Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15. November 1901 Seite 5 „Marz" an dem seit eineinhalb Jahren ununterbrochen fortdauernden Hilfswerke für Rumänien, für welches die „Allianz" allein bereits circa 330.000 Kronen ansgegebeu, so dass sie nach Abzug des durch Specialfammlungen aufgebrachten Betrages gegenwärtig mit einem Deficit von circa 105.000 Kronen belastet ,st. Er verlangte dementsprechend, dass die Mittel für die Repatriierung von deutschen Grenzorten aus über Galizien durch die deutschen Cvmites aufgebracht werden und die Wiener ,Allianz" nicht in Anspruch genommen werde. Dr. Geiger (Lemberg) schloss sich diesen Ausführungen an, und indem er das Elend in Galizien schilderte, forderte er auch, dass Lemberg mit Beiträgen für Repatriierungszwecke nicht belastet werde. Es wurde hierauf der Antrag angenommen, ein Comite von sechs Mitgliedern zu wählen, welches die in Aussicht genommene Organisation schaffen soll. Am Abend bewirtete der Vorstand der Breslauer Synagogen-Gemeiude die Delegierten in einem der Festsäle des neuen Verwaltungsgebäudes mit einem vorzüglichen Mahle, bei welchem der Vorsitzende Herr Skadtrath P r i u g st e i n einen Toast auf die auswärtigen Gäste ausbrachte. ®te Herren Martin Simo n (Berlin) und Doctor Kaminka (Wien) dankten in ihren Trinksprücheu den Vorstäilden von Breslau und Hamburg für die durch sie ergriffene Initiative. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal trank auf das Wohl des Vertreters der „Alliance Israelitc“, Herr Doctor Geiger auf die Einigkeit des Judenthnms. Die Fremdcnfrage und die Parteien. Aus Jassy wird uns gemeldet: Die von Take Joneseir im Namen der altcouservatioen Partei aufgerollte Fremdenfrage d. h. die Zulassung fremder Capitalieu, um die wirtschaftliche Lage Rumänierrs zu heben, hat hier großes Aufsehen erregt und kann als Zeichen betrachtet werden, dass die Angelegenheit nicht inehr mit dem Chauvinismus behandelt wird, wie dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. In dem geistigen Leben des Landes hat sich eben infolge der in den letzten Jahren erlittenen finanziellen Schwierigkeiten ein bemerkenswerter Umschlag vollzogen. Man sieht jetzt allgemein ein, dass die bisher von allen Politikern begangenen Fehler nur durch radicale Maßregeln sich wettmacheu lassen, und dass die um Rumänien gezogenen chinesischen Mauern fallen müssen. Selbst die Presse der liberalen Parier, die sonst einen extremen Nationalismus zur Schau tragt, beginnt die Nothwendigkeit einzusehen, auf dem alles Fremde aridschließenden Standpunkte rricht länger zu beharren, und zeigt sich geneigt, in eine Abänderung des Artikels 7 der Verfassung in dem Sinne zu toilligen, dass den mit fremden Capitalien gegründeten Unternehmungen der Ertverb von Ackergrundeigenthum zu gestatten sei. Merkwürdig sind die fremdenfeindlicherr Allürerr von Carp, dem Führer der Jurrimisten; schon seine jetzige Umgebung, Nicu Filipescu, Jonel, Gradistcann und Bcrrbn Delavrea, ist charakteristisch für seine Wandlrrng. Wir haben also die Hoffnung, dass durch Milderung der Fremdeugesetze auch die Lage der Jrrden in Rumänien, die als Fremde angesehen werden, sich bessert. Bitter — aber wahr I Seltener Fund. Aus London meldet man: Sensationell war vor einiger Zeit der Fund der „Geniza" in Fostat (Alt-Kairo). Ein Wunder fast ist es zu nennen, wie da unermessene Schätze jüdischer Wissenschaft und historischer Denkmäler aus dem erfahrungsreichen Leben unserer Vorfahren durch die Macht einer Jahrhunderte hindurch sich fortspinnenden Sage von der Unantastbarkeit dieser Heiligthümer der Nachwelt erhalten wurden. Um für die Bedeutung dieses Fundes einige Beispiele anzuführen, nennen wir das hebräische Original des Ben-Sira, das seit Jahrhurrderten als verschollen galt, eine Menge Gntachten und Rechtsentscheidungen aus dem Beth-din des Rambam, eine Anzahl Talmudhandschriften und die erst jüngst veröffentlichten, bibliographisch nicht hoch genug zu bewertenden Bücher-Kataloge. Es ist noch gar nicht abzusehen, welche Fülle von Material der gesammten jüdisch-wissenschaftlichen Forschungswelt durch diesen Fund erwachsen ist. Das bislang hiervon bekannt Gewordene lässt uns aber ahnen, dass nach der bereits in Angriff genommenen Sichtung und Katalogisierrmg der gefundenen Handschriften an die jüdische Geschichts- und Literaturforschung ganz neue Aufgaben herantreten werden. Die Freunde und Förderer unserer Wissenschaft werden es mit innerer Gcnugthuung und herzlicher Freude hören, dass die Cambridger Bibliothek, die bekanntlich den weitaus größten Theil der in der „Geniza" gefundenen Handschriften erhalten hat, den als strengstgläubigen Jehndi bewährten, als Orientalist eines für alle Folgezeit gesicherten Ruhmes sich erfreuenden Docenten am Montefiore College, Dr. H. Hirschfeld, den bekannten Chazari-Gelehcten, zm diesem Zwecke berief. Die Wahl erfüllt uns mit besonders freudigem Stolze, und rst eine umso glücklichere zu nennen, als sie, abgesehen davon, dass das tiefgründige und zugleich rimfassende Wissen, wie mich die peinliche Forschungsgewissenhaftigkeit des Dr. H. Hirschseld jeden Gelehrten mit sicherem Vertrauen erfüllt, uns zuversichtlich hoffen lässt, dass derselbe sein wachsames, prüfendes Auge auf die vor allem interessierenden, bis jetzt leider so sehr vernachlässigten Zivcige talmudischer Wissenschaft lenken tvcrde. Brief aus Lemberg. (Der jüdische Studententag in Lemberg. — Das jüdische Matrikelamt. — Toynbee-Halle.) Sv viel hübsche Beschlüsse wurden gefasst, dass ich wünsche, sie wären in ihrer Tragweite auch von den Beschließenden erfasst. Indes, wie immer auch die Ausführung der auf diesem ersten jüdisch-galizischen Studententag gefassten Beschlüsse sich gestalten mag, ist der Wille schon zu loben. Sie, die Einberufer und die Einberufenen, habeil ben guten Willen gezeigt, ins Judenthum, das von den jüdischen Studenten so arg vernachlässigt wurde, noch mehr, das gar oft mit Füßen getretene, sich hineinzuleben. Es möge zur Illustration meiner Worte folgendes Factum mitgeiheilt werden. Als ich daran gieng, die jüdischnationale Idee in die akademisch-jüdischen Kreise an der Wiener Universität zu tragen, und dies ourch Grülldung des ersten jüdisch-nationalen Vereines „Kadimah" verwirklichte wurde ich von den Studenten aller Faeultäten mit Hohn zurückgewiesen, haben ja die jüdischen Kommilitonen als Bodenniederschlag in fast allen deutschen Couleurs gedient. Schönerer zählte dazumal zu den Judenfreunden, und jüdische Jünglinge haben ihm entgegengejubelt — oder Erstchargierte — und der Jnaugurator des Festcommerses war kein anderer als der damals so bekannte .Rechtsstudent Samuel M e i s e I s aus — vielleicht meint jelnand, mit der Wiege an der Spree — bewahre, seine Wiege stand am San! Schönerer berauschte sich und seine Genossen mit Gerstensaft, das aus jüdischen Studententaschen bezahlt wurde. Und als ich diesen jungen Erstchargierlen dazu haben wollte, dass er seine Beredtsamkeit, sein (auch tatmudisches) Wissen in den Dienst der „Kadimah" stellen rilöge, wurde ich abschlägig beschieden und unhöflich empfangen, objchon ich an Jahren und an Studien ihm überlegen war. Kaum ein Minjan Nur-Galizianer konnte ich zu diesem national-jüdischen Beginnen zusammenbringen, welchen sich dann Studenten aus Rumänien und Russland zugesellten. Heute könnte man eine stattliche Legion ans den Jüdischnationalen aller Akademien Europas zusammenbringen. Die L e m b er g e r akademische Jugend, ob männlich oder weiblich, muss Farbe bekennen, welchem Volke sie von Geburt und Tradition angehört, und das „Neutrum" aufgeben, welches bis nun das bervorstechendste Charakteristikon des jüdischen Hochschülers zu fein pflegte. Zu den geleisteten Elaboraten kommend, wollen wir zu den einzelnen Punkten Stellung nehmen, ohne auf die Dramatik der Verhandlung selbst zu reflectieren. Als Zeichen der Zeit betrachten wir die Wahl des Fräulein W e i n w u r m in das Secretariat. Leider fehlen ihre Kolleginnen bei dieser wichtigen Sache, vielleicht kommen sie noch zu sich — zum Judenthum nämlich. Unsere putzsüchtigen und gefallsüchtigen Mädchen lasten sich dort sehen, wo man ihre Gegenwart nicht gar sehr wünscht, fehlen, wie exernpla doeent, wo sie erwünscht wären. Der erste Antrag,: Sorge zu tragen für die Pflege der jüdischen Wissenschaft, wurde nach der Einstellung des Referates und Anhörung des Gegners mit allen gegen sieben Stimmen angenommen. Die hierbei gefasste Resolution scheint das richtige Mittel, nicht aber die richtige Argumentierung ins Auge gefasst zu haben, denn sie lautet: „Der jüdische Studentcntag, ausgehend von der Voraussetzung, dass die Lösung der Judenfrage ohne g r ü n d l i ch e theoretische Erforschung der Judenl a g e u n m ö g l i ch sei, beschließt die Gründung eines Vereines „Jüdische Wissenschaft", in welchem die jüdische Jugend, ohne Rücksicht auf die Parteiftellnng und ohne Unterschied ihrer sonstigen politischen Ueberzeugung, jede Wissenschaft nach den verschiedenen Gesichtspunkten betreiben soll, jeder gemäß seiner wissenschaftlichen Vorliebe." Der Zusammenhang des Studiums der Judenlage mit dem der jüdischen Wissenschaft leuchtet nicht ohne weiters ein. Die unerträgliche Lage unseres Volkes, die sich in fast allen Welttbeilen typisch gestaltet, umgibt ja Alt und Jung, den Akademiker wie den Analphabeten, wie ein eiserner Panzer, wie ein Weltlumpf. Schließlich: soll denn das jüdische Elend zu einer akademischen Wisseufchaft erhoben werden, die man allseitig von verschiedenen Gesichtspunkten aus zu studieren hätte? Hingegen hat der Antrag des Herrn W a s ch i tz ohne Wortschwall das Nichtige getroffen und dies in programmatischer Kürze, denn er lautet: „Der Studentag trägt den jüdisch-akademischen Vereinen auf, an die erste Stelle ihres Programmes die Pflege jüdischer Wissenschaft zu stellen und die Resultate der Untersuchungen auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft, insbesondere Quellensannnlnngen, in einer besonderen Zeitschrift zu veröffentlichen." Das sagt alles. Thut aber alles, was beschlossen wurde. Das walte Gott! Meine unmaßgebliche Ansicht geht dahin, dass unser akademisches, jüdisch forschendes Material noch gar nicht geboren ist und so lange nicht geboren werden wird, als das Judenthum als Religion von religions- und wissenloseu Lehrern in den Mittelschulen, zum Gespürte unseres jüdischen Volksthums, wöchentlich einstündig vorgetragen wird. Der jüdische Studententag würde der jüdischen Sache den edelsten Dienst erwiesen haben, wenn sie das vollbracht hätte, was in ihrer Macht stand, das nämlich : ^ConsprisL les maitres miserables de la rdligion juivine“! (Ein kräftiges donnerndes Pfui gegen die Verbrecher am jüdischen Heiligthum, am jüdischen Wissen und Gewissen!) auszubringen. „Perant praeceptores!“ — Nieder mit den falschen Lehrern und Geldmachern. Ich fürchte, es dürfte auf der Alma matier — auf der Hochschule — zu fpät sein, mit dem Beginn desA-B-E, und man höre und staune, mit dcr Forschung. Der stärkste menschliche Wille schleift die klirrenden Eisensesseln, welche ihm seine physische Möglichkeit auflegt. Der zweite Punkt der Tagesordnung lautet: „Schaffung eines jüdischen Studentenheims." Das Studentenheim hat eine lange Vorgeschichte, die hier kaum skizziert werden kann. Sie durchläuft die Zeit unbarmherziger Assimilation, mit dem Programme ängstlichen Zusammendrückeus und Zusammenduckens. Wie verloren wäre heute unser Capital und unsere Jugend, wenn dieses eingetreten wäre! Heute sieht es Herr Dr. Emil Byk, wie nicht minder der extrem-polnisch-assimilatorische Pipes- Po — r n t y n s k i, dass der Zeitgeist gegen diese Herren entschieden hat. Dank der besseren Einficht dieser Herren, wie noch mancher anderen Assimilatores, wurde der Plan ins Auge gefasst, ein eigenes National-Haus ins Leben zu rufen, zu dessen Bau bereits die Summe von 40.000 Kr. in barem vorhanden ist. Zu einem größeren Capitale dürften die Akademiker durch die Herzenspforten der Herrcn Director Lazarus, Dr. Simon Schaff und Samuel Edlen v. H o r o w i tz, wie noch anderer, z. B. des Herrn kais. Ratbes Jakob Stroh, welche für große Zwecke stets seine Tasche offen halten, kommen. Der Studeutenlag hatte nur die Thatsache dankend zur Kenntnis zu nehmen und die weitere Ausführung dem Jüdischen Rigorosanten-Vereine zu überlasten. Jtttelligenz-Juda will auch physisch stark sein, deshalb 'beschloss der Tag, mit der Gründung eines national - jüdischakadeniischen Turnvereines in Lemberg'den Anfang zu machen. Der Turnsaal fehlt leider noch, und der Cultusvorstand soll nun um einen solchen ungeaangen werden, allein — wo nehmen, wenn nicht einen aufbauen. Ich möchte noch ganz unmaßgeblich auf die Möglichkeit der baldigen Inangriffnahme des Baues des Studenten-Hailfes und Turnplatzes Hinweisen, so sich der Lemberger Vorstand entschließt, eine Bauparcelle neben dem jüdischen Waisenhaufe zu diesem gut jüdischen Zwecke zu bewilligen. Der Antrag des Herrn L ö w e n h e r z, dahingehend, ein Arbeitsvermittlungs-Bureau für die jüdischen Hochschüler zu errichten, wurde einstimmig angenommen, wie auch sein zweiter Antrag der Einsetzung einer fünfgliedrigen Commission, welche sich mir der Veibessernng der Lage der jüdischen Advoeaturseandidaten befasst. Ob dieses den gewünschten Erfolg je erreichen wird! Ich möchte es nicht behaupten. Die jüdische Gemeinde beginnt dem Zuge der Zeit zu folgen — und neue Werte in die jüdische Gemeindeverwaltung einzntragen. Wir wollen daher dieser neuen Bewegung zu Hilfe eilen, ohne uns aber des unentbehrlichen Instrumentes der Kritik zu begeben. Es verdient anerkannt zu werden dass der Lemberger Cultusvorstand seinen herrlichen Negierungspalast dazu hergab, ein unentgeltliches Dienstvermittlungsbureau einzurichten und zu diesem Zwecke einen Credit von 500 fl. eröffnet hat mit Beistellung des nöthigen Amtspersonals. Herr Advocat Dr. Bunt (ein homo novus im Cultusrathe) erbat sich freiwillig, die Nachmittagsstunden für diese neue Function unentgeltlich zu widmen. Möge endlich diese Institution der Beginn einer vernünftigen ökonomischen Verwaltung der Wohlthätigkeitsanstalten und das Ende jenes horrenden Bettelunterstützungswesens, welches den ganzen Jammer und die Verkommenheit eines großen Theiles unserer Gemeinde darstellt, einleiten. Die polnische Journalistik und der empfindliche Breiter'sche „Monitor", dem man keinen Antisemitismus nachrühmen kann, sielen da über Prediger Caro her, der sich eine Fälschung einer Jahreszahl zuschulden hätte kommen lassen. Nun, das Sühneopfer ist dargebracht worden und Caro aus dem Amte entfernt, die Sache scheint bereits geebnet zu sein; indes gibt es noch manches zu ordnen. Was die Beschuldigung die Fälschung anbelangt, glauben wir nicht, dass Rabbiner C a r o diefer Thal fähig wäre; verstand derselbe ja mehr als seine Vorgänger und Nachgänger, alle Gemeind«-- quellen ernstlich auszunützen. So coursiert von ihm ein geflügeltes Wort, das er gelegentlich vom Stapel ließ, als ihn ein neues Gemeindemitglied um eine Unterstützung angieng. Ihm sagte der Rabbi: „Ich bin nach Lemberg gekommen, um Geld zu verdienen, nicht aber zu geben." Was dem genannten Chef des jüdischen Matrikelamtes zur Last gelegt werden kann, liegt wohl in der Slavisterung der hebräischen Namen, ob dieses aus Neigung für die fremden Reize, welche in Mieczyslaw, Bronislaw, Jas, Kasur u. dgl. liegen, geschieht, kann man nicht behaupten, er müsste sonst bei sich selbst den Anfang machen. Rabbiner Caro erträgt noch mit stoischer Ruhe den ganz exotischen Namen Jechskel. Wie es heißt, soll die Namenschändung ans höheren Befehl vorgenommen werden, damit, die jüdischen Namen fürderhin keinen Stein des Anstoßes bei den arischen Gewalthabern abgeben, wenn jüdische Bewerber um ein Amt compelieren. Es wäre freilich hoch an der Zeit, statt das Amt eines Namenbeschneiders innezuhaben (das ihm nicht zusteht), lieber sein Amt als Religionsinspector bester und intensiver auszu füllen. Adam I. hat keine theologischen Studien zurückgelegt, hat sich keine Morena erworben und kein Geld fürs Einträgen in die Melrica angenommen, und doch erzählt von ihm die heilige Genealogie, dass er ein berühmter Namengeber war, und seines so schwierigen Amtes aus purer Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit für die Naturforscher gewaltet hat. Die jüdische Volksuniversität — in Lemberg, ist bereits inauguriert in Form einer Toynbee-Halle — dank dem rvackern nationalen Best reden der jüdiichen Universitätshörer, mit der Unterstützung des Eultusvorstandes. Samstag den 20. October wuroe diese Toynbee-Universicät mit der Rede des Directors D. Gutmann eröffnet, ivelchcr die Bvlksuniversität als ein echt jüdisches Institut von allhistorischer Berechtigung mit dem Motto: -na yp einweihte. Hierauf sang ein Akademiker unter Clavierbegleitung nalional-hebrätjche Lieder vor. Der Zudrang zu viel ec neuen JnsNtulion war sehr lebhaft. L. 8. Srief aus Srünn. (Original-Correspondenz des „Jüdischen Volksblatt".) Im November. Aus dein tiefen, lethargischen Schlafe, in dein unsere Gemeinde so lange lag, ist sie durch eine Frage aufgerüttelt Warden, welche nun auch die Gemüther der Wiener Juden mächtig erregt, ich meine die Rabbinerfrage. Zlvar ist die Angelegenheit bei uns durchaus nicht so brennend, wie sie von mancher Seite hingestellt lvird. Das Rabbiueramt war nämlich in unserer Gemeinde ganz zum Predigiamte geworden, und dieses wurde, trotz der langwierigen Krankheit unseres Landesrabbiners, vollständig versehen. Wir können hinzufügen, es hat wohl wenige gegeben, die mit der Ausübung dieser rabbinischen Function sowohl ün Gottesdienst, als auch bei Casualien unzufrieden gewesen wären. Da plötzlich, wir lvollen hier nicht untersuchen aus welchen Gründen, hat sich bei einigen das mächtige religiöse Bedürfnis nach einein „neuen" Rabbiner geregt, rmd gesagt, gethan, die Vertrauensmänner werden einberufen und der Concurs wird ausgeschrieben. Bemerken wir sofort, das Sturmlaufen um die Stelle des hiesigen Rabbiners!var ein merkwürdigerweise höchst mäßiges, mau „reißt" sich um diesen doch so einträglichen Posten nicht allzusehr. Einige Landrabbiner, wohl zu rmterscheiden von Landesrabbinem, möchten freilich ihr „Gotteswort" in der hiesigen Synagoge ertönen lassen und zeigen, was sie verum gen. Sogenannte „Autoritäten" haben sich nicht gemeldet, am allerwenigsten aus Deutschland. Manchen ist auch die Orgel und der Damenchor ein Greuel, und sie wollen nicht dort predigen, wo am Jour kippnr ein Jude das christliche Instrument spielt. Wir lvollen mit ihnen nicht rechten und rathen ihnen, lieber in kleineren Gemeinden ihr Licht weiter leuchten zu lassen. Einen Rabbiner haben wir schon gehört, sind aber der Meinung, dass inan dies auch schon früher hier gehört hat. — Gehen wir der ganzen Frage an den Leib, so spitzt sie sich in folgender Weise zu: Brauchen wir hier nur einen Prediger, oder bedürfen wir nicht vielmehr eines, aber sehr energischen Seelsorgers? Wer das Wohl der hiesigen Gemeinde wirklich im Auge hat und nicht allein mit formvollendeten, schauspielerischen rhetorischen Leistungen flunkern will, der wird mit uns in die Antwort einstimmen: Seelsorge zunächst und daun die Predigt, das ist's, was uns noththut. Wir bedürfen mehr als je in diesen düsteren Zeiten eines frisch pulsierenden jüdischen Lebens in unserer Gemeinde. Wird es der Rabbiner verstehen, dieses zu erwecken, daun ist er unser Mann, und wenn er auch beim Reden weniger dramatische Gesten zur Schau trägt und beim Ober-Regisseur irgend eines Theaters nicht gelernt hat, mag seine Gestalt eine mehr oder weniger imposante sein, mag sein Bartschnitt Männlein und Weiblein mehr oder loeniger gefalle::. — Der Rabbinersoll i n b e r T h atde r F ü hrerde r G e m e i n d e lv e rd e n , er soll im Religionsunterrichte, im Gottesdienste und ün gesellschaftlichen Leben, der hiesigen Gemeinde zum Rechten schauen, und in unseren vielfach zerfahrenen Gemeindeverhältnissen Wandel schaffen. Im Religionsunterricht fehlt uns vor allein ein einheitlicher Lehrplan, da muss der Rabbiner dazu schauen, dass dieser geschaffen, aber auch eingehalten werde, dass es nicht Lehrer gebe, die nach eigenen: Gutdünken inr Unterrichte Vorgehen. Auch im Gottesdienste darf nicht jeder thun, was recht ist in sein e n Augen. Stranmre Organisation thut auf diesen: Gebiete besonders noth. Was aber das gesellschaftliche Leben, gewissermaßen die sociale Frage im hiesigen Gemeindeleben betrifft, so wollen wir diesen Punkt nicht einmal berühren. Da gibt es Arbeit, wohin man blickt, ob man mm ai: unsere Wohlthätigkeitsanstalten, an unsere national-religiösen Einrichtungen denkt, ob :::an die Veranstaltungen, welche das jüdische Gefühl heben sollen, ins Auge fasst oder unser geistiges Leben, das so tiefgesunkenist. Al tieit hüben und drüben, und wahrlich ein Mann im wahren Sinne des Wortes, ein Rabbiner, wie wir ihn mrs denken, könnte die hiesige Gemeinde, in ivelchcr viele gesunde Xl-rcift .* schlummern, zu