Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. Oclober 1901 Nr. 42 »rdnete Dr. Ernst Sandor wurde einstimmig geivählt. Noch vor Wenigen Wochen hat bekanntlich Dr. Marhot 070 Stimmen gehabt, diesmal blieb die liberale Partei ohne Candidaten. Ouae mutatio rernml Einen überaus heißen Wahlkampf gab es in Nagh-Tavolcsany. Die durch die Geistlichen fanatisierten Wähler der Nolkspartei kamen mit Waffen, mit Revolvern zur Wahl, und als Stuhlrichter Znamenak behufs Ueberwachung der Ordnung in das Lager der Volkspartei gieng und dort mit einem schwerhörigen Bauern laut sprach, wurde er überfallen, blutig geschlagen, schwer verletzt und musste vom Platze getragen werden. Einige Bajnaer Bauern, welche der Thäterschaft überführt werden konnten, wurden verhaftet. — Die Wohnung des Lehrers Fürst Ivurde von der Volkspartei gestürmt unter dem Vorwände, dass Fürst mehrere der Volkspartei angehörende Wähler gefangen hielt. Natürlich tvar von dem Gerede kein Wort tvahr, was jedoch nicht verhinderte, dass Fürst und seine Familie insultiert und deren Habseligkeiten zerstört wurden. Das Ergebnis der Wahl Ivar für Dr. Szulyovßky Dezsö 1116, für Janda 857 Stimmen. Als crwähncnswerth wollen wir noch bemerke», dass Dr. Szulyovßky bereits vor vier Wochen die Fahl seiner Wähler mit elfhundert taxierte. In Ersekujavar ist nach langem 25stündigem Wahlkampfe Dr. Timon Akos mit 708 Stimmen unterlegen, gegen den Candidaten der Volkspartci, Dr. Kovacs Pal, auf welchen 1217 Stimmen abgegeben ivnrden. Am 2. Oktober um 10 llhr coursicrte hier ein cmö Ersekujvar hierher gelangtes Telegramm, welches die Nachricht brachte, dass in Ersekujvar der liberale Candidat Dr. Timon Akos von seiner Candidatur zurückgetrctcn ist und Dr. Ko^ vacs Pal von der Volkspartei einstimmig zum Reichstagsabgeord-- neten gewählt wurde. — Gegcii 5 Uhr aliends kam eine zweite Depesche, welche die Schauermär brachte, dass in Ersekujvar unter den Wählern beider Parteien eine blutige Rauferei ausgebrochcN ist, demzufolge die Wahl sistiert werden musste; ein drittes Telegramin wieder meldete, dass die Wahl wohl nicht sistiert wurde, dass man jedoch die Wühler der Timon-Partei drangsalierte, im Verkehr behinderte und dass die Timon-Partei aus diesem Grunde die Suspendierung der Wahl forderte, — als diesem Begehr jedoch nicht Folge geleistet lmirde, zog die Partei ihre Vertrauensmänner zurück und gieng mit 300 Wählern lveg. Dieses Gerücht verbreitete sich in unserer Stadt mit Windeseile. Wir sandten am anderen Tage einen unserer Mitarbeiter nach Ersekujvar, um den ivahren Sachverhalt zu erfahren. In Ersekujvar angelangt, wollte er den Wahlpräses Dr. Ozoray Josef und den zweiten Präses Dr. Dohrncmn über das nach Nyitra telegraphisch gelangte Gerücht ausholen, da aber die Wahl erst am 3. Oktober um 0 llhr morgens beendet wurde, pflegten beide Herren und sämmtliche andere Mitglieder der Wahlcommission der wohlverdienten Ruhe und so blieb denn unserem Mitarbeiter nichts anderes übrig, als sich bei anderen glaubwürdigen Personen beider Parteien Auskunft zu verschaffen. Diese Herren »raren alle sehr erstaunt über das Gehörte und konnten nicht begreifen, wie ein solches falsches Gerücht verbreitet werden konnte, denn die Wahl vollzog sich angeblich in lkhönster Ordnung und in korrekter gesetzlicher Form. Einige Bursche aus beiden Lagern kamen um die Mittagsstunde in weinseliger Laune zusammen, tanzten miteinander, je eine Weinflasche in der Hand, waren übermüthig, schleuderten die Flaschen zu Boden,, so dass sie in tausend Scherben brachen; sonst aber geschah keinerlei Schaden. Die ganze Schauermär, welche durch sämmtliche Blätter die Runde machte, mag der Eingebung eines sensatioushungrigen Reporters zu verdanken sein. — klebrig ens mag registriert werden, dass Dr. Timon in Eözdögh —■ als er dort seine Programmrede halten wollte — ein ähnliches Amazonen-Spalier fand, wie ein anderer Candidat in einem anderen Bezirke unseres Komitates, und dass Dr. Timon, von diesem nach volksparteilichem Recept vorbereiteten Empfang nicht sehr erbmit, abzog, ohne seine Rede zu halt-'n. In Vag-Ujhely, welchen Bezirk mehrere Reichstagsperioden hindurch Vietoriß Miklos vertrat, ist es nur unter größten Anstrengungen gelungen, den bisherigen -Abgeordneten mit einer Mehrheit von 72 Summen durchzubringen. Die Volkspartei, welche sich auch hier mit den Panslaven vereinigte, bot alles auf, um auch diesen Bezirk der liberalen Partei abzubringen und ist es in erster Reihe das Verdienst des dortigen Advocaten Dr. Sonnenfeld und Dr. Füredi, dem Candidaten der liberalen Partei zum Siege verholfcn haben. _ In Szenicz gieng es recht gemächlich zu. Was wir vorige Woche vorhergesagt haben, ist buchstäblich eingetroffen. Wir sagten, dass die Candidatur Frideczkys dort nicht viel taugt, denn entweder die liberale Partei ist dort stark genug, dann müsste es Zmertych — der doch ein Szeniczer ist — umso eher möglich sein, zu siegen; ist die Partei jedoch zu schwach, nun dann wird sie «uch mit Frideczki unterliegen, trotzdem er einmal dort Oberstuhlrichter war. All dies ist buchstäblich eingetroffen. Wesselovßky er- . hielt 1104, Frideczky blos 752 Stimmen und ist man in Kreisen der dortigen liberalen Partei über diesen ungeheuren Vorsprung der von der Volkspartei unterstützten Panslaven förmlich konsterniert. Ein anderes Resultat als das erzielte war übrigens bei der Kopflosigkeit, mit welcher auf liberaler Seite gearbeitet wurde, gar nicht möglich. Der Reichstag war schon aufgelöst, und für Szenicz ist kein Candidat vorhanden; auf Betreiben des Schwiegervaters von Zmertych wird er als verloren geglaubter Sohn wieder in Gnaden ausgenommen; er erscheint hier am 21. September in der Sitzung des Centralausschusses als pa pabile, briirgt sich die Wahlcommission und sonstiges in Ordnung und genau zwei Tage später hat er wieder aufgehört, Candidat zu sein und wie ein deus er machina springt Fridiczky ein, ganz so, als ob es sich bloß um eine Quadrille handelte, wo ein Tänzer einspringt, damit nur eine Dame nicht sitzen bleibt. Und da faselt man einem von der Souveränität des Volkes, von der hohen Würde des gesetzgebenden Körpers und von einer wohlgeordneten Parteileitung! In Verbindung mit der Szeniczer Wahl erhalten wir von einem Freunde unseres Blattes in Jablonicz folgende Mittheilung: Es dürfte Sie interessieren, wenn ich Ihnen einen Fall mittheile, der sich am Szeniczer Wahltage hier in Jablonicz in den Abendstunden gegen 8 Uhr abgespielt hat. Die Frau des Oberstnhlrichters Dr. Szale und die Frau des Vezirks-Thierarztes Polonyi — um vor dem Wahllärm in Szenicz zu flüchten — machten in den Abendstunden eine Ausfahrt nach Jablonicz, woher sic nach kurzem...Aufenthalte ivieder znrückzukehren beabsichtigten. Als sie den Heimweg antreten wollten, wurden sie jedoch durch den Mob, darunter auch einige panslavische Wähler, welche durch den hiesigen Pfarr-Administrator Zseko Mihaly bis zum äußersten aufgehetzt waren, an der Weiterreise verhindert, man bewarf sie mit Steinen, so dass sie gezwungen waren, ninzurehreii und den hiesigen fürstlich Windischgrätz'schen Director zu ersuchen, sie wenigstens bis zur Hälfte des Weges bewaffnet zu begleiten, damit sie ihren Weg ruhig fortsetzen können und von Insulten geschützt seien. Die Leute sind hier so sehr aufgehetzt gewesen, dass man nicht nur -Männern gegenüber des öfteren Schlägereien provocicrte, sondern dass man auch schutzlose Frauen, die blos; ihrem Vergnügen nach- ^giengen, angriff und insultierte, weil das Volk auch in ihnen fiortese witterte. (>Jlv„ mm Neben der getreuen Schilderung des Lebens und Strebens eines jüdischen Autodidacten sind noch zwei Nichtunvgen in diesem Buche vertreten. Die radical-assimi- '1a torische und jüdisch-nationale. Das Buch ist zu einer Zeit geschrieben worden, da die Assimilation in hohem Ansehen stand und die ersten zionistischen -Anklänge von der jüdisch-nationalen akadeinischen Jugend vernehmbar Nmrden. Herr Wilhelm Feldmann gehört zu den Assimilatoren und macht verschiedene Anstrengungen, in diesem seinem Werke die Nützlichkeit und Nothwendigkeit der Assimilation und die Zwecklosigkeit und Absurdität des Nationalismus zu zeigen. Aber es gelingt ihm nicht. Nichts spricht so gegen die Assimilation, als dieses Buch selbst. Die Männer, die diese beiden Nichtungen vertreten, sind die beiden Brüder Ludwik und Moritz. Ludwik, der Schwärmer, der Idealist, ist der Assimilator, Moritz, der Ehrgeizige, der Selbstsüchtige — der Zionist. Da hat Herr Feldmann die Rollen ganz einfach verwechselt. Die Assimilation ist keine Idee. Eine Idee will etwas schaffen, nicht zugrunde richten, will etwas erzeugen, nicht vernichten, will etwas ins Leben rufen oder Halbtodtcs zum Leben wiedererwcckcn, aber nicht aufhcben und abtödten. Nicht in der Zerstörung der jetzigen Gesellschaftsordnung gipfelt die Idee des Socialismus, sondern m der Schaffung neuer socialer Zustände. Die Idee muss immer in positiver Form gedacht werden; und wie ist die Assimilation anders als negativ zu definieren: Aufhebung des jüdischen Nationalbewusstseins, Aufheben in anderen Nationen, Verleugnung seines nationalen Jchs, Aufopferung . . . Selbstmord. . . Der assimilatorische Geist, der Jizchok beseelt, ist übertragener Natur bloß und entspricht nicht der eigenen Ueberzeugung, die zuerst prüft, forscht, nachgrübelt, Confeguenzen zieht und dann den Entschluss fasst. Jizchok trägt keine Schuld. Diese Anschauung wurde ihm von Ludwik eingeimpft zu jener Zeit, da sein Hirn noch leer und für alles empfänglich war. Einen solchen unwissenden, im praktischen Leben unerfahrenen, kaum lebenskundigen Jungen sind schöne Worte schon zu überzeugen imstande. Hiemit hat Feldmann selber die Unzulänglichkeit und Absurdität der Assimilation gezeigt. Nur solchen leeren Köpfen vom Schlage eines kauni den Kinderschuhen entwachsenen Jizchok Gras kann die Assimilation als Idee gelten . . . Nach Herrn Feldmann bedingen den Antisemitismus bloß die jetzigen misslichen socialen und ökonomischen Verhältnisse. Der Antisemitismus bederite' nichts mehr als die Concurrenz der Autochthonen gegen die Fremden. Zeilen werden kommen, schmeichelt sich Herr F., der Hoffnung, nild'bessere sociale Zustände werden geschaffen werden und; tec Antisemitismus wird aushören. Bis dahin müssen Nur darauf bedacht sein, uns den Völkern anzupassen, mit derTradition zubrechen,allesJüdischenunszüentäußernund in allem ihnen zu gleichen. Zur Bekräftigung seiner Behauptung, Antisemitismus sei Concurrenz, erzählt er uns die Geschichte eines polnisch-jüdischen Professors, der im . Auslande wohnt, folglich den volnischen Professoren keine 'Concurrenz bietet, dubcr von der polnischen Presse belobhudelt wird. Beim Erscheinen jedes seiner wissenschaftlichen Werke ist in den polnischen Blättern zu lesen: „Unser Landsmann, der Pole Prof. N. N. hat wiederum ein Buch veröffentlicht, das großes Aussehen in der Gelehrteuivelt erregt." Kaum kehrt -der-Professor nach Polen, da lvird ihm eine Professur versagt, die Presse schreibt nichts mehr über ihn, und er darbt vor Hunger. Allein solcher Fall geschieht selten in der Wirklichkeit und ist eine Fiction bloß des Dichtergenies des Herrn T-. ^-eorg Brandes hat über Polen ein Buch geschrieben, worin er das Polenthum verherrlich^ und Europa mit seiner Literatur bekannt macht. Aus Dankbarkeit luden ihn polnische Schlachzizen auf einen ihm zu Ehren veranstalteten Brand'es-Abend nach Lemberg. Geora Brandes folgt -gern dieser Einladung und die Sck'wck-nizen verkriechen sich in die Schlupfwinkel, um dem Juden Georg Brandes nicht Honneurs machen zu müssen. Was sagt Herr F. dazu? Brandes ist ein Norwegc, lebt nicht von den Polen, hat in seinem Leben nie einem Polen concurriert, und doch? .... Gleich dem niedrigsten Zeloten bekämpft Herr F. die zionistische Bewegung, indem er auf einige seiner Anhänger losschlägt. Die Idee scheint ihm absurd und lächerlich, weil einige heißblütige Akademiker nach einem zionistischen Vorträge eine Kneipe besuchen ... So verwirft und fletriert der orthodoxe Jude die zionistische Idee, weil manche Zionisten sich Tanzabende veranstalten und gar mancher der Parteiführer eine arische Frau küsst . . . Bezüglich der Bekämpfung der zionistischen Bewegung reichen sich Affimilantcn und Orthodoxe brüderlich die Hände! Aber das spricht eben für die Zweckmäßigkeit und Durchführbarkeit einer Bewegung, als wenn man sie nicht anders als mit Verunglimpfung ihrer Anhänger bekämpft. Jedock) möchte ich Herrn F. nur fragen: Thun denn Assimilationsjuden nicht dasselbe? Thun denn sie es nicht eher als die Zionisten? da hat die„Z a p o l s k a" einen weit besseren Geruchssinn! Sie hat denselben Moritz in seiner echten Prägung gemünzt. Ihr Moritz, der mit Chansonetten zecht, ist — ein Assimilationsjude. Jizchok Graf ift kein Meier Ezofowicz. Meier will seine Brüder zu reinen,, echten, europäischen Juden niachen, ohne das Specifisck)-Jüdische ausrotten zu wollen; Jizchok will aus Juden Nur-Menschen macheu. Tarnopol. Samuel M e i s e l s. Samson Wertheimer. Wenn große Ereignisse ihre Schatten voranStverfen, so ist bei großen Männern der entgegengesetzte Fall insofern anwendbar, als die Macht ihrer Persönlichkeit oft Jahrhunderte nach ihrem Hinscheiden noch die Geister und Gemüther in ihren Bann zwingt. Auch wichtige Begebenheiten äußern sich wohl oft noch in ihren Folgelvirknngen, doch mag es nichtsdestoweniger keincslvegs zu den Seltenheiten geboren, dass solche Ereignisse, deren man kaum noch flüchtig gedenkt, sich erst bei der Nennung dieses oder jenes Namens, des Marksteines gleichsam, an den sich jene Epoche knüpft, unserem Gedächtnisse in ihrem ganzen Umfang, in ihrer vollen Bedeutung und Tragweite entrollen. So wird auch vor unserem geistigen Auge ein goldenes Blatt jüdischer Geschichte bei der Ertvähnnng des Namens Samson Wertheimer lebendig, von dessen Nachlass der in der Ueberschrift genmmte Fnnd herrührt. In der israelitischen Gemeinde zu Eiscnstadt verstarb vor kurzer Zeit eine Witlve, deren Hinterlassenschaft veräußert wurde; eine Frau erstand eine alte Commodc, deren Schubfächer ivohl durch Jahrzehnte nicht geöffnet sein mochten und sich infolge dessen allmählich mit einem enormen Staubwall umgeben hatten. Beine Oeffnen der Truhen fiel der Frau eine zierlich bemalte künstlerisch ansgcführte Pergamentrollc mit seltsam verzierten hebräischen Schriftzcichen in die Hand; sie begab sich mit ihrem Funde zum Eisenstädter Rabbiner, der zu seiner nicht geringen Ueberraschnng das Mannscript als den Rabbinatsbrief der Eisenstädter Jsracliten-Gcmeinde an Rabbi Samson Wertheimer, kaiserlichen Obcrhof- und Oberkriegsfaetor in Wien, einen der bedeutendsten Geistesuub Finanzgrößen seiner Zeit, erkannte; das Datum dieser Urkunde ist vom 3. Tischri des Jahres 5154 allsgestellt llnd hat diese Woche oemznfolgc das Alter von 208 Jahren erreicht. Bevor ich auf den Inhalt dieses Doellineiltes zlirückkonnne, »löge es mir gestattet fein, in flüchtigen Umrissen das Leben nild die Wirksamkeit dieses in seiner Eigenart einzigen Manilcs wicderzngeben. Genaucre Daten über die Biographie dieses Großen in Israel, dessen sterbliche Ueberrestc auf dem alten hiesigen, sich in dem Hofe des israelitischen Altcrsvcrsorgmigshauses befindlichen Friedhofe ruhen, filldcn sich in dem im Jahre 1888 im Verlage voll Friedrich Beck, Wien, Angllstinerstraßc 8, erschieneil Werke des früh dahingcrafften Prof. Dr. David Kaufmann: „Samson Wertheimer nild sein Leben" vor..Rabbi S. Wertheimer lvurde am 13. Schcbat des Jahres 5418, d. i. ain 17. Januar 1058 in Worms als der Sohn eiiles der Vorsteber der dortigen weltberühmteil israelitischen Gemeinde geboren uno wurde der nachmalige Schüler R. Meir Bachrachs, des Verfassers der Responsensammlnilg mp, dessen irdische Reste auf dem jüdisch-historischen, blutgcdnngtcn Boden des altehrwürdigen Wormser Friedhofes unfern der Grabstätte R. Meir Rothenburgs ruhen. In Wien hatte zu jener Zeit Samuel Oppenheimer ans Heidelberg die Lieferungen für die kaiserliche Armee übernommen und wusste sich in dieser Eigenschaft dem kaiserlichen Hofe lind den leitenden Staatsrilänncrn allmählich so uucntbehrlich zu machen, dass es ihm ciil leichtes ward, auch feinen Verwandten Samson Wertheimer, der iilzwisehcn gleichfalls -nach Wien gekommeil war, in die höchsten Kreise cinzuführcn und das ihm selbst in uneingeschränktestem Maße erwiesene Vertrauen auch ans jenen übertragen zu lassen. Wectheimer machte sich durch seine ungewöhnliche geistige Begabung, durch seinen außerordentlichen, auch in unentwirrbar scheinenden Angelegenheiten stets einen Ausweg findenden Schaffsinn, dilrch seine diplomatische Gelvandtheit, Ivie durch die imponiercnde Rlihe uub Sicherheit seines Auftretens und seiner weltmännischen Umgang des Vertraliens der Großen Oesterreichs in solchem Maße würdig, dass selten eine Action von weittragender Bedelitung ohile feine finanzielle oder moralische Mitwirkung unternolnmen wurde. Mit diesen Eigenschaften, die ihm dauernd die kaiserliche Huld sicherten, lvelche sich in seiner Ernennung zum Oberhof- und Kwiegsfactor sichtlich manifestierte, verband er eine immense talmudische Gelehrsamkeit, die mit Rücksicht auf seine vielseitige, aufreibende diplomatische Thätigkeit, fast problematisch war; er unterhielt fortwährend Verbindungen mit den bedeutendsten rabbinischen Koryphäen jener Zeit und seine Tafel war stets von Talmudgelehrten ans aller Herren Länder besetzt, deren Anwesenheit in seinem Palaste, der von einer ständigen kaiserlichen Schutzwache beschirmt wurde, er sich höher anrechnete, als wem: er einen Mächtigen des Landes beherbergte. Prinz Engen von Savoyen zählte zu seinen Freunden. Leicht begreiflich ist es nach den: Gesagten, dass Wertheimer seinen schwerwiegenden Einfluss Hauptsächlich zum Besten seiger damals hart bedrängten Glaubensgenossen in die Wcrgschale warf. In Würdigung seiner unsterblichen Verdienste wurde ihm von den ungarischen Juden der Titel eines Landesrabbiners von'Ungarn verliehen, welchen Ehrentitel der'Kaiser dahin erweiterte/dass er ihn gleichzeitig zum LandeSrabbiner von Böhmen und Mähren ernannte. Die hervorragendsten Gemeinden Europas ehrten ihn um die Wette, und nebst Krakau und Worms war es die Gemeinde Eisenstadt, die ihm die Verwaltung ihres ansehnlichen Rabbinates übertrug. Ans jener Zeit datiert nun der eingangs erwähnte Rabbinatsbrief, dessen Inhalt in elastischem Hebräisch abgefasst ist. Er beginnt mit der Verherrlichung seiner Geistes- und Herzensgaben, mit der Schilderung der Verehrung und Liebe, die ihm allgemein entgcgengcbracht werde; er schildert das nach langer Wirkung doppelt brennende Bedürfnis der Gemeinde nach einem der berühmten Gemeinde würdigen Führer und gibt von der Berathuug Kunde, die seine mit Bgeisternng erfolgte Wahl zmn Resultate hatte. Er theilt it. a. auch die Verpflichtung der Gemeinde mir, vom Gutsherrn, dem durchl. Fürsten Eszterhazy, zu erlvirken, dass dem Rabbiner die nach jüdischer Vorschrift zugetheilten Rechte cingeränmt werden, dass es in seiner Macht stehen möge, Schuldige zu bestrafen und diejenigen, die seine Worte nicht befolgten, eventuell in den Bann zu legen. Die von ihm zu bestimmende Geldstrafe falle zur einen Hälfte der füfftlicken, zur anderen der Gcmeindecasse zri. Endlich wird ihm in diesem Briefe der Beschluss sämmtlicher unter dem Patronate des Füfften Eszterhazy stehenden israelitischen Gemeinden, der sogeirannten mirgetheilt, wonach diese sich verpflichten, dem von der Gemeinde Eisenstadt zu wählenden Rabbiner sich zu.unterordnen. Es folgen nun die Nnterschrifteii, von denen zwei besonders bemerkcnsivert sind; diese Unterschriften enthalten nämlich — wie viele im Hebräischere — auch die Namen der Väter der Unterzeichneten, jedoch mit der Vemerkurrg -,-h, die Abkürzung von vm: pp-' (Gott räche sein Blut), woraus mit Sicherheit zu folgerr ist. dass die Väter zweier Unterzeichner den Märtyrertod für die Heiligung des göttlicherr Namerrs erlitten hatten. — Mehrere Wiener angesehene, theils geadelte Familien leiten ihren Stammbaum von Rabbi Samson Wertheirrrer ab; dem Vernehmen nach soll mich eine Varonin Körrigsirartcr von ihm herstnmiircn. — Der Verwaltung des hiesigen jüdischerr Museums loäre durch Ankauf dieses interessanten Doerrments Gelegercheit geboteir, das Museum-Archiv um ein wertvolles Stück zu bereichern. Aron Füfft. Bücher-Eittlaus. Jnng-Juda, Zeitschrift für unsere Jugend. Inhalt: Zir Simchath-Torah. — Der Waldkönig. — Herbst. — Die Schule tn Eriwan. — Wolwele. — Jom Kippur. — Der Geburtstag. — Perlen aus dem Talmud. — Räthsel. — Räthselcmflösmigen. — Ueberschungsaufgabe. — Briefkasten. Von der Wiener Wochenschrift „Die Zeit" (Herausgeber: Prof. Dr. I. Singer, Dr. Max Burckhard, Dr. Heinrich Kmrner; Redaction für bildende Kunst: Prof. Dr. Richard Muther) ist soeben das 307. Heft erschienen. Aus dem Inhalt desselben heben wir hervor: Das Zllfallsparlament. Von K. — Der deutsche Kaiser und die Stadt Berlin. Von H. v. Gerlach. — Der neue ungarische Reichstag. Von Arpad. —- Der Krieg und die öffentliche Stimmung in England. Von Francis W. Hirst. — Frauenstudinni und Nassetüchtigkeit. Von Prof. Dr. I. Platter. — Goethes Urpslanze. Von Hofrath Prof. Dr. Julius Wiesner. —• Vlldungshalleu für Künstler. Von Lothar v. Kunowski. — Ein neohistorischec Roman. Von Max Meyeffeld. — Die Woche: Politische Notizen; Volkswirtschaftliches; Kunst und Leben. — Bücher. — Revue der Revuen. — Eine venezianische Nacht. Von Paul Heyse. Abonnements ans diese Wochenschrift, vierteljährig 6 Kronen (6 Mark), nehmen die Post, alle Buchhandlungen und die Administration, Wien, 0. Bez., entgegen. Einzelnummern zu 00 Heller (50 Pf.). — Probenummer gratis und franco. Von der „Neuen Zeit" (Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 2. Heft des 20. Jahrganges effchienen. AuS dem In-