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Jüdisches Volksblatt · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. November 1901 Seite 3 ♦ richtig, theils nicht schlüssig. Eine auf dem neunzehnten Landtag in der Zweiten Kammer der Landstände eingebrachte Interpellation, das Recht der Juden auf Verwendung im Staatsdienste betreffend, fand ihre von keiner Seite beanstandete Erledigung durch folgende Antwort des damaligen Ministerpräsidenten: „Bei der Anstellung und Beförderung von Juden im Staatsdienste findet die Regierung keine prineipiellen Bedenken, tvie dieses schon daraus Hervorgeht, dass Juden im Staatsdienste stehen." (Verhandlung Zweite Kammer der Landstände von 1866—68, Protokoll Nr. 62, S. 7.) Als in den Verhandlungen der Zweiten Kammer der Landstände vom 7. April 1864 (Prot. Nr. 10, S. 7) der damalige Staatsminister unter anderem erklärte: „Auf dem Lande würden wir, wie meine feste Ueberzeugung ist, wie ich das Land kenne, großen Anstoß erregen, wenn wir jüdische Richter dorthin setzten," erhob sich in der Kmnmer kein Widerspruch; ja es fand diese Erklärung die ausdrückliche Zustimmung eines Abgeordneten, der die antisemitische Bewegung ebenso verurthcilte, wie es die Großh. Regierung thut. Auch heute befinden sich Juden im Staatsdienste, allerdings nur im Justizdienst und im Schuldienst. Es ist eine unwahre Behauptung, dass jüdische Bewerber, die sich zu der Stellung eines Richters oder Staatsanwaltes gemeldet hätten, angestellt worden seien, „sobald die Bewerber die Religion gewechselt" hätten. Wenn aber die Petenten im Anschluss hieran die Anschuldigung erheben, es sei „der Glaubenswechsel und äußerer Vortheile willen" belohnt worden, so verdächtigen sie zugleich ehrenhafte Beamte in einer Weise, die nachdrücklich zurückgewiesen werden muss. Seitdem die gegenwärtige Staatsregierung die Geschäfte übernommen hat, ist die Anstellung eines jüdischen Staatsdicnstanwärters nicht in Frage gekommen, da die Anwärter mit entsprechendem Dienstalter nicht vorhanden waren. Großherzogliches Ministerium der Justiz. Dittmar. Der principielle Standpunkt der Negierung stimmt durchaus mit der bestehenden Gesetzgebung überein und wird auch von dem berichtenden Ausschuss gebilligt. Inwieweit im einzelnen Falle die Haltung der Negierung zu Beschwerden Veranlassung gegeben haben sollte, ist der Ausschuss mangels jeglichen Veweismaterials dafür zu prüfen nicht in der Lage. Näher hierauf einzugchen, liegt umsoweniger Veranlassung vor, als die Regierung die dieserhalb in der Petition erhobenen Beschwerden auf das entschiedenste bestreitet. Auch muss anerkannt werden, dass in einzelnen Fällen Gründe vorliegen können, welche der Negierung Veranlassung geben, gerade die Person eines jeweiligen Bewerbers für eine in Betracht kommende Stelle nicht zu berücksichtigen und dass derartige Fälle Wohl geeignet sein können, eine missverständliche Auffassung über die Stellungnahme der.Regierung herbeizuführen. Bei der Wichtigkeit der Angelegenheit glaubt jedoch der Ausschuss die Regierung über die Ansicht der Zweiten Kammer nicht im Unklaren lassen zu sollen und beantragt daher folgende Resolution: „Hohe Zweite Kammer spricht die Erwartung aus, dass bei Anstellung der Beamten principiell der Standpunkt der religiösen Gleichberechtigung gewahrt bleibe." Kleine Chronik. Nnland. Makkabäcrfest. Dienstag den 26. d. M. fand die erste Comiteesitzung des Festausschusses zur Veranstaltung der Makkabäerseier statt. Der große Saal des Hotels Franz Josefsbahn war drückend voll. Sämrntliche Comiteemitglteder, ca. 100 Personen, Damen und Herren, hatten der Einladung des Executivcomitees, an dessen Spitze Herr Hofrath Kareis als Ehrenpräsident und der im 9. Bezirke bestbekannte Herr Peter Geiger als Obmann stehen- Folge gegeben. Aus dem Berichte, den das Executiveomitee vorlegte, konnte man ersehen, dass das Makkabäerfest, welches am 5. December im Festsaale des Hotel Central stattfindet, einen glänzenden Verlauf nehmen wird. Die Festrede hält Herr Jakob Kraus. Außerdem haben die Violinvirtuosin Fräulein Mizzi Schlesinger, der Claviervirtuose Herr Leo Ascher, die Herren Louis Nerz, Mitglied des k. k. priv. Theater an der Josefstadt, Richard Großmann, Mitglied des „Jung-Wiener-Theater zum lieben Augustin", und die Schriftsteller Adolph Donath, Marek Scherlag und Leo Sofer ihre künstlerische Mitwirkung zugcsagt. Auf den officiellen Theil folgt eine Akademie, dieser ein Tanzkränzchen. Die Versammlung nahm den vom Chefredacteur Munk erstatteten Bericht des Executivcomitees beifällig entgegen und lauschte in sehr animierter Stimmung den amüsanten Darbietungen der Herren Walter Nagelstock, welcher eigene Gedichte las, des Herren I. Goldschmiedt, welcher sich als Meister der Violine erwies, und den überaus gelungenen Vorträgen des Schauspielers Herrn Richard Großmann, welche Beifallsstürme entfesselten. Nicht vergessen sei die freundliche Mitwirkung des Herrn Elektrotechnikers Löwenbem, welcher mit seinem Edison-Phonographen einen sehr belachten Scherz in Scene setzte. Nach den Vorträgen wurde bis in die Morgenstunden getanzt. Der vorzügliche Verlaus des Abends, welcher durch den Besuch des Herrn Hofrath Kareis ausgezeichnet worden war, ist in erster Linie der unermüdlichen und überaus dankenswerter Thätigkeit des Comitee-Obmanns Herrn Peter Geiger zuzuschreiben. — Die Karten zur Makkabäerfeier (Familienkarten 6 Kr., Herrenkarten 2 Kr.), sind bei den Comiteemitgliedern, sowie in folgenden Comiteelocalen zu haben: Jüdischer Volksverein, 2. Bez., Leopoldsgasse 49, Redaction des „Jüdischen Volksblatt", 8. Bez., Schlößelgasse 11, Cafe City, 9. Bez., Porzellangasse, Cafe Schredl, 9. Bez., Porzellangasse, Cafe Bachrach, 9. Bez., Glasergasse, und Cafe Arcaden, 1. Bez., Universitätsstraße. Auskünfte über den Festabend ertheilt Herr Peter Geiger, 9. Bez., Roßauergasse 6, und Chefredacteur Munk, 8. Bez., Schlößelgasse 11. Jüdischer Volksvcrein. (Vortrag von Lucia n Brunner.) Vor einem dichtbesetzten Auditorium hielt am 28. November der ehemalige Gemeinderath L u c i a n Brunner einen Vortrag über: „Judenthum und Cultusverwaltung." Der Vortrageude sprach in der geistreichen Weise, die man bei ihm gewohnt ist; seine Ziele, die Bildung von freireligiösen Gemeinden, liegen allerdings fernab von den Zielen einer nationaljüdischen Partei. Eine solche Bewegung hätte eine gewisse Existenzberechtigung, wenn sie einem tiefen, religiösen Bedürfnisse entspränge oder wenn sie von nationalem Geiste getragen wäre. Beides ist aber bei Herrn Brunner nicht der Fall; seine Bestrebungen hätten also nur den Erfolg, dass sie ein Element der Zersetzung und Auslösung ins Judenthum hineintrügen. In diesem Gedankenkreise bewegten sich auch bie Discussionsredner. An der Discussion nahmen theil: Dr. Weisengrün, Dr. Lisczis, E. Singer, Dr. Sofer und Prediger Buxbaum. Jsraeliüscher Bethausverein Brigittenau. Am 28. November 1901 um halb 7.Uhr abends findet in den Saallocalitäten des ' „Weilandhofes", 20. Bez., Klosterneuburgerstraße 33, die (diesjährige Generalversammlung der Mitglieder des Bethausvereines Brigittenau mit folgender Tagesordnung statt: 1.-Berichterstattung des Obmannes. 2. Wahl Von 5 Vorstandsmtgliedern. 3. Statutenänderung. 4. Anträge. Die Herren Vereinsmitglieder werden um zuverlässiges Erscheinen höflichst ersucht, da der Versuch der Statutenänderung schon zweimal an dem unzureichenden Besuche gescheitert ist. Nachträgliches über die Heine-Feier in Paris. Armer Heine, nicht einmal nach Deinem Tode findest Du die Kritik, die Du verdienst I Von der Parteien Gunst und Hader verwirrt, schwankt Dein Charakterbild in der Geschichte. Viele standen bei Deinem Grabe, aber unter den vielen Auserwählten fand sich nicht e i n Berufener, der dem Juden Heine als Jude seine Anerkennung gezollt hätte. Was meinte wohl der geistreiche Gaston Deschamps, als er Folgendes sagte: „Ich sehe hier in unserem Kreise Personen, die besonders berufen wären, uns die schmerzliche Poesie zu deuten, die wie gedämpfte, klagende Laute aus den tiefen Missklängen hervortönt ..." Würdig war das Verhalten der Wiener Journalistik. Wie gewöhnlich, war die „Deutsche Zeitung" am dümmsten, das „Deutsche Volksblatt" am gemeinsten und die „Arbeiterzeitung" am verkniffensten. Die „D. Z." schreibt über Heine so, als hätte er dieselbe Bedeutung wie etwa einer ihrer Redacteure, Vergani so, als wäre Heine seinerzeit unter ihm Gemeindesecrctär in Mühldorf gewesen. Und die „Arbeiterzeitung" gefällt sich in der Rolle des lieben Herrgotts, der seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen lässt. Nach rechts und links vertheilt sie Hiebe; niemand besteht vor ihrem alles durchdringenden Auge; nur Sie Selbst, DIE ARBEITER-ZEITUNG hat die Weisheit gepachtet. Die Antisemiten sind zu antisemitisch und die Liberalen zu liberal und die Semiten zu semitisch. Sie ist unfehlbar. Großmüthig versichert sie Heine seines deutschen Dichterthums; hat sie doch das Monopol, die deutschen Dichtertitel zu vertheilen. Wenn sie's sagt, so ist's wahr. Doch genug von diesen Scribenten. Unsichtbar stand am Grabe der Genius des jüdischen Volkes; er kam nicht zu Worte, aber alle fühlten seine Anwesenheit. Er stand in der letzten Reihe, denn er war nicht geladen, sondern bloß geduldet. Trauernd senkte er seine Blicke, denn einer seiner besten Söhne sollte hier gefeiert werden; aber er verstand nicht diese gespreizten Reden und suchend irrte sein Auge. Wann wird das jüdische Volk lernen, seine Großen würdig zu feiern? Jüdischer Bvlksverein. (Vortrag.) Am 4. Docernber, 8 Uhr abends, hält im Festsaale des Jüdischen Volksvereins, 2. Bez., Leopoldsgasse 49, Herr Dr. Carl Lifcsis, Hof- und Gerichts-Advocat, einen Vortrag über das Thema „Napoleon der Erste und die Juden". Der Vorstand der tiirkisch-israelitischen Gemeinde zu Wien (Sephardim) veranstaltet Samstag den 29. d. M. anlässlich des Geburtstages Sr. Majestät des Sultans Abdul Hamid im türk.-israel. Tempel (2. Bez., Circusgasse 22) um halb 12 Uhr vormittags einen Festgottesdienst. Jüdischer Schulverein für den 9. Bezirk. Der Unterricht beginnt ün Laufe des Monats December; zahlreiche Anmeldungen lausen bereits (beim Vorstandsmitglieds Herrn I. Löwenstein, 9. Bez., Seegasse 21) ein. Heinratsrccht. Täglich erhält das Bureau des Jüdischen Volksvereines eine größere Anzahl von Zuständigkeitsbewilligungen, die der Verein erwirkt hat. Der Verein : ist nach wie vor bereit, vollkommen unentgeltlich diesbezügliche Gesuche zu übernehmen. Das Hcnnatsrecht der Ausländer. Sonntag den 1. December nachmittags einhalb drei Uhr, findet im Galerie-; saale des Hotel Union, 9. Bez., Nußdorferstraße Nr. 23, eine allgemeine Versammlung der Ungarn, Ausländer und Heimatslosen statt. An derselben werden auch Reichslaufcnen medicinischen und gerichtlichen Spesen, sowie zu einer empfindlichen Freiheitsstrafe wegen schwerer körperlicher Verletzung des Betroffenen mit unabsehbaren Folgen für dessen Zukunft, verurtheilt. Der Beklagte hatte einen Prager Advocaten gewonnen und zur rechten Zeit Berufung gegen das Rrtheil einlegen lassen, wurde aber wieder verurtheilt. 3. Schon ca. 6 Monate dauerte der Process. G. hatte eine Gemischtwarenhandlung in D. Die Bevölkerung des Ortes fasste eine Feindschaft gegen den rohen Menschen, das Geschäft gieng ein, ja auch G.'s Frau litt darunter sehr. Sie nahm sich den Kopf ein und man befürchtete ihre geistige Umnachtung. — Ich war eines Abends in Gesellschaft, wo das Thema eifrig verhandelt ivurde und auf dem Heimwege äußerte ich mich zu einem Bekannten etwa: „Wenn G. wüsste, was ich weiß, könnte ihm bedeutend erleichtert werden." Und wirklich erschien G. am nächsten Vormittag bei mir und verlangte von mir nichts mehr und nichts weniger als falsche Zeugenschaft. „Ich bitte Sie um Gotteswillen, sagen Sie aus, dass er immer tanb war und dass er immer ein Tuch hinaufgebunden hatte. Ich aber entgegnete etiva: „Das kann ich nicht behaupten, denn er tvar mein bravster und bester Schüler, ob er einmal ein Tuch um den Kopf gebunden hatte, weiß ich mich nicht genau zu erinnern; jedoch will ich Ihnen Helsen, so viel in meinen Kräften steht. Die Sache hat schon so viel Staub aufgewirbelt und so viel böses Blut gemacht, dass ich nicht gleichgiltig zuschauen kann, obwohl mein Eingreifen mir Feinde schaffen und mir großen Schaden zufügen Ivird." „Was gedenken Sie also zu sagen?" fragte er. Ich entgegnete: „Wenn ich Ihnen von Nutzen sein soll, so dürfen weder Sie, noch Ihr Advocat etwas von der Sache erfahren; denn Sie trommeln gleich alles aus. und Ihre Feinde — Sie haben deren viele --- werden sich darnach richten und die Zeugen präparieren; das Ivill ich ja verhüten. Sagen Sie Ihrem Nechtsfreunde, dass ich die Handhabe zum ganzen Process besitze und die Situation zu Ihren Gunsten beleuchten tverde. Sagen Sie aber zugleich, dass ich von einem hinaufgebnndencn Tuche gar nichts weiß." Jedoch der Dickschädel berichtete seinem Advocaten, dass ich bezeugen ivill, dass der Schüler immer den Kopf verbunden hatte. Ich aber hatte im Verlaufe der Zwischenzeit von den zunächst betheiligten Augenzeugen so manches erfahren, was zu G.'s Gunsten war, obwohl dieselben vor Gericht anders ausgesagt hatten. Als Minderjährige wurden sie nicht beeidigt, aber ihre Väter waren mit, instruierten sie, tvie sie aussagen sollen; auch hatte jeder von ihnen ein Pensum, welches er stricte beantivorten sollte. Einer von ihnen hatte aber das Pech, diese Aufgabe in der Stadt zu verlieren. 4. Zur dritten Verhandlung wurde auch ich als Zeuge vorgeladen. Ich wurde als letzter herbvrgernfen und G.'s Schicksal schien bereits entschieden. Angsttropfen perlten ihm von der Stirn. Nachdem nun die üblichen Personalien abgenommeu waren, fra'gte mich der Präsident: Waren Sie schon einmal vorbestraft? Ich: NeinI Präsident: Waren Sie schon einmal bei einem Strafvergehen betheiligt? Ich : Das wohl! Präsident: Inwiefern? Ich: Es handelte sich um einen Landstreicher, der auf ein Bettelbüchlein milde Gaben für eine angeblich kranke Mutter sammelte, sich aber durch Spiel und Verschwendung verdächtig machte und gefänglich eingezogen wurde. — Ich musste nach lmiger Weigerung schließlich auf 20—30 Kreuzer einen Eid ablegen. ' Präsident: Sonst nie? Ich: Nie! Präsident: Sie wissen vielleicht, weshalb Sie vorgeladen sind? I ch: Ich vermuthe, wegen der Schlägerei des Blass. Präsident: Sie irren'sich, wegen der Prügelei des G. I ch : Ich bin Lehrer und gewöhnt, logisch vorzugehen. Zuerst kommt A, dann kommt B. Der Blass hat zuerst geprügelt, so folglich sollte zuerst diese Sache vorgenommen werden, daun käme der G. an die Reihe. Präsident: Wissen Sie also etwas von der Prügelei des G.? Das andere ist heute nicht Sache des Gerichtshofes. I ch : Von der Prügelei weiß ich nur vom Hörensagen. Präsident: Also doch etwas! Sie werden beeidet tverden. Was denken Sie von der Heiligkeit des Eides? I ch : Ich erlaube mir nochmals zu erwähnen, dass ich bereits einmal vor Gericht mich ivcigerte. wegen einer .Kleinigkeit zu schwören. Präsident : Sie werden sich unter Eid verpflichten, nach Wissen und Geivissen die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen, und nichts von der Sache verschweigen, um die es sich handelt. I ch : Ich werde noch bestem Gewissen jede an mich gerichtete Frage wahrheitsgemäß beantworten. (Ich ivurde dann beeidet.) P r ä s i d e n t : Kennen Sie den L.? I ch : Sehr gut. P r ä sident : Wie lange schon? I ch : Seit mehreren Monaten. . Präsident: Bei ivelcher Gelegenheit haben Sie ihn kennen gelernt? Ich: Verflossenen Herbst kam er in Begleitung seines Vaters zu mir und ließ sich bei mir für den Abendeurs anmelden. Er ist also mein Schüler. Präsident: War er ein guter Schüler? I ch : Er tvar mein bester Schüler. Präsident: Was halten Sie von seiner Begabung? Ich: Wenn ich sage, dass er mein bester Schiller war, muss ich auch annehmen, dass er nicht nur begabt, sondern auch sehr brav war. P r ä s i d e ri t (zeigt auf deu vor ihm liegenden Acteustoß und sagt): Es stimmt überein. I ch: Damit ich aber einen Ueberblick über den ganzen Rechtsfall gewinne, liegt es vielleicht im Interesse be§ hohen Gerichtshofes, mich mit dem Inhalte der hier vorliegenden Documente bekannt zu machen, damit ich genügende Kenntnis von der Sache erlange, denn tvas ich weiß, weiß ich bloß vorn Hörensagen und manches ist mir nicht klar gemrg. Präsident lässt zuerst die Krankengeschichte, d. h. den Befund über die Folgen der angeblichen Verletzung und den Verlauf der Krankheit verlesen. (Ich zog mein Notizbuch heraus und schrieb etwas auf ein Blatt desselben.) Dann wurden die Gutachten aller Lehrer der Volksschule in O. und derer von T. verlesen, welche alle Stein und Bein bewiesen, dass L. ein Vorzugsschüler war und gut, ja sehr gut gehört haben müsse. Auf die Aussagen der etwa 20 Zeugen verzichtete ich, denn ich war überzeugt, dass sie alle im Banne des Antisemitismus standen. (Ich setzte meine Notierungen fort, ohne die Verhandlung zu stören.) Präsident : Haben Sie nichts zu bemerken? I ch : Wenn die Sachen so stehen, vielleicht gar nichts —. Dabei richtete ich meinen Blick aus den Vertheidiger. Vertheidiger: Der Herr Zeuge hat hier manches gesagt, was mit seinen früheren Aussagen in zwei Privatgesprächen nicht übcreinstimmt. Ich : Können Sie es Nachweisen? Vertheidiger: Durch zwei Zeugen. I ch: Wiederholen Sie also meine Aussagen, ivenn Sie sie kennen. Vertheidiger: Sie sagten vor einem Zeugen, dass Sie etwas von der Sache wissen, was niemand weiß, und vor dem anderen sagten Sic ausdrücklich, dass der L. immer oder wenigstens sehr oft den Kopf verbunden hatte. Das ist also Ihr Geheimnis, mir dem Sie sich nicht compromittieren wollen — aus egoistischen Gründen, lvcil die Väter die .Mnder zu Ihnen schicken. Ich: Was ich beeidet habe, dabei beharre ich! Der L. hat immer gut gehört, nach meiner Ansicht, welche sich darauf stützt, dass er ein eifriger, guter Schüler war. Vertheidiger : Doch haben Sie es zu G. gesagt, als er bei Ihnen Ivar, nach einem Gespräch, welches Sie mit einem anderen Herrn hatten. Ich: Ich habe gerade das Gegentheil gesagt und widerhole noch jetzt, dass ich vielleicht nicht ein einzigesmal an ihm ein hinaufgebundenes Tuch gesehen habe. Herr Doctor, ich bin schon 16 Jahre Lehrer. Da kommen Fälle vor, dass auch ganz gesunde Kinder vom Schulfieber befallen werden, ivenn sie eine Rüge befürchten. Das thun aber nur faule Schüler. Bald haben sie Kopfschmerzen, Ohrensausen, Zahnweh oder Wunden vom Spielplatz. Aber fleißige Schüler wie L. schützen nie eine Krankheit vor. Präsident : Haben Sie noch eine Frage an den Zeugen zu richten? Vertheidiger: Nein (setzt sich). 6. Ich trat nun näher an den Präsidententisch heran und fragte anscheinend schüchtern, tvie bisher: Hoher Gerichtshof! Ich habe bei meiner Beeidigung erklärt, nur die Wahrheit zu sagen und nichts zu verschtveigen; darf ich aber auch von schwerwiegenden Thatsachen sprechen, ivelche bisher nicht ventiliert wurden, wenigstens nicht in meiner Gegenwart, und welche für das Ende dieses Protestes von rvichtiger Natur sind? Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vertragen, länger zu schweigen. Präsident: Es ist Ihre Pflicht, alles zu sagen, was Sie wissen, ivenn es hier noch nicht aufs Tapet gebracht worden ist.

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