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Jüdisches Volksblatt · 1901-11-29 · 48 (29.11.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
48 (29.11.1901)
Date
1901-11-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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V Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 29. November 1901 Nr. 48 iw j: r, i v . 1; r > 1/ - ' r ' role ausgeben: „Los von Rom, los von Juda und los von Oesterreich." Wenn die Clerikalen deutscher und czechischer Nationalität, trotz des Resultates der Schürung der antisemitischen Hetze und der Förderung des Nationalitätenkampfes, die nun Umschlägen in einen Kampf gegen Rom und gegen den Clerikalismus, daraus keine Lehre ziehen, noch immer Ursache und Wirkung verwechseln und von: Kampfe gegen dm Clerikalismus durch die Schürung des österreichischen Nationalitätenhaders und Antisemitismus abzulenken glauben, dann werden sie auch das ernten, was sie gesäet haberi. Für die Juden aber sind die Vorfälle während der Congregationsdebatte ein neuerlicher Beweis, dass in der: nationalen und religiösen Kämpfer: die Juden stricte Neutralität bewahren müssen. Der Wortführer der czechisch-clericalen Partei Mährens, Dr. Hruban, hat wieder einmal während der Congregationsdebatte das alte Lied gesungen, dass mit Hilfe des jüdischen Geldes die Czechen Mährens germanisiert werden; obwohl diese Aeußerung nicht wörtlich zu nehmen ist, so können alle Zwischenrufe des Herrn Wolf nichts daran ändern, dass die deutsche Herrschaft in Mähren ohne die jüdischen Stimmen zusammenbricht. Der wachsende national-chauvinistische Antisemitismus im deutschen und czechischen Lager, der sich auch anlässlich der Congregationsdebatte äußerte, musste schließlich von selbst dazu führen, dass immer weitere Kreise der Judenschaft zur Erkenntnis gelangen, dass sie von allen Parteien verlassen sind, und dass sie umsomehr bemüßigt sind, sich selbst zu vertheidigen, als die übrigen Parteien trotz aller nationalen und confessionellen Streitigkeiten im Punkte des Antisenütismus immer solidarisch fittb. u Zur Jubelfeier der jüd.-uat. akadem. Verbindung „Hasmonea Czernowitz, Ende November. Die jüd.-nat. akademische Verbindung „Hasmonaea" begeht am 30. d. M. in festlicher Weise die Jubelfeier ihres zehnjährigen Bestandes. Von nah und fern strömen sie herbei, die Alten und die Jungen, um das frohe Fest zu feiern. Bei Liedersang und Becherklang wollen sie Erinnerungen, austauschen, in einigen glücklichen Stunden 10 freud- und lcidvolle Jahre im Geiste wieder durchleben und sich brüderlich die Hände reichen zu unverbrüchlicher Freundschaft. / Am 9. Juli 1891 trat eine kleine wackere Schar jüdischer Studenten zusammen, um eine jüdische Verbindung auf der hiesigen Universität ins Leben zu rufen. Sie waren fast durchwegs Kampfnaturen, junge revolutionäre Köpfe, in denen etwas vom Geiste jenes Moses spukte, dessen Herz in wildem Zorn entbrannte, als er sah, wie.ein Aegypter einen Hebräer schlug. „Wir wollen kein feiges, jämmerliches und erbärmliches Judenthum,^ wir wollen keine Würmer sein, die sich ungestraft treten lassenwir wollen uns und unsere Stammesgenossen zu stolzen, kräftigen jüdischen Männern erziehen, damit dereinst ein junges, makkabäisches Geschlecht die Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf nationaler Grundlage vor- , bereiten kann. ' Und wir nannten uns Hasmonäer. Es war vielleicht ein Stück Unbescheidenheit, dass wir uns den stolzen Namen der jüdischen Geschichte zu eigen machten, aber dieser aNme sollte unser Programm werden. Hatten aber die Gründer der „Hasmonaea" ein festes Programm, ein vorgestccktes Ziel und auserlesene Mittel? Ncin.^ Es schwebte ihnen dunkel ein schönes, stolzes Ideal vor, aber sie sahen es mehr rückblickend in die Geschichte des jüd. Volkes als in dessen Zukunft. Es war ein Stück Romantik jüdischen Alterthums, eine Glorificierung des Makkabäerthums, aber noch keine klare Erkenntnis, die die Voraussetzung zielbewussten Schaffens ist. Kampf gegen die Assimilation, Kampf gegen fortschreitende Entjudung, gegen Jndifferentismus und Abfall — Kampf gegen lauter Negationen. Zur Positivität rangen wir uns erst mit wachsender Erkennt¬ ''nis durch. Es genügt nicht, ewig im Kampfe zu liegen, Kampf und Streit haben noch niemand überzeugt. Und unsere Redner und Wortführer begannen den Weg zum jüdischen Herzen zu suchen. Das jüdische Bewusstsein wurde dort, wo es schlummerte, geweckt, dort, wo es wach war, zur hellen Begeisterung entfacht. Die Hebung des jüdischen Bewusstseins, das | nannten wir jüdisch-nationale Joec. I Aber mich das war noch etwas Unfertiges, Unausgegohrenes. Ein gehobenes Stammesbewusstsein, das stolze, freie Bekenntnis der Zugehörigkeit zu der bestrittenen jüdischen Nationalität, selbst himmelhoch jauchzende Begeisterung für das eigene Volksthum und dessen Größe haben noch nie ein Volk dauernd glücklich gemacht. Logik ist das beste Correctiv für überschwengliche Begeisterung,! und da wir älter wurden und anfiengen »kritischer zu denken, wur- , den wir übcrzeugungstreue Zionisten, j Das ist der innere Werde- und Entwicklungsgang der „Has- , monaea". Die äußere Geschichte der Verbindung ist reich an Stür-! men und Kämpfen. Man hat der „Hasmonaea" das Leben anfänglich recht sauer gemacht. Pon der deutsch-liberalen Presse bekämpft, von der sog. intelligenten Judenschaft mit Missbehagen betrachtet, von der übrigen nationalen und internationalen Studentenschaf toft mit brutaler Getvalt verfolgt, haben die Hasmonäer ihre Gegner in der Presse mit schneidiger Feder niedergerungen, die intelligente Judenschaft zur Achtung und Anerkennung gezwungen und die studentischen Gegner mit blutigen Köpfen heimgeschickt. I Die „Hasmonaea" ist nämlich eine farbentragende sogenannte conservative Verbindung, die auf Säbel unbedingt Satisfaction gibt, weil die Absicht der Gründer dahingieng, der jüdischen Sache eine Elitetruppe zu schaffen die bei jeder Gelegenheit, im Wort- und Fcderkampf nicht minder, wie im Kampfe mit scharfen Waffen, ihre Männer stellen kann. > Angefochten und zumeist von den eigenen Stammesgenossen angcfeindet, fehlte es ihnen auch nicht an Worten der Ernmnterung. Unvergesslich sind uns die erhebenden Worte unseres Ehrenmitgliedes Prof. Hillberg geblieben, der in bedrängter Zeit uns schrieb: „Selbst wenn ich nicht Jude wäre, würde ich an dem mannhaften Gedanken, der die „Hasmonaea" ins Leben rief. Gefallen finden. Mögen noch soviele Ratten über Bord springen, das Schiff des i Judenthums geht nicht unter." __! Diese Worte waren uns Trost und Hoffnung in böser Zeit, sie waren wie die Feuersäule, die uns in der Wüste vorangieng, sie waren das Banner, das im Sturme voranflatterte und den Verzagten neue Hoffnung, neuen Muth gab. > Und die Hoffnungen begannen sich allmählich zu erfülleil. | Zuerst standen wir allein da, ein Dutzend flaumbärtige Stu-, denten, die man als jugendliche Hitzköpfe verschrie. j Dann kam der Zusammenbruch der deutschliberalen Partei! in Oesterreich und die Neuformierung des Parlamentes. Die bislang deutschen Juden Oesterreichs sahen sich extra muro». Alle Nationen und Natiönchen in Oesterreich hatten ihre nationalen Gruppen im Parlament, nur die Juden irrten scheu von Thür zu Thür, Einlass bettelnd. Die sich ehemals deutsch nannten, kamen zur Erkenntnis, dass es etwas gebe, was sie sich in ihrer Schulweisheit nicht haben träumen lassen wollen, eine jüdische Zusammengehörigkeit, ein jüdisches Volksthumj das tausendmal todtgesagt, wieder tausendmal das Haupt erhob und trotze und mit blutenden Wunden zuckendes Leben verrieth.... Und was wir vorausgeahnt., es, begann, sich, zu erfüllen. Neue Männer erstanden in Israel, Männ'hr^veseclt von dem Geiste der Hasmonäer. Der Zionismus - Mächte ' seinen Siegesweg durch die Welt, und wenn heute unterMüdafrikas sengender Sonne lind in der kalten nordischen Dämmerung, ein Gedanke, der Zionsgedankc, die Juden dieser fernen 'Länder und Himmelstriche beseelt, dann können die Hasmonäer sagen,' dass auch ein Korn - ihrer Saat direct oder indirect dortselbst Früchte getragen. ■ j Heute steht die „Hasmonaea" nicht allein da. Die ganze jüdische s Jugend in den Mittel- und Hochschulen denkt jüd.-national lind hält | das zionistische Glaubensbekenntnis hoch und in Ehren. Das ist eine großartige Thatsachc. Kauni zehn Jahre sind ins Land geflossen, und die Jugend, die jüdische Jugend ist unser. Wisst Ihr, was die Jugend ist? Sie ist die Trägerin der Zukunft; dann ist auch die Zukunft unser. Die „Hasmonaea" war in der Bukowina bahnbrechend. Freund lind Feind werden ihr bestätigen, dass sie auf dem exponiertesten Posten getreulich ihre Pflicht erfüllt hat. Aus ihrem Geiste heraus sind auch andere wackere jüdische Verbindungeil an der hiesigen Universität eiltstanden und alle arbeiten unter der alten Devise: „Getrennt marschieren aber vereint schlagen", weil wohl eine Verschiedenheit der Mittel, aber keine Verschiedenheit in den Zielen besteht. Nun feiern wir das schöne Fest des zehnjährigen Bestandes. Nur wer einst mitgefochten und mitgestritten, wer einst selbst in der goldenen Jugendzeit Idealen gehuldigt und für. Ideen gelitten, iver die alte Burschenherrlichkeit auch in feucht-fröhlicher Zeit durchkostet, der wird den Enthusiasmus verstehen, der die Alten und die Jungen in dieser festlichen Zeit erfüllt. Möge es uns und der Verbindung vergölint sein, noch öfters solche Feste zu feiern, möge sie blühen, wachsen und gedeihen und möge nie der Zeitpunkt komnleil, wo wir aufhören könnten, für jüdische Ideale mit jugendlicher Wärnlc gll empfinden. Dr. M. E. Mische Mchter in Knyern und Hessen. München. Der Finanzausschuss des Bayrischen Landtages tritt irr die Berathung des Antrages des antisemitischen Centrumsabgeordneten Heiin und Genossen, betreffend die Zulassung von Israeliten zum Nichterstand, ein. Abg. Dr. Heim führt aus, dass durch feinen Antrag niemand verletzt werde, da niemaild ein Recht auf Anstellung habe. Er bitte um eine Statistik über den Percentsatz und die Anzahl der jüdischen Richter. Das Judenthum sei wirtschaftlich in besserer Lage, daher stelle es verhältnismäßig mehr Studierende. Jüdische Beamte genössen überhaupt in der christlichen Bevölkerung wenig Vertrauen. Eine Eidesleistung vor einem Juden sei peinlich. Er erzählte dann ein Erlebnis vor einem jüdischen Richter, der ihn wegen des Ausdruckes „morgenländisch" hart angefahren hat. Der Justizminister betont vor allem, dass das Anstellen von Beamten ein Recht der Krone sei. Es seien zur Zeit angestellt: 3 mosaische Räthc am Oberlandesgericht. 13 Landgerichtsräthe, 16 Amtsrichter, 10 Staatsanwälte, 3 landgerichtliche Secretäre, 4 Amtsgerichtssecretäre und 3 Notare, im ganzen also 51 jüdische Justizbeamtc. Er verweist sodann auf das Reichsgesetz vom 3. Juli 1809, betreffend die Gleichberechtigung der Confessionen in staatsbürgerlicher Beziehung. Der Antrag sei daher unausführbar. Man nehme im klebrigen auf die Volksstimmung bei der Anstellung jüdischer Richter Rücksicht. Dieselben seien aber vielfach sehr befähigt und machten der Verwaltung keinerlei Schwierigkeiten. Referent Lcrno weist auf die Verfassung Tit. 4 § B hin und warnt vor dem Antrag Heim. Correferent Wagner schließt sich energisch dem an. Der Antrag ist ihm unbegreiflich; ebenso tritt Abg. Dr. Casselmann kräftig dem Antrag Heim entgegen, den er auf das tiefste bedauert. Wohin komme man mit dieser confessionellen Schnüffelei; er wolle nicht in die finsteren Zeiten der Intoleranz zurückkehren. Habe man doch schon verlangt, keine protestantischen Forstleute in Ältbayern anzustellen. Dr. Heim habe seinen Antrag wohl gestellt ab irato wegen seines unliebsamen Erlebnisses vor dem Gerichte in Ansbach. Abg. v. Volkmar tritt dem Anträge entgegen und wird eventuell im Plenum auf die Sache zurückkommen. Abg. Hilpert ist aber über den Antrag hoch erfreut, nicht um die Confession, sondern um eine Rasse handle es sich; diesen Leuten könne man ihr Bekenntnis an der Nasenspitze ansehen. Abg. Dr. Gäch hält den Antrag zwar für gesetzlich unzulässig, aber er habe ihn doch unterschrieben, um der Negierung den Wunsch auszusprechen.;; . ■ ,v , Abg. Dr. Schädler hält den. Antisomstisnuis nicht für. künstlich, sondern frei hervörgerusen durch die jüdische Presse, welche die heiligsten Gefühle der christlichen Cosiftssionen verletze. Er könne aber nicht für. den Antrag stimmen,, weil er verfassungswidrig f ei. Auch Abg. Dr. Pichler hat formale Bedenken, über doch unterschrieben, um der Regierung.caveant consules zuzurufen. T . Vorsitzender Dr. v. Däller steht auf demselben Standpunkte wie Dr. Schädler. , ' : Abg. Dr. Heim spricht, ein läsigeres. Schlusswort und-die- Herren Correferent. unv Referent .schließen endlich diese Debaste., Der Ausschuss lehnt., dann mit 7 gegen 7 Stimmen durch Stich- , entscheid des Vorsitzenden ab.! : eilt den Genüssen des Lebens, kommt über ihn der Tod, wie der Tag über den Dieb im Palaste. Und mit leerer nnzufriedener Seele, erfüllt mit Gram über die verlorenen Tage und über das verlorene Leben tritt er vor seinen Schöpfer." * „Ihr schaut den dunklen Trauerflor wohl gerne, O ihr, der Nacht Begleiter, helle Sterne, Dass meine Augen sich ahn' End ergießen, Das Herz gelöst im Schmerze will zerfließen." (Salomo Jün-Gabirol.) |! „Ich sehe, wenn zur Nacht sich neigt die Sonne, j Schwarzlockige sich zu soim'gei: Wangen bücken. i Sie lachen — und im Stiller: weint die Seele.; Sie kann den lauten Wehschrei nicht ersticke!:." (Salonro Jbn-Gabirol.) Jbn-Esra sagte: „Ich bemühe nüch, reich zu werden, aber die Sterne sind nur feindlich. Machte ich nüt Leichentüchern. Geschäfte, so würde niemand sterben, hätte ich Kerzen als Ware, so würde die Sonne bis zn meiiuT Todesstunde nicht untergehen."; Jedaja Bedaresie klagt: Meer, der Untiefen voll, die darauf erbaut, an der Vorderseite mit Stricker: befestigt, die, ehe sie geworde::, schon der Vernichtung bestimmt j waren! O, arn:er Erdensohn! Selbst znrn Leben gezwungen, wirst Du auf dieser Brücke herumgetrieben. Be-' trachte nur diesen engen Steg und brüste Dich dann mit Deiner Macht und mit Deinen: Namen! Sieh, wie sich Tod und Verderben von allen Seiten wie Mauern Dir entgegendänunen! Sag' an, was kam:st Du diesen Meereswogen entgegei:dän:rnei:, wenn sie in: Sturme daherbrausen und selbst Deine Hülle zu zersplittern drohend Dieses große Meer, in der:: Du eingeschlossen bist, die Welt genannt, schaffe Dkr Ruhn: ii: ihr, messe Dich mit ihren Kriegern. l Die Stützen der Zeit sind wankend, ihre Riesengebirge sind an einem Haare befestigt, das sich mit jeden: Winde dreht! Jeder Augenblick wird von tausend Wandlungen begleitet, und an: Ende erkennt man, dass alles leitet ist und war!" Darmstadt. Eine Anzahl Bekenner jüdischen Glaubens haben, sich mit einer Petition an die Zweite Ständekammer gewandt, in welcher sie dariiber Beschwerde führen, dass die Großherzogliche Regierung bei Anstellung der Beamten ihre Glaubensgenossen zurücksetze und eine eventuelle Anstellung geradezu vom Abfalle vom jüdischen Glauben abhängig sei. Zu dieser Vorstellung hat die Regierung, um Meinungsäußerung ersucht, dem Vorsitzenden des vierten Ausschusses folgende Mittheilnng zukommen lassen: Die Regierung erkennt an, dass den Angehörigen des jüdischen Bekenntnisses inbezug auf die Erlangung von Staatsämtern im Grotzherzogthum die gleiche Stellung zukommt, inte den Angehörigen anderer Bekenntnisse. Was die Petenten Vorbringen, um darzuthun, dass sich die Großherzogliche Regierung in Widerspruch mit dieser grundsätzlichen Auffassung gesetzt habe, ist theils nicht „Die Welt ist ein stürmisches ]cit eine morsche Brücke, Hülsneriana vor 25 Jahren. (Aus den Erinnerunaen eines Lehrers.) Von Barsilai. Die antisemitische Bewegung hatte damals noch nicht so viele schmutzige Wellen aufgeworfen; jedoch zeigte sich bei jeder Gelegenheit, dass der Rassenhass oft reichlichen Stoff zum Ausbruche fand. Wenn unter den vielen Fällen, die das Gericht beschäftigten, ein einziger einen Inden betraf, konnte man Hundert gegen Eins wetten, dass sich die ganze Bevölkerung ieindlich gegen ihn kehrte, wenn auch kein anderer Grund zu einer allgemeinen Verdammung der Inden vorhanden war. So ivar es auch etwa im Jahre 1870 in der größten Berg- und Industriestadt des Landes. Ich stand damals einer Privatschule vor und ertheilte in de.» Abendstunden Privatrinterricht in Sprachen. Die Stadt besaß damals nur eine Volksschule in 4 Classen! Aber keine Bürgerschule oder sonst ivelche höhere Bildungsanstalt; denn die Stadtväter brachten der Unterrichtsverlvaltung nicht jenes Wohltvollen entgegen, ivelches dieselbe für nothweirdig hielt. Ein benachbartes Städtchen aber bewarb sich um die Bürgerschule und brachte die entsprechenden Opfer. Und so mussten jene Bürger, ivclche für ihren Nachwuchs einen höheren Bildungsgrad als nothjvendig erachteten, ihre Kinder in die anderthalb Stunden entfernte Stadt T. zur Schule, marschieren lassen. Warum nun aber die Honoratioren der Stadt diese Krähivinkliade ins Werk setzten, das hatte einen egoistischen Grnnd: „W e n n e s h i e r e i n e höhe r e Schule gäbe, tv ü r d e n T a ci s e n d e Arbeiterkinder eine A u s b i l d u n g e r langen, tv e l ch e sie befähigt e., unser e n S ö h lt e it in d e r B e lv e r b u n g u:n e i n e n P osten bei den h i e s i g e n I n d it st riali e n ein e. n h e i ß e n K a in p f zu bereit e n. W i r müssten z u s e h e n , iv i e u n s d i e s e Arbeiterkinder nach und nach die b e st e n P o st e n >v e g s ch n a p p e n." . Das hat sich aber im Laufe der Zeiten geändert. £>.... hat jetzt Gewerbe- und Fortbildungsschulen zur Genüge. Zu jener Zeit also besuchten acht Knaben der Bürgerschule zu T ... bei mir einen Abendcurs für deutsche Sprache. Es traf sich nun. dass meine Tagesschüler mit denen des Abendcurses sich oft auf dem Wege zwischen O . . . und T . . . begegneten und bei dieser Gelegenheit gab es oft Wortwechsl, ja mitunter Reibungen, welche sich zuletzt zu Handgemengen, jedoch unbedenklicher Art, steigerten. Ich nahm mir nun vor, auf meine Abendschüler in begütigendem Sinne einzuwirken, aber ich kam nicht dazu, denn gerade heute kam es zur Explosion. — Der Vater der belästigten Kinder schritt zur (SelTöftfiiXfe und lauerte den Schulknaben auf. H^ute dachten sie zufällig nicht an Neckereien, sondern unterhielten sich damit, Papierschiffchen im Teiche, der sich am Wege befand, vom Stapel zu lassen. Sie ivaren so vertieft in ihr unschuldiges Spiel, dass sie es lange nicht merkten, wie G . . . . ganz unverhofft als Rächer seiner Kinder erschien. Wie Spreu zerstoben die Knaben bis auf einen, ivelcher unschuldig, aber verblüfft, dreinschaute. — Er war ein zurückgezogener, verträglicher Junge von mädchenhaftem Benehmen. Er hatte sich vielleicht nie an den Ungezogenheiten der anderen betheiligt. Ohne Bangen sah er dem Nahen des G. entgegen. Dieser aber, erbost, dass ihm die meisten Betheiligten entkommen ivaren, ließ seine ganze Wuth an dem Unschuldigen aus und prügltc ihn iveidlich durch.-Noch denselben Abend verbreitete sich in O. das Gerücht, dass der Jude G. einen Bürgerschüler auf dem Wege von der Schule halb todt geschlagen habe und dass letzterer in Todesgefahr schwebe. Alle Inden in O. berührte es peinlich, denn sic wussten, dass G. mitunter zu Roheiten geneigt ist, und hätten ihm eine entsprechende Züchtigung ivohl gegönnt. 2. Bei der Gerichtsverhandlung tvar es heiß hergegangen. Etiva 26 Belastungszeugen sammt ärztlichem Gutachten von zwei einheimischen Medieinern, folnic von sämmtlichen Lhrern des Misshandelten thaten dar, dass der Bürgerschüler L. ein sehr braver, recht fleißiger und begabter Schüler!var, der aber jetzt wegen der erlittenen Misshandlungen eine Zertrümmerung des Tromnielfelles erlitten, taub und znm ferneren Studieren gänzlich unfähig geivorden sei. Nicht einen einzigen Entlastungszeugen, der zu seinen Gunsten etivas hätte Vorbringen können, konnte G. aufbringen. Er bekam daher eine gepfefferte lateinische Rechnung: Die. Kosteu für mehrwöchentliche Behandlung zlveier Aerzte, einer Krankenpflegerin, Schadenersatz dafür, dass der Knabe infolge gefähr^ licher Verletzung ivvchenlang krank ivar und für seinen ganzen Lebenslauf durch Taubheit zu keinem besseren Berus als höchstens zur Taglöhnerei fähig lvärc, tvährend sein Fleiß und seine geistigen Anlagen zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatten. G. solle ihm daher entlveder eine lebenslängliche Versorgung geben oder ein hinreichendes Capital für ihn erlegen. Das tvareu die Forderungen des Vaters. (In Wahrheit aber »vollte sich der Vater für das aus diesem Proeesse erzielte Geld ein Geschäft einrichten.) G. lvurde daher zum gänzlichen Schadenersatz, zu einem entsprechenden Schmerzensgelde, zur Tragung sämmtlicher aufge-

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