Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Wien, Freitag JödfcnhMs Vettü»blatt 13. September 1901 Seite 6 Polna, einen Vertrauensmännertag ab. Sie beschloss, mit keiner der bestehenden Parteien ein CompromisS abzuschliehen, sondern in einer Reihe von Bezirken selbständige Candidaten aufzustellen. So können wir hoffen, dass diese Partei zur radicalen Verbreitung des Ritualmordmärchens unter den Czechen glänzend durchfallen wird. Die Jungczechen sind ihr zu opportunistisch, die Agrarier zu ständisch; sie wird den Wählern viel zu blödsinnig und gemein sein. Krakau. (Zu den L a n d t a g s w a h l e n.) Samstag erschienen vor der conservativen Wählerversannnlung in Krakau die Candidaten Vice-Bi'irgermeister Julius Leo, Universitäts-Prosessor Jaworski, der Präsident der jüdischen Cnltnsgemeinde Dr. Horotvitz und Kaufmann Fcderotvicz. Dr. Horowitz betonte, die Äufstellnng eines Juden als Candidaten sei die Erfüllung einer gerechten Forderung. Die Vereinigung der Juden mit der conservativen Partei habe eine hohe politische Bedeutung und könne das drohende sociale Gewitter beschwören helfen. (Was sich Dr. Horowitz darunter vorstellt, ist unerfindlich. Bekanntlich leiden die galizischen Juden dank dem Bündnisse von Schlachta und Kahal schon heute unter dem socialen Gcivitter in Form des Antisemitismus. Hunderttausend von Stammesgenossen hungern, damit sich Dr. Horowitz, Piepes Poratynski ustv. mästen können. Was kann man denn von diesen Conservativen, die der Geist Stojalotvskis beherrscht, erwarten?) Die Versammlung acclamierte die Candidaten. Die Candidaten der demokratischen Partei sind die Abgeordneten Rotter und Doboszhnski, der Maurermeister Kramarczyk und der Advocat Adolph Groß, ein Jude; socialistischer Candidat ist der Abg. Daszhnski. In Lemberg ist .stoischen den: Wahlcomitee der gemäßigten Linken und dem Wahlcomitee der polnischen Demokraten ein Comprorniss zustande gekommen. Beide Parteien haben sich geeinigt, der Lemberger Wählerschaft folgende gemeinsame Candidatcnliste zu empfehlen: Dr. Malachowski, Michalski, Dr. Pientak, Romanotvicz, Dr. Rutowski und Dr. Byk. Im Wahlaufrufe wird das Znsnnrmcngehcn aller freisinnigen Elemente schon mit Rücksicht auf die consequente Beeinträchtigung der Städte in Galizien und deren Interessen als nothwendig bezeichnet. In einer Versammlung der Industriellen und Techniker Lcnrbergs trat Redacteur Rewakowicz entschieden gegen die Candidatur des Ministers Dr. Pientak auf, die bei der Abstimmung auch abgelchnt wurde, indem sich die Versammlung für folgende Candidaten entschied: Bojko, Romanoivicz, Dr. Nutotvski, Dr. Lilien und Dziesketvski. In einer Przernhsler Wählerversammlung versprach Candidat Dr. Tarnawski (Demokrat), im Landtage für die Schaffung einer fünften Curie einzutretcu. Er bezeichnete die Forderung der Ruthenen wegen der Errichtung des ruthenischen Gymnasiums in Stanislan als gerecht und betonte, dass man sich hüten solle, die Ruthenen zu reizen und den gleichberechtigten Juden bei der Wahl ihres Berufes durch Nichtzulassung zu den öffentlichen Aemtern und anderen Stellungen Hindernisse in den Weg zu legen. Die Candidatur Tarnalvskis wurde einstimmig acceptiert. Im Städtebezirk Gorlicc-Jaslo bewerben sich um das Mandat der vom polnischen Central-Wahlcomitee unterstützte bisherige Abgeordnete Landcsgerichtsrath Sigmund Jaworski (gemäßigte Linke) und der polnische Demokrat Bürgermeister Biechonski, für den sich die Wählerschaft der Stadt Gorlice einstimmig erklärt hat. Das Polnische Central-Wahlcomitee hat nun einen Vertrauensmann in diesen Städtebezirk delegiert, um daselbst die Wählerschaft zugunsten des der conservativen Partei minder gefährlichen Candidaten Jaworski zu bearbeiten. Die liberalen Polenblätter protestieren gegen eine derartige Einmischung. In der Tarnopoler Wählerversammlung hat gestern der ruthenische Candidas Mydlowski sein politisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Der Socialist Eisenstädter behauptete, dass die Mehrzahl der Juden für den ruthenischen Candidaten stimmen werde, welcher versprochen habe, die Interessen der Stadt Tarnopol ohne Rücksicht auf die Confession der Bewohner zu vertreten. Ciemniewski warf den Ruthenen ihre Sonderbestrebungen vor. Die Ruthenen haben den Polen, sagte er, den .Krieg erklärt und dadurch die letzteren gezwungen, sich zur Wehr zu setzen. Die ruthenischen Theilnehmer proclamiertcn Landcsgerichtsrath Mydlowski als Candidaten. §Lrakau. Samstag den 7. d. M. fand im Vereine jüdischer Arbeiter und Handelsangestcllter „Achdus" unter reger Betheiligung der Vereinsmitglieder die dritte Generalversammlung statt. Der Obmann Coll. Paul Nieser eröffnete die Versammlung, begrüßte die Erschienenen und ertheilte dem Schriftführer Coll. Moritz Bloch zur Erstattung dcS Rechenschaftsberichtes das Wort. Bei der hierauf vorgcnommcnen Wahl wurden folgende Gesinnungsgenossen mit der Vereinsleitnng betraut: Obmann: Paul Nieser; 1. Obmann- Stellvertreter: Jonas Kreppe!; 2. Obmann-Stellvertreter: Moritz Horowitz; 1. Schriftführer der Landessprache: Moritz Bloch; 2. Schriftführer der hebräischen Sprache: Simon Herzog; Cassier: Heinrich Bandet; Ausschussmitglieder:. Leon Braciejowski, Max Tigncr, Heinrich Vogler, Ephraim Friedner, Moritz Halpern, Salumon Schmerlcr; Ersatzmänner: Moritz Huppert, Arthur Fallmanu, Moritz Fragner; Revisoren: Michael Berkowicz, Salomon Pitzcle, Lazar Abrahamowicz. — Dem Aufrufe des galizischen DiötrictscomitecS Folge leistend, haben wir gestern eine öffentliche Protestversammlung gegen die vorgeschlagcne Aeuderuug der Parngraphe 59 und 60 der Gewerbe-Ordnung abgehalten. Coll. Paul Nieser hielt sein Referat vor einem Publicum, das aus den hiesigen Gewerbetreibenden lind Hausierern sich recrutierte lind das mit gespannter Aufmerksamkeit den Ausführungen des Redners folgte. In ausdrucksvollen Wörter: wies der Referent nach, lvie schädlich inrd unheilbringend für die jüdische Geschäftswelt und speciell für den Hausiererstand die neuen Bestimmungen der Gewerbe-Ordnung werden inüssen, wenn sie Gesetzeskraft erlangen sollten. Die österreichische moderne Socialpolitik, welche dahin zielt, auf Kosten des darbenden jüdischeil Volkes den antisemitischeli Regieruirgshelfern im Parlamente zu ihrer Existenz zu verhelfen, tvurde einer zersetzenden Kritik unterzogen. Zum Schlüsse seiner vortrefflichen Ausführungen schlug er die Auriahinc folgender Resollitioiien vor, die auch irach einer Discussion, an der sich arich Nicht-Zionisten bethciligtcn, zur Annahme gelangten: „1. Die am heutige,: Abend stattgefundene Volksversammlung sieht in der geplanten Aenderung der Paragraphe 59 lind 60 der Gewerbe-Ordnung einen reactionären, gegen die vitalsten Interessen des jüdischen Agenten-, Handlungsreisenden- :inb Hansiercrstandes gerichteteil Anschlag llnd protestiert auf das energischeste dagegen, dass der von, Mgeordnetenhmise aeceptierte Abänderlingsvorschlag der Paragraphe 69 unb 60 der Gewerbe-Ordnung Gesetz werde. 2. Die Versammlung beschließt ferner: n) Eine zweckentsprechende Massenpetition der Agenteil, Hausierer nnb Gewebetreibenden von Galizien und der Bukowina an das Handelsmiilisterilml m:d die Handelskammer zu entsenden, wie a:ich b) eine ebensolche Petition mittelst des Verbandes der jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter dem Herrenhause demnächst au unterbreiten; c) in Galizien und Bukowina Volksversammlungen lvegci: Stellungnahme gegen die vorgeschlagene Aendernng der Paragraphe 69 und 00 der Gewerbe-Ordnung einzubernfen, eventuell deren Einberufung zu veranlassen. 9. Die Versaunnlung beschließt endlich, den jüdischen galizischen Abgeordnete!,, die nur persönliche Ambitionen und keine jüdischen Interessen vor Augen haben, ein Misstraliensvotlnn zu ertheilen." Lemberg. (Unsere Lehrer.) Es bewegt sich dochl muss «'.an ausrnfen, wenn man den Blick auf die so arg vernachlässigten Fuiictionsgebiete unserer Gemeinde richtet, so z. B. des jüdischen Religionsunterrichtes. Unser Vorstand, tvelcher Wohl, mis der Assimilationsepoche stammend, alle schiffbrüchigen Ideen aus jener Aera mitgenommen, führte das Wort jüdischer Religion tvohl in seinem Schllde, konnte sich aber nicht Hinaufschwingen zur Höhe der heutigen Auffassung des ReligionSbegriffes im Judenthum. Dank des Bankerotts der Assirnilation beginnt unser Vorstand dem jüdischen Zeitgeiste nachzuspüren, m:d ein frischer Luftzug weht durch das Gemeindehaus in der Vernsteingasse. Im Verlaufe eines Jahres besetzte der Lemberger Vorstand die Direktion der Klrabenschule mit einer ausgezeichneten Lehrkraft in der Person Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiners Dr. Gutmann, eines überzeugungstreuen, arbeitsfrelldigen, von edler Vegeisterullg für sein Volk und dessen Gcistesschätze erfüllten Mannes. Es gelang ferner, Herrn Doctor Scharr, Zögling des Wiener Rabbiner-Seminars, als Religionsprofessor für das 6. Gymnasium zu gewinnen. Bald hatten wir die Freude, den jungen Forscher und Gelehrten und jüdischen Patrioten Dr. Chajes als Religiollsprofessor am 2. Obergymnasium zu begrüßen. Dieses allfgehende Triasgestirn gieng unliebsmnerweise ivieder auseinailder. Nur Herr Dr. Gntmann blieb uns erhalten und wirkt, wie angegebeil, als Schuldirector, ferner als Gcfangcnhansrabbiner und stellvertretender Prediger der hiesigen Tcmpelgemeinde. Auf jedem feiner Posten versteht er es ganz und voll, in echt jüdischem Geiste seine heilige Aufgabe zu lösen. Dr. Gutmann lehrt und lernt — jüdisch. Seine zwei jüngeren College,: haben ul,s wieder verlassen. Der junge Religionsprofessor Dr. Schorr befindet sich mit Genehmigung des hohen Unterrichtsministeriums auf einer Studienreise. Herr Dr. Chajes, den wir so ungern nlissen» kehrte Lcnlberg als Professor den Rücker:, um vielleicht als Rabbiiler wiederzukehren. Eii:en Ersatz habei: wir für die beiden gedachten Herren zu verzeichnen in der Perfol, des in jüdisch-ilationalen Kreisen bekannten jungen Rabbiners Herrn Dr. Hausner, des hervorragenden Schülers des Wiener theologischen Seminars. Indem wir diesen Gelehrtenzuwachs auf's freudigste und herzlichste begrüßeil, hoffe:: wir, Gelegenheit zu finden, für ihn eine Tribüne zu schaffen, voi: welcher aus derselbe nicht als Schulmann, sondern als Muster eines Malincs bei der Nellaissance Israels Wirker: dürfte — zum Heile unseres führerarmen Volkes. Lemberg. (Zu den L a n d t a g s w a h l e n.) Die Candidaten für der: Landtag haben bereits von sich reden gemacht. Der erste, der Senior, dies ist der Candidat der Lemberger Cultusgemeiirde, gleichzeitig der Präsident der ersten jüdischer: Gemeinde des Landes, Herr Dr. Emil Byk. Dieser Candidat hat vor allen andere:: jüdischen Candidater: vieles voraus; zunächst feinen curulischen Stuhl im Polenclnb — was noch mehr als das — die großen Verdienste, welche Dr. Bhk bei den polnischen Politikern sich dadurch erworben, dass er das ganze galizische Israel in das polnische Lager überleitete. Was Dr. Byk für die Polen nnb ihre «semitischen Führer geleistet hat, bilden finanzielle und moralische Werte, die ohne seine persönliche Intervention nie und nimmer der Schlachta zugeführt worden wären. Eben diese hervorragenden Verdienste auf polnischer Seite dienen gar oft als Waffe in der Hand seiner Gegi:er lind trugen ihm bittere Vorwürfe seitens seiner eigenen Connationalen ein. Der Polenclub hat somit die Verpflichtung, Doctor Byk i,l allererster Reihe auf den Schild zu heben und ihl, zu stützen, selbst gegen den Willen mancher jüdischer Bürger. Nächst ihm erschien Herr Dr. Lilien auf der Tribüne, ein politischer Homo novns, welcher nach der Ehre geizt, ein Posel-Abgeordneter zu sein. Man muss dem Genannten Gerechtigkeit wiederfahren lassen, dass er Muth gezeigt und für die Juden nicht bloß die geschriebene, sondern die praktische Gleichberechtigung verlailgt. Ferner verspricht er, für die Polonisterung thätig zu sein. Zunächst bedarf cs keiner Mittelspcrsoll, dort, wo der Staat, resp. die Landesregierung, Anrt und Schule vor dem deutschen Worte sich verbarrikadiert. Allein die jüdische Volksseele zu polonisieren, geht erst mit dem dritten und vierten Geschlechts der Täuflinge. Uebrigens geht es ja den Polen nicht etwa darum, den Juden die brüderliche Vollhand, sondern die Hohlhand entgegenzustrecken; die erstere benöthigen sie für sich, die zweite reichen sie dem polak mojzeszowcgo wyznania. Herr Dr. Holzer endlich, eine liebenswürdige, gut jüdische, fromme und wohlthätige Natur, genießt wohl Achtung bei Jud und Christ — ob aber politisches Ansehen? Wer möchte es behaupten? Fogaras. '(Ein Opfer.) Der hiesige Photograph B. I., ein Christ, der ein „jüdisches Aussehen" hat, kam dieser Tage nach dem romantisch gelegenen Zernest, um daselbst Aufnahmen für Ansichtskarten zu machen. Kanin war die Bevölkerung des „Juden" mit seinem schwarzen Kasten ansichtig geworden, als es sofort hieß, dass derselbe christ- 'iche Kinder einfangen und abschlachten wolle. Einige dieser Tapferen fielen über den Unglücklichen her und schlugen so unmenschlich auf ihn ein, dass er die Spuren der Misshandlungen noch lange tragen wird. Hierher zurückgekehrt, chleppte er sich zu dem jüdischen Arzt Dr. L. und ließ sich ein Befunds-Attest ausstellen. Als er dafür die Taxe von vier Kronen zahlen sollte, meinte er: „Das ist viel, zumal ich doch eigentlich ein Opfer für Ihre Glaubensgenossen bin". „O nein," antwortete der Arzt schlagfertig, „Sie s i nd ei nO p f er d er Du mmh ei t Ih r er G l anbei: sgenosse n". 3t**l***> Paris. Orig.-Corr. (Schattenseite n.) Es gibt eine Art französischer Juden, die sich den Kopf zerbrechen und alles Mögliche daransetzen, um ihr Judenthum abzustreifen und sich in die Gunst der Nichtjuden einzuschleichen. Bekaiintltch steht an der Spitze des „G a n lo is", des monarchistischen Organs, in dein Tag über die Inden geschimpft wird, der vielberühmte (?) Arthur Meyer, der jedoch die jüdische Solidarität vertritt, indem er als Mitarbeiter an der Redaction siebzehn Glaubensgenossen hineingezogen hat, darunter ein B l o ch, ein S ch m o l l, ein Po l l o n n a i s, Fräulein See usw.!!! Ferner ist es eine Thatsache, dass D r u m o n t öfters seine Erkundigungen über Israel bei authentischen Inden einzieht. Neulich wollte ein Pariser Glaubensgenosse, und zwar ein Orthodoxer, über die Richtschnur der Zeitschrift „L'Univers Jsraelite" seine Meinung aussprechen, er fand nichts Besseres, als an die „Libre Parole" 311 schreiben. Andere werfen denMangel anPatriotisinus ihrenGlanbensgenossen vor und beanspruchen für sich allein die Vaterlandsliebe. So sindviele französische Juden Verräther an ihrem Volke. Folgendes übertrifft aber vollends alles Gehöre. Eine kleine Anzahl jüdischer junger Leute, die sich auf-; geklärt dünken und nicht wissen, wie sie berühmt werden könnten, haben beschlossen, am Jomkippur ein feierliches Mahl zu halten. Daniit wollen sie beweisen, wie sie über jede religiöse Idee erhoben sind. Arme Würmchen! Mag ein jeder von der Religion halten, lvas er will, aber derartige Gemeinheiten an das Tageslicht zu bringen und in den Zeitungen darüber schreiben, ist niederträchtig. Bilden sie sich etlva ein, dass man sie in Zukunft weniger als Juden betrachten wird? Sie rnögen es wollen oder nicht, bei Gelegenheit wird man ihnen nicht weniger ins Gesicht schreien, und wir kverden dazu Beifall klatschen: „Der schnmtzige, niederträchtige Jude!" Paris. (Ernennungen.) Zu Officieren der Akademie der Wissenschaften wurden ernannt: Herr Paul Salzedo, Professor an der Hmrptschille für bikdellde Künste in Bordeaux imb Dr. med. Alphouse Bloch in?luxonr:e. London. (Gegen die Einwanderung F r e m d e r.) Das vor einigen Wochen begründete „Parlamentarische Komitee gegen die Einwanderung Fremder", dem bereits neunundfünfzig Abgeordnete sich angeschlossen haben, hat an den Ministerpräsidenten Lord Salisbury ein Schreiben gerichtet, in welchen: die Negierung an ihr wiederholt gegebenes Versprechen, die Frage gesetzlich zu regeln, erinnert und im Unterlassungsfälle ein energisches Vorgehen des Coinitees angedroht wird. Seitden: der Staatssecretär des Innern am 10. Februar 1897 legislatorische Maßregeln in Aussicht gestellt habe, sei die Zahl der in England eingetvanderten um 234 000 Personen gestiegen, also die Frage noch acuter geworden. Thatsächlich sei die Zahl noch größer, denn seit einiger Zeit würden die Einlvanderer von den Schiffsagenten instruiert, den Beamten des Board of Trades als ihr Reiseziel nicht England, sondern Südafrika und Arnerika anzugeben, während in Wahrheit die Meisten hier verbleiben. Zunr Schluss stellt das Coinitee eine sehr nachdrückliche Propaganda für seine Bestrebungen in Aussicht. Wenn sich daraus eine „Volksbewegung antiseinitischen Charakters" entwickeln sollte, so würde die Schuld die Negierung treffen, welche sich um diese „brennende Frage" nicht küinmere. Lord Salisbury beschränkte sich darauf, durch seinen Secretär den Empfang des Schreibens zu bestätigen und versichern zu lassen, dass „dieser Materie sorgfältige Aufinerksamkeit gewidmet loerden würde". Sehr zur Zeit wird soeben die amtliche Eintvandernngs-Statistik für die Zeit vom 1. Jänner bis 31. Juli 1901 mitgetheilt. Dieselbe ergibt, dass während dieser sieben Monate nur 31070, dagegen während des gleichen Zeitraumes des Vorjahres 37217 Personen immigriert und im Lande verblieben sind. Die Einwanderung ist somit in Abnahme begriffen, und der thörichten Agitation des „Parlamentarischen Comitees" fehlt schon deshalb jede thatsächliche Begründung. Unausgesprochen richtet sie ihre Spitze gegen unsere armen Glaubensgenossen aus Russland, Polen und Galizien. Diese Tendenz gibt zugleich die Erklärung für die an sich völlig unmotivierte Bewegung, welche in Wahrheit den seitens des Comitees angedrohten „antisemitischen Charakter" nicht erst zu erhalten braucht, sondern bereits offensichtlich besitzt. Warschau. (R u s s i s ch e P a s s p l a ck e r e i e n.) Warschauer Blätter berichten neuerdings, dass infolge einer Eingabe der Thorner Kaufmannschaft solvohl der dortige russische Viceconsnl, wie die deutsche Reichsregierung in Petersburg angefragt haben, ob thatsächlich eine Verfügung ergangen sei, die jüdischen Kaufleuten und Händlerir das Ueberschreiten der russischen Grenze auf Grund von Halbpässen verbieten. Die deutsche Regierung soll eine solche Verfügung als gegen die Handelsverträge verstoßend bezeichnet haben. Der russische Minister des Innern hat diese Auffassung als irrig bezeichnet, da es sich nur um eine locale Maßnahme handele (Grenzhalbpässe gelten nur für das eigentliche Grenzgebiet) und weil auch außerhalb Russlands die Juden in gewissen Rechten beschränkt seien. Der Warschauer Generalgouverneur wurde vom Minister zu einem Berichte aufgefordert, ob er ein derartiges Verbot erlassen habe, ob es ferner, wenir es ergangen, sei, beibehalten werden könne. Es erscheint danach nicht sicher, dass die Frage in einem für die Petenten günstigen Sinne geregelt werden soll. Die Begründung des russischen Vertreters mit dem Hinweis auf gelvisse barbarische oder halbbarbarische Länder, in welchen die Juden in gewissen Rechten beschränkt seien, ist geradezu classisch. Diese unaufhörlichen Chicanierungen deutscher Staatsbürger durch eigenmächtig verfahrende russische Verwaltungen schädigen nicht nur . die nnnlittelbar Betroffenen, sondern sie sind zugleich auch eine Herausforderung gegenüber der Reichsregierung. Eine Zeitung meint: „Man darf Wohl das unbedingte Zutrauen zur Leitung unserer Reichspolitik haben, dass sie es dem gegenüber nicht an der erforderlichen Entschiedenheit fehlen lassen werde." — Nous verrons! Odessa. In dem zugunsten der ilothleidenden Juden in Südrnssland veröfentlichtei: Sarmneliverke finben wir einen inhaltsreichen Aufsatz des bekannter: russischen Schriftstellers A. Subotin über die Judenfrage in Russland. „Durch die Maigesetze", heißt es in dem sehr lesensiverten Artikel, „hat sich die materielle Lage der russischen Juden überaus kritisch gestaltet. Sämmtliche aus dem unglückseligen Ansiedelnngsrayon einlaufende Berichte bekunden übereinstimmend, dass die Juden schon lange nicht mehr so diel erwerben können, um nur die allerdringendsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Die Juden in den 25 Gouvernements deö Ansiedelungsrayons darben, obgleich unter ihnen sich 180 000 Bauern, 112 000 Tagelöhner, 04 000 Fabrikarbeiter u:td 450 000 Handwerker befinde::.*) Die Juden scheuen sich also durchaus vor keiner physischen Arbeit und stellen nicht weniger als "/« Millionen unmittelbar productive Arbeiterl Aber all ihr Fleiß, alle ihre Anstrengungen nützen ihnen nichts gegenüber den sie ruinierenden Maigesctzen, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken, ihnen den Aufenthalt in dem größten Theile Russlands verbieten, sie aus allen Dörfern vertreiben und ihnen das Wohnen 50 5kilometer rund um die Grenze erschweren. Schon 1887 hat die bekannte Pahlen'sche Commission officiell festhalten müssen, dass 90 Procent aller Juden in größter Armut und von der Hand in den Mund leben müssen. Seit dieser Zeit hat sich die Situation noch ivesentlich verschlimmert. Eine zuverlässige, durch Umfrage:: von Ha::8 zu Haus gesammelte private Statistik hat ergeben, dass 50, stellenweise sogar 75 Procent aller russischen Juden arbeits- und brotlos sind, dass sie ihre Häuser verfallen lasser: und ihr beiveglicheö Einkommen um jeden Preis verschleudern müssen. Ihre Häuser verwandeln sich in Ruinen und sinken beständig im Wert; das betvegliche Inventar wird zu Schleuderpreisen losgeschlagen, und die Zahl ihrer Kinder, die ohne jeglichen Unterricht aufwachsen müssen, nimmt erschreckende Dimensionen an. Die Zahl der Juden, die 1897 gezwungen waren, zu Ostern *) Es ist darum doppelt Vorsicht und Umsicht am Platze bei den Bestrebungen, die deutschen Juden zu Bauern und Handwerkern zn machen.