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Jüdisches Volksblatt · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37 Wien, Freitag Jüdisches Volksbiatt 13. September 1301 Seite 3 stchers S ch w a n z a r. Redner erklärte, dass cs der Deputation unmöglich gewesen lvar, die genannten Herren in i h r e n B u r e a u x a n z u t r c f f e n. So oft sie in das Bureau eines dieser Herren faincn, hieß cs, sie feien nicht anwesend; auch Magistratsrath Viktorin, an den sie gewiesen wurden, war nicht anwesend. Hierauf referierte Herr Glückstein über die Audienz beim Eisenbahmninistcr von Wittek. Nachdem dem Minister die Wünsche der Deputation vorgelegt worden warcir, erklärte derselbe, eine Umänderung der Verkehrseintheilung fei eine schwere Sache, und was die Triebfeder dieser Sache anbelangt, so sei es eine bekannte Thatsache, dass das Große aufkomnit und das Kleine zugrunde geht. „Ich bin," sagte der Minister — „der Großfuhrmann in Oesterreich. Ich muss auch auf inein Geschäft schauen, mein Geschäft ist auch passiv. Eigentlich baden Sie gar keine Berechtigung, zu mir 31t kommen!" Bei diesem Sähe bemerkte der Kaufmann Brix zum Minister: „Entschuldigen, Excellenz, wir sind nicht hierhergelanfen, um einen Minister zu sehen, sondern nach reiflicher Ueberlegung, um Euer Excellenz die Wünsche zur Kenntnis zu bringen." „Ich kann", erwiderte der Minister, „unmöglich nach der alten Fahrordnung die Localzüge verkehren lassen. Was wollen Sie denn eigentlich?" — „Wir wünschen ja nichts" cntgegenctc der Referent Herr Glückstein, „dass der ganze Localverkehr vom Franz Josefs-Bahnhofe betrieben werde, sondern nur ein Theil der Züge tour und retour." lieber das Vorgehen des Herrn Reichsrathsabgeordnetcn Dr. Weiskirchner, des Herrn Vicebürgermeisters Strobach und des Bezirksvorstehers des 0. Bezirkes, Herrn Schwanzar, wollen wir hier kein Wort verlieren. — Alle diese Herren scheinen nicht den Muth zu haben, in der Zeit des rüdesten Antisemitismus eine Deputation von Männern, die sich nicht als Antiseiniten geriercn und die auch die Interessen zahlreicher jüdischer Kaufleute Vertretern zu empfangen. Allein sie hatten den richtigen Takt und die Manier, sich zu verleugnen, um der Deputation einen Affront nicht zuzusügen. Ganz anders war aber das Benehmen des Herrn Eisenbahnministers. Er hatte der Deputation gegenüber den Standpunkt des n0n possnmus hervorgekehrt, mit einer Begründung' die man durchaus nicht billigen kann und die in: Gegensätze ist zu dem Zuge der Zeit. Schon seit drei Jahrzehnten hindurch gilt das Princitz „S ch u tz de m kleinen M a n n e", während Exellenz Dr. v. Wittek mit cineinrnale den Großindustriellen hervorkehrt und mit der ganzen Wucht des großen Unternehmers auf die Kleinen drückt. In einem constitutionellen Staate hat jeder Staatsbürger das Recht, sich zu beschweren und sein Anliegen an competcntcr Stelle vorzubringen, zumal Steuerzahler, die sich. in ihren Erwerbszweigen tief getroffen fühlen. — Kleine und große Potentaten und Souveräne gehen mit größter Opferwilligkcit in ihrem Berufe auf und empfangen den Höchsten sowohl, als auch den Niedrigsten ihrer Unterthanen, mn beven Anliegen und Beschwerden entgegenzunehmen. In den allgemeinen Audienzen werden Hunderte und aberhundcrte von Kaisern: und Königen empfangen und in leutseligster Weise behandelt. Ganz anders aber Excellenz von Wittek. — Er wirft sjch in die Brust, rmd spricht den »Eiernleben*), mei Gold, du wirst heit noch einmal fort müssen." »Warum?, heit, speßiste nachts?**) „Ja leider", weinte die zitternde Stimme der alten Frau, „Du musst heint noch nach Liebeschitz." Der junge Mann erbleichte. Liebeschitz, ein Marktflecken in Böhmen, in der Nähe der Kreisstadt Leitmeritz, war der Sitz des herrschaftlichen Patrimonialamtes, des damaligen Gerichtes über Leben und Tod der Juden. Dort hauste der gefürchtete Justitiar H., ein Mann, der wegen seiner Strenge gegen die Juden gefürchtet war. Wer nach Liebeschitz citiert wurde, den erwartete nichts Gutes. »Was is' denn, Mamm?" fragte Aron erschreckt. „Sie hab'n heit den Tat'n abgeholt/ kam es thränenerstickt aus dem Munde der Mutter, »weil die Steiern nicht gezahlt sind." „Wieviel?" „Sechs Gulden Schei.'" Der angsterfüllte Sohn knickte zusammen. Sechs Gulden Schein war damals eine horrende Summe, ein Capital, wenn man bedenkt, dass der ganze Hausbrauch einer Familie für die Woche mit kaum der Hälfte bestritten wurde. Der junge Mann zählte seine Barschaft. „Vier Gulden Hab ich da, wenn ich Dir einen auf Schabbes gib, kann ich dreie abführen, mit den anderen wird er warten." Er wollte die Mutter trösten. Der Vater saß jetzt am Freitag im Kerker. Schabbes, der heilige Ruhetag, kam heran, und der alte Mann konnte den Segen nicht hören, nicht das Brautlied mitsingen, das ruheverheißend den Anzug des Gottestages einleitete. Für damalige Religiousbegrisfe entsetzlich. Schweren Herzens servierte ihm die Mutter den kargen Imbiss, und Aron machte sich auf den Weg. Nach Liebeschitz ist kaum eine halbe Stunde für so junge Füße; der Weg wurde diesmal kürzer, das Bild des Vaters im Schuldgefängnisse beflügelte die Schritte. Das Herrenhaus dehnt sich schwermassig in einem großen Parke. Heute ist der Herrschaftssitz der Lobkowitze im Besitze eines Spinnerbarons; den wohlgepflegten Mauern *) Eiern — Verzerrung von Aron. **) Bezeichnung des Freitag-Abends. , zur Audienz Erschienenen sogar das Recht ab, zu ihm zu kommen. „Minister" ist die wörtliche Ucbersetzung von „Diener" und ein Minister ist gerade so ein Diener des Staates, lvie jeder andere Beamte. Wir empfehlen daher Seiner Excellenz das Airliegen der durch die Sondermaßregel des Eisenbahnministerimns betroffenen Geschäftsleute, wem: darunter auch die Mehrzahl jüdische Confessio:: sind — der eingehendsten Würdigung mrd Beachtung. Hausierer und Agenten! Unterschreibet die Petitionen gegen die W 59 und 60 der Gewerbeordnung! Das jüdische Moment in der socialen Demegung. Zn wiederholtenmalen wurde in diesern Blatte der Nachweis erbracht, dass die Judenfragc zun: großen Theile eine sociale Frage ist und dass unsere nationale Bethätiaung in erster Linie eine wirtschaftliche sein müsse. Auch aus den Zusammenhang der Judenfrage mit der socialen Frage wurde theillvcise in unseren Artikeln „Judenthum und Eapitalisnrus" hingewiesen und die diesbezüglichen Behauptungen der Antisemiten widerlegt. Andererseits haben wir des öfteren auf die Gefahr Hingelviesen, die für die Juderr im allgemeiner:, besonders aber für dasjüdische Proletariat darin besteht, sich blindlings der marxistischen Orthodoxie c.uszuliefern und gegen jede antimarxistische, socialistische Reformbewegung Stellung zu nehmen. Wie recht Nur mit unseren diesbezüglichen Warnungen hatten rmd haben, dass im Falle einer Zuspitzung der Krise, im Marxismus die Juden ebenso die Opfer der Thaten und der Unterlassungssünden der marxistischen Führer sein könnten, wie sie auch die ersten Opfer des bankerotten Manchesterlibcralisnms waren, dafür liegen verschiedene Anzeichen vor. Ganz abgesehen von der keineswegs, zu unterschätzenden deutsch- und slavischnationalen sowie christlich-socialen 'Arbeiterbewegung, mehren sich, in Oesterreich allerdings weniger als in Deutschland, die Sociologen, welche eine Revision der marxistischen Grundlagen des Socialismus-fordern. Die starrsten Vertheidiger aber des marxistischen Dogmatismus, und zwar nicht immer mit den gewählteste:: Waffen, sind (außer Herrn Kautsky) fast ausnahmslos Juden. Die Opposition gegen die marxistische Orthodoxie, die früher bereits durch Hcrtzka, Oppenheimer und die theoretischen Anarchisten repräsentiert wurde, hat durch dos Buch „Die Voraussetzungen des Socialismus" von Bernstein, eines Jüngers Marx', inrnrer weitere Kreise gezogen und man kann derzeit noch keineswegs vorr einem Abschluss der Berrrstein-Frage reden, sieht eS kein Mensch an, dass sie einst der Schrecken der Judenschaft waren. Nach langem Warten wurde der junge Aron vorgelassen. Der Herr Justitiar, ein herkulisch gebauter Mann, stand am hohen Bogenfenster, neben ihm auf dem Schreibtische lag die lange Reitpeitsche, das Attribut der „Herrschaft", vor dem die Untergebenen und Bittenden einen großen berechtigten Respect hatten. Er war vom Zweck des Besuches schon verständigt. Der junge Mann wollte „die Steuern" zahlen. „Leg's dorthin!" sagte er kurz, ohne sich umzudrehen, und wies auf den Tisch. Angsterfüllt, aber mit fester Stimme brachte der junge Mann sein Anliegen vor. Er hätte, weil heute Freitag sei, wo jeder Jude im Ghetto sein Geld selber brauche, nur die Hölfte auftreiben können. Seine Gnaden, der Herr Justitiar möge mit dem Rest eine Woche nachwarten. Keine Antwort. Der geängstigte Jüngling wurde drängender; er flehte, mit Rücksicht auf die vorrückende Zeit, um die Zurücknahme des Haftbefehls. Da drehte sich der Herr Justitiar langsam nach dem Schreibtische, die Hand griff nach der Reitpeitsche, und ein furchtbarer Hieb traf den Kopf des zurückfahrenden Burschen. Der Justitiar drehte sich ruhig, als wäre nichts geschehen, nach dem Fenster zurück. Der junge Rann hatte seine herabgefallene Mütze aufgehoben. Leichenblass stand er da, unfähig, ein Glied zrl rühren. Der ganze Ingrimm des gemarterten Jugendmuthes, das tiefgedemüthigte Selbstbewusstsein und der Wunsch nach Rache kochten in dem jungen, starken Herzen. »Herr Justitiar," stürzte es wie Woßenschwall aus den bleichen Lippen hervor, „Sie haben einen Sohn geschlagen, der für seinen alten Vater bitten gekommen ist. Das wird Gott strafen.. Da wendete sich der Herr Justitiar wieder dem Schreibtische zu — rasch entgieng Aron durch die Flucht weiteren Misshandlungen. Mit welchen Gefühlen er den kurzen Weg nach der Stadt zurücklegte, ist zu empfinden. Dem alten Manne leuchtete noch die Wuth aus den Augen, wenn er erzählte. Zuhause empfieng ihn vielmehr dauert zwischen Kautsky rnrd Bernstein die Polemik noch innner fort. Diese.Bernstein-Debatte birgt in ihrem Hintergründe aber —- die I u d c n f r a g e. Ter Kampf Bernsteins gegen Kautsky und gegen den Urinarxisnrus ist nämlich der alte Kampf Zwischen Marx und Tühring, wie ein eben erschienenes Buch Benedikt Friedländers in klarer Weise auscinandersetzt. In scinerrr Buche betitelt „D i e v i e r H a u p t r i cht u n g e n d e r s 0 c i a l c n B e w c g u n g" sagt diesbezüglich Benedikt Friedländcr Folgendes: „Neuerdings ist nun abgesehen von einer beständigen, vielgestaltigen aber latenten instinctiven Unzufriedenheit mit der herrschenden socialiitischen Richtung, eine Art Opposition aufgetreten, die unter beut Na inen von E. Bernstein bekannt geworden ist. Das von der Parteiregierung und Parteipresse in künstlicher Unwissenheit über gewisse Borkomnurisse gehalterre Partcipublicunr weiß natürlich so gut wie Nichts von der wahren Bedeutung und dem Ursprünge jener theoretischen Opposition. Jedermann sonst aber weiß, dass cs im wesentlichen Gedanken sind, die von D ü h ring bereits vor etwa dreißig Jahren ausgesprochen worden sind, und die Bernstein auch zweifellos seit lange gekannt hat, unrsonrchr, als den literarischen Führern und Marx-Epigonen überhaupt die ganze Angelegenheit nur a l l z u g u t bekannt ist und anf dein Gewissen lastet. B e r n st e i n persönlich ist aber dem Einvernehmen nach sogar ein Schüler von D ü h r i n g gewesen. Da ist es beim doch zlveifelhaft, ob es gerade besonders angebracht war, jene Quelle zu verschweigen, wie das Berirstcin gethan hat." Hier ist der Punkt, lvo der Kampf zwischen Bernsteiniancrn und den Marxisten, oder wie Benedikt Friedländer meint, zwischen Dühring und den Epigonen Marx' aufhört, ein Kampf für die Richtigkeit und Unrichtigkeit zlvischen Dührings focialitärcm Systenr und Marxismus zu sein, sondern infolge der Taktik der Marxisten vielfach ein Kamps gegen oder für die Juden zu werden droht. Benedikt Friedlander sagt diesbezüglich: „Jede Kritik von Marx wird da wird von einigen thörichetrweise als-von einem versteckten Antisemitismils, jede Kritik von Dühring als von einem Philo-oderAisti-Antisemitismus dictiert angesehen. Benedikt Friedländer führt rrämlich den fanatischen Judenhass auf das Buch von Friedrich Engels aus dem Jahre 1878: „Herrn Eugen Dührings UnNvälzung der Wissenschaft" zurück, dessen eigentlicher Urheber Marx sein soll. Friedl ä n d e r meint, dass „verletzte persönliche Eitelkeit und parteipolitische Rücksichten Marx und Engels veranlasst hätte::, zu dem ebenso thörichten, wie moralisch verwerflicher: Streich, sich in einer äußerst ungerechter:, ja unwahrhaftigen und verleumderischer Weise gegen Dühring auszulassen". „Dühring wird in jeder Weise heruntergerissen, und zuletzt als u n z u r e ch n u n g fähig bezeichnet, obwohl „Dühring trotz der BehauptungEngels', dass er von der modernen Naturwissenschaft und Mathematik nichts verstünde, gerade auch auf diesem Gebiete als Schriftsteller auftrat und bei einer anonymen Bewerbung mit seiner Geschichte der Mechanik einen akademischen Preis und eir: besonderes Lob davontrug." „Jetzt mögen wohl die Marxisten dieses seinerzeitige Vorgehen gegen Dühring bereuen, nachdem die Grundlagen des Marxismus erschüttert sind und sich bei thränenden Auges die Mutter. Drei Gulden konnte man in der ganzen „Gaff'" nicht mehr auftreiben. Dazu brach der Schabbes heran; man konnte auch nicht mehr „versetzen gehen". Es blieb keine Aussicht, der alte Mann musste im Kotter bleiben. Noch einen Weg wollte Aron machen. Zu „Reb Mendl Tusch", einem wohlhabenden, als wohlthätig bekannten Manne. Als er zurückkam — der Gesuchte war noch nicht zuhause — kam ihm die Mutter schreckensbleich entgegen. »Schma Jisroel, was hast du in Liebeschitz angestellt? Der »Bot'"*) war da, du sollst augenblicklich nach Liebeschitz kommen." Dem jungen Aron schlich es wie Lähmung durch die Glieder. Er beruhigte die geängstigte Mutter. Es war schon fünf Uhr, aber der Aufforderung des Amtes musste Folge geleistet werden. Er konnte bis 7 Uhr zurück sein, noch rechtzeitig zum Sabbathanfange. Als er ins „Schloss" kam, merkte er ungewöhnliche Vorgänge. Leute liefen hin und her, alles war in sichtbarer Aufregung. Er wurde gleich ins Zimmer geführt, wo er vor wenigen Stunden die furchtbare Scene erlebt hatte. Ein junger Mann kam ihm entgegen. „Sie waren heute vormittag bei meinem Vater?", fragte er mit zitternder Stimme. „Was gieng da vor?" Aron erzählt den ganzen Auftritt mit verhaltener Wuth, und zitternde Scham sprechen aus seiner Stimme. Der Justitiarssohn reichte ihm die Hand; er weinte. „Die Hand wird Sie nicht mehr schlagen. Mein Väter ist vor einer Stunde einem Schlaganfalle erlegen, der ihn kurz nach dem Mittagessen traf; er hat vor seinem letzten Athemzuge die Freilaffung Ihres Vaters verfügt." Dabei reichte er Aron ein Papier: den Befehl zur Enthaftung des Strumpfwirkermeisters Nathan B. ohne weitere Forderung des Steuerrestes. Am weißgedeckten Tische, auf dem die braunen Barches prangten, sprach der alte Vater den Segenswunsch für den morgigen Ruhetag: „Gepriesen seist Du. Herr, unser Gott, der Du geboten hast, sechs Tage zu arbeiten und am siebenten Tage zu ruhen". Sinnend und inbrünstig klangen die Worte von den Lippen des jungen Aron... n. *) Büttel, Diener des Patrimonialamtes.

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