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Jüdisches Volksblatt · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JfldkehM Volksblatt Nr. 43 Wien, Freitag 25. Octoker 1901 Seite 3 Minister die Bitte, dem Präsidenten des Wiener Oberlcmdesgerichtssprengels seinen Standpunkt klar zu machen und wenn er auch dann nicht pariert, ihm den blauet: Boqen zuzuschicken; denn ein richterlicher Beamter in einer derartigen hohen Stellung, mit solchen rückständige!!, verzopfter: Ansichten passt gar nicht für einen civilisierten Staat und darf weiter nicht inehr geduldet werden. Als Friedrich Graf Schönboru, der ja bekanntlich der conservativen Richtung angehört, Justiz-Minister war, hat er zu allererst jüdische Richter in höhere Rangsclassen avancieren lassen. Den: derzeit aintierenden Justiz-Minister Baron Spens-Boden, wird eine freiheitliche Richtung, eine liberale Anschauung, imputiert. Unter Graf Schönborn hätte es ein Oberlandesgerichtspräsident niemals getoagt, sich derart, wie Baron K'allina, zu prononcieren. Wir erwarten von Sr. Excellenz dem liberalen Jnstiz-Ministcr Baron Spens-Boden, dass er zumindest seinein conservativen Vorgänger, Grafen Schönborn, nicht nachstehe. Hoffentlich wird die Staatsanwaltschaft uns nicht in der Währung unserer heiligsten Rechte beirren wollen, denn wir würden dann ein anderes Forum finden, unser gepresstes Herz auszuschüttcn. Eine Niederlage des Eultnsvorstandes. Seit mehr als zwei Jahren wird bereits die Frage erörtert, ob nicht die Airstellung eines neuen Rabbiners für Wien nothwendig sei. Nun ist diese Frage plötzlich sehr dringend geworden, und der Cultusvorstand lud nach §,35 des Gemeindestatuts Abs. 20 (doppelte Anzahl der Cultusvorstände) angesehene jüdische Bürger für Sonntag den 20. d. M., halb 11 Uhr vormittags zu sich, um ihre Meinung darüber zu hören. Zu Beginn der Sitzung gab der Vorstand den Herren bekannt, dass einerseits infolge der ivachseirdeir religiösen und culturellen Bedürfnisse unserer Gemeinde, andererseits durch das hohe Alter des ehrivürd. Rabbiners Dr. S ch m i e d l eine Neuacquirierung eines Rabbiners sich als nothwendig erwiesen, und dass feruers Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n nur einen Aushilfsprediger, und zlvar als solchen. Dr. Feuchtivang aus Nikolsburg wünsche. Diese Merkwürdigkeit, dass sich infolge des hohen Alters des ehrlvürdigen Rabbiners Dr. Schlniedl Dr. Güdemann einen Aushilfsprediger wünsche, trat noch crasser zutage, als gleich darauf im Namen des ehrlvürdigen Rabbiners Dr. Schmied! die Erklärung abgegeben wurde, er wünsche nicht nur keine Aushilfe, sondern er wiirde sich auch eine solche auf das entschiedenste verbitten. Der Vertrauensmännerversammlung lag denmach zur Verathung der nicht ganz motivierte Wunsch des Oberrabbiners vor, Dr. Feuchtwang als Aushilfsprediger zur Seite zu haben. Da liegt denn doch bei aller Hochachtung vor den Fähigkeiten und der Begabung Dr. Feuchttvangs die Frage auf der Hand: Ist Dr. Fcuchtwang unico loco vorgeschlagen, wirklich der einzige, der imstande ist, von der Kanzel, wo einst Mannheimer, wo einst Jellinek gepredigt, zu sprechen? Gibt es vielleicht noch ausgezeichnetere Gelehrte oder, wenn auch nur ihm ebenbürtige, die in Vorschlag kommen könnten? Hat nicht ein Einzelvorschlag einen fürchterlichen Beigeschinack nach Protectionslvirtschaft ärgster Sorte? Dazu kommt noch eines: Wir wollen uns, was das Persönliche anbelangt, jeglichen Nrtheils über Dr. Feuchtwang enthalten, da wir uns nach einer einzigen Predigt, der Passahpredigt, die wir im Jahre 1893 von ihm gehört, kein Urtheil anmaßen, Wohl aber fällt das damalige Gutachten des Rabbinatssennnars — es handelte sich um die Anstellung eines Rabbiners für Ottakring ■— ins Gewicht und dasselbe lautete gegen ihn. Rorna locuta est — der Papst, nein, Oberrabbiner Dr. Güdemann hat gewünscht und siehe, die Vertrauensmännerversammlung spricht sich fast einstimmig gegen die Art und Weise, wie sich unser Oberhirte gleichsam seinen präsumtativen Nachfolger selbst bestimmen will, aus. Man versucht vor: gewisser Seite, diese principielle Wahrung des Rechtes der freien Wahl, das principielle Verlangen nach einem Ternovorschlag und Anhöuing von Probeprcdigten als Beleidigung für den Oberrabbiner hinzustellen. Es ist vergebens! Der Präsident versucht, eine Beschlussfassung zu verhindern und verspricht, dass sich der Cultusvorstand, der nach Anhörung der Vertrauensmänner darüber zu entscheiden hat, nach dein Unliebsamen, was er vernommen, richten werde. Es nützt nichts! Bezeichnend für unsere Geineindezustände ist es zwar, dass sich der Vorstand überhaupt mit einem solchen Vorschläge herauswagt. Aber es scheint, dass die alte Energie- und Interesselosigkeit für Geineindeangelegenheiten im Schwinden begriffen ist. Mit allen gegen zwei Stimmeir wurde der Antrag Dr. Fiallas zum Beschluss erhoben: Die statutiuäßig einberufene Vertrauensmännerversammlung erwartet, im Princip einer: Hilfsprediger ablehnend, einen Ternovorschlag für die Besetzung einer Rabbiuerstellc in: ersten Bezirk und entsprechende Probepredigten. Mir scheint, als ob diese Niederlage des Cultusvorstaudcs nur auf eine falsche Auffassung eines Wortes der deutschen Sprache zurückzuführen ist, des Wortes „Vertrauensmann". Die letzten Sonntag eingeladenen Vertrauensmänner glaubten, sie wäre:: als Männer, die, das Vertrauen soundsovieler Glaubensgeiwssen besitzend, in einer wichtiger: Airgelegenheit ihre Meinung zu äußern berufen lvorden; anders die Auffassung des Cultusvorstandes, der unter Vertrauensmännern Leiste versteht, die unbedingt Vertrauen schenken, Vertraue:: den: Dr. Güdemani:, wenn er sagt: „Dieser Dr. Feuchtwang und kein anderer soll und kam: mich vertrete::", Vertrauen dem Vorstand, dass er ohne Festlegung der Ansichten der Vertrauensmänner einen Beschluss fassen werde. Darum ist die Pflege religiöser Gefühle, die Erhaltung der überlieferten Vorstellungen Pflicht und Gebot; und so ist die Religionsnorm im Judenthum zugleich auch Rechtsgesetz. Sehen wir schon hier im Religiösen das Recht, im Sittlichen die Ausgestaltung des nationalen Rechtsbewusstseins untergebracht, so ergibt sich schon hieraus vorläufig die Einsicht, dass das Judenthum nicht ausschließlich Religion sei im allgemeinen Sinne, dass vielmehr im engsten Zusammenhänge mit der aus der Gottesanschauung sich ergebenden Sittlichkeit sich etwas auch ergibt, lvas über den Nahmen der Beziehung auf Gott hiuausgeht. Dass wir aber auch Socialwissenschaft neben Recht und Medicin im jüdischen Schriftthum als wesentliche Bestandtheile des Judenthums finden, bestätigt diese unsere Erkenntnis, wiewohl wir über das Antreffen dieser Materien im Judenthum nicht erstaunt sein dürfen, da ja das gesammte Gesetzeswesen im Streben nach Vollkommenheit seine Grundlage hat. Diese Eigenart des Judenthums, seine Regelung der gesummten Lebensführung, zeigt aber nicht bloß, dass das Judenthum nicht ausschließlich Religion ist, sondern dass es eine gewisse Summe mehr oder minder abseits liegender Momente in sich begreift. So ist die Bcthätigung des Gottesgebotes überhaupt eine nationale Pflicht. Ob auch das Ziel, die Erreichung der Heiligkeit durch Versittlichung, allgemein menschlich ist, so ist dennoch der Jude nur zu Gefolgschaft dem Gesetze gegenüber verpflichtet. Nicht als ob er ausschließlich dazu berechtigt wäre.*) Und Resch Lakisch erkennt, in einem Ausspruche des Talmud, ein derartiges Bestreben auch beim Fremden an. Allein verpflichtet ist nur der Jude dem Gesetze. Ilnd ivill der Fremde au religiösen Bräuchen thätig theilnehmen, so muss er sich vorher dem religiös-nationalen Gesetze unterstellen. Mehr noch ist die jüdische Geschichte Zeichen und Zeugin der inneren, tiefgreifenden Verquickung des Religiösen und Nationalen im Judenthum. Wäre das Judenthum ausschließlich Religion gewesen, so wäre es zlveifellos auf gleichen Wegen durch die Geschichte gezogen, wie irgend eine andere große Religion. Es hätte niemals außeracht gelassen, alles Mögliche und Erdenkliche für seine Propaganda zu thun; es hätte wohl auch Feuer und Schwert nicht gescheut, um der Wahrheit die Straße zu bahnen. Nicht aber, tvie es in der That ist und mit geringen Ausnahmen in der Hauptsache stets gewesen ist, nämlich dem vereinzelten und privaten Proselhstenthum sogar abhold. Nichts^ anderes als das Nationale — und verstehen wir für diesmal darunter die Summe alles Nichtreligiösen im Judenthum — das Nationale war es, das dem Judenthum seinen von dem in der Geschichte aller anderen Religionen abweichenden Weg vorgeschriebe«: hat. Dürften tvir es nun als erwiesen erachten, dass unter voller *) Von einer vereinzelten gegentheiligen Ansicht abgesehen. Wahrung der Voraussetzungen das Judenthum außer Religiösem auch Nichtreligiöses enthält, so erscheint jetzt die Frage zunächst- Nachstehend der Sitzungsbericht: Nach Eröffnung der Versammlung durch kaiserl. Rath Klinger gibt Herr M e i s e l s die obenerwähnte Erklärung Dr. Schmiedls ab, dass sich der allseits beliebte, hochehrwürdige Rabbiner eine Stellvertretung nicht wünsche. Hierauf führt Rector Schloarz in längerer Polemik gegen den Vorschlag Dr. Güdemanns an, dass sich Dr. Feuchtwang wissenschaftlich bisher nicht bethätigt habe, daher für Wien, die größte Judengemeinde Mitteleuropas, nicht passe. Gemeinderath Zifferer spricht gegen die Art und Weise, wie sich Dr. Güdemann einen Nachfolger bestimme, ebenso wie der folgende Redner, kais. Rath Lichtenstadt. Ein trauriger Pro- Redner meinte nun unter schallender Heiterkeit, vor allem müsse Dr. Feuchtwang angestellt werden, dann könnte man ermessen, ob er etwas kann oder nicht. Dr. Mercell Hoffman spricht sich ebenso wie Dr. Schreiber gegen die Bestellung eines H i l f s rabbiners aus, der dadurch natürlich in Abhängigkeit vom Oberrabbiner käme. Professor Dr. David Müller lobte Dr. Feuchtwangs Fleiß und Fähigkeiten und liest einige deutsche Urtheilsstimmen über ferne Predigten vor. Ein zweiter Pro-Redner vergleicht die Anstellung cirres Rabbiners mit der Acquirierung eines Ladenburschen in seinem Geschäfte und tritt dafür ein, dass ebenso wie er auf seinen Procuristen in eirrem solchen Falle, die Gemeinde auf ihren Procuristen Dr. Güdemann, hören solle. Nachdem rroch Herr Dr. Fialla und Herr Steiner contra gesprochen rind Herr Hofbauer eine energische Verwahrung namens der Orthodoxen abgegeben, bekam ein älterer Herr plötzlich einen Anfall von Mitleid und drückte dem fliegend: Wie ist dies Religiöse selbst beschaffen? Trägt nicht vielleicht auch dieses ein nationales Gepräge? Wenn wir zunächst unserem großen Propheten Jesaia das Wort geben, so scheint es, dass der geradezu nichtnationale Charakter des Judenthums eriviesen sein würde. „So spricht der Ewige: Bewahret das Recht und übet Gerechtigkeit .... Und nicht spreche der Sohn der Fremde, der sich dem Ewigen anschlicßt, also: Der Ewige wird mich aclsschließen aus seinem Volke . . . Denn also . spricht der Ewige: Ich werde ihnen in meinem Hause ein Denkmal : stiften .... Und die Sohne der Fremde, die sich dem Ewigen an- > schließen, ihm zu dienen und den Namen des Ewigen zu lieben, ihm! Knechte zu sein, jeder, der den Sabbath wahret, dass er ihn nicht eict-; weihe, und die festhalten an meinem Bunde — sie werde ich bringen : nach meinem heiligen Berge und sie erfreuen in meinem Bethause, ihre Ganzopser und ihre Schlachtopfer werden gnädig ausgenommen auf meinem Altäre; denn mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Voller." Diese Schilderung des Judenthums trägt allerdings ein mehr kosmopolitisches Gepräge, als sie auf den ersten; Blick auch nur zulassen könnte, national gedeutet zu werden. Nichtsi destoweniger würde man die kosmopolitische Mission Israels, wke * sie der Prophet hier schildert, missverstehen, wollte man in ihr ettvas I anderes erblicken als die vollkommenste Ausgestaltung des Religiösen — Ivie cs das Judenthum versteht — selbst. Die vollkom- «enste Ausgestaltung, die eben die weitgehendste Humanität, die Übermittlung der jüdischen Heiloffcnbaruug auch an den Fremden, an alle Menschen in sich begreift, schließt darum noch keineswegs die nationale Grundlage des Religiösen aus. Denn diese jüdische Weltanschauung hat wohl zwei kräftige Säulen zu Stützein die das specifische Religionsgcbäude tragen: Die Einheit Gotteö und die Einheit der Welt, welcher der Einzelmensch gegenübersteht, also die Einheit der. Menschheit. Doch ist letztere, die Einheit der Menschheit, keine andere als in Beziehung auf Gott! Der Gottesbegrisf des Judenthmns ist es, der über die nationalen Schranken hiuausgeht, nicht aber das Religiöse an sich. Und hierin liegt der bedeutendsten Gegensätze einer Zwischen dem Judenthum und irgend einer Religion des Alterthums. Gott als der Einig-Einzige kann unmöglich Natiünalgott sein; denn mit der steigenden Erkenntnis und der Vertiefung der religiösen Idee schwindet die nationale Abgrenzung des Gottesgedankens. Auch der Gottesbcgriff des Judenthums freilich hat seine wechselvolle Geschichte, ehe er aus den nationalen Anfängen — die er später lvohl vervollkommnen, niemals aber negieren konnte — unter dem führenden Geiste der Propheten die Volksseele mit solcher Kraft durchleuchtete, dass Israel vom Propheten zum „Lichte der. Nation" bestinunt und befähigt sein konnte. Aber Israel ist es doch wieder, das nun seinen Gott als den der Welt und aller Völker anerkennt. Israel hat den Völkern nicht seinen Gott gebracht, sondern ihren Gott, der als Einzig- Einer der Gott aller Menschen ist, ihnen offenbart. .(Schluss folgt.) Vorstand seinen herzlichsten Dank und sein unbegrenztes Vertrmlen aus. Mt der Annahme des Antrages Dr. Fialla, wie oben berichtet, schloss diese denkwürdige Versammlung. Chronik. Inland. (Wir mache« unsere Leser auf die neue volkSwirtschaftli che Rubrik aufmerksam.) Etwas v»m Wiener Bolksgeifie. Lieber Freund I Du staunst darüber, dass die jüdisch-nationale Belvegung nicht größere Fortschritte macht. Ah, man sieht, dass Du Wien nicht kennst, dass Du die dichte Wolke bon Stumpfsinn, die auf Wien lagert, nicht siehst. Gieng ich da jüngst in der Kärntncrstraße spazieren; ruhig und gleichmäßig wie die Wellen der Donau floss der Strom der Passanten. Plötzlich gerieth er in Stockung, es bilden sich Strudel und Wirbel, in die ich selbst hineingerissen werde. Und was ist die Ursache der allgemeinen Aufregung? Ztoei hochgeivachsene Exemplare der Species Homo sapiens, Mann uird Weib. Nun, sie waren wirklich groß, sie überragten ihre Umgebung um zwei Kopfeslängen. Aber Du hättest die Aufmerksamkeit sehen sollen, die sie erregteil l Der Flaneur blieb stehen und gaffte init offenem Mrmde dieses Weltwunder an, gegen die erste Regel des Flaneurclnbs: Erstaune über nichts; der Dienstmann vergaß des Tages Müh und Arbeit, die Jungfrauen und jungen Frauen vergaßen das Aeugeln und die Officiere „Ferd" und Weiber, die Vertreter des Franz Josefs-Ouai und des Schottenrings die letzten Course und das letzte Falliment — alles drängte sich um die großen Fremden, so dass sie nicht ruhig die Straße passieren konnten. Frage aber einmal diese Blüten vor: Wien, nach den Großen im Geiste, die Wien einschließt, und Du wirst aus den halb frechen, halb verlegenen Antworten ersehen, tvie dunkel es in den Wiener Gehirnen ist. Du findest dieses Urtheil zu hart; ja, da musst Du einmal gesehen haben, mit welcher Ehrfurcht und mit welchem Respecte der süße Pöbel einen k. u. k. Hofwagen umsteht. Fürchte nicht, ich werde mir keinen Majestätsbeleidigungsprocess auf den Hals laden; ich habe genug an anderen Processen. Denn dieser Hofwagen, den meine Bürger und Bürgerinnen belagern, ist leer, die Majestäten sind eben abgestiegn, aber die Ehrfurcht und der Respect sind geblieben; wie zu einem heilspendenden Götzen schauen die Umstehenden zu dem — Kutscher, der mit tadclloserGrandezza auf dem Bocke thront, empor. Du musst einmal gesehen haben, wie ein jedes Pferd, das zu Falle kam, einen kleinen Volksanflanf erzeugt. Du musst einmal mit mir in einein WienerLezirkscafe gewesen sein, um zu wissen, welche Sorgen diese Leutchen von Grunde eigentlich haben. Waren jüngst die tapfern Kämpfer ans China in Wien; init welchem Interesse debattierten da die Kauflente und Agenten, Gevatter Handschuhmacher und Schuster über die — Farben der Litzen, die die ostasiatischen Soldaten trugen. Lueger war vergessen, der Antisemitismus war todt. selbst die letzte Rede Victor Adlers interessierte nicht — ja, Du wirst es mir nicht glauben, aber ich kaim es beschwören — die Leutchn verspäteten sich bei den unterschiedlichen Tarok- und Klabriaspartien. Immer muss ich mich an eine Scene erinnern, die sich m einem Leopoldstäder Cafe abspielte. In einem jüdischen Vereitle hatte ein Redner, dessen Name einen europäischen Klang hat, eine Besprechung angesagt mit dem Thema: Die Lage d'er Wiener Juden. Der Vortrag fand in einem separierten Saale statt. Der Saal war sehr mäßig gefüllt. Da drairßen aber saßen in den anstoßenden Billard- und Spielsälen Hunderte von Staimnesgeilosse», deren Interesse an dem Redner nicht stark genug war, sie von der geliebten Kartenpartie loszureißen und die paar Schritte in den Vortragssaal machen zu lassen. Damals erschrak ich über die Größe unserer Aufgabe. Diese indolente, degenerierte Masse sollen wir zu unseren Idealen bekehren! Das ist ein hartes Strick Arbeit, lieber Frerind, und man muss die lieber Wiener keinren, n:n unsere Erfolge richtig einzuschätzen. Dein Freund Ben Joschuah. Im Zeichen des Kreuzes. An den einstigen Linienwällen Wiens bricht sich die Moderne. Was die Kurrst uttd das Leben Neues gebracht hat, verliert da draußen seinen Klang, und das Theater, das in seinem Wappen die Zahlen 1848—1898 trägt, hat die Zeit zwischen diesen Jahren mit sammt ihren Errungenschaften verwischt und plaidiert zum Zorne der bösen Moderne, die nicht christlich, nur social ist, für die Kunst des Vormärz, wie sie von Komödianten auf der Wnnder beim seligen Schtvender geübt wurde. Doch nicht davon wollte ich sprechen. Nicht sprechen von dem Wert oder Unwert eines Stückes, das in crasser Effekthascherei noch nicht Dagewesenes leistet; nicht den erheiternden Eindruck schildern, den eilt Nero hervorbringt, der seiil „Ha, Ha" einem Helden der Schmiere zum Trotze brüllt, nicht lachen über einen Liebhaber, dessen einziger Befähigungsnachweis für erste Rollen darin zu liegen scheint, dass er einen ausfallenden Sprachfehler besitzt; und wenn!vir gegen die Herren keine strenge Kritik walten lassen, so müssen wird doppelte Nachsicht gegen die Dmnen üben, welche die dreifache nöthig haben. Bon etwas anderem wollen >vir hier sprechen. Die Bühlle soll ein abgekürzter Spiegel des Lebens fein. Welche Bilder erblicken nun die „Vereinigten Christelt", die den schönen Saal des Jnbiläurnö- Stadttheaters bevölkern, welche Aehnlichkeiten, mid welche Gegensätze? Uns tvill es bedünken, dass die Christen von heilte, rvelche die Bänke des Theaters drücken, verflucht wenige Aehnlichkeiielt mit ben Urchristen haben, die auf der Bühne declamieren. Uttsere lieben Antisemiten spielen sich auf die patentierten Christen ans; sie liebelt aber nicht nach der Lehre von Christus, die, welche sie hassen, sondern sie hassen die, welche sie lieben möchten; sie thun iticht lvohl betten, die Uebles thun, sondern sie thun Uebles denert, die oft wohlgethan haben; sie sättigen nicht die Hungrigen, sondern sie suchen ben Hungernden das letzte Stück Brot tvegzunehmen; kurz, sie thun nach dem Spruche: Handle gegen Deinen Nächsten so wie Du willst, dass nicht gegen Dich gehmtdelt wird. Also mit diesen Christeti haben unsere lieben Mitbürger keine Aehnlichkeit; vielleicht rührt dies davon her, dass eben die ersten Christen — Juden waren. Dagegen finden wir eine verflltchte Aehnlichkeit zwischen ihneit und den Heiden des alten Rom. Schon im Beginne des Stückes, als die beiden Sykophanten sich zuraunen, dass die Christen kleiite Kiitder ermorden, glaubt mait sich mitten in eine christlich-sociale Ver-

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