Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt 20. December 1901 Nr. 51 Wien, Freitag 8eitl> 5 das „Judenthum und Christenthum" und schließen nun den Bericht für „Syon", dem wir bestes Gedeihen, aber auch den Bruch mit dem polnischen Commando, welches unseren nichtakademischen Stammesgenossen den Beitritt verleidet, wünschen. Von zionistischer Seite gieng das Bestreben aus zur Errichtung einer jüdischen Toynbee-Halle, zu welchem Behufs der Lemberger Cultusvorstand dem Cömitä einen Saal bereitwilligst zur Verfügung stellte. Man will freilich Volksuuiversität spielen,' allein die Professoren stehen ja im Lager des auserwählten österreichischen Volkes, der Stützen des Thrones und des Krummstabes. Eröffnet wurde diese Volksuniversität vom stud. .jur. L ö w e n h e r z, worauf unser Gesinnungenosse Herr Direktor G u l t m a n n, stellvertretender Rabbiner der Cultusgemeipde, die Weiherede hielt unter dem Motto -v^ Wir hatten bereits Vorlesungen über verschiedene Themata, selbst über Jargonliteratur - nur noch nicht über die Frage, die Israel augeht — die nationale Frage. Die Volksuniversität erfreut sich eines guten Besuches, leider aber eines Locales, von welchem man behaupten muss, dass statt des ..Es werde Licht!" "iik *rv eher der Gegensatz -ppin \t nm Platze wäre. Zu den Studenten-Eommersen kommend, hat die zionistische Verbindung „Emunah", die um die national-jüdische Sache so Vielverdieute, einen recht animierten Jnaugurationsabend gefeiert. Der Präsident des „Emunah", Herr' stud. jur. Thon, hielt sowohl die Eröfsnungsals die Jnaugurationsrede. Wir kennen ihn von der Inauguration der jüdischen akademischen Hörer Galiziens und zollen ihm volles Lob. Die „Emunah" wurde beschickt von einer Abordnung des „Ognisko" (Herd), dem Rigorosanieu-Vereine, dann von den Alten Herren des „Zion", ferner von der Wiener „.Kadimah" und andere. Alle Repräsentanten begrüßten die „Emunah" in warm empundenen Worten der Anerkennung für ihre Leistungen auf dem Gebiete der Regeneration der jüdischen Jugend. „Vivat erp-5-ent ilorsrtt Emunah!“ tönte es aus dem Munde aller. Die „Fidelitas" brachte Humoristisches aus dem jüdischen Leben. Ueberraschung brachte der akademische Verein „Ognisko" zunächst dadurch, dass derselbe sich einen Zionisten, den stud. jur. Reich, zum Präsidenten gab, welches Factum auf einen Umschwung in der Denkweise unserer jüdischen Hochschüler deutet. Die Jnauguratiousrede, welche dieser Capcck gehalten, täuschte wohl niemand, dass die Wahl auf einen neuen Cours in dieser Körperschaft hindeutet. Er will den „Ognisko" sowohl zum physischen, als geistigen Herd ausgestalten. Dort soll der jüdische Student seine nationalen Interessen pflegen, sein Bewusstsein vertiefen, sich somit vorbereiten für die jüdisch-nationale Lebensaufgabe. Unser Reich tadelte diejenigen Damen und Herrchen, welche so rasch bei der Hand sind, Gelder zusammenzuschießen für die preußischen abgeurtheilten polnischen Mütter, während dieselben Kreise nichts dazu beigetragen haben, als die verhetzten und verfolgten rumänischen Stammesgeuosseu bei den Lemberger Brüdern und Schwestern Barmherzigkeit und Gastfreundschaft suchten. Acclamieren wir der aus echt jüdischem Herzen dringenden Rede. Der Verein „Ognisko" zeichnet sich in politischer Beziehung ganz besonders aus. Seit der l848er-Freiheitsperiode, an welcher unsere jüdischen Universitätshörer einen so hervorragenden Antheil nahmen und Führer der Bewegung geworden, haben unsere jüdischen Akademiker sich bis nun ganz passiv der Politik gegenüber verhalten. Aus dieser poliitschen Uuthätigkeit rissen wir 1881/82 mit der Gründung der „Kadimah" einen iminenten Theil der Wiener jüdischen Studentenschaft heraus und lenkten die jüdische Studentenschaft fast aller Herren Länder auf die nationale Selbstzucht, wie aus eine nationale Politik. Welcher jüdische Politiker wird diese national-zionistische Epoche nicht als die größte Vorarbeit für die Renaissance.unseres Volkes ansprechen? Nun unsere Studenten bereits den christlichen Eollegen als nationaler Factor erscheinen, kommen erstere an den „Ognisko" heran, um dieser zur Abgabe eines Urtheils über die Universitätsaffaire zu veranlassen. Die rutheuischen Commilitonen haben auch dieriehtige Adressenicht verfehlt. Der „Ognisko" unter dem Präsidium Reichs verstand, eine eonciliante und correcte Stellung den ruthenischen Eollegen gegenüber einzunehmen, und so begrüßt man die Sympathien beider studentischen Corporation für einander als ein Zeichen der Zeit, der besseren Auffassung der Politik in Galizien seitens der jüdischen Jugend. Vielleicht dürfte die unser galizisches Israel so unglücklich machende Schlachta-Politik vom Schauplatze verschwinden und statt dieser die gerechtere und gesündere, die jüvisch-ruthenische, erscheinen, wobei_ die beiden hartbedrückten Volksstämme eine gemeinschaftlich bessere Existenz zu erkämpfen in die Lage kamen. Es lässt sich denken, welchen Unmuth diese neue Erscheinung in Jung-Jsrael auf die journalistischen Kreise hervorgerufen. Dieses darf aber unsere Jüdisch-Nationalen keinen Augenblick wanken machen. Der Kampf um die Abschürtelung des antisemitischen Joches von 800.000 Stammesgenossen ist dem politischen Tode der Entrechtung und der Proletarisierung bei weitem vorzuziehen. Den ziomstischen Studenten wird der Ruhm der Initiative zu einer neuen politischen Gruppierung, bei welcher die Juden als gleichberechtigte Bürger mir in Rechnung gezogen werden, nicht ausbleiben. In der Kühnheit und dem Muthe liegt ein Stück Prophetenthum. — Das Prophetenthum der politischen Intention, das wir leider bis zur Stunde entbehren mussten. S a m u e l s o h n. Aus Böhmens Gefilden. In der jüngsten Nummer ergötzte mich der Bericht Ihres chinesischen Correspoitdenten. denn er geißelte mit Geist gewisse Zustände, ob sie nun wienerisch, europäisch oder chinesisch sind. Mein Heutiges hat nun den ähnlichen Zweck, um der Welt zu zeigen, auf welch hoher Stufe manche Gemeinden stehen, luii’. sie Mildthntigkeit und Nächstenliebe üben, und wie sie von Gerechtigkeitsliebe erfüllt sind gegen ihre Angestellten. Mein Heutiges betrifft aber keine Gemeinde, ' die iveit vom Weltverkehr liegt, sondern eine solche, wo getvöynlich Intelligenz zuhause ist, denn sie berührt einen Ort, wo jährlich tausende Fronen Heilung suchen.. Dieses Eldorado der Natur ist aber eher eine Hölle für den Rabbiner, da er geistig sich nicht entwickeln kann, sie zählt am Sitze der Gemeinde mit 3 eldigen Burschen und dem Rabbiner sage und schreibe neun Personen. Um ab und zu doch am SamStag Minjan zu haben, tvird ein armer Jude ans dem eine Stunde entfernt gelegenen Orte bezahlt, weil von den auswärtigen Mitgliedern sich höchstens drei bei der Seelengedächtnisfeier einfinden. Dass am Freitag ein Gottesdienst nie abgehalten ivird, ist daher selbstverständlich. Selbst lvährend des Hochsommers ist die Situation nicht viel günstiger, da wir es noch nicht so weit gebracht, dass man die Damen zu Minjan zählt, obwohl manche würdiger wäre, gezählt zu »verden, als mancher Mann. Im verflossenen Jahre beglückte nun ein Gast diesen Ort und rieth den Weisen der Gemeinde, den Almemor in die Mitte des Tempels zu stellen, einen orthodoxen Rabbiner aufzunehmen, lvas für die Gemeinde von großem Vortheile lväre, da hierdurch die drei jüdischen Restaurationen, als auch das Gotteshaus nur materiellen Nutzen haben werden. Dass sie den dortigen Rabbiner, der bereits 13 Jahre zur vollsten Zufriedenheit wirkt, brotlos machen könnten, verursachte diesem Herrn wenig Sorgen. Es wurde schnell eine Ansschusssitzung einberufen und wurde beschlossen, den mit dem jetzigen Rabbiner am 16. April 1902 ablaufenden Contract nicht zu erneuern. Auf die Anfrage zweier Herren des Vorstandes, warum dies geschehen solle, da der Mann sich große Verdienste um die Gemeinde ertvorbeu hat. wurde geantwortet.- Wir brauchen keine Gründe, wenn lvir den Rabbiner entlassen ivollen. Es kam wohl zu einer großen Debatte, aber nicht zur Abstimmung, weil das anwesende Ausschussmitglied, ein Arzt, solche Gründe, nicht anerkennen wollte. Es wurde eine zweite Sitzung einberufen, bei der der erwähnte Arzt leider weegn eines schweren Krankheitsfalles in seiner Praxis nicht anwesend sein konnte. Der Rabbiner suchte nun einen Ausgleich herbeizuführen, indem er sich bereit erklärte, gegen eine Abfertigung von 2000 Kronen zu resignieren. Was beschließen nun die weisen Herren? Sie ivollen dem abtretenden Rabbiner beim Austritte 000 K., im April 1903 neuerdings 000 K. und im April 1904 noch 300 K. geben, wenn er keinen Posten bekommt. Der Rabbiner, satt des Zwistes, willigt ein; doch wie erstaunte er nachträglich, als ihm nach dieser mündlichen Unterhandlung die Zuschrift kam, sie wollen ihn im September 1904 die weiteren 300 Kronen geben, tvenn er oder dessen Frau einen Ertverbszlveig nicht gefunden. Mit anderen Worten: Sollte er von seiner Wohnung irgend einer Partei etwas vcrmiethen oder irgend eine Kost verabreichen, was in einem Curorte doch sein kann, so erhält er für seine dreizehnjährige Mühe nnd Plage gar keine Abfertigung, da er einen Erwerb hat. Diese tveisen Herren decrctierten auch gegen den klaren Wortlaut des Gesetzes vom 21. März 1890, dass auch Aerztc und Geschäftsleute, die während der Saison sechs Wochen oder acht Wochen dort wohnen, auch dort Cultussteuer zahlen müssen, so dass also solche Herren gegen den Paragraphen 23 zweimal Cultussteuer zahlen müssten, in ihrer Heimat und dort. Wundern Sie sich also nicht, wenn die Antisemiten uns nicht grün sind, unsere Herren Inden verfahren ja mit ihren Glaubensgenossen nicht besser. Grabdenkmal für Lasker und Bamberger. Das gemeinsame Grabdenkmal der Parlamentarier Eduard Laster und Ludwig Bamberger wurde Sonntag Nachmittag um 2 Uhr auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee feierlich eingelveiht. Es regnete in Strömen und so fand die eigentliche Feier in der Trauerhalle statt, die dicht mit Lorbeer und Palmen geschmückt war. Die Familien Lasker und Bamberger waren durch eine Reihe ihrer Mitglieder Vertreten. Unter anderen erschien der Legationsrath Dr. Cahn vom Auswärtigen Amt und Sanitätsrath Lasker. Ferner wohnten Theodor Mommsen und Oberbürgermeister Kirschner der Feier bei. Zahlreich versammelt Ivareu die Mitglieder der Freisinnigen Vereinigung, deren Wirken vornehmlich das Zustandekommen des Monumentes zu danken ist. Die Feier gipfelte in einer von warmer Begeisterung getragenen Gedenkrede des Abgeordneten Schräder. Der. Redner zeichnete in scharfen Umrissen ein Bild von dem parlamentarischen Lebensgang der beden Abgeordneten und feierte Lasker als den Maim, der als Volkstribun bestimmend auf bic. Entwicklung der. deutschen sttechtseinheit eingewirkt hat, und Bamberger als Reformator des deutschen Wirtschaftslebens. Mit dem Wunsche, dass eine kommende Generation sich wie diese beiden Männer eine unerschütterliche und selbstlose Ueberzeugungstreue bewahren möge, schloss der Abgeordnete Schräder seine Rede. Dann begab sich die Gesellschaft, mit Theodor Mommsen an der Spitze, unter strömendem Regen die Gräberreihen entlang zu der gemeinsamen Ruhestätte, um einige Augenblicke stillen Gedenkens dem bereits enthüllten Monument zu widmen. Das Denkmal besteht aus' einer hohen Bronzetafel, die zu beiden Seiten von Granitsäulen flankiert wird. Je ein bronzener Lorbeerkranz schmückt die Säulen. In die Tafel ist folgende Inschrift eingegraben : „Hier ruhen im Tode vereint, die im Leben gemeinsames streben für Deutschlands Einheit und Freiheit verband." Eine strahlende.Sanne und ein Lorbeerkranz bilden den Abschluss dieser Widmung. Eine Granitplatte bedeckt beide Gräber. Hier befindet sich links die Inschrift: Eduard Lasker. — 14. Oetober 1828 — 5. Januar 1884, auf der rechten Seite: Ludwig Bamberger — 22. Juni 1828 — 14. März 1899. Frische Blumen und Kränze schmückten bald die Grabstätte. Deutschsocinle Rcformpartei. Auf dem letzten Parteitage wurde der Rechenschaftsbericht von den Abgeordneten Lotzc und Zimmermann erstattet; die seit der vorjährigen Spaltung der Antisemiten bestehende gesonderte Richtung des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg nnd dieser selbst wurden scharf angegriffen. Eine lange Erörterung entspann sich darüber, ob die sogenannte Mittclstandspolitik oder die Judenfrage in den Vordergrund geschoben werden soll. Abgeordneter Werner, Kassel, führte dazu aus. dass man mit allgemeinen Judendebattcn und Radau keinen Erfolg erzielen werde, sondern nur mit socialreformatorischer Arbeit. Die Mittelstandsfrage sei mit der Judcnfrage eng verbunden. Diesen Ausführungen entsprechend gieng im allgemeinen die Stimmung dahin, dass die Judenfrage nicht mehr an erster Stelle auf der Tagesordnung zu stehen habe. Resolutionen wurden angenommen zugunsten des Zolltarifentwnrfes und seiner lückenlosen Ausgestaltung im agrarischen Sinne und gegen die Aeußerung des Staatsantaltes Kansow-Bcrlin (bei Gelegenheit des Processes Dewald wegen Beschimpfung der jüdischen "Religionsgemeinschaft) : „Für einen gebildeten Menschen gibt es keinen Ritualmord." Man sieht, dass die reichsdeutschen Antisemiten im Gefühle der llndnrchführbarkeit des Programmes Wasser in ihren Wein gießen nnd eine agrarische Partei schlechtweg werden. Verein jüdischer Studenten Breslau. Zu Charstiorten des „Vereins Jüdischer Studenten" ( im B. I. C.) an der hiesigew Universität sind stud. med. Moses, stud. med. Peritz und stud. jur. Mcmasse gewählt worden. Der officielle Beginn des nunnrchrigen k». Vereiussemesters erfolgte durch die „Antritts-Kneipe", zu welcher zahlreiche Gäste erschienen waren. Der. Präside begrüßte die Erschienen nnd hielt die „Tendenzrede"; im Namen der Gäste sprach Herr Prof. Dr. Badt. In den ersten Wochen des Semesters trat der Verein mit einer Neuerung vor das größere jüdische Publicum. In einem von ihm veranstalteten Vortrags-Abend sprach vorige Woche Herr Dr. med. Moses-Lieguitz vor zahlreichem Auditorium über das Thema: „Unser Kampf ums Recht". Die glänzenden Ausführungen, gipfelten in dem Mahnruf au alle Juden, gleichviel welcher Parteirichtung sie augehöreu mögen, in der Abwehr des Antisemitismus einig bei einander zu stehen. An den begeistert anfgenommenen Vortrag schloss sich eine rege Discnssion, an der die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal und Dr. Klueger, Prof. Dr. Badt, Fabrikbesitzer Hirschfeldt u. A. sich betheiligten. Der Erfolg dieses ersten Vortrags-Abends ermnthigte den Verein zu dem Beschluss, möglichst alle vier Wochen bekannte jüdische Redner zu Vorträgen heranznziehen. Ausland. Moderne Rchetssprüche. Ans Podwoloczyska wird gemeldet: Die antisemitische Lehrerin Gazecka, Ulelche vor zwei Wochen ein Jndenmädchen unmenschlich prügelte, wurde zu 24 Stunden, der Vater des Mädchens aber, der Bäckermeister Jakob Friedmann, welcher sich in begreiflicher Erregung seines Kindes annahm, wegen Ehrenbeleidigung der Lehrerin zu 3 Tagen Arrest vemrtheilt. Fiat justitia! Wieder der Ritualmord. Der. von verruchten Hetzern teuflisch genährte „Nitualmord"-Wahnsinn hätte k^iimhe in Cleve ein schweres Unheil angerichtet. Vor einigen Tagen machte sich daselbst ein etwa fünfzehnjähriger Bursche, der von der Arbeit heimkehrte, mit den im Hausflur des Ladengeschäftes von S. Mildenberg ausgestellten Waren zu schaffen. Da gerade an diesen Gegenständen in der letzten Zeit wiederholt Diebstähle nnd Beschädigungen beobachtet worden waren, gerietst ein Angestellter des Geschäftes beim Anblick des Burschen derart in Wutst, dass er ihn ergriff, durchprügelte und darauf einsperrte, in der Absicht, die Polizei zur Personalfeststellung herbeizurufen. Mittlerweile hatte sich auf der Straße eine große Volksmenge angesammelt, die durch das Verschwinden des Burschen in nicht geringe Aufregung gerieth; man faselte von dem Zkantener Knabennwrd, bei welchem der später als Leiche anfgefundene Christenknabe gleichfalls in ein Inden- Haus gezerrt worden sei. Zum Glück erschien ein Gendarni, dem das Vorgefallene mitgetheilt wurde. Dieser gieng in das Haus, stellte den Sachverhalt fest und ließ den Knaben laufen. Mildenberg hat sich veranlasst gesehen, gegen einen christlichen Gefchäftsconcnrrenten, der ans dem Vorfall Capital zu schlagen suchte, vorzugehen. Damit hätte nun eigentlich die zienilich bedeutungslose Sache erledigt sein niüssen, wenn nicht der Glaube an den „Ritualmord" gewesen wäre. So entstanden die ungeheuerlichsten Gerichte, die sehr bald über die Grenzen von Cleve hinausdrangen. In der Umgegend wusste man bereits von dem Auffindcn einer blutleeren Leiche im Hause des Inden Mildenberg zu erzählen; nach einem anderen Gerüchte soll der Knabe erst nach langem Suchen durch den Gendarmen in einer vernagelten Kiste aufgefunden worden fein. Eine in dem Schaufenster eilies Clever Geschäftes ausgestellte, hierauf hinzielende Darstellung wur de polizeilich beschlagnahmt. Das Grundbesitzrecht in Rumänien. Nach Artikel 7 der rumänischen Verfassung hat der Grundbesitz in Rumänien die Staatsbürgerschaft zur Voraussetzung. Diese Bestimmung hat den Zweck, das Eindringen von Ausländern, namentlich aber von fremden Juden, in die Reihe der rumänischen Grundbesitzer zu verhindern. Abgesehen davon, dass dieser Zweck nicht erreicht wurde, weil jüdische Capitalisten das rumänische Bürgerrecht erworben haben und dadurch viele Güter infolge der verminderten Käuferconcurrenz umso billiger erwerben konnten, hat dieser Artikel eine weitgehende Entwertung des rumänischen Grundbesitzes zur Folge gehabt. Schon aus dem Grunde, (veil für ausländische Hypotheken durch die Unmöglichkeit - der Eigenthnmserwcrbung nicht. die gebotene Sicherheit besteht. In den letzten Jahren der Krise hat diese Ausschließung üble Consequenzen gezeitigt. Immer mehr und mehr Güter gehen auf dem Wege von Zwangsverkäufen und weit unter ihrem "Werte in den Besitz des „Credit Funciar Rural* über, und dieses HypothekarinsUtut wird bald der einzige Großgrundbesitzer im Lände sein. Aus diesen Gründen wehren sich die Stimmen, welche die Aufhebung des Artikels 7 verlangen. Präsident Roosevelt ein Judenabkönnnling. Ein englischer Journalist, der den Stammbaum des Präsidenten von Nordamerika, Roosevelt, untersuchte, will gefunden haben, dass derselbe von rein jüdischer Abstammung sei, daher seine lebhafte Sympathie für die Juden, so dass er einen Juden als Privatsecretär angestellt hat. Der Großvater hieß Röswelski und stammte aus Russisch- Polen. Als er nach Amerika kam, änderte er seinen Namen in Rosenfeld um. Sein Sob der Vater des gegenwärtigen Präsidenten, ließ sich taufen und heiratete eine Holländerin und nahm den Namen Roosevelt an nach h ollä n d ischem Dialect. Die Lage der rumänischen Juden. Obgleich die moralische und materielle Lage der Israeliten Rumäniens weniger beklagensivert ist, als vor' einem Jahre, da die wirtschaftliche Krise den höchsten Grad ihrer Schärfe erreicht hatte, so ist sie noch weit entfernt, sich so schnell, wie man gehofft hatte, zu verbessern. Im Frühling dieses Jahres versprach die Ernte, ausgezeichnet zu werden. Mau hatte jedoch nicht mit der schlechten Witterung gerechnet; zuerst die Trockenheit, darauf zu viel und zur Unzeit fallender Regen zerstörten einen Theil der schönsten Hoffnungen des Landmannes und infolge dessen diejenigen der Juden, welchen der Getreideverkauf und -Transport ihren Broterwerb verschaffen. Der Winter meldet sich für die jüdische Bevölkerung sehr traurig an, und die Allianz findet sich in die Nothweudigkeit versetzt, ihr im Juni 1900 begonnenes Uuterstützungswerk fortzusetzen. Während des Sommers 1901 ist eine gewisse Anzahl von Volksküchen geschlossen worden; sie sind nur in den dürftigsten Gemeinden unterhalten worden. Für den beginnenden Winter müssen alle Küchen, die voriges Jahr in Thätigkeit waren — es sind ihrer 28 — wieder von neuem unterstützt werden. Während des Winters 1900 bis 1901 ist für 40 000 Francs Holz vertheilt worden; ähnliche Vertheilnngen müssen im December wieder vorgenommen werden. Endlich muss eine erhöhte Summe zur Zahlung der Mieten der ärmsten Familien angewendet werden. Das Ganze dieser sozusagen dreifachen obligatorischsten Ausgabe wird sich wenigstens auf 160 000 Francs belaufen. Um den Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten eine wirkscmie Hilfe zu leisten, ist Herr Astruc, der von der Allianz beauftragte Delegierte zur Leitung und Ueberwachung dieser Werke, bevollmächtigt worden, rückzahlbare Darlehen zwischen 60—200 Francs zu gewähren. Diese Einrichtung hat sich jetzt entwickelt und ist in mehreren der großen Anhäufungen von Juden Rumäniens angewendet worden. Ein erster Credit von 20 000 Francs ist den Darlehenscassen gewidmet worden; es ist möglich, dass bedeutendere Fonds nöthig fein werden, um diese nützliche Institution zu vervollständigen. Die Hilfsquellen, über die die Allianz, dank der großmüthigen Beihilfe ihrer Freunde und hauptsächlich der ComiteeS von Frankfurt a. M. und von Bayern noch verfügt, genügen kaum, um die schon übernommenen Ausgaben ZU decken; das Centralcomitee bittet innigst alle seine Mitarbeiter, dass