Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2432864-2432901--1152-2434879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 13. September 1901 Nr. 37 Der Schriftleiter dieses „asemitischen" Blattes hat schon der letzten Vertranensinännerversammlung der Deutschen Volkspartei beigewohnt und das ihm anfänglich entgegengebrachte Misstrauen durch ein offenes Bekenntnis seiner gegenlvä Aigen Gesinnung beseitigt. Er erklärt offen, dass man auf der Sympathie für die Juden keine Partei aufbauen könne. Es ist nur schade, dass die Herren erst heute zu dieser Einsicht kommen; inzwischen haben sie sich jahrelang von den böhmischen Juden füttern lassen. Tausende Gulden sind für die deutsche Agitation geopfert worden, damit die deutschen Ratten in dem Momente, wo das deutschliberale Schis' zu sinken beginnt, die ersten sind, die das schiff verlassen. Diese Ereignisse getvinnen an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass diese Gesinnung auch die Gesinnung des Dr. P e r g e l t, Mitglieds der Leitung des Clubs der reichsrathlichen Fortschrittspartei nt. Sein Plan war bekanntlich der, dass die deutschböhmischen Mitglieder der Fortschrittspartei einen eigenen Club bilden sollen, der mit der Zeit zu einem einheitlichen nationalen Verbände mit der Deutschen Volkspartei in Böhmen verschmolzen wäre. Es wäre doch viel ehrlicher, wenn diese Herren, die mit der Volkspartei in dem Judcnpunkte übereinstimmen, offen zur Volkspartei übertreten würden. Als „Asennten" finden sie vielleicht Aufnahme. Und dann — wie lautet doch ein Argument dieser Herren? Wenn der Antisemit Brzeznowsky Mitglied des freisinnigen jungezechischen Clubs sein kann, so kann doch ein Fo:tschrittsmann-Afemit Mitglied der Volkspartei sein. So mögen jene Herren argumentieren, welche, wie der gesinnungstüchtige nordböhmische Schriftleiter, „mit den thatsächlich wirkenden Strömungen" rechnen, also heute so und morgen so zu stimmen bereit sind. Ein ehrlicher Mann würde lieber 'ein Mandat verlieren, als mit dem wechselnden Strome der Wählerschaft stimmen. Doch wir wollen uns nicht weiter in wehmüthigen Betrachtungen verlieren; Sentimentalitäten gehören nicht in die Politik. Wir wollen vielmehr die böhmische Judenschaft fragen, ob ihr endlich die Augen über ihre falschen Freunde ausgehen. Sie haben viel Opfer für die Deutschen gebracht; die Deutschen sind die ersten, die bereit sind, ihre Sache zu verlassen. Die Juden sollten sich doch endlich ermannen, eine selbständige jüdische Partei in Böhmen zu gründen, die ohne Neue für die verlorene Liebesmühe frisch und energisch an die neue Arbeit geht. Ansätze zu einer solchen Parteibildung sind schon vorhanden; wenn diese Keime nicht frech von übelberathenen Stammesgenossen niedergetreten oder verbildet werden, berechtigen sie zu den schönsten Hoffnungen. Die galizischen Landiagrwahlen. Der Verlauf der bisherigen galizischen Wahlen lveist einen glänzenden Sieg der polnischen Schlachta auf. Was daran überrascht, ist n i ch t so sehr der Sieg der Schlachta, auf den man ja gefasst war, als vielmehr die totale Niederlage der Opposition und speciell die wuchtige Niederlage der polnischen Volkspartei. Bei der Beurtheilung des Wahlresultates und seiner Ursachen darf man einerseits weder das Wahlresultat ausschließlich auf den Terrorismus der Schlachta, das Verhalten der galizischen Landesbehörden und auf das reactionäre Wahlgesetz zurückführen; aber andererseits darf man noch weniger das Wahlresultat dahin interpretieren, dass die Bevölkerung mit dem herrschenden Regime der polnischen Schlacht zufrieden sei und von keinerlei Opposition etwas beiden Seiten hm nicht genug vorsichtig, nicht genug berechnend. Wir wählen unsere Abgeordneten auf Erden und unsere Abgeordneten für den Himmel, ohne genügend zu prüfen, ob sie auch würdig sind, uns zu vertreten. Mail erzählt sich, dass ein Leopoldstädter Verein einen Chasen, der bereits getauft war, nur aus dem Grunde „gemietet" hat, weil er eine schöne Stimme besaß und wie viele solcher politischer Chasanim schicken wir in den Gemeinderath, in den Landtag oder in den Reichsrath, weil sie auf den Wählewersammlungen so schön zu singen verstehen, obwohl wir wissen, dass sie ausgesprochene Antisemiten sind. Der Himmel ist geduldig. „Gott will nur ein reines Herz" und jeder einzelne Jude kanntet:: Gewissen d i r e c r mit Gott Verkehren lassen. Der Vorbeter bleibt bei dem frommen Jude::, der die Festtage ernst nimmt, nur eine Formsache. Aber bei unseren Abgesandten ans Erde:: schadet der Wahnwitz, da leidet das Volk, welches nicht versteht, sich durch seine Abgeordneten vertreten zu lassen. Man erzählte folgende Anekdote: Ein frommer Rabbi steht voller Andacht und Demuth vor dem Altar, die Posaune in der Hand, um die vorgeschriebenen Weisen zu blasen. Der Vorsager, gleichfalls ernst und andächtig, ruft sein „Thekiauh", der Rabbi versucht zu blasen, aber die Posaune versagt, tvill die gewünschten Töne nicht von sich geben. Der Rabbi macht alle Anstrengungen — vergebens! Man probiert hin und her, macht allerlei Versuche, aber es will absolut nicht gelingen! Da schleudert der Rabbi in seiner Aufregung die Posaune auf den Tisch und ruft aus: „Herrgott! Wenn es dir nicht recht ist, dass ich, dein ergebenster Sclave, vor dir Schofar blase, dann mag es Iwan ihnen". Und ergeht es uns nicht mit unserer: politischen Schofarbläsern auch so! Wie oft müssen die tvahren jüdischen Patrioten dem jüdischen Volk zurufen: Wem: ihr nicht wollt, dass euer treuer Bruder, der seinem Volke ergeben ist, eure Interessen in der gesetzgebenden Körperschaft vertreten soll, wissen wolle, am allerwenigster: jedoch hat man Ursache, dieses Wahlresultat als besonderes Glück für Gesammtösterreich hinzustelleir. Es ist wohl richtig, dass auch diesmal in Galizien keine reinen Wahlen: stattgefunden haben, sondern Wahlen ähnlicher Art, wie wir sie in einigen Wochen in Ungar:: und Croatien schm werden, Wahlen, wo eine kleine Mnwrität durch ihre politische und wirtschaftliche Macht uiw durch ein zu ihren Gunsten geschaffenes Wahlgesetz die überwiegende Mehrheit der Landesbewohner vergetvaltigen kann. Allein so weit reicht denn doch die Macht der polnische:: Schlachta und der Rcgierungseinflnss nicht, um die Äjntsache zu erklären, dass die Partei der polnischen Schlachta, gegen welche im ganzen Lande die Erbitterung in Zunahme begriffen ist, nicht nur ungeschwächt, sonder:: sogar — verstärkt aus den Wahlen hervorgegangen ist. Der Grund der Wahlniederlage der oppositonellen Elemente liegt zum nicht geringstem Theile in der mangelhaften Organisation der jüdischen, polnischen und ruthenischen Gegner der Schlachta, in den: ungeklärten Verhältnisse derselben zu einander, sowie auch darin, dass ein Theil der bisherigen Opposition die polnisch-christlichsociale Stojalowski-Partei und die russophile antisemitischealtruthenische Halyczanin-Gruppe mit fliegenden Fahne:: ins Lager der Schlachta übergieng. Die Juden vor allem entbehren in Galizien überhaupt noch einer zielbewussten volksthümlichen Organisation und haben sich daher iwch nicht auf national-autonomistischer Basis mit den Ruthenen auscinandergesctzt, was früher oder später in Galizien unausbleiblich ist. _ Andererseits sind auch die Ruthenen gespalten, trauten vielfach den Jude:: nicht, die bisher die gefügigsten Werkzeuge der polnischen Schlachta waren und ebensowenig der polnischenVolksPartei, welche nicht die volle nationaleGleichberechtigung den beiden anderen Galizien bewohnenden Volksstännnen einräume:: will. Es besteht also ein gegenseitiges Misstrauen zwischen denGegnern derSchlachta im polnischen, ruthenischen und jüdischenLager, ja noch mehr, die oppositioncllenFractionei: jeder dieser drei Nationalitäten fiub untereinander uneinig, ja es ist sogar der Schlachta gelungen, wie bereits oben erwähnt, von polnischer Seite die Stojalowski-Gruppe und durch diese vermittelst des einigenden Bandes des Antisemitismus die russophile Nuthenen-Fraction zu gewinnen. So ist es auch erklärlich, dass im gleichen Maße die polnische Volkspartei an Mandaten verlor, die Stojalowski-Gruppe aber Mandate gewann und nächst der polnischen Volkspartei die ruthenischen Radicalen am meisten Verluste erlitten, während die regierungs- und polenfreundliche Barwinski-Gruppe ihren Besitzstand behauptet. Discite moniti! Der Opposition der Schlachta wird alles nachträgliche Jammer:: über Wahlmissbräuche und Terrorismus der Schlachta nichts nützen, wohl aber muss sich die gesammte galizische Opposition klar werde::, und zwar ohne Unterschied der Fraction, dass sie in ihrer heutigen Beschaffenheit, in ihrer jetzigen Zerfahrenheit mit den derzeitigen nationalen, politischen und wirtschaftlichen Programme:: der einzelnen Fractionen und Gruppen nichts gegen die allmächtige Schlacht auszurichten vermag. Die Juden vor allem müsse:: in Galizien schleunigst an die Bildung einer national-socialen Volksorganisation schreiten und bereit sein, jenen Gruppen der Ruthmen und Polen die Hand zu reichen, welche für nationale, confessionelle und wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Bewohner Galiziers eintreten. Die Ruthenen müssen aber zu einer loyalen Auseinandersetzung die Hand reichen und sich darüber klar werden, dann möge es Iwan thun, daun mögen eure Gegner eure Posaunen blasen. * „Gesandte vom Volke" werden jetzt gesucht. Es ist Rosch-Haschanah bei den Juden, und in Böhmen, Galizien und Ungarn finden Wahlen statt. Werden Hinnnel und Erde sich begegnen, um voneinander etwas zu lernen? In beiden Fällen muss an das jüdische Gefühl appelliert we:'- den, an das jüdische Herz, wenn es noch warm ist und jüdisch schlägt. Ich denke an die alte Fabel vom Leviathan, den: König der Fiscke, der einst erkrankte und alle Fischürzte erklärten übereinstimmend: der Leviathan könne nur genesen, wenn er ein Fuchsherz verschlinge:: werde. Schnell begeben sich die Jäger ans Ufer, finden einen Fuchs und entführen ihn mit sich ins Meer. „Wohin und Wozu?" fragte das Füchslein. Und da entdecken ihn: die Jäger die Wahrheit: ibr König sei krank und er könne nur genesen, wenn er ein Fuchsherz verschlingen werde. „Warum habt ihr das nicht gleich gesagt?" rief der Fuchs, „daun hätte ich mein Herz mitgenouunen, ich habe es im Walde zurückgelassen." Und die dummen Fische kehrte:: mit ihn: in den Wald zurück. Wenn wir zu den Juden komme:: und ihnen sagen: Das Judenthuu: ist gefährlich krank, zu feiner Genesung bedarf es eines Herzens, eines jüdisch fühlenden Herzens, bekommen wir zur Antwort: „Ach ja, das Herz, das habe ich in meiner Casse zurückgelassen, oder bei meinen christlichen College::." Und da steht es wirklich schlecht mit uns, da haben wir weder von: Himmel noch von der Erde etwas zu erwarten. Juden! Vergejßne und zurückgelassene Herzen kann man noch zurückholen. Viel schlinuner ist es, wenn die Antwort lautet: Mein Herz habe ich verkauft für eine:: Orden, für einen Adelstitcl oder für einen Händedrrick einer großen 'Persönlichkeit. Verkaufte Herzen sind für immer verloren! dass sie zu ihren: nationalen Rechte und zur Ueberwindnng der polnischen Schlachta nur durch ein Bündnis mit den Juden gelangen können. Was endlich die polnische Volkspartei, die polnischen Socialdemokraten und die anderen polnischen Gegner der Schlachta betrifft, so haben sie zu wählen, entlveder von Niederlage zu Niederlage zu eilen oder aber durch ein auf Grundlage der nationalen Parität basierendes Progran::::, sich die zu einem Siege gegen die Schlachta unentbehrlichen Bundesgenossen in den Juden und Ruthenen zu erwerben. Freilich darf nicht unerwähnt bleiben, dass die polnische Demokratie ebenso wie die polnische Socialdemokratie, an demselben Uebel kranken:, an dem alle österreichischen Freisinnigen, Demokraten und Socialdemokraten sämmtlicher Nationalitäten leiden, an den: Mangel eines geeigneten social-fortschrittlichen Wirtschaftsprogrammes. Gerade in Galizien mit seiner vorwiegend ackerbautreibenden Bevölkerung zeigt sich die ganze Unbrauchbarkeit aller liberalen, demokratischen und socialdenwkratischcn Wirtschaftsprogramme manchesterlicher und marxistischer Observanz, mittelst welcher die Opposition nicht imstande ist, die Wirtfchaftlich unzufriedenen Massen der Schlachta zu entreißen, die vielmehr eine Beute des Antisemitismus iverden. Wem aber an: allerwenigsten die Fortdauer der ungesunden nationalen und socialen Zustände in Galizien erwünscht sein sollte, das ist das Ministerium K o e r b e r. Eine Regierung, welche eine wirtschaftliche Regeneration der österreichischen Gesanmckmonarchie und als davon unzertrennbar de:: inneren nationale:: und religiösen Frieden eHtrebt, der kann es nicht gleichgiltig bleiben, tvenn in Galizien die wirtschaftliche Noth in immer weitere Kreise dringt und parallel damit der Nationalitätenhader und Antisemitismus fortschreitet, geschürt durch de:: russischen Rubel und durch die Wirtschaft der polnischen Schlachta. Caveant consules, ne detrimenti res publica capiat. wie Eisenbahnminister Dr. v. Witte! Deputationen empfängt. Mit der Eröffnung der Donaucanallinie der Stadtlvurde auch die Trennung des Verkehrs von der Franz Josefs-Bahn verfügt, und diese Maßregel erschien plötzlich und ulworbereitet. Durch dieselbe erachteten sich die in dem Rayon des Franz Josefs-Bahnhofes situierten Kaufleute, Gewerbe- und Handelstreibenden geschädigt, weil die Frequer^ abgeschnitten und die Reisenden von den: genannte:: Bahnhofe abgelenkt worden sind. Die betreffenden Geschäftsleute beschlossen in ihrer Noth, sich an den Reichsrathsabgeordneten des 9. Bezirkes,-Herrn Dr. Weiskirchner, an den Herrn Vicebürgermeister Ströbach und an den Hern: Bezirksvorsteher Schwanza zu wenden mit der Bitte, dass der seit Eröffnung der Donaucanallinie aufgehobene Localverkehr auf den: Franz Josefs-Bahnhofe wenigstens heilweise durch Tour -nick» Retourzüge Wien—Tulln wieder eingeführt werde. In einer unter den: Vorsitze des Armenrathes Herrn Max Weiß im Saale des Hotel Franz Josefs-Bahn abgehaltenen, sehr zahlreich besuchten Versamnllung von Geschäftsleuten der Umgebung des genannte:: Bahnhofes erstattete nun die aus den Herren Glückstein, Brix, Schmidt und Ludl bestehende Deputation ihren Bericht über das Ergebnis des Besuches bei den betreffenden Herren. Herr Kaufmann Brix berichtet zunächst über die Haltung des Reichsrathsabgcordneten Dr. W e i s k i r ch:: e r. des Vicebürgermeifters Ströbach und des Bezirksvor- Juden! Bewahret eure Herzen für den Hinnnel und für die Erde. Dr. E. Sabnra. Aus dem Golus. (Aus den Erinnerungen eines Siebzigers.) I. Der Herr Justitiar. Die kalte Erde deckt ihn schon. Vater nannte ich ihn und danke ihm neben aller Liebe, die er mir gab, auch die kleine Falte jüdischen Wissens, die er an mir aufsuchte und pfllegte. Nicht mit Strenge und Predigten. Nein, mit Erzählungen aus seiner eigenen, bewegten und traurigen Jugend; dem Lehrschatze der Alten, mit dem sie das Kinderherz unmerklich füllen können, indem sie es gleichzeitig erquicken. Sein Vater war bürgerlicher Strumpfwirkermeister gewesen; das Prädicat hatte er als einziger Jude für eiserne Rechtlichkeit als Auszeichnung erhalten. Ein Titel ohne Mittel. Seinen kleinen Kram durfte er allein an Sonntagen außerhalb des winkeligen Ghettos, in der „Stadt", aufstellen. An Wochentagen wanderte der Sohn mit dem Ranzen auf dem Rücken auf die Dörfer hinaus, um am Freitage mit dem „Zwanziger-Sackl" heimzukehren. Sehr oft auch mit einem halbleeren; dann war am Schabbes die ,Bobe" sehr klein, und die zitternden Finger des alten Vaters kratzten die Tabakstäubchen in der Horndose zusammen, um bis zum Sonntag auszukommen. Denn geborgt wurde nicht, obzwar der alte .Notel" überall offenen Credit gehabt hätte, wegen des Chillul Haschern... Eine lange Woche war eben wieder vorüber. Der kräftige junge Mann hatte eben den Ranzen in die Ecke geworfen und sich an den Tisch gesetzt, um die „Losung" der wöchentlichen Arbeit auf den Tisch zu zählen, als der Mutter Stimme ihn aufhorchen machte.