Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt C>. December 1901 Nr. 49 nimmt, um sich ehrlich sein Stück Brot zu verdienen, dann rührt sich niemand — weder Deputierte, noch Negierung. Wir erklären aber ganz offen und decidiert, dass die hohe Regierung mit Herrn ü. Kver b e r a n der Spitze allein die V e r a n t tv o r t u g t r ä g t, m cun ein ü i u den d u r ch H n n g e r u u d K r a n k h e i t demorali si c r t c it M affe n Verbrechen u n d A u a r ch i e platz greife u. Die Regierung hat den traurigen Muth, den dir men das letzte Stück Brot w e g z n >> e h m e n, um das Wohlgefallen der Herren Tr. Lueger, Schneider und Cvnforten und der ganzen christlich-socialen Mastbürgerpartei zu erringen; wir werden sehen, ob sie den Muth haben wird, auch die Verantwortung dafür zu tragen, wenn die Früchte dieses Systems gezeitigt sein werden. Wer Wind säet, der muss Sturm ernten. Die §§ und 00 kamen auch inderClubobmänner- Confereuz vom Dceustag zur Sprache .Dass die biederen Christlich- Socialen die Erledigung des Gesetzes nicht erwarten können, ist begreiflich; etwas müssen sie doch ihren Wühlern außen den Reden Schneiders als Christgeschenk unter den Weihnachtsbaum legen; dass aber auch der Abgeordnete P e r n erst o r f e r sich dafür einsctzte, dass vor der Berathung über die Berufsgenossenschaften die §§ 55) und 05.) eingeschoben werden, beweist, wie unehrlich und falsch die Opposition der Socialdemokratie gegen diesen berüchtigten Entwurf ist; P e r n e r st v r s e r, der berühmte P e r n e r st o r f e r, glaubt, dass das Gesetz zusammen mit einem anderen an einem Tag erledigt werden könne, so wenig Scrupel und Kopfschmerzen macht es ihm, dass tausende von Proletariern durch dieses Gesetz ihres letzten Haltes beraubt werden; nur anfräumen damit, nur keine Umstände, wir haben was Wichtigeres zu thun, als uns um die Schmerzen jüdischer Hausierer zu kümmern, meint der olle Socialdemokrat. Allerdings befindet er sich in nobler Gesellschaft; auch unser vielgeliebter Ex-Berwaltungspräsident von Taussigs Gnaden, der Gras Vetter von der Lilie, meinte, er hoffe auch, dass die Vorlage betreffs der §§ 59 und 00 bald erledigt werde. Er hätte hinzufügen können: Aber wozu soviel Geschrei wegen der paar Hausierer; die Schnorrer kann man doch nicht selbst anfchnorren. Ein unersetzlicher Verlust. K. H. Wolf ist nicht mehr; er weilt zwar noch unter den Lebenden, aber er ist politisch tobt, so tobt wie sein Todfeind Vergani. Oft werden wir uns noch an seinen Stilblüten ergötzen, aber er wird nicht mehr vor den erstaunten Karyatiden für die Ehre des deutschen Volkes, trotz Armin, Blücher und Moltke, striten. „Heil deutscher Treue; durch Reinheit zur Einheit," sagte neulich, ganz hingerissen durch eine Rede Wolfs, eine Karyatide zur anderen; diese, skeptischer Natur, hätte gerne den Kopf geschüttelt; aber sie bedachte sich zur rechten Zeit, da sonst das Gewölbe über unseren Volksvertretern zusammengestürzt wäre. Und das wäre jammerschade gewesen. Aber dafür hatte sie Freitag die Genugthuung, ihrer Zwillingsschwester zuzuflüstern: „Merkst Du was, die deutsche Tugend und die deutsche Treue scheinen einen üblen Geruch zu haben. Herman ist ooch weg." Immer, wenn Wolf die Mauern des Parlamentes erzittern machte, musste ich an den lateinischen Uebungssatz denken, der in allen Grammatiken spukt: Impus triste stabulis. Der Wolf ist eine traurige Erscheinung für die Ställe. Der Abgeordnete Wolf war auch eine traurige Erscheinung und er musste in diesem Parlamente der ausgesuchtesten Durchschnittsmenschen wirken, um die Rolle zu spielen, die ihn zeitweise so berühmt machte. Nehmt alles nur in allem. Er besaß ein nicht gewöhnliches journalistisches Talent und ein nicht häufiges Maß von Energie und Zähigkeit; aber alles Gute erstickte in einem Sumpfe von Bier und Unbildung, Eitelkeit und Cognac. Er war Antisemit, aber mit Auswahl; für jüdisches Geld und jüdisches Lob war er immer zugänglich. Wohlgefällig nahm er die Huldigungen der judenliberalen Presse entgegen, die ihn in kurzsichtiger Verblendung gegen Lueger auszuspielen vermeinte; nachlässig ließ er sich von den schweifwedelnden Studenten der deutsch-jüdisch-freisinnigen Couleurs als Befreier der Deutschen preisen. Er trat vielleicht mit den besten Vorsätzen für Volk und Freiheit in die politische Arena, aber auf dem verderbten Boden der politischen Parteien Oesterreichs, wo eigentlich der Neuling nur zu wählen hat zwischen der Corruption der einen oder der anderen Partei, musste ein so schwacher Charakter von Stufe zn Stufe sinken. Wie frivol er schließlich wurde, zeigt sein Verhalten in der Ritualmordfrage einerseits und anderseits sein Verhalten in der „Los von Rom"-Bewegung. Anlässlich der Polnaer Affaire gab er sich endlich als das, was er geworden: als ein geriebener Speculant auf die rohesten Jnstincte der Masse. Weg ivar die Flunkerei mit Vornriheilslosigkeit und Aufklärung. Er wetteiferte mit jedem alten Weibe im Aberglauben und mit Ehren-Vergani in der geschäftlichen Ausschrotung einer arischen Volkskrankheit. Da hätte er sich als Moderner zeigen müssen, der im erbitterstcn Nationalitätenstreit doch vergiftete Waffen verabscheut. Denselben. Weg verfolgte er in dem Kampfe gegen den Clericalismus. Eine ursprünglich politisch-freiheitliche Bewegung mündete in dem Hafen der p r o t e st a n t i s ch e n O r t h o d o x i e. Scrupel hatte er nie; er nahm Geld von den deutschböhmischen Fabrikanten, vom Casino, wie von dem protestantischen Comitee; das war auch das goldene Schloss, das ihn daran hinderte, gegen die Verflachung der „Los von Rom"-Vewegung einzntreteii. Schließlich strauchelte er; und sicher war es sein Altmeister Schönerer, der ihm den Todesstoß versetzte. Zwischen den beiden bestand die Eifersucht des Meisters, der fürchtete, von seinem Schüler überflügelt zu tverden. Auf dem Höhepunkt seiner Macht, nach den letzten böhmischen Wahlsiegen ist Wolf gefallen. Aber er ist ein zu geivöhnlicher Mensch, uni den Verlust an Macht und Ehre tragisch zu nehmen; er wird sich in der materiellen Wohlhabenheit, zu der er sich gleich Vergani aufzuschivingen verstand, bald trösten. Rasselnd flog er zu dem alten Eisen und Gerümpel, wohin er gehört. Armes Parlament I Vergani, Gregorig, Vielohlawek fehlen. Nun verschwindet auch Wolf. Kann Dir geholfen werden/? Napvlcmr der Erste und die Juden. Hof- und Ge-, landfremd und gefühlsfremd, instinctmfficher und nachahmrmgS richtsadvocat Dr. Karl Lifczis hielt am 27. b. M. unter. lüstern — so schafft man keine neue Kunst, obigem Titel im ^estsaale des Jüdischem Volksbereins ' I u d e n s e i d i h r, @ c m i t c n. Dort klopfet an. vielleicht einen Vortrag. Vor einem zahlreichen Auditorium ent-- da das Herz euch eNvas zu sagen. Das ist die einzige Quelle Weise auf den Vortrag znrückznkommen tappen müssen, tvo der Rassenbelvusste leicht und sicher den Weg ouiuuöiuuumu.i. | Ihr seid nicht die Schlechtesten des jüdischen Volkes und Jüdische Volksbibliothek. Die Bibliothek ist für noch ist cs Zeit Z»r Umkehr und Einkehr; wenn nicht — so endet Mitglieder des Jüdischen Bolksvereines jeden Sonntag von' 'l)r in dem Sumpfe des „Wienerischen , >vie es in manchem Leo- „ „ ,tr . ... _ . . . ,,! poldskädter Tingel-Tangel zuhause ist, eines Typus, der sich nicht 9—10 Uhr vormittags und jeben Mittwoch von f»—v Uhr .. . " " ‘ ' 1 } * ’ achtet, die anderen mcht achtet itnb seine Eigenart ttt der Verhoh abends zur Entlehnung von Büchern geöffnet. Näheres ist aus 1 mmg ,mb Verflachung jeder ideellen Regung sieht. der Bibliotheks-Ordnung ersichtlich. j Vortrog Dienstag den 10. d. M. findet in der Lese- Der Verein für inrerrlgeltlicherr Arbeits-; und Redehalle indischer Stildenteii ein Vortrag des Herrn Nachweis erincht dringend, seine Bestrebungen dadurch zu Dr. Jakob Kohn: „Die Grenzen der Jndensrage" statt. Gäste unterstützen, dass jeder die Güte habe, 1. seinen Bedarf an J sind willkommen. Arbeitskräften aller Art dem Vereine bekannt zu geben;! Wvchen-Programm der Toynbee-Halle. Sonntag den 2 ien,c.SHHKbe zu gl«che«. «,-rg.h-n Md »- d.e 8. d.M. M. Hapm-ier: Die Juden in Portugal uni« Kenntnis h. h..« »» wnchchaftlchw Tendenz de« Enig Em-nu-l. Montag den v. d. M. Dr. J.Sadger: B°r-l»es mo,I.ch» zn verbreiten. »,» > ,,n neue M.tgl,-dezu dcnl Gebiete der N-tuMiN-nschast-u. Dienstag, dm ""7? b M, Otto Miller: Vrchlicky und das Judenihum. iNr. 19920) enheilt werden. Zinveifungen erfolgen gänzlich s)WihDLn kostenfrei unter möglichster Berücksichtigung aller Wünsche.! T rJ 11. Max Eisler: Knustästhetische Betrach-! tuiig über „Inda" boit Münchhausen. Donnerstag den 12. Vortrag. Sonntag den 15. December, 8 Uhr abends, Dr. S. Werner: Hygiene. Freitag, den 13. Dr. Grüll: hält Herr Red." Adolf Gelber im Festsaale des „Jüdischen Bibel, Erklärung der Sedra. Samstag, den 14: Concert, Volksvereines" einen Vortrag, betitelt: „Phantasien eines Musik, Gesang. Realisten".; Svuj k svemu. Ans Prag wird geschrieben: Anlässlich der bet v a ttre. *- . 2 vv! stehenden Weihnachts-Feiertage werden vvtt hiesigen czechlschen re- Ehebruches. Das Vereinen Versannnlurgen veranstaltet, in welchen die Parole „8vnj Tages ist d,° Mandats,„ederlegung des Abz-ar-neten Wolf. ,, SYimu. ( Sfmi (lag @cme„} »or Einkänsen I,at ernes galanten Ab-nt°n-rs m,t der Tochter seines jüdischen Kauslenle» „einaent wird. Gestern Collen L.sch°n nnd der Fran ,eines Part-,g-»°ss-n Seid, M wieder -ine solch- B-rsnnnnlnng ftaltgesnnden, die Mandate. d,e er mnebatte. »,-d-rlegen mnsten. Donnerer,,^ citlbm,mtmmUu Arbe.terschafl -inb-rnse» Schönerer wollte es so. Mit dieser Thatsache könnte man sich abfinden: Herr Wolf war nicht der erste und wird nicht der letzte Germane sein, der die Heiligkeit der Ehe zu dem „pfäsfischen Krimskrams" wirst. Interessant ist nur die Auffassung der Sachlage seitens seiner durch die überraschende Thatsache allerdings in arge Verlegenheit gesetzte Partei. Da kommt z. B. dem Herrn Wolf im „Grazer Tagblatt" ein worden war. In derieibeic wurde beschlvssen, einen antisemitischen Landesverband der czechischen Frauen und Mädchen zn bilden. Die cvnstitnierende Sitzung desselben wurde für den 8. December anderaumt. Als Zweck dieser Äereuisbildung wurde von eirern Fräulein Zemin angeführt: Die czechischen Frauen und Mädchen, gleichviel, ob sie sich gnädige Frau oder gnädiges Fräulein tituliere-l lasse» oder Dienstboten und Tag- ^err Dr. Gärtner zuhclfe und utetnf. naiv: Die Beziehungen feien, müssten sich zilsammeiithnu, um den Consum Wolfs zu Mer Dame nibrien aus einer m der sie weder organisieren, dass keine czechische Frau mehr bei deutschen r^rau noch Braut war, Wolf hat asto die Rechte Seidls jüdischen Geschäftslenten Einkäufe mache. Es dürfe nicht T-nt ^y\®arl^nCr?ou Verletzung bc§ me^r vorkvinnien, dass man den Juden abends die Fenster Gastrechtes könne keine Rede sein, denn Wolf habe damals! xinwirft und am nächsten Morgen wieder bei ihnen einkauft. Dr. D sch a n nur flüchtig gekannt. Also, Herr Dr^. Gärtner, Durch die wirthschaftliche Emancipation vom Inden- und memt, dais ^ungfranen schänden, nur dann unrecht ist, üienn Deutschthum werde der Weg zur politischen Selbstständigkeit ‘vJmn® rvK "" guter Bekannter ist. Und mit der czechlschen Volkes geebnet, nicht durch große politische Thatsache, dass Wolf das verfüdrle Mädchen selbst dem Freunde l(n^ Berhandlungen, bei welchen! der persönliche Egoiszum Altar führte, findet sich Dr. Gärtner noch leichter ab: viel zu sehr hervorleuchte. Da die Männerwelt über das ^tempi passati . bas geht den. Bräutigam ja nichts an. politisieren beim Bier und der Pfeife auf das Allernächste Mit der in civilisierten Ländern gebräuchlichen Moral hat ja.vergesse, hätten sich selbstbewusste czechische Fraueit und Mädchen diese Auffassung nichts gemein; aber auch mit der den Allentfctjloffen, die Organisation des „8vuj k svemu“ selbst in deutschen näherstehenden Germanentrene kommt Dr. Gärtner n^ Hand zu nehmen und vurchzusühren. Am 3. December bezw. Abgeordneter Wolf da nicht zurecht. Bekanntlich hat veranstaltet, wie die „Narodni Listy" heute ankündigen, der Siegfried sein niedliches Schwert zwischen sich und Brnnhilde staatsrechtliche Club, an dessen Spitze Dr. Baxa steht, gleichgelegt, als er die Braut dem Freunde warb; Held Wolf hat -falls eine Versammlung zur Propagierung des „Svuj k svemu“. das Schwert ruhig beiseite geschoben und es erst dem Herrn Bräutigam um die Nase gehauen, als dieser den Betrug gewahrte. Was es da noch zu entschuldigen gibt, ist wirklich nicht einzusehen. Wenn heute Herr Wolf auch mit dem Grundsätze einherspaziert, er habe ein freies Mädchen verführt: dass er damals schon Gatte und Vater war, bricht seiner Moral den Hals. Wir sind der Ansicht, dass es unter (graf Potocki.. Aus Leniberg Ivird gemeldet: A» die Spitze der autonomen Verwaltung Galiziens ist ein neuer Mann getreten. Die hierländisehe Jüdensehaft lvird dem abtrctenden Grafen Stmiislans Badeni, der MlS seiner Verachtung und Abneigung gegen die Juden nie ein Hehl geinacht, keine Thräne nachweinen. Die Zukunft toird lehren, 0sich seirl Nachfolger, Graf Potocki, von gerechtereil Anschcnmngen wird leiten lassen. Dem neuen Landmarschall haben sich letzthin allen Parteien solche Fälle Wolf sehr viele gibt, und dass die auch der Vorstand der hiesigen Cnltnsgemeinde unter Führring des alldeutschen Schafe uicht lauter zn blöden brauchen, als es. ^icepräsidenten Dr. Simon Schaff und das Rabbinat beider Nichder eine W°,f verdient. Aber dineu zugestntz.e R°r°- muss^^ Ä^i°°N P-.L'L man au notam nehmen, wenn es den tentschen Recken wieder sein werde, die Interessen der jüdischen Cultrisgemeinden zu föreinmal ernfallen sollte, andere Völker für minderwertig zu erdern. Vederemo. klären. Bei den alten Juden hat man Ehebrecher gesteinigt;' Roheiten einer nntisemitischen Lehrerin. Aus Herrn Wolf hat man nur aus der Part-i hinausgeworfen. > Podwoloc;yska wird uns geschrreben : In der hiesigen Bürger- Die alten Juden haben sich aber dem Urtheilssprnch gefügt;! schule hat sich folgender Vorfall ereignet: Die antisemitische Wolf und seine Freunde schreien, er sei eigentlich gar nichts Lehrerin Gazecka schlug das sechsjährige Jndenmädchen schuldig. Das ist der Unterschied zwischen der jüdischen und alldeutschen Moral! Ein Capitel über das „Wienerische". Man interpellierte einst Arthur Schnitzler über sein „süßes Mädchen"; zu dem größten Erstaunen des Naseweisen gab er zur Antwort: Es gibt ein „süßes Mädchen" so wenig, als es die „Wienerin" des Extrablattes gibt. Und tver sich ein bisschen Zeit und Mühe nimmt, die Weaner Madln" zil studiereri, und ein bisschen Grütze im Kopfe hat, wird finden, dass der Dichter in seiner edlen Wahrheitsliebe das Richtige getroffen hat. Die „süßen Mädeln" sind um einige Grade dümmer, treuloser und, mau verzeihe, sagen wir, habsüchtiger, als das Ideal Schnitzlers, das eben nur in dem Kopfe des Dichters existiert. Wie sollte es anders sein. In dieser Stadt, tvo eine Rassenvermischung schlimmster Art ihre Orgien feiert, kann keine gerade Art existieren; alle Stumme Oesterreich-Ungarns geben sich hier an der Donml ihre. Rendez-vous, ruid aus diesen: Mischmasch kann keine edle Blume erblühen. Es gab einst Wiener irnd Wienerinnen, man braucht bloß (llrillparzer und Nestroh zu nennen, mn zwei Pole eines urwüchsigen Wesens zu kennzeichnen; aber diese Art ist längst in dem Meere der verschiedensten fremden, sich gegenseitig schwächenden Jnstincte zugrunde gegangen; und leider eignet man sich von dem Fremden am wenigsten das Gute an, tveil das Gute ein Product der Selbstzucht ist, und daher nicht nur gut, sondem auch schwer ist. Diese Gedanken flogen mir durch den Kopf, als rnan vom Glücke irnd Ende des „Jung-Wiener Theater" sprach. Ich suchte zu entivrckeln, dass es nichts „Wienerisches" gäbe; aber jedenfalls hatten die Acteure und Macher dieses neuen „Jungwienerthuni" Jeinen Tropfen tveauerischen Blutes in ihren Adern. Voll Heuchelei und Künstelei, wie das ganz« Milieu,, waren auch die geistigen Schöpfer; Lerka Friedman »„Tochter des Bäckermeisters Jacob F r i e dm a n n mit einem Stocke ohne Erbarmen derartig, dass dieselbe sofort in Ohnmacht siel; nach Wiederbelebung gieng das arme Mädchen mit schwerer Mühe, mit geschwollenen Händen ächzend nachhause. Es wurde sofort der hiesige Arzt Bürgermeister Dr. S. David berufen,, er untersuchte das Mädchen und nieldete das dem Gerichte. Am nächsten Tage kam der Untersuchungsrichter Herr S z,u l a ki e wi cz mit dem Stadtarzte, Herrn Dr. Metall, um. das Kind zu unteriucheu. Es wurde constatiert, dass die rechte Hand des Kindes 14 cm hoch verschwvllen sei, ferner, dass das Mävchen 15 Schläge mit einem 7 cm dicken Stock auf den Körper bekvmmeil habe. Der Untersuchungsrichter versicherte, ^as Nöthige zn veranlassen. Das Mädchen liegt zu Bette und!vird von Dr. S. David behandelt. Born Berwnlt»tuaögevichtshufe. — Die Heimatsberechtignn« des RabbiuerS. Der Rabbiner Moriz Büßgang wurde 1893 von der Gemeinde Hartmanitz auf 31/., Jahre als Rabbiner und Neligionslehrer angestellt. uub in dem Vertrage bestimmt, dass, tvnn nicht ein halbes Jahr vor Ablauf derAnstellung dieKündigung erfolge derBertrag für weitere 3'/» Jahre 31t gelten habe. Dieböhmischc Statthalterei bestätigte die Bestellung Büßgangs als Rabbiner und bestellte, ihn auch als Matrikelführer. Büßgang schritt nun bei der politischen Geureinde Hartmallitz um Ausfertigung eines Heimatscheines ein und berief sich auf 8 10 des Helmatgesetzes, lvonach Seelsorger mit?lntritt des Aintes das Heiulatsrecht in der Gemeinde erlangen: in welcher sie ihrerc Amtssitz haben. Die Gemeinde Hartmanitz verweigerte jedoch die Ausfertigung des Heimatsscheknes unter Berufung auf den Unfftand,. dass Büßgang nicht defuntiver Angestellter sei, wie es das Gesetz verlange. Auf Recurs des Rabbiners die Bezirkshauptmannfchaft Schüttenhofen diesen Bescheid auf.. Die Statthalterei für Böhmen und das Ministerium des Innern bestätigten jedoch den Bescheid der Gemeinde und erklärten, dass die Anstellung auf 3'/- Jahre keine definitive sei, dass Büßgang daher nicht in. Harünamtz,. sondrru in Czernowitz,!vo er bis dahin.