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Jüdisches Volksblatt · 1902-01-10 · 2 (10.1.1902) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
4 (1902)
Issue
2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 10. Jänner 1902 Seite 5 Folgen dieses Verhältnisses in Angst gerieth, empfahl er ihr zuerst die Anwendung eines Mittels, das öffentlich nicht wiederzugeben ist, oder sich mit ihrem eVrlobten „einzulassen", um die Folgert des Verhältnisses auf diesen zu übertvälzen. Er bat sie ferner, ihn nicht zu verrathen, da er sonst vollkommen zugrunde gerichtet sei und die deutsche Sache, für die sie doch selbst auch schwärme, furchtbar darunter leiden würde. Er versprach ihr ferner, wenn sie verheiratet sein würde, sie weiter zu besuchen. Er blieb auch mit ihr noch weiter in intimem Verkehr, und als sie im Jahre 1901 einen Parteigenossen, Duzfreund und Corrleurbruder Wolfs die Hand zum ehelichen Bunde reichte, hatte Wolf noch die Kühnheit, als Trauzeuge zu fungieren rmd sich als Pathe für das erste Kind anzubieten. Als Wolf im Jahre 1901 davon erfuhr, dass die Frau, durch Gewissensbisse getrieben, ihrem Mann und ihrem Vater alles gestanden habe, tvollte er sich im Bewusstsein seiner Schuld sofort erschießen, ließ sich aber davon abbringen. Er bat die Mutter der nunmehrigen Frau um Vergebung. Infolge dieses Vorgehens Wolfs schrieb sein ehemaliger Couleurbruder an Wolf einen Brief, in dem er ihn einen ehrvergessenen Menschen nannte, der das Gastrecht frevelhaft missbraucht, die Tochter des Parteigenossen verführt und seinen Freund entehrt habe. Wolf könne mit diesem Makel nicht weiter Vorkämpfer für die idealen Güter des deutschen Volkes bleiben. Wolf lies; nun durch eine dritte-Person Dr. Seidl unter deni Versprechen des Stillschweigctls ein Duell anbieten, das aber von Seidel zurückgcwiesen wurde. Daraufhin ließ Wolf Dr. Seidl wegen der in obigem Brief enthaltenen Beleidigungen fordern. Schönerer intervenierte und das Duell fand dann, wie bekannt, thatsächlich statt. Wolf brauchte dieses--Duell, um einen sensationellen „Abgang" zu haben". Das „Trautenauer Wochenblatt" fügt dieser Veröffentlichung folgende Bemerkung hinzu: „Wenn Wolf glaubt, eine Unrichtigkeit der obigen Behauptungen beweisen zu können, so möge er sich noch vor der Wahl einem cai§ Parteigenossen gebildeten Ehrengerichte unterwerfen, das die Angelegenheit prüfen soll. Vor diesem Ehrengerichte müssten alle Zeugen erscheinen. Dann würden auch die Freunde Wolfs ätt die Thatsachen glauben müssen." Wir begreifen nur das eine an der Affairc nicht, woher der B o r d e l l r i t t e r Schönerer den Muth nimmt, Wolf anzugreifen. Par nobile fratnun. . Vortrag des Hof- und Gerichtsadvoeaten Dr. Oscar Hein. Herr Dr. Hein hielt Mittwoch, der: 8. Jänner einen Vortrag über daS nette Heinratsgesetz im Festsaale des „Jüdischen Volksvereines". Er verstand es, in meisterhafter Weise trotz der schwierigen Materie ebenso lichtvoll als geistreich zureden. Treffend wies er darauf hin, dass die theresianischen Gesetze eine Ersitzung in 4 bis 1.0 Jahren bestilümten, während die Gemeindeordnurig von 1863 trotzt ihres doctrinären Liberalismus in Wirklichkeit reactionär war, da sie das Recht der Zuständigkeit an die Bewilligung der einzelnen Gemeinden knüpfte, die infolge ihrer- Engherzigkeit unhaltbare Zustände schufen. Mit einem marinen Appell, zumal an die u n g a r i s ch e n I u. d e/n, die Segnungen des neuen HeimatsgesetzeS auszunützen,' schloss der Vortragende unter lebhaftem Beifall seiner: Vortrag. Ball der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Der Ball der Lesermd Redehalle jüdischer Hochschüler, rvelcher am 22. Järrrrer im Ballsaale Ronacher flattsindet, rvird, nach der: getroffenen Vorbereitungen zu schließen, eine der glänzendsten Veranstaltungerr des heurigen Winters werden. Der nächste Eomiteabend, Melcher reiche künstlerische Gaben darbieten soll und sehr ansirsant zu werden verspricht, findet am 1 >. Järrrrer rm^„Hotel Central" statt. Ballkarten sirrd in der Redaction des Blattes zu haben. Lieder von Leo Ascher. Im Musikverlage von Adolf Tändler, Wien, 7. Bez., Mariahilferstraße 22, sind soeben in geschmackvoller Ausführung vier Lieder des jungen Wiener Compopisten Leo Ascher erschienen. Die Compositionen zeichnen sich durch' großen Melodieirreichthum bei anmuthiger, manchmal volksthi'rmlicher Einfachheit. aus. Eines der Lieder „Weberlied", eine Dichtung der Königin von Numänierr, wurde als Widmung des Componisten vorr Ihrer Majestät hrildvollst errtgegengenommen und durch eine höchst schmeichelhafte Anerkennung ausgezeichnet. Schöne, leicht 'üts Gehör gehende Melodien, mit eirrer tvirknrrgsvollen, dankbaren Clavierbegleitung, werden die Lieder gewiss bald den Weg zwischen Concertsaal und jedem sangesfrohen Haus zu theilen haben. 1 lediglich eine äußere Form, die der Majorität und dem Vorurtheil zugestarrden werden müsse. Die heftigsten Pamphlete seiner Feinde haben dem Judenthum nicht ärgeren Schaden gethan als jener Aufsatz Monrmsens. Nur zu eifrig wurde sein Rath befolgt. Seitdem besteht ein nicht geringer Theil der deutschen Professoren aus getauften Juden, die beizeiten den klugen (?) Schritt gethan, der sie an das Ziel ihrer Wünsche brachte, freilich um den Preis einer That, die ihre männliche und wissenschaftliche Ehre auf teilten Fall gehoben hat. Umso rühmlicher ist die charakterbolle Haltung jener Männer, die keine Verlockrurg in der Treue gegen die Glaubens- und Stammesgemeinschaft, in der Treue gegen sich selbst wankend macht, denen ihre Würde nicht um Würden feil ist. Die maßgebenden Stellen können unmöglich so harmlos sein, nicht zu wissen, was auf das frischgebackene Christenthum jener strebsamen Gläubigen zu geben ist, die ihr Herz gerade in dem Augenblick entdeckten als es von Vortheil war, aber man hält es für gerathen, sich zu stellen, als wenn man es nicht wüsste. Indem man mit dieser Haltung, entsprechend dem Verhalten in alten Zweigen der Verwaltung, einerseits „Strömungen in weiten Kreisen der Bevölkerung" entgegerrkommt, befördere man auf der anderen Seite eine verächtliche Heuchelei und erzieht geradezu zur Lüge. — Die mehr oder weiriger systematische Ausschließung des Juden von der akademischen Carriere und Beförderung des Getauften, die Bestrafung der Glaubenstreue und Belohnung des Abfalls, das ist die Confessionslosigkeit der reinen freienWissenschaft inDeutfchlaird. Hier ist ein ganz anderes Material zur Entrüstung als der vereinzelte Fall Spahn. . . . Ein Jude kann also, so sehr er über die Frei heit der Wissenschaft schwärmen mag, sich über den Fall nicht sonderlich erregen. Die Behandlung seiner Person, seiner Religion, seiner Wissenschaft zeigt ihm zu oft, dass man den Spahn.im fremden Auge sieht, aber nicht den Balken im eigenen. Ausland. Der voraussetzungslose Mommsen. Mau sckMibt aus Göttingen: Der Protest Mommsens gegen die Besetzung der Lehrstühle nach eonfessionellen Rücksichten wird von Herrn Rabbiner Dr. Jacob n einem norddeutschen Blatte wieffolgt ergänzt: Aber bei aller Ehrerbietung gegen den'. großen Mann und seine gelehrte Gefolgschaft wird es gestattet? sein, ihre Erklärung von einem Standpunkte zu ergünzent der bisher noch garnicht zur Geltung gekommen ist: vorm Standpunkt des Judenthunrs. Von diesem Standpunkt erklären wir rundheraus: Juden und Judenthum gegenüber,ist all das hochtönende Gerede von Freiheit und Coirfessionslosigkeit der Wissenschaft eine Form. Es ist landkundigj,,dass es für einen jüdischen Gelehrten, und wäre er der.erste in seinen: Fache, auf vielen Gebieten der Wissenschaft,-.;auch solchen, die zu der Confession des Forschers in Verbindung zu bringen, selbst dem allerchristlichsten Glaubenseifer-nicht gelingen dürfte, namentlich in Preußen mit den allergrößten Schwierigkeiten verknüpft, ja meist geradezu unmöglich ist, ordentlicher: Professor zu werden. Was hat z. B. die medicinische Wissenschaft mit der Confession zu thmr? Aber es ist allbekannt, dass gerade an der Berliner Universität, von der der Protest ausgegangen ist, jüdische Midiciner von Weltruf jahrzehntelang auf eine Beförderung zum ordentlichen Professor Ivarten und so lange warten können, .hiS sie —- Christen werden, ja ganze Fakultäten priucipiell „judenrein" gehalten werden. Denn es ist ebenso bekannt, dass die Taufe den Juden mit einem Schlage anstellungsfähig macht. Weiriger bekannt oder schon lvieder vergessen ist es aber, dass gerade Professor Mommsen es gewesen ist, der. in den achtziger Jahren, am Beginn der antisemitischen Bewegung, den. Juden diesen Schritt angerathen hat.ZMe zugestanden werden muss und von einem Mommsen .picht anders erwartet werden kann, in der wohlmeinendsten Absicht. Da doch für den gebildeten Juden das Judenthum ebenso ein überwundener Standpunkt sei wie für den/'gebildeten Christen sein- Christenthum, so sei der Ueberrritt Chamberlain in allen Gassen. Man schreibt aus Berlin: Mr. Stewart Houston Chamberlain, der geschätzte Dilettant auf allen Gebieten geistigen Lebens, hat sich nun auch bemüssigt gefunden, in die Debatte der deutschen Professoren bezüglich der Straßburger IIrriVersitätsangelegenheiten mit unwahrer: Behauptungen einzugreifen. Chamberlain dauert es nämlich von Herzen, dass Mommsen nicht das „mannesmuthige Werk" Treitschkes fortsetzte, nachdem er, Mommsen, in seiner römischen Geschichte doch den Juden „die bitterstten Wahrheiten" nicht vorenthalten habe. „Mer nein, er zog seine achtundvierziger Rh rasen hervor, süeß jenes dunkle, richtungslose Giwissen der Nation, das sich vor der Hand „Antisemitismus" nennt, noch tiefer hinunter, schmeichelte den schlimmsten Jnstincten derjenigen Elemente im Judenthum, die zum functionellerr Parasitismus zurückgebildet sind und für Semiten und Nichtsemiten eine gleich verderbliche Seuche bedeuten" usw. Zu dein Fall Spahn übergehend, sagt nun der verehrte Dilettant: „Die Stadt Straßburg zählt 136 000 Einwohner; davon bekennen sich 67 000 zun: Katholicismus, 63 000 zum Protestantismus, 6000 zum Mosaismus. — Dieser Stadt dient nun die 1872 gegründete Kaiser Wilhelm-Universität. — Von 30 Professoren (der philosophischen Facultät) sirrd 12 Protestanten, 16 Juden und 2 Katholiken. Die (zu wahrende) Selbstbestimmung nun besteht darirr, dass die 16 Juden 30 sein wollen, und da das vor der. Hand nicht ohne weiteres geht, sie mit den Protestanten eure Art Kartell bilden." Allerdings sucht Herr Chamberlain seine Mittheilungen, die so zuversichtlich klingen, bald darauf einzuschränken, denn er sagt auf der nächsten Seite: „Ob diese Zahlen heute noch ganz genau stimmen, weiß ich nicht; auch weiß ich nicht anzugeben, wie viele der betrefferrden Juden sich haben taufen lassen; doch das Gesagte genügt, um uns ein Bild von dieser Fakultät zu geben." Nundiese Zahlen stimmen nicht nur jetzt nicht mehr, sie haben überhaupt nie gestimmt. Denn niemals waren 16 jüdische oder auch nur getaufte Professoren an der philosophischen Fakultät der Straßburger Universität zugleich angestellt.! Mer das schadet ja nichts. Der geschätzte Dilettant hat die statistische Berechnung einmal aufgestellt, und zwar in dem Blatte eines entarteter: Juden (!), und so wird sie nun eine Zeitlang ihren Unfug in antisemitischen Blättern und Versammlungen aurichten! Ans Jspahan. Das Central-Comitee der Alliance hat füllende Mittheilung von Herrn Confino, den: Director der Schule von Jspahan, empfangen: Mittwoch, den 18. September, als eben die Zöglinge die Schule berlassen hatten, hörte ich ein Geschrei auf der Straße; ich eilte hinzu und bemerkte inmitten eines Auflaufes ein Kind auf der Erde liegen, das aus Nase und Mund heftig blutete. Die Ausüber dieses Frevels waren zwei Soldateir und ein Bürgerlicher, die nicht weit davon standen. Ich ließ dem Kinde die nöthige erste Sorgfalt ßii theil werden und durch meinen Diener die Schuldigen ergreifen; ich hielt sie vorläufig in einem Schnlzimmer eingeschlossen. Ich schrieb darauf dem Oberbefehlshaber, um ihm mitzutheilen, was vorgesallen war und bat ihn, die Urheber der Frevelthat festznnehmen. Der Oberbefehlshaber ist eine angesehene Persönlichkeit — er ist ein Neffe des Schah; — er beeilte sich, auf meine Bitte einzugehen; hier folgt der Brief, den er an mich richtete: „Ich habe Ihren Brief, der mich von der Misshandlung, begangen an einem Ihrer Schüler, in Kenntnis setzte, erhalten. Ich habe die Schuldigen mit einer Strafe belegt. Ich verabscheue die Bösen und unterdrücke streng ihre Missethaten. Zu meinem großen Bedauern ist es mir unmöglich, die schlechten Thaten der Leute immer zu verhindern, so dass nolens bolens von Zeit zu Zeit böse Zwischenfälle sich ereignen. Haben Sie die Güte, ich bitte Sie, mich jedesmal zu benachrichtigen, tvenn Sie sich über einen meiner Untergebenen zu beklagen haben werden. Sarine-ed-Doulet Sardad Azam." Ich dankte für dieses so herrlich abgefasste Schreiben dem Oberbefehlshaber rnrd schrieb ihm, dass nach meiner Ansicht die beste Weise zur Verhinderung der Wiederholung solcher Thaten darin bestehe, dass es mir gestattet werde, diesen Brief an allen Straßenecken des israelitischen Viertels anzuheften. Diese Erlaubnis wurde mir gnädigst gewährt. , . Eonferen; von MrenerNertrauensritiLnneru der Jüdische« Uoikspartet. j(Orig.-Dericht des .JLd. VolkSblatt".); Der „Jüdische Volksverein" hatte für den 6. d. M. seine Vertrauensmänner ans den Wiener Bezirken eingeladen, um über wichtige Fragen der Partei zu berathen, und hatte die Genugthuung, fast alle Gesinnungsgenossen, an welche der Ruf ergangen war, in seinen Räumen begrüßen zu können. Dadurch erhielt die vertrauliche Conferenz, als welche die Sitzung gedacht war, der Charakter einer Versammlung, welche in demonstrativer Weise sich zu der nunmehr programmatisch festgelegten Idee der Jüdischen Volkspartei bekannte. Die Referate der Herren Dr. Köhn (Allgemeine Lage), Richard Rapp aport und Dr. Paul Weisengrün (Programm), Dr. Karl L i f c z i s (Nationale Kleinarbeit) und Chefredakteur Alois Munk (Presse) wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen und zum Gegenstände einer eingehenden Debatte gemacht. Die Verhandlungen selbst nahmen folgenden Verlauf: Der Vicepräsident des „Jüdischen Volksvereines" Herr Richard Rappaport begrüßte die Erschienenen und wies auf den Zweck der Conferenz hin". Es handelt sich um Dinge, welche unsere Parteiangehörigen nicht bloß aller Bezirke Wiens, sondern auch von ganz Oesterreich interessieren. Von besonderer Wichtigkeit ist Punkt 2 der Tagesordnung, der die Festsetzung eines Parteiprogrammes betrifft. Hierzu wurde die Vereinsleitung von einer großen Anzahl von Mitgliedern in Mähre», Galizien und der Bukowina aufgefordert, und ich möchte noch bemerken, dass wir außerdem von Vereinen aus der Provinz zwei Resolutionen mit der Forderung eines Parteiprogrammes erhielten. Es ist naturgemäß, dass dasletzte Wort in dieser eminent wichtigen Angelegenheit nicht ausschliesslich von Wiener Parteigenossen gesprochen werden kann, vielmehr werden wir auch unsere Freunde in der Provinz einladen, zu diesem Punkte Stellung zu nehmen." Ueber Vorschlag Dr. Sofers werden die Herren Richard R a p p a p o r t, Dr. Siegfried K ö l l n e r und Hermann P l a s ch k e s ins Präsidium, die Herren Jakob Kraus und Dr. Knecht zu Schriftführern berufen. Hierauf nahm Doetor Jakob Kohn das Wort zu seinem Referate ^Ueber die allgemeine Lage". Er schilderte die Genesis jener Vereinigung, die sich in der Jüdischen Volkspartei concentrierte. Die Gründer derselben waren der Ansicht, dass es sich vor allem darum handle, die jüdischen Bestrebungen, wie sie einerseits aus der Vergangenheit der Juden resultierten, andererseits dem Bedürfnis der Juden entsprangen, in feste Formen zu kleiden. Unsere Bestrebungen scheinen mir dreierlei Richtungen zu haben: 1. Die rein seelische nationalistische Richtung, welche die treibende Kraft in sich, in der Eigenart der Juden und in deren Vergangenheit findet. 2. Diejenige Richtung, welche die gegenwärtigen politischen Verhältnisse und ihre Aeußerungsformen berücksichtigt. 3. Die Richtung, welche die wirtschaftlichen Fragen, wie sie für den Moment und später sich entwickeln, ins Auge 'affen soll. Diese drei Gruppen in ein einheitliches Ganzes zu verschmelzen, so dass ein jeder einzelne Angehörige dieser drei Gruppen sagt, er sei überzeugt, dass er in unserer Organisation in weitesten Maße das findet, was ihm in erster Linie am Herzen liegt, das ist unsere Aufgabe. Ich glaube also, dass wir unsere Berathungen vor allem darin concentrieren sollte», ein Synthese dessen zu finden, was uns als das wesentlichste Bedürfnis unseres Volkes vorschwebt, und wenn wir diesen Ausdruck gefunden haben, werden wir sehen, dass aus allen Lagern und insbesonders aus dem Lager der Indifferenten diejenigen, welche bis dahür keine geeignete Zufluchtsstätte geünden haben, in unser Lager strömen werden. Hoffentlich gelingt es uns, diese Zauberformel zu finden, vermittelst welcher wir durch Einheit zur Macht gelangen, die es uns ermöglichen 'oll, durchzuführen, was wir anstreben, das Wohl unseres Volkes. (Lebhafter Beifall.) Hierauf referierten die Herren Richard Rappaport und Dr. Paul W e i s e n g r ü n über das Programm, das wir in der heutigen Nummer an leitender Stelle publicieren. Die Referate beider Herren, deren ausführliche Wiedergabe wir uns für die nächste Nummer Vorbehalten, wurden mit lang anhaltendem stürmischen Verfalle ausgenommen. Dann ergriff Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Carl L i f e z i s das Wort zum Punkte „Nationale Kleinarbeit". Er legt die Bedeutung der nationalen Kleinarbeit überhaupt dar und schildert, was auf diesem Gebiete seil drei Jahren geleistet wurde. „Wir haben darauf gesehen, dass die jüdische Jugend, soweit sie westlich ist, mit den ersten Grundsätzen jüdischen Wissens und -Wesens vertraut gemacht werde. Wir haben zu diesem Zwecke Vorträge abgehalten und Lesehallen errichtet. Wir haben im IX. Bezirkes einen jüdischen Schulverein ins Leben gerufen, wo jüdische Sprache, Geschichte und Literatur gelehrt wird. Wir haben in Wien viele Juden, besonders in der Leopoldstadt, zuständig gemacht. Wir haben auch zu einzelnen Tagesfragen Stellung genommen und haben angestrebt und erreicht, dass möglichst viele Juden — und sogar recht gute Juden — in den Bezirksrath gewählt wurden. Es ist selbstverständlich, dass wir uns auch der galizischen Juden angenommen haben und in allen Fällen von Rechtsbeugungen, die zu unserer Kenntnis kommen, intervenierten. Wie haben auch versucht, in wirtschaftlicher Hinsicht eine Hebung des Mittelstandes zu veranlassen und brauche ich da nur auf die allgemein anerkannte Thätigkeit des von uns gegründeten Creditinstitutes hinzuweisen. Ich kann da nicht umhin, an dieser Stelle denjenigen Herren, welche am der Spitze dieses Institutes stehen — es sind dies die Herren

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