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Jüdisches Volksblatt · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. December 1901 Seite 3 Man hat es früher nicht gewagt, an dein Artikel 7, dein Judenartikel Par ercellenee, zu rühren. Heute hat sich das geändert. Die wirtschaftliche Krisis hat einige Rumänen, ivenn auch nicht beten, so doch bis zu einem gewisser: Punkte denken gelehrt, ^ie sehen ein, dass sie mit diesen Gesetzesmas;regeln gegerr die wirtschaftlich stärkste Schichte ihrer Staatsgenossen die schöpferischen Kräfte des Landes selbst rurterbinden und dazrr beitragen, dass mit der Zeit aus der Judenfrage eine Numänenfrage lvird. Dem: der Artikel 7 lastet jetzt eberrso schwer aus dem rumänischen Großgrundbesitz lvie auf den: jüdischen Volke in Rumänien. Die Juden werden drrrch diese Sitriatiorr rrrehr indirect, der Großgrundbesitz direct getroffen. Der Großgrundbesitz kam: die verschuldeten Güter weder halten noch verkaufen. Die Gefahr droht, dass er cm einer inneren Wunde verblutet. Dadurch aber wird der Handel sowohl als auch das Handwerk des ganzen Landes getroffen, und dadurch leiden wieder am ärgsten die Juden. (Line Aenderung des Artikels 7, das Hineinstrümen fremden Kapitals ins Land, das Ankäufen der Güter durch Angehörige anderer Nationen und das dadurch verursachte Steigen der Bodenpreise würde beiden helfen: dem Großgrundbesitz sowohl als den Juden. Die Frage entsteht nun: Wird in diesem 'Kampfe zwischen nationaler Borniertheit und ökonomischer Einsicht das letztere Princip den Sieg davontragen? Wir müssen es leider bezweifeln. Ter objeetive Beobachter, der Kenner der Rumänen muss sich in Bezug auf die Schätzung ihrer socialen Einsicht und ihrer Kenntnis des wirtschaftlichen Lebens sehr skeptisch verhalten. Dazu gesellt sich noch ein Umstand. Die Liberalen, welche am Ruder sind und es geraume Zeit bleiben dürften, sind die heftigsten Gegner einer jeden Verfassungsänderung. Sie siird die Träger des falschen. Nationalismus. Ihr Führer, man kann wohl sagen ihr allmächtiger Dictator Stourdza reklärt jeden:, der es hören will, dass er eine Aenderrrng des Artikels 7 niemals zugeben wird, er ist sogar gegen ein jedes Einströmei: fremder Capitalien überhaupt und nimmt in dieser Beziehung fast den störrischen Bauernstandpunkt eines Boerenführers ein. Ganz außerhalb des Bereiches der Möglichkeit ist es schließlich nicht, dass die ökonomischen Jnstinete des Großgrundbesitzes über die politische Einsichtslosigkeit der rumänischen Führer einst den Sieg davontragen werden und eine Verfassungsänderung dennoch in irgend einer wenn auch gemilderten Form erfolgen wird. Die Broschüre Flaisleins, die ganz heftige Discussion, sind auf jedem Fall als ein erfreuliches Symptom zu begrüße::, und in dieser Beziehung haben wir daher früher von einem leichten, leisen Hoffnungsschimmer gesprochen. Das jüdische Greditinstitut. P. Wir Oesterreicher und Ungarn sind seit jeher gewohnt, als Beleg für dei: Satz zu dienen: Nemo in Patria prophcta. — - Nichts gilt der Prophet in: Vaterlande. Die glänzendsten Jdeem, die besten Erfindungen österreichischer Intelligenz müssen erst draußen in: Reiche Fuß gefasst haben, uin bei uns gewiirdigt zu werden. Selbst in der Gesetzgebung, speciell auf den: Gebiet der Handels- und Finanzgesetze sind bei uns schon oft richtige Ansichten entwickelt tvorden, die aber erst, nachdem sie in dm: deutschen Codices Aufnahme gefunden hatten, bei uns zur Discussion gestellt wurden. —- Eine einzige Ausnahme ist uns erinnerlich: Die Postkarte. Wem: Nur deren kolossalen Erfolg erwäge::, so müssen wir uns sagen, dass eine österreichische Idee, die sich, ohne deutschen Befähigungsnachweis Bahn bricht, den Nagel auf den Kopf getroffen haben :nuss. Was uns zu diesen Betrachtungen veranlasst? Ein Zeitungsartikel. Im „Israelit", einen: der gelesenstei: jüdischen Blätter Deutschlands, wird das „C r e d i t i n st i t u t f ü r j ü d i s ch e B e a::: t e u n d Gewerbetreibende in W i ebesprochen und in nachstehenden: Artikel zur Nachahmung empföhle::. Ein jüdisches Creditinstitnt für Deutschland. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Es lvird wohl kaum jemand wagen, es in?lbredc zu stellen, dass das jüdische Solidaritätsgefühl durch die Emancipationsvorlage des abgelaufenen Jahrhunderts sehr stark abgeschwächt worden ist und erst durch die Anfeindungen der Neuzeit wieder mehr hervortritt. In Oesterreich, wo der Antisemitismus, ivenn nicht am heftigsten, so doch am lautesten hcrvortritt, ist denn auch die genannte Regung am ersten wieder zur Geltung gelangt. So wurde daselbst ein Creditinstitnt für jüdische Gewerbetreibende und Beanrte mit großem Erfolge begründet. Wie die österreichischen Blätter berichten, beruht die Gründung »dieses Institutes auf solider und sicherer Basis. Sowohl unsere reichen österreichischen Glaubensgenossen, wie der wohlhabende Mittelstand und die kleinen Leute wetteifern, den: Institute als Förderer, Einleger und Mitglieder beizntrcten. Wurden zu Anfang noch hie und da Zweifel laut, ob ein jüdisches Creditinstitnt gedeihen könne, so ist jetzt schoi: nahezu alle Welt überzeugt, dass es gedeiht, und selbst die Nörgler gestehen ein, dass sich die Idee dieser Gründung als ebenso gesund wie lebensfähig eriviesen hat. In inuner lveitere Kreise dringt die Erkenntnis, dass jede Erleichterung im ivirtschaftlichen Leben des einzelnen ein nwralischer und materieller Gewinn für die Gesammtheit ist, dass die sociale von der politischen Thätigkeir streng zu sondern ist und dass sich auf wirthschaftlichem Gebiete alle Juden, die cs mit den: Wühle ihres Volkes ernst „leinen, zu gemeinsamen: Thun vereinigen müssen. Ich bitte Sie nun, geehrter Herr Redactcur» eine Enquete in Ihrem geschätzten Blatte darüber zu verunstalten, ob ein derartiges Institut in Deutschland für die deutschen Inden von ebensolchem Bortheile fein würde, lvie cs sich in unseren: Nachbarstaate für die dortigen Glaubensgenossen erwiesen hat. Wohl ist es mir bekannt» dass die jüdischen Verhältnisse in Deutschland ganz anders liegen, lvie jenseits der Grenze. Wenn wir auch vielfach unter dem Antisenütismus zu leiden haben, wenn wir auch gc- 'fellschaftlich boheottiert sind und der Officiers- ::nd Richterstand uns inuner mehr verschlossen lvird, so hat man doch nicht gehört, dass einen: Inden seines Glaubens oder seiner Rasse halber der nachgesuchte Credit bei einem Bankinstitut nicht beivtlligt tvorden wäre, auch haben wir in Deutschland nicht so viele jüdische Handwerker, für die doch hauptsächlich derartige Institute berechnet sind, immerhin wäre es gut, lvenn Finanzfachmänuec sich zu der angeregten Idee äußer:: würden. Ich weiß, dass Ihr geschätztes Blatt hervorragende Financiers zu seiuen Abouneuten zählt, und cs ist sehr leicht möglich, dass, Ivenn wir dieselben erst gehört haben, sich durch Diuge, die seither nicht an die Ocffcntlichkeit gelangt sind, doch ein Bedürfnis geltend nmcht. lieber die Ansicht, dass solche Einrichtungen Rischus rnachen, denke ich, sind tvir tvohl heute hinaus. Vor zehn Jahren noch glaubte man, nicht um alles durch derartige Dinge die Andersgläubigei: verletzen zu dürfen, heute lveiß man, dass das Zartgefühl auf der andere:: Seite nicht so groß ist und wenn die „Staatsbürger-Zeitung" einen derartigen Vorschlag vielleicht mit -Freude begrüßt, so braucht er deshelb noch nicht schlecht zu sein. Sie schwärmt ja auch für jüdische Schulen, die unsere höchste Sehnsucht bilden. Mit Wohlthiitigkeit irgend welcher Art soll die Sache nichts zu thnn haben, es soll vielmehr ein Act der Selbsthilfe, ein auf Leistung und Gegenleistung gegründetes Unternehmen werden. Sie heben, geehrter Herr Redacteur, z. Z. die Anregung zn dem so segensreich tvirkcnden „Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit" gegeben, der ein bis dahin unlösbar scheinendes Problem: gelöst hat, gehen Sie noch einen Schritt weiter und bringen Sie auch diese Angelegenheit in Fluss. Ich wiederhole, dass mit Politik oder religiöser Richtung die Sache nichts zn thnn haben darf, jeder Stannnesgenosse muss hierbei willkonuneu sein. Mit ausgezeichneter Hochachtung Dr. R. W. Wem: nun itt den: capitals reichen Deutschland, soo cs in: allgemeinen leichter ist, Credit zu bekommen, als sein Geld sicher zu placieren, ein solches Jnstitlit nothwendig oder auch nur nützlich ist, so haben wir hier in Oesterreich, wo die Creditbeschafflmg auch für gutsituierte Leute nicht allzu leicht ist, wo das Creditwcseu noch wenig ansgebildet ist, geradezu ins S ch w a r z e g e t r o f f e n nüt der Gründung des jüdische:: Creditinstitutes. Wir bitten also wiederholt alle Stanunesgenossen, unseren: Institute zu inuner größeren: Aufschwünge zu verhelfen, inden: sie demselben als Förderer, Mitglieder und Einleger beitreten und ihre Freunde zun: Beitritte aneiferi:. Rede des Herrn , H. Mögen in der 7 ^. der jüdischen Cnltusgenmlide. In den: Rechnungsabschlüsse für das Jahr 1900 ist eine Cultussteuer-Einnahme von 1 010 000 K. zu constatieren. Das Jahr 1901, worüber noch kein Rechnungsabschluss vorliegt, wird, lvenn nicht mehr, doch die gleiche Snuune ergeben. Für das Jahr 1902 ist ungefähr die gleiche Sunune budgetiert. Das Jahr 1899 brachte eine Einnahme von 700 000 K., wir sehen daher, dass sich die Steuereinnahlnei: :nu die beträchtliche Summe von 800 000 Kronen gebessert haben; diese Besserung lvird wohl von mancher Seite den: Conto des neuen Wahlcensus gutgebucht. Meine sehr geehrten Herren, diese Buchung ist falsch; ich habe die feste Ueberzeugung, dass jene Herren, welche die Erhöhung der Steuer freiwillig und ohne Reeurs er-' trugen, dies auch ohne separate Concession gethan hätten; ich halte es für selbstverständlich, da diese Herren, welche fleißig nüt uns Mitarbeiten und die Interesse!: der Gemeinde in hingebender Weise vertreten, dies auch ohne das Geschenk des Wahlcensus gethan hätten; die Auerkei:- :nlng :neiner Behauptung überlasse ich einer späteren Zeit. Meine sehr geehrten Herreu! Die erfreuliche Thatsache, dass ::::: 800 000 K. Cultussteuer mehr eingegangen sind, steht fest; ich frage nur, sind wir angesichts dieser Thatsache, unsere!: Verpflichtungen gegenüber den Steuerträgern nachgekonunen? Darauf sage ich Ihnen, nein. Haben wir den § 1 der Statute::, für religiöse Einrichtungei: Sorge zu tragen, erfüllt? Nein. Es sind in: Laufe der letzten Jahre keine neuen Teuchel erbaut lvorden, es sind die alten: nicht genügend subventioniert tvorden; das nothwendige rituelle Bad ist nicht gebaut wordei:, und die Koscherfleischfrage ist nicht geregelt worden. Damit, meine Herrin:, will ich unserer Finanzverwaltung nicht nahetreten. Unserer Finanzverlvaltung muss das ehrende Zeugnis ausgestellt werde::, dass sie in jeder Richtung ihrer Aufgabe gerecht wird und, wenn möglich,'das Sparsystem befolgt; mir werden die Gelder nicht für die Aufgaben verwendet, die zu erfüllen nach meiner Ansicht die Cultusgememde in erster Linie berufen: ist. Die Gemeinde Wien besteht aus zwanzig Bezirke::, hievon habeir nur fünf Gemeindetempel; drei davon hat die Gen:einde durch den Zwang der Regierung übernommen; wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, würde die Cultusgememde ihre Obsorge nur auf den erster: und zweiten Bezirk erstrecken, während die Steuer auch alle anderen Bezirke zu zahlen haben. Gewöhnlich werden die schlechten Finanzen als Motiv hingestellt; lvenn nun die erhöhten Einnahme!: nicht genügen, solche Zlvecke zu erfüllen, so will ich Ihnen einer: Weg zeigen, un: neue Einnahinsqnellen zn schaffe::. (Bravo.) Bei der letzten Volkszählung waren in Wien ca. 160 000 jüdische Einwohner; dies entspricht nach statistischen Grundsätzen einen: Stande von ca. 82 000 jüdischen Familien; davon sind bis nun nicht mehr als 15 000 steuerzahlend. Es verbleibt ein Rest von ca. 17 000 Familie::, die keine Steuer zahle!:; ziehen wir davon 7—8000 als Arme ab, so verbleiben 10 000 Familien, von denenviele inehr, die meisten aber wenigstens lO K. Steuer bezahlen können; dies entspräche, nach einer beiläufigen Schätzung einer Mehreinnahine von 100 000 K. Ich gestatte mir daherfolgenden Antrag zu stellen: Das bis jetzt bestehende Steuerregulativ sei in de:' Weise abzuändern, dass jener Zrrsatz, in den: die 10 K.-Steuer als freüvillige bezeichnet lvird, Wegzufallei: habe, und eine fünfte Steuerklasse errichtet lverde mit einer festen Steirer von 10 K. 'Dieme Herren! Ich höre nun von vielen Seiten gegeir diesen Antrag folgende Einweirdungen erheben: In erster Linie, dass die Eintreibung dieser neuen Steuer nüt großen Kosten Verbünde:: sein lverde; darauf erwidere ich, dass dies vollkommen unrichtig ist; ich habe im Laufe der Zeit, seitdein ich die Ehre habe, den: Cultusvorstande anzugehören, mich überzeugt, dass wir ein hinreichend zahlreiches, gucheschnltes Personal besitze!: und die meisten der Beamte!: sehr arbeitsfrcudig sind, so dass ans der Annahme meines Antrages keine Mehrkosten erwachsen lvürden. Als ztveiten EiiUvand höre ich, dass viele Executionen nothlvendig sein würden; auch das halte ich nicht für stichhältig, da' es bei den: besten Geschäftsgänge Vorkommen faun* dass zweifelhafte Forderungen entstehen. Als dritter Einwand lvird mir die Befürchtung vorgebracht, dass durch die neuer: Fünfgulden-Männer bei den Wähler: in: Cultusvorstand dieser große Veränderungen erleiden lvürde; auch das halte ich für falsch; gerade jene Leute aus dem Volke werden sich freuen, dass es auch außerhalb ihrer Gesellschaftssphäre Männer gibt, die sich mit ganzen: Fleiße den Geineindeangelegenheiten widmen, und solchen Männern das Mandat geben. Ich einpfehle Ihnen daher meinen Antrag aufs wärmste. Kleine Chronik. Inland. Jüdischer Bolksverein. Am Sonntag hielt Herr Redactem: Dr. Adolf Gelber in: Festsaale des Jüdischen Volksvereins einen tiefdurchdachte:: und formvollendeten Vortrag über einen „Voltaireaner des 20. Jahrhunderts". Das Auditorium, das den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, folgte den glänzenden Ausführungen nüt athemloser Spannung und lohnte sie nüt stürmischem Beifall. Ein jüdisches Kreditinstitut. Die in der vorletzten stummer unseres Blattes erschienene Notiz über „Ein jüdisches Creditinstitnt" ftammt aus der Feder des leitenden Directors Mnx Pappcrcheim, und nicht eines anderer: Herrn Pappenheim, welcher der Sache völlig ferne steht. Dies sei über Wunsch dcö Erster:',: constatiert. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Montag den 14. d. M. hielt Herr Professor Leon Kellner in der Rede- und Lesehalle jüdischer Hochschüler . einen Vortrag über Shakespeares „Kaufmann vor: Venedig". Ueber hie Gestalt des Shylock ist bereits so viel gesprochen mü) geschrieben lvorden, dass es schwer fällt, eine neue Ausfassung und originelle Erklärung zu fii:den. Ilm so größer lvar das Erstaunen des zahlreichen Auditoriums, als Professor Leon Kellner de:: landesüblichen Auslegungen und Deckungen Oes „.Kaufmanns" hart zuleibe gieng und eine ganz neue, durch historische Begebenheiten rind Shakespeares Leben.sverhältuisse selbst begründete und bekräftigte Auffassung vortrug. Bisher standen sich zwei Ansichten schroff gegenüber, die eine, welche in Shylock eine Verherrlichung des jüdischei: Volkes in seiuen Qualen, im ganzen Werke infolge dessen die Tragödie des Juden suchte und fand, die andere, welche behauptet, dass Shakespeare gar nicht die Absicht hatte, das Judenthum zu verherrlichen, sondern, inden: er in Shylock eine Caricatur, ein Zerrbild schuf, das Judenthum verspotten und verhöhnen wollte. Beide gien-- gen vor: der Fundamentalansicht aus, dass Shylock die Hauptgestalt des Stückes sei. Gegen diesen Cardiualirrthum zog der Vortragende nüt den schärfsten Waffen zu Felde. Der „Kaufmann von Venedig" sei das Hohe Lied der Freundschaft. Antonio die Hauptgestalt (man konnte vielleicht an Shakespeares Freund Lord Southampton denken, ben er in feinen Sonetten überschwenglich feiert), der Jude Shylock sei bloß eine Nebenfigur, die er — und das lvar die große lleberraschuug, tvelche der Vortrage:rde brachte — der herrschenden' Diode zuliebe vorführen musste. Denn damals lvar der in der jüdischen Geschichte berühmte Dorr Josef Nassi tvegen seiües gewaltiger^ Rachezuges gegen die Bourbonen Londoner Tagesgespräch imb hatte schon lange vor Shakespeare zu zwei anderen „Judenstücken" Modell sitzen nuissen. Shakespeare hatte also gar nicht die Absicht, eine Verherrlichung oder eine Verspottung des Jüdeuthulus tu Shylock zu verkörpern^ sondern er schuf — lvie das Schlusswort des mit stürmischem Bei falle ausgeuom menen Vortrages lautete — im „Kaufmann von Venedig" ein „Stück der Freundschaft", das uns Juden historisch, ethisch und ästhetisch gar nichts allgeht; dies sei das belle Resultat, zi: tvelchen: -- nach alledem, was über Shylock bisher gelogen und gefabelt wurde — die Forschung gelangen konnte. Telegramm aus Ehinesiem Sehr geehrter Herr Redacteur! Da habe ich etlvas Schönes angcrichtet mit meinen: chinesischellBrief, den Sie vergangene Woche in Ihrem geschätzten Blatte brachte.nl Gm:z Tsingfin — ob Sie es nun glauben oder incht — lvar darob in Erregung. Die größte Anfregnng herrschte in der jüdischen Lesehalle, die umsichtig nach den: Schreiber jener Zeilen in ihre:: eigenen Reihen fahndete. So konnnt es, geehrter Herr Redacteur, dass ich heute an Ihre Liebenswürdigkeit appelliere und Sie :tm die Aufnahme der wenigen folgende,: Zeilen dringendst bitten inuss. Ich thcile heute zur Aufklärung mit, dass ich weder Mitglied dev Lesehalle, noch ihres Ballcomitecs bin. Ich habe fernerhin keinerlei Informationen von irgendeinem Mitgliede der Halle empfangen, nur meine gute Spümase hat nur die Kenntnis jener Arngelegenheiten perschafft. Dies zur Beruhigung der Halle! Doch auch Tsingfins jüdische Professoren zürnen mir, und so muss ich nothgedrungen berichtigen, dass ich in meinem Briefe die Antworr eines der Herren in karikierender Weise entstellt habe. Der Betreffende hat nicht gesagt, er wolle sich nicht durch jüdische Angelegenheiten compromittieren, sonder,: vielmehr, er könne sich nicht so exponieren. Ich hoffe, dass Sie diese meine eigene Berichtig,my

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