Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 46 (15.11.1901)
- Date
- 1901-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Judenfeinde haben im Laufe der Zeit verschiedene Steigerungsstufen des Wortes „Jude" entdeckt. Einer dieser Cornparative ist für sie der Begriff des polnische n Juden, und in einem gewissen Particularismus sind wir oft selber so weit gekommen, dass lvir den Gegnern das Zugeständnis machen, die Juden eines bestimmten Landes, wenn auch nicht als eine besondere Art, so doch mindestens als eine besondere Abart anzusehen. Untersuchungen, die von uns selber über uns und die von Außenstehenden iiber unsere Verhältnisse angestellt wurden, haben uirs das Wesen dieses Particularismus ziemlich deutlich erkennen gelehrt: Die nationale Einheit wird durch den Widerstreit der verschiedenartigen wirtschaftlichen Interessen durchbrochen, und da wir als Ganzes aus lauterMinoritäten bestehen,sucht jede von diesen sich das Verhältnis zu der sie umgebenden Mehrheit irr der ihr am bequemster: scheinenden Art einzurichten. Arlf diese Weise hat damr infolge der Anpassung der Lebensbedingungen der Juderr an jene der Nichtjrwerr wörtlich „jedes Land die Juden, die es verdient." Nicht anders also dürfen wir und dürfen es die Betroffenen auffassen, wenn man von „polnischen Juden" spricht. Der leise Ton der Geringschätzung, der in den Worten liegt, haftet nicht derrr Hauptwort, sondern denr erklärenden Beiwort an, und der Abgeordnete Daszynski hat gestern durchaus das Richtige getroffen, wenn er die bisherige scandalösepolitische Haltung der galizische:: Ju den schaft bloß als eine T h e i l e r s ch e i n u n g jenes w e i t größerer: Scandals betrachtete, der das Um und Auf des politischer: Lebens in Galizien überhaupt zrr bilden scheint. Nach allem, was man bisher von der Politik in Galizien weiß, wird man ja das Schema des Abgeordneter: Daszynski für wahrheitsgetreu halten müssen, wenn er auch die Politik irr das Muster socialistischer Wirtschaftstheorien zwängt: dem: darnach gibt es bloß politische Ausbeuter und politisch Ausgebeutete. Daszynski hat drei Gruppen vor: Werkzerrger: aufgezählt, derer: sich die Schlachta bei dieser politischen Ausbeutung des Volkes bedient. Es sind die Geistlichen, die Beamten sowie die Jrrderr. Will man im socialdemokratischen Jargon fortfahren, so wird man diese Leute als die „Antreiber" bezeichnen dürfen, als diejerrigen, die rnn ein Feuilleton. Der Gptimismus bei den Juden. Von Dr. Paul W e i s e n g r r"r rr, Wien. Das jüdische Volk weist urrerrdlich viele Optimisten auf. Es gibt karrrrr eine Rasse, die trotz des furchtbarer: jahrhundertelangen Drrrckes einen solcher: Wille:: zun: Leben in sich birgt. Die paar Pessimistischer: Modeschriftsteller, die zahlreicher: Inder: irr: Lager der Decadence, tvelche sich doch bemüht, das Leber: — wenn auch nicht gerade zu verrreinerr, so doch — zu dämpfen, gleichsam unlebendig zrr gestalten, dürfen rrns nicht darüber täuschen. Diese Erscheinungen berühren das Weser: des Jriderrthrnns nicht. Selbst die tvestlichen Inder: sir:d trotz ihrer großen Nervosität, trotz mancher ererbter, körperlicher Jndispositionen, welche sonst gerade dazrr ar:getharr sirrd, das Gemüth zu alterieren, in: großen und ganzen heitere, ja sogar leberrsfrohe, leberrsstrotzende Leute. Die Juderr lieben das Leben sehr, weil sie das Leber: gut aushalter:, weil sie sich stets in dm meisten Lagen auf ihre Fähigkeit, nerre Ausvrege arrs Schwierigkeitei: zu sinder:, verlassen körrrren. Sie sirrd optimistischer wie andere Völker, weil sie — ihrer geistiger: Structur rrach — den: Leben arrgepasster erscheinm. In dieserrr Sinne hat F r i e d r i ch N i e tz s ch e, der gewaltige Sprachkürrstler urrd Werturustiirzler, bewundernd von der: Judm gesprocherr, die selbst unter den schwierigster: Umständen rrie zrnr: Giftbecher greifen. Doch Nietzsche kannte nur die rvestlichm Juden. Urr: der: Optirnisnuis :n:serer Starinrresgenossen richtig zu wertem, rrruss man gerr Osten blickm. Da ist das lebensfrohe, lrreite, heitere Element des Judeirthums gleichsam zuhause. Im Wester: werden mir die großer:, etwas größeres oder geringeres Entgelt diejenige Arbeit leisteter:, zu der sich der am Gewinn Interessierte zu erhaben oder zu schwach fühlt. Unter diesen Antreibern nehmen mir: allerdings die jüdischm Wahlmacher eine besondere Stelle ein. Fürs erste wird man die Kategorie etwas einschränker: müssen: Nicht so, wie „die Beamten" oder „die Geistlichen", stehen „die Juden" im directm Dier:ste des politischm Unternehrnerthums: Denn es ist nur eine bestimmte Anzahl unter dm Juden, die diese Schergendienste leisten. Ganz natürlich: Die Juden können nicht Antreiber sein, da ja sie große Mehrzahl von ihnen das schwer leidende Object dieser Antreiberarbeit darstellen. Und dies ist das zweite Kennzeichen dieser jüdischen Helfer der Plusrnacherei in Wählerstinrrnen: Sie entstammen dm Kreiser: derer, die jetzt unter ihrer Fuchtel zu leiden haben. Man kennt solche Emporkömmlinge genau: Früher hatte:: sie selbst alle Mühen der schweren Arbeit zu erdulden, und sie Habei: es nicht durch ihre Tüchtigkeit, sondern durch Schranzenthum und Liebedienerei, kurz durch dm V e r r a t h ihrer A r b e i t s g e n o s s e r: zu dieser entehrender: Vertrauensstellung gebracht, für die als einzige Caution ein unversieglicher Schatz an Gewissenlosigkeit gefordert und als beste Referenz die Untreue gegen den früheren Herrn airgesehen wird. In solcher Gestalt zeigen sich den: ehrlichen Beobachter mag er irmerhalb oder außerhalb des Judenthurns stehen, jme großer: Herrm, die als Vorsteher jüdischer Gemeinden die Geschäfte der Schlachta besorgten. Diese Führer der Jndenschaft, mögen sie nun Byk oder Horowitz oder Landau heißen, sahen sehr gut das unendliche Eleiw, in dem die jüdische Bevölkerung der Städte lebte. Aber sie wussten: Wmn sie sich auf die Seite der Unterdrückter: stellren, so harrte ihrer im politischm Leben der: gleiche Kampf gegen die politischen Ausbeuter, dm: sich in: Wirtschaftsleben der Leite:: einer Bewegung der schwächerer: Classen widmen rnuss. Urw sie sind keine Cäsarennaturen, die gern erste irr einen: Dorfe wäre::. So verließm sie der::: die Partei, zu der sie gehören sollten-und wurden —■ Prediger der Versöhnung. Und wieder zeigte sich in der Politik die Analogie zurr: Wirtschaftsleben. Jrrdem sie in die Dienste des Stärkerer: traten, der::: sie sich selbst sowie ihre Genossen mit Haut und Haren verschriebe:, gaben sie vor, dass es bloß geschehe, urr: ir: der r:cum Umgebung die Sache der Schwachm zu führerr. Und was sie anriethen, war die vollständige Resignation, die vollkommenste ^elbstentäußerung. Mar: kärnpfte nicht mehr gegen der: Feind, man ließ sich vor: ihn: ohne Widerstand niedermähen; ja dm: armen Opfer waren so sehr alle Sinne benommen. traurigen, sehr feierlichen Feste gehalten. Das jüdische Volk ir: Galizien, Russland und Rumänien aber feiert „Sirnchas-Thora" und vor allem „Purim" mit einer geradezu süd-italienischen Naivität und Frischei —• Da wird getanzt urrd gelacht, gegessen und getrunken. Ein wahres Volksleben entwickelt sich oft in der: Straßm rmd besonders zu Purin: geht es hoch her; ganze Maskenzüge fülle:: die Gassen. Wer in das lustige und heitere Elenrent der jüdischen Volksseele einer: Blick thur: will, der gehe in das Jargon-Theater. Nirgends lacht man so viel. Aber der Jntellect, die bloße Resexion, hat keinen so großen Antheil daran. Keil: kaustischer Witz drängt sich ir: dm Vordergrurrd. Das rein satirische Element tritt oft gmug vor der wahren Situationskomik, vor der humoristisch gefärbter: Darstellung lebendig erfasster Volksseele:: zurück. Das Jargon- Theater offenbart uns, wie lustig die Chassidin: — trotz aller dialectischm Künste, trotz aller talmudischen Schulung — eigentlich sind. Die ernste feierliche Geberde ist nur Somstagsgelvand, der heitere Sinn Alltagsrequisit. Selbst in Stücken rnit dranratisch-errrstm Confticter: darf die heitere Episode beileibe i:icht fehlen. In: Jargon-Drama enthält jeder Act zahlreiche Lustspielscener:. Charakteristisch für der: Optirnisnuis der Juden ist das Reife-Product nrmschlicher: Denkens und Cultur: die Philosophie. Kein bedeutender jüdischer Denker ist Pessimist gewesen. Die großer: Sociologm, diese indirecten Philosophm unter den Jude:: sind gern de die gewesen, welche von den Propheten bis auf Carl M a r xauf das praktische rind sociale, aus das lebensgreifbare Element rnit aller Beredsamkeit rurd allen: Feimeifer hirrgewiesei: Habei:. Irr: jüdisckM Denker: spielt das Nirwana keine Rolle. Bezeichnend hicsür ist S p i n o z a, der größte Jude unter, den Philosophen, der größte Denker, rnrter den Juden. Der Mann der tiefftm urrd ernstester: Problmre war rächt nur. dass es, ehe es selber untergimg, noch die Kameraden auslieferte, um, wie es glaubte, der: Pardon, in Wirklichkeit abr bloß eine kurze Gnadenfrist zu erreichen. Auf diese Art klommm die galizischm Gemeindegewalttgen auf dm: Rückm ihrer jüdischm Mitbürger empor. Sie leisteten der Schlachta die verwerflichsten Dienste, und tver sich als der größte Meister darin bewies, dm Ausbeutern die Horden zuzutreiben, erhielt dm höchstm Lohn. Es entstand eine Rangordnung unter dm politischm Antreibern, die sich bald als ein Mittelding zwischm der einen und der anderm Classe, als ein eigmer Stand organisierten und untereinander über die Vertheilur:g der accordiertm Leistung und des dafür ausgeschten Lohnes einig zu werden hatten. Und sie waren so schlau, aus der Mitte der erwählten Opfer sich stets zu ergänzen, so dass auch unter dieser: das streben nach der Gunst der rnächtigm Vermittler und die theilweise Erreichung dieses Zieles Classen :u:d Kchten schuf, vor: derrm die obere immer auf die untere drückte, hoffend, es werde dadurch die eigene Last kleiner werdeir. So gimg es geraume Zeit, bis langsam die Opfer zur Eirrsicht karrren. Sie sahen ein, dass ein Metzgerknecht sie doch nur — zur Schlachtbank führen könne. Die galizische Judenschast ist zu der Erkenntnis gelangt, dass sie in die politische Lohnsklavmei der sie ausbeutenden Schlachta nur dadurch gelangen konnte, dass Antreiber aus ihrer eigmm Mitte sie mit gleißenüm Worten bethörten, und sie, wo es nicht mit der bloßen Ueberredung gier:g, auch mit den Mitteln der Gewalt in die Dimste der übermüthigm Herren trieben. Und das erste war: sie begannm — langsam zwar, aber sicher — rnit aller Macht die Arrtreiber aus dem Wege zu räumen. Diese Lmte bekamen immer häufiger die Wahrheit zu hören: sie sollten ihre selbstischen Zwecke nicht hinter, das Märrtelchcn der Förderung der Wohlfahrt anderer stecken. Bald werden diese unehrlichm Makler ganz um ihr Geschäft gekommen fest:: Denn beide Kunden entziehen ihnen das Verträum. Und. dann werden die vielen den wenigm die Dimste kündigen. Für sich selb st werden sie den Lohr: ihrer Arbeit beanspruchen, rurd rvenr: der galizische Jride fürderhin das Capital seiner politischen Kraft auf den Markt des öffmtlichen Lebens trage:: wird, so wird er den Gewirm nicht mehr in fremde Tascher: fließer: lassen. In den Städter: und ans dem Lande wird er Bundesgenossen finden. Aber er wird, nngedenk dessen, dass ränge gmug die Procente für die Taschen der Zlvischenhändler von seinen: Gelde bezahlt wurdm, stch nicht mehr als ein Werkzeug in den Händen einer Parte: gebrauche:: lassen, sondern: wenn mar: seine Bundesgerrossenschaft sucht, sich zu einer Mitarbeit im Kampfe gegm : Leben von einer kindlichen Heiterkeit der Seele. Auch r: ganzes Schristthrin: offmbart uns eir:e optimrsstsche rnndnote; er will den Schmerz förmlich durch die intellecelle Analyse zerstöre::; — die Menschen sollen sich den: inen Derrken ergebe::, un: heiter zu werden. Seine Lrebe . Gott ist eigentlich nur eine einzige große lebmsbeMMde erspective, dazu geeignet, un: das Leben der Mmschen ögtichst viele Augenblicke zu verklären. Mrt Reckst hat ch o P e n h a u e r , der große Phckosoph de» Pesstm:»- us, auf den ewig heiteren Spirwza hii:gew:esen rmd nut oßer Jnstinctsicherhcit ein echtes jüdisches Elen:ent hrerrrr kannt. ^er Socialismus, den: gerade rnrter den Zeitgenossen viele Inder: huldigen, ist ebenso der Optirrüsrnus großm tiles der Gegeiüvart, wie die Messias-Idee der Optrnnsus großen Stiles der Vergangenheit ivar. Socialisrnus ,d Äcessias-Jdee weisen eine r:r:d dieselbe psychologyche rrnrdrwte auf: Heller, fester, unterschütterlicher Glaube, rerrsbejahender, leberrserfüllerrder Glarrbe, das 'st^hrer e dort der Wescnszug. Derselbe Jude, der irr: alltaglrer: Geschäftsleber: durch Huudert rmd tauserrd Schwrengten niernals verzagerrd sein: „Gott lvird nur Helfer:' istert — derselbe Jude glaubt mit alle:: Organen ferne» esens darar:, dass der Allmächtige nicht rurr ihrr, sonderr: ch sein Volk, seine Rasse, rrie verlassen kann. Und m: rcialisnurs Nneder dieselbe psychische Nuance: ,velsei:fester 'arrbe. an eine bessere Zukrrnft, gepaart mit der lleberzm- ,:g von der Nichtigkeit einer bestirnirrter: socialwrrtschaft-;)c:: Organisatiorrsforrn! . . n Dieselbe:: Wertungm, mit welcher: dm Jude rrn allstichen Glarrben ar: das rein Geschäftliche heranträt, droben Wertnngen errthält in directm Verlärrgerrrngslrme s Messias-Ideal, und wiederum dieselbe:: Wertungen mnm, gleichsam von einem anderen Rhythmus der Em-