Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 8. November 1901 Seite 3 Herr Dr. Thon ist Galiziauer, keimt er diese Geschichten nicht? Was aber in Krakau seit einer Reihe von Jahren vorgegangen ist, das spottet jeder Beschreibung. _ Die Juden verfügen über den dritten Theil der S-timiueu bei jeglichen Wahlen, und da die christlichen Parteien, die Clertcalen lmd Denwkraten, ziemlich gleich stark sind, so ist es selbstverständlich, dass die Judeil das Zünglein an der Wage bilden und nur. diese Partei siegen kann, mU welcher die Juden Zusammengehen. Nun hat sich in Krakau unter den Inden eine Agitatorenbande gebildet, welche für Geld jüdische Stimmen bei den Wahlen kaufte und verkaufte. Keinem der christlichen Caudidateu hätte es geträumt, sich mn jüdische Stimmen ehrlich zu bewerben; die Partei, welche mehr zahlen konnte, kaufte sich einige Agitatoreil und schickte sie um Stimmen nach „der Türkei" (so nannte mall bei Wahlen das Judenviertel). Ein, sagen lvir, „Ungenannter" unter uns erkannte bald, dass er da „.Regierer" nird ein bedeutender Nimm werden kanil. Er bemächtigte sich der Cultusgemeinde, stellte all denen Spitze den Herrn Dr. Horowitz und organisiere die Wahlagitatoreil. Nicht diese giengeil von mm all zu den Caudidateu, sonderil „der Regierer". Eill Akeister in seiner Kunst, war er bald ein bedeutender uild gefährlicher Mann. Durch lauge Jahre koiulte imr der ein Mandat in die Halldelskammer, in den Stadtrath, in den Reichsrath und Laildtag -- ja iit den Enltusvorstand — exianQcn, der dem Regierer genehm war, lmd komisch lvirkte eS zu sehen, wie die besten Lellte, ob Christen oder Jllden, wenn sie sich lml eiil öffentliches Mandat bewerbeil wollten, vor allem zmil Herrn „Regierer" wandeln mufften. Wehe dem, der sich ihm widersetzte; da half uild lvar kein Weg nach Canossa. Natürlich hatteil da die Juden jegliche politische Bedeutung verloren; man kaimte nur den einen Ungenannten und wenn mail seiner sicher lvar, bann waren die jüdischen Stinnneil gekallst. Als wahres Curiofmn lvill ich ailführeil, dass zur Blütezeit des „tlilgenannten" allch die reichsten Inden ihre Stimmen bei Wahleil verkauften, indem sie die Wahllegitimationeil ihren armen Angehörigen schenkten, bannt sie diese an die Agitatoren verkaufeil. Es ist selbstverständlich, dass in sülchen ungesunden Verhältnissen so manches geschah, was sollst nicht geschehen könnte; in eirler Stadt lvie .Krakau, welche über 25 000 Jllden zählt, uild die zweitgrößte jüdische Gemeinde ül Galizieil ist, sitzeil in nlanchcn localen Vertretmlgskörperll unter andereil and) Juden, welche gewiss dahin nicht passen. Im Jahre 1805 geschah ein Wuilder. Der Director der hiesigeil Gewerbeschule Jan Rotier, ein echter Delnokrat lind einer der tüchtigsteil Leute in unserer Stadt, wollte Laudtagsabgeordueter. werdeil, lvar aber arril. Er entschloss sich, zil beit Juden zu gehen Mld ohne Geld ihre Stimmen zu verlangen. Wir versammelten die jüdischen Wähler im. Local Keller am Kazimierz i Judenviertel) und das erstemal seit der Collstitlitionsaera geschah es, dass eill christlicher Cam didat in einer rein jüdischeil Versamnlluilg das Wort ergriff lmd seill Programm eiltwickelte. Rotier hat sich seit jener Zeit die Herzeil der Judeil gewonnen und ist hellte ein Liebling des jüdischen Volkes in Krakau, welches ihm das Reichsraths-, Landtagsuild Stadtr.aths-Mandat verschafft hat. Am nächsten Tage nad) dieser Versammlung war zu lesen, im „Ezas", dem Organ der Stanozyken-Partei und der Herren Dr. Horowitz mtd Dr. Thon: „Rotier iv a r bei d e n I u d e il, e r h a t de n p o l n i s ch e n N a m c n g e s ch ä il d e t, e r h a t sei n e M c n - s ch e n iv ü r d e v e r g e s s e n." Bei allen späteretl Wahlen habeil lvir mitgewirkt mld unser Möglichstes geleistet, um der Eorruption unter den Juden den. Garaus zl>. machen mld die Jlldeil von der clericalen Stanezykeil-Partei fernzuhalten. Im Jahre 1807 bei der Ersatzwahl in den Landtag waren wir nod) zu. schwach, und so gelang es bau Herr.il Dr. Horolvitz nnb delll „Nngenannten" durch die längst bewährten Mittel die Wahl des Clericalen Dr. Zoll durchzu setzen.. Wie sich dieser den Judeil dankbar zeigte, ist vielleicht nicht alleil bekannt; mm erinnere ich, dass derselbe D r. Z o l l i m I a h r e 1000 i m H e r r e n h a il s i il W i e n u il d i m g a l i z i s ch e il La n d t a g e di e a n t i f e in i t i s ch e u Int e r p e l l a t i o n e n , b e - t r e f f e li d de il I a l l A raten, ei lt b r a ch t e. Nach dem Jahre l 807 siegten bei jeglichen Wahlen die Denlokrateum.it Hilfe der Judeil und der Wahlschtuindel schielt so lailgsam zugrunde gehen zu ivolleil. Da entschlossen sich die Clericalen zu einer Heldenthat; die jüdischeil Stimmeil luaren für Geld nicht zu kailfen, mau offerierte somit den. Jllden ein Mandat unter der Bediilgung, dass die Juden für die Cleriealeir stimmeil. Zuerst bei den letzten Reichstagswahlen im Jahre!000; Herr Dr. Horowitz war scholl bereit zu ciididieren und zwar auf das Programm der Stauezykell, aber die Erregung bei den Inden lvar. so groß, dass Herr Dr. Horowitz zurücktrat nnb zwei Demokraten wurden in den Reichsrath gewählt. Da kamen die Wahlen in den Laildtag, in welchen Krakau vier Abgeordllete sendet. Die Elericalen gieilgen wieder zu den „Regiererll" und in aller Stille wurde eill Part geschlossen, nach welchem unsere jüdischen Eleriealeu sich verpflichteten, für die Wahl des Dr. Horowitz in den Landtag —- den christlichen Clericalen bei den Wahlen in beit Landtag und Stadtrath Gefolgschaft zu leisten. Die Bosheit oder die Dununeiht des Kahals war so groß, dass er sich verpflichtete, sogar den Demokraten Jan Rotter.wie gesagt, einen Liebling der Jiideu - bei der Laildtagswahl zil ftiirgen. Für ein Linsengericht hat man foniit die Juden ohne beten Wissen an ihre natürlichen Feinde, an die Elericalen ärgster Sorte, verschacherir wollell. Es geschehe jedem fein Recht; Herr Dr. Thon hat wacker mitgeholfen, er ist zil Versammlungen nnb Sitzmlgeu gelaufen, er hat gearbeitet. Die Herren wussten, dass die Arbeit sehr schwer sein wird, demr die Jlldeil werdeil für die Ctericalen nicht stiuuilell. Mau gebrauchte auch entsprechende Mittel. Scholl vor der Wahl wurde viel voll Creditentziehung ilud Steucrerhöhlmg gesprochen. Da die Wahl bei lllls noch mündlich ist, so beorderte man zu den Commissionen alle diejeiligell, vor welcheil die jüdischen Wähler Respect habeil lnüsseil, soulit Direetoren nnb Censoren der Bankinstitute, Steuerbeamte, Mitglieder der Steuercommissiou; vor afCen diesen Machtbaberll musste der Jiide mündlich wähleii. Bei delll ersten Wahlgange waltete die Neiuesis. Drei Elericate, ilatürlich Christell, wurdeil gewählt, Herr Dr. Horowitz limsste sich wegeil des vierteil Mandats einer neuen Wahl unterziehen und zwar mit niemand anderelll als ntit . . . Jan Rotier. Der Esseet war der, dass bei der zweiten Wahl 80 Pereeilt der jüdischen (Stimmen für — Jan .Rotier abgegeben wlirden. Ich gestehe, dass ich vor dieser zweiteil Wahl öffentlich bei eiiler jüdischeil Versammlung die von Dr. Thoil zitierten Worte gebrauchte: Es genügt heute lücht, ben coufessionnelleil Charakter des Eandidateu zu betoiten, deiin" sagte ich weiter -. „wenn ein Jude das Gewissen hatte, seine Brüder an ihre geschworenen Feinde . auszulieferu und einen speeiell allch lMl die Juden hochverdieilteil^Maim, dabei einen freiheitlichen Kämpfer, wie Raiter zu ,volle zu bnugeil, wenn man uns gedroht hat, dass die Juden mit Scorpiouen gezüchtigt werden, weliu mail den Muth gehabt hat, Voll ^teuererhöhmlg und Creditelstziehung zu sprechen, dann hat Dr. Horowitz fein Recht aus unsere Stimmeil und fein coilsessioneller Charakter bleibt mir belanglos." Uild weilil. Herr Dr. Thon diese meine Worte citied, warum vergisst er, dass bei dieser Versainmlung über 1000 jüdische Wähler zusammen lvareu lmd dass feine einzige Stimnle sich für Dr. Horowitz erhob? , So groß war die Erbitterlmg gegell die „Reglerer . Und'da kolumt Dr. Thoil und schreibt: „Die letzteil Wahlen bedcuteil auch eine Illiederlage der zionistifchen Arbeit." Ja, was meint denn Dr. Thon? Ist wirklich die Zionsidee von eiiler galizischen Laildtagswahl oder, vmll Mcmdat des Herrn Dr. Horowitz oder Dr. Byk abhängig? Wären wenigstens diese Herreil, Dr. Horowitz nnD Dr. Byk, Zionisten, ja Freunde unserer Idee! — Bel weitern nicht- - sie sind ja Polen mosaischer Religion, welche mls diesen Nationalislnus nie verzeihen wollen. Mir scheiilt die. Sache anders; die Juden auch in p o - l i t i s ch e. r Ri ch t u n g m o v a l i s ch z il e r - zieh e u , von. ihnen die elerieale Partei nnb allerhand unsichere Elemente fernzuhalten, die corruptionistischell , „Regierer" zu bekämpfeil lmd in den Cnltlisvorständen Ordnung eillzuführen, das ist Pflicht unser aller; vor altem aber obliegt diese Pflicht ben e h r l i ch e il Z i o n i st e il. Uild darlml bleibe ich bei den „Gallz-Schlechten". Klerye Chronik. Inirrnd. In zwölfter Stunde! Die Unterschriften für die Petitionen gegen die §§ »9 und 69 lanfen massenhaft ein; bis jetzt find beim Central- Comite über 2Z.999 Unterschriften ansgewrefen. Wir fordern mrsere Frerrnde ans, noch ihre letzten Kräfte anznspannen; die Aetion wird sicher nicht ohne Einfluss auf das Herrenhaus bleiben. Der „Jüdische Bolksverein" eröffnete mit 1. November 1001 feine Bibliothek und bietet seinen Mitgkiederil, für welche dieselbe zugänglich ist, eine neue Quelle zur Förderung und Hebung ihrer, inte 1 fec111eften Interessen. Der Vorstand erhofft eine rege Betheiliguug seitens der zur. Entlehnung Berechtigteil, mld gibt gleichzeitig die Bibliatheks-Qrdilllilg aliszligslveise bekallut: Die Bibliothek ist jeden Sonntag voll 0—10 Uhr vormittags uild jeden llllittwoch voll 0-~-7 Uhr abends für. Mitglieder des „Jüdischeil Volksvereilles" geöffnet. Für Abllützling der Bücher ist etile monatliche Enttehnuugsgebür van 40 Heller zil entrichtell. Es fann stets mir e i n Stück und für nicht länger als zwei Wochen entliehen werden.' Ein Erfolg der Jüdischen Wolkspartci. Ohne viel Aufhebens hat die Indische Voltspartei bei den jüngsten Wahlen in den ProsSnitzer Cultnsvorstand einen großen Erfolg errungen. Von zwölf Vorständen gehören acht der Volkspartei an, ebenso wie alle Ersatzmänner. Ein ausführlicher Bericht folgt. Jüdischer Schnlverein für den IX. Bezirk. Die Constituierung des Vorstandes findet am 10. d. M. statt. Die Anmeldungen der Schüler werden täglich vormittags von 11—12 Uhr bei den Herren I. Löwen st er,l, IX., Seegasse 21, und Ferd. Altriran n, IX., Pramergasse 17, entgegengenonlulen. Lehrerverein im zweiten Bezirke. Dieser auf humanitärem Gebiete äußerst segensreich wirkende Lehrerverein hielt am NI. October d. I. in Guths Restaurant seine diesjährige Generalversammlung, die sehr zahlreich besucht war, ab. Nach Erstattung des Nechenschafts- und Eassaberichtes wurde zu den Neuwahlen geschritten. In die Vereinsleitung wurden wieder-, respective nengewählt: Hermann Asche r, Obmann; Adolf Rosenfeld und Siegmund Kob ler, Obmannstellvectreter; Josef Weiß, Eassier; Josef Ster n, Samuel K o h n und M. B e r k n n, Schriftführer. In den Ausschuss : Irene U l lmauit, Isidor Faltitschek, Karl Ehrenfest, Rudolf Schlesinger, Josef F r i e d l, Jacob K a p p e l m a ch e r, Marcus H e r n f e l d und Leopold R i ch t e r. Zu Revisoren: I. K o r n st r e i ch e r und Josef F a l tst t s ch e k. Möge es dem Lehrerverein durch den Beitritt zahlreicher unterstützender Mitglieder auch in diesem Jahre möglich werden, seine hilfsbedürftigen Mitglieder, die sich zumeist aus präterierten jüdischen Lehrern recrutieren, in kräftiger Weise aus Lagen der Noth zn retten. — bi. Sitzung des Vorstandes der israelitischen CultuSgemeinde Wien. Präsident Herr kaiserl. Rath K l i n g e r eröffnet die Sitzung nach Constatiernng der Beschlussfähigkeit. Verlesung des Einlaufes und der Spenden. Der Präsident gibt Miltheilung von dem Hinscheiden des Amtsvorstandes Dr. Gustav Wiener und widmet dem Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf. (Die Versammlung erhebt sich.) Der Präsident theilt mit, dass die Herren Oberfinanzrath Dr. R a p p a p o r t und kaiserl. Rath Hirsch die Scontrierung der Aintscassa und der Kanzleigebarung vorgenommen und alles in größter Ordnung vorgesimden haben. (Bestall.) Weiters theilt der Präsident mit, dass von heute ab die Vertheilung der Armengelder direct seitens der Armenanstalt der Cultusgemeinde bewerkstelligt wird. Weiters bemerkt der Präsident, dass imt der Angelegenheit des Hilfspvedigers eine eigene Commission sich beschäftigen werde. Weiters berichtet der Vorsitzende, dass Dank der Intervention des Herrn Cultusvorstehers Doclor Alfred Stern ans dem Nachlasse des verstorbenen Dr. Freiherrn von Waldberg von dem Sohne desselben eine 600 Bände zählende hebräische Bibliothek der Cultusgemeinde zugewiesen wurde. (Beifall.) Herr Dr. Gustav 5tohn referierte über die Angelegenheit des israelitischen Bethausvereines Simmering. In diesenl Vereine bestanden Differenzen, die bald eine Auflösung des Veieines zur Folge gehabt hätten, nunmehr aber wieder ausgeglichen wurden. Oberingenieur v. Mises referiert über das Ältersversorgungshaus und Siechenasyl und erwähnt zum Schluffe, dass den Ausgaben per 132.000 Kr. nur ^,2.000 Kr. Einnahmen entgegenstehen. Dr. Gustav Kohn erstattet das Referat über den Verein „Tefilas Hanorinw und theilt mit, dass diesem Vereine angesichts seines ersprießlichen Wirkens 300 Kr. Subvention zugewendet wurden, für welchen Betrag Referent die nachträgliche Genehmigung, erbittet. Hinsichtlich des iveiteren Referates des Herrn Dr. Gustav K o h n^über eine dem „Esra Midrasch"-Bereine, beziehungsweise dem Leiter desselben, Herrn Leetor F r i e d m a n n, für den Verein zu errheilende Subvention von 1000 Kr. entspinNt sich eine Debatte und werden die Anträge des Herrn Oberbaurath T a u s s i g und des Herrn Dr. Stern, die Angelegenheit vor ein neues Vertreter-CollegiunÜtzn verweisen, angenommen.^ Nach Schluss der öffentlichen Sitzungavird in eine vertrauliche Vorstandssitzung übergegangen. Jubiläum. Aus Troppau wird uns gemeldet: Herr Rabbiner Dr. Blüh feiert am 21. November seinen 70. Geburtstag. Durch 23 Jahre wirkt Dr. Blüh sowohl als Seelsorger als auch als Lehrer der Jugend. Auf schwierigem Boden und zu schwieriger Zeit hat er es verstanden, seiner Person illchtung zu verschaffen, als auch für das Judenthum zu wirken. Bertrauensmänner-Versammlung. In -den Bericht über diese Versammlung hat sich ein Jrrtyum eingeschlichen; Herr Rector Schivarz hat nicht das Wort ergriffen, sondern Herr Meisels sprach die dem Herric Rector in den Mlnd gelegten Worte. Der neue Gemeindrath in Drohobycz hat sich, wie mair uns von dorr berichtet, bereits constituiert und den Landesadoocaten Dr. S ch e i n zum Bürgerineister und Herrn Jacob F e u c r st c t n znm Vice-Bürgermeistcr gewählt. Der 17. Jude. Die letzte Abgeordnetenivahl in den. ruigarischen Reichstag, welche am 27. October in Szentes statstand, brachte noch einen Indern den siebzehnten, in das ungarische Parlanient, nämlich Dr. A. M o l n a r, der mit 120 Stimmen. Majorität erwählt wurde. Dr. Molnar ist Jude, ivenigstens — dem Namen nach. Ausland. Lesser Ury. Aus Berlin meldet man: Seit langer Zeit hat sich wieder Lesser Ury entschlossen, eine größere Ausstellung zu veranstalten, die soeben bei Schulte eröffnet wird. Urys Ausstellung ist die erste historische, die er überhaupt öffentlich geboten bat. Man sieht aus dem Anfänge der 80er-Jahre, als in Deutschland kaum jemand auf Licht und Farben malte tmd die wenigen, die es thaten, nusgelacht und ausgehungert wurden, aus vieser Zeit sieht man eine ganze Reihe von Werken seiner Hand, die heute noch den Schimmer dieses Lichts und dieser Farben haben, wv wir heute solche Genüsse aus vollen Bechern zn schlürfen gewohnt sind. Von den Phanlasiebildern ist diesmal der gewaltige „Jeremias" ansgestellt, an dem U r y seit geraumer Zeit gearbeitet hat. Dieses Werk wird, ähnlich wie sein erstes, die „Trauernden Juden", die treffen, die für R a s s e in der Malerei ein Verständnis haben. Wenn man Jahr für Jahr die bescheidenen Bestrebungen wohlbekannter Maler sieht, aus historischen Stoffen große Horizonte zu entwickeln, so fühlt rnan sich hier wie^ einem Genie'gegenüber. Ury könnte für das alte Testament das werden, was U hd e für das neue ist. Wie in U h d e, dem großen Könner, ein neues Licht einporgeftiegeu ist über die socialen und menschlichen Dinge des Christenthunrs, so lebt in Ury die alte heilige Flamme des Orienls, der heiße Odem, der über die rauhe Erde streicht, die Rieseilgestalten elementarer Gschöpse vor dem grandiosen Hintergründe einer unerrnesslichen Weite. Sein „Jeremias" ist nicht der Theaterheld der Düsseldorfer, sondern er ist ein Stück der Erde selbst. Eine Creatur der Erde, liegt er znsammengekauert auf dem Boden, der nur seine dunkle Linie foctsetzt, ein geivaltiges Stück Elend, zerschlagen, zertrümmert, zertreten. Eine furchtbare Erscheinung. Dem nahen Menschen, der ihn plötzlich sieht, ein großer, tiefer Fluch. Und über dern Fluchenden wölbi sich der Nachthinnnel, der von Elvigkeit zu Eivigkeit in seinen ruhigen Tönen feststeht, ilud airs deru die Hellen Sterne herunterlächeln — uitverständlich dem Geschlagenen. B. Tolittbechntte. Man meldet aus Hamburg: Die Eräffiumg des „Jsrt'.clitischen Gcmeiiffchaftsheim, verbunden mir einer Lesehalle" fand gestern abends in feierlicher Weise starr. Dieses neue Jnstitur, ivelches sich bereits irr vieleir auswärtigerr Gemeindeir, uainerrtlich in Loirdorr und Wieir, gut beivährt hat, ist nach dem betännteri Toliiibee-^hstenr eingerichtet. Zur Eröffiniug hatteir sich auch viele Ehrengäste und Gönner des Unternehmens, n. a. die Herren Rabbiner Weiß, Dr. Grnnwald, in so großer Zahl eiligefunden, dass die Rärrnre des neuen Heims sich als viel zu klein erwiesen. Der Vorsitzende. Herr Gristab Tuch, begrüßte die Erfd)iencueu mit dem Ausdruck der Freude, dass so viele EJnstitlüiouen sich verbundeir haben, mn dieses gemeiirilützige Werk ins Leben zu nijtu. Das „Geineiuschaftsheim" verfolge hauptsächlich den Ziveck, die socialen Gegensätze anszngleicheir. Der Anfang zn dieseir Be-