings aus, Herrn Dr. Spieka, nämlich, der Mitglied eines angesehenen Vereines ward und stets der stch als Lehrer unmöglich gemacht hat, ohne Verzug unsere Bewegung befeindete, sagte mir: Sehen Sie, ich als siebzigzu amovieren. Möge er die Treppe hinaus- oder hinunter-, jähriger Greis habe mich jetzt erst Ihrer Ueberzeugung angegeworsen werden: Uns ist es gleich. In einer Schule ist schlossen, denn das Eine steht fest: Wir haben ja keinen festen Mauer nicht mehr am Platze. Referate von der Wiener Vertrauensmänner-Conferenz der jüdischen Volkspartei. Richard Rappaport: (Programm und Organisation.) Meine Herren! Die Jüdische Volkspartei besteht nun schon seit einigen Jahren, und Sie werden fragen: Warum ben mehr, aber dass ich Jude bin, dass merke ich schon daran, dass mir schon bei dem Namen Jude das Herz höher schlägt, ich bin Jude mit Leib, und Seele, und wenn es nicht der Glaube ist, der mich znm Juden stempelt, so muss es etwas arrderes sein, und dies kann doch nur das jüdische Volksthum sein. Auf dem Boden des jüdischen Volksthums, oder um das Fremdwort zu gebrauchen, auf dem Boden der Nationalität muss ein modernes Judenthum fußen. — Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich mir eine Zwischenbemerkung erlauben: Es soll in meinen Worten mich nicht die leiseste Bekämpfung oder nicht der leiseste Kampf gegen jene Gruppe von Juden gemeint sein, die sich heute noch orthodox nennt. Meine Herren, diejenigen Inden, die ehrlich orthodox sind, die ehren wir als die allerbesten Freunde des jüdische» BolkSthnms. Es gibt ja kein Volk ans der Welt, dessen Volksthnm sich in seinem Glauben so treu wiederspiegelt, wie beim jüdische» Volke. Mit diesen Leuten können wir unbedingt zusannncnhaletn, aber ihre Anzahl ist in Wien gering, und wenn wir mich den Glauben der Orthodoxen gerne anerkennen und ihre» Standpunkt billigen, so können wir uns doch auch nicht ganz mit ihnen idcntificieren. Wir ehren und achte,x also die jüdische Religiosität, missbilligen aber den Standpunkt derer, welche den Glauben nur als todtes Wort betrachten und als bequemes Mittel benützen, um sich allen Verpflichtungen gegen ihr Volksthnm zu entziehen. Nun gibt es aber auch Leute, welche uns sagen: Wozu brauchen wir Inden ein selbstständiges Programm? Wir Inden haben nur ein Interesse, das ist die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze ohne Unterschied der Confession und Nationalität, ivcnn diese Gleichheit erreicht ist, so werden die Juden wie die Angehörigen eines jeden anderen Volkes behandelt werden, was brauchen wir da noch ein eigenes Programm? Darauf möchte ich Folgendes erwidern: Vor allem, wenn wir Inden kein anderes Jntereffe haben, als dass wir ebenso behandelt werden wie Angehörige anderer Völker, dass uns alle Staatsämter zugänglich gemacht werden, dass wir von den Verwaltnngs- und Justizbehörden keine andere Behandlung finden als Angehörige anderer Nationen, ja, meine Herren, wenn Ihnen das genügt, dann gibt es ja ein unerrdlich einfaches Mittel dazu: Sie lassen sich einfach taufen! Aber wenn, unser Volk das gewollt hätte, dann hätte es damit nicht bis auf den heutigen Tag warten müsseir. Sind denn die jüdischen Frauen, jüdischen Männer und jüdischen Kinder auf dem Scheiterhaufe» den Opfertod gestorben für die Gleichberechtigung, die sie im Mittelalter durch die Taufe jeden Moment voll und ganz hätten haben können? Sie lvollten jüdische Tradition, jüdisches Wesen, jüdische Eigenart, jüdisches Volksthnm erhalten, kurz sie wollten Juden bleiben. Können wir aber jemals eine wirkliche Gleichberechtigung verlangen, wenn wir nach der allgemeinen Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Staatsgrundgesetze streben. Die Antwort darauf wirb nicht schwer sein, darauf gibt uns das, was von allen Dingen am lautesten spricht, und das sind die Thatsachen, Antwort. WaS die Herren verlangen, die staatsgrundsätzlich gewährleistete Gleichheit vor dem Gesetz, die brauchen wir nicht erst zu erstreben, die haben wir ja. Das steht ja in den Staatsgrundgesetzen, dass alle Nationen gleichberechtigt sind. Ja, um Gotteswillen, was fangen wir mit Gesetzen an, die nur auf dem Papier stehen. Die papicrne Gleichberechtigung, die hat gar keinen Wert. Um ein concreteS Beispiel zu bringen: Ein Jude soll auf dem Lande Richter werden. Da kommt man mit der läppischen Ausrede: Wir machen den Manu nicht etwa deshalb nicht zum Richter, weil er Jude ist, das verbieten die Staatsgrundgesetze, aber auf dem Lande hat man zu den Juden kein Vertrauen, die Leute sind der Meinung, dass ein Eid, in die Hände eines Juden abgelegt, keine Giltigkeit hat, ergo: nicht wegen seiner Confession wird er nicht ermannt, sondern weil er weniger geeignet ist und das Gesetz vorschreibt, der Richter sei nach der Eignung zu ernennen, d. h. man jagt den Beelzebub bei einer Thür hinarrs und lässt den Satan bei der anderen Thür herein. Man decretiert, man macht keinen Unterschied zwischen Confession imjb Nationalität, aber man findet gerade in der Confession den Umstand, der den Mann weniger geeignet macht. Damit glaube ich, sind wir uni keine» Schritt weiter gekommen. Was ist da nun zu thuu? Es ivar ein Jude, einer der größten unseres Volkes, der gesagt hat: „Ein Jeder hat so viel Recht, als er Macht hat." Allein das Recht eines Menschen, einer Classe, eitles Volkes, es wird nicht bestimmt durch irgendwelche Gemeinplätze über Recht und Gerechtigkeit, die noch aus dem alten Naturrecht stammen, die längst überlebt sind. Es wird bestimmt durch jenes Maß von Macht, das eine jede Gruppe sich z» erkämpfen vermag, und da kommt in erster Linie die Achtung in Betracht, die jedeGruppe den anderen einflößt. Wir wissen alle und können es im täglichen Leben sehen: Achtling wird am meisten demjenigen gezollt, der sich selbst achtet. Den Adel schätzt man, weil Lebenszwecke handelt. Die wahre und wahrhafte ethische Bedeutung dieses Uebergewichtes des geistigen und moralischen Elementes der Gesetzlichkeit in der Volkseinheit offenbart sich aber darin, dass zwar die Bande der Natur dadurch befestigt werden, aber dennoch zugleich ihreSchranke ausgehoben wird. Indem das Gesetz als das gleiche nicht bloß für den Eingeborenen und Stammesverwandten, sondern auch für den Beisassen und den Fremdling erklärt wird, durchbricht es die Scheidewände der Natur, stellt es die menschliche Gesellschaft auf einen anderen, auf einen tieferen und festeren Grund. Alle schöpferische Thätigkeit. in der Natur besteht darin, aus den gegebenen Elementen und elementaren Individuen durch neue, folgenreiche Ver-. bindungen neue Gebilde, neue Formen des Daseins zu er-' zeugen. Das Gesetz, die Thora, die Sittlichkeit und die Gesetzlichkeit vollziehen die höchste schöpferische That: aus den gegebenen Einzelpersonen durch ihre Vereinigung das erhabenste aller Gebilde des Universums herzustellen, die innere, geistige, moralische Einheit einer Gesammtheit, deren Zusammenwirken, auf welcherlei Zwecke es auch gerichtet sei, doch seinen Wert und seine Würde aus seiner gemeinsameir Gesetzlichkeit schöpft (S. 238). Im praktischen Leben soll sich nun diese unwandelbare Gesinnung in einem ununterbrochenen Liebeswerk betätigen, das immerdar den natürüechn Egoismrls des Herzens zurücktreten, lässt gegenüber den socialen Interessen und Bedürfnissen; Güte und Wohlwollen, hingebende Barmherzigkeit und nie ermattende Opferwilligkeit sind die Grundzüge dieser Stimmung. So getränkt, durchdrungen, ergriffen ist die jüdische Volksseele gerade von dieser sittlichen Pflicht, sagt Lazarus, dass sie selbst bei sittlich sonst müßigen, ja argen Individuen selten ganz unerfüllt blieb. Die Lehre von der Nächstenliebe und Menschensreuiirdlichkeit bildet bei jden Juden eine ganze Literatur; schon in dem Gesetzbuch, in der Thora, wird mi tsachlichen Worten gefordert: Liebe deinen 1 Nächsten wie dich selbst. Und warum wie dich selbst? Weil er ' ist wie du, ein Mensch, ein. Kind Gottes, also iir der erha-; bensten Beziehung des Menschen dein Bruder. Bis in alle unsere modernen Sprachen hinein gilt dcis Wort Opfer als : der metaphorische Ausdruck für den höchsten Grad der Hingebung. Darbringung des Opfers aber galt vormals als j Sie vorzüglichste, weihevollste That des Menschen, als Zeichen der Hingebung an Gott. Der Prophet Hosen aber lässt Gott selbst sagen: Liebe verlange ich, nicht 'Opfer; ('S. 351). In diesem hehren Ideal siird alle gutgesinnten , Menschen, welche die bösen und egoistischen Triebe ihrer Natur überwunden haben, eins, und sie sind dnurch Glie- , der einer ethischen Gemeinschaft, die den Tod überdauert und allen Stürmen des Lebens siegreich zu widerstehen vermag. — Wir können übrigens die eifrige Lectüre des vorliegenden, völlig populär geschriebenen Werkes nur dringend allen empfehlen, denen es um wahre Erkermtnis und Aufklärung zu thun ist. Aus dem hebräisch-literarischen Markt. Ein frisches Grab hat sich auf dem Friedhof der hebräischen Zeitungen geöffnet. Das Wochenblatt „Hador" ist jung verschieden. Es erlebte kaum 50 Nummerin Und mit welcher Lebenskraft ist es auf den Plan getreten! Viele Zeitschriften, Wochen- und Monntsblätter sind bereits begraben, aber keines ist unter so günstigen Auspizien ins Leben getreten, tvie der „Hador", und auch er musste sein junges Leben lassen . . . Wir sprechen hier vom „hebräisch-literarischen Markt", das will sagen, dass wir auf den inneren literarischen Wert des „Hador" nicht eingehen wollen, wir wollen mehr die geschäftliche Seite des Unternehmens ins Auge fassen. Und unwillkürlich drängt sich die Erinnerung an eine nicht ferne Vergangenheit auf und zeigt uns de» gewaltigen Unterschied zwischen einst und jetzt. Es ist nicht lauge her, kaum 20—25 Jahre, dass die hebräische Literatur ins Geschäftslebe» trat. Schriftsteller-Honorare waren damals eine seltene Ausnahme, Verlags-Unternehmen. gab es nicht, ja sogar gewöhnliche Buchhandlungen existierten kcmm. Es waren bloß „Bücher-Verkäufer" (Mochrei Sphorim"), tvelche sich auf Gebet- und Religionsbücher, talmndische und Midrasch- Literatur beschränkten, von modernen Büchern belletristischen und ähnlichen Inhaltes wusste keiner etwas. Die wenigen Zeitschriften, die existierten, konnten sich kaum erhalten, und keinem Mitarbeiter ist es eingefallen, Honorar zu verlangen. Nicht einmal eil: Hordon, Litienblum, Brandstätter usto. ließen sich ihre Werke bezahlest, höchstens dass sie, lvenn die Arbeiten größere waren, einige hundert Abzüge erhielten. Bücher wurden auf eigene Kosten des Verfassers gedruckt und wurden von den Verfassern selbst an «Liebhaber der Literatur" verkauft. Zum nicht geringen Theile bot ein solches „Werk" eine bequeme Handhabe znm Schnorren, und jeder besser situierter Bürger hielt es für seine Pflicht, ein ihm vom Verfasser dargebotenes Werk zu kaufen und ihm dafür eine Münze in die Hand zu drücken, nicht selten mit dem bitteren Zusatz: „Das Werk können Sie behalten." Doch in den letzten Jahren ändertensich diese Zustände glücklicherweise. Es sind zlvei Tagblätter gegründet tvorden, tvelche außer ihren beständigen interrren Mitarbeitem eine stattliche Schar auswärtiger Correspondenten beschäftigen rmd erhalten. Es tmwden Verlagsanstalten ins Leben gerufen, welche Manuscripte ankaufen, die Buchhändler haben sich längst daran getvöhnt, ihre Bücher zu taufen, lind es gibt bereits eine Anzahl Schriftsteller, tvelche von ihrer Feder leben. Vorc bcu alten „schnorrenden Autoren" ist, fast keine Spur mehr, die Reichen haben sich bereits davon entwöhnt, die Werke „anznnehmen", und man kann bereits mit Recht von einern hebräisch-literarischen Markt sprechen. Und gerade beim frischen Grabe des „Hcrdor" verlohnt eö sich, davon ein Wort zu sagen. Das Blatt ist eine Gründung der VerlngS-Gesellschnft „Achmsaf" in Warschau. Es ist dies eine Gesellschaft ans Actien von je 200 Rubel, jedoch nicht auf, Gewinn berechnet, den Antheilnehmenc handelt es sich bloß um die Förderung der hebräischen Literatur, das Untericehmen ist ein teiti ideales oder, wenn man tvill, nationales. Und in der That sind viele tvertvolle Wdrke ans diesem Verlag hervorgegangen, Originalarbeiten sotvohl als mich Uebersetzungen. Iir diesern eVrlage erscheinen auch die hebräischen Monatshefte „Haschiloach" und das in Jargon geschriebene Blatt „Der Jcid", beide moderne und gut redigierte Zeitschriften, die dlirchans nicht hinter ähnlichen Zeitungen in arideren Sprachen znrückstehen. Diese Gesellsck)aft errtschloss sich mm im vorigen Jahre zur Herarrsgabe einer hebräischen Wochenschrift nrrtee dem Namen „Hador". ti In der Geburtsanzeige, irr denc Pwspect des Blattes, hreß eL wörtlich:

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