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Jüdisches Volksblatt · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
46 (15.11.1901)
Date
1901-11-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 15 November 1901 Nr. 46 Den Großgrundbesitz der politischen Macht nur dann betet finden lassen, wenn man ihm einen Gesellschastsvertrag' mit gleichen Pflichten zwar, aber auch mit gleichen Rechten vorlegen wird. d. * Zum soemr-einokratrschen Parteitage. ii. Die I u d e u s r a g e zu berühren wurde von allen Rednern ausnahmslos ängstlich vermieden. Was die N a t i o n a l i t ä t e n s r a g c betrifft, beschränkte sich der abgehaltene Parteitag einfach darauf, das sogenannte Brunner Programm, für befielt Realisierung die socialdemokratische Partei weder innerhalb noch anherhalb des Parlamentes auch nur einen Finger gerührt, in das Gesammtprogramm eiuzuverleibeu. Wie lvenig aber das t h e o r e 11 f ch vertretene Nationalitätenprogramm in der Praxis in Fleisch und Blut der socialdemokratischen Abgeordneten ubergegangen ist, bewies die Haltung der Partei während des ganzen Kampfes um die Sprachenverordnungen und der diesbezügliche Bericht des socialdemokratischen Parteivorstandes am Parteitag. Daher beklagten sich auch am Parteitage die beiden Vertreter von Prag V a n e k und Soukonp mit Recht darüber, dass der Bericht des Parteivorstandes den Glauben erwecke, als hätten die Socialdemokraten eine Freude an der Aufhebung der Sprachenverordnung." (Vauek.t .... Was aber endlich und schließlich die Art und Weise der Behandlung des socialen Problems, sowohl des socialen Endzieles als auch des wirtschaftlichen Gegenwartsprogrammes betrifft, so zeigten die diesbezüglich abgehaltenen Debatten im Vergleiche zu dem letzten Parteitage der deutschen Socialdenrokraten in Lübeck, wie eonservativ, ja geradezu reactionär die maßgebenden Kreise der österreichischen Socialdemokratie noch immer, trotz aller „ästhetischen" Verbesserungen der „Schönheitsfehler" des Hainfelder Programmes sind. Am markantesten beweisen dies nachfolgertde Worte Hellers: „Ich muss mich vor allem gegen Brod wenden, der behaupier, in dem Entwurf stecke bewusste oder unbewusste Bcrnsteincrei. Wir sind alle durch Adlers Schule gegangen, und gerade sein Verdienst ist es, dass die österreichische Partei als die i n t r a n s i g e nt e st e gilt in der ganzen Internationale. Man kann also nicht behaupten. dass er mit dieser verschwommenen, rückgratlosen Richtung etwas zu thun hat, die doch seinem Wesen so gründlich widerspricht. . Adler ist in seinem innersten Herzen ein „starrer Dogmatiker", aber er trägt gern den Anzug nach der neuesten Mode (Heiterkeit); daher musste auch nach der neuesten Mode revidiert werden, daher zum Beispiel das Wort „genossenschaftlich", das Bernstein in diesem Sinne zuerst gebraucht hat. Es wäre wohl an der Hand von Citaten an den übrigen Reden, die am Parteitage der österreichischen Socialdemokratie gehalten wurden, möglich und sehr belehrenswert, die Richtigkeit unserer obigen Behauptungen nachzuweisen, allein Raummangels halber ist uns dies unmöglich. Wir müssen uns deshalb daraus beschränken, gegenüber der Aeußerung Bebels, dass es in der Socialdemokratie keine Dogmenfanatiker gäbe . . . und die Kritik an sich selbst und an ihren Grundsätzen im Wesen der Partei liege . . . die diesbezüglichen Aeußerungen Pernerstorfers zu citieren, die auf dem Parteitage einem lebhaften Widerspruch begegneten, obwohl gerade sie viele Wahrheiten enthielten. Pernerstorfer sagt: ... Ist cs denn wirklich wahr, dass-alles, was wir heute über die Elendstheorie, die Katastrophentheorie und die Dictatur des Proletariats behaupten, von allen Parteigenossen als richtig des Nationalitätengedanlens ansgicng, während wir doch heute mit großer Entschiedenheit sogar diesen Gedanken anerkennen. Aber wenn sich alle diese theoretischen Sähe heute nicht mehr halten lassen so besagt das für den Soeialismus gar nichts. Die Orthodoxen, in deren Hierarchie Genosse Heller ja immerhin einen bedeutenden Rang einnilnint, behaupten fortwährend, das sei alles nicht wahr Die Elendstheorie, die Katastrophie, die Dictatur, das alles gelte noch ebenso wie vor dreißig Jahren. Diese Behauptung ist aber stark, und sic Ividerspricht allem, was wir vor uns sehen. Ja, was liegt denn daraus Ist cs denn nicht möglich, dass die Theorien da inals mit dem Stande »iiscrcr wissenschaftlichen Erkenntnis übereinstimmten, dass nur aber nach und nach zu anderen Ivissenschaft lichen Ergebnissen gekommen sind? Man sagt den so arg verlästerten Bernsteiinanern nach, dass sie dem -Locialismus den Ivissenschaftlichen Charakter geraubt haben. Nach den Ausführungen des Genossen Heller möchte ja von Bern stein oder einen: Bernsteinianer kein Hund einen Brocken nehmen, so schlechte Kerle sind das. . . . Seien tvir deshalb alle auf der Hut vor allem Dogma tisinus und aller Kctzerrichterei. Machen wir es nicht so wie die katholische Kirche, und sagen wir nicht: Wir ändern uns zwar, aber wir gestehen es nicht ein. . . . . . Ich bedaure deshalb, dass man Bernstein die Freiheit der Kritik hat beschneiden wollen. In Fragen der Theorie gibt es nur eine absolute Freiheit der Kritik oder gar keine Freiheit. Ich gelte bloß deshalb hier als Bernsteinianer, weil ich mich dagegen auflehne, dass ein Mann, der nach seiner ganzen Betätigung und wissenschaftlichen Bedeutung keinen Zweifel lässt, dass er ein echter und rechter Parteigenosse ist, so behandelt wird, wie hier geschehen. 3mtt deutschen Inüentage. Berlin. Der geschäftsführende Ausschuss für die Gesammtorganisation der deutschen Juden hat folgendes Rundschreiben erlassen: „Die Gesammtorganisation der deutschen Juden in die Wege zu leiten, ist Aufgabe des Unterzeichneten Ausschusses. Zwei Versammlungen haben sich mit der Frage der Gesammtorganisation beschäftigt. Die Versammlung am 27. December 1900 hat beschlossen : Es wird ein Ausschuss eingesetzt, welcher auf Grund der heutigen Vorberathungen im Anschluss an den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und die übrigen bestehenden jüdischen Organisationen einer neu einzuberufenden Versammlung weitere Vorschläge behufs Organisation einer dauernden Vertretung aller Juden Deutschlands unterbreitet. Der Ausschuss besteht aus den fünf Herren, welche denselben bisher bildeten, ferner aus je einem Delegirten der großen jüdischen Organisationen (Gememdebund, Centralverein d. St. j. Gl.,! Rabbinerverband, Lehrerverband, Logen, Provinzialverbände, ev.! der größten jüdischen Gemeinden der Provinz rc.)> Dem Ausschuss : wird ferner das Recht der Zuwahl (Abgeordnete :c.) beigelegt. Die Versammlung am 3. März i901 hat beschlossen^ Ein Entwurf des geschäftsführeuden Ausschusses ist einer neuen Verj sawmlung zur Beschlussfassung zu unterbreiten. Bis dahin ist der l Anschluss derjenigen Organisationen zu erstreben, welche sich bis jetzt nicht erklärt oder ablehnend verhalten haben. Es gilt jetzt, den Anschluss aller betheiligten Organisationen herbeizuführen und die etwa noch hie und da bestehenden Bedenken gegen die Bildung der Gesammtorganisation zu zerstreuen. Eine solche Gesammtorganisation ist im Interesse der Gesammtheit dringend geboten. Nicht bloß die Nolh der Zeit, sondern die natürliche Fortentwicklung aller geistigen Institutionen verlangt, dass alle Kräfte im Judenthum zusammengefasst werden, damit dasselbe seinen Bestand wahre und stärke, seine Mission erfülle. Es handelt sich nicht darum, den bestehenden Vereinen noch einen neuen Verein mit neuen Sonderausgaben hinzuzusügen, der jene majorisiert oder ihre Zwecke und Ziele durchkreuzt, sondern es soll ein Verband geschaffen werden, der sie einigt und sie zu gemeinsamer, einheitlicher Arbeit an den gemeinsamen Aufgaben verbindet. Die Gesammtorganisation will und wird das Bestehende wahren, wohlerworbene Rechte nicht verletzen, in die Befugnisse der Einzelverbände nicht eingreifen. Fragen des Cultus und des Ritus sollen seiner Competez überhaupt entzogen sein; grundlos ist die Befürchtung, dass sich im Laufe der Zeiten ein Kirchenregiment entwickeln könnte, welches die Strenggläubigen durch freigeistige Anschauungen oder die freiere Richtung durch den Geist starrer Rechtgläubigkeit bedrücken könnte. Dass etwa in Zukunft die Compeienz des Gesammtverbandes auf religiöse, cuttuanerkannt wird, oder haben wir nicht alle gewaltige Äbschwächungen , relle und rituelle Fragen ausgedehnt werde, kann durch Bestim in allen diesen Punkten vorgenommen? Ja, wir haben diese Theorie! mungen der Satzungen dauernd und wirksam verhindert werden, bis zu einem gewissen Grade geradezu verlassen, so wie wir eine | Man werfe nicht ein, dass einem Theil der Organisation, Menge alter Auffassungen verlassen haben. Wir haben zum Beispiel an die wir uns wenden, um deswillen der Beitritt versagt sei, nicht mehr die Auffassung dom Internationalismus, die wir vor etwa weil der Verband sich mit politischen Fragen werde beschäftigen zwanzig Jahren hatten, und die im wesentlichen auf die Verwischung müssen. pfindung getragen, in abgeklärter Form im socialistischen Grundgedanken zum Ausdrucke. Und heute, wo wir eine Art Renaissance des Judenthums erleben, spüren wir nicht aufs deutlichste den tiefinneren optimistischen Zug der uralten Rasse? Was treibt uns denn dazu, am Judenthum festzuhalten, das Judenthum zu verbessern, innerlich umformen zu wollen? Was anderes als der Optimismus! Welches andere Volk ist nach jahrtausendlangem Wirken und Weben auf Erden nicht müde und mürbe geworden? Nur die Juden machen von ihrem Recht auf seelische Müdigkeit keinen Gebrauch. Ja die Inden sind ein optimistisches Volk, weil sie eine sehr rassenechte Nation bilden. Das ilfiifilc aus der hebräischen Merninr. n. Ein kleiner Stnrm wurde zwar entfacht. Wind und Wolken stellten sich ein, aber der befruchtende Regen wollte nicht kommen. Alle diese Jungen der Literatur müssen sich vorerst mit der Rolle des Johannes begnügen, sie verkünden unaufhörlich, dass ein Schöpfer des Neuen, Positiven kommen wird und kommen muss, aber selbst ist keiner von ihnen imstande zu schaffen. Sie vermögen bloß das Bestehende zu kritisieren, unter Umständen sogar zu besudeln, zu constatieren. dass etwas Neues, Großes uns noththut, aber keiner vermag genau anzugeben, worin dieses Neue bestehen wird. In B e r l i n versammelte sich die aus Galizien und Russland herbeigeströmte jüdische Jugend, welche, wie bereits erwähnt, direct aus dem Bcth Ha-Midrasch auf die Universität kam, und gründete den Bund „Jung-Jsrael", oder kurz genannt, den Bund der „Jungen". Mit einer Verachtung ohnegleichen sollte mit dem Alten aufgeräumt werden und bannt allein glaubte man eine That vollbracht zu haben. „Sprachlich und inhaltlich muss alles anders werden," so riefen sie aus und waren in ihrer Neuerungswuth bis zum Extremsten bereit. Die Bibel ist nicht mehr die einzige Quelle zum Studium des Hebräischen, im Gegentheil, man muss auch sie überwinden! Ganz muss die Bibel vergessen werden, wenn man ein correctes Hebräisch schreiben will. Und während die Alten, von M. A. G ü n z b u r g angefangen, still, allmählich einen ganzen Schatz neuer Werte in die hebräische Sprache aufnahmen, ohne dem Geiste der Sprache Gewalt anzuthun,*) so schreiben heute die „Jungen" Worte und Sätze nieder, welche selbst der raffinierteste Leser nicht zu enträthseln vermag, sprachlich sowohl wie inhaltlich. Was bisher in der neu hebräischen Literatur entstanden ist, trug das Gpräge aller Erscheinungen des Lebens, das sich im Volke abwickelt. Als die Mauern des Ghettos gefallen waren und das Leben in neuen Formen sich zu gestalten begann, als ein Drang nach inneren Reformen alle Herzen bewegte und die Sehnsucht nach Vereinfachung und Modernisierung mancher religiösen Gebräuche sich immer ansbrcitete, da spiegelten sich alle diese Erscheinungelt treu in der neu-hebräischen Literatur ab. Als der Antisemitismus in Dentschlaitd und die Judenverfolgungen in Russland überall Bestürzung und Schrecken hervorriefeti, trat im Leben wie in der Literatitr etwas wie eine Reaction zutage. Man sah sich im Drange nach „Aufklärung" bitter enttäuscht und so begaitn inan das Heil im Volke selbst zu suchen. Mai: wurde ttational und alle diese Bewegungen traten auch in der Literatur hervor, vielleick ein wenig zu scharf, aber ein Echo des Lebens war es. jedenfalls. Das hebräische Schriftthum befand sich immerhin auf dem richtigen Wege: es war ein Spiegel des Lebens, ein Prodttct der Volksseele, ein Wiederhall aller Empfindungen, welche das Leben emporwirbelte. Da kamen die „Jungen". um den „Europäismus" dem Volke zu bringen. Das Allerlteueste, Nietzsche mit seiner „Umwertung", mit feinem „Uebermenschenthum" sollte ins Jüdische „mngewertet" werden. M. I. B e r d i t s ch e w s k i beeilte sich, ein Buch über „d i e A e n d e r u n g d e r W e r t e" zu schreiben, das unter der Firma: „Verlag der Jungen" in die jüdische Welt hinausflatterte. ' Einmal steht nichts im Wege, dass die jüdischen Organisationen die ihnen zustehenden polikischett Rechte ebenso wahren, wie jede andere. Politische Rechte zu erwerben, liegt kein Anlass vor; die politischen Rechte der Juden sind in Deutschland durch Verfassung und Gesetz gewährleistet. Aber ihre Anwendung ist ungleich, ihre Auslegung meist gleichbedeutend mit ihrer Einschränkung. Da soll die Gesammtorganisation als Schutzmittel dienen; sie soll Gesetzesverletzungen und Gesetzeseinschränknngen hindern. Besteht die Gesammtorganisation als beglaubigte Vertretung der sämmtlichen oder der größten jüdischen Organisationen, so hat sie Gewicht genug, um die Verkümmerung wohlerworbener Rechte zu verhindern. Es hindert ja auch nichts, dass Organisationen, denen eine politische Thütigkeit untersagt ist, dem Gesammtverband nur innerhalb derjenigen Grenzen beitreten, die nach ihren Satzungen zulässig erscheinen. Dass einzelne süddeutsche Staaten eine staatlich geordnete Territorial-Bertrettmg der Juden haben, kann kein Hindernis für eine Gesammtorganisation aller deutschen Juden sein. War es doch die badische Vertretung, die von Anfang an mit warmem Eifer für die Bildung der Gesannntorganisation eingetreten ist. Man kann auch nicht einwenden, dass durch die Errichtung des Verbandes die antisemitische Bewegung gestärkt werden würde. Was wir als richtig erkennen, haben wir unbekümmert um den Antisemitismus zu thun. Hätten die Juden eine Gesammtvertretung gehabt, hätte die ihnen nachgesagte Solidarität bestanden, nimmermehr wäre beit Antisemiten gelungen, was sie in Verkümmerung der Rechte der Juden erreicht haben. Was kann mehr Unterstellungen, Unkenntnis, Neid und von Parteigeist getrübte Anschauungen beseitigen, als das Bestehen einer Gesammtorganisation, deren Mitglieder der Oesfentlichkeit bekannt sind, deren Thütigkeit beobachtet werden kann? Alle Gründe, welche gegen die Gesammtorganisation vorgebracht werden, sind nicht stichhältig. Die alte Zeit mit ihren Anschauungen, Errungenschaften und Mängeln ist dahin. Der Einzelne muss der Gesammtheit Opfer bringen. Es gibt kaum eine Bevölkerungsclaffe, welche die Nothwendigkeit einer Gesammtvertretung nicht erkannt hat, eine solche nicht besitzt oder erstrebt. Sollen die Juden in Deutschland etwa so lange warten, bis ihnen der Staat eine Gesammtvertretung auferlegt? Die geistigen Kräfte des Judenthums sind in Deutschland stark genug, um aus sich heraus eine Organisation zu schaffen, die keinen anderen Zweck hat, als das zu fördern, was die Gesammtheit der deutschen Juden selber als für sich dienlich erachtet. Ist es hier gelungen, den Juden die völlige thatsächliche Gleichberechtigung zu erringen, dann kann sie dazu übergehen, auch den Glaubensgenossen im Osten ihre hilfreiche Hand zu leihen. Wie die Gesammtorganisation im einzelnen gegliedert sein soll, ist Sache der Berathung und Beschlussfassung. Dass sie einen geschäftsführenden Ausschuss in der Hauptstadt des Deutschen Reiches haben muss, dürfte in der Natur der Sache liegen. Dass dieser Ausschuss hervorgehen muss aus einer größeren Versammlung aller Delegierten der jüdischen Organisationen oder Corporationen, kann ebensowenig zweifelhaft sein. Die Wahl dieser Delegierten zu regeln, gibt es mancherlei Wege, über die eine Verständigung möglich ist und erfolgen wird. Ob die einzelne Organisation einen oder mehrere Delegierte zu wählen hat, ob einzelne Gemeinden selbständig Delegierte erwählen oder mehrere kleine Corporationen zusammen ihren Vertreter bestimmen — all das wird durch gemeinsame Besprechung iestgestellt werden. Eine Frage der Zweckmäßigkeit ist es, wie oft und an welchem Orte die Delegierten-Versammlung zusammenzutreten, in welchen Zeiträumen der Ausschuss ihr Bericht zu erstatten hat und Aehnliches mehr. Die Hauptsache ist und bleibt, dass. eine Vertretung aller deutschen Inden geschaffen wird, die als solche beglaubigt ist, für alle deutschen Juden eine Schutzwehr gegen unberechtigte Angriffe bildet, Behörden, Verwaltungen und Privatpersonen gegenüber unsere Rechte wahrt und durch Rath und That Aufklärung schafft, wo Unverstand, Hass und Neid die Rechte der Juden zu verkümmern drohen. Was der Einzelne nicht erreichen kann, was die einzelnen Corporationen oder Organisationen nicht vermocht haben, das wird die Gesammtorganisation erreichen. Früher oder später muss es zu dieser Gesammtorganisation kommen, dazu drängen die Verhältnisse mit zwingender Nothwendigkeit. Helft uns daher chon jetzt, die Organisation zu schaffen, die umso wirksamer sein wird, je schneller sie ins Leben tritt! Unsere Stellung zu dieser neuesten, den Judentag betreffenden Proklamation ist am besten durch das Goethe'sche Citat gezeichnet: „Der Worte sind genug gewechselt; Lasst uns doch endlich Thaten seh'n!" " *) Siehe Brandes! P'rachim", 1., Wilna, 1880. „Die Sprache als solche", „Gan Es ist heute nicht meine Absicht, Kritik an Berditschewskis Werk zu üben, übrigens ist auch hier nicht der Platz dafür, da er aber als das Sprachrohr der „Jungen" und der „Allerjüngsten" angesehen wird, so kann man ihn immerhin als Beispiel benützen. Berditschewski weint. Er ist voller Thränen. Wir wollen durchaus nicht sagen, dass die Thränen erheuchelt sind, etwa weil cs modern ist. zu weinen, wir wollen nur sehen, zu welcher! Resultaten er mit seinen Thränen gelangt und welche Ursachen er für seine Thränen angibt. „Ich sitze in meiner Kammer und ein Inden-Schmerz erfasst mein Inneres", schreibt V., worauf viele klingende, aber hohle Phrasen über diesen Judenschmerz folgen, welcher einzig und allein in dem jüdischen S ch r i f t t h u m bestehen soll. „Wir haben unsere Seöle ausgehaucht in Bücher und Schriften," also fort mit allem, was seit Generationen überliefert wird, fort mit Ben-Gamlo, welcher schon in ältester Zeit eine Art Volksschule den Juden gegeben hat, fort mit Rabbi Jochanan ben Sakkai, fort mit allen Gelehrten rmd mit aller Gelehrsamkeit, hoch die Aufständischen in Jerusalem, welche mit den Römern bis zum letzten Blutstropferi kärnpften, unter der Devise: „Ganz leben oder ganz sterben!" Jawohl, Herr Berditschewski! Die Ursachen des jüdischen Schmerzes sind vielleicht anderswo zu suchen und auch die Resultate dürften anders sein. Die bösen Thaten unserer Feinde haben unseren Geist getödtet und das Wiederaufleben im politischen Sinne wäre das Heilmittel .... Aber, wie gesagt, hier soll keine Kritik geübt werden, hier soll nur gezeigt werden, wohin wir mit der „neuesten" Literatur gekommen sind, die längst nicht mehr ein Echo unseres Lebens ist. Damit soll etwa nicht gesagt sein, dass die hebräische Literatur der Neuerungen und Reformen entrathen mag. Es ist ein Gebiet, auf dem noch sehr viel zu schaffen und zu arbeiten ist, aber diese „Jungen", welche Liesen neuen Cours ins Leben gerufen haben, sind durchaus nicht Schöpfer und Neuerer, als welche sie sich mit Stolz selbst arckündigen. Aus dem Volke heraus, aus seinen tiefsten Quellen muss das Neue in der Literatur emporsprießen und all das wiedergeben, was in der Brust des Volkes ruht, nur eine solche Literatur könnten wir willkommen heißeri. Dr. H. W.

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