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Jüdisches Volksblatt · 1901-10-18 · 42 (18.10.1901) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
42 (18.10.1901)
Date
1901-10-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. October 1901 Nr. 42 öffentlichen Freudenhäusern umrahnrt, und lvcnn Sie sich denken, dass der schönste dieser Tempel kaum so ist, wie einer in Czaslau und dergl., so haben Sie den richtigen Begriff von den Gotteshäusern in Triests Und diese Herren Juden, in deren eigenem Lager Schande, Schmach und Spott ist, versorgen andere, damit, wenn Peter Zapfel infolge übermäßigen Saufens an einem Sonntag besoffen auf der Straße fällt, die ganze Rettungsgesellschaft in Livree mit Gummiradlern für jüdisches Geld aüsrücken kann. Dass Peter Zapfel kein Jude sein darf, ist selbswerstündlich, denn sonst würde sich die Rettungsgesellschaft nicht rühren. I. W. Ausland. Berlin. (Z ur K o n i tz e r A f f a i r e.) Der Process, der zur Zeit gegen die antisemitische „Staatsbürger- Zeitung" wegen Beleidigung der Konitzer Behörden und der Berliner Criminalpolizei schwebt, wurde vertagt, da die Beklagten den Antrag gestellt hatten, ein Gutachten der Ober-Medicinal-Behörde darüber einzufordern, ob Ernst Winter vermittelst des „Schacht-Schnittes" getödtet worden sei, da sie (die Beklagten) vom Borliegen eines Ritualmordes im Falle Winter fest überzeugt seien. Den Gerichten ist jetzt dieses Gutachten der Ober-Medicinal-Behörde zugegangen, und zwar dahin lautend: „Ernst Winter ist nicht durch den sogenannten „Schachtschnitt" getödtet worden. Die völlige Blutleere des entseelten Körpers ist vom medicinischen Standpunkte aus leicht erklärlich, da durch Abtrennung sämintlicher Gliedmaßen und Oeffnung der Venen das Blut freien Abfluss hatte und durch das Liegen im Wasser vollständig ausgelaugt worden war." Das Medicinal-Collegium in Danzig ist zu folgenden Schlussergebnissen gelangt: Ernst Winter ist den Erstickungstod gestorben; der Halsschnitt ist kein Schächtschnitt, sondern nach dem Tode öeigeb.racht in derselben Weise wie die übrigen am Körper befindlichen Schnitte zum Zwecke der Beiseiteschaffung der Leiche; die auf Rock und Weste des Ernst Winter Vorgefundenen Blutflecke sind nach dein Tode Winters Mittelst geronnenen Blutes angewischt worden. Dieses Gutachten des Ober-Medicinal-Collegiums erregt großes Aufsehen. Die „Bossische Zeitung" erklärt es für unbegreiflich, dass die Behörden von Könitz, welche die Untersuchung in der Winter'schen Mordsache geführt haben, nicht sofort nach Entdeckung der Leichentheile ein solches Gut-' achten der höchsten Medicinal-Behörde eingefordert und dirrch diese Unterlassung den Ritualmord-Hetzerir die Möglichkeit gegeben haben, die Bevölkerung zu erregen und die Dpurep des^Thchter^ zu verwischen. ^Karlsruhe. (Jüdische Synode.) Die dritte israelitische Synode wurde heute namens der Negierung durch Geh. Oberregierungsrath Becher eröffnet. Zum 1. Präsidenten wurde Dr. Hachenburg (Mannheim), zum Vicepräsidenten Dr. Friedberg (Karlsruhe) gewählt. Dem Dr. Nolk, ehemaligen Minister, wurde der Dank votiert. ten, sind an seinen Schülern Perles, Güdeman, Rahmer, H. Groß, fgriffen sei und dass man ruhig, ohne neue Gesetze, die Besserung Kaufmann, Bacher, Braun und manchen anderen zu erkennen. Die j und Festigung der Zustände infolge der allmählichen Wandlung der Schwächen seines Systems, wozu ganz besonders ein getvisses Verj Sitten ablvarten könne. steckenspielen mit der Kritik, eine Scheu vor den Resultaten der m m r. l c. o r ul r m eigeilen Forschung und infolge dessen ein gewisser, mitunter kokett Pans. DieRegierung hat das IM letzten „Dralon hervorgehobener Zwiespalt zwischen Denken und Handeln gehören,! allsgestellte Gemälde Von Lewh-Dhurmer, „die Blinden" treten^veit hinter dön großeinVerdiensteii des Manues als Gelehr-! darstellend, fiw das Luxemburg-Museum erworben, ebenso Sein ter, als Organisator und als warmherziger Jude zurück. Andenken sei gesegnet! Hamburg. Nach bem Muster anderer Großgemeindm soll auch hier ein jüdisches Gesellschaftsheim errichtet werden, lim durch kostenlose Unterhaltungs- und Vortragsabende eine Annäherung der verschiedenen Bevölkerungsclassen herbeizuführen. Es ist auch geplant, eine jüdische Volksküche mit bem Institut zu verbinden. In beit nächsten Tagen wird eine vorberathende Versammlung sich mit dein Project beschäftigen. Posen. (Jüdische Landwirte.) Der in Berlin domicilierende Verein zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands steht im Begriff, ein Gut bei Posen zu erwerben, wo jüdische Oekonomen und Knechte ausgebildet werden sollen. Sehr ccmuthigend für dieses Unternehmen fiub die Resultate, die ein Vorstandsmitglied des Vereins bereits erzielt hat. Unser früherer Mitbürger, Herr Rittergutsbesitzer Dr. Papylski in Gablenz bei Gassen, hat es sich schon vor Jahren zur Aufgabe gestellt, teilt Rittergut wenigstens theilweise durch Juden zu bewirtschaften. So sind auf dem Gute seit längerer Zeit thätlg zwei jüdische Eleven, ein jüdischer Knecht, eine jüdische Futterfrau und eine jüdische Wirtschafterin. Diese haben sich durchweg in der Landwirtschaft bewährt. Dr. Papylski geht in Bezug auf die Ausbildung jüdischer Eleven von der Ansicht aus, dass Söhnen von Nichtlandivirten.sowohl das theoretische Wissen, als auch das praktische Können itt gleichem Matze beigebracht werden muss. Seine Eleven, obwohl sie den gebildeten Ständen angehörig und mehrsprachig sind, arbeiten mit den Knechten wacker mit und unterziehen sich ihren Aufgaben mit großer Liebe und Gewissenhaftigkeit. Es tväre zu wünschen, dass die zahlreichen jüdischen Gutsbesitzer in den Provinzen Posen, Schlesien und Westpreutzcn dem Beispiele des Herrn Dr. Papylski folgen und immer weitere Kreise der jüdischen Jugend für die Landwirtschaft gewinnen möchten, was sicherlich auch zur Bekämpfung eines gegen die Juden vielfach verbreiteten Vorurtheils beitragen würde. Breslau. (Zacharias Frankel.) Diesen Monat feierte die gelehrte jüdische F3elt die hundertste Wiederkehr des Geburtstages von Zacharias Frankel. Sein Name ist mit der Geschichte der geistigen Entwicklung des Judenthums eng verknüpft. Er ist' der mächtigste und würdigste: Repräsentant der Vermittlungs- Rheologie, die im Judenthum den Kämest des -.historischen Judenthums" angenommen hat. Allerdings wurde dieser Name vielfach von öderer Seite in Anspruch genommen und missbraucht. Geiger nennt in seiner Ansprache an seine Gemeinde seinen reformatorischen Stcmdpunkt das positive geschichtliche Judenthum (1842); anderseits:^ sich auch die entschiedene Redaction desselben, Woxtes bedient, Um das übelklingende Orthodoxie zu vermeiden. Als nach dem Abgänge David Einhorns die mecklenburgische Regierung die Orthodoxie von staatswegen wieder einführte (1853), nannte sie das „Wiederanschluss" an das geschichtliche Judenthum." Dieses geschichtliche Judenthum gieng dann so weit,-dass die Regierung verordnete, jede Braut müsse sich vor. ihrer Verheiratung mit depi Zeügnis über das erhaltene Tauchbad ausweisen. Das Bürgerrecht hat der Ausdruck „historisches Judenthum" erst erlangt, als Zacharias Frankel seinen Aufsehen erregenden Austritt aus der Frankfurter Rabbinerversammlung (1845) vollzog, weil dieselbe die Abschaffung der hebräischen Gebets spräche anbahncn wollte. In seinem Schreiben an die Versammlung, welches zuerst in Frankfurter Tageblättern erschien, warf er der Versammlung Zerstörung des positiv-historischen Judenthums vor. Dieser Ausdruck wurde dann später auch von gegnerischer Seite anerkannt. Paris. (Die algerische Judenfrage.) Der Bericht der französischen parlamentarischen Enquete-Commission über die Juden- 'rage in Algerien kommt zu dem Schlüsse, dass es sich dabei in ersterLinie um politische, durch das Decret Cremieux (das 1870 den Juden das Recht der Naturalisation verlieh), hervorgerufene Unzuträglichkeiten handelt. Alle übrigen Beschwerden, die die von den Delegirten des Parlaments Vernommenen gegen die Juden vorbrachten, hielten einer ernsten Prüfung keinen Stand. Dass die Juden das Land durch Wucher und Betrügereien ausbeuten und ruinieren und dass sie sich den Franzosen nicht zu assimilieren vermögen, wurde sofort als Uebertreibung und Verdrehung der Thatsachen festgestellt. In Algerien blüht der Wucher und die Juden haben kaum ihren Antheil daran und keineswegs die Reichthümer des Landes aufgesogen. Die große Mpsse der jüdischen Bevölkerung der Colonie ist blutarm; in Tlemcen gibt es unter 0000 Juden nur 10, die mehr als 50000 Frcs. besitzen, und von den 1024 in Constantine eingetragenen jüdischen Wählern sind nur 10 Rentner und 146 selbständige Kaufleute. Die übrigen müssen sich von Tag zu Tag armselig durchschlagen. Man hat nachgewiesen, dass viele Franzosen und Naturalisierte den Wucher betreiben; so gibt es im Departement Constantine vier Franzosendarunter einen eifrigen Antisemiten, einen naturalisierten Italiener und einen Araber, die zahlreiche Eingeborene durch Wucher ruiniert und aus ihren Besitzungen vertrieben haben. 'Man thäte also dem algerischen Antisemitismus eine unverdiente Ehre an, wenn man ihn als sittlichen Entrüstungsausbruch ansehen wollte. Zwischen den Sitten und Bräuchen der Colonistem und der Juden besteht sicher vielfach ein gewaltiger Unterschied; derselbe schwindet immer mehr, und die Fortschritte der Juden hinsichtlich der Anpassung an die französischen Gesetze und das europäische Leben sind gewaltige. Sie haben bezüglich der Erbtheilung die Ueberlieferungen aufgehoben und die einschlägigen Bestimmungen des Code civil willig angenommen, sie kleiden sich überall europäisch und die französische Sprache verdrängt unter ihnen immer mehr die arabische. Es ist deshalb kein Grimd vorhanden, daran zu zweifeln, dass sie in absehbarer Zeit sämmtlich sich europäisieren werden. Wie überall, hat der brutale Antisemitismus seinen Hauptgrund in der Thatsache, dass der Jude nüchtern und fleißig ist und wegen seiner ausgezeichneten Localkenntnisse und seines Verständnisses für die Wünsche und Bedürfnisse der Eingeborenen dem Europäer, der nach Algerien kommt, als Kaufmann weit überlegen ist. Der Con currenzneid ist der Enquete-Commission besonders klar zutage getreten,, nicht zum wenigsten durch die Bekundungen vieler Arbeiter von Algier und Oran, die erklärten, dass sie nur dank dem als Geiger in seinem vorläufigen Bericht über die Thätigkeit der i jüdischen Kleinhandel billig und erträglich zu leben vermöchten, dritten Rabbinerversammlung (1846) von der conservativen oder I Wie aber von Anfang an festgestellt wurde, ist der Anstoß zu dem kositiv-historischen Partei sprach, welche in der Praxis mit der > algerischen Antisemitismus in politischen Erwägungen zu finden, Orthodoxie Hand in Hand gehe, hingegen in der Theorie den wissenschaftlichen Standpunkt einnehmen wolle. Mt diesen Worten ist die Frankel'sche Schule vollständig definiert. Sie steht im Gegensatz zu der naiv orthodoxen, welche die Cultur, oder richtiger, die Uncultur des Ghetto erhalten will, zur modernisiert orthodoxen, welche wie Samson Hirschs Schule sich an die naiv orthodoxe erfolglos anbiedert und ebenso zu der gemäßigten Reform Geigers und der radicalen Holdheims. Wolln wir aber Frankel richtig würdigen, so dürfen wir ihn nicht von der praktisch-theologischen, sondern von der wissenschaftlichen Seite auffassen. Er war ein echt aristokratischer Geist, dem das Wissen über alles gieng und den deshalb die Cultusreform, welche damals das Gemeingut aller seichten Schwätzer war, anwiderte. Man muss auch nicht übersehen, dass Frankel ein gebürtiger Prager war. Als solcher und als ein Mitglied einer dortigen aristokratischen Familie hatte er jene romantische Liebe zum alten Judenthum mit der Muttermilch eingesogen, welche ihn das Historische über alles setzen ließ. Als Prager ist er unS ganz besonders durch die dort herrschenden Gegensätze verständlich. Auf der einen Seite: Ezechiel Landall, der aus feiner podolischen Heimat die Uncultur als religiöses Princip mitbrachte, auf der anderen Seire die Stürmer und Dränger Herz Homberg und Peter Beer, die das alte Judenthum, repräsentiert in Landau und seinesgleichen, als culturfeindlich erbarmungslos bekämpften und — leider auch in gemeinster Weise denuncierteu. Landau starb 1703, Beer 1830 und Homburg 1841. Frankel, der 1801 geboren war, lernte eine mildere Orthodoxie kennen, die in Landaus Nachfolger Eleasar Fteckels (gest. 1826) repräsentiert war. Diese Orthodoxie war nicht mehr bildungsfeindlich, sie nannte den von Landau verfolgten Herz Wesel mit Hochachtung und war ganz zufrieden, wenn sie auf dem speciell religiösen Boden nicht angegriffen wurde. Anderseits standen ihr die schon genannteri Aufklärer mit ihrer seichten Bildung, ihrer Pietätlosigkeit und ihrer maßlosen Selbstüberschätzung gegenüber. So bildete sich Frankels Ideal einer jüdischen Lebensanschauung, welche den Bedürfnissen der Gegenwart Rechnung tragen, aber auch das ehrwürdige historische Judenthum erhalten sollte. Eine solche Persönlichkeit kann nicht leicht in deni engen Rahmen eines Artikels getvürdigt tverden. Seine größte Bedeutui'.g hat Frankel als Direktor des Breslauer Rabbinerseminars erlangt, zu dessen Leitling er bei dessen Gründung (1854> berufen wurde und den er bis an seinen Tod, 13. Februar 1875, Vorstand. Die Früchte, die sein Geist, sein administratives Talent und seine mächtige Individualität da zeitigfür die der Ausdruck Sophismen auch ganz gilt angebracht wäre. Durch das Decret Cremieux hat eine Masse vor: 8000 Juden das Wahlrecht erhalten. Die meisten, heißt es in dem Berichte, sind aber nicht hinreichend vorbereitet sür das politische Leben und eine gefügige Gefolgschaft einiger einflussreicher Personell geworden. Mpn könne nicht in Abrede stellen dass das unerträgliche Missbräuche nach sich gezogeil habe; der Großrabbiner von Ormr hat das selber zugestanden und der Vorsitzende des Consistoriums von Oran, von dem der Commission hinterbracht tvordcn war, er verfüge über 1200 Stimmeil, verleuglret feinen Einfluss durchaus nicht. Aber selbst seine Widersacher gestehen zu, dass er sich durch sein politisches Wirken keineswegs.bereichert hat, sondern dass er dadurch im Gegentheil verarint sei. Aber dadurch, dass die Juden fast vollzählig auf Commando ihre Stimmen abgaben, habell sie die Gegenparteien gegen sich aufgebracht; nachdem diese vergeblich versucht hatteil, die jüdischen Stimmen zu gewinneil, traten sie mit der Forderluig hervor, das Decret Cremieux abzuschaffen und nahmen zu den gemeiilsten, aber stets wirksamen Propagandamitteln ihre Zufülcht, wie Aufreizung des Coucurrellzileides der Handeltreibenden, Verachtllllg für eine niedrige Culturstufe, Rassenabneigung u. s. w. So ist die Frage vom politischeil auf das sociale Gebiet gedrängt worden, lind man hat mit diesen Hetzereien eine solche Stimmung hervorzlrrufen verstanden, dass selbst viele von denen, die sich ehemals der Juden für ihre Politik bedient habeil, sie jetzt im Stiche lassen uild in das Lager der Mehrheit übergegangeil sind. Trotzdem ist die Commission zll dem Schlüsse gelangt, dass das Decret Cremieux nicht abgeschafft tverden kalin. Die große Mehrheit der von ihr Vernommenen hat das gleichfalls erklärt, wenn auch fast alle darüber einig waren, dass das Decret übereilt war und dass man seillerzeit eine Unterscheidung zwischen den bereits elwopärisierten Jlldeil und den »loch an den eingeborenen Brälicheil imb Anschauungen festhaltenden hätte treffen müssen. Die Beseitigung des Decrets ist uilmöglich, weil die Juden tvillig die Pflichten übernommen haben, die mit ihrem Wahlrechte vorhanden sind, lind beispielsweise Militärdienst leisten. Ueberdies tväre es gegen das eigene Interesse des Mutterlandes, diesen 8000 Wähleril ihre Rechte zu entziehen, da diese stets aus Daukbarkeit für Frankreich, das sie emaucipiert hat, regierungstrelre imb ordnungserhattende Stimmen abgeben, tvas man gerade nicht von den 30 000 naturalisierten Spaniern und Italienern behaupten kann, die noch imnier mit ihrer Heimat verbnnden bleiben. Der Bericht schließt sehr optimistisch, dass der algerische Antisemitismus im Verfalle bedie vollständige Sammlung der „jüdischen Scenen" von Alfons Lewy. Bloemfontain. (Die jüdische Gemeinde.) Die hiesige jüdische Gemeinde umfasst ungefähr 150 Seelen. Für den Sabbathgottesdienst ist ein Saal gemietet und für die hohen Festtage wird die Stadthalle hergegeben, und in einen Gebetsaal verwandelt. Am vorigen Jom-Kippur hatten sich hier 100 Andächtige zusammengefunden. Die Absicht, eine eigene Synagoge zu bauen, hat wegen des Krieges noch nicht ausgefülirt werden können. Ein Platz für die Synagoge tvar von der Stadtverwaltung bereits zur Verfügung gestellt und 500 L. St. schon für den Bau gesammelt worden. Die Gesammtkosten sind auf 1200 L. St. veranschlagt, die ohne Schwierigkeiten innerhalb der Gemeinde aufgebracht werden können; die 500 L. St. sind irr der Bank deponiert und nach dem Friedensschluss soll mit dem Bau begonnen'werden. Die Wohlfahrtsinstitute der hiesigen Juden beschränken sich auf die Chewra- Kadischa oder Beerdigungsgesellschaft und den Fraucnhilfsverein, der glücklicherweise innerhalb der Gemeinde kein Unterstützungsgebiet findet. Es gibt'hier weder Arbeitslose noch Hilfsbedürftige. Die privaten und Vereinsunierskützungen werden von Durchreisenden in Anspruch genommen und von jüanken, die Bloemfontain als Curort besuchen. Die jüdische Gemeinde zählt dem städtischen Krankenhaus 5 Schilling täglich für jeden jüdischen Patienten, der nicht selbst für sich bezahlen kann. Die Beerdigung jedes hier verstorbenen fremden Juden kostet der Gemeinde 8 L. St. Während des Kriegs ist jeder in der Nachbarschaft Bloemfontains gefallene jüdische Soldat von der hiesigen jüdischen Gemeinde begraben worden, und die Nachbarschaft ist ein ziemlich weit begrenzter Bezirk, denn die nächsten jüdischen Gemeinden Find nach der einen Richtung Johannesburg in 400 und Kimberley in 600 Kilometer Entfernung. Am vorigen Neujahrs- und Versöhnungsfeste und an zwei Peßachfesten sind eine Anzahl von ihren Generalen beurlaubter englischer Soldaten Gäste der hiesigen Gemeinde gewesen, deren einzelne Mitglieder in der Bewirtung der Fremden wetteiferten. Die Zahl der im englischen Kriegsheer kämpfenden jüdischen Soldaten beträgt 1500—1600. Die in Bloemfontain lebenden Juden sind meist Kanfleute, unter denen sich kein einziger Geldverlecher befindt. Bloemfontain ist der Mittelpunkt der Oranjefluss-Colonie; alle Landesproducte werden hier auf den Markt gebracht; Eisenbahnbauten geben den Arbeitern Beschäftigung, so dass man hier vorwärts kommen kann. Die Beziehungen zwischen Juden und Buren sind hier immer die besten gewesen und werden tvohl auch durch den Krieg keine Aenderung erfahren. London. (Sittenbilder.) Das in London erscheinende große politische Journal „Daily Telegraph" bringt in seiner Nummer vom 14. September unter der Ueberschrift „Das jüdische Neujahr" folgende höchst interessante Schilderung, die sich Wohl auf den zumeist von der ärmeren jüdischen Bevölkerung Londons bewohnten Stadttheil Whitechapel bezieht: „5662" — Ein Rückblick! In fußhohen Lettern fiel gestern diese Anzeige dem fremden Wanderer in Whitechapel in die Augen. Sie bedeutete bloß, dass daS jüdische Jahr 5662 mit dem gestrigen Sonnenuntergang seinen Anfang genommen. Neben dieser Zahl nimmt sich die unserer eigenen Aera fast kindisch aus! Mit der ersten Stunde seines neuen Jahres hält der Jude einen feierlichen Gottesdienst. Gestern abends erwiesen sich die große Synagoge zu Aldgate und ihr hart daranstoßender Appendix als viel zu klein, um alle jene aufzunehmen, die dem frommen Brauche beiwohnen wollen. Die Liturgie ist feierlich, fast düster-ernst zu nennen und der ganze Gottesdienst ist selbst für diejenigen, welche die Gebetssprache nicht verstehen, von sonderbar mächtigem Eindruck. Das Innere der Aldgate-Synagoge mit seinen Candelabern und hellglänzenden Vergoldungen ruft die alten Zeiten des prachtgeschmückten, farbigen Orients zurück und die an den Wänden befindlichen hebräischen Inschriften vervollständigen. die Illusion noch mehr. Der Rabbi (Vorbeter) stimmt im festlichen Talar und schwarzem Barett einen sonoren Gesang an und eröffnet das neue Jahr. Zur Zeit, als die Straßen in Whitechapel noch einem sumpfigen Lllarschboden glichen, waren es dieselben Worte, die von Minnern gesungen wurden, welche gerade so aussahen, wie der alte Rabbi an seinem Pulte. Ein Stimmen-Chorus von Männern und Jünglingen bricht wechselweise hervor, der Vollschrei des hebräischen Psalms widerhallt an den großen, mächtigen Säulen, dann folgt todtenstilles Schweigen (Schemoneh Eßreh) und Ihr hört das Rasseln des draußen über den Asphalt vorbeisausenden Eisenbahnwagens. Verschiedene Welten, verschiedene Jahrhunderte sind untereinander gemischt.' Dem Engländer, welcher an dem Anblick von grötztentheils mit Frauenzimmern gestillten Kirchen gewohnt ist, erscheint diese Masse von Männern in den Synagogen verblüffend, noch verblüffender, wenn er sieht, wie eine kleine Procession ehrwürdiger Männer die Köpfe in ihre Gebetshawls eingehüllt die Sitze verlassend, sich hinter den Rabbi stellen, da eine Weile verchlelben und schweigend wieder zu ihren Sitzen zurückkehren. (Kaddisch.) Den lebhaftesten Eindruck empfängt man von jenem hochbetagten Greise mit langem Lockenhaar und Barte. Er hat kaum die Kraft, sich einige Mnuten lang aufrecht zu halten und nun bewegt er sich schlotternd und unsicher hin und her und stammelt jene Gebete, die seine Vorfahren vor tausend Jahren gebetet haben. Was man auch von dem Londoner Whitechapel-Juden sagen mag — an Ergebung und Festhalten an seinem Glauben fehlt es ihm nicht. Nicht ohne eine Art Verwunderung liest der fremde Besucher dieses Stadttheiles die erste Zeile einer Bethaus-Anzeige, in der es heißt: „Eintrittskarten zu billigen Preisen." Auch der arme Jude zahlt, wie es scheint, gerne, um nur seine religiöse Pflicht zu erfüllen; aber wenn man bedenkt, dass jährlich über tausend arrne jüdische Einwanderer nach London kommen, so erhält man erst einen Begriff von dem, was das Londoiier jüdische Schutzamt (Board of Guardians) zur Unterbringung und Hilfeleistung dieser Armen zu schaffen hat. Einlvanderer, für welche gar keine Aussicht zum Verbleib in Eriglaiid vorhanden ist, müssen zurückgeschickt werden. So wurden im verflossenen Jahre über 1400 Personen mit Geldbeträgen versehen, um nach verschiedenen Orte des Continents zu gelangen. Für jene jedoch, die die Eignung besitzen, im Lande zu bleiben, thut das jüdische Schutzamt alles Mögliche für deren Fortkommen. Das Amt gewährt zmsenfreies Darlehen, es zahlt Lehrlingsprämien, sendet Krankenwärterinnen aus und spielt im allgemeinen die Rolle der Vorsehung.^ Es ist wahrlich nicht die geringste der mannigfachen Thätigkeiten des Boards, dass es nur die Einwanderung auf solche beschränkt sein lässt, deren selbständige Existenz durch ein persönliches Können in Aussicht gestellt ist, denn es bleibt wahr, dass Gott denen hilft, die sich auch selber helfen können und die Whitechapel-Judenheit hat wahrlich Grund genug, um im neuen Jahre für ihr Gedeihen zu beten. Lodz. ^(Gewaltt.hätig feiten.). Das rufst-, sche Manchester, der vorläufig noch schlummernde Koloss, den: in der Arbeiterbewegung in Polen und Russland eine gewaltige Zukunft bevorsteht, hat in diesen Tagen die Arbeiierbetvegnng durch eine neue Kampfmethode bereichert, die in ganz Russland durch ihre Originalität Bewunderung hervorruft. Bekanntlich sind in diesem Sonnner mehrfach 'ürchterliche Gewaltthätigkeiten seitens der Polizei in Lodz verübt ivorden. Den ganzen Sommer hindurch wüthete die Polizei. Arbeiter: tvlirden auf offener Straße angehalten, arretiert, und mit Fäusten geschlagen; in den Revieren und

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