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Jüdisches Volksblatt · 1901-12-13 · 50 (13.12.1901) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
50 (13.12.1901)
Date
1901-12-13
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Jüdisches VolksblaU Nr. 50 Wien, Freitag 13. December 1901 Seite 5 tioualismus Culturarbeit. Dieses Ziel im Auge habe die „Hasmonaea" immer gestrebt» ihrer Devise „für Volkes Wohl uud Ehr" gerecht zu werden. „Allen Gleichgiltigeu möge sie aber" — schloss der Redner — mit Lassalle zurufen: „Die Geschichte hat Verzeihung fiir alle Jrrthümcr, für alle Ueberzeugungen, sie hat keine für Ucberzcugungslosigkeit." Dr. Schifter sprach mit steigender Wärme und Empfindung. Die elegante Dietion der Rede, ihr geistvoller, edler Inhalt, der eine schätzenswerte Summe von Kenntnissen und keine gewöhnliche Intelligenz verricth, fanden aufrichtige Bewunderung und Anerkennung, die in rauschendem Beifall Ausdruck fanden. Nach Liedervorträgcn des Dr. Neuberger ergreift sind. jur. Koffler das Wort zum Damentoast. Mau war allseits auf diese Rede gespannt, von der mau schon vorher wusste, dass sie der Clou des Festabends werden soll. Ein interessanter Mensch, dieser Koffler! In Rumänien ist er zuhause, an der hiesigen Universität studiert er die Rechte. Dass er den Weg in die „Hasnwuaea" gefunden, ist kein Wunder. Diese Verbindung hat seit ihrem Bestände auf die talentvollsten jüdischen Studenten immer so gewirkt, tvic das helle Lampenlicht auf die Abendfalter. Von der „Hasmonaea" gieng immer ein Licht aus, ein helles, strahlendes Licht und in dieses Licht stürzte sich auch er, ein jugendlicher Feuerkopf mit der Reife eines Mannes, ein scharfer, kritischer Geist mit der Empfindimg eiiies Dichters. Das rumänische Judeuekeud hat ec nnt angeseheii uiid miterlebt, der Jndiffcrentismus im jüdischen Hmlsc und der der jüdischen Frau haben ihm die Seele gequält und das Herz abgedriickt. Darum kaicn er nicht schablonenhaft seineil Danieritoast auf Frauenschönheit und Frauentilgend ausklingen lassen, er Milss saririsch werden, aber in dem Tone eines echten Satirikers, der selber weint, wenn er andere zum Lachen bringt. Originell lute sein Wesen ist seine Art. Er spricht ruhig, ohne jeden Pathos, fast im Conversationston, aber eine zauberhafte Macht wohnt dieser Stimme imle. Sie bannt, sie zwingt, sie regt die Geister an, sie macht den Ungeduldigsten geduldig, dem nervös Erregten gibt sic für eine Weile wohligste Seelenruhe. Vous-pleurez .Madame? Weinen Sie, Madame, auch über gefallene Größe? Nein, Asmodai, der hinkende Teufel, der die Dächer der Häuser abdeckt, erzählt ihm, dass das jüdische Mädchen, die jüdische Dame über alles andere eher Thränen vergießt, als über die gefallene Größe ihres Volkes. Sie weiilt über eineir Engelhornschen Roman, wo ein diiminer Haus seine Grete nicht kriegt, sic lacht fröhlich frohlockend, weil die Patres ihr die Ehre der Einladurig zu einem Volksfest zutheil werden ließen. Für das Schicksal ihres Volkes hat sie fein Verständnis, sein Schmerz rührt sie nicht, seine Feste freuen sie llicht. Aber Asmodai und der Flug über die abgedcckteli Häuser waren nur ein Traum. Die Wahrheit will er iliis erzählen, aber in einem — Märchen nach echt orientalischem Schnitt. Mit sanfter Hand führt er mis iii Indiens glückliche Gefilde. Ein alter iveiser, ein glücklicher König geht iii die Verbaninriig. Arm und elend liegt er auf dem Krankenbett. Seine Freimde haben ihn Verlassei!. Aber auf seine einst treue, gute Tochter hat der König seine Hoffmiiig gesetzt. Sie wird kommen und sich seiner erbarmeil. Da klingen Walzerklängc aii sein Ohr. Die Tochter hat ihn verlasseii. Während er im Todeskampf sich krümmt, tanzt sie im Ncbengemache an der Seite ihres Galans. Der Redner schloss seine Rede auf die Dameii mit einem Toaste. Worauf? .Auf Fraucuschönheit und Frauentugend? Neili. Darauf, dass die jüdische Tochter den Weg zu ihrem Vater finde. Nicht endeiide Beifallsstürme bewiesen, dass der Redner verstanden wurde. Die Rede des stud. jur. Kassner aufdie „Alten Herren", die Gründer der „Hasmonaea", inhaltlich bedeutend und mit rhetorischer Verve gesprochen, erntete rauschenden Beifall. Dem Oberrabbiner Dr. Josef Rosenfeld war es noch möglich, packende Accente zu finden imd den Kreis der Zuhörer zu fesseln. Auch seine Worte galten den „alten" Hasmonnern, die allesammt iu der juugjüdischen Bewegung Officiere und. nicht bloß Soldaten sind , und waren. Hescheles von der „Emunah" (Lemberg) sprach anerkennende Worte für die Leistungen der „Hasmonaea". Von stürmischem Beifalle begrüßt, dankte der Vertreter der Alma mater, Prof, Dr. Ehrlich, für die der Universität dargebrachte Huldigung, indem er auf die Hasmoliäer toastiertc. Mitternacht war längst vorüber. Der Attbezwiiiger Schlaf trieb, die Philister heimwärts, bcttwärts.^ Nur die bemoosten Häupter, die einst sangest und tranken in alter Burschenherrlichkeit, blieben unter dem Hospizpräsidium des Ä.-H. Dr. Vierer iioch lange beisammen. . Die Damen stiegen vom Olymp heriiieder und mischten sich iii die Schar der sterblichen Bacchanten. Kvoe! Evoe! Dr. Mäher Ebner. Bortrag. Am 11. d. M. hielt Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Jakob K o h n in der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler einen äußerst anregenden Vortrag über „Die Grenzen der Jndenfrage", an den sich eine lebhafte Discufsion knüpfte. (Wiener Jüdischer Turnverein.) Am 11. November 1901 fand in den Localitäten des 1. Wiener jüdischen Turnvereines, 1. Bez., Mölkerbastei 5, die zweite Hauptversammlung desselben statt. Sie wurde voni Obmanne Herrn Dr. Werner nnt einem kurzen Rückblicke über die Geschichte des Vereines eröffnet. Hierauf erstattet der 1. Cassierer Herr Hugo Spitzer das Cassareferat, dem!vir nachfvlgeiide Daterr entnehmen. Das abgelaufenie Bereiiisjahr 1600/1901 begann mit einem sehr ungünstigen Vermögensstande. Die Schulden des Vereines hatten damals die bedeutende Höhe von 3600 Kr. erreicht. Es gelang dem Ausschüsse, dieselben ini Verlaufe des Jahres auf ca. 400 Kr. zu reducieren, für welche der reichhaltige Geräthestand eine hinreichende Deckung bietet. Unter den Einnahmen sind als die wichtigsten Posten die Mitgliedsbeiträge, die 2000 Kronen ergaben und Spenden im Betrage von 2600 Kr., unter den Ausgaben der Mietzins von 1800 Kr. und die Personalauslagen von 1200 Kr. hervorzuheben. Der Cassier entwarf auch ein Budget für das neue Bereiiisjahr, in welchem die fixen Einnahmen mit 3600 Kr., die Ausgaben mit 5400 Kr. eingestellt erscheinen. Das Deficit von 1600 Kr. muss durch Spender! und Fördererbciträg gedeckt werden. Auch die folgenden Referate des Herrn Rndolf Pollak, des Turnwartes des Vereines, und des Herrn Isidor LLwenstein, des 1. Zeugwartes, bewiesen die überaus günstige Entwicklung des Turnvereins. Aus deur Turnrefecate, das mit reichen! Beifalle aufgeuomineii wurde, sei insbesondere das rasche Gedeihen der neubegründcteu Fechtsection hervorgehoben. Auf Grund dieser Referate wurde dem Ausschüsse für seine erfolgreiche Thätigkeit der Dank ausgesprochen. Man schritt nun zur Vornahme der Neuivahlen für den Ausschuss. Die vom scheidenden Ausschüsse empfohleiie Candidatenliste tvurde per Acclamatiou vorgenonnnen, es erscheinen sonst gewählt die Herren: Dr. L. Werner, Obmann, Ing. Emil Fried, Stellvertreter, Dr. Alfred Lanzer, 1. Schriftführer, Frl. Therese Burger, 2. Schriftführerin, Herr Rudolf Pollak, 1. Turnwart, E. Rosenberger, 2. Turnwart, Isidor Löwenstein, Zeugwart, Hugo Spitzer, 1. Cassier, Willy Epstein, 2. Cassier, Gustav Löbl. 1. Ersatzmitgliod, Dr. A. Jmmerglück, 2. Ersatzmitglied, Frl. Fried. Weiß, 3. Ersatzmitglied. Nachdem noch die Revisoren bestellt und das Schiedsgericht constrlliert worden tvar, tvurde die Versammlung mit einem lvarmen Appell des Obmannes an die Mitglieder um thatkräftige Unterstützung geschlossen. Der humnnitiire gemeinnützige Verein „Die Brüder" zur Bekleidung armer Schulkiilder ohne Unterschied der Confession, tvelcher bereits seit 10 Jahren besteht und alljährlich zur harten Winterszeit eine große Anzahl armer Schulkinder mit Kleidern betheilt, tvar im heurigen Jahre unter der thatkräftigen Leitung, irisbesondere des Obmannes Herr»! Heinrich Weiner, besonders rührig. Donnerstag den 6. December d. I. wurden 140 arme Schulkinder mit Winterkleidern und Schuhen betheilt. Dieser erfreuliche Erfolg ist auch durch rege Mittvirkung nebst Gratis-Beistellung vor: 110 Paar Schuhen des löbl. Brigittenauer Frauen-Wohlthätigkeits-Vereins erzielt tvorden. Hierdurch wird ja mich einer benso großen Zahl armer Eltern — die in dem arr Armut überreichen Bezirke tvohnhaft sind — geholfen. Leider ist selbst diese verhältnismäßig große Zahl von Kinoerbekleidungen nur ein Tropfen für das Meer von Armut, die im 20. Bezirke herrscht. Es werden daher noch weitere Zuwendungen und Spenden durch deu Obmann des Vereins „Die Brüder", Herrn Heinrich Weiner, 20. Bez., Winterg. 29, dankbarst entgegengenommen und im Rechenschaftsberichte ausgewiescn. Wochenprogramm der Toynbeehalle. Sonntag, 16.: H. Berliner: Cultur und Cultus in vormosaischer Zeit.' Montag, 16.: Dr. Engländer: Aus dem Gebiete der Naturwissenschaften. Dienstag, 17.: Arthur Schwarz: Die Juden in 1001 Nacht. Mittwoch, 18.: Adolf Steinschneider: Wohlthatsanstalten in Wien: Die Poliklinik; die freiwill. Rettungsgesellschaft. Donnerstag, 19.: Dr. S. Kornfeld: Aus der Seelenlehre. Freitag, 20.: Aron Fürst, Bibel, Erklärung der Sidra. Samstag, 21.: Concert: Musik, Gesang. Anmeldungen zu Vorträgen sind zu richten an Dr. Leopold Kahn. 7. Bez., Lindengasse 11. Wien. Der theologische Verein veranstaltete Smnstag den 7. d. M. eine Chanukafeier, die einen glänzenden Verlauf nahm und das Publicum in recht gehobene Festcsstimmung versetzte. Aus denl Programm sei besonders der kunstvolle Gesang des H. Obercantors B. Guttmann hervorgehoben, sowie die meisterhaften Reden der Herren Theologen G. Sicher (deutsch) und S. Arje (hebräisch)', die in begeisternder Weise die Bedeutung des Chanukafestes auseinaichersctzten, und namentlich hervorhoben, dass es Aufgabe urlserer Zeit und besonders der Rabbiner sei das Nationaljudenthum zu festigen. Den Schluss des sehr gelungenen Abends bildete ein Festcommers. Anwesend lvaren unter anderen die Herren Professoren Rector Dr. Schwarz, Lector Friedmann, Dr. Büchler, H. G. Karpeles, Präs, des Curatoriums der Theol. Anstalt. Herr Dr. L. Kalm, Architekt Marmorek, Cultusrath Gewitsch, Vertreter der jüd.-akadem. Verbindungen „.Kadimah", „Ilnitas", „Jvria", „Bar-Kochba", des Mädchenvereins „Moria" usw. usw. Ausland. Gemeinde-Wahlen in Berlin. Die Ersatzwahl der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde hat mit dem Siege der Orthodoxen geendet. Letztere hatten diesmal eine ungemein rührige Hausagitation entfaltet. Nach den provisorischen Ermittelungen sind acht ausscheidende Repräsentanten mit großer Majorität tviedergewählt. Hilfsverein deutscher Juden in Berlin. In der vorgestrigen Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des „Hilfsvereins der deutschen Juden" tvurde nach eingehender Besprechung ein Subcomitee zum Studium der galizischen Frage eingesetzt, welches besteht mis den Herren Dr. Paul Nothan, Dr. Hirsch Hildesheimer, Rechtsanwalt Timendorfer Siegmund Bergel, Sanitätsrath Dr. Marctzky (sämmtlich in Berlin), Josef Wiesloch-Frankfurt a. M. uiid Rabbiner Dr. Werner-München. Dieses Comitee wird sich mit dem galizischen Hilfsverein in Wien in Verbiirdung setzen und alsdann dem geschäftsführenden Ausschuss Vorschläge zu machen haben. Ferner wurde beschlossen, für die Vorschusscassen in Rumänien, , welche die „Alliance israelite universelle" auf Anregung des Herrn Rechtsanwalts Plotke-Frankfurt a. M. einrichtet, eine Subvention von 10000 Mark zu bewilligen, welche an die Alliance ausgezahlt werden söllcn. Bezüglich der Propaganda wurde mitgetheilt, dass aus Berlin bereits rund 20 000 Mark eingcgangen seien, dass aber die Agitation erst einen kleinen Theil der Gemeinde umfasst habe und,mit gutem Erfolge weiter fortgesetzt werde. Aus Dresden theilte der anwesende Herr Rabbiner Dr. Winter mit, dass das dortige Localcomitee bereits 1400 Mark cm Jahresbeiträgen gesammelt habe, dass-aber auch dort die Sammlungen noch nicht beendet feiert. Aus einer Reihe von größeren Provinzstädten: sind Bittest oingegangeN, zu Versammlungen, welche nach Weihnachten veranstaltet, werden i sollen, Redner aus Berlin zu entsenden. Die weisten anwesenden Herren erklärten sich bereit, gegebenenfalls einem derärtigen Rufe Folge zu leisten. Mit Erledigung einiger geschäftlichen-Angelegenheiten schloss die Sitzung. Der jüdische Lieutenant i Graschjanow in Sofia wurde vor sechs Monaten von dem Armeelieferanten Petroff, dessen Bestcchungsversuche er entrüstet zurückgewiesen hatte, in einer mondlosen Nacht überfallen rlnd derart misshandelt, dass er mehrere Wochen das Bett hüten musste. Als er nothdürftig genesen, zum erstenmale wieder die Straße betrat, traf er Petroff, der ihn mit den Worten anschrie: „Du Hund , von einem Juden lebst immer noch?" Wart', jetzt will ich Dich ganz todt machen!" Als er mit seinem Knotenstock zum Schlage ausholte, zog Grschjanow feinen Degen und stach den Angreifer nieder. Das Vorkommnis erregte begreifliches Aufsehen, doch waren die allgemeinen Sympathien mif Seiten Graschianows; namentlich die Officiere waren seines Lobes voll, und als ihm der Process gemacht wurde, erboten sich mehr als hundert Kameraden zu seiner Vertheidigung. Vom Kriegsminister wurden 120 Officiere aller Waffengattungen zu der Verhandlung kommandiert, „damit sie lernen, wie ein Officier seine Ehre zu tvahren hat". Trotzdem wurde Graschjanow zu 8 Monaten Gefängnis, der höchsten auf Todtschlag in Nothwehr stehenden Strafe, voni Kriegsgericht verurtheilt, was einhellig als eine Frucht des Judenhasses bezeichnet wird, der auch in die Armee eingedrungen ist. Selbstverständlich wurde gegen dieses Urtheil Berufung eingelegt, und man ist überzeugt, dass im Falle ihrer Verwerfung Fürst Ferdinand von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch machen wird. Russische Leidensgeschichten. Eine erschütternde, leider nicht vereinzelte Leidensgeschichte ivird mit schlichten, aber ergreifenden Worten in einer Eingabe geschildert, welche Srul (Israel) Minewitsch aus Kalinskotvitz bei Minsk an den Gouverneur von Kiew gerichtet hat. Am 23. August 1901 hat der letztere in einem Rundschreiben an die ihm untergeordneten Polizeibehörden verfügt, dass alle nach Kiew kommenden Juden ein polizeiliches Zeugnis, in ivelchem der Zweck ihrer Anwesenheit ihnen amtlich bescheinigt werden muss, vorzulegen haben, und dass die ohne eine solche Bescheinigung Betroffenen, gleichviel ob ihre sonstigen Papiere in Ordnung sind oder nicht, verhaftet und per Schub in ihre Heinurt zurückzubefördern seien. Diese Verordnung hätte ihrer enormen Wichtigkeit tvegen im ganzen Ausiedlungsrayon zur Kenntnis der jüdischen Bevölkerung gebracht werden müssen. Da diese Veröffentlichung aber nicht erfolgt ist, war die Stadt Kiew für alte Juden Russlands volle 6 Wochen hindurch eine wahre Todesfälle, in welche tausende von jüdischen. Opfern ahnungslos gerathen sind. Eines dieser Opfer tvar der genannte Srul Minervitsch, der seine Leiden, wie folgt, schildert: „Am 1. September kam ich nach Kiew, um daselbst Waren einzukaufen. Im Eifer des Geschäftes versäumte ich den Dampfer, der niich von Kiew noch am selben Tage fortbringen sollte, und tvar geztvungen, in einem Gasthofe zu übernachten. Gegen 4 Uhr morgens tvurde ich von Gendarmen geweckt, welche mich mit vier ferneren Juden zunächst nach dem Polizeirevier brachten, wo wir ohne einen Bissen zu uns genonlmen zu haberl, 7 volle Stunden tvarten mussten, bis tvir gegen 11 Uhr nach dein Polizei-Präsidium abgeführt tuurden. Von da wunderten tvir gegen 4 Uhr nach dem Gefängnis, um sofort in Gemeinschaft mit Dieben und Landstreichern zunächst nach Kanatop abgeschoben zu lverden. Bemerke»! will ich, dass ich im Besitze eines vollgiltigen Reisepasses mich befand. In Kanatop nulsste ich volle zehn Tage im Gefängnis Zubringen und warten, bis sich eine genügende Anzahl von Dieben und Landstreichern angesaminelt hatte, um zusmnmen mit diesem nach Homel abgeschoben zu tverden. Hier musste ich wieder volle sechs Tage im Gefängnis sitzen, bis man mich nach Rjeshitz abschieben konnte. Bon hier aus telegraphierte ich in das nahe Hennatstädtchen, lvorauf die Behörden des Ortes dem Landrath des Kreises telegraphisch mittheilten, dass ich in meinem' Städtchen ein angesehener Hausbesitzer bin. Jetzt eist wurde ich, nachdem ich in Gesellschaft vo« allerhand Gesindel 16 Tage in den Gefängnissen und auf den Landstraßen zugebracht habe, in Freiheit gesetzt." Der Bittsteller fordert nun: 1. Aufhebung der wahnwitzigen Verordnung; 2. Die Bestrafung der Urheber seiner Qualen wegen Freiheits-Beraubung. Da der Urheber des Elends, welches über viele tausende von Juden das Schicksal des Srul Minewitsch gebracht hat, kein anderer als der Herr Gouverneur selber ist, kann über die Ablehnung des Gesuches kein Zweifel sein. Ist dies geschehen, so wird zweifellos cm den Senat apelliert werden, der ganz vor kurzem in einem völlig gleiches Falle den Gouverneur von Charkow angewiesen hat, einen seiner Beamten tvegen Freiheit-Beraubung vor Gericht zu stellen. Die Bibel als Kriegshandbuch. Wie die Boeren das Kriegführen lernten — nämlich aus der Bibel — erzählt der bekcnustr englische Kriegscorrespondent A. G. Hales in einem Londoner Blatte in folgender Weise: Vor Ausbruch des jetzigen Krieges wusste keiner von den Männern» die mit so großem Erfolg als Führer der Truppen der Boeren eine Rolle spielen, etwas vom Kriege zwischen Weißen. Louis Botha, Christian De Wet, Delarey. Olivier, Smuts, Prinsloo — sie alle, die die Transvaalflagge so erfolgreich getragen haben, sind das Product des Augenblicks. Alle die Männer, die zu den höchsten Stellungen kamen, stammen vom Vcldt und tvussten vor zwei Jahren nichts von der Kriegführung uiid doch betveist ein genaues Studium ihrer Methoden, dass sie ibre Eingebungen aus derselben Quelle schöpften. Jeder Führer kämpft in einem sehr hohen Grade mlf eigene Faust und handÄt unabhängig von seinen Gefährten. Und doch muss der oberflächliche Kenner der Kriegsgeschichte eine Gleichheit in ihren Methoden bemerkt haben; sie greifen an, ziehen sich zurück, fallen ab, zerstreuen sich und vereinigen sich alle wieder nach demselben Princrp. Wenn ein neues Commando gebildet und ein neuer Führer gewählt wird, beginut der neue Führer sogleich sein Werk, als ob er die ganze Zeit ein gedrucktes Jnstructronsbuch in der Tasche gehabt hätte. Und in getvissem Sinne hat er dies auch, denn der Bure schöpft seine Kriegskenntnis aus dem Alten Testament. Alles, was die Bibel über die Kampfmethoden der Philister, Asiyrier, Amalekitet und Hebräer lehrt, weiß er und zwar viel besser, als der berufsmäßige Soldat seine Thätigkeit. Er hat darüber schon als Knabe mit Graubärten, wenn sie beim Trekken um die Lagerfeuer gruppiert ivaren, argumentiert, er hat im Familienkreis auf der Farm darüber debattiert, er hat für sich selbst nachgedacht, während er Vieh in den Rinnen zwischen den Kovjes hütete. Alle seine verschmitzten Methoden hat er aus einer sorgfältigen Durchsicht der alten Schrift^ geschichte gesammelt. Von jenen Schriftstellern wird nicht viel, vom geradezu Fechten berichtet, die Strategie kommt von zehnmal ncunnial vor die Tapferkeit, und dies nimmt den Boeren ein, weil er ebenso ist. Er ist ein großer Bewunderer König Davids und er versucht, die Kämpfer, die der alten jüdischen Geschichte angehören, nachzuahinen. Für die Boeren war Goliath von Gath einfach ein Narr, ein großer Bursche, der nicht mehr Mutterwitz als ein Ochse hatte. König Saul bewundern sie nicht sehr. Er wollte Daviddem Hirtenknaben, eine kriegerische Rüstung anlegen und mit dem Riesen auf seine Art fechten lassen. Aber David gebrauchte nur eine einfache Schleuder uud einige Kiesel aus dem Bach, um den grimmigen Kämpen ganz in seiner Gewalt zu haben, intb nachdem er das, was er brauchte, erhalten hatte, gewann er. Das entspricht der Natur der Boeren. Wenn ein Boer sein Gewehr nimmt und im Versteck auf. eine britische Streifwache wartet, halt er sich für einen Helden, wenn er sein Gewehr visiert und den Drücker berührt, der ein Stück Blei zwischen die Augen des Briten drt draußen auf offenem Veldt senden wird. In seinen Augen ist er ein moderner David und fest davon überzeugt, dass Gottes Segen auf ihm und seinem Werke ruht. Wenn ein Boerenführer Ruhm dadurch gewinnen wollte, dass er Wunder 'an Tapferkeit vollbrächte, ivürde er die Bewunderung seiner Landsleute nicht gewinnen, sie würden ihn für ungeeignet zur Führung in. der Schlacht halten und ihn schnell wieder zu den gemeinen ^Soldaten zurückschicken. Sie glauben wohl, dass Simson emen^ ausgewachsenen Löwen nur mit seinen Händen tödtete, aber sie halten deshalb nicht viel von ihm. Wiäre der hebräische Held.heimgegangen, hätte sicheinen Bogen und ein Bündel Pfeile geholt, wäre,er zurückgekehrt und hätte den Löwen aus einer günstigen Stellung erschossen, so stände er in ihrer Achtung viel höher. Die Prediger, die den Commandos predigen, nehmen selten ein Neues Testament oder predigen die Lehre von der Liebe und Gnade; sie ziehen etwas kriegerisches vor, und sie finden solche Texte reichlich im Alten Testament. Eine beliebte Methode, von einem Comamndo zum anderen Ordres mitzutheilen, ist bekanntlich der Gebrauch von Schrifttexten. Als Cronje wusste, dass Roberts ihn bei Paardeberg gehemmt hatte, sandte er folgende Botschaft an Krüger: „Lies Hiob, 16. Capitel, Vers 11 bis 14." Die Bedeutung dieser Botschaft lehrt ein Blick auf das Buch Hiob: „Gott hat mich übergeben dem Ungerechten und hat mich in der Gottlosen Hände kommen lassen. Ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht, er hat mich beim Hals genommen und zerstoßen, und hat mich ihm zum Ziel aufgerichtet. Er hat mich umgeben mit seinen Schützen; er hat meine Nieren gespalten, und nicht verschonet; er hat meine Galle auf die Erde geschüttet, er hat mir eine Wunde über die andere gemacht, er ist an mich gelaufen wie ein Gewaltiger." Cronje, der Landmann, hatte die Beschreibung seiner Lage gedruckt und im Gedächtnis fertig, und Krüger wusste, dass sein Diener verurtheilt war. Es wird auch berichtet, dass, als die ersten britischen Gefangenen in die Hände der Boeren fielen, Krüger Stejn fragen ließ, was am besten zu thun sei, und die Antwort lautete: „2. Buch der Könige, 6. Capitel, Vers 21: „Du sollst sie nicht schlagen. Schlägst Du denn die, welche Du mit Deinem Schwert und Bogen gefangen hast? Setze ihnen Brot und Wasser vor, dass sie essen und trinken und lass sie zu ihrem Herrn ziehen." Zum Schluss noch ein Beispiel. Einen Tag, ehe Christian Dewet Lord Methuen aus einem wohlbefestigten Platz an der Eisenbahnlinie des Freistaates lockte, kam ein Bote Delareys mit folgender Instruction in Dewets Lager: „Josua 7. Capitel, Vers 1—22". Dieses Capitel ist wert, durchgelesen zu werden, da es die Taktik der Boeren genau kennzeichnet; es handelt von der Eroberung der Stadt Ai, von Hinterhalten und Ueberraschungen. Vereinsnachrichten. Der lit. Gefettigkeitsverein „Moria" feierte Sonritag den 1. December im Hotel Central das zehnjährige Gründungsfest Der überans zahlreiche Besuch des schönen Festes gab deutlichen Beweis, ivelcher Beliebtheit sich der Verein erfreut. Zehn Jahve siud's, seit der Verein „Moria" sich aus kleinein Anfänge zu dem Vereine entwickelt hat, der er heute ist. Zehn Jahre, reich an Arbeit und gethauer Pflicht. Wie entstand die „Moria"? Gelegentlich einer Aeußeruug unserer, seit jener ms Förderin dem Vereine augehörendeu Frau Cäcilie Pollak, einem Kadimahner, dem Dr. S. Werner gegenüber, versammelten sich am 6. Jänner 1892 elf kaurn der Schule entwachserie Mädchen, meist Schwestem der Kadiinahner, u»n einen Verein gleicher Tendenz ins Leben zu rufen. Au demselben Nachnüttage des 6. Jänner, an dem die Versammlung einberufen wurde mit Hilfe der danraligen stud. nied. Teich und S. Werner die Statisten ausgearbeitet, die Wahl der Functionärillnen vorgeuoninleu, Name rmd Abzeichen des Vereines bestimmt uud sofort der auf 14 Tage später anberaumte erste lit. Nachmittag festgesetzt. Eilr jedes der Mädchen tvurde verpflichtet, einen Vortrag auszuarbeiten und erst später stellten sich die Studenten, in weiterer Folge Doctoren, Professoren, Gelehrte als Vortragende ein. — So wurden an Vorträgen un ersten Jahre gehalten: Einführung in die jüdische Geschichte und Literatur, Berührungspunkte der arischen und semitischen Literatur, Samuel Abrabanel und Bieutveinder; das jüd. Weib, die Mängel des jüdi-

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