Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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HR Vom Tage. Das neue Heimatsgesetz. Der Verwaltungsgerichtshof hat eine wichtige Entscheidung .getroffen. Auf die Beschwerde des Moritz Langfelder erkannte er, dass d e r nr a l e n die Einhebung einer besonderen Taxe von den Ausländern für die Erlangung des^ Heimatsrechtes nicht berechtigt sei; dem eigentlichen Ansinnen des Berufswerbers, nämlich auszusprechen, dass die Erhebung einer Taxe überhaupt gegen das Reichsgesetz verstoße, entsprach der Gerichtshof nicht; vielmehr erklärte er indirect, dass die Geineinde in dem Momente eine Gebühr einheben könne, in dem das Landesgesetz, das die Gemeinde dazu berechtigt, sanctioniert sei. Diese Sanktionierung ist nur eine Frage der Zeit; der Ministerpräsident hat im privaten Gespräche erklärt, dass er in dieser Frage — wie leider auch in mancher anderen — den Standpunkt der christlich-socialen Gemjeindepaschas theile; er wird schon wissen, weshalb er den Wünschen dieser volksfeindlichen Clique ein so willfähriges Ohr schenkt; eine Hand wäscht die andere. Wir richten daher neuerlich an unsere Stammesgenossen den Appell, die Zeit bis zur erfolgten Sanctionierung nicht unbenützt vorüberstreichen zu lassen, zumal an die ungarischen Juden. Nach einer Statistik des Dr. O. Hein waren in der inneren Stadt 800 Wähler der Cultussteuerliste nicht bei den Landtags- und Reichsrathswahlen, wahlberechtigt; in der Leopoldstadt waren 1200 und im Alsergrund 600 jüdische Wähler nicht in der allgemeinen Wählerliste enthalten. . Diese Zahlen entsprechen aber noch nicht dem thatsächlichen Missverhältnisse, wenn man bedenkt, dass der niedrigste Census der jüdischen Cultusgemeinde 10 Fl. beträgt, während die allgemeinen Wahlen in der Wählerklasse überhaupt keinen Census kennen, und in den alten Wahlkörpern ein Stenerininimum Von 6 Fl. gilt; man kann also die früher angeführten Zahlen der nicht wahlberechtigten Juden getrost verdreifachen, und hat erst dann ein richtiges Bild der heutigen abnormalen Zustände. Geradezu unbegreiflich ist die Haltung der Juden, die ungarische Staatsbürger sind oder vielmehr cs zu sein vermeinen; mit einem, leider echt jüdischen grundlosen Optimismus und Enthusiasmus halten sie an dem Phantom ihres Magyarenthums fest. Je länger sie von ihrer Heimat entfern sind und je weniger ihre Anschauung durch eigene Sachkenntnis getrübt ist, mit umso größerer Zähigkeit 'klammern sie sich an das Gebilde ihrer Träume, wobei!man den Juden zugute halten muss, dass sie selbst zur Zeit j ihres Wohnens in Ungarn ein beneidenswertes Maß von | politischem Unverständnis an den Tag legen. In diesen Blättern ist zuerst und wiederholt auseinandergesetzt worden, dass der Antisemitismus jenseits der Leitha sich von dem cisleithanischen nur durch den Grad feiner Stärke und seiner Officiösität unterscheidet; ja, nach den Erfahrungen der letzten Zeit wäre man fast geneigt, Ungarn in Bezug auf den Antisemitismus den Vorrang zu gestatten. Man bedenke doch nur z. B., dass die berühmten Paragraphen 69 und 60 nach dem Muster des ungarischen Gewerbegesetzes geschaffen wurden; man erwäge die unparteiischen Aus—nahmegesetze gegen Judencinwanderuugen aus Galizien und Rumänien; man erinnere sich nur an die letzten Plünderungen in Budapest, denen nur jüdische Geschäftsleute zum Opfer fielen. Allerdings besteht in Ungarn eine sehr starke „liberale" Regierungsmajorität; aber „liberal" ist ein Wort wie so viele andere; erfreut sich doch auch Rumänien einer „liberalen" Regierung. In Wirklichkeit ist heute in Ungarn Agrarisch Trumpf; und wie judenfreundlich Agrarier sind, braucht wohl nicht des weiteren ausgeführt zu werden. Juden gelangen nur dann zu leitenden öffentlichen Stellen, wenn sie sich taufen lassen, siehe Falk und V a m bery; sonst fällt ihnen nur das beneidenswerte Los zu, für die hochgeborenen Gräflein Cortegedienste thun zu dürfen und sich hie und da von den Bauern erschlagen zu lassen. Der Hass der unterdrückten Nationalitäten und Minoritäten wächst von Tag zu Tag. Doch genug dieses Sündenregisters, das sich noch beliebig ausdehnen ließe; das Vorgebrachte aber sollte doch nach menschlichem Ermessen genügen, die Wiener Juden vonihrer „Ungarnthümelei" zu heilen; den Czardas und die verschiedenen Gulyas können sie auch ganz gut als österreichische Staatsbürger genießen. Wir wiederholen also: Es liegt im Interesse des jüdischen Volkes, dass sich alle Stammesgenossen die Wohlthaten des neuen Heünatsgesetzes zu Nutze machen. Niemand säume. Eine Unterlassung ist eine Sünde gegen sich und vor allem gegen s e i n e Kinde r. Der Jüdische Volksvevein, 2. Bez., Leopoldsgasse 49 sowohl als auch der Jüdische Volksverein 9. Bez., Seegasse 7, ist nach wie vor bereit, den Petenten mit Rath und That zur Seite zu Ein Apell für die Hausierer. Die antisemitische Partei hat sür ihre Wählerttelse ein Weihnachtsgeschenk bringen wollen. Am besten hat sich hierzu die Hausiererfrage geeignet, die doch schon so lange auf dem Tapet ist, ohne zu einem Erfolge geführt zu haben. Das Ministerium Koerber konnte — der Sachlage nach zu urtheilen — nicht anders, als dem antisemitischen Janhagel zuwillen zu sein. Es ist ein öffentliches Geheimnis, dass alle RegierungSacte von dem Gesichtswinkel aus geschehen, wie die antisemitische Partei zu ihnen Stellung nehmen wird. Es dürfte sonderbar sein, zu behaupten, allein es ist Thatsache, dass derzeit in Oesterreich nicht die Regierung, sondern die antisemitische Partei dominiert. Darf es dann befremden, wenn auch der Reichsrath der antisemitischen Strömung Heerbann leistet? Das Abgeordnetenhaus sowohl als das Herrenhaus hat die berüchtigten §§ 59 uud 60 zwischen Thür und Angel berathen und perfektioniert. Weder in dem einen, noch in dem anderen Hause hat sich eine sachliche Opposition gegen den modernen Barbarismus bemerkbar gemacht. Das Herrenhaus hat allerdings die Blumenmädchen pardonniert und sich hiermit in Opposition mit den antisemitischen Führern des Abgeordnetenhauses gesetzt. Allein man hat dies verziehen, weil die Blumenmädchen arischer Abkunft sind. Die antisemitische Parteileitung begnügt sich aber nicht damit, dass die neue Gewerbenovelle von der Gesetzgebung erledigt ist, sie will auch, dass diese neue Gewerbegesetznovelle sanctioniert und promulgiert werde und im Reichsgesetzblatt erscheine. Man! kann es nicht erwarten, dass tausende und abertausende von ’ jüdischen Hausierern brotlos gemacht werden. Das Elend, i welches entstehen wird, wenn einmal die §§ 59 und 60 in! Rechtskraft erwachsen, ist. wiederholt geschildert worden und bej darf keiner neuerlichen Ausführung. > Die Situation der jüdischen Hausierer ist ja genügend bekannt. Nahezu ausschließlich leben sie von der Hand zum Mund. Ihr Betriebskapital besteht in einem Warenlager, welches ihnen von mildthätigen Kaufleuten auf Borg gegeben wird. Mit der Tageslosung wird nach Abzug des minimalen Bedarfs an Lebensmitteln und sonstigen Erhaltungskosten neue Ware angeschasft. Unter solchen Umständen ist es selbstverständlich ausgeschlossen, dass ein Sparpfennig zur Seite gelegt werden konnte. Es besteht hier ein Verein zur Unterstützung jüdischer Hausierer, und dieser wäre in der Lage, recht interessante Aufschlüsse über die Lage dieser von der Vorsehung so stiefmütterlich bedachten Existenzen zu geben. Einem großen Theile dieser Hausierer müssen die Mittel geboten werden zur Bestreitung der verhältnismäßig enormen Steuern und Gebüren, die, um die Sache recht drückend zu machen, am l. Jänner jedes Jahres anticipando erlegt werden müssen. hnfipr »in drinaendes Gebot der Menschen- Feuilleton. Der Hausierer. Bon Marek Scherlag. Herrn Hofrath Kareis verehrt. Kaufen Sw etwas, ich bitt' Sie, Seifen, Zündhölzchen, Messer, Bleistifte, sehen Sie, spitz' ich, Sie kriegen sie nirgends besser. Bessere Waren, so will ich leben, . Wird Ihnen Niemjand billiger geben. Ob ich schon heut' ein Geschäft gemacht? . . . Weiß Gott-ich bitt' Sie -- — 's ist späte Nacht. Almosen?! Nein! Das Mitleid schneidet, Oft schueidt's, wie'n scharfes Messer ins Herz, Sieht Thränen beim andern, wer selber leidet, Fühlt er dopelt tief seinen Schmerz. Ich bin ein Kaufmann. Was ist denn dabei? Da haben Sie Rest — eins — zwei. — drei - - Der Wirt schaut her, ich muss schon gehn — Wär mir nicht draußen der schreckliche Wiild! Säh -mich der Wirt beim Wiegele stehn. Wo krank liegt mein Kind, Er wäre besser, das sag' ich Ihnen — Allein Weib fürchtet die finsteren Mienen. Doch wär sie nickst krank, gierig sie hausieren. Besser, als ans der harten Bank Schnierzen und Kälte zu spüren. Die Drincipien der jüdischen Ethik. Von Prof. Dr. Thomas Achelis, Bremen. (Schluss.) Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir an dieser Stelle die Sittlichkeit und unvergleichliche Tiefe der jüdischen Gottesvorstellung genauer erörtern, es mag genügen, nur die kurzen Worte unseres Gewährsmannes anzuführen, die sich darauf beziehen: Der Erfolg dieser einheitlichen Weltanschauung für eine Veredlung und Vertiefung des ethischen Ideals steht so fest und ist so wertvoll, dass vor dieser mittäglichen Sonnenhöhe des sittlichen Geistes alle Schatten unter den Füßen verschwinden. Am segensreichsten hat sich dieses Streben bewährt in der Erkenntnis von der Einheit Gottes, der Einheit der Welt und der Einheit des Menschengeschlechtes ... So lange die verschiedenen Erscheinungen der Natur, ihre Gebilde und ihre Kräfte als Gottheiten, gedacht, Personenhaft getrennt, lote in allen heidnischen Mythen, vorgestellt wurden, so lange gibt es keinen Begriff der Welt, des Universums. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, dass gerade durch den Gedanken des Einen als des Bildners aller Natnrgedilde der Begriff des Weltganzen sich allmählich entwickelt hat. Auch ohne alle religiöse Beziehung, unter der logischen Leitung der Idee von der Gotteseinheit steigt der Begriff der Welteinheit empor; der Sinn erweitert, der Blick erhebt, der Gedanke klärt sich, die engen Schranken fallen, die Trennung verschwindet. Und so hören wir denn auch bereits Melchisedek im Segen Abrahams, Moses in seinem erhabenen Abschiedsgesange und Jesaias in seiner großen Strnfrede Himmel und Erde zusammen als Zeugen anrufen, und die Psalmisten entwerfen Bilder des Universums von einer Großheit und Einheit, die nicht ihresgleichen hat (S. 146). Gegenüber den vielfachen Vorwürfen, dass es in der jüdischen Sittenlehre in der Hauptsache auf eine peinliche Befolgung lediglich äußerer Vorschriften und Verhaltungsmaßregeln ankomme, die den eigentlichen Geist und die maßgebende Gesinnung gar nicht berührten, constatiert Lazarus, dass umgekehrt das ausschlaggebende Ideal alles Thuns eine die ganze Persönlichkeit von Grund aus umwandelnde Heiligung sei, die in einem unausgesetzten Streben nach sittlicher Läuterung und Vervollkommnung bestehe. Der Wille des Menschen müsse vor allein eine" durchdringende Umwandlung erleiden, ganz und gar von der hohen Idee des Guten erfüllt sein, wenn die einzelnen Handlungen im schärfsten Sinne des Wortes auf das Prädicat des sittlich Untadeligen Anspruch erheben dürfen, schon deshalb, weil Gott selbst das absolute Ideal der Heiligkeit und Vollkommenheit in sich darstelle. Auf der anderen Seite wird aber nicht nur eine augenblickliche Gemüthserregung gefordert, die vielleicht nur zu oft im wirklichen Leben stärkeren Proben und Versuchungen gegenüber versagt, sondern eine dauernde Bethätigung des sittlichen Geistes, eine bewusste, pflichtinäßige Erfüllung der einzelnen ethischen Vorschriften und des höchsten Gesetzes selber, wodurch der Einzelne sich in den Dienst allgemeiner Ideen stellt. Darum lvird, wie Lazarus folgert, die Erkenntnis des Gesetzes und seine Erfüllung von allen vorzüglicheren Geistern des Judenthums'als das Höchste gepriesen; mit der Thora, den Propheten und den Psalmisten wetteifern darin die Rabbinen. Die Psalmen sind dafür besonders lehrreich; sie fallen in die Periode der bedeutendsten ethischen Entwicklung des Volkes; uneifchöpflich in demBestreben, das Gesetz zu verherrlichen, bieten sie immer hundert Aussprüche über die allgemeine Gesetzlichkeit überhaupt gegen einen, der von einein besonderen Gesetze oder von einem besonderen